Nachdem ich meine Mannschaft postiert hatte, trat ein Abgeordneter

der sächsischen Kammer zu mir mit der Bemerkung heran, ob wir etwa

gesonnen seien, den berühmten passiven Widerstand hier zu wiederholen.

Ich schickte ihn sogleich mit der Frage auf das Rathaus, ob auf die mit

Soldaten besetzten Fenster des Schlosses Feuer gegeben werden solle?

Er brachte mir die schriftliche Antwort, daß man dies meinem Ermessen

überlasse, behielt aber diesen Zettel als ein ihm teures historisches

Dokument, das er später noch auf der Flucht aus Sachsen besaß, bei

sich. Ich ließ sogleich ein Pelotonfeuer auf die Schloßfenster geben

und hiermit war der eigentliche Kampf eröffnet. Die Erwiderung vom

Schlosse aus ließ keine Minute auf sich warten. Auf allen Straßen

der Stadt brach jetzt zugleich das Gewehrfeuer los. Das Militär ließ

sich nirgends auf offener Straße blicken, es entwickelte sich ein

Kampf von Haus zu Haus. Beide Parteien waren gut gedeckt und diesem

Umstande ist es zuzuschreiben, daß trotz des unausgesetzten Feuerns

auf beiden Seiten die Zahl der Gefallenen eine mäßige blieb. Die

Häuser, welche wir besetzt hatten und besonders die Barrikaden wurden

bald mit Kartätschkugeln überschüttet, auch Vollkugeln wurden gegen

Erker und Balkone abgefeuert, doch meist ohne große Wirkung, da unsere

Mannschaft während des Artillerieangriffs, bei dem die Infanterie

nicht vorrücken konnte, sich rechts und links in die Hausfluren in

geschützte Stellung begab. Unsere Jungmannschaft verteidigte mit

einer Hartnäckigkeit ihre Position, wie dies gewiß selten bei solchen

Straßenkämpfen vorgekommen; außerordentliche Anstrengung aber,

Übermüdung, nicht Mutlosigkeit, lichtete unsere Reihen von Tag zu

Tage. Die Zuzüge, die fortwährend eintrafen, reichten kaum hin, um die

Lücken wieder auszufüllen, die durch die Erschöpfung unserer Kämpfer

entstanden. Unsere Zahl, die höchstens 3000 Mann betrug, verringerte

sich also fortwährend, während die des Militärs, das beim Ausbruch des

Kampfes durch preußische Garden unter Oberst v. Waldersee Unterstützung

erhielt, fortwährend anwuchs. Unsere Bewaffnung stand hinter derjenigen

der Soldaten weit zurück, die zwei Vierpfünder, welche die Freiberger

Bergleute mitgebracht hatten, dienten mehr zum Lärmmachen als zu einem

namhaften Erfolge gegenüber der sächsischen Artillerie.

Am 6. Mai gelang es dem Militär, den Neumarkt, die Moritzstraße und

die innere Pirnaische Straße durch unausgesetzte Angriffe zu gewinnen.

Auch von der entgegengesetzten Seite der Stadt, der Ostra-Allee und

dem Postplatz kam uns das Militär unaufhaltsam näher und es sind die

Verluste, welche wir an diesen Stellen erlitten, teilweise auf Rechnung

des Oberkommandanten Heinze zu setzen. Er hatte sehr wichtige Eckhäuser

entweder gar nicht oder viel zu schwach besetzen lassen, wie er denn

keinen Plan verfolgte, sondern alles den Eingebungen der verschiedenen

Barrikaden- oder Viertelskommandanten überließ. Plötzlich drang das

Gerücht zu uns, Heinze sei gefangen worden. Er war in seiner bayrischen

Uniform am Morgen des 7. Mai ausgegangen, um, wie er sagte, die

Stellung des Feindes zu rekognoszieren; er hatte zwei Wehrmänner mit

sich genommen, denen er befahl, fünfzig Schritte hinter ihm zu bleiben,

und war mit einem Male verschwunden. Man behauptet, vielleicht nicht

ohne Grund, er habe sich fangen lassen. Wir wußten in der Schloßgasse,

die bisher allen Angriffen widerstanden hatte, von den Verlusten in

anderen Teilen der Stadt zwei Tage lang nichts. Einer jetzt von der

unserer Schloßgasse parallel laufenden Schössergasse drohenden Gefahr

konnte noch begegnet werden, indem wir selbst nach der Schustergasse zu

durchbrachen und so den vordringenden Soldaten in den Rücken kamen, die

sich nun, um nicht abgeschnitten zu werden, wieder zurückzogen.

Am 8. Mai früh am Morgen wurden sämtliche Viertelkommandanten auf

das Rathaus berufen und dort wurde uns die Frage vorgelegt, ob wir

glaubten, die Stadt noch länger halten zu können oder ob wir den Kampf

aufgeben und den Rückzug anordnen wollten. Ich sah das Gefahrvolle

unserer Lage ein, der Sieg wäre nur durch eine kaum noch zu erwartende

Vermehrung unserer Streitkräfte zu erringen gewesen, dagegen behauptete

ich, daß wir uns mindestens noch 24 Stunden halten könnten und es nicht

gestattet sei, eine Position aufzugeben, bevor sie völlig unhaltbar

geworden, daß wir das Militär noch eine Zeit lang an verschiedenen

Punkten mit Erfolg beschäftigen und so die Entscheidung hinausschieben

könnten. Die Möglichkeit des Eintreffens eines stärkeren Zuzugs, so

wenig wahrscheinlich eine solche Hülfe jetzt auch sei, nötige uns,

bis zum äußersten Moment auszuharren. Ein Hauptangriff war von der

Wilsdruffer Seite, dem Postplatze aus, zu gewärtigen. In der Post

selbst war ein Corps Techniker, das dieselbe als neutralen Boden

bewachen wollte. Herr Heinze hatte diese Bedingung zugelassen, doch

gerade die Post hätte von uns sehr stark besetzt sein müssen, weil sie

der Schlüsselpunkt der Wilsdruffer Barrikade war. Nun geschah es aber,

daß die neutralen Techniker, so wie ihre Stellung gefährlich wurde,

diese verließen und daß das Militär den von ihnen aufgegebenen Posten

einnahm. Nächst der Post waren es die Soldaten in der Spiegelfabrik,

die die Wilsdruffer Barrikade und diejenige am Eingang der

Scheffelgasse heftig beschossen, so daß die Kugeln bis auf den alten

Markt flogen. Ich schlug deshalb vor, die Spiegelfabrik in der nächsten

Nacht in die Luft zu sprengen, dabei einen Ausfall auf die Post und

die Geschütze in der Ostraallee zu machen, zugleich die Soldaten,

welche rechts und links von der Schloßgasse wieder eingedrungen waren,

durch Durchbrechen der Mauern in der kleinen Brüdergasse, ebenso

wie es von der Sporgasse aus geschehen war, von ihrem Centrum, dem

Schloß, abzuschneiden. Man übertrug mir das Oberkommando. Während des

Tages machten wir auf allen Seiten Fortschritte, so daß ich sogar

einen Ausfall nach dem Freiberger Schlage machen konnte und dort die

Kavallerie, welche unsere Rückzugslinie besetzt hielt, vertrieb. Die

Entscheidung hatte ich von der Sprengung der Spiegelfabrik erwartet

und ein Zufall mußte diesen Plan vernichten. Die Bergleute, welche die

Grube anlegten, konnten ihre Arbeit schon wegen der Gefahr des Verrats,

nicht am hellen Tage ausführen; sie ließen deshalb ihre Werkzeuge

in dem Loche liegen, um in der Dunkelheit ihre Arbeit zu vollenden.

Um zehn Uhr abends kamen sie mit der Meldung zu mir, daß ihnen ihr

Handwerkszeug fortgenommen sei und daß sie deshalb heute nicht mehr

weiter arbeiten könnten. Es waren in der That zu so später Stunde keine

Werkzeuge mehr aufzutreiben und die Sprengung konnte deshalb in dieser

Nacht nicht ausgeführt werden.

Ich darf nicht vergessen, an dieser Stelle eine Persönlichkeit zu

erwähnen, die ich im Rathause antraf, als mir auf den Antrag der

zu einer notwendigen Besprechung einberufenen Viertelskommandanten

nach dem Verschwinden des Oberstlieutenants Heinze das Oberkommando

übertragen wurde: es war Michael Bakunin, der überall dabei sein

mußte, und hier, wie wahrscheinlich an allen anderen Orten, wo nicht

das Wort, sondern die That entschied, sehr überflüssig war. In einigen

Lebensskizzen, die ihm gewidmet sind, wird Bakunins vermeintlicher

Mitwirkung am Aufstande zu Dresden Erwähnung gethan. Er war in früher

Jugend Lieutenant in der russischen Artillerie gewesen. Wahrscheinlich

deshalb schrieb man ihm eine wichtige Rolle in Dresden zu. Ich habe

nur so viel bemerkt, daß er den Mitgliedern der provisorischen

Regierung, die im Rathause amtierten, sehr unbequem war, indem er

in alles dreinredete und alles von ganz falschen Gesichtspunkten

aus betrachtete. Man denke nur einen Augenblick an den ungeheuren

Unterschied der Geistesbildung und Weltanschauung deutscher Juristen

wie Heubner und Todt und dieses, wenn auch kosmopolitisch angehauchten,

immerhin nur stockrussischen ambulanten Revolutionärs. Die genannten

Mitglieder der provisorischen Regierung waren liberale deutsche Bürger,

die ihr gefährliches Amt gewiß nicht ohne inneren Kampf angenommen

hatten und sich ihrer Verantwortlichkeit voll bewußt waren; aber

Bakunin! Er träumte von der Errichtung einer großen panslavistischen

Republik, die von der sächsischen Grenze, denn Böhmen gehörte ja dazu,

bis über den Ural hinaus sich ausdehnte, ihre Macht über den ganzen

Osten Asiens erstreckte, überall das russische Gemeineigentum der

Bauern an Grund und Boden einführte und damit die Welt erlöste, wenn

sie auch gar nicht darauf versessen war, ihre Zivilisation auf den

Kulturgrad des russischen Landvolks zurückzuschrauben. Dieser Russe,

der absolut kein Auge, keinen Sinn für die wirklichen Verhältnisse

hatte, unter denen er in Deutschland lebte, hat natürlich in Dresden

auch nicht den geringsten Einfluß auf den Gang der Dinge gehabt. Er

aß und trank und schlief im Rathaus, und das war alles. Er hatte

auch wirklich Glück in Dingen der Selbsterhaltung. Als die Nacht

angebrochen war, meldete man mir, daß ein Zuckerbäcker dem Oberkommando

einen Kuchen und zwei Flaschen Rotwein gesandt habe. „Ein cherrlicher

Mensch!“ rief er aus. „Dem wird der Chimmel seine Sorge für die

Chungrigen lohnen.“ Er aß und trank, legte sich dann auf eine bereit

gehaltene Matratze hin und schnarchte, während ich mit Heubner über die

Sorge des kommenden Tages mich besprach und wir beide in der Erwartung

der nahenden Dinge kein Auge schlossen.

Vor Morgenanbruch wurde die Wilsdruffer Barrikade von den preußischen

Soldaten angegriffen. Was ich nur an Mannschaft aufbringen konnte,

schickte ich zur Verstärkung an jenen Punkt. Wir mußten der Überzahl

weichen, die Barrikade und das derselben zunächst liegende Eckhaus, die

Engel’sche Wirtschaft, war nicht mehr zu halten. Ein Mädchen, das an

dieser Stelle trotz zweier Verletzungen bis zum äußersten Moment neben

ihren Kameraden ausgehalten, kam mit der Meldung, daß die Position

verloren sei. Sie hatte Lust, wieder in den Kampf zurückzukehren. Ich

überredete sie, jetzt auf dem Rathause zu bleiben, ich sah sie in

Freiberg zum letztenmale.

Wir hätten uns trotz dieses Verlustes wohl noch einen Tag halten

können, die Stadt aber wäre während dieser Zeit vom Militär so zerniert

worden, daß ein geordneter Rückzug zur Unmöglichkeit geworden wäre.

Ich hielt es für vernünftiger, einige Tausend der bravsten jungen

Leute für eine bessere Zukunft zu erhalten, und gab deshalb den Befehl

zur Rückkehr nach Freiberg. Ich ließ ihn derart ausführen, daß in

jeder Straße mehrere Schützen an den Fenstern zurückblieben und den

vorsichtig heranrückenden Gegner beschäftigten, so daß um 5 Uhr des

Morgens vom 9. Mai gegen 2000 bewaffnete Barrikadenkämpfer auf der

Straße nach Freiberg zu marschierten. Nachdem ich den Rückzugsbefehl

erteilt hatte, ging ich hinab in das Erdgeschoß des Rathauses, wo in

allen Räumen und im Flur die todmüden Kämpfer, die bei mangelhafter

Ernährung nach mehrtägigem ununterbrochenen Dienst sich nicht mehr

auf den Beinen halten konnten, und sich dorthin zurückgezogen hatten,

in schwerem Schlafe dalagen. Ich ließ in dem geschlossenen Raume

die Trommel schlagen, sie tönte, als gälte es Tote aus dem Grabe zu

erwecken -- umsonst! Einige Rathausbeamte halfen mit, den einen und

andern emporzuzerren. Wir schüttelten sie, ich schrie ihnen ins Ohr,

sie dürften jetzt nicht schlafen, sie müßten zum Aufbruch bereit sein.

Als ich die Hand von ihnen entfernte, fielen sie wie die Klötze wieder

um und schliefen weiter. Sie waren nicht zu retten, sie gerieten fast

alle in Gefangenschaft.

[Illustration]

[Illustration]

XXI.

Zug nach Freiberg. Richard Wagner.

In Freiberg langte ich mit etwa 2000 Mann aus der eingenommenen Stadt

an. Heubner, das einzige Mitglied der provisorischen Regierung, das

bis zum Moment der Ausgabe des Rückzugsbefehls im Rathaus ausgehalten,

war in Freiberg, wo er zu Hause war, einige Stunden vor uns angelangt.

Ich suchte ihn in seiner Wohnung auf. Als mir die Thür zu seinem

Zimmer geöffnet wurde, in welchem sich mehrere mir unbekannte Personen

befanden, nannte er mich. Da stürzte ein begeisterter Mann mit offenen

Armen auf mich zu, küßte mich und brach in die glühenden Worte aus:

„Nichts ist verloren! Die Jugend, ja die Jugend, die Jugend wird

alles wieder gut machen, alles retten!“ Es war +Richard Wagner+,

der meine Ankunft in dieser Weise begrüßte, und er umarmte mich noch

einmal. Ich hatte ihn nie vorher gesehen, ich war später häufig bei

ihm in Zürich, ich sehe ihn immer noch vor mir in jenem Augenblick

der ersten Begegnung. Wodurch eigentlich der königlich-sächsische

Hofkapellmeister sich so kompromittiert hat, daß er die Flucht

ergreifen mußte, weiß ich heute noch nicht. Ich habe ihn nie darnach

gefragt. Der sächsische Hof hatte besonderes Mißgeschick mit seinen

berühmten Künstlern. Er verlor Gottfried Semper durch den Mai-Aufstand.

Von Frau Schröder-Devrient habe ich schon gesprochen. Den Musikdirektor

Röckel sah ich, von einer Kugel ins Bein getroffen, zusammenknicken.

Er geriet als Verwundeter in Gefangenschaft und man schickte ihn mit

Heubner ins Zuchthaus.

Ich sprach meine Absicht aus, in Freiberg, das mir zur Verteidigung

sehr geeignet schien, einen Versuch weiteren Widerstandes zu wagen.

Heubner bat mich, diesen Gedanken aufzugeben, von seiner Vaterstadt ein

solches Unglück abzuwenden; er selbst sei im Begriff, mit Wagner und

anderen weiter zu ziehen, zunächst nach Chemnitz, dann ins Exil. Es sei

für mich nun auch Zeit, an meine Sicherheit zu denken.

Wir drückten uns die Hand. Ich begab mich auf den Platz hinaus zu

meiner bewaffneten Freischaar. Da ist auch Bakunin. Er zieht mich

beiseite und redet auf mich ein, die jungen Leute über die Grenze nach

dem nahen Böhmen zu führen. „Sie sind wohl toll?“ rief ich erzürnt ihm

zu. „Nach Böhmen sollen wir, zu Ihren Freunden, den Tschechen, die

schon längst in den Dienst der Reaktion getreten sind!“ „Man würde

Euch mit offnen Armen aufnehmen,“ erwiderte er. -- „Man würde über

uns herfallen und uns an die österreichische Regierung ausliefern,“

erwiderte ich ihm, und darauf trennten wir uns.

Ich riet den aus Dresden abgezogenen Maikämpfern, sich in kleinen

Trupps in ihre Heimat zu begeben. Ihnen würde man wenig anhaben, sagte

ich, es gäbe sonst eine zu große Masse der Opfer. Nur auf die Führer

werde man fahnden.

Sie zogen traurig ab. Das Gefühl der erfahrenen Niederlage drückte auf

ihre Gemüter. Da erschien plötzlich ein Wagen. Heubner und Wagner saßen

darin; zu seinem Unglück auch Bakunin, der überall sich unterzubringen

wußte. Man hielt einen Augenblick in meiner Nähe, drückte mir die Hand,

und ich, von einer bösen Ahnung plötzlich erfaßt, rufe ihnen zu: „Geht

nur um des Himmels willen in Chemnitz nicht in einen Gasthof.“ Heubner

und Bakunin gingen aber doch in einen Gasthof und wurden in der Nacht

von mutig gewordenen reaktionären Wehrmännern verhaftet, nach Altenburg

gebracht und an die dort garnisonierenden Preußen ausgeliefert. Wagner

nahm bei seiner Schwester Quartier und dies bewahrte ihn vor dem

gleichen Schicksal.

Ich war allein in Freiberg zurückgeblieben. Die Sonne senkte sich

zum Niedergang. Ein Postillon, der nach Dresden gefahren und mir

versprochen hatte, in meine Wohnung zu gehen, und mir von dort so

manches, dessen ich bedurfte, zu bringen, war noch nicht wieder

erschienen. Als ich den letzten Kameraden verschwinden sah, wurde

mir doch etwas unheimlich zu Mute. In einen Gasthof durfte ich nicht

gehen. Dort wäre ich von den Verfolgern zuerst gesucht worden. Ich

war einen Augenblick ratlos. Da trat ein junger Mann zu mir heran, er

nannte sich, er war Student der Bergakademie, er bot mir freundlich

ein Unterkommen in seinem Zimmer an; er habe, sagte er, daran gedacht,

mich zu sich zu bitten, als er mich so allein auf dem Platze stehen

sah, während die anderen abzogen, meine Verabredung mit dem Postillon

habe er mit angehört, der werde zu ihm kommen, ich müsse jetzt seine

Gastfreundschaft annehmen, da ich gewiß sehr müde sei. Jetzt merkte

ich in der That, daß ich sehr müde war, ich hatte seit dem 3. Mai

nur eine einzige Nacht geschlafen, und wir waren am Abend des 9ten.

Jetzt fiel mir auch ein, daß ich seit dem Abend vorher, seit dem

Kuchengeschenk des menschenfreundlichen Konditors fast nichts zu mir

genommen hatte. Ich ging mit dem jungen Mann, dessen Name mir leider

entfallen ist. Der Gute hatte für ein Abendessen gesorgt, und als ich

mich erquickt hatte, legte ich mich aufs Sofa nieder, wo ich sofort in

festen Schlaf versank. Ich hatte sein Bett nicht annehmen wollen, und

der vortreffliche junge Mann hatte es dann auch selber nicht benützt.

Er wachte über mein Wohl und Wehe.

Als der Morgen graute, weckte er mich. „Sie müssen fort,“ rief er

arg erschrocken, „die sächsischen Gardereiter sind eben in die Stadt

eingezogen.“

„Ist es schon so weit? Gut, so muß ich fort.“

Unter der Kaffeemaschine flackerte die blaue Flamme. Als ich mich

angekleidet und gewaschen hatte, war der Kaffee fertig, etwas Brot lag

auch bereit. Wir frühstückten rasch. „Es ist toll,“ sagte ich, „wogegen

ich mich gestern gesträubt, einen Trupp Freiwilliger nach Böhmen zu

führen, das muß ich jetzt für meine eigene Person thun. Das ist der

einzige Weg, der mir wahrscheinlich noch nicht abgeschnitten ist. Ich

nehme die Richtung nach Annaberg.“

Mein lieber Wirt wollte mich ans Thor begleiten, von dem aus die Straße

nach Annaberg führt. Auf dem Wege dahin keine Menschenseele. Es war

kurz nach Sonnenaufgang. Als wir das Thor in Sicht bekamen, wurden wir

gewahr, daß es von zwei Reitern gesperrt war. Es mochten wohl Rekruten

sein. Sie schienen die Pferde, die sich unruhig hin und her bewegten,

nicht in der Gewalt zu haben. „Leben Sie wohl und tausend Dank,“ raunte

ich meinem Begleiter zu. Im nächsten Moment war ich zwischen den

zappelnden Pferden durchgeschlüpft. Ob die Reiter mich bemerkt haben,

weiß ich nicht. Sie zerrten an ihren Gäulen, sie machten keine Anstalt,

mich zu verfolgen.

So war ich bald auf der offnen Landstraße und schritt tapfer zu.

Ich war nie ein starker Fußgänger gewesen. Nach einer halben Stunde

eifrigen Marschierens begann die Kraft zu erlahmen, was aus der

ungeheuren Anstrengung der letzten Tage sich leicht erklärt. Ich setzte

mich auf einen Steinhaufen, um mich auszuruhen. Ein Wagen rollte heran.

Seine Insassen, ein junges Brautpaar, das merkte man ihnen an, hielten

bei mir und fragten mich freundlich, ob ich mitfahren wolle. Ich nahm

dankend an. Sie fuhren nicht ganz bis Annaberg, aber doch eine Strecke

weit, um beim Herrn Pfarrer das Aufgebot zu bestellen „Immer so viel

gewonnen,“ sagte ich mir. Ob sie in mir einen Flüchtling aus Dresden

vermuteten? Möglich. Der Aufstand, wenn auch das ganze Land sich an ihm

nicht beteiligte, hatte doch die Sympathien des ganzen Landes.

Voller Dank im Herzen für die wackern Leute zog ich weiter. Und siehe

da, als ich wieder eine halbe Stunde gegangen war, stieß ich auf einen

Zug unserer Dresdner Freischaaren, der aus einem abseits von der

Hauptstraße gelegenen Dorfe, wo die Leute die Nacht zugebracht und sich

gründlich ausgeruht hatten, seine Heimfahrt nach Annaberg begann. Ich

wurde sofort erkannt. „Sie dürfen nicht zu Fuß gehen, und wenn wir Sie

tragen sollten,“ riefen die jungen Leute mir zu. -- „Das ist durchaus

nicht nötig,“ erwiderte ich ihnen. „Doch wenn Ihr noch einen Befehl,

den letzten, von mir ausführen wollt, so begeben sich zehn Mann wieder

zurück in das Dorf und requirieren auf meine Anordnung eine Anzahl gut

bespannter Leiterwagen. Ihr seid ja bewaffnet.“

Sie verstanden. Nach einer Viertelstunde waren so viel Wagen vorhanden,

daß wir alle fahren konnten. Es hatte keines Zwanges bedurft. Die

Bauern betrachteten es als eine Ehrenpflicht, uns nützlich zu sein.

Die Wagen setzten sich in Bewegung. Als wir in die Nähe von Annaberg

gelangt waren, stiegen wir ab. Da war ich Zeuge einer ergreifenden

Szene, die ich nie vergessen werde.

Die ganze Einwohnerschaft der Stadt kam ihren Söhnen entgegen. Sie

hatten es drinnen erfahren, daß die braven Jungen aus Dresden nahten.

Die Eltern, die Schwestern, die jungen Kinder, die Greise drängten sich

um die Wiedergekehrten. „Ist Fritz, ist Hans auch da?“ Man umarmte

sich. In die Freude des Wiedersehens mischte sich die Trauer, daß

nichts ausgerichtet worden. „Wir haben uns doch tapfer gehalten!“ --

vernahm ich, wie zum Troste für sich selber und die andern, manche

Stimme aus dem wirren Menschenknäuel -- „wir wollen es ihnen ein

andermal schon zeigen!“ Ich drückte mich beiseite, ich war innerlich

erschüttert. Da trat ein bejahrter Mann, den man an mich gewiesen,

zu mir: „Ich heiße Kindermann“, sagte er, „ich weiß, Sie waren mit

meinem Sohne Karl in Leipzig sehr befreundet. Er hat uns oft von ihnen

geschrieben. Er ist nach Dresden gegangen. Haben Sie ihn gesehen?

Wissen Sie etwas von ihm?“ -- „Seien Sie ohne Sorge,“ beruhigte ich

den erregten Vater, „ich habe ihn kurz vor unserem Abzug gesehen, er

war frisch und munter. Ich bin fest überzeugt, daß er nicht in Dresden

geblieben ist. Er wird zunächst nach Leipzig zurückgekehrt und dann,

wenn er nicht dort geblieben ist, etwas weiter nach Deutschland hinein

gegangen sein. Auf einzelne junge Leute, auf Studenten, fahndet man

sicher nicht.“

Der Mann verließ mich nun nicht mehr, er beruhigte sich in meiner

Gesellschaft und ich mußte ihm zu guten Freunden nach Annaberg folgen.

Am Abend wollte er dann mit mir in sein Heim an der böhmischen Grenze

ziehen. Da sollte ich die Nacht bleiben und dann werde man weiter

helfen. Wie man sieht, kamen mir in meiner gefährlichen Lage überall

gute Menschen entgegen.

Mit der sinkenden Sonne holte Herr Kindermann mich ab. Unser Weg

führte durch einen schönen, in Lenzeswonne frisch grünenden Wald im

Erzgebirge. Ich hatte mich in Annaberg während mehrerer Stunden

ausgeruht, die Kräfte waren wiedergekehrt. Es war kein Marsch, es

war ein erquickender Spaziergang, den wir machten. Keine Vogelstimme

regte sich mehr in dem Gehölz, es war dunkel geworden, wir gingen

plaudernd weiter. Ich hatte viel zu erzählen und der Mann hatte viel zu

fragen. Jetzt hatten wir eine Höhe erreicht. Er blieb stehen. „Sehen

Sie dort mein Haus,“ sagte aufatmend mein Begleiter. „Die Frau hat

die Lichter schon angezündet. Sie wird ängstlich auf meine Rückkehr

warten.“ Wir schritten jetzt stumm nebeneinander her auf dem mäßig

abwärts sich ziehenden Wege. Als wir dem Hause nahe waren, horchte

Herr Kindermann. „Warten Sie hier einen Augenblick,“ sagte er leise,

„es sind wie gewöhnlich um diese Stunde Grenzjäger bei mir. Sie

trinken ihr Gläschen und spielen Karten dazu. Ich muß meine Frau von

dem Besuch unterrichten, Sie müssen hier als ein Verwandter gelten,

dann kümmern die Leute sich nicht um Sie.“ Er verließ mich und war

nur wenige Sekunden fort. „Kommen Sie nur herein, man hat uns schon

lange erwartet,“ rief er mir an der geöffneten Thür zu. Ich trat in

ein sehr geräumiges Wirtszimmer, aus dessen fernster Ecke mir eine

freundliche Frau freudig aufgeregt entgegeneilte. „Seien Sie herzlich

willkommen, lieber Vetter!“ sagte sie und drückte mir die Hand. Rechts

von der Thür, an dem einen Tisch nahe beim Fenster wurde es plötzlich

still. Die Karten spielenden Grenzjäger schauten mich neugierig an,

aber nur einen Augenblick, dann schallte es „Schellenbub und Kreuz und

nochmals Kreuz und Trumpf Aß.“ Ich saß in der entfernten Ecke neben

der prächtigen Frau, die sich so plötzlich in ihre Rolle gefunden

und mich als lieben Vetter begrüßt hatte, ohne mich jemals in ihrem

Leben gesehen zu haben. O, die Not lehrt nicht nur beten, sie lehrt

vielerlei. Ich erzählte meiner so schnell erworbenen Freundin und

Beschützerin von ihrem geliebten Sohn. Sie war stolz auf ihn und sie

hatte Grund dazu, ich habe selten einen gleichwertigen, geistig und

körperlich so urgesunden und herrlichen Jüngling gesehen wie diesen

Karl Kindermann. Mögen ihm diese Zeilen als ein warmer Freundesgruß

gelten, wenn sie ihm zu Gesicht kommen sollten. Wie ich später erfahren

habe, ist er mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert.

Von ihm war natürlich an jenem Abend fast ausschließlich die Rede.

Die Mutter hatte ein Nachtessen besorgt. Wir plauderten noch ein

Stündchen, dann mußte ich mich in mein Zimmer begeben, denn am frühen

Morgen sollte mein vortrefflicher Wirt mich über die Grenze ins

Böhmerland führen.

[Illustration]

[Illustration]

XXII.

Die Flucht nach Böhmen.

Erinnerungen eines Achtundvierzigers · 第 11 / 14 段