Der große Rathaussaal wurde zu allen künstlerischen Produktionen

hergegeben. Da wurden auch Theater gespielt, von einheimischen Kräften,

aber auch von den Repräsentanten einer höheren dramatischen Kunst. Herr

Direktor Schmitz mit seiner kinderreichen Gattin und einer auserlesenen

Truppe besuchte uns häufig. Die blonde Frau Direktor, trotz ihres

großen Familiensegens noch immer die jugendliche Liebhaberin, spielte

die Luise in „Kabale und Liebe,“ und Herr Heuser, der wegen Teilnahme

am badischen Aufstand seine Stellung am Karlsruher Theater hatte

aufgeben müssen, gab den Ferdinand. Man war tief erschüttert, und das

alte Stadthaus zitterte bis in seine Grundmauern von dem dröhnenden

Beifall des Publikums, das mit nassen Schnupftüchern den Heimweg antrat.

An Unterhaltung an den langen Winterabenden fehlte es uns also

nicht. Wenn ich an Murten denke, steht es jedoch nicht anders als

in sommerlichem Glanze vor mir. In den Straßen, es ist Mittagszeit,

ist es sehr still. Vor dem Gasthof zum weißen Kreuz steht einsam ein

Frachtwagen -- die Eisenbahn hatte damals das idyllische Seegelände

noch nicht durchschnitten -- der Fuhrmann sitzt drinnen bei der

dampfenden Suppenschüssel, die Pferde sättigen sich aus der vor

ihnen aufgestellten Krippe und wehren sich die Fliegen ab mit ihren

Schweifen; das ist die einzige unruhige Bewegung weitum. Gegen Abend

fanden sich die verwandten Seelen zusammen, im See beim Baden, beim

Glase Bier oder auf einem Spaziergang nach einem der reizenden kleinen

Orte am See, nach Pfauen, nach Avenches oder Wifflisburg, dem Aventicum

der Römer, am liebsten nach Münchenwyler, dem auf weitausschauendem

Hügel an Stelle eines ehemaligen Klosters in prächtigem Garten sich

erhebenden Schlosse der Familie Graffenried, und der die weite

Landschaft beherrschenden sagenumwobenen gewaltigen Linde, die gleich

einer Kathedrale ihren Ehrfurcht gebietenden Bau stolz zum Himmel

erhob. Vor mehreren Jahren hat ein Sturmwind endlich auch diesen

Giganten gestürzt, es war in der Woche, als der erste Kanzler des

neuen deutschen Reiches des Amtes enthoben, von seiner Höhe grollend

herniederstieg. Die ganze Landschaft hat seit dem Untergang jener Linde

eines ihrer weitest bekannten Wahrzeichen verloren.

[Illustration]

XXIV.

Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz.

2.

Man arbeitete, aber man ging auch gern dem Vergnügen nach. Nicht daß

aller Welt das Leben wonniglich blühte. Einen wirklich reichen Mann gab

es nicht in der Stadt, sondern nur mäßige Wohlhabenheit in einer Anzahl

Familien. Die „herrschenden Geschlechter“, wenn dieser Ausdruck damals

noch gerechtfertigt war, brauchten mit wenigen Ausnahmen die mancherlei

bescheidenen Besoldungen aus ihren vielfachen Ämtern und Ämtlein zur

Erhöhung ihres Einkommens und zur Wahrung einer gewissen Präponderanz

in ihrer Stellung nach außen hin. Weit und breit keine Industrie,

kein beträchtlicher Handel; bei den Krämern und Handwerkern der Stadt

versorgte sich die Bauersame rings umher, und so erhielten sich auch

lebhafte Beziehungen zwischen Stadt und Land und ein reger Verkehr

durch den gegenseitigen Austausch der Waaren.

Ein Vergnügen ganz eigner Art waren unsere kriegerischen Übungen als

Glieder der ~Garde civique~. Nichts verpflichtete mich, als einen

Fremden, das soldatische Gewand anzulegen und einen Stutzen über die

Schulter zu nehmen, um, ganz gegen meine revolutionäre Vergangenheit,

die „heilige Obrigkeit, die Familie und das Eigentum“ vor gewaltsamem

Umsturz zu beschützen. Aber die ganze männliche Bevölkerung der Stadt

gehörte der ~Garde civique~ an, man betrachtete es als eine

Ehrenpflicht der liberalen Bürgerschaft, die aus dem Sonderbundskrieg

hervorgegangene neue Ordnung zu unterstützen und vor der Wiederkehr

der Jesuitenherrschaft zu behüten. Alle meine Freunde machten mit. So

erklärte ich mich auf geschehene Anfrage ebenfalls bereit, und Herr

Sturmfels, der Feldwebel sandte mir den Uniformrock, den Stutzen mußte

ich mir selbst anschaffen. Es war der erste der neuen Ordnung für

Spitzkugeln, mit Handhabe am eisernen Ladstock. Ich war sehr stolz auf

meine Waffe. Sie gehört mit samt ihrem damals neuesten Mechanismus

schon längst zum alten Eisen. Die Toten und die modernen Schießgewehre

reiten schnell.

Unser streitbares Korps bestand aus einer starken Schützenkompagnie

und etwas Artillerie. Unter den Offizieren der letzteren sehe ich

noch unsern kernfesten Dr. Huber, einen vortrefflichen, allgemein

beliebten und geachteten Arzt. Unteroffizier war Herr Weger, für mich

eine der interessantesten Persönlichkeiten, denen ich in der Schweiz

begegnet bin. Er war aus Bayern auf der Wanderschaft nach Murten

gekommen, hatte dort als Buchbindergeselle gearbeitet, nach dem Tode

seines Meisters die Witwe desselben geheiratet und wurde nach und

nach, weil man in ihm den tüchtigen Menschen erkannt hatte, kraft

seiner natürlichen Bescheidenheit, seines liebenswürdigen Charakters

und seiner sich niemand aufdrängenden starken Intelligenz eines der

geschätztesten Triebräder im öffentlichen Gemeinwesen. Lange Jahre

mit richterlichen Funktionen betraut, hatte er als Autodidakt und auf

dem Wege der Praxis zum Juristen sich ausgebildet; er wurde endlich

Gerichtspräsident, und genoß in seinem schwierigen Amte und bei einer

gemischten zweisprachigen Bevölkerung das allgemeine Vertrauen, wie es

größer nicht einem Wahrer des Rechts zu Teil wird, der in seiner Jugend

bei den ersten Pandektisten seine Studien gemacht hat.

Unter den Schützen, zu denen ich gehörte, sehe ich, seine Kameraden

fast um Haupteslänge überragend, den stets zu allem guten Thun

herrlich angelegten Rektor der Stadtschule, meinen alten Freund, den

~Dr.~ Brunnemann. Er war gleichzeitig mit mir als Flüchtling in

die Schweiz gekommen und in Freiburg unter vielen Bewerbern zum Leiter

der Jugenderziehung in Murten gewählt worden. Ein gut geschulter

preußischer Gymnasiallehrer, hatte er seinem Examinator in Freiburg,

einem alten Kanonikus, der sein Latein längst vergessen hatte, durch

sein Verständnis des Horaz sehr imponiert. Wir legten weniger Wert auf

sein Latein, als auf seinen liebenswürdigen Charakter, seine heitere

Laune, seine anregende Gesellschaft, seine Gradheit und Herzlichkeit.

Brunnemann war ein geborener Berliner, Sohn eines Geistlichen; er war

in Stettin noch nicht lange im Amte, als ihn der Strom der Revolution

in seine Wogen zog. Wir nahmen das Mittagsmahl an gemeinsamem Tisch. Da

er einige Jahre älter war als ich und es wirklich gut mit mir meinte,

folgte ich gerne seinem Rat, namentlich in ästhetischen Dingen, denn --

ich bitte, nicht allzu sehr zu erschrecken! -- ich hatte von Bern den

ersten Akt eines Trauerspiels „Marcel“, mitgebracht, und ich war damit

beschäftigt, es seiner Vollendung entgegenzuführen.

Der Stoff zu meinem historischen Trauerspiel war glücklich gewählt,

und diese Wahl erklärt sich leicht aus den politischen Ereignissen,

die ich eben selbst erlebt hatte. Während der blutigen Wirren,

welche Frankreich in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts infolge

der bei Poitiers von den Engländern erlittenen Niederlage und der

Gefangennahme des Königs Johann heimsuchten, hatte das Haupt der

Pariser Bürgerschaft, Etienne Marcel, eine Rolle gespielt, die an

das Auftreten eines Cromwell dreihundert Jahre später erinnert, und

in Frankreich vierhundert Jahre später von den Häuptern der großen

französischen Revolution erneuert wurde. Die Jacquerie, welche in

dieselbe Zeit hineinfiel, gab dem inhaltreichen Stoff einen sehr

bewegten Hintergrund. Dramatische Anregungen hatte ich schon als Knabe

genug erhalten durch Herrn von Sommerfeld, den Herausgeber der Berliner

Theaterzeitung, der, wie schon erzählt, den sechzehnjährigen Burschen

nicht selten an seiner Statt ins Schauspielhaus geschickt hatte, um

die Mühe des Schreibens einer Rezension von sich auf ihn abzuwälzen.

Das Jahr 1848 und das Frühjahr des Jahres 1849 und was ich dabei

erfahren, belebten die frühe Absicht, mich auf dramatischem Gebiet zu

versuchen, und so entstand mein Marcel. Die Diktion ist noch ungelenk

genug, durch das ganze Stück jedoch pulsiert ein frisches, jugendliches

Blut, es ist vom Feuer des jungen Knappen durchglüht, der in der ersten

Schlacht sich die Sporen verdienen will, und so kam es, daß „Marcel“

bei seiner ersten Aufführung in Bern, und zwei Jahre später in Zürich

eine beifällige Aufnahme fand, die den jungen Dramatiker zu weiteren

Bühnenstücken ermutigten, über die er jetzt sehr kühl und nüchtern

denkt.

Die erste Aufführung des „Marcel“ beraubte mich der Teilnahme

an einer für den Kanton Freiburg interessanten, ebenfalls

historisch-dramatischen Handlung. Während ich nämlich dem Schicksal

meines Helden auf den Brettern des Berner Theaters beiwohnte, hatte

Carrard, ein Parteigänger des gestürzten Jesuitenregiments, einen

Putsch in Freiburg versucht, war jedoch mit seinen Bauern an der

Überwältigung der liberalen Regierung gehindert und in die Flucht

geschlagen worden. Es war freilich schon alles vorbei, als das Korps

der ~Garde civique de Morat~ stolz in der Hauptstadt einrückte.

Carrard aber war nicht ganz entmutigt, er wiederholte mehrere Monate

später den Versuch eines Handstreichs und verlor dabei das Leben. Wer

weiß, ob nicht ein Jesuitenzögling kommender Jahrhunderte den Tod

dieses Helden dramatisch verherrlicht, wie ich den Tod „Marcels“, des

Pariser Rebellen? Die Murtener ~Garde civique~ kam auch diesesmal

erst nach dem Ereignis nach Freiburg. Wir hatten keine Gelegenheit,

von unserer Tapferkeit Zeugnis abzulegen. Als wir nach drei Tagen uns

wieder auf den Heimweg begaben, ließ uns unser Hauptmann auf eine

Wiese, rechts von der Straße, abschwenken, und dort in die geduldige

Mutter Erde unsere Gewehre entladen.

Es war uns die Ehre zu Teil geworden, die Kantonshauptstadt vor

etwaigen erneuten revolutionären Angriffen zu schirmen und diese Ehre

teilten wir mit den Bürgerwehren verschiedener anderer Ortschaften,

die auf höheren Befehl herangezogen wurden. So hatte ich die Freude,

an der Spitze des Kontingents von ~Chatel St. Denis~ meinen

Freund, ~Dr.~ d’Ester, als Chef ~de la fanfare~ zu erblicken.

Dem ehemaligen Mitglied der äußersten Linken in der preußischen

Nationalversammlung hatte es ein besonderes Vergnügen gemacht, in

seinen Mußestunden einige junge Dörfler zu einem Trompeterkorps

auszubilden, und es war ihm nach redlicher Anstrengung gelungen,

ihnen die Marschmelodie des damals so beliebten, entsetzlichen Liedes

„~Zin, zin, rataplan! Vivent les rouges, à bas les blancs!~“

beizubringen, sodaß sie es ziemlich erträglich in den Straßen der

erstaunten Stadt ertönen ließen. Wir hatten bei unserem nicht allzu

strengen Dienst viele heitere Stunden. Ich erinnere mich einer Nacht,

wo wir, etwas mehr als ein Dutzend, in einem feuchten Wachtlokal

eingepfercht waren, das, von einem schmierigen Öllämpchen karg

beleuchtet, von den unedelsten Gerüchen erfüllt war, welche in einem

seit Monaten ungelüfteten Raum eine von dickem Tabaksqualm und den

Hochgenüssen aus der nächsten Fuhrmannskneipe verpestete Atmosphäre

nur zu erzeugen vermochte. Da plötzlich bemerkte man, daß wir einen

Wehrmann weniger zählten. Der Syndic, d. h. Gemeindeammann eines

welschen Dorfes aus der Nachbarschaft von Murten, war verschwunden.

Der Mann stand schon in reifen Jahren, er war nicht, wie viele von

uns, Krieger aus Neigung, sondern aus Pflicht und Schuldigkeit, wie

das Gesetz der neuen Regierung es den Beamten vorschrieb. Es war ihm

sicherlich an der Erhaltung der radikalen Regierung blutwenig gelegen;

der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, marschierte er in unseren

Reihen und bei der damaligen engen Marschordnung passierte es ihm

sehr häufig, daß er seinem Vordermann auf die Ferse trat, was seine

Beliebtheit im Korps nicht eben verstärkte.

„Wo ist der Syndic von Courlemont hingekommen?“ fragte man mit

Besorgnis. Man suchte ihn an allen Orten, wo ein Mann unter den

gegebenen Verhältnissen in tiefer Nacht zu suchen war. Verschwunden

blieb er, Mann und Gewehr. „Er ist desertiert,“ erscholl es wie aus

einem Munde. Und die fröhlichen Lieder, die uns bis dahin über den

trägen Lauf der Stunden hinweggeholfen, verstummten. „Vor dem Feinde

desertiert! Das muß furchtbar geahndet werden.“ Es wurde sofort ein

Kriegsgericht ernannt und eröffnet. Der Ankläger erhob sich. Mit

eindringlichen Worten stellte er die tiefe Verworfenheit des Beamten,

des Bürgers, des Wehrmannes dar, der heimlich den ihm anvertrauten

heiligen Posten verlassen hatte, auf welchem seine Kameraden mit den

schwersten Opfern, mit Einsetzung ihres Lebens ausharrten. Er erinnerte

an die vielerlei Zeichen bösen Willens, an das öfters verspätete

Erscheinen des Angeklagten auf dem Sammelplatz, an die Unsauberkeit

seiner Uniform und Waffe, an die üble Laune, die er zu allen Zeiten

gezeigt und namentlich an den schmerzlichen Anstoß, den er so häufig

bei seinen Vordermännern erregt hatte. Der Verteidiger erhob sich.

In kunstvoll gesetzter Rede versuchte er es, die Richter zur Milde

zu stimmen. Er schilderte den fleißigen Landmann, den sorglichen

Hausvater, den redlichen Bürger, der seine Steuern stets pünktlich

bezahlt, nie gegen einen Bettler ein verderbliches Mitleiden gezeigt,

mit aller Welt in Eintracht gelebt hatte, mit dem Herrn Oberamtmann wie

mit dem Pfarrer und dem Mönch; er führte in rührenden Bildern die Frau,

die Söhne und namentlich die Töchter des Angeklagten vor, die Zierden

und der Stolz ihres Dorfes, das niemals, seitdem die ersten Hütten dort

gebaut worden, einen Verräter in ihrer Mitte gekannt. So sprach der

wortreiche und gemütvolle Verteidiger. Aber das Gericht ließ sich nicht

irre machen. Es folgte seiner männlichen, soldatischen Überzeugung und

Pflicht; es verurteilte den Syndic von Courlemont zum Tode.

Am anderen Morgen erschien der Verurteilte beim Hauptmann. Er sei

in dem furchtbaren Raume des Wachtlokals, erklärte er, von einer

plötzlichen Übelkeit befallen worden und habe sich zu einem Arzt

gerettet, der ihm dann auch ein Zeugnis über seine Krankheit mitgegeben

hatte. Der Syndic von Courlemont wurde nicht hingerichtet.

An einem schönen Mittag befand ich mich auf Wache vor dem im

Sonderbundskrieg schwer mitgenommenen Jesuitenkollegium. Von meinem

hohen Standort aus, an der Zufahrtsstraße, konnte ich rechts hinabsehen

gegen das Murtner Thor, links hinab gegen das Romonter Thor. Es war

mir befohlen, jede Person, die dem Posten sich nahte, anzurufen. Die

Disziplin ist die Mutter des Sieges, ich war selbstverständlich von dem

festen Willen erfüllt, den mir gewordenen Befehl pünktlich auszuführen.

Da nahte sich tief unten vom Murtner Thor her ein Schatten. Er nahm

bestimmtere, er nahm menschliche Formen an. Mein Auge richtete sich

immer schärfer auf die verdächtige Gestalt. Es war eine alte Frau, die

mühsam ein Bündel Reisig auf dem Rücken, die Höhe hinaufklomm. „~Qui

vive?~“ schrie ich sie an, daß es meilenweit zu hören war. „~Bah,

bah,~“ schüttelte sie gleichmütig den Kopf. In demselben Augenblick

vernahm ich am andern Abhang nach der Seite des Romonter Thors zu das

helle Kommando: „~Canonniers, à vos pièces!~“ Das war die Antwort

auf mein „~Qui vive?~“ -- Jetzt war die Alte oben. „~Passez au

large!~“ rief ich ihr zu. Die Kanoniere standen kampfbereit an ihren

Geschützen. Als sie die Alte nun auf sich zukommen sahen, brachen sie

in ein Höllengelächter aus, daß man in der guten Stadt Freiburg meinte,

die Murtner seien vom Teufel besessen. So wurde uns der Dienst der

Freiheit und des Vaterlandes eine Quelle der unschuldigsten Freuden.

Ich sage „des Vaterlandes“. Die Schweiz hatte ich schon liebgewonnen,

als ich im Sommer des Jahres 1847 zum erstenmal ihren Boden betrat.

Jetzt, drei inhaltsreiche Jahre später, wollte ich mir das Schweizer

Bürgerrecht erwerben. Es wurde mir von der Gemeinde Montelier, einem

Dorfe dicht bei Murten, zugesagt; die Freiburger Regierung hatte ihre

Zustimmung gegeben, der Bundesrat aber versagte die seine.

Als nun meinem Naturalisationsgesuch durch bundesrätlichen Einspruch

so unerwartete Schwierigkeiten entgegentraten, suchte ich den großen

Berner Politiker Herrn Jakob Stämpfli auf, den ich kurz vorher auf

einer Hochzeit im Kanton Bern kennen gelernt hatte, und der mir da

mit großer Freundlichkeit entgegengekommen war. Ich besuchte ihn im

Gefängnis, wo er eine Strafe für ein Preßvergehen abzusitzen hatte,

die er sich mit einer Behauptung über das Verschwinden des Berner

Schatzes während der französischen Revolutionszeit zugezogen hatte.

Als Gefängnis war ihm ein anständiges Zimmer im Burgerspital, nahe

beim jetzigen Bahnhof, angewiesen. Ich traf seine hübsche Frau bei

ihm, sie war mit einer Handarbeit beschäftigt und verkürzte ihm

plaudernd die Zeit. Herr und Frau Stämpfli nahmen mich sehr freundlich

auf. Er schrieb mir einen Empfehlungsbrief an seinen Freund, den

Bundesrat Furrer und riet mir, auch einen Besuch bei Herrn Druey zu

wagen. Ich ging zu Herrn Bundesrat Furrer. Ich überreichte ihm den

Brief des Herrn Stämpfli und trug ihm mein Gesuch vor. Er machte mir

auch nicht die geringste Hoffnung auf die Erfüllung meines Wunsches,

seine Antwort war ein unzweideutiges, rundes Nein. Der Bundesrat

hatte den Beschluß gefaßt, denjenigen Flüchtlingen, welche in ihrer

Heimat eine Führerrolle gespielt, eine Einbürgerung in der Schweiz

nicht zu gestatten. Mitglieder provisorischer Regierungen waren sogar

ausgewiesen worden. Der Mann, der mir ohne alle Umschweife „Nein“

sagte, gefiel mir; er hätte ja sein Nein in ein paar versüßende Phrasen

wickeln können, die mich vielleicht verleitet hätten, doch noch, was

meine Person betraf, an eine Änderung des gefaßten Beschlusses zu

glauben. Er that es nicht, obgleich seine Frau, die zugegen war, mir

einen teilnehmenden Blick zuwarf. Und er hatte recht.

Ganz anders benahm sich Herr Druey. Im Gegensatz zu einem ersten, von

mir nicht gesuchten Zusammentreffen, nahm er mich mit ausgesuchter

Freundlichkeit auf -- ich hatte ihn während der Aufführung des „Marcel“

im Theater gesehen, ich war also für ihn ein Stück Poet, also doch

immer etwas, wenn auch wenig genug -- er drückte mich auf das Sofa,

schüttelte mir die Hand, sprach mit mir über die Quellen, aus denen

ich mein Drama geschöpft, über die Chronik des Froissart, die er vor

Jahren mit Interesse gelesen, und schließlich sagte er mir: was mein

Naturalisationsgesuch betreffe, so solle ich mir für den Augenblick

die Sache aus dem Kopfe schlagen, der Bundesrat könne einen noch so

neuen Beschluß nicht jetzt schon zurücknehmen. Die Zeit werde Rat

bringen, in einem Jahre, vielleicht schon früher, werde die Geschichte

eingeschlafen sein. Dann werde sich alles machen lassen. Er begleitete

mich beim Abschied bis an die Thür. Ich war ganz entzückt von dem

würdigen und dabei so humanen Manne.

Wir werden bald sehen, wie weit auf dieses Mannes Herzlichkeit zu

rechnen war.

Ich habe mich oben lange bei der ~Garde civique~ aufgehalten;

sie spielte indessen nur die angenehme Rolle der Abwechslung in dem

idyllischen Alltagsdasein der kleinen Stadt. Welch gute Menschen! muß

ich noch heute mir sagen, wenn ich an alle die Personen denke, denen

ich während meines zweijährigen Aufenthaltes in Murten näher getreten

bin. Es waren nicht die banalen Leute, denen man überall und allerwegen

begegnet. Wie die Mauern und Türme dem Orte selbst einen individuellen

Stempel aufdrücken, so haben seine historischen Zeugen und Denkmäler

auch auf die Natur und die Physiognomie des einzelnen Bewohners

gewirkt. Es leben so manche liebe und dabei originelle Gestalten aus

jener Zeit in meiner Erinnerung fort. Ich darf sie nicht ins Leben

rufen, weil an ihre Namen leider sich tragische Ereignisse knüpfen.

Wenn man einen noch so kleinen Ort während eines so langen Zeitraums

wie nahezu fünfzig Jahre zu überblicken vermag -- wie viel schwere

Schicksalsschläge haben da sich indessen vollzogen! Auch auf dem

engsten Raume findet die Welttragödie ihre Helden und Opfer.

Herr Druey, der Chef des eidgenössischen Justiz- und

Polizeidepartements, hatte sein liebendes Auge nicht von mir

abgewendet. Eines Morgens überraschte mich der mir wohlgesinnte

Oberamtmann des Seekreises, Herr Chatoney, in Begleitung des

Oberamtsschreibers, um auf Grund eines ihm von Freiburg zugegangenen

Befehls Haussuchung in meiner Druckerei und Wohnung zu halten.

Ich stand bei der obersten eidgenössischen Behörde in Verdacht,

revolutionäre Schriften zu drucken. Dieser Verdacht war vollkommen

unbegründet und die Haussuchung brachte in der That nichts gegen

mich zum Vorschein. Doch hätte es mir leicht schlimm ergehen können.

In meinem Schreibtisch lagen verschiedene Briefschaften; der Herr

Oberamtmann öffnete einige, diskret nur nach der Unterschrift blickend,

und war beruhigt. Mir klopfte das Herz dabei. Hätte er weiter gesucht,

so wäre ihm ein Brief in die Hände geraten, in welchem ein Mann, der

seither von der Weltbühne verschwunden ist, bei mir anfragte, ob ich

geneigt sei, etwas Politisches für Deutschland zu drucken. Ich hatte

abgelehnt. Wie aber hätte ich dies beweisen können, und hätte man

überhaupt meinen Beweis abgewartet? Kaum war der Herr Oberamtmann mit

seinem Schreiber aus meinem Zimmer, als ich rasch jenen unglückseligen

Brief hervorholte, ihn anzündete und in den Ofen warf. In diesem

Augenblicke kam der Schreiber wieder herein. Ich war sehr erschrocken.

Er hätte merken können, was vorgefallen war, er hätte das verbrannte

Papier riechen können. Der Mann hatte keine Nase. Er hatte seinen

Regenschirm vergessen, deshalb war er zurückgekehrt.

Einige Tage darauf erfuhr ich aus dem Munde des Herrn Oberamtmanns,

daß er, um kein Aufsehen zu erregen, die Morgenstunde des Sonntags

gewählt, wo alle Welt sich in der Kirche, keine Seele sich auf der

Straße befand, daß er übrigens sich geweigert hatte, den Befehl

auszuführen, weil nach freiburgischem Gesetz eine Haussuchung nur auf

richterlichen Befehl gestattet sei, daß der Freiburger Staatsrat Herrn

Druey gegenüber denselben Einwand erhoben, jedoch mit der Antwort

abgefertigt worden sei, er habe einfach dem Befehle zu gehorchen. Das

that er schließlich, und ich mache ihm daraus keinen Vorwurf. Die

Schweiz kann nicht wegen eines kleinen Buchdruckers in Murten den

äußersten Widerstand gegen ausländische Zumutungen fortsetzen, wie

sie es zu Gunsten des Prinzen Napoleon Bonaparte gethan. Und dieser

entschloß sich zu gehen, als er merkte, daß es um seinetwillen Ernst

werden könnte.

Auf meine eigenen Entschlüsse sollte übrigens derselbe Prinz Napoleon

sehr bald einen entscheidenden Einfluß ausüben. Sein Staatsstreich vom

2. Dezember 1851 brachte in mir die schon seit einiger Zeit gehegte

Absicht zur Reife, Murten zu verlassen und einen anderen Lebensweg

einzuschlagen. Ich hatte oben gesagt, daß ich „die Geheimnisse des

Volkes“ von Eugen Sue in deutscher Übersetzung druckte. Infolge des

Staatsstreiches sah der französische Dichter sich veranlaßt, die

Fortsetzung seines Werkes einzustellen. Für meine Presse fiel nun die

Hauptbeschäftigung dahin, anderes fand sich nicht sogleich. Ich konnte

meine Buchdruckerei in den ersten Monaten des Jahres 1852 verkaufen und

siedelte nach Zürich über, wo ich an der Universität mich inskribieren

ließ.

Erinnerungen eines Achtundvierzigers · 第 13 / 14 段