seit dem jetzt verflossenen halben Jahrhundert ein neuer Geist die
Herrschaft über die Bevölkerung aller europäischen Staaten gewonnen
hat. Der „um seine Emanzipation kämpfende vierte Stand,“ wie der
Exminister Herr von Berlepsch sich kürzlich ausdrückte, ist zu einer
Macht geworden, die von Jahr zu Jahr an Stärke zunimmt, damit aber
an revolutionärem Charakter verlieren muß. Revolutionär sind nur
diejenigen, die noch um die ersten elementaren Rechte des Staatsbürgers
kämpfen müssen. Revolutionär waren die mit dem allgemeinen Stimmrecht
noch nicht ausgestatteten Barrikadenkämpfer des 24. Februar, des 13.
und 18. März 1848, revolutionär die Arbeiter, welche gemeinsam mit
der Bourgeoisie für die Einheit Deutschlands kämpften. Mit jedem
Stück, das erreicht worden, mußte sich der revolutionäre Charakter der
Bewegung abschwächen. Reden in dem Ton, wie sie einst Hasenclever und
andere vor einigen Jahrzehnten noch gehalten, sind für Deutschland
heute vollständig veraltet. Diejenigen politischen Rechte, die dem
„vierten Stand“ noch vorenthalten sind, wird er auf friedlichem Wege
und in nicht allzu langer Zeit besitzen; darüber erhitzt sich niemand
mehr. Auf dem politischen Gebiet ist ein großes Terrain gewonnen
worden. Nicht den geringsten Fortschritt hingegen in der Eroberung
der Geister haben die kommunistischen Ideen gemacht, wie sie das von
Marx und Engels unterzeichnete Manifest vom Ende des Jahres 1847
entwickelt. Verfolgt man übrigens die Vorreden zu diesem Manifest,
(die erste ist vom Jahre 1872, die letzte vom Jahre 1890) so erkennt
man darin auch, daß die Verfasser dieses historisch hochinteressanten
und wichtigen Aktenstückes, zuletzt der Marx überlebende Engels, an
dem ursprünglich gewählten Ausdruck „kommunistisch“ selbst nicht
mehr absolut festhalten. In jener Vorrede des Jahres 1890 heißt es:
„Derjenige Teil der Arbeiter, der von der Unzulänglichkeit bloßer
politischer Umwälzungen überzeugt, eine gründliche Umgestaltung der
Gesellschaft forderte, nannte sich damals (1847) +kommunistisch+.
Es war ein nur im Rauhen gearbeiteter, nur instinktiver, manchmal etwas
roher Kommunismus, aber er war mächtig genug, um zwei Systeme des
utopistischen Kommunismus zu erzeugen, in Frankreich den „ikarischen
Cabets“, in Deutschland den von Weitling. Sozialismus bedeutete
1847 eine Bourgeois-Bewegung, Kommunismus eine Arbeiter-Bewegung:
Der Sozialismus war, auf dem Kontinent wenigstens, salonfähig, der
Kommunismus war das gerade Gegenteil. Und da wir schon damals sehr
entschieden der Ansicht waren, daß „die Emanzipation der Arbeiter
das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muß,“ so konnten wir keinen
Augenblick im Zweifel sein, welchen der beiden Namen zu wählen. Auch
seitdem ist es uns nie eingefallen, ihn zurückzuweisen.“
So schrieb Engels am 1. Mai 1890. „Kommunistisch“ nannte er also das
von ihm und Marx 1847 verfaßte Manifest, weil der Sozialismus angeblich
damals schon salonfähig in der Bourgeoisie war. Wir können die eben
zitierten Worte nicht ohne weiteres hingehen lassen. Der „utopische
Kommunismus“ war weder in Frankreich noch in Deutschland vor 1848
so verbreitet, daß er dort die Aufstände von 1834 in Lyon und die
Februarrevolution von 1848 in Paris, in Berlin den Aufstand vom 18.
März 1848 hätte hervorrufen können. Die kleine Sekte der Cabetisten
kam gar nicht in Betracht in einem Lande, wo der Arbeiter seit der
großen französischen Revolution, gewissermaßen von der Tradition
geleitet, um seine politische Gleichberechtigung und um eine Erhöhung
seines gesamten Lebensstandes in den Kampf ging; von Weitling war
kaum der Name in die Arbeiterkreise Deutschlands gedrungen. Als er
1848 in Berlin erschien und dort eine Rolle zu spielen versuchte,
wurde er kaum beachtet. Nicht die Urheber kommunistischer Systeme,
die mit ihren Ideen über einen kleinen Kreis von ein paar hundert
Menschen nicht hinausgedrungen waren, haben 1848 die Arbeiter-Bewegung
gemacht, sondern, wie es in der eben zitierten Vorrede verlangt wurde,
so geschah es in Wirklichkeit: Die Emanzipation der Arbeiter, ohne
Anerkennung, ja ohne Kenntnis irgend eines in festen Formen vorhandenen
sozialistischen Systems, war das Werk der Arbeiter selbst, sie wird
auch ihr Werk bleiben. Die Anschauung stimmt ja auch zu der im Manifest
dargelegten historischen Entwickelung des Klassenkampfes.
Es ist meiner bescheidenen Ansicht nach ein großer Widerspruch
in der Marx’schen Theorie, daß diese auf dem im vorigen
Jahrhundert zuerst aufgetretenen, heutzutage in das Bewußtsein
aller Mitlebenden übergegangenen Entwicklungsgedanken beruht und
dennoch dem geschichtlichen Werdegang nicht die Gestaltung der
Zukunft anheimstellt, sondern schon vor fünfzig Jahren von einer
unausbleiblichen kommunistischen Gesellschaft spricht, in welcher,
weil dann die Klasse der Lohnarbeiter zur Herrschaft gelangt wäre,
aller Klassenkampf überhaupt aufhören würde. Dieser Gedanke, er
mag von nationalökonomischem Gesichtspunkte aus noch so geistreich
begründet worden sein, lebt heute ebensowenig wie vor fünfzig Jahren im
Bewußtsein des Volkes. Der Glaube, den Entwicklungsgang der Menschheit,
als unterliege er wie der Gang der Gestirne unfehlbaren mathematischen
Gesetzen, in mehr als allgemeinen Linien vorausbestimmen zu können,
ist sicher ein Irrtum. Wo man es mit dem Menschen zu thun hat, da
ist man niemals im Besitz aller Faktoren, die in Rechnung gezogen
werden müßten, wollte man ein genaues Ergebnis aus der Betrachtung
seiner individuellen und seiner nationalen Rolle im Haushalt der Natur
ziehen. Gewisse, das Gesamtergebnis beeinflussende Faktoren wird man
immer übersehen oder man wird als konstantes Element das angesehen
haben, was nur eine vorübergehende Erscheinung war. Wie bestechend
auch die Marx’sche Weltbetrachtung sein mag, die alles was ist, aus
wirtschaftlichen Ursachen erklärt, so ist sie sicher nicht das letzte
Wort der Philosophie der Geschichte. Die den Entwicklungsgang der
Menschheit bestimmenden Impulse und Ideen entspringen wohl aus dem
materiell gebundenen menschlichen Organismus, aber einmal in der Welt
wirksam, setzen sie ihr eigenes, unvergängliches Leben Jahrhunderte
hindurch fort, bis sie modifiziert oder von anderen Ideen abgelöst
werden, die wiederum Kinder der Not und des Zeitbedürfnisses, die
Herrschaft mit dem rein stofflichen Alltagszwang teilen, ja, in großen
Entwicklungsmomenten sie vorübergehend ganz allein übernehmen.
[Illustration]
[Illustration]
XIV.
Der erste deutsche Arbeiterkongreß. „Die Verbrüderung.“
Auf den 6. April 1848 berief ich mit einigen Freunden in Berlin eine
Arbeiterversammlung, deren Vorsitz zu übernehmen ich ersucht wurde.
Die Berliner Zeitungen rühmten die große Ordnung, die bei aller
Lebendigkeit und Frische der Verhandlungen in dieser Versammlung
waltete. Gegenüber einigen in Hamburg und Mainz verunglückten
Versuchen, sich über ein Programm zu verständigen, gelangte man zu dem,
was zunächst notwendig war, zum Beginn einer Organisation.
Die Deputierten der verschiedenen Gewerke bildeten auf meine Anregung
aus sich heraus ein Centralkomitee, das seinerseits einen Ausschuß von
fünf Mitgliedern zur Ausarbeitung von Vorlagen an jenes Centralkomitee
wählte. Erst die von diesem genehmigten oder modifizierten Vorlagen
sollten an die Deputationsversammlungen und von diesen an die
einzelnen Gewerke und Arbeiterklubs gehen. Jeder Versuch, diesen Beginn
einer Organisation zu stören, wurde abgewiesen, auch ein solcher des
wohlmeinenden Geheimrats Lette, der an der Spitze eines „Vereins
für das Wohl der arbeitenden Klassen“ gestanden und in humanitären
Unternehmungen manches Gute geleistet hat. Er wollte uns überreden,
die beabsichtigte Organisation in Verbindung mit den Unternehmern
auszugestalten. Nachdem er schon -- ich folge hier dem Buche Dr. Georg
Adlers[B] -- durch ein Flugblatt hierauf hinzuwirken gesucht, erschien
er persönlich in einer der Deputationsversammlungen der Arbeiter und
trug seine Ansichten vor. Er wurde aber von mir in die Minderheit
gebracht, indem ich darauf hinwies, daß eine im Interesse der Arbeiter
liegende Verständigung mit den Unternehmern nur dann möglich sei,
wenn die ersteren zuvor gesondert ihre Interessen gewahrt hätten, da
sonst der Einfluß der Unternehmer dominieren oder mangels Einigung gar
keine Beschlußfassung zustande käme: „Gründe“, sagt Dr. Adler, „deren
Berechtigung viele Jahre später noch im Reichstage vom preußischen
Staatsminister von Bötticher anerkannt wurden (gelegentlich der
Beratung der im Unfallversicherungs-Gesetzentwurf vorgesehenen
Arbeiterausschüsse.)“ Diese Gründe leuchteten auch den Arbeitern ein
und sie verwarfen demgemäß Lettes Vorschläge.
Der erste deutsche Arbeiterkongreß, der nach mehrtägigen ernsten
Beratungen ein im wesentlichen den Anforderungen jener Zeit
entsprechendes Programm aufstellte und dessen Organisationsplan nach
und nach in einem beträchtlichen Teil Deutschlands angenommen wurde
und die Grundlage für die späteren Parteiverbindungen abgab, wurde von
mir am 23. August eröffnet. Auf meinen Antrag wählte die Versammlung
ein Mitglied der Nationalversammlung, den ehrwürdigen Professor Nees
v. Esenbeck, Delegierten des Breslauer Arbeiter-Vereins, zum ersten
Präsidenten. Zum zweiten Präsidenten wurde ich, zum Protokollführer
Bisky gewählt. Die Arbeiten dieses Kongresses dauerten bis zum 3.
September. Das Ergebnis derselben umfaßt eine Broschüre, die unter
den aus jener Zeit erhaltenen Dokumenten ohne Zweifel noch in einigen
Exemplaren sich vorfindet. Sie enthält die Statuten der von dem
Kongreß gegründeten Arbeiter-Verbrüderung, zugleich die Forderungen
jenes Kongresses, sein Programm. Es kann nicht auffallen, daß in
diesem ersten Kongreß einige Gedanken, die vor einer strengen Kritik
nicht bestehen können, trotz lebendigster Redekämpfe schließlich um
des lieben Friedens willen in dem Aktenstück stehen geblieben sind,
das dennoch, alles in allem, für jene Zeit einen großen Sieg über
säkuläre, von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzte Vorurteile
bedeutet. Schon der einzige Abschnitt über Volkserziehung und Schule
zeigt, wie sehr der Horizont des arbeitenden Volkes sich nach jenen
Gewittertagen des März geklärt hat. Gar manche der in diesem Abschnitt
damals aufgestellten Forderungen warten in dem einen und andern
deutschen Staat noch heute ihrer Verwirklichung. Wirtschaftlich
weist das Programm mit Nachdruck auf die Gründung von Konsum- und
Produktivgenossenschaften und auf Beteiligung des Arbeiters am Gewinn
des Unternehmers hin. Im Gegensatz zu Schulze-Delitzsch, der allein
auf Selbsthilfe rechnete, wird in der „Verbrüderung“ die Staatshilfe
in Aussicht genommen. Gewiß, weder die Selbsthilfler noch die
Staatshilfler haben bis zur Stunde an Stelle der alten Gesellschaft
eine ganz neue Gesellschaft mit ausschließlich kollektivistischer
Produktionsform gesetzt. Das beweist nur, daß bis zur Stunde die
Bedingungen zur Herstellung einer die Produktionsform der freien
Konkurrenz ablösenden anderen Produktionsform nicht vorhanden
waren, daß eine so ungeheure wirtschaftliche Wandlung, wie sie von
einer Seite gefordert wird, eine vollständige Wandlung menschlicher
Geistesrichtung, um nicht zu sagen der menschlichen Natur voraussetzt,
und deshalb, wenn sie überhaupt stattfinden soll, einen sehr großen
Zeitraum zu ihrem Vollzuge voraussetzt. Bei solchen Kongreßbeschlüssen
kann es sich ja selbstverständlich nur um praktische, in absehbarer
Zeit zu verwirklichende Aufgaben einer Partei handeln. Die Zeit
selber, welche stets mit unerwarteten neuen Faktoren auftritt, wirkt
nach und nach mit einem gebieterischen „Du mußt!“ ihrerseits mit und
führt nur zu häufig allzu kühne Vorausberechnungen ~ad absurdum~.
Das wichtigste Resultat des Kongresses war jedenfalls die aus ihm
hervorgegangene, sich ziemlich rasch aufbauende Organisation des
vierten Standes.
Sonderbar erscheint mir heute der vom Geometer Schweninger formulierte
und wider alles Erwarten durchgegangene Vorschlag der Wahl besonderer
Komitees in den Bezirks-Vereinen, welche den Minimallohn bestimmen,
die Löhne der Arbeiter von den Unternehmern einkassieren und an die
Arbeiter zur Auszahlung bringen sollten. Letzteres bezweckte die
Möglichkeit eines zehnprozentigen Abzuges vom Lohne zur Gründung einer
Kreditbank, aus deren Mitteln der Bund Häuser und Äcker zur Benutzung
für die Arbeiter zu erwerben gedachte. Dieser Vorschlag gründete
sich auf ein Experiment, das nach Schweningers Bericht bei einem
Unternehmen in Westfalen auf dem Wege der Ausführung sich befand. Im
Grunde schwebte dem Kongreß die Gründung von Produktivgenossenschaften
mit Staatshilfe als das Nächstliegende vor. Solche Genossenschaften,
so rationell sie erscheinen, werden der Staatshilfe noch lange
entbehren, es sei denn, daß sie durch ihre geschäftliche Führung und
ihre Leistungen ein Vertrauen sich erworben haben, welches freilich
an sich schon ihnen den Kredit einer Bank sichern sollte, so daß
sie, wie daraus zu schließen wäre, auch ohne Staatshilfe bestehen
könnten. Diesen Genossenschaften fehlte es bis jetzt in der Regel an
der höheren kaufmännischen Leitung. Man sollte meinen, daß sie diese
unschwer erlangen müßten, sobald sie auf die gleiche Besoldung aller
Beteiligten verzichten und die unentbehrliche höhere Leistung auch
höher honorieren. Dann dürfte sich auch dem Mangel an Betriebskapital
abhelfen lassen. In England haben eine beträchtliche Anzahl von
Produktivgenossenschaften zu den schönsten Ergebnissen geführt.
Dabei stellte sich mehr und mehr die Thatsache heraus, daß im vierten
Stande selber eine Scheidung seiner mannigfaltigen Elemente zu Tage
tritt, sodaß die nicht den Genossenschaften angehörenden, auf einer
unteren Stufe stehenden Arbeiter an den Besserungen im Lebensstand
nicht teilnehmen und die Zahl der Paupers vermehren, aus denen nach
Ablauf einer geraumen Zeit ein fünfter, nach Erlösung trachtender Stand
sich gestalten wird. So will es augenscheinlich die Entwicklung der
Menschheit. Utopistisch erscheint bei dieser Erfahrung jedes System,
welches darauf ausgeht, die ganze leidende Menschheit auf einmal zu
vollkommener materieller Unabhängigkeit zu führen. Soweit man in die
Zukunft zu blicken vermag, bleibt immer ein großer Rest übrig, der nach
unsäglichen Anstrengungen sich endlich zur Freiheit durchringt, und
dieser Rest ist niemals der letzte.
Der Kongreß ernannte zum Schluß ein Centralkomitee für die deutschen
Arbeiter, welches die Aufgabe hatte, die beschlossene Organisation
überall da ins Leben zu rufen, wo sie Schwierigkeiten begegnete, und
da, wo sie begonnen hatte sie kräftigst zu unterstützen. Zu diesem
Zwecke sollte dem Centralkomitee eine zunächst zweimal wöchentlich
erscheinende Zeitschrift, „Die Verbrüderung“ dienen, welche die
Prinzipien der großen Arbeiterverbindung zu erläutern und zugleich
einen Sprechsaal für die arbeitende Klasse abzugeben hatte. Diese
Zeitschrift, von Anfang Oktober 1848 bis Anfang Mai 1849 von mir
redigiert, ist das einzige Dokument aus meiner Jugendzeit, das
sich in meinem Besitz erhalten hat. Indem ich es heute betrachte
und durchgehe, kann ich mich einer gewissen inneren Bewegung nicht
erwehren. Ein Jugendtraum voll warmer Hoffnungen und verlockender
erster Blütenansätze, eine Zeit raschen Entschließens und begeisterten
Handelns wird mit diesen vergilbten Blättern wieder lebendig für
mich, und sie enthalten weniges, das ich nicht geschrieben haben
möchte in jenen schönen Tagen reinster Selbstlosigkeit und gesegneter
Rücksichtslosigkeit, wo einem der Gedanke fern liegt, was wohl die
andern zu unserem Thun sagen mögen, wo wir, auf uns allein gestellt,
nur von dem einen Drang bestimmt werden, unsere Pflicht zu erfüllen und
alles übrige zu verachten.
Ich war mit zwei anderen Mitgliedern des Berliner Kongresses,
Schweninger und Kick, in das Centralkomitee gewählt worden, das seinen
Sitz in Leipzig aufzuschlagen hatte. Das Geschäftliche des von mir
redigierten Parteiorgans „Die Verbrüderung“ übernahm der Buchhändler
Ludwig Schreck, er ließ das Blatt bis zum 1. Januar, wo unsere erste
Assoziation, die Vereinsdruckerei, ins Leben trat, bei Brockhaus
drucken. Der vornehmste Leipziger Buchdrucker lieh seine Lettern und
seine Pressen zur Herstellung eines Arbeiterblattes her, das auf jeder
Seite seinen revolutionären Ursprung bekundete. Auch darin ist das bald
erloschene Frührot jener neuen Zeit zu erkennen.
[B] Die Geschichte der ersten sozialpolitischen Arbeiterbewegung in
Deutschland. Breslau 1885. S. 160.
[Illustration]
[Illustration]
XV.
In Leipzig. Bakunin.
Ich stand persönlich viel zu sehr in einem bestimmten Kreise der
Bewegung des Jahres 1848, um als deren Geschichtsschreiber auftreten
zu können. Was ich in dem Vorangegangenen gegeben habe, soll nichts
als ein kleiner Beitrag zu einer von jüngeren Schriftstellern zu
erwartenden Darstellung einer aus dem Chaos sich mühsam losringenden
neuen Zeit sein. Ich beschränke mich möglichst darauf, die Atmosphäre
zu kennzeichnen, in der ich mit breiten Schichten des deutschen Volkes
damals geatmet habe. Das eigentümliche Kolorit jener stürmischen Zeit,
die Physiognomie mancher damals häufig genannten Persönlichkeit mag da
und dort aus dem anspruchslos Erzählten etwas greller hervortreten, als
mein leicht skizziertes Bild verträgt. Was thut’s? So muß ich heute
von Michael Bakunin sprechen, dem ich zuerst in Brüssel begegnet war,
als man ihn wegen einer an der Revolutionsfeier der Polen gehaltenen
Rede aus Paris ausgewiesen hatte. Dieser furchtbare Revolutionär, der
Begründer des Nihilismus und Anarchismus war im Grunde ein hundert
Kilo schweres, naives Kind, ein ~enfant terrible~, wenn man will,
immerhin ein ~enfant~. Die Naivetät, mit der er sich durch alle
Krümmen des Lebens durchzuschlagen wußte, hatte für Leute anderer als
russischer Nationalität etwas geradezu Verblüffendes. Wo ein Deutscher
nicht aus noch ein gewußt hätte, kam er sorglos weiter. Und dabei
vergab er sich nie etwas, er blieb in jedem Falle ein Mann der guten
Gesellschaft, ein Gentleman. Der Kummer hat in dieses runde Gesicht
mit den funkelnden Augen nie eine Furche gegraben. Seinem Aussehen
nach war er stets ein Mann in den besten Jahren. Ob er vierzig oder
fünfzig oder noch mehr zählte, das war ihm nicht anzusehen. Ich sah
ihn einige Zeit nach seiner Flucht aus der sibirischen Verbannung in
Bern wieder. Seit unserem Zusammentreffen in Leipzig und Dresden waren
wohl an die fünfzehn Jahre vergangen. Bakunin sah unverändert aus.
Nur etwas rühriger, lebhafter in seinen Bewegungen, unruhiger war er
geworden. Dies war wohl daher gekommen, daß er einen Hof von jungen
Russen und Polen um sich hatte, die ihn als eine Art Propheten und
Heiland betrachteten. Diese Rolle mochte ihm unbequem sein und ihm die
Unbefangenheit und natürliche Heiterkeit nehmen, die ihn früher nie
verlassen hatte. Einem systematischen Denker wie Marx mußte dieser alte
Knabe, der aus allen philosophischen Töpfen geschleckt und bei seinem
robusten Naturell niemals gemerkt hatte, wie sehr er sich dabei den
Magen verdorben, notwendig antipathisch sein. Bakunin war dies nicht
verborgen geblieben, und er ging ihm aus dem Wege. Mit mir knüpfte
er in Brüssel an, um sich über dies und jenes Auskunft zu holen. Ein
näheres Verhältnis konnte sich zwischen uns nicht entspinnen, ich war
ihm zu jung, er war mir eine zu fremdartige Erscheinung. Er blieb nach
der Februar-Revolution nicht in Paris, nach dem 18. März ging er nach
Berlin. Von dort, der deutschen Stadt aus, betrieb er die Organisation
des Prager Slavenkongresses, auf dem die Vertreter der einzelnen Länder
bekanntlich deutsch sprechen mußten, um sich zu verstehen.
Wir haben uns in Berlin öfter gesehen. Eine Szene, in welcher er eine
durchaus unpolitische, aber für seine Natur sehr charakteristische
Rolle spielte, ist lebendig in meiner Erinnerung geblieben. Es war
in dem engen Hinterzimmer eines Berliner Cafés. Wir waren etwa ein
Dutzend Gäste, von denen die meisten, wie z. B. d’Ester aus Köln, Stein
und Elsner aus Breslau, der preußischen Nationalversammlung angehörten.
Da machte einer den Vorschlag, einen russischen Punsch zu bereiten und
Bakunin übernahm diese Aufgabe. „Ich werde Euch einen Hohenstaufen
machen,“ rief er aus. „Chochenstaufen“ klang das Wort in seinem Munde,
er sprach das h wie ch aus. „Mit diesem Trank im Leibe seht Ihr Chelena
in jedem Weibe!“ Man brachte ihm auf seine Anordnung die verlangte
Quantität Rum, Zucker, mancherlei Gewürz dazu und einen tiefen
kupfernen Kessel. Bakunin zündete den Rum an, löschte die Lichter aus,
den Rock hatte er abgelegt, die Hemdärmel aufgerollt, und nun rührte
der Riese mit breitem Löffel in den bläulichen Flammen, in deren Schein
er wie ein Abgesandter der Hölle sich ausnahm, während wir andern mit
erdfahl beleuchteten Gesichtern seinem unheimlichen Treiben zuschauten.
„Den Teufel spürt das Völkchen nie,“ brummte er vor sich hin, „und wenn
er sie beim Kragen chätte!“ Wasser war für das Gebräu nicht vorgesehen,
als Abschwächungsmittel dienten einige Flaschen Rheinwein, die am
Schluß dem Ganzen zugesetzt und in den brennenden Rum gegossen wurden.
Der Trank wurde eingeschenkt, die Flamme im Kessel war erloschen,
die friedlichen Lichter erhellten wieder das Zimmer, man trank,
ein Rundgesang wurde angestimmt; ich habe niemals wieder einer so
plötzlichen Wirkung des Alkohols beigewohnt. Man wurde sehr -- lustig.
Es mag sonderbar klingen, daß in der Begegnung, die ich einige
Monate später mit Bakunin in Leipzig hatte, das Trinken wieder
eine Rolle spielte. An mir lag das sicher nicht. Polizeilich wurde
damals auf Bakunin gefahndet, der Prager Slavenkongreß, auf dem er
aufrührerische Reden gehalten, hatte die Veranlassung dazu gegeben. Die
Polizei war damals noch nicht wieder, wie unter dem alten Regiment,
sehr dienstbereit; die sächsische Regierung selber wünschte es
wahrscheinlich nicht anders. Bakunin hatte bei einem mir befreundeten
Buchhändler ein Asyl gefunden, es war entweder Ernst Keil oder Schreck
gewesen, der ihn unter sein gastliches Dach genommen. Ein großer
Saal, in welchem der Schützling täglich tausend Schritte abzählen
konnte, da er nicht ganz ohne Bewegung bleiben durfte, war da eine
wahre Wohlthat für ihn. Abends, „wenn die Sonne war gesunken,“ machte
er sogar einen Ausgang in den „goldenen Hahn“, wo er mit mehreren
Vertrauten unbehelligt sich einige Stunden unterhalten durfte. Eines
Tages hatten wir es unternommen, ihn nach einem benachbarten Orte zu
führen, wo er über die ihm gewordene kurze Freiheit so glücklich war,
daß er unverkennbar angeheitert auf dem Heimwege uns immer vorausrannte
und jeden ihm Begegnenden mit der lauten Frage anhielt: „Wo ist der
goldene Chahn?“ -- Ja, wo ist der goldene Chahn? Die Frage, in ihrer
russischen Aussprache, wirkte erst verblüffend, dann so ergötzlich auf
die Angeredeten, daß einer sie dem andern auf dem langen Wege in die
Stadt zurief. Aus jedem Munde erscholl sie mit einem Mal als die größte
und wichtigste aller Zeitfragen: „Wo ist der goldene Chahn?“ Und als
wir in dem trauten Absteigequartier endlich eintrafen, wurden wir unter
schallendem Gelächter mit der Frage begrüßt: „Wo ist der goldene Chahn?“
Nichts charakterisiert übrigens Bakunin besser als die folgenden
Zeilen, die wir dem 1890 erschienenen Buche „~Karl Vogt, par William
Vogt~“ entnehmen: Karl Vogt hatte in jungen Jahren Bakunin in Paris
kennen gelernt und mit ihm einen gemeinsamen Haushalt eingerichtet.
Der dauerte vierzehn Tage. Schon am dreizehnten war kein Heller mehr
in der gemeinsamen Kasse, und zu allem Unglück wurde ihnen der
Kredit im Restaurant gekündigt, weil Bakunin die legitime Gattin des
ehrenwerten Speisewirts zu sehr geplagt hatte. Was war nun zu thun? Der
Beutel leer und -- das allerschlimmste! -- der Vorrat an Zigarretten
völlig erschöpft. Die Tugend der Enthaltsamkeit behagte diesen
auserlesenen zwei Feinschmeckern durchaus nicht. Unbekannt in den
anderen Restaurants, konnten sie nicht daran denken, das Vertrauen der
Leute auf ihr ehrliches Gesicht hin zu gewinnen, besonders mit einem
Appetit, wie der ihrige war. Eine düstere Verzweiflung bemächtigt sich
nun Bakunins, der sich auf’s Bett hinwirft, um sein regelloses Leben,
seine Verschwendung zu beweinen. Über den Hunger konnte ihm selbst die
hochverehrte Hegel’sche Philosophie nicht hinweghelfen; da plötzlich
tritt der Briefträger mit einer Geldsendung für den Doktor Vogt ein.
Hurrah! Hier liegen drei schöne Bankbillets, jedes zu hundert Franken,
ein Reichtum, den der Verleger eines deutschen Fachblattes dem jungen
Naturforscher für seinen Bericht über die wissenschaftliche Bewegung
in der französischen Hauptstadt sendet. Am Abend, als Vogt, der sich
von seinem Freunde Emanuel Arago einen Louisd’or geliehen hatte, nichts
Arges ahnend, ins Zimmer tritt, ist er fast starr vor Entsetzen. Ein
gedeckter Tisch, Champagnerflaschen, und Bakunin, in einer Wolke von
Tabakrauch, hält eine Rede an fünf oder sechs Polinnen, um zum Schluß
einer jeden auf das Galanteste ein Paar Handschuhe zu überreichen. Man
aß gut, man trank viel, am andern Morgen aber war kein Maravadi mehr im
Beutel. Vogt brach die gemeinsame Wirtschaft ab. --
Bakunin war nicht übelnehmerisch, doch ging er nach seinem Exil in
Sibirien nicht mehr zu Karl Vogt, der bekanntlich in einen bösen Streit
mit den Sozialisten geraten war. Bakunin konnte es ihm nicht verzeihen,
daß sein Jugendfreund eine seiner Parteireden in folgenden Versen
persifliert hatte.
„Wir wollen uns in Schnaps berauschen,
Wir wollen unsre Weiber tauschen,
Und aufgelöst sei Mein und Dein.
Wir wollen uns mit Talg beschmieren
Und nackt im Sonnenschein marschieren,
Wir wollen freie Russen sein.“