Der Bruch mit Karl Vogt hinderte Bakunin nicht, am Ende seines Lebens

in Bern die Gastfreundschaft Adolf Vogts, eines Bruders des berühmten

Naturforschers, anzunehmen, unter dessen Dach er gestorben ist. Ich

habe ihn in einem späteren Artikel noch einmal zu erwähnen. Was Karl

Vogts Streit mit Marx und dessen Anhängern betrifft, so wäre ich im

Falle, manches Aufklärende hier beizubringen, doch begnüge ich mich

mit der Bemerkung, daß nicht die „Schwefelbande“, die sich selbstlos,

mühsam und im Dienste einer großen Idee ihr Brod erwarb, sondern der

Verfasser von „Köhlerglaube und Wissenschaft“ entschieden im Unrecht

war.

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XVI.

Erschießung Robert Blums in Wien. Steigende Aufregung in Deutschland.

Eine ausführliche Analyse des Inhalts der „Verbrüderung“ hat Georg

Adler in seinem Buche, „die erste sozialistische Arbeiterbewegung in

Deutschland“ gegeben, auf das ich meine Leser verweise. Der Verfasser

wundert sich über den revolutionären Ton, der in dieser Zeitschrift

weht, und der Ende November 1848, nach der Einnahme von Wien durch

Windischgrätz und dem Einzug Wrangels in Berlin, sogar bis zu einem

direkten Aufruf sich steigerte, die bedrohten Errungenschaften des März

mit den Waffen in der Hand zu verteidigen. Diese Verwunderung des sehr

geschätzten Nationalökonomen ist mir nur ein Beweis, daß schon die

direkt auf die Ereignisse von 1848 folgende Generation zu abgekühlt

war, um für den Aufruhr, der unser Herz bewegte, ein Verständnis zu

haben. Die „Verbrüderung“ war, was eigentlich selbstverständlich ist,

sehr heißblütig, doch verfiel sie niemals in jenen tyrannenmörderischen

Posaunenton, der einige Jahrzehnte später von hohlköpfigen Strebern mit

lächerlicher Virtuosität geblasen wurde. Den Hauptinhalt bildeten in

lebendiger Darstellung eine Reihe von Untersuchungen über die soziale

Frage. Der Stil zeichnete sich freilich nicht durch kühle Gemessenheit

und Ruhe aus. Das wäre in jener aufgeregten Zeit schlecht am Platze

gewesen. Eine Zeitschrift wie „Die Verbrüderung“ hatte die Aufgabe,

die Massen aufklärend zu packen und zu leiten, und das gelang ihr in

gewünschtem Maße.

Nicht wegen der sozialistischen Artikel kam das Blatt übrigens in

Konflikt mit der wachsamen Justiz, wenn wir den Ruf zu den Waffen

ausnehmen, der kaum unbeachtet bleiben konnte, sondern wegen der

sozial-politischen Gedichte, von denen es eins in jeder Nummer brachte.

Und die Staatsanwaltschaft der guten Stadt Leipzig bewies wahrhaft

ihren vorzüglichen litterarischen Geschmack, indem sie mich zuerst

wegen des Abdrucks der „Weber“ von Heine zur Rechenschaft zog. Wegen

Preßvergehens angeklagt, wurde ich vor den Untersuchungsrichter

geladen. Dieser, ein noch ziemlich junger Mann, schien von seiner

inquisitorischen Aufgabe nicht sehr erbaut. Es war im Herbste des

Jahres 1848 und selbst in dem Gemüte eines königlich sächsischen

Untersuchungsrichters mochte wohl noch etwas von der allgemeinen

Jahresstimmung lebendig sein. Es war auch eine Neuerung im Verfahren

eingeführt: die Untersuchung war nicht absolut geheim, zwei „Männer

aus dem Volke“ wohnten ihr bei. Sie hatten nichts dreinzureden, sie

sollten nur als Bürgschaft dafür dienen, daß dem Angeschuldigten nichts

Ungebührliches von Seiten des Richters widerfuhr. Ich bestritt, daß das

Heine’sche Gedicht einen aufrührerischen Charakter habe. Es sei nicht

an die Weber gerichtet, es spreche von den Webern, von dem peinigenden

Hunger, der sie quäle und der sie in ihrer Verzweiflung selbst bis

zu gotteslästerlichen Worten verleite. Der Untersuchungsrichter

lächelte kritisch, die beiden Spießbürger aber, die als Wächter der

Gerechtigkeit hinter ihm saßen, lächelten mich verschmitzt und zugleich

aufmunternd an. Sie steckten auch noch in der Jahresstimmung und waren

zweifellos mit mir einverstanden. Das ermutigte mich, den grandios

dramatischen Zug in dem Gedicht ausführlicher darzulegen, die von dem

Dichter gesuchte, in so erschütternder Weise herbeigeführte Steigerung

als ästhetisch geboten zu bezeichnen, so daß der Fluch der hungernden

Weber kaum anders als mit einer Gotteslästerung endigen konnte. Der

Richter, in der Form immer liebenswürdig, wollte dies nicht gelten

lassen. Was wahrscheinlich mehr Eindruck auf ihn machte, das war der

Hinweis auf die Thatsache, daß das inkriminierte Gedicht schon ein Jahr

vor der Märzrevolution erschienen war, daß diese die Zensur aufgehoben,

und daß die Heine’schen Schriften jetzt offen in allen Buchhandlungen

verkauft wurden. Die Zeit habe sich geändert, erklärte ich. Ob es

denn die Absicht der Regierung sei, wieder zu einem von ihr selbst

aufgegebenen System der Verfolgung des freien Wortes zurückzukehren?

Dieser Teil meiner Verteidigung machte jedenfalls mehr Wirkung auf

meinen Richter als der ästhetische Teil. Man reichte mir ein Protokoll

zur Unterzeichnung, und ich wurde bis auf weiteres entlassen. Als

ich mich zurückzog, gaben mir die beiden Tugendwächter wieder ein

freundliches Augenblinzeln mit auf den Weg. Die Angelegenheit kam mir

sehr ergötzlich vor, auch nach einem zweiten Verhör, zu dem ich mehrere

Wochen später vorgeladen wurde. Die Zeiten fingen schon an, sich zu

verdüstern. Das glaubte ich daran zu erkennen, daß diesmal nur ein

einziger „Mann aus dem Volke“ der Sitzung beiwohnte.

Die Reaktion hatte mehr Zuversicht gewonnen. Robert Blum war in der

Brigittenau zu Wien standrechtlich erschossen worden.

Man täuscht sich wohl nicht, wenn man annimmt, daß zwischen Österreich

und Preußen eine Verständigung über die gleichzeitig zu ergreifenden

Schritte gegen die Folgen der Märzrevolution stattgefunden hatten. In

beiden Ländern wurden schon Mitte August Truppenmassen zusammengezogen,

welche die Aufgabe hatten, die „Ordnung“ wiederherzustellen. Von

Böhmen aus sollte eine Armee unter dem Oberbefehl des Fürsten

Windischgrätz die Eroberung Wiens besorgen, in der Mark Brandenburg

kommandierte General Wrangel die zum Einzug in Berlin bestimmte

Armee. Als Fürst Windischgrätz vorrückte, um Wien zur Unterwerfung zu

zwingen, schickte das Frankfurter Reichsministerium zwei Kommissäre

zur Vermittlung an ihn ab, die der österreichische Feldherr einfach

zu den Ministern nach Olmütz sandte, welche die ungebetenen Gäste

mit einigen Höflichkeitsphrasen von sich abschüttelten. Die Linke

des Frankfurter Parlaments glaubte ihrerseits zwei Vertrauensmänner

nach Wien senden zu müssen. Sie beehrte mit dieser Mission Robert

Blum und Julius Fröbel. Man begreift nicht recht, welchen Zweck sie

damit im Auge hatte. Einen Volksredner wie Blum brauchten die Wiener

Aufständischen nicht, einen Schriftsteller wie Julius Fröbel noch

weniger. Womit das Frankfurter Parlament allein etwas hätte ausrichten

können, das besaß es eben so wenig wie irgend eine andere deutsche

Volksvertretung: ein Parlamentsheer. Da ein solches nicht improvisiert

werden konnte, so war es im Herbst des Jahres 1848 jedem politisch

denkenden Deutschen klar, daß für den Augenblick die Errungenschaften

des März im höchsten Grade gefährdet waren, und daß man im Kampfe gegen

die militärisch organisierte und nach einer blutigen Entscheidung

dürstende Reaktion wieder auf das nicht organisierte und schlecht

gerüstete freiheitsliebende Volk angewiesen war. Ein Widerstand gegen

die fürstliche Macht hätte vielleicht bei gleichzeitiger Erhebung aller

größeren Städte noch einige Aussicht auf Erfolg geboten. In Österreich

war darauf nicht zu rechnen. Ein intelligenter Mann wie Robert Blum sah

die Hoffnungslosigkeit einer Erhebung der Hauptstadt gegen die 90,000

Mann des Fürsten Windischgrätz sicherlich ein. Er glaubte es trotzdem

seiner Vergangenheit und seiner Ehre schuldig zu sein, mit seinem Leben

für eine Sache einzustehen, die für den Augenblick verloren war, die

jedoch aus jedem Tropfen Blutes, das für sie vergossen worden, für

künftige Tage neue Stärke erzeugte. Robert Blum stand mit dem Volk auf

den Barrikaden. Er wurde auf Befehl des siegreichen Generals am 4.

November mit Fröbel in seinem Gasthof verhaftet, und am Morgen des 9.

November in der Brigittenau standrechtlich erschossen. Er hatte wie

ein Mann gelebt, er starb wie ein Mann, und die Nachricht von seinem

Tode erweckte eine ungeheure Erregung in allen deutschen Landen, mehr

als irgendwo anders in Leipzig, das ihn als seinen Vertreter ins

Frankfurter Parlament gesandt hatte. Hier wie aller Orten wurde für

den geliebten Volksmann eine Totenfeier veranstaltet. Leipzig war zu

jeder Zeit wesentlich Geschäftsstadt gewesen, deren Bewohner wohl

stets den lebendigsten Anteil an den Geschicken des Vaterlandes nahmen

und opferwillig für dasselbe eintraten, sich auch in jeder Bewegung

als Freunde der bürgerlichen Freiheit erwiesen; dem Charakter eines

alten Handelscentrums gemäß war Leipzig jedoch niemals revolutionär.

Ich war deshalb gar nicht überrascht, als ich an dem Morgen, der die

Nachricht von der Hinrichtung Robert Blums brachte, in der Bevölkerung

auch nicht die leiseste Spur aufrührerischer Erregung, sondern nur

tiefe Ergriffenheit und resignierte Trauer auf allen Gesichtern sah.

In dichten Haufen standen die Leute aus dem Kleinbürgerstande auf den

Straßen zusammen und besprachen die entsetzliche Nachricht aus Wien.

Diejenigen, welche den Dahingeopferten persönlich gekannt hatten,

fielen einander weinend in die Arme. Die scheinbar ohnmächtigen Thränen

waren nicht unfruchtbar für die Neugestaltung Deutschlands. Jede

große Sache muß ihre Märtyrer aufweisen können, deren Glorienschein

für kommende Geschlechter als Gedenkzeichen und unvergängliche

Ermahnung wirkt. Ungarn, Österreich, Deutschland befanden sich vor

fünfzig Jahren in einem Krieg zwischen vorwärts strebenden Völkern

und rückwärts drängenden Regierungen. Der Krieg schlug anfangs zum

Vorteil der Reaktion aus. Diese hatte unrecht, die Kriegsgefangenen

durch den Strang oder durch Pulver und Blei des Lebens zu berauben. Die

standrechtlichen Hinrichtungen, wo sie auch nach dem Siege der Reaktion

ausgeführt wurden, haben nirgends den Eindruck eines vollzogenen

Rechts, sondern eher den persönlicher Rache gemacht; sie haben nicht

gehindert, daß in Ungarn, in Österreich, in Deutschland die vorwärts

strebenden Völker einen gewaltigen Schritt vorwärts gethan, und daß die

vormärzlichen politischen Zustände beinahe zu einem Mythus geworden

sind.

Am 9. November war Robert Blum in der Brigittenau erschossen worden;

einen Tag vorher hatte General Wrangel, als Befehlshaber der Truppen in

den Marken, seinen Einzug in Berlin ohne Widerstand ausgeführt, einige

Tage später verhängte er den Belagerungszustand über die preußische

Hauptstadt, die Bürgerwehr wurde zur Ablieferung ihrer Waffen

aufgefordert, die Nationalversammlung geschlossen und nach Brandenburg

verlegt. Ihre letzte Handlung war der Beschluß der Steuerverweigerung.

Er blieb ein Schlag ins Wasser. Was im 17. Jahrhundert in England unter

ganz anderen Verhältnissen sich als wirksam erwiesen hatte, machte

zwei Jahrhunderte später keinen Eindruck mehr. Die Regierung forderte

momentan keine +direkten+ Steuern ein, und die wohlhabenden

Bürger, welche ins Gewicht fallende direkte Steuern zu bezahlen hatten,

waren reaktionär geworden; sie sehnten sich nach „Ruhe und Ordnung,“

nach Belebung der stockenden Geschäfte. In den breiteren Volksschichten

hatte man die Augen nach Frankfurt gerichtet, man war auf die

neue Reichsverfassung gespannt, die aus dem Professorenparlament

hervorgehen sollte.

Ich wollte mich selbst von dem Stand der Dinge überzeugen und ging nach

der Erklärung des Belagerungszustandes auf einige Tage nach Berlin. Am

Anhalter Bahnhof wurde ich wie alle Reisenden nach dem Paß gefragt.

Ich hatte keinen, nannte mich aber. Einem Herrn mit einem blauen Fez

auf dem Haupte gefiel es, zu betätigen, daß ich der sei, für den ich

mich ausgegeben. Man ließ mich ein. Einer der ersten, denen ich auf

meinem Wege in die Stadt begegnete, war Johann Jakoby. „Sie wollen

doch hier nichts anfangen?“ rief er mir erschrocken zu. Die Frage war

sehr bezeichnend für jene Tage. „Durchaus nicht!“ konnte ich mit gutem

Gewissen antworten. Jakoby und seine Freunde erwarteten alles von ihrem

Steuerverweigerungs-Beschluß. Vollständig aufgeklärt über den Stand der

Dinge kehrte ich nach wenigen Tagen nach Leipzig zurück.

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XVII.

Reise nach Heidelberg und Köln.

Der Winter nahm meine Thätigkeit als leitendes Mitglied des

Centralkomitees vollauf in Anspruch. Ich besorgte die Redaktion der

„Verbrüderung,“ indem ich den größten Teil des Inhaltes dieses zweimal

wöchentlich ausgegebenen Blattes selbst schrieb, mich an der Gründung

oder Förderung einiger Produktiv-Associationen beteiligte und in

mehreren deutschen Städten, in Dresden, Altenburg, Magdeburg, Nürnberg,

Heidelberg, Mainz, dort veranstalteten Versammlungen präsidierte oder

durch Vorträge den Anschluß großer Gebietsteile Deutschlands an die

allgemeine „Verbrüderung“ herbeiführte. In Preußen und Sachsen waren

nach und nach sämtliche Bezirksvereine dem Bunde beigetreten, fast jede

Nummer der „Verbrüderung“ brachte Mitteilungen über die Fortschritte

der Organisation. So kamen wir in Norddeutschland ohne besondere

Anstrengungen dem Ziele täglich näher. Schwieriger war die Aufgabe

der Überbrückung der Mainlinie. Auch sie gelang dank dem Umstande, daß

in Heidelberg ein Distrikts-Kongreß für den 28. und 29. Januar 1849

angeschrieben wurde, auf welchem hauptsächlich die Arbeitervereine

Badens, Rheinhessens und der Rheinpfalz vertreten waren, zu dem aber

auch das Centralkomitee in Leipzig eingeladen wurde, weil es sich darum

handelte, über eine ganz eigentümliche, von dem Kasseler Professor

Winkelblech gepredigte Lehre eine Entscheidung herbeizuführen. Von

dieser Entscheidung hing der Anschluß Süddeutschlands an die allgemeine

„Verbrüderung“ ab.

Winkelblech war ein Meteor, das im Bewegungsjahre am dunklen

Nachthimmel des deutschen Zunftwesens plötzlich erschien, um in

raschem Niederfall zu versinken und zu erlöschen. Nur in einem

Lande wie Deutschland, das in seiner ökonomischen Entwicklung neben

der gesetzlich eingeführten, den Ideen der Neuzeit zugestandenen

Gewerbefreiheit die mannigfaltigsten Gestaltungen des mittelalterlichen

Zunftwesens fortleben ließ, konnte eine Prophetennatur wie Winkelblech,

wenn auch nur auf einige Wochen, Gehör finden und eine Rolle spielen.

Der Mann war Professor an einer höheren Gewerbeschule zu Kassel, las

über Chemie und Technologie und that keinen Menschen etwas zu lieb

noch zu leide, als er -- das wurde sein Verhängnis -- auf einer Reise

in Norwegen mit einem deutschen Fabrikarbeiter zusammentraf, der,

wie es scheint, in beredten Worten sein schweres Elend ihm darlegte.

Ergriffen von den Leiden des arbeitenden Volkes, fühlte Winkelblech

plötzlich den heiligen Beruf in sich, den Mühseligen und Beladenen

ein Retter und Erlöser zu werden. Lykurg, Solon, Moses galten ihm

als Gesetzgeber, die von einer himmlischen Macht geleitet, aus der

Tiefe ihrer Seele das große, einheitliche System sich gegenseitig

unterstützender und ergänzender Einrichtungen schufen, mit denen

sie ihre Völker aus der Verworrenheit zogen und über andere Völker

emporhoben. Der Gedanke, daß diese Männer aus der Erkenntnis der

geschichtlich entstandenen, auf besonderem Boden gekeimten und

allmählich zum Wachstum gelangten materiellen Bedürfnisse und einer mit

diesen eng verflochtenen Geisteskultur ein in seinen Grundzügen schon

vorhandenes wirtschaftliches und staatliches System aufbauten, lag

Herrn Winkelblech fern. Er sah nicht ein, daß jene großen Intelligenzen

die zerstreuten Ideen einer neuen Zeit in sich zu einer Leuchte

sammelten, die sie ihren erstaunten Volksgenossen vorantrugen; ihm

waren sie mit göttlicher Gewalt ausgestattete Propheten, und er selber

glaubte sich zur Schöpfung eines in seinem Gehirn gereiften solonischen

Werkes berufen.

Die Dichtungen der deutschen Romantiker hatten das gesamte Leben des

Mittelalters mit seinen ständischen Gliederungen in eine bestrickende,

den Wirklichkeitssinn ertötende zauberhafte Mondscheinbeleuchtung

gesetzt. Arnims „Kronenwächter“, nahm man als ein Bild des Mittelalters

hin, Hoffmanns „Meister Martin und seine Gesellen“ galt für die

beste Darstellung der wirtschaftlichen Verhältnisse vergangener

Zeiten; eine schönfärberische Poesie überwucherte die gewissenhafte

Forschung, sie berauschte die Geister und erschwerte die Arbeit

derjenigen, die ohne Voreingenommenheit der Wahrheit dienen wollten.

Professor Winkelblech war ein Prophet und ein Romantiker auf einem

Gebiet, das alle Romantik und alles Prophetentum ausschließt. Als

Prophet wollte er natürlich alles Elend auf Erden ausrotten, alle

Menschen glücklich machen, als Romantiker glaubte er alles Heil auf

dem Wege zu finden, der zurückführt in die dichterisch verklärten

Hallen des erneuerten mittelalterlichen Zunftwesens. Ihm war die

moderne Produktionsweise, das Fabrikwesen mit den himmelanstrebenden

Schloten, den millionenreichen Herren und den bettelarmen hungernden

Arbeitern ein Greuel, er war von einem starken Haß gegen die

Unternehmer erfüllt, doch sah er nicht ein, daß der moderne Fabrikherr

ein notwendiges Glied in der neuen Gesellschaft war, die aus der

Befreiung des dritten Standes von feudalistischen Staatseinrichtungen

hervorgehen mußte, und daß diese neue Gesellschaft und ihre auf dem

„freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte“ beruhende Produktionsform

eine große Masse von Gütern geschaffen, welche dem vierten Stande zu

Gute kamen, seine Lebensstellung hoben und ihn erst jetzt zu einem

Kampfe für seine Selbstständigkeit befähigten. Er sah nicht ein, daß

man zu einer geschichtlich überwundenen wirtschaftlichen Periode

unmöglich zurückkehren kann, und so gelangte er zu dem Irrtum,

einer zunftmäßigen, von ihm in verführerischen Farben dargestellten

Organisation das Wort zu reden, die den Bedürfnissen der Zeit durchaus

nicht mehr entsprach. Diese „christlich-germanische“ Organisation

glaubte er durch Ideen französischer Sozialisten modern ausschmücken

zu können. Er blieb immerhin ein bedenklicher Reaktionär, da er als

Romantiker sogar für das absolute Königtum im Sinne Friedrich Wilhelms

IV. sich begeisterte und so den Verdacht gegen sich erregte, daß er

damit sich eine Unterstützung und hohe Protektion von allerhöchster

Seite sichern wollte.

Professor Winkelblech entwickelte sein System in Heidelberg. Ich trat

nach ihm auf, um ihn zu widerlegen. Ich muß es, wie die Zeitungen

darüber berichteten, sehr gründlich gethan haben; die ganze, zahlreiche

Zuhörerschaft, die nicht bloß aus den Vertretern süddeutscher

Arbeitervereine, sondern auch aus den Professoren und Studenten der

Heidelberger Universität bestand, rückte nach und nach auf meine Seite,

Winkelblech fühlte sich abgelehnt, er war in dem großen Redekampf

unterlegen und wartete den zweiten Debattiertag nicht ab. Der Anschluß

der süddeutschen Arbeitervereine an die Verbrüderung wurde als Ergebnis

des Kongresses laut proklamiert.

Die Mainzer Kongreßmitglieder, zwei Brüder Stumpf, luden mich ein, auf

einige Tage ihre Gastfreundschaft anzunehmen. Ich willigte ein. Sie

führten mich am ersten Abend in den dortigen demokratischen Verein.

Der sehr große Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch das

schöne Geschlecht war reichlich vertreten. Es schien etwas verabredet

worden zu sein. Nach Abfertigung einiger kurzen Vereinsgeschäfte

ersuchte mich der Vorsitzende, der Versammlung, die mir gewiß dafür

dankbar sein würde, Bericht über den Heidelberger Kongreß abzustatten.

Das that ich. Ich habe nie eine aufmerksamere Zuhörerschaft gehabt.

Als ich nach einer Stunde geschlossen hatte und mich von allen Seiten

umdrängt sah, trat plötzlich mein alter Freund Wallau an mich heran,

um mir die Hand zu drücken. Wir hatten vor anderthalb Jahren die

Deutsche Brüsseler-Zeitung gesetzt. Er war jetzt Besitzer einer kleinen

Buchdruckerei mit einer einzigen Handpresse. Wallau entwickelte sich

rasch zu einer hervorragenden Persönlichkeit in seiner Vaterstadt, er

ist als Oberbürgermeister von Mainz gestorben.

Einmal in Mainz, wollte ich auch die Männer der „Neuen Rheinischen

Zeitung“, Marx, Engels, Wolf ~e tutti quanti~ wiedersehen. Wer

heute die gehässigen Worte liest, mit denen Engels vierzig Jahre

später meiner gedenkt, muß wohl meinen, daß die Häupter der Partei

längst mit mir gebrochen hatten. Das war durchaus nicht der Fall.

Schließlich hätten sie mir keinen anderen Vorwurf machen können, als

den, daß ich, ohne ihr Kommandowort einzuholen, ganz und gar auf

eigene Faust gehandelt hatte. Aber niemand gab mir nur durch eine

Miene irgend welche Unzufriedenheit zu erkennen. Marx nahm mich aufs

freundlichste auf, ebenso Frau Marx. Sie ließen mich nicht in ein Hotel

einkehren, sie betrachteten mich als ihren Gast. Und da fällt mir eine

Bemerkung ein, die Marx bei Tische machte, und die wohl, weil sie

für seine Art und Weise charakteristisch ist, festgehalten zu werden

verdient. Zum erstenmale kam in meiner Gegenwart das Gespräch auf

Familienverhältnisse. Es war die Rede von der politischen Stellung des

Herrn von Westphalen in dem Revolutionsjahr, er war ein ausgesprochener

Reaktionär. „Dein Bruder“, sagte lachend Marx zu seiner Frau, „ist

so dumm, daß er noch einmal preußischer Minister wird.“ Frau Marx,

die über diese mehr als freimütige Bemerkung errötete, lenkte das

Gespräch auf einen andern Gegenstand. Die Prophezeiung ihres Mannes ist

bekanntlich eingetroffen. Ich habe einige Jahre später mich manchmal

jenes Wortes erinnert und dabei an den Gegensatz zwischen den beiden

Geschwistern gedacht. Er der höchste Staatsbeamte in der Zeit der

härtesten Reaktion und deren willigster Diener; sie im Exil und nur zu

oft die Beute der drückendsten Lebenssorge, doch treu sich anschließend

an den Gegenpol ihres Bruders, von dem eine Welt sie für immer schied.

Mich berührte der Gedanke daran stets als tief tragisch.

Am andern Morgen besuchte ich die Herren der Redaktion. Engels,

jedenfalls der Hauptarbeiter in derselben, denn keiner besaß wie

er eine so große Leichtigkeit der Produktion, machte sich ein

Viertelstündchen frei, um mit mir wie in früheren Zeiten ein wenig zu

plaudern, richtiger gesagt, um mir sein Herz auszuschütten. Er war

nicht zufrieden. Nur Wilhelm Wolf, der schlesische Bauernsohn, der

in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ dem hohen feudalen Adel seiner

Provinz allen Raub vorrechnete, den dieser an dem ihm unterworfenen

armen Landvolk begangen, fand Gnade vor ihm. Der zweite Wolf, ein

verbummelter und verkommener Litterat, der, man weiß nicht wie und

warum, unter die Kommunisten geraten war, kam mit den geringen

Nebenarbeiten, die man ihm auftrug, niemals nach. Wenn er eine halbe

Stunde an einer Übersetzung gedrechselt hatte, erhob er sich mit

verzweiflungsvoller Miene von seinem Stuhl und seufzte: „Ich le-ide“,

nach dem kölnischen Dialekt das ei in zwei Vokale trennend. Am

bittersten klagte Engels über Marx. „Er ist kein Journalist“, sagte er,

„und wird nie einer werden. Über einem Leitartikel, den ein anderer in

zwei Stunden schreibt, hockt er einen ganzen Tag, als handle es sich um

die Lösung eines tiefen philosophischen Problems; er ändert und feilt,

und ändert wieder das Geänderte, und kann vor lauter Gründlichkeit

niemals zur rechten Zeit fertig werden.“ Es war Engels eine wahre

Erleichterung, das was ihn ärgerte, einmal aussprechen zu können. Im

Grunde aber hatte er einen tiefen Respekt vor Marx, den er als einen

ihm überlegenen Geist stets anerkannte. Und wenn es Marx, der sehr

zum Jähzorn geneigt war, auch zeitweise für geboten erachtete, ihn an

seinen Platz zu stellen -- er hatte ihn einmal in meiner Gegenwart

einen Elberfelder Gassenjungen gescholten und darauf die Thür hinter

sich zugeschlagen -- so erwiderte wohl Engels: „Das werde ich ihm

gedenken!“ Indessen, er dachte nicht lange an das Vorgefallene.

Erinnerungen eines Achtundvierzigers · 第 9 / 14 段