„Das werde ich der +Schweiz+ gedenken!“ sagte Engels auch, als

ich nach dem Übertritt der badischen Armee im Sommer des Jahres 1849

in Bern auf offenem Platze zufällig mit ihm zusammentraf. Es war

das letzte Mal, daß ich ihn gesehen. Er erzählte mir in höchster

Aufregung, daß er auf einem Ausflug in den Jura mit einem Landjäger

zusammengestoßen sei, der ihn nach seinen Legitimationspapieren gefragt

und ihm, da er dies ungehörig fand und in der freien Republik von der

Polizei sich nichts gefallen lassen wollte, die Handschellen anlegte

und so einem Straßenräuber gleich in die nächste Stadt transportierte.

-- „Warum bist Du auch so widerhaarig gegen diesen rauhen Diener des

Gesetzes gewesen? Mit solchen Leuten kommt man durch Höflichkeit

weiter.“ Das mochte ich gesagt haben, anstatt in lebendige Entrüstung

auszubrechen, und das hat er mir wahrscheinlich nie vergeben. Sein „Das

werde ich der Schweiz gedenken“ hat er hingegen vergessen.

[Illustration]

[Illustration]

XVIII.

Nach Dresden gewählt. Kämpfe um die Reichsverfassung.

Nach und nach wurde ich in Leipzig heimisch und auch zu den Sitzungen

der dortigen Vereine zugezogen, in denen ich bisweilen das Wort

ergriff. So geschah es, daß ich Ende April 1849 von den Leipziger

Arbeitervereinen zu ihrem Vertreter bei einer von der sächsischen

Regierung nach Dresden einberufenen Versammlung von Vertrauensmännern

aus Industrie- und Handwerkerkreisen ernannt wurde, welcher der Entwurf

eines neuen Gewerbegesetzes zur Beratung unterbreitet war.

Diese Ernennung mußte für mich, wie ich nach der Lage der Dinge

wohl vorhersehen konnte, eine unausbleibliche Schicksalswendung

herbeiführen. Ich ging nach Dresden, richtete mich daselbst für einen

mehrwöchigen Aufenthalt ein, aber schon nach wenigen Tagen erhob sich

dort das Volk zu gunsten der vom Frankfurter Parlament ausgegangenen

Reichsverfassung, welcher der König von Sachsen seine Anerkennung

versagte. So befand ich mich plötzlich mitten im blutigen Kampfe.

Ich habe kurz auf die Novemberereignisse in Wien und Berlin

hingewiesen. Schrittweise machte die Reaktion Fortschritte und ihre

Triumphe waren entscheidend für das ganze Land. Darüber jedoch sind

die Bewegungen in den Provinzen nicht zu übersehen. Es wirbelte und

wogte überall. Ortschaften, von denen man vorher kaum gesprochen,

wurden zu Mittelpunkten leidenschaftlichen Vorgehens gegen die alte

Ordnung, und die Meldungen von Unruhen und Aufständen wechselten mit

solchen von heftigen Zusammenstößen zwischen Militär und Volk. In

einzelnen Staaten wurde die Todesstrafe von der Volksvertretung in

gesetzlicher Form aufgehoben, in Wien wurde das Standrecht an Robert

Blum ausgeübt. Auf derselben Seite einer Zeitung stand die Meldung

von Vereinsauflösungen und von der Neugründung demokratischer Klubs.

Während in Berlin ein Arbeiterkongreß ungehindert tagte, kam es in

München zu blutigen Angriffen des Militärs auf das Volk und wurden in

Frankfurt, ja in dem sonst so stillen Darmstadt Barrikaden gebaut. Am

raschesten traten politische Umwälzungen in den kleinsten deutschen

Staaten ein. Die Fürsten von Waldeck und von Sigmaringen sahen sich

genötigt, die Flucht zu ergreifen. In mehreren württembergischen

Städten fanden republikanische Versammlungen statt. In Dresden und

Leipzig waren Freischarenzüge zur Unterstützung der von Windischgrätz

bedrohten österreichischen Hauptstadt geplant worden, während

man in Berlin einen Kongreß demokratischer Vereine eröffnete und

gleichzeitig General Wrangel seinen Einzug in die preußische Hauptstadt

vorbereitete. In mehreren anderen Städten, da und dort, wird der

Belagerungszustand erklärt, die preußische Nationalversammlung wird

gewaltsam aufgelöst, die Bürgerwehr entwaffnet; einige Wochen später

aber wird ein Bürgerwehrkongreß in Breslau eröffnet. Dabei herrscht ein

kleiner Bauernkrieg in Schlesien. In der Provinz Posen stehen polnische

Sensenmänner gegen preußische Soldaten im Felde und in Mecklenburg wird

an der alten Feudalverfassung gerüttelt. Deutschland war aus allen

Fugen. Dies und nicht der gut Wille der im Absolutismus erzogenen

regierenden Herren erklärt es, daß die gestürzte unbeschränkte

Alleinherrschaft des Königtums nicht wieder erstehen konnte. Die

verfassunggebenden Versammlungen wurden gewaltsam aufgelöst, doch

angesichts der überall auflodernden, zum Widerstand geneigten

Volksstimmung sah die Reaktion sich genötigt, über eine gewisse Grenze

in ihren Triumphen nicht hinauszugehen. Es wurden die schon bewilligten

Volksvertretungen nicht vernichtet, sondern in ihren nicht allzugroßen

Befugnissen noch geschmälert; die Preßfreiheit wurde nicht aufgehoben,

sondern polizeilich und richterlich nach und nach zu einem Schatten

verkümmert. Damit wurde aber auch der oppositionelle Geist geschürt,

und der Weg zur Wiederaufnahme der gewaltsam unterbrochenen Bewegung

blieb infolge dessen offen. Es bedurfte eines sehr geringen Zeitraumes

und aus den verworrensten Bestrebungen erhob sich eine starke,

geeinigte Nation, die ihre Geschicke in den eignen Händen hält. Das

„tolle Jahr“ mit allen seinen Jugendstreichen, seinen himmelstürmenden

Anläufen und seiner idealen Begeisterung hatte alle Kräfte des

deutschen Volkes wachgerufen, sie geübt in unablässigen Kämpfen und

sie dazu befähigt, die Grundsteine zu einer gesicherten Zukunft fest

in einander zu fügen. Heute arbeitet dasselbe Volk am Ausbau seiner

stolzen Jugendpläne. Der Streit ist freilich nicht aus den Grenzen des

Landes gewichen, auf allen Gassen ertönen noch die Schlachtrufe der

Parteien; doch Thoren nur können darüber erschrecken. Parteienkämpfe

sind die Zeugnisse von der Gesundheit eines Volkes. Mögen sie nur immer

kräftiger sich ausleben und möge man sie in aller Freiheit gewähren

lassen, so lange sie die Freiheit anderer nicht bedrohen. Was der

Verwirklichung wert ist, wird sich verwirklichen; was ihrer nicht wert

ist, wird untergehen.

Diese Betrachtung mußte ich der Erzählung der Ereignisse voranschicken,

deren Zeuge ich war und an denen ich einen persönlichen Anteil nahm.

* * * * *

Ich habe nur einer einzigen Sitzung der oben erwähnten, von der

sächsischen Regierung einberufenen Kommission zur Vorbereitung eines

den Kammern zu unterbreitenden Gewerbegesetzes beigewohnt. Die

Versammlung, in die ich eingetreten war, machte auf mich ganz und

gar den Eindruck eines parlamentarischen Körpers. Auf einem erhöhten

Platz der Vorstand. Der Präsident, ein namhafter Industrieller,

dessen Name mir nicht erinnerlich ist, leitete die Beratungen in

einer sympathischen Weise. Unter den Abgeordneten gab es eine Rechte,

eine Linke und ein Zentrum. Die Vertreter des Handwerks -- und ein

solcher hatte sich eben vernehmen lassen -- steckten noch tief in den

Zunftideen. Dies veranlaßte mich, das Wort zu ergreifen. Ich merkte,

daß man auf den neu hinzugetretenen Mitarbeiter -- die Versammlung

tagte schon seit einiger Zeit, ich verdankte mein Mandat einer Nachwahl

-- ein wenig gespannt war. Das wirkte anregend auf mich und mein Debüt

wurde freundlich aufgenommen. Dabei wäre es wahrscheinlich nicht

geblieben, wenn ich Gelegenheit gehabt hätte, öfter in die Debatte

einzutreten; ich hätte meinem Naturell nach, ein junges Füllen, den

Karren, vor den man mich gespannt, umgeworfen. Dieser einen Sitzung

folgte jedoch keine zweite.

Während wir als ruhige Volksvertreter über einen trocknen Paragraphen

des Gewerbegesetzes debattierten, begann eine ungewohnte Bewegung in

den Straßen. Der Lärm wurde stärker und wilder, und drang durch die

offenen Fenster in unsern Saal. Bureaudiener traten erschrocken ein und

sprachen mit dem Präsidenten. „Der Sturm bricht los, das Volk steht

auf,“ murmelte ich vor mich hin. Dieser Ansicht mußte auch der wackre

Präsident sein. Denn er hob die Sitzung auf und kündigte uns an, daß er

zur nächsten Sitzung persönliche Einladungskarten erlassen werde, da

er heute nicht wissen könne, wann diese stattfinden werde.

Als ich auf die Straße kam, hatte der +Dresdner Maiaufstand+

begonnen und ich wurde, um mich eines bald darauf in Sachsen

entstandenen Ausdrucks zu bedienen, einer der ersten „Maikäfer.“ Ich

habe indessen den Blätterfall jenes kampferfüllten Jahres glücklich

überlebt und hoffe, noch einige Mal des grünen, des wunderschönen

Monats Mai mich zu erfreuen.

Auf den Aufstand in Dresden war niemand vorbereitet. Er war nichts

anderes als ein Zornesausbruch aufgeregter Gemüter und es bedurfte des

Zusammentreffens mancherlei verhängnisvoller Umstände, um ihn möglich

zu machen. Deshalb hat dieser Aufstand, der sich in seiner germanischen

Gründlichkeit sechs lange Tage hinzog, etwas Typisches für deutsche

Verhältnisse und deshalb darf ich mir auch als ein in alle Phasen

desselben direkt Eingeweihter auch eine Schilderung dieser Vorgänge

erlauben.

Die erste Mainummer der von mir redigierten „Verbrüderung“ brachte

unter dem Titel „Worauf wartet ihr noch?“ einen mit ~B.~

unterzeichneten Artikel, der wie folgt beginnt: „So lange es sich nur

um die Reichsverfassung handelte, erwarteten wir vom deutschen Volke

keine Erhebung, denn es giebt nichts Widersinnigeres als durch eine

Revolution einen König zwingen zu wollen, daß er eine Krone annehme.

Jetzt ist die Frage eine andere: Steht es den Fürsten zu, mit den

Vertretern des Volkes zu spielen und sie auseinander zu jagen, wenn

es ihnen so beliebt? Das Volk hat das Recht, seinen Abgeordneten in

Frankfurt die entschiedene Mißbilligung ihres bisherigen Verhaltens

kund zu geben; wir, die Wähler, haben das Recht, sie zurückzuberufen

oder sie auseinander zu jagen, wenn sie nicht gehen wollen, aber

den Fürsten steht dieses Recht nicht zu. Indem wir die Frankfurter

Versammlung unterstützen, unterstützen wir die Volkssouveränetät, und

nichts anderes.“ Der Artikel, der uns heute nicht in allen Punkten

unanfechtbar erscheint, schließt mit den folgenden Sätzen: „Die

hannöversche Kammer ist aufgelöst, die sächsische Kammer ebenfalls,

die Fürsten wollen mit ihren vorsündflutlichen Ministern regieren, der

Mut ist ihnen gewachsen, je mehr der passive Widerstand des Volkes

zur Komödie geworden. Es bleibt der Reaktion nichts mehr übrig als

sich nach einem Sibirien für die Volksführer umzusehen, oder sie

samt und sonders zu Pulver und Blei zu begnadigen. Angekündigt ist

uns die Herrschaft der Knute schon, worauf warten wir noch?“ Aus

diesen letzten Sätzen spricht die Stimmung der Zeit. Sie waren voll

berechtigt. Man durfte das schwer Errungene nicht ohne Widerstand der

wachsenden Reaktion preisgeben, wollte man dieser nicht die historische

Berechtigung zur Rückkehr in die Tage des absoluten Königtums und zur

härtesten Verfolgung der deutschen Einheitsbestrebungen zusprechen.

Zur Kennzeichnung der Situation in Dresden sei hier noch folgendes

angeführt: Der König von Sachsen hatte nach Auflösung des Landtags

dem Ministerium versprochen, die deutsche Verfassung anzuerkennen. Da

erschien ein preußischer Kourier, der König von Sachsen nahm sein Wort

zurück und die Minister reichten ihre Entlassung ein. Deputationen

bestürmten den König, um ihn zur Anerkennung der Verfassung zu bewegen,

allein er wies sie hartnäckig zurück, indem er den oft gehörten Einwand

erhob, daß die Reichsverfassung nicht geeignet sei, die Einheit zu

begründen, sondern nur Zerstückelung hervorrufen könne. Er erklärte,

daß er in dieser Frage ganz im Einverständnis mit dem König von Preußen

handle. Das Volk aber, in allen seinen Schichten, mit Ausnahme der

ganz geringen Minderheit, die ihre Parole vom Hofe anzunehmen gewohnt

war, wollte die Reichsverfassung, und so wuchs die Volksaufregung mit

jeder Stunde.

[Illustration]

[Illustration]

XIX.

Der Maiaufstand in Dresden.

1.

Die Dresdner Bürgerwehr, richtiger „Kommunalgarde“, wollte im Schloßhof

eine Demonstration zu gunsten der Reichsverfassung machen, sie wurde

durch ihren Oberkommandanten, da er im entscheidenden Moment von seiner

Stelle zurücktrat, daran verhindert. Die Bürger schämten sich, ohne

etwas gethan zu haben, wieder nach Hause zu gehen, sie hatten durch

die Zeitungen eben erst erfahren, wie leicht es den Württembergern

geworden, den Widerstand ihres Königs zu brechen, und es war auch eine

allgemein verbreitete Ansicht unter den Dresdnern, Friedrich August

wolle sich nur ein wenig drängen lassen, um dem König von Preußen

gegenüber sich damit entschuldigen zu können, daß er vom Volkswillen

zum Nachgeben gezwungen worden sei. Um 1 Uhr mittags sollte der Zug

nach dem Schloßhof stattfinden und noch mehrere Stunde nachher stand

die Kommunalgarde eines Kommandos gewärtig auf dem alten Markt. Das

Volk sammelte sich während dieser Zeit sehr langsam auf den Straßen,

erst allmählich sah man größere Trupps erscheinen, die sich aber

ziemlich passiv verhielten bis auf einige Äußerungen, die man hie und

da vernahm, die aber keineswegs sehr leidenschaftlichen Charakters

waren. Es befanden sich noch in keiner Straße soviel Menschen, daß

eine Hemmung der hin- und herrollenden Wagen hätte entstehen können.

Das Militär war im Schloß, im Zeughause und in allen öffentlichen

Gebäuden in der Nähe der Elbbrücke zusammengezogen, es ließ sich noch

nirgends blicken; es unterließ es sogar, einzuschreiten, als ein

kleiner Haufen junger Leute, die Pferde, die, wie man sagte, den König

aus der Stadt bringen sollten, zurückhielt und vor alle Eingänge des

Marstalls einige Stangen und Bretter hinlegte, die kaum eine Andeutung

von Barrikaden waren. Ich ging mit einem Freunde nach der Elbbrücke.

Auf einem Wirtshause in ihrer Nähe flatterte eine schwarzrotgoldene

Fahne, etwa zwanzig Menschen sammelten sich um dieselbe und sprachen

gegen den Besitzer den Wunsch aus, sie mitzunehmen. Dieser weigerte

sich, sie herzugeben, that es aber endlich, als sie ihm bezahlt

wurde. Die Kommunalgarde blieb immer noch unthätig, die geringe Anzahl

thatkräftigen Volkes aber, das sich zusammen gefunden, war unbewaffnet,

und nichts natürlicher, als daß es seine Demonstrationen gegen das

Zeughaus begann. Es lärmte in dessen Nähe und machte auch Miene, sich

durch Gewalt Waffen zu holen. Da wurden drei Personen niedergeschossen

und jetzt erst sah ich leidenschaftliche Gesichter.

Es wurde eine Leiche nach dem alten Markt gebracht. Es findet sich in

solchen Momenten stets ein leerer Wagen, der dazu den Dienst leisten

muß; es finden sich immer Menschen, die den Wagen mit seiner blutigen

Last durch die erschreckten Straßen ziehen. Wir hörten Rachegeschrei.

Eine Frau im Hause des zurückgetretenen Oberkommandanten, es war die

berühmte Opernsängerin Schröder-Devrient, reißt das Fenster auf und

schreit in unartikulierten Tönen zu uns hernieder, daß uns graust. Wir

können keine Silbe verstehen, ihre heftigen Gebärden aber sagen allen

nur zu klar, daß sie zum Kampf aufruft. Alles schreit nach Waffen und

eilt hier- und dorthin, um sich in den Kampf zu werfen.

Auch die Kommunalgarde und die Turnerkompagnie erhielten plötzlich den

Befehl, nach dem Zeughaus zu marschieren. Ich schloß mich ihnen, wenn

auch unbewaffnet, mit vielen andere an. „Haltet aus, Brüder!“ so wurde

ihnen vom Volke zugerufen, doch wir bemerkten manches bestürzte Gesicht

unter den privilegierten Bewaffneten. Sie hatten keine Munition.

Ein Teil dieser Mannschaft mochte wohl glauben, man marschiere vor

das Zeughaus, um das dort zum Sturm bereitstehende, wütende Volk zu

vertreiben; ein anderer, kleinerer Teil, um selbst mit Hand an das

Zeughaus zu legen, dessen Hauptthor jetzt durch eine verwegene Schaar

mehrfach mit einem Wagen angerannt wurde. Doch kaum gab es den Stößen

nach, so öffnete es sich auch von innen und drei Kartätschenschüsse

wurden hintereinander auf den dichten Volkshaufen abgefeuert. Die

Kommunalgardisten stoben nach allen Seiten auseinander, nur die Turner

hielten Stand und erschossen zwei Offiziere und einen Kanonier. Die

Leichen der Volksstreiter wurden in das dem Zeughause gegenüberliegende

Klinikum getragen. Während der darauffolgenden Nacht erstanden in allen

Hauptstraßen die Barrikaden, die während sechs Tagen und Nächten mit

hartnäckiger Ausdauer gehalten wurden.

Die blutigen Vorgänge am Zeughause wiesen immer ernster auf die

Notwendigkeit eines Oberkommandos hin. Der Oberstleutnant Heinze,

ehemals in griechischen Diensten, wurde zum Oberkommandanten ernannt,

kurz nachdem man den Fehler begangen, Kommunalgarden und Turner nach

Hause zu schicken, um sie, wie man sagte, „zur nötigen Zeit“ wieder

zusammenrufen zu lassen. Es war vorherzusehen, daß es allen Tambours

der Welt nicht mehr gelingen werde, die Kommunalgarde auf die Straße zu

rufen.

Am andern Tage begnügte man sich damit, mehr Barrikaden zu bauen.

Ich erwartete von dem neuen Oberkommandanten, daß er wenigstens die

wichtigsten Punkte werde besetzen lassen. Herr Heinze aber begnügte

sich damit, mit einem der am wildesten sich gebärdenden Schreier,

dessen ganzes Verdienst darin bestand, daß er den Helm eines gefangenen

Reiters auf dem Kopfe trug und einen höchst lächerlichen Anblick

darbot, in den Straßen umherzuziehen und Anordnungen anzubefehlen, die

dem insurgierten Volke sein eigener Instinkt schon eingegeben. Auf

dem Rathause wurden Schußwaffen und Sensen ausgeteilt. Wer ein Gewehr

empfangen, konnte ohne weiteres damit fortgehen, wohin es ihm beliebte.

Man dachte nicht daran, Kompagnien mit Führern zu formieren, alles

lief bunt durcheinander.

Die daheim schon geordneten Zuzüge, die am 4. und 5. Mai, aus allen

Orten des Landes kommend, in Dresden sich einstellten, brachten bald

ein anderes Leben in die insurgierte Stadt.

Zu gleicher Zeit mit der Ernennung des Oberstleutnants Heinze zum

Oberkommandanten der Kommunalgarde wurde auch von den in Dresden

anwesenden Abgeordneten beider Kammern die provisorische Regierung

gewählt. Nachdem die Abgeordneten Tzschirner, Heubner und Todt

ihre Stellung eingenommen, ließen sie sogleich die anwesenden

Kommunalgardisten und Freischaaren den Eid auf die Reichsverfassung

leisten und zur Verteidigung der Barrikaden kommandieren. Da kam

mit einem Male die überraschende Meldung, das Zeughaus wolle sich

übergeben. Ich war ganz in der Nähe, der Eingang zum Zeughaus

war in der That schon von Kommunalgardisten besetzt und meinem

anständigen Rock hatte ich es zu verdanken, daß man mir nicht wie

andern Nichtuniformierten den Einlaß verweigerte. Ich erinnere mich,

daß jemand hinter mir die Worte äußerte: „Was ist denn der mehr

als ich, ich will auch hinein!“ Der Mann hatte recht. Es war der

gröbste Fehler, den man begehen konnte, daß man nicht die Massen

in das Zeughaus eindringen ließ, Kommunalgardisten waren ja in viel

zu geringer Zahl erschienen. Im Hofe des Zeughauses war der Jubel

allgemein, die Soldaten umarmten uns, wir tranken uns zu mit Hochs auf

die Reichsverfassung, auf die Verbindung von Volk und Heer; ich war der

sicheren Überzeugung, daß die Menschen, die sich hier so herzlich die

Hände reichten, nie wieder gegeneinander die Waffen ergreifen könnten.

Da trat ein Offizier an mich heran, dem ich deutlich ansah, daß ihm

bei der allgemeinen Freude nicht recht wohl zu Mute war. Er sagte

etwas verlegen: „Mein Herr, daß hier nur kein Mißverständnis entsteht.

Wir wollen das Zeughaus nicht an das Gesindel übergeben, denn es

ist unsere Pflicht, das Staatseigentum vor Plünderung zu bewahren.

Die Besatzung soll teils aus Militär, teils aus Kommunalgardisten

bestehen.“ Etwa hundert bewaffnete Bürger, darunter zehn in Uniform,

waren im Hofe des Zeughauses, und trotz des Generalmarsches, der auf

Befehl des Oberkommandanten Heinze durch alle Straßen wirbelte, waren

nicht mehr Kommunalgardisten aufzubringen, mit denen man das Zeughaus

hätte besetzen können. Was Wunder, daß die Offiziere am andern Morgen

die Konvention wieder aufhoben, die wenigen Männer aus dem Volke, die

während der Nacht im Zeughause geblieben waren, fortschickten und die

Eingänge schlossen? Wir hatten also keine Kanonen daraus entnehmen

können, wie es auf unserer Seite die Absicht gewesen war.

[Illustration]

[Illustration]

XX.

Der Maiaufstand in Dresden.

2.

Am Morgen des 5. Mai waren die Barrikaden größtenteils besetzt. Ich

ging nach der Schloßgasse, weil ich annehmen durfte, daß hier der

Hauptangriff von Seiten des Militärs geschehen werde. Die dem Schloß

zunächst gelegene Barrikade war noch sehr schwach und konnte kaum

einige Kanonenschüsse aushalten. Die Besatzung nahm meine Ratschläge

bereitwillig an und befestigte sie derart, daß sie bald eine der

stärksten in der Stadt wurde. Ein Gardist hatte hier das Kommando,

er übergab es mit Zustimmung der Mannschaft an mich und ließ sich

nicht wieder sehen. Ich gab sogleich Befehl, die Wände der Häuser,

die von meiner Barrikade aus sowohl vorwärts nach dem Schlosse zu

als rückwärts nach dem Rathause zu liefen, zu durchbrechen, weil

ich vorauszusetzen Grund hatte, daß das Militär Cavaignacs Methode

vom Juni 1848 befolgen werde. Es war also unsere Aufgabe, dem

Militär in der Besetzung der Häuser und dem Vorwärtsdringen durch

die durchbrochenen Wände zuvorzukommen. Dieser Maßregel ist es

zuzuschreiben, daß die Schloßgasse, der Dardanellenpaß zwischen den

Centren der kämpfenden Parteien, wie sie ein Zeitungskorrespondent

richtig benannt, unbezwinglich war und daß wir hier bis zum Moment des

Rückzugs unsere Positionen behaupteten. Der Oberkommandant, dem ich von

meiner Maßregel Kenntnis gab und der sie ganz und gar billigte, that

aber nichts, daß dasselbe auch in allen übrigen Straßen geschah, und

dieser Fahrlässigkeit ist es zuzuschreiben, daß das Militär plötzlich

in Häusern erschien, in denen man es gar nicht vermutete und Straßen,

die sich am wirksamsten verteidigt hatten, abzuschneiden drohte.

Erinnerungen eines Achtundvierzigers · 第 10 / 14 段