Tag, denjenigen, an welchem die gesamte Bevölkerung sich zu einer
Huldigung für die Opfer des Freiheitskampfes einmütig zusammenfand.
Es war am 4. Juni. Endlos war der Zug, der auf dem Gendarmenmarkt und
den benachbarten Straßen sich ordnete, um nach dem Friedrichshain
zum Grabe der Kämpfer des 18. März zu ziehen. In warmen Worten wurde
denen, welchen das Morgenrot einer neuen Zeit in das brechende Auge
geleuchtet, der Dank des Vaterlandes dargebracht. Mit mehreren andern
war ich an jenem denkwürdigen Tage zum Sprecher bei dem feierlichen
Akt bestimmt worden. Für den Studentenverein sprach Gaudenz von Salis,
ein Enkel des Dichters, mit hinreißender Glut. Ich habe ihn in der
Schweiz einige Jahre darauf wiedergesehen. Die Flügel schienen ihm
beschnitten. Er ist früh gestorben. Es haben manche von uns nach den
schönen Tagen heißen Kampfes sich in die darauf folgenden Jahre stillen
Furchenziehens im Gleichmaß des Alltagslebens nur schwer gefunden.
Daß die von der junkerlichen Partei organisierte Reaktion früh in
Thätigkeit trat und ihr jedes Mittel, das zum Ziele führte, recht
war, davon gab der Sturm auf das Zeughaus, der zu einer Zeit sich
vollzog, wo auch nicht das geringste Anzeichen das Herannahen
eines revolutionären Ereignisses ankündigte, den vollen Beweis. Bei
eintretender Nacht verbreitete sich in der Stadt die Nachricht, daß
einige hundert Leute aus der untersten Schicht der Bevölkerung in das
Zeughaus eingebrochen seien und dasselbe plünderten. Der Kommandant
der Bürgerwehr, Herr Rimpler, ließ den Generalmarsch schlagen, rasch
waren die Bataillone zusammen getrommelt, ich schloß mich dem des
Handwerkervereins an, das ohne Verzug zum Zeughaus marschierte und
vor dessen Thor in der Gießhausgasse und auf einem Platz in der Nähe
des Gießhauses aufgestellt wurde. Aus dem Thore des Zeughauses und
aus dessen niederen Fenstern flohen die Plünderer mit Waffen bepackt,
die ihnen von unserer Seite abgenommen und aufgeschichtet wurden. Es
waren darunter auch neuerfundene Zündnadelgewehre, die damals noch als
Staatsgeheimnis betrachtet wurden. An der Stelle, wo unser Bataillon
Wache hielt, konnte keines dieser Gewehre fortgeschleppt werden.
Unsere Wirksamkeit beschränkte sich darauf, dem Gesindel seinen Raub
abzunehmen. War das geschehen, so ließen wir die Burschen laufen. Sie
gefangen zu nehmen, hielten wir nicht für unsere Aufgabe, sondern
für diejenige der Polizei, die ja im Hintergrunde des Schauplatzes
zahlreich genug vertreten war. Sie mochte unter den scheu Abziehenden
manches Individuum erkennen, das schon durch ihre Hände gegangen war.
Als das Bataillon spät in der Nacht entlassen wurde und ich auf dem
Heimweg alles, was ich bei diesem Zeughaussturm beobachtet hatte, einer
Prüfung unterzog, konnte ich mich des Verdachtes nicht erwehren, daß
ich hier einem von der Reaktion ausgeheckten und in Szene gesetzten
politischen Schachzug beigewohnt hatte. Daß die Leute, welche die
Thore des Zeughauses mit Balken eingerammt hatten, oder durch die
eingeschlagenen Fenster eingestiegen waren, und darauf mit Beute
beladen abzogen, hier nicht aus freiheitlicher Begeisterung gehandelt
hatten, etwa in der Absicht, die Revolution, die zu versumpfen drohte,
zu Ende zu führen, davon überzeugte man sich auf den ersten Blick.
Wer allein konnte aus diesem fatalen Ereignis Nutzen ziehen? Die von
allen Seiten sich ankündende Reaktion. In der That erhob sich am
nächsten Tage der Vertreter des Kriegsministeriums zu einer nicht ohne
Eindruck bleibenden Rede, in welcher er auf die aus den Märzereignissen
hervorgegangene Zügellosigkeit der Massen hinwies, die am Staatsgut
sich vergriffen hätten, und sogar die Geheimnisse des Staates dem
Auslande zugänglich machten. Er wies auf die Notwendigkeit der Rückkehr
zu strengeren Regierungsmaßregeln hin.
Daß der Zeughaussturm von der Regierung zu ihren Zwecken ausgebeutet
werden würde, war ja vorauszusehen. Fern lag mir jedoch der Gedanke,
daß das Ministerium selber von den Machinationen etwas wußte, die eine
Gruppe entschlossener Reaktionäre auf eigene Faust gesponnen hatte.
Den Verdacht, daß man es hier mit einem bestellten und bezahlten
politischen Streich zu thun gehabt, konnte ich nicht mehr unterdrücken,
und so sprach ich ihn auch in meinem Blatte, „Das Volk“, ungescheut aus.
Einige meiner ältesten Freunde, wie z. B. Ehrenreich Eichholz, der
später die Redaktion der Weserzeitung übernahm, machten mir bittere
Vorwürfe über meinen, die politischen Gegner einer so unerhörten
Handlung bezichtigenden Artikel; das betrübte mich, aber ich hatte doch
richtig beobachtet. Denn als ich einige Jahre später in Zürich lebte,
und dort mit dem Historiker, Professor Adolph Schmidt, der alsdann von
Zürich nach Jena berufen wurde, in Freundschaft verbunden war, kam
eines Tages zufällig die Rede auf den Zeughaussturm. Ich erzählte ihm,
daß ich wegen meiner Beurteilung dieses Zwischenfalls manche brave
Seele verletzt hatte. „Lassen Sie es gut sein,“ erwiderte Professor
Schmidt, „Sie hatten vollkommen recht. Der Bürgerwehrkommandant
Rimpler, der nach jenem Zeughaussturm seine Entlassung nahm, hat mir
die Dokumente über diesen Fall zu späterer, eventueller Benutzung
übergeben, sie sind noch in meinem Verwahrsam. Der Zeughaussturm war
ein von der Reaktion eingefädeltes Manöver. Die den Beweis hierfür
abgebenden Dokumente sollen der Öffentlichkeit nicht vorenthalten
bleiben.“
[Illustration]
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XIII.
Praktische Sozialpolitik.
Die Organisation der Arbeiter zu einer starken, geschlossenen Partei,
so verstand ich meine Aufgabe, mußte der Organisation der Arbeit,
zu welcher auch der vageste Plan nicht vorhanden war und auch nicht
vorhanden sein konnte, vorausgehen. Zu jener Organisation habe
ich durch Berufung des ersten deutschen Arbeiterkongresses nach
Berlin den Grundstein gelegt. Diesem Kongreß ging die Bildung eines
Centralkomitees voraus, in welchem ich zum Vorsitzenden ernannt wurde
und das dazu bestimmt war, den Mittelpunkt einer über ganz Deutschland
sich ausbreitenden Arbeiter-Verbindung zu bilden. In dem Statut hieß
es: „Wir nehmen unsere Angelegenheiten selbst in die Hand, und niemand
soll sie uns wieder entreißen.“ Organ des Centralkomitees war die von
mir gegründete, weiter oben genannte sozialpolitische Zeitschrift:
„Das Volk“, die dreimal wöchentlich seit dem 1. Juni erschien. Meine
Einsicht in die wirkliche Lage und die Mittel, welche dem Sieger über
das absolutistische Regiment nach dessen Beseitigung zu Gebote standen,
hinderte mich, Politik ins Blaue hinein zu treiben, wie soviele andere
es thaten. Der Vorschlag des jungen Schlöffel, auf revolutionärem Wege
eine Änderung des oktroyierten Wahlgesetzes zu erringen, wurde von
mir bekämpft, weil ich eingesehen hatte, daß die Reaktion, die ihre
Streitmittel mit überraschender Schnelligkeit gesammelt hatte, nur auf
den Versuch einer neuen Erhebung wartete, um sie mit den in der Nähe
von Berlin zusammengezogenen militärischen Kräften niederzuschlagen und
das für die Freiheit Errungene wieder zu vernichten. Der Schlöffel’sche
Plan kam infolge der Opposition, die er von mir und meinen Freunden
erfuhr, nicht zur Ausführung. Zur Kennzeichnung meiner Auffassung der
damaligen Lage mögen übrigens einige Zeilen aus dem Programm meiner
Zeitschrift dienen. „Das Volk“, so erklärte ich in seiner ersten
Nummer, habe den Zweck, einerseits das Bürgertum zu unterstützen im
Widerstand gegen die Aristokratie, im Kampfe gegen die noch aufrecht
gebliebenen Institutionen des Mittelalters, gegen die Mächte von Gottes
Gnaden, andererseits dem kleinen Gewerbetreibenden wie dem Arbeiter
beizustehen gegen die Macht des Kapitals und immer voran zu schreiten,
wo es gelte, dem Volke ein irgend noch vorenthaltenes politisches Recht
zu erkämpfen, damit es die Mittel erhalte, sich die soziale Freiheit,
die unabhängige Existenz um so schneller zu erringen.
Der Stubengelehrte wird immer leicht zum Doktrinär und als solcher
sieht er nur einen einzigen Weg, der zu dem vermeintlichen Ziele
führt. Die Sorge um ein letztes ideales Ziel überließ ich kommenden
Jahrhunderten; mein Ziel ging nicht über das zunächst zu Erringende
hinaus, nämlich, ich habe es oben angegeben, aus der formlosen,
ungefügen Masse nach Überwindung der zunächst sich entgegenstellenden
Schwierigkeiten eine geordnete Armee zu bilden, welche einem aller
Welt verständlichen und ausführbaren Programm gehorchte. Engels hat
gegen mich den Vorwurf erhoben, „in den Veröffentlichungen der von mir
begründeten Organisation seien die Auffassungen des kommunistischen
Manifestes mit Zunfterinnerungen und Zunftwünschen, Abfällen von
Louis Blanc und Proudhon, Schutzzöllnerei u. s. w. durcheinander
geworfen.“ Dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt. Ich konnte es
nicht verhindern, daß sich in der allerersten Zeit auch solche
Stimmen in unseren Versammlungen vernehmen ließen, die, nach dem
Beispiel der Kleinmeister, die Gewerbefreiheit und die Handelsfreiheit
als die Quelle alles Unheils betrachteten und ihre sehnsüchtigen
Blicke nach dem wirtschaftlich überwundenen Zunftwesen zurückwandten.
Giebt es ja heute, nach einem halben Jahrhundert, noch eine Partei,
die dasselbe anstrebt. Weder im „Volk“ noch in der „Verbrüderung“,
die ich herausgab, und über deren Inhalt ich allein zu bestimmen
hatte, findet sich jedoch eine Zeile mit wirtschaftlich reaktionärer
Tendenz. Engels, der es mir nicht verzeihen konnte, daß ich arbeitete,
ohne vorher bei ihm, dem päpstlichen Staatssekretär in Köln,
Verhaltungsbefehle einzuholen, hat mich zu jener Zeit ruhig gewähren
lassen, nicht mit einem Wink mir ein Zeichen seines Mißfallens kund
gegeben. Erst viele Jahre später, als die persönlichen Verbindungen
aufgehört hatten, rückte er mit dem weiteren Vorwurf heraus, „ich
habe es mit meiner Verwandlung in eine politische Größe etwas zu
eilig gehabt und mich mit den verschiedenartigsten Krethi und Plethi
verbündet, um nur einen Haufen zusammen zu bekommen.“ Ich sehe aus
diesen Worten, daß er mich trotz langen persönlichen Verkehrs sehr
schlecht gekannt hat. Ich hatte damals, mit dreiundzwanzig Jahren,
auch nicht entfernt die Absicht, mich „in eine politische Größe“ zu
verwandeln. Was ich that, geschah auf den Impuls meines jugendlichen
Idealismus hin, der mich freilich nicht hinderte, die Dinge und die
Menschen zu sehen, wie sie in Wirklichkeit waren, sodaß ich meinen
Mitarbeitern nichts zumutete, was sie nicht zu leisten vermochten.
Mit ehrenwerter Unparteilichkeit nimmt Franz Mehring in seiner
„Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ mich gegen die Engels’schen
Beschuldigungen in Schutz. „Wollte Born,“ sagt er, „die Arbeiter als
Klasse organisieren, so mußte er mit dem Gedankenkreise rechnen, in dem
sie sich vorläufig erst bewegen konnten, und er hat es wenigstens nicht
an Eifer fehlen lassen, sie über ihren Horizont hinauszuführen ...
Entschieden trat Born aller Zünftelei entgegen; er sagte, es sei keinem
Staat, der einmal die Großindustrie eingeführt habe, mehr möglich, zu
einer schon niedergegangenen Produktionsweise zurückzukehren, ohne
sich zu ruinieren oder eine ganz untergeordnete Stellung in der Reihe
der europäischen Staaten einzunehmen.“ Daß der Gedanke Louis Blancs,
durch die Gründung von Produktiv-Genossenschaften und staatliche
Unterstützung derselben einer neuen Produktionsform vorzuarbeiten,
als das Nächstliegende bei vielen Leuten und auch bei uns Anklang
fand, kann niemand auffallen. Dieser Gedanke drängte sich zunächst
allen auf, die sich mit sozialen Fragen beschäftigten. Er wurde von
der „Verbrüderung“ nicht bekämpft, es geschah von meiner Seite sogar
vieles, um die Gründung solcher Genossenschaften zu empfehlen. Und
schließlich hat Lassalle diesen Gedanken wieder mit Eifer aufgenommen.
Er hat freilich deshalb auch von Marx’scher Seite harte Angriffe
erfahren müssen.
Dies, was Louis Blanc betrifft.
Wie ich damals über Proudhon dachte, davon möge ein Artikel Zeugnis
ablegen, den ich bei dem Scheitern der von ihm gegründeten Volksbank
veröffentlichte. „Wir haben diesem Unternehmen“, sagte ich, „durchaus
keinen Beifall zugeklatscht, und wenn sein Untergang uns auch betrübt,
so überrascht er uns doch nicht, denn wir haben diesen Ausgang fast
mit Sicherheit erwartet, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil eine
Idee, sie mag noch so groß und wahr sein, niemals da ohne weiteres zur
Ausführung gebracht werden kann, wo die Elemente zur Ausführung nicht
in hinreichendem Maße vorhanden sind. Wir haben immer die Organisation
der Arbeiter über die Organisation der Arbeit gestellt, immer die
politische Emanzipation der arbeitenden Klasse vorausgesetzt, ehe wir
eine größere, in alle Gesellschaftskreise greifende Ausführung sozialer
Ideen für möglich hielten... In die Zwangsjacke eines Systems läßt
sich die menschliche Gesellschaft, dieser stets lebendige, stets sich
erneuernde, schöpferische Organismus ebensowenig hineinzwängen, wie man
einer um sich greifenden Verarmung mit Volksbanken entgegenwirken kann,
die ihre Fonds aus den Taschen der Armen nehmen müssen. Wir fragen,
welche Zukunft, welche Lebensfähigkeit hatte die Volksbank, wenn sie
zu Grunde gehen mußte -- wegen eines Prozesses des Herrn Proudhon? Mit
der Volksbank wollte Proudhon die neue Welt aufbauen, in der Volksbank
ruhte seine Lösung der sozialen Frage, und wegen sechs Monate Gefängnis
und einiger tausend Franken Strafe, wozu Bürger Proudhon verurteilt
wurde, ist die Welt wieder um ihren Heiland und ihren Erlöser
geprellt. Wir können ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken, denken
wir an die kleinen Eitelkeiten, die der großen Volksbewegung die Wege
lichten wollten, ihr als die Josuas der Neuzeit im Prophetengewande
voranziehen, nicht aber, um selbst mit dreinzuschlagen, das zackige
Schwert zu führen, nein -- um sich bewundern zu lassen. Da kommt Herr
Considérant, ein Prophet zweiten Ranges, und will Herrn Proudhon die
Erfindung der Volksbank streitig machen. Wie erbärmlich dieser kleine
Krieg zwischen zwei Persönlichkeiten zu einer Zeit, wo die ganze Welt
mit Entwürfen schwanger ist, die Erde bebt von den Tritten zweier
großen Heeresmassen, die mit rasender Kampflust einander näher rücken
und sich bald das Weiße der Augen zeigen werden, zu einer Zeit, wo
eine in Ungarn von Dembinski oder Bem gewonnene Schlacht mehr wert ist
als sämtliche gedruckten und ungedruckten Werke der Bürger Proudhon
und Considérant zusammen, in einer Zeit, in welcher die größten
Berühmtheiten sich an einem einzigen Tage abnützen.“
Das hier Mitgeteilte ist charakteristisch für meine damalige Denk-
und Ausdrucksweise, und ich weiß es Herrn Franz Mehring Dank, daß
er es in seinem Geschichtswerk angeführt hat. Der Satz „in die
Zwangsjacke eines Systems läßt sich die menschliche Gesellschaft nicht
hineinzwängen,“ beweist zugleich, welchen Eindruck das im Sommer 1848
erschienene „Kommunistische Manifest“ auf mich hat machen müssen.
Das Manifest war freilich schon kurz vor der Februarrevolution als
„ausführlich theoretisches und praktisches Parteiprogramm“ des
Bundes der Kommunisten abgefaßt. War es nun praktisch, in jenen
ersten Tagen der sozialen Bewegung von einem Ziel zu sprechen, das
heute, nach fünfzig Jahren, noch niemandem in einem nur einigermaßen
bestimmten Bilde sich darstellt? Ist überhaupt die Ersetzung des
Privateigentums durch ein Gesamteigentum, oder wie man später sich
ausdrückte, durch die „Verstaatlichung aller Arbeitsmittel“ die
Lösung, die als unbestreitbares Ergebnis der Kritik der bestehenden
gesellschaftlichen Verhältnisse sich uns aufdrängt? Und angenommen,
die wissenschaftliche Betrachtung der Entwicklung des wirtschaftlichen
Lebens der Menschheit hätte zu diesem nicht mehr abzuweisenden
Ergebnis geführt, so konnte es sich dabei ja doch nur um ein aus
dem Nebel weit entfernter Zukunft sich ankündigendes Resultat
geschichts-philosophischer Forschung handeln, aber nicht um etwas,
was mit den Bedürfnissen der Gegenwart irgend welchen Zusammenhang
hatte. Engels hat in seinem Buch „die Entwicklung des Sozialismus von
der Utopie zur Wissenschaft“ den Kommunismus, weil er ihn aus der
Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit als den
Endpunkt der heutigen Bewegung zu erkennen glaubte, noch zu erleben
gehofft. Er steckte als Beurteiler der Welt, in der er lebte, in
großer Unklarheit. Von seinen wiederholten Prophezeiungen über den
bevorstehenden Zusammenbruch dieser schnöden Welt ist auch keine in
Erfüllung gegangen, wenngleich er den Termin für diesen Zusammenbruch
von Zeit zu Zeit etwas hinausrückte. Was mich betrifft, so beschränkte
sich im Lauf der Jahre mein Blick in die Zukunft auf die Erkenntnis,
daß ohne Zweifel der bisherige Eigentumsbegriff wie in allen
vergangenen Zeiten eine fortschreitende Wandlung in dem Sinne erfahren
werde, daß durch den Willen des Volkes gewisse, nicht mehr aufrecht zu
erhaltende, auf dem Kollektivbesitz von Aktiengesellschaften beruhende
Unternehmungen, wenn die Notwendigkeit es dringend zum Besten der
Gesamtheit erfordert, in den Besitz der Gesamtheit, d. h. des Staates,
übergehen werden. Dieser Prozeß hat längst begonnen, in monarchischen,
wie in republikanischen Staaten, und wie die Straßen und Brücken, die
Posten und Telegraphen, die Schulen, die Museen und Bibliotheken, die
städtische Beleuchtung, Parks und Erholungsanstalten, die Spitäler
und mannigfaltigen Einrichtungen zum Besten des Gemeinwohls sich
mehr und mehr im Geist unserer Zeit ausdehnen und vervollkommnen und
immer neue Zweige der verschiedensten Einzelunternehmungen sich
in Unternehmungen der Gemeinden oder Staaten umwandeln, wie man in
der Schweiz Gemeindekäsereien und in Dorfgemeinden aller Länder
gemeinsame Bäckereien besitzt, so werden sicher sehr viele andere der
gemeinsamen Ausbeutung zugängliche Unternehmungen nach und nach in
die Leitung einer größeren oder geringeren Gemeinsamkeit übergehen.
Der Kampf aller gegen alle, wie er aus dem manchesterlichen Dogma
des „freien Spiels der wirtschaftlichen Kräfte“ sich entwickelt hat,
wird nicht ewig dauern, werden ihm ja doch schon von Jahr zu Jahr,
sogar in der Bourgeois-Gesetzgebung Schranken gesetzt. Daß daraus
aber in noch so entfernter Zeit sich die Aufhebung des bürgerlichen
oder Privateigentums -- beide, sich nicht ganz deckende Ausdrücke
wechseln im „kommunistischen Manifest“ ab, -- ergeben müsse, ist im
höchsten Grade unwahrscheinlich. Dieser Überzeugung sind, wie aus
so vielen ihrer Kundgebungen hervorgeht, auch die meisten Führer
der sozialdemokratischen Partei. Sie gehen deshalb mit Recht auf
die Aufforderung nicht ein, doch mit einem klaren Bilde von ihrem
Zukunftsstaat ihre Anhänger wie ihre Gegner zu erfreuen. Zur Zeichnung
eines solchen Bildes, wenn sie dazu nicht die phantastischen Farben
eines Romanschreibers wählen wollen, fehlt es an jeglichem positiven
Material. Die sozialdemokratischen Führer haben sich auch nach manchen
Schwankungen über die Frage, ob sie an der Reformarbeit sich beteiligen
sollen, die auf dem Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung
möglich ist, schließlich zur Beteiligung an derselben entschlossen. So
werden sie schrittweise aus Sozialrevolutionären zu Sozialreformern.
In einem Lande wie die Schweiz, wo nahezu die letzten Konsequenzen
demokratischen Staatslebens gezogen worden sind, wo zum allgemeinen,
geheimen Stimmrecht die Wahl der Regierenden und der Richter durch
das Volk gekommen ist, die Volksabstimmung über neue Gesetze und
die Volksinitiative in der Gesetzgebung Regel geworden, fällt
es der sozialdemokratischen Partei gar nicht ein, sich als eine
revolutionäre Partei auszuspielen. Hier regiert das mehr oder weniger
gut informierte, durch den Stimmzettel seinen Willen kundgebende Volk.
Vor einigen Jahren erklärte ich in einem in Basel gehaltenen Vortrag
über die soziale Bewegung, daß, wenn jemals die Gefahr eintreten
sollte, daß die Weissagung von der allgemeinen Verelendung d. h. von
der schließlichen Aufsaugung des gesamten Besitztums der mittleren
Volksschichten durch Millionen besitzende Kapitalisten sich zu erfüllen
drohte, so daß es im Lande schließlich nur Krösusse und Bettler gäbe,
wir zuverlässig die Mittel finden würden, solcher Kalamität durch
unsere Gesetzgebung vorzubeugen. Ich fühlte, als ich diesen Satz
aussprach, daß die Versammlung mit mir in vollstem Einverständnis
sich befand. Der letzten Konsequenz der Lehre vom „freien Spiel der
wirtschaftlichen Kräfte“ würde jedes Volk, auch wenn es nicht im Besitz
des Referendums und der Initiative ist, durch gesetzliche Maßregeln
vorzubeugen wissen. In den nordamerikanischen Freistaaten, wo die
ganze Bevölkerung fieberhaft dem Gotte Dollar nachjagt, und wo es der
Association der Geldmächte, den das ganze wirtschaftliche Leben der
Nation umklammernden Ringen des Großkapitals gelungen ist, den Staat
und die ihrer Ausbeutung überlieferten arbeitenden Klassen ihren
Zwecken dienstbar zu machen, kann und wird diesen Ringen durch die
Reform der Gesetzgebung das Handwerk gelegt werden. Wer aber möchte
behaupten, daß der trockne, alle Ideologie verachtende Amerikaner
deshalb bis zur Aufhebung des Privateigentums vorgehen werde?