ich nach dem Übertritt der badischen Armee im Sommer des Jahres 1849
in Bern auf offenem Platze zufällig mit ihm zusammentraf. Es war
das letzte Mal, daß ich ihn gesehen. Er erzählte mir in höchster
Aufregung, daß er auf einem Ausflug in den Jura mit einem Landjäger
zusammengestoßen sei, der ihn nach seinen Legitimationspapieren gefragt
und ihm, da er dies ungehörig fand und in der freien Republik von der
Polizei sich nichts gefallen lassen wollte, die Handschellen anlegte
und so einem Straßenräuber gleich in die nächste Stadt transportierte.
-- „Warum bist Du auch so widerhaarig gegen diesen rauhen Diener des
Gesetzes gewesen? Mit solchen Leuten kommt man durch Höflichkeit
weiter.“ Das mochte ich gesagt haben, anstatt in lebendige Entrüstung
auszubrechen, und das hat er mir wahrscheinlich nie vergeben. Sein „Das
werde ich der Schweiz gedenken“ hat er hingegen vergessen.
[Illustration]
[Illustration]
XVIII.
Nach Dresden gewählt. Kämpfe um die Reichsverfassung.
Nach und nach wurde ich in Leipzig heimisch und auch zu den Sitzungen
der dortigen Vereine zugezogen, in denen ich bisweilen das Wort
ergriff. So geschah es, daß ich Ende April 1849 von den Leipziger
Arbeitervereinen zu ihrem Vertreter bei einer von der sächsischen
Regierung nach Dresden einberufenen Versammlung von Vertrauensmännern
aus Industrie- und Handwerkerkreisen ernannt wurde, welcher der Entwurf
eines neuen Gewerbegesetzes zur Beratung unterbreitet war.
Diese Ernennung mußte für mich, wie ich nach der Lage der Dinge
wohl vorhersehen konnte, eine unausbleibliche Schicksalswendung
herbeiführen. Ich ging nach Dresden, richtete mich daselbst für einen
mehrwöchigen Aufenthalt ein, aber schon nach wenigen Tagen erhob sich
dort das Volk zu gunsten der vom Frankfurter Parlament ausgegangenen
Reichsverfassung, welcher der König von Sachsen seine Anerkennung
versagte. So befand ich mich plötzlich mitten im blutigen Kampfe.
Ich habe kurz auf die Novemberereignisse in Wien und Berlin
hingewiesen. Schrittweise machte die Reaktion Fortschritte und ihre
Triumphe waren entscheidend für das ganze Land. Darüber jedoch sind
die Bewegungen in den Provinzen nicht zu übersehen. Es wirbelte und
wogte überall. Ortschaften, von denen man vorher kaum gesprochen,
wurden zu Mittelpunkten leidenschaftlichen Vorgehens gegen die alte
Ordnung, und die Meldungen von Unruhen und Aufständen wechselten mit
solchen von heftigen Zusammenstößen zwischen Militär und Volk. In
einzelnen Staaten wurde die Todesstrafe von der Volksvertretung in
gesetzlicher Form aufgehoben, in Wien wurde das Standrecht an Robert
Blum ausgeübt. Auf derselben Seite einer Zeitung stand die Meldung
von Vereinsauflösungen und von der Neugründung demokratischer Klubs.
Während in Berlin ein Arbeiterkongreß ungehindert tagte, kam es in
München zu blutigen Angriffen des Militärs auf das Volk und wurden in
Frankfurt, ja in dem sonst so stillen Darmstadt Barrikaden gebaut. Am
raschesten traten politische Umwälzungen in den kleinsten deutschen
Staaten ein. Die Fürsten von Waldeck und von Sigmaringen sahen sich
genötigt, die Flucht zu ergreifen. In mehreren württembergischen
Städten fanden republikanische Versammlungen statt. In Dresden und
Leipzig waren Freischarenzüge zur Unterstützung der von Windischgrätz
bedrohten österreichischen Hauptstadt geplant worden, während
man in Berlin einen Kongreß demokratischer Vereine eröffnete und
gleichzeitig General Wrangel seinen Einzug in die preußische Hauptstadt
vorbereitete. In mehreren anderen Städten, da und dort, wird der
Belagerungszustand erklärt, die preußische Nationalversammlung wird
gewaltsam aufgelöst, die Bürgerwehr entwaffnet; einige Wochen später
aber wird ein Bürgerwehrkongreß in Breslau eröffnet. Dabei herrscht ein
kleiner Bauernkrieg in Schlesien. In der Provinz Posen stehen polnische
Sensenmänner gegen preußische Soldaten im Felde und in Mecklenburg wird
an der alten Feudalverfassung gerüttelt. Deutschland war aus allen
Fugen. Dies und nicht der gut Wille der im Absolutismus erzogenen
regierenden Herren erklärt es, daß die gestürzte unbeschränkte
Alleinherrschaft des Königtums nicht wieder erstehen konnte. Die
verfassunggebenden Versammlungen wurden gewaltsam aufgelöst, doch
angesichts der überall auflodernden, zum Widerstand geneigten
Volksstimmung sah die Reaktion sich genötigt, über eine gewisse Grenze
in ihren Triumphen nicht hinauszugehen. Es wurden die schon bewilligten
Volksvertretungen nicht vernichtet, sondern in ihren nicht allzugroßen
Befugnissen noch geschmälert; die Preßfreiheit wurde nicht aufgehoben,
sondern polizeilich und richterlich nach und nach zu einem Schatten
verkümmert. Damit wurde aber auch der oppositionelle Geist geschürt,
und der Weg zur Wiederaufnahme der gewaltsam unterbrochenen Bewegung
blieb infolge dessen offen. Es bedurfte eines sehr geringen Zeitraumes
und aus den verworrensten Bestrebungen erhob sich eine starke,
geeinigte Nation, die ihre Geschicke in den eignen Händen hält. Das
„tolle Jahr“ mit allen seinen Jugendstreichen, seinen himmelstürmenden
Anläufen und seiner idealen Begeisterung hatte alle Kräfte des
deutschen Volkes wachgerufen, sie geübt in unablässigen Kämpfen und
sie dazu befähigt, die Grundsteine zu einer gesicherten Zukunft fest
in einander zu fügen. Heute arbeitet dasselbe Volk am Ausbau seiner
stolzen Jugendpläne. Der Streit ist freilich nicht aus den Grenzen des
Landes gewichen, auf allen Gassen ertönen noch die Schlachtrufe der
Parteien; doch Thoren nur können darüber erschrecken. Parteienkämpfe
sind die Zeugnisse von der Gesundheit eines Volkes. Mögen sie nur immer
kräftiger sich ausleben und möge man sie in aller Freiheit gewähren
lassen, so lange sie die Freiheit anderer nicht bedrohen. Was der
Verwirklichung wert ist, wird sich verwirklichen; was ihrer nicht wert
ist, wird untergehen.
Diese Betrachtung mußte ich der Erzählung der Ereignisse voranschicken,
deren Zeuge ich war und an denen ich einen persönlichen Anteil nahm.
* * * * *
Ich habe nur einer einzigen Sitzung der oben erwähnten, von der
sächsischen Regierung einberufenen Kommission zur Vorbereitung eines
den Kammern zu unterbreitenden Gewerbegesetzes beigewohnt. Die
Versammlung, in die ich eingetreten war, machte auf mich ganz und
gar den Eindruck eines parlamentarischen Körpers. Auf einem erhöhten
Platz der Vorstand. Der Präsident, ein namhafter Industrieller,
dessen Name mir nicht erinnerlich ist, leitete die Beratungen in
einer sympathischen Weise. Unter den Abgeordneten gab es eine Rechte,
eine Linke und ein Zentrum. Die Vertreter des Handwerks -- und ein
solcher hatte sich eben vernehmen lassen -- steckten noch tief in den
Zunftideen. Dies veranlaßte mich, das Wort zu ergreifen. Ich merkte,
daß man auf den neu hinzugetretenen Mitarbeiter -- die Versammlung
tagte schon seit einiger Zeit, ich verdankte mein Mandat einer Nachwahl
-- ein wenig gespannt war. Das wirkte anregend auf mich und mein Debüt
wurde freundlich aufgenommen. Dabei wäre es wahrscheinlich nicht
geblieben, wenn ich Gelegenheit gehabt hätte, öfter in die Debatte
einzutreten; ich hätte meinem Naturell nach, ein junges Füllen, den
Karren, vor den man mich gespannt, umgeworfen. Dieser einen Sitzung
folgte jedoch keine zweite.
Während wir als ruhige Volksvertreter über einen trocknen Paragraphen
des Gewerbegesetzes debattierten, begann eine ungewohnte Bewegung in
den Straßen. Der Lärm wurde stärker und wilder, und drang durch die
offenen Fenster in unsern Saal. Bureaudiener traten erschrocken ein und
sprachen mit dem Präsidenten. „Der Sturm bricht los, das Volk steht
auf,“ murmelte ich vor mich hin. Dieser Ansicht mußte auch der wackre
Präsident sein. Denn er hob die Sitzung auf und kündigte uns an, daß er
zur nächsten Sitzung persönliche Einladungskarten erlassen werde, da
er heute nicht wissen könne, wann diese stattfinden werde.
Als ich auf die Straße kam, hatte der +Dresdner Maiaufstand+
begonnen und ich wurde, um mich eines bald darauf in Sachsen
entstandenen Ausdrucks zu bedienen, einer der ersten „Maikäfer.“ Ich
habe indessen den Blätterfall jenes kampferfüllten Jahres glücklich
überlebt und hoffe, noch einige Mal des grünen, des wunderschönen
Monats Mai mich zu erfreuen.
Auf den Aufstand in Dresden war niemand vorbereitet. Er war nichts
anderes als ein Zornesausbruch aufgeregter Gemüter und es bedurfte des
Zusammentreffens mancherlei verhängnisvoller Umstände, um ihn möglich
zu machen. Deshalb hat dieser Aufstand, der sich in seiner germanischen
Gründlichkeit sechs lange Tage hinzog, etwas Typisches für deutsche
Verhältnisse und deshalb darf ich mir auch als ein in alle Phasen
desselben direkt Eingeweihter auch eine Schilderung dieser Vorgänge
erlauben.
Die erste Mainummer der von mir redigierten „Verbrüderung“ brachte
unter dem Titel „Worauf wartet ihr noch?“ einen mit ~B.~
unterzeichneten Artikel, der wie folgt beginnt: „So lange es sich nur
um die Reichsverfassung handelte, erwarteten wir vom deutschen Volke
keine Erhebung, denn es giebt nichts Widersinnigeres als durch eine
Revolution einen König zwingen zu wollen, daß er eine Krone annehme.
Jetzt ist die Frage eine andere: Steht es den Fürsten zu, mit den
Vertretern des Volkes zu spielen und sie auseinander zu jagen, wenn
es ihnen so beliebt? Das Volk hat das Recht, seinen Abgeordneten in
Frankfurt die entschiedene Mißbilligung ihres bisherigen Verhaltens
kund zu geben; wir, die Wähler, haben das Recht, sie zurückzuberufen
oder sie auseinander zu jagen, wenn sie nicht gehen wollen, aber
den Fürsten steht dieses Recht nicht zu. Indem wir die Frankfurter
Versammlung unterstützen, unterstützen wir die Volkssouveränetät, und
nichts anderes.“ Der Artikel, der uns heute nicht in allen Punkten
unanfechtbar erscheint, schließt mit den folgenden Sätzen: „Die
hannöversche Kammer ist aufgelöst, die sächsische Kammer ebenfalls,
die Fürsten wollen mit ihren vorsündflutlichen Ministern regieren, der
Mut ist ihnen gewachsen, je mehr der passive Widerstand des Volkes
zur Komödie geworden. Es bleibt der Reaktion nichts mehr übrig als
sich nach einem Sibirien für die Volksführer umzusehen, oder sie
samt und sonders zu Pulver und Blei zu begnadigen. Angekündigt ist
uns die Herrschaft der Knute schon, worauf warten wir noch?“ Aus
diesen letzten Sätzen spricht die Stimmung der Zeit. Sie waren voll
berechtigt. Man durfte das schwer Errungene nicht ohne Widerstand der
wachsenden Reaktion preisgeben, wollte man dieser nicht die historische
Berechtigung zur Rückkehr in die Tage des absoluten Königtums und zur
härtesten Verfolgung der deutschen Einheitsbestrebungen zusprechen.
Zur Kennzeichnung der Situation in Dresden sei hier noch folgendes
angeführt: Der König von Sachsen hatte nach Auflösung des Landtags
dem Ministerium versprochen, die deutsche Verfassung anzuerkennen. Da
erschien ein preußischer Kourier, der König von Sachsen nahm sein Wort
zurück und die Minister reichten ihre Entlassung ein. Deputationen
bestürmten den König, um ihn zur Anerkennung der Verfassung zu bewegen,
allein er wies sie hartnäckig zurück, indem er den oft gehörten Einwand
erhob, daß die Reichsverfassung nicht geeignet sei, die Einheit zu
begründen, sondern nur Zerstückelung hervorrufen könne. Er erklärte,
daß er in dieser Frage ganz im Einverständnis mit dem König von Preußen
handle. Das Volk aber, in allen seinen Schichten, mit Ausnahme der
ganz geringen Minderheit, die ihre Parole vom Hofe anzunehmen gewohnt
war, wollte die Reichsverfassung, und so wuchs die Volksaufregung mit
jeder Stunde.
[Illustration]
[Illustration]
XIX.
Der Maiaufstand in Dresden.
1.
Die Dresdner Bürgerwehr, richtiger „Kommunalgarde“, wollte im Schloßhof
eine Demonstration zu gunsten der Reichsverfassung machen, sie wurde
durch ihren Oberkommandanten, da er im entscheidenden Moment von seiner
Stelle zurücktrat, daran verhindert. Die Bürger schämten sich, ohne
etwas gethan zu haben, wieder nach Hause zu gehen, sie hatten durch
die Zeitungen eben erst erfahren, wie leicht es den Württembergern
geworden, den Widerstand ihres Königs zu brechen, und es war auch eine
allgemein verbreitete Ansicht unter den Dresdnern, Friedrich August
wolle sich nur ein wenig drängen lassen, um dem König von Preußen
gegenüber sich damit entschuldigen zu können, daß er vom Volkswillen
zum Nachgeben gezwungen worden sei. Um 1 Uhr mittags sollte der Zug
nach dem Schloßhof stattfinden und noch mehrere Stunde nachher stand
die Kommunalgarde eines Kommandos gewärtig auf dem alten Markt. Das
Volk sammelte sich während dieser Zeit sehr langsam auf den Straßen,
erst allmählich sah man größere Trupps erscheinen, die sich aber
ziemlich passiv verhielten bis auf einige Äußerungen, die man hie und
da vernahm, die aber keineswegs sehr leidenschaftlichen Charakters
waren. Es befanden sich noch in keiner Straße soviel Menschen, daß
eine Hemmung der hin- und herrollenden Wagen hätte entstehen können.
Das Militär war im Schloß, im Zeughause und in allen öffentlichen
Gebäuden in der Nähe der Elbbrücke zusammengezogen, es ließ sich noch
nirgends blicken; es unterließ es sogar, einzuschreiten, als ein
kleiner Haufen junger Leute, die Pferde, die, wie man sagte, den König
aus der Stadt bringen sollten, zurückhielt und vor alle Eingänge des
Marstalls einige Stangen und Bretter hinlegte, die kaum eine Andeutung
von Barrikaden waren. Ich ging mit einem Freunde nach der Elbbrücke.
Auf einem Wirtshause in ihrer Nähe flatterte eine schwarzrotgoldene
Fahne, etwa zwanzig Menschen sammelten sich um dieselbe und sprachen
gegen den Besitzer den Wunsch aus, sie mitzunehmen. Dieser weigerte
sich, sie herzugeben, that es aber endlich, als sie ihm bezahlt
wurde. Die Kommunalgarde blieb immer noch unthätig, die geringe Anzahl
thatkräftigen Volkes aber, das sich zusammen gefunden, war unbewaffnet,
und nichts natürlicher, als daß es seine Demonstrationen gegen das
Zeughaus begann. Es lärmte in dessen Nähe und machte auch Miene, sich
durch Gewalt Waffen zu holen. Da wurden drei Personen niedergeschossen
und jetzt erst sah ich leidenschaftliche Gesichter.
Es wurde eine Leiche nach dem alten Markt gebracht. Es findet sich in
solchen Momenten stets ein leerer Wagen, der dazu den Dienst leisten
muß; es finden sich immer Menschen, die den Wagen mit seiner blutigen
Last durch die erschreckten Straßen ziehen. Wir hörten Rachegeschrei.
Eine Frau im Hause des zurückgetretenen Oberkommandanten, es war die
berühmte Opernsängerin Schröder-Devrient, reißt das Fenster auf und
schreit in unartikulierten Tönen zu uns hernieder, daß uns graust. Wir
können keine Silbe verstehen, ihre heftigen Gebärden aber sagen allen
nur zu klar, daß sie zum Kampf aufruft. Alles schreit nach Waffen und
eilt hier- und dorthin, um sich in den Kampf zu werfen.
Auch die Kommunalgarde und die Turnerkompagnie erhielten plötzlich den
Befehl, nach dem Zeughaus zu marschieren. Ich schloß mich ihnen, wenn
auch unbewaffnet, mit vielen andere an. „Haltet aus, Brüder!“ so wurde
ihnen vom Volke zugerufen, doch wir bemerkten manches bestürzte Gesicht
unter den privilegierten Bewaffneten. Sie hatten keine Munition.
Ein Teil dieser Mannschaft mochte wohl glauben, man marschiere vor
das Zeughaus, um das dort zum Sturm bereitstehende, wütende Volk zu
vertreiben; ein anderer, kleinerer Teil, um selbst mit Hand an das
Zeughaus zu legen, dessen Hauptthor jetzt durch eine verwegene Schaar
mehrfach mit einem Wagen angerannt wurde. Doch kaum gab es den Stößen
nach, so öffnete es sich auch von innen und drei Kartätschenschüsse
wurden hintereinander auf den dichten Volkshaufen abgefeuert. Die
Kommunalgardisten stoben nach allen Seiten auseinander, nur die Turner
hielten Stand und erschossen zwei Offiziere und einen Kanonier. Die
Leichen der Volksstreiter wurden in das dem Zeughause gegenüberliegende
Klinikum getragen. Während der darauffolgenden Nacht erstanden in allen
Hauptstraßen die Barrikaden, die während sechs Tagen und Nächten mit
hartnäckiger Ausdauer gehalten wurden.
Die blutigen Vorgänge am Zeughause wiesen immer ernster auf die
Notwendigkeit eines Oberkommandos hin. Der Oberstleutnant Heinze,
ehemals in griechischen Diensten, wurde zum Oberkommandanten ernannt,
kurz nachdem man den Fehler begangen, Kommunalgarden und Turner nach
Hause zu schicken, um sie, wie man sagte, „zur nötigen Zeit“ wieder
zusammenrufen zu lassen. Es war vorherzusehen, daß es allen Tambours
der Welt nicht mehr gelingen werde, die Kommunalgarde auf die Straße zu
rufen.
Am andern Tage begnügte man sich damit, mehr Barrikaden zu bauen.
Ich erwartete von dem neuen Oberkommandanten, daß er wenigstens die
wichtigsten Punkte werde besetzen lassen. Herr Heinze aber begnügte
sich damit, mit einem der am wildesten sich gebärdenden Schreier,
dessen ganzes Verdienst darin bestand, daß er den Helm eines gefangenen
Reiters auf dem Kopfe trug und einen höchst lächerlichen Anblick
darbot, in den Straßen umherzuziehen und Anordnungen anzubefehlen, die
dem insurgierten Volke sein eigener Instinkt schon eingegeben. Auf
dem Rathause wurden Schußwaffen und Sensen ausgeteilt. Wer ein Gewehr
empfangen, konnte ohne weiteres damit fortgehen, wohin es ihm beliebte.
Man dachte nicht daran, Kompagnien mit Führern zu formieren, alles
lief bunt durcheinander.
Die daheim schon geordneten Zuzüge, die am 4. und 5. Mai, aus allen
Orten des Landes kommend, in Dresden sich einstellten, brachten bald
ein anderes Leben in die insurgierte Stadt.
Zu gleicher Zeit mit der Ernennung des Oberstleutnants Heinze zum
Oberkommandanten der Kommunalgarde wurde auch von den in Dresden
anwesenden Abgeordneten beider Kammern die provisorische Regierung
gewählt. Nachdem die Abgeordneten Tzschirner, Heubner und Todt
ihre Stellung eingenommen, ließen sie sogleich die anwesenden
Kommunalgardisten und Freischaaren den Eid auf die Reichsverfassung
leisten und zur Verteidigung der Barrikaden kommandieren. Da kam
mit einem Male die überraschende Meldung, das Zeughaus wolle sich
übergeben. Ich war ganz in der Nähe, der Eingang zum Zeughaus
war in der That schon von Kommunalgardisten besetzt und meinem
anständigen Rock hatte ich es zu verdanken, daß man mir nicht wie
andern Nichtuniformierten den Einlaß verweigerte. Ich erinnere mich,
daß jemand hinter mir die Worte äußerte: „Was ist denn der mehr
als ich, ich will auch hinein!“ Der Mann hatte recht. Es war der
gröbste Fehler, den man begehen konnte, daß man nicht die Massen
in das Zeughaus eindringen ließ, Kommunalgardisten waren ja in viel
zu geringer Zahl erschienen. Im Hofe des Zeughauses war der Jubel
allgemein, die Soldaten umarmten uns, wir tranken uns zu mit Hochs auf
die Reichsverfassung, auf die Verbindung von Volk und Heer; ich war der
sicheren Überzeugung, daß die Menschen, die sich hier so herzlich die
Hände reichten, nie wieder gegeneinander die Waffen ergreifen könnten.
Da trat ein Offizier an mich heran, dem ich deutlich ansah, daß ihm
bei der allgemeinen Freude nicht recht wohl zu Mute war. Er sagte
etwas verlegen: „Mein Herr, daß hier nur kein Mißverständnis entsteht.
Wir wollen das Zeughaus nicht an das Gesindel übergeben, denn es
ist unsere Pflicht, das Staatseigentum vor Plünderung zu bewahren.
Die Besatzung soll teils aus Militär, teils aus Kommunalgardisten
bestehen.“ Etwa hundert bewaffnete Bürger, darunter zehn in Uniform,
waren im Hofe des Zeughauses, und trotz des Generalmarsches, der auf
Befehl des Oberkommandanten Heinze durch alle Straßen wirbelte, waren
nicht mehr Kommunalgardisten aufzubringen, mit denen man das Zeughaus
hätte besetzen können. Was Wunder, daß die Offiziere am andern Morgen
die Konvention wieder aufhoben, die wenigen Männer aus dem Volke, die
während der Nacht im Zeughause geblieben waren, fortschickten und die
Eingänge schlossen? Wir hatten also keine Kanonen daraus entnehmen
können, wie es auf unserer Seite die Absicht gewesen war.
[Illustration]
[Illustration]
XX.
Der Maiaufstand in Dresden.
2.
Am Morgen des 5. Mai waren die Barrikaden größtenteils besetzt. Ich
ging nach der Schloßgasse, weil ich annehmen durfte, daß hier der
Hauptangriff von Seiten des Militärs geschehen werde. Die dem Schloß
zunächst gelegene Barrikade war noch sehr schwach und konnte kaum
einige Kanonenschüsse aushalten. Die Besatzung nahm meine Ratschläge
bereitwillig an und befestigte sie derart, daß sie bald eine der
stärksten in der Stadt wurde. Ein Gardist hatte hier das Kommando,
er übergab es mit Zustimmung der Mannschaft an mich und ließ sich
nicht wieder sehen. Ich gab sogleich Befehl, die Wände der Häuser,
die von meiner Barrikade aus sowohl vorwärts nach dem Schlosse zu
als rückwärts nach dem Rathause zu liefen, zu durchbrechen, weil
ich vorauszusetzen Grund hatte, daß das Militär Cavaignacs Methode
vom Juni 1848 befolgen werde. Es war also unsere Aufgabe, dem
Militär in der Besetzung der Häuser und dem Vorwärtsdringen durch
die durchbrochenen Wände zuvorzukommen. Dieser Maßregel ist es
zuzuschreiben, daß die Schloßgasse, der Dardanellenpaß zwischen den
Centren der kämpfenden Parteien, wie sie ein Zeitungskorrespondent
richtig benannt, unbezwinglich war und daß wir hier bis zum Moment des
Rückzugs unsere Positionen behaupteten. Der Oberkommandant, dem ich von
meiner Maßregel Kenntnis gab und der sie ganz und gar billigte, that
aber nichts, daß dasselbe auch in allen übrigen Straßen geschah, und
dieser Fahrlässigkeit ist es zuzuschreiben, daß das Militär plötzlich
in Häusern erschien, in denen man es gar nicht vermutete und Straßen,
die sich am wirksamsten verteidigt hatten, abzuschneiden drohte.