Wir gingen am nächsten Morgen in aller Frühe nach dem böhmischen

Fabrikstädtchen Weipert. Herr Kindermann führte mich zu zwei alten

Junggesellen, den Brüdern Müller, die sich für politische Dinge

ungemein interessierten, sehr liberal dachten und mir ohne weiteres

ihre Gastfreundschaft bis zu dem Tage anboten, wo es mir möglich und

auch geraten sein würde, weiter zu ziehen. Ich nahm mit Freuden an.

Zunächst schrieb ich an meinen allezeit hilfsbereiten Oheim, um ihm

meine letzten Schicksale zu erzählen und ihn um die nötigen Subsidien

zur Weiterreise zu bitten. Nach einigen Tagen war das Gewünschte

eingetroffen und ich konnte nun daran denken, mein sicheres Asyl

zu verlassen. Sämtliche Fabrikanten des Städtchens Weipert waren

deutsch und liberal gesinnt, in ihrer Lesegesellschaft sah ich

sogar in Deutschland verbotene Lektüre offen aufgelegt. Ich durfte

trotz alledem nicht vergessen, daß ich mich in Österreich befand,

und um von dort weiterzukommen, bedurfte ich eines Passes. Zu einem

solchen verhalf mir wieder der brave Herr Kindermann. Er war mit dem

Bürgermeister des nahen sächsischen Ortes Jöhstadt befreundet und er

hoffte ihn zur Ausstellung eines Passes für mich bewegen zu können.

Diese Hoffnung war nicht unbegründet. Denn die städtischen Beamten

des damaligen Königreichs Sachsen hatten sich fast ausnahmslos an der

damaligen Bewegung zu Gunsten der Reichsverfassung beteiligt. Unter

den steckbrieflich Verfolgten befanden sich nicht weniger als 20

Bürgermeister und Stadtverordnete, die Zahl der Verhafteten derselben

Kategorie war fast gleich hoch. Der Herr Bürgermeister von Jöhstadt --

jetzt, nach Ablauf eines halben Jahrhunderts begehe ich damit keine

Indiskretion, die von mir näher bezeichneten Personen waren ja alle

beträchtlich älter als ich -- der Herr Bürgermeister also gestattete

seinem Schreiber, einem Verwandten von ihm, mir mit genauer Schilderung

meiner Physiognomie einen Paß auf den Namen Karl Fernau auszustellen,

verlangte aber auch, auf seine Pflicht gegenüber Weib und Kind

hinweisend, daß jener den Paß unterzeichne, was der auch leichten

Herzens ausführte. So brachte ich einen Paß nach Weipert zurück, auf

Grund dessen mir die Herren Müller einen Postschein nach Karlsbad

besorgten, auf welchem ich nach österreichischer Sitte sogleich in

den Adelstand erhoben wurde, denn er war für Herrn von Fernau gültig.

In Karlsbad hatte ich keinerlei Schwierigkeit, mir auf der Post für

die weitere Strecke nach Marienbad die Fahrt zu sichern. Von dort aus

gedachte ich am nächsten Morgen über Eger nach Nürnberg zu gelangen.

Doch es sollte anders kommen.

Während des Abendessens im Gasthof wurde von den Fremden von nichts

anderem als von den Nachrichten über den Dresdner Aufstand gesprochen,

und einer der Gäste las aus seiner Zeitung die Meldung aus Eger, daß

dort mehrere sächsische Flüchtlinge verhaftet worden seien. Ich that,

als hätte ich nichts gehört, unterhielt mich mit meiner korpulenten

Nachbarin über das herrliche Frühlingswetter und das satte Grün, das

rings um Marienbad das Auge erfreue. Sie stimmte ein, sie war ganz

glücklich über die Erfolge der Kur, die sie erst seit wenigen Tagen

begonnen, und nun habe sie schon sechs Pfund abgenommen. Ich wünschte

ihr Glück und ermunterte sie fortzufahren mit der so ersprießlich

angewendeten Kur. In einem Zimmer im Erdgeschoß, dem Kutscherzimmer,

hatte ich eine alte verräucherte Karte des Königreichs Böhmen an der

Wand gesehen. Mit Hilfe derselben suchte ich mich zu orientieren,

ob ich nicht Eger umgehen und auf anderem Wege nach Bayern gelangen

könnte. Es gab einen Weg, der von Marienbad nach Tirschenreut und von

dort nach Amberg und Nürnberg führte. Ein Kutscher, an den ich die

Frage richtete, ob er mich am andern Morgen nach Tirschenreut fahren

wollte, sagte sofort zu. Er forderte anderthalb Thaler, jedoch in

Silber, denn er bleibe nicht in Österreich, wo es nur Papiergeld gebe,

das oft schon in der nächsten Stadt nicht mehr angenommen werde. Auch

damit war ich einverstanden. Der Mangel an hartem Gelde, selbst an

Scheidemünze, war damals in Österreich so groß, daß jede Stadt für

den Kleinverkehr, der große stockte ja ganz, Papiergeld anfertigen

ließ, und so war ich in den Besitz eines auf geringes blaues Papier

gedruckten zwei Zoll großen Kassenscheines gelangt, auf dem die Worte

standen: „Für diesen Schein zahlt die Stadt Eger +einen+ Kreuzer.“

In Marienbad war dieser Schein nichts wert. Ich behielt ihn gern als

ein historisches Dokument, das mir aber in Straßburg, wo ich einige

Wochen später bei einem Banquier eine ganze Mulde voll österreichischer

Silberzwanziger sah, abgebettelt wurde, als ich das Kuriosum in einer

Gesellschaft zeigte.

Morgens um fünf Uhr fuhren wir von Marienbad ab. Es war ein furchtbarer

Knüppelweg, der durch den Böhmerwald führte. Als wir vor einem

Wirtshause unweit der Grenze anhielten, um dem geplagten Pferd etwas

Zeit zum Verschnaufen zu lassen, lag vor dem Eingang zum Hause die

Leiche des Wirts, der in der vergangenen Nacht von Räubern überfallen

und ermordet worden war. Der vernachlässigte Wald, die entsetzliche

Straße, die zerlumpten und hungernden Bewohner, die zu den wenigen

schlechten Hütten paßten, an denen wir vorüberfuhren, gaben kein

glänzendes Zeugnis von der Fürsorge, welche Fürst Metternich während

seiner Herrschaft über die Unterthanen Seiner kaiserlich-königlichen

Majestät entfaltet hatte. Auf der bayrischen Seite sah es dann etwas

besser aus, wenn auch nicht gerade glänzend.

Es mochte etwa zehn Uhr sein, als wir in Tirschenreut anlangten. Der

Gasthof, wie dies allgemein üblich ist, hatte seine Dienstenstube, auf

welche die Herrenstube folgte. Man geleitete mich in die letztere; ich

fragte nach dem Abgang der Post. Ich brauche mich nicht zu beeilen,

lautete die Antwort, vor der Mittagsstunde sei die Post jedenfalls

nicht zu erwarten. Ich bestellte mir ein Frühstück und regelte indessen

meine Schuld an den Kutscher. In diesem Augenblick ertappte ich mich

auf einem großen Leichtsinn, der mich in bittere Verlegenheit bringen

sollte. Seitdem ich Dresden verlassen, hatte ich keine Gelegenheit

gehabt, meine Börse zu ziehen. Mein Oheim hatte mir nach Weipert

preußische Kassenscheine geschickt. Diese benützte ich zum Zahlen der

Postkarten, zum Einkauf von Wäsche in Karlsbad, zur Berichtigung von

allerlei Ausgaben. Als ich nun aus meiner Börse einen harten Thaler

und zwei kleinere Geldstücke für meinen Kutscher nahm, bemerkte ich zu

meinem schlecht verhehlten Schrecken, daß dieses Geld aschgrau aussah,

daß es Blei ähnlich war. Der redliche Kutscher nahm mein Geld dankbar

an und sagte nichts. Da in Dresden schließlich Munitionsmangel eintrat

-- die Patronen wurden im Rathause von gefangenen Soldaten für uns

angefertigt, am Ende mit Kanonenpulver, weil wir zuletzt kein anderes

hatten -- so behielt ich immer einige Patronen in der Tasche, um alle

mir von einzelnen Aufständischen ausgesprochenen Reklamationen und

Befürchtungen damit zum Schweigen bringen zu können.

Nach einer Stunde, als der Kutscher weiter fahren und mit dem

Zehnsilbergroschenstück seine Rechnung bei dem Wirt zahlen wollte,

mochte dieser wohl ein bedenkliches Gesicht gemacht haben; denn ich

hörte durch die kaum angelehnte Thür meines Zimmers, wie der Kutscher

zu ihm sagte, er habe noch zwei solch bleigraue Geldstücke. Und nun

hörte ich den Wirt klimpern und klimpern. Er wolle beim Nachbar fragen,

sagte er endlich, ob das Geld wohl echt sei. Nach einer kleinen Weile

kam er mit dem Bescheid zurück, der Nachbar kenne sich in den Dingen

nicht aus, er wisse es nicht.

In diesem Augenblick hielt ich meine persönliche Intervention für

geboten. Ich trat zu den beiden Männern und sagte in möglichst

gleichgültigem Ton zu dem sehr ernst gewordenen Wirt, er wisse ja aus

den Zeitungen, daß in Dresden ein Volksaufstand ausgebrochen sei.

Man habe vorige Woche überall die Kommunalgarde nach der Hauptstadt

einberufen und sie auch mit Patronen versehen. Da sei mir eine in

der Tasche ausgelaufen, und von dem Pulver sei das Silber so grau

gefärbt worden. Er solle das Geld nur mit Seife abwaschen und er

werde es wieder blitzblank sehen. Es sei uns im Moment des Abmarsches

Gegenbefehl zugekommen, ich habe sofort eine Geschäftsreise antreten

müssen und nicht daran gedacht, selber das Geld abzuwaschen.

Der Wirt maß mich von Kopf bis zu Fuß mit seinen immer ernster

werdenden Blicken. Er begab sich indes an das kupferne Waschgefäß in

der Ecke der Wirtsstube; er reinigte das Geld, es erwies sich als

echt, er machte sich bezahlt, wünschte dem Kutscher glückliche Reise,

mir gegenüber jedoch blieb er stumm. Ich wollte ihn auf die Probe

stellen und bestellte ein Mittagessen. Er nickte zustimmend. Darauf

bat ich ihn, mich nach Nürnberg einzuschreiben. Der Wirt war zugleich

Postmeister. „Haben Sie einen Paß?“ fragte er mich. Ich zeigte ihm das

verlangte Dokument. „Ihr Paß ist nicht visiert,“ sagte er. „Sie haben

Zeit“, fuhr er nach einer unheimlichen Pause fort, „Sie können ihn hier

auf der Polizei visieren lassen, dort auf dem Schloß“ -- und er wies

auf ein altertümliches Gebäude -- „dann können Sie Ihren Postschein

haben.“

Mit einem falschen Paß selber auf die Polizei gehen? Das Abenteuer

schien mir seltsam, es hatte jedenfalls eine sehr unerfreuliche

Seite. Ich sah jedoch ein, daß mir hier keine Wahl blieb, ich mußte es

bestehen. Nach wenigen Minuten war ich im Schloß. Als ein höflicher

Mann klopfte ich an die Thür der „Fremdenpolizei“. Eine helle Stimme

rief herein, und ich stand vor zwei oder drei Knaben, die sich hier

auf den fruchtbaren Beruf des Schreibers vorbereiteten. Der älteste

der Herren Jungens hörte gnädigst meinen Wunsch auf Erteilung des

Visums nach Nürnberg an, entfaltete meinen Paß in möglichst langsamem

Tempo, betrachtete mich und mein Dokument, bewegte sich von seinem

vergitterten Platz aus einem anderen Zimmer zu, öffnete die Thür

und verschwand hinter derselben. Ich war nun allein den anderen

jugendlichen Schreibern gegenüber. Sie musterten mich eine ganze Weile.

Ich war ihnen nicht interessant. Der eine begann wieder an seinen

Buchstaben zu malen, der andere bemühte sich, eine Fliege zu fangen,

die ihm über das Papier schlich. Das erweckte plötzlich den Gedanken

in mir, daß ich in seinem Treiben etwas Analoges mit dem mir drohenden

Schicksal zu erblicken hätte. Wer weiß, ob ich nicht ausersehen war, im

nächsten Augenblick die Rolle der Fliege zu spielen. Warum blieb der

Andere so lange mit meinem Paß aus? Es stellte sich etwas Herzklopfen

bei mir ein. Wäre es nicht geratener, ihm den Paß zu lassen und das

Weite zu suchen? Doch wohin in einem Ort, wo ich weder Weg noch Steg

kannte? In diesem Augenblick öffnete sich die Thür des Nebenzimmers

und ein alter Beamter, die Brille auf der Nase, erschien in derselben.

Er betrachtete das Signalement des Passes und betrachtete mich. Die

Operation schien mir über die Maßen lange zu dauern. Die Prüfung

war endlich beendet. Er winkte dem Jungen zu. Es hatte also alles

gestimmt. Der Alte verschwand wieder hinter der Thür. Der Junge schlich

langsam an einen kleinen Tisch, drückte einen Stempel auf meinen Paß,

überreichte ihn mir. „Drei Kreuzer.“ „Hier.“ Er nahm das Geld, ich den

Paß. Ich war erlöst.

In Nürnberg ging ich nach dieser Erfahrung in ein Hotel ersten Ranges,

wo ich den Portier zum Visieren des Passes auf die Polizei schicken

konnte, und er brachte ihn visiert zurück. Jetzt dürfen wir ohne Paß

reisen, auch eine Errungenschaft des Jahres 1848.

Was mir nun noch auf deutschem Boden begegnete, bis ich das Exil in

der Schweiz erreichte, deren Bürger ich geworden bin, steht mit den

öffentlichen Angelegenheiten in zu entfernter Beziehung, als daß ich

das Recht hätte, es zu erzählen. Ich gehe deshalb zur Schilderung

meiner ersten Flüchtlingsjahre über, die nicht ganz ohne politisches

Interesse sind.

[Illustration]

[Illustration]

XXIII.

Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz.

1.

Ich hatte das erste Flüchtlingsjahr in Bern verlebt, wo ich den Neid

einiger Schicksalsgenossen erregte, weil ich sofort Beschäftigung

fand, und zwar im Journalismus. Dann siedelte ich nach Murten über,

wo ich mich in öffentlicher Steigerung in den Besitz einer kleinen

Buchdruckerei gesetzt hatte. Damals war ich von meinem natürlichen Hang

zu stiller Frohseligkeit noch stark beherrscht und das über die Maßen

ruhige und dabei so sonnige Städtchen am See mit seinen kriegerischen

Erinnerungen stimmte vortrefflich zu meinem inneren Menschen. Von

der Vergangenheit mit Behagen zu plaudern, die Gegenwart nehmen, wie

sie sich gab, und die Zukunft ohne Aufregung an mich herankommen zu

lassen -- das behagte mir; so resigniert war ich durch die Ereignisse

geworden, an denen ich einen für mein jugendliches Alter wohl

auffälligen, im Grunde aber bescheidenen Anteil gehabt.

Ich erinnere mich einer Versammlung deutscher Flüchtlinge, die im

Herbst 1849 im „Maulbeerbaum“ zu Bern stattgefunden: Da erhob sich ein

alternder Mann, der es nicht vergessen konnte, daß er im tollen Jahr in

gar kleinem Kreise eine große Rolle gespielt hatte und sich deshalb in

seine neue passive Lage durchaus nicht zu finden vermochte. Er hatte

sich unter uns, nach dem von den „Fliegenden Blättern“ oft wiederholten

Bilde den Beinamen „der Wühlhuber“ erworben. „Meine Herren,“ so begann

er mit schmetternder Stimme, „Ihr Gedächtnis hat die Rede treu bewahrt,

die ich vor nun bald einem Jahr in der großen Volksversammlung zu

Schweinfurt gehalten...“

-- Ein schallendes Gelächter unterbrach ihn hier, denn nicht ein

einziger der Anwesenden war jemals in Schweinfurt gewesen. Er aber

unterhielt uns noch eine halbe Stunde von seinen berühmten Thaten und

seinen großen Hoffnungen auf die kommenden Tage, welche Deutschland die

Freiheit und Einheit, der Welt das Glück der Verbrüderung aller Völker

bringen sollten. Lebhafter, ironischer, aber auch ernst gemeinter

Beifall lohnte dem Redner, und das leuchtende Zukunftsbild, das er

entworfen, wurde von manchen, die nach ihm das Wort ergriffen, mit

kräftigen Farben weiter ausgeführt. Es kam Stimmung in die Versammlung.

Nun aber erhob sich der Jüngste unter all den Leuten und goß grausam

eiskaltes Wasser über das glühende Pathos, das immer mehr Herzen zu

ergreifen drohte. Er ermahnte seine Schicksalsgenossen, die herbe

Thatsache nicht außer Augen zu lassen, daß sie auf dem Boden des Exils

sich befänden, und daß sie vor allem der Aufgabe zu gedenken hätten,

sich auf diesem fremden Boden eine feste Stellung zu erwerben; er

führte ihnen zu Gemüte, daß sie besser daran thäten, ihre politischen

Hoffnungen auf eine ganze Weile in stiller Brust zu bergen und sie

für spätere Tage warm zu halten. Im Augenblick, sagte er, sei für

Europa eine Zeit der schwersten Reaktion im Anzuge. Gegen diese jetzt

im Saal zum „Maulbeerbaum“ eine ohnmächtige Faust zu ballen, das sei

einer leeren Prahlerei gar zu ähnlich und eines Mannes nicht würdig.

Wilde Hufe zertreten jetzt den Samen, den wir daheim ausgestreut; er

wird trotzdem aufgehen, wenn die rechte Zeit gekommen ist. Den Beginn

jener besseren Zeit werden wir im Exil mit unseren pathetischen Reden

nicht um eine Stunde beschleunigen. Daß sie jedoch nicht allzulange

ausbleibe, dafür werden die eben zur Herrschaft gelangten Gewalten

durch ihren Rachedurst und ihre Maßlosigkeiten zur Genüge sorgen. Es

ist nicht ganz leicht, nach erloschenem leidenschaftlichen Kampfe

plötzlich zu nüchterner Tagesarbeit überzugehen, die verlassenen Bücher

wieder hervorzuholen, wieder zu feilen oder zu hobeln; aber man kann

sich ja eins dabei singen oder pfeifen, wie der Gesell in der Werkstatt

oder der Ackersmann hinter dem Pfluge; man braucht seine ideellen Ziele

deshalb nicht aufzugeben.

So etwa sprach der Jüngste in jener Gesellschaft. Und dieser Jüngste

war ich. Es hat mich selber und die Meinen allezeit verwundert, daß ich

für andere so nüchtern und praktisch zu denken verstand, dazu aber in

keiner Weise mich fähig zeigte, wenn es sich um mein eigenes Wohl und

Wehe handelte. Eine gewisse, auf das Allgemeine gerichtete Träumerei

stellte im Alltagsleben dem unausgebildeten Geschäftssinn stets ein

Bein und brachte ihn regelmäßig zu Falle. Das hing mit meinem ganzen

Entwicklungsgang zusammen, ich hatte mein inneres Auge früh an allerlei

ideale Zukunftsbilder gewöhnt, ich sah im Geiste eine beglückte,

schönere Menschheit und kannte doch die wirklichen Menschen so wenig,

daß jeder Narr mich hintergehen konnte, der leerste Kopf mir in allen

praktischen Dingen weit überlegen war.

Das merkten die guten Leute in der kleinen Stadt Murten, in deren Mitte

ich mich nun niedergelassen hatte, sehr bald. Ich war so grenzenlos

unerfahren, und hatte doch schon so vieles erlebt. Ich war freilich

etwas, das fühlte man in meinem Umgang; aber man fühlte auch das

Unausgeglichene, das Unfertige. Man fand nicht gleich den Schlüssel

zu den Gegensätzen in meiner Natur, behandelte mich trotz alledem

aber mit großer Freundlichkeit und Güte. Ich lernte auch die Menschen

und die Dinge um mich her von Tag zu Tag besser kennen, gewann allem

die schönste Seite ab, akklimatisierte mich nach und nach, aber doch

nicht in dem Grade, daß man mich jemals für einen echten Murtenbieter

hätte halten können. Andere, sehr ehrenwerte Deutsche, von denen ich

im Verlauf dieses Kapitels sprechen werde, waren viel rascher und

viel inniger mit der eingeborenen Bevölkerung, gleichsam wie die

mannigfaltigen Bestandteile der Nagelfluh, zu einem Ganzen verwachsen,

wenn man auch wohl auf den ersten Blick erkannte, daß sie aus weiter

Ferne in das alpine Geröll und Geschiebe geraten waren, das nach und

nach zu dem härtesten Gestein zusammengebacken war.

Es war von vornherein kein kluger Gedanke von mir gewesen, in einem so

kleinen Landstädtchen -- Murten zählte damals kaum 2000 Einwohner --

eine Buchdruckerei zu übernehmen; es war ja durchaus keine Aussicht,

daß ich mir dabei eine einkömmliche, behagliche Stellung erwerben

könnte. Die Hauptbeschäftigung für meine einzige Handpresse war der

Druck eines zwei- oder dreimal wöchentlich erscheinenden Blattes, das

in der ersten Zeit zweisprachig, deutsch und französisch erschien, bis

es zuletzt sich mit dem ehrlichen Deutsch begnügte. An der Redaktion

dieses Blattes, „Das Echo vom Moléson,“ war ich mit keiner Zeile

beteiligt. Mit dem Herausgeber, einem jungen Advokaten, einem Streber

niederster Sorte, war ich durch den ehemaligen preußischen Abgeordneten

d’Ester in Bern bekannt geworden. Der Gründer und Eigentümer

des auf das Emporkommen einiger jüngerer Politiker berechneten

Blattes sorgte für das Manuskript, in welchem fast ausschließlich

freiburgische Parteifragen behandelt wurden, ich druckte und bezog die

Abonnementsgelder, die jedoch niemals die Kosten deckten. Ich brauche

wohl nicht zu versichern, daß ich dabei keine Seide spinnen konnte.

Ich suchte und fand noch andere Arbeit.

Zwei Lehrer in der Kantonshauptstadt waren auf den Gedanken gekommen,

Eugen Sues ~Mystères du peuple~ ins Deutsche zu übersetzen, bei

mir drucken zu lassen und durch Kolporteurs in der ganzen Schweiz zu

verbreiten. Ich half mit an der Übersetzung, ich stand mit den braven

Leuten auf freundschaftlichem Fuße. Ich habe sie noch heute in bester

Erinnerung. Von dem Herausgeber des „Echo vom Moléson“ kann ich das

leider nicht sagen.

Man möchte es als eine üble Laune, einen schlechten Witz oder gar

als eine Bosheit in der geschichtlichen Entwicklung betrachten, daß

das protestantische, deutsch redende Murten und der Seekreis, dessen

Hauptort die alte Veste bildet, zu dem katholischen, französisch

sprechenden Kanton Freiburg gekommen sind. Gewiß, man spricht auch

französisch in Murten, so etwas wie das ~français fédéral~, mit

einem ausgeprägten, lokalen Accent; aber die ganze Ortschaft, eine

breite Straße, mit den gewölbten Lauben und den großen Brunnen in der

Mitte, mit zwei parallelen Nebengassen, ist ihrer äußern Gestaltung und

dem Charakter ihrer Bewohner nach eine deutsch-schweizerische, genau

betrachtet, eine bernische Stadt. Speziell für die republikanische,

sprachlich und konfessionell gemischte Bevölkerung der Schweiz,

verfolgt die Geschichte vielleicht in dem Durcheinanderwürfeln

verschiedener Elemente, wie es an dem Gelände des Murtner Sees sich

vollzogen hat, einen pädagogischen Zweck. Vertragt Euch! heißt es hier

an der Sprachgrenze, und angesichts der Aufgabe, ein unsympathisches

Regiment hinnehmen zu müssen. Man verträgt sich in der That -- bis zu

einem gewissen Grade.

Als ich nach Murten kam, war noch viel von einem Putschversuch die

Rede, der vor dem Ausbruch des Sonderbundskrieges daselbst gegen die

Jesuitenherrschaft in Freiburg in Szene gesetzt worden war. Wie zwei

andere gegen Luzern damals unternommene Putsche, war auch dieser

gescheitert. Die Sprengung des Sonderbundes durch die eidgenössischen

Waffen hatte bald darauf die freiheitliebenden Murtner an ihren

Bedrängern gerächt, und in Freiburg herrschte eine fortschrittliche,

radikale Regierung, die sich kraft der neuen Verfassung den Besitz

ihrer Macht auf zehn Jahre gesichert hatte.

In Murten war man der politischen Gesinnung nach radikal. Nach oben hin

freilich -- denn es gab auch dort ein oben und ein unten -- blaßte die

Farbe der Partei merklich ab. Sowenig wie sie es in den Republiken

des Altertums gewesen, ist in denen der Neuzeit die Gleichheit die

Schwester der Freiheit. In dieser kleinen Stadt existierten, wenn

auch nicht eigentlich Standesunterschiede, so doch gesellschaftliche

Stufen, die von den Frauen sehr gewissenhaft, von den Männern, die

das öffentliche Leben notwendig zusammenführte, weniger streng, aber

immerhin in gewissem Grade innegehalten wurden. So ist es überall

in der Schweiz und so wird es zweifelsohne bleiben, solange nicht

alle Traditionen ausgelöscht, alle Unterschiede des Besitzes, der

Bildung, des Ursprungs verwischt sind. Dagegen zu predigen oder

gar zu poltern, ist zwecklos. Die Geschichte selbst sorgt dafür,

daß die alten Geschlechter sich ausleben und durch jüngere ersetzt

werden. Ich habe dieses historische Gesetz sogar in unserem kleinen

Städtchen beobachten können. In dem Kampfe um die äußere Stellung

zerbröckelten nach und nach die Felsgesteine altangesehener Familien,

junge Alluvialgebilde sammelten sich auf den Trümmern an, und sie

werden bald die Schicht in Vergessenheit gebracht haben, auf welcher

sie sich jetzt stolz und sicher erheben. Damals, als ich in diese

für mich fremde Welt trat, gab es noch -- man lächle nicht! -- eine

~haute volée~ in dem Städtchen. Es gehörten zu ihr eine Anzahl

der liebenswürdigsten Familien, die, vor der gemeinen Lebenssorge

behütet, einer idealen Geistesrichtung sich hingeben durften, Männer,

die auch teilweise akademische Bildung genossen hatten und gern durch

Festhalten an akademischen Jugendeindrücken vor dem Untergang im Sumpf

des Philisteriums sich schützten.

Es ist etwas Schönes um eine Stadt -- und sei sie noch so klein -- mit

reichen historischen Erinnerungen. Stolz auf das immaterielle Erbe

vergangener Geschlechter, wird sie stets etwas auf sich halten und

jenes Erbe niemals verkommen lassen. Brauche ich zu sagen, daß die

hohen, mit starken Türmen ausgestatteten Mauern mich mächtig anzogen,

daß ich ihnen sogleich meine Huldigung durch einen Rundgang auf den

Zinnen darbrachte, daß ich die in patriotischem Selbstbewußtsein von

den Behörden gesammelten und mit religiöser Sorgfalt bewahrten Trophäen

aus der Murtenschlacht häufig betrachtete und dabei wahrnahm, wie

das ~Noblesse oblige~ in die Seele der Bewohner des Ortes tief

eingegraben war. Überall wurde man durch die als selbstverständlich

sich äußernde Absicht erfreut, das Ererbte nicht bloß zu erhalten

und die historischen Sammlungen zu mehren, sondern auch im Anschluß

an die großen Strömungen der Zeit für die kommenden Geschlechter

zu sorgen. Vor dem Bernerthor, auf geräumigem Platze gegenüber der

von den Belagerungsgeschossen Karls des Kühnen hart mitgenommenen

Stadtmauer erhebt sich ein prunkloses, doch in seinen einfachen,

harmonischen Linien jedes Auge erfreuendes Schulhaus. Darin befindet

sich auch die Stadtbibliothek, für die Einwohnerschaft des kleinen

Ortes ein wahrer Segen. Sie wird durch einen jährlichen, von der

Stadtkasse gelieferten Beitrag erhalten und vermehrt. Neben einer

beträchtlichen Anzahl historischer Werke älterer und neuester Zeit

in deutscher und französischer Sprache und den klassischen Dichtern

beider Nationen enthält sie in passender Auswahl das Wertvollste

aus der populärwissenschaftlichen und schönen Litteratur unseres

Jahrhunderts und, da sie jedem Einwohner zugänglich ist, dient sie in

erheblichem Maße zur Erfrischung und Ernährung eines auf höhere Ziele

gerichteten öffentlichen Geistes. Auch für die Pflege besserer Musik

war durch einen gemischten Chor gesorgt, der mit Unterstützung eines

kleinen Orchesters im Winter konzertierte, im ersten Jahre meiner

Anwesenheit in Murten auch für das große Musikfest in Bern, an dem man

sich beteiligte, Händels „Messias“ einstudierte. Das ist gewiß sehr

ehrenvoll für ein so kleines Städtchen.

Erinnerungen eines Achtundvierzigers · 第 12 / 14 段