An Paris erinnerte mich nur die mit Kreide an den Eingang zum Palais

des Prinzen von Preußen, späteren Kaisers Wilhelm, geschriebenen

Worte „National-Eigentum.“ Wache hielten davor zwei Männer der im Nu

gebildeten Bürgerwehr, welche den Dienst des zurückgezogenen Militärs

versah. Sie trug keine Uniform, doch war sie mit Infanterie-Gewehren

bewaffnet. Die Bürgerwehr nahm ihren Dienst sehr ernst. Zu ihr hatten

sich wesentlich die bürgerlichen, wohl liberal, doch keineswegs

revolutionär gesinnten Elemente der Hauptstadt gemeldet. Der weiter

nach links stehende Handwerkerverein, von dem ich in einem früheren

Kapitel gesprochen, bildete ein besonderes Bataillon. Wenn die Nacht

hereinbrach, marschierten Abteilungen der Bürgerwehr durch die Straßen

in ganzer Breite derselben, um jede Ansammlung von Volksmassen zu

verhindern. Verdächtige, sogenannte „Bassermann’sche Gestalten“ wurden

von den Hütern der öffentlichen Ordnung manchmal nicht eben sanft

beiseite gedrückt. Die Bürgerwehr sorgte für die Ruhe der Stadt, für

Ordnung auf den Straßen und öffentlichen Plätzen.

Mit der gewissermaßen aus der Erde emporgeschossenen Bürgerwehr waren

sogleich nach der vom König ausgesprochenen Verheißung einer Verfassung

das durch dieselbe erst zu verbürgende, von der liberalen Bevölkerung

in Aussicht genommene Recht der freien Presse und das freie Vereins-

und Versammlungsrecht ohne weitere Formalitäten ins Leben getreten.

Um den Censor, den alten Geheimrat John, ein kleines Männchen mit einem

wie aus Holz geschnitzten Köpfchen, das sich bemühte, einen recht

wohlwollend durch die großen Brillengläser anzuschauen, denn er ahnte

wohl schon lange, daß sein Reich bald zu Ende gehen sollte, und er

wollte doch nicht, daß er in der Erinnerung der jungen Generation als

ein Torquemada der Litteratur gelten sollte, um dieses innerlich längst

geknickte Werkzeug der hohen Reaktion kümmerte sich keine Seele mehr.

Bevor er noch auf Befehl der Märzregierung seine traurige Bude schloß,

konnte man an allen Straßenecken der Hauptstadt große Plakate lesen,

unter denen nicht selten auch mein Name sich fand, und durch welche

ohne vorausgegangene hochobrigkeitliche Erlaubnis die Leser auf diesen

oder jenen Mißstand aufmerksam gemacht, vor dieser oder jener sich

vorbereitenden reaktionären Maßregel gewarnt, oder zu dieser oder jener

Versammlung eingeladen wurden.

Die politischen Parteien gruppierten sich schnell in Vereine,

auffallend genug für ein Land, in welchem das freie Vereinsrecht

bis dahin nicht existiert hatte. Neben den alten zwei Zeitungen,

der Vossischen und der Spenerschen, entstanden eine Reihe anderer

Tagesblätter, von welchen einige nach kurzem Dasein verblichen,

andere, wie die „Nationalzeitung“ und die „Kreuzzeitung“, sich bis

heute erhalten haben. Die „Kreuzzeitung“ war sehr bald nach der

Märzrevolution erschienen, so rasch hatte die Hofpartei, die Partei der

Junker und der Hochkirchlichen, sich kampfbereit gesammelt und ihre

Fahne aufgepflanzt. Aber auch eine Arbeiterpartei stand bald auf dem

Plan und ihr Organ „das Volk“, erschien dreimal wöchentlich in Berlin.

Ich allein schrieb das ganze Blatt, von der ersten bis zur letzten

Zeile, ich hatte und ich suchte auch keine Mitarbeiter.

Die Elemente zu einer Arbeiterpartei waren zumeist in den

Genossenschaften vorhanden, die in einem und demselben Gewerbe einer

Kranken-, Invaliden- und Witwenkasse oder einer Unterstützungskasse

für die reisenden „Kollegen“ angehörten. Nach der Märzrevolution

aber fühlte der einzelne sich sofort als das Glied eines großen und

wichtigen Lebenselementes im Staate, und die verwandten Gruppen suchten

und fanden bald einen Zusammenschluß. Jung, voller Thatkraft und voll

Glaubens an die Macht der werbenden Ideen, war ich überall anzutreffen,

wo es galt, eine Bewegung, die nur auf den ersten Anstoß wartete, in

Fluß zu bringen.

Wenn ich eben vom Glauben an die werbenden Ideen sprach, so muß ich

von vornherein hier feststellen, daß ich nun, wo ich in den Strom des

öffentlichen, politischen Lebens -- ich sage nicht, mich stürzte,

sondern geriet, von allen Spekulationen in die Ferne plötzlich mich

befreit fühlte, die Dinge anschaute, wie sie sich dem Auge darboten,

mit den gegebenen Verhältnissen rechnete und vor allen Dingen das

nächste Ziel im Auge behielt, das sich nur erreichen ließ, wenn man

an manches Vorurteil nicht rührte, dies sogar mit in den Kauf nahm,

wollte man irgend etwas leisten. Dieses Ziel -- und darin war ich

ganz Marxianer und ein zuverlässiger Schüler des Meisters -- ging

darauf hin, die auf den Sieg des liberalen Bürgertums gerichteten

Anstrengungen, d. h. dessen Bestrebungen, um seine in Deutschland erst

zu schaffende Herrschaft im Staate nach Kräften zu unterstützen und

dabei zunächst auf eine zu erlangende Organisation des arbeitenden

Volkes als Vorbedingung der aus ihr sich zu gestaltenden Arbeiterpartei

hinzuwirken. Dieses von der Natur der Dinge gegebene Programm

drängte sich meiner Einsicht in die Verhältnisse ganz von selber

auf. Weggewischt waren für mich mit einem Male alle kommunistischen

Gedanken, sie standen mit dem, was die Gegenwart forderte, in gar

keinem Zusammenhang. Man hätte mich ausgelacht oder bemitleidet, hätte

ich mich als Kommunisten gegeben. Der war ich auch nicht mehr. Was

kümmerten mich entfernte Jahrhunderte, wo jede Stunde mir dringende

Aufgaben und Arbeit in Fülle darbot!

Unter den Arbeitern der Stadt Berlin bildeten die Maschinenbauer und

die Buchdrucker gewissermaßen die tonangebenden, um nicht zu sagen

aristokratische Elemente. Buchdrucker war ich ja selber von Hause

aus, wenn ich gleich seit meinem zweiten Aufenthalt in Paris dem

Winkelhaken entsagt und dafür berufsmäßig die Feder geführt hatte.

Schon zu Anfang des Jahres 1848 hatte ich eine Korrespondenz für ein

süddeutsches Blatt übernommen; in Berlin wurde der Journalismus meine

regelmäßige Beschäftigung. Außer meinem eigenen, oben genannten

Blatte, schrieb ich Korrespondenzen aus der Hauptstadt für die von

Marx in Köln gegründete „Neue Rheinische Zeitung“. Den Berliner

Buchdruckern galt ich bei alledem als einer der Ihrigen. Sie waren

es, die zuerst von allen anderen Arbeitern, auf eine Besserung ihrer

Lage bedacht, eine Lohnerhöhung forderten. Ich wohnte ihrer ersten

Versammlung bei, sie wählten mich zum Vorsitzenden und zum Präsidenten

des leitenden Ausschusses. Ihre Forderungen waren durchaus gerecht,

und charakteristisch für jene Zeit ist es, daß es einer politischen

Revolution bedurfte, ehe man überhaupt daran denken konnte, diese

gerechten Forderungen zu erheben. Ohne sie wäre die Polizeigewalt

sofort eingeschritten, die Aufstellung eines durch die Drohung eines

Ausstandes unterstützten Tarifs wäre als staatsgefährlich nicht

gestattet worden. Den Wortführern der Arbeiter hätte man einfach als

Volksverführern den Prozeß gemacht, im mildesten Falle wären sie

ausgewiesen worden.

Der durchschnittliche wöchentliche Verdienst eines Setzers oder

Druckers betrug zu jener Zeit 3½ Thaler oder 13 Fr. 15 Cent. In Paris

betrug er schon seit dem Jahre 1843 mehr als das doppelte: 28 bis 35

Fr. Dabei war die Arbeitszeit in Berlin auf 13 bis 14 Stunden, in

Paris auf 10 Stunden täglich festgesetzt. Dies einzige Faktum genügt

heute jedem, der diese Zeilen liest, um die auf eine kleine Erhöhung

des Tarifs und eine geringe Verminderung der Arbeitszeit gerichteten

Forderungen der damaligen Buchdrucker als gerechtfertigt anzuerkennen.

Ähnlich wie um die Buchdrucker stand es damals um sämtliche Arbeiter.

In Frankreich, von England gar nicht zu reden, standen sich Arbeitgeber

und Arbeitnehmer als freie Kontrahenten gegenüber. In Deutschland,

das in seiner gewerblichen Entwicklung noch weit zurück war und wo

die Großindustrie kaum erst die zartesten Sprossen aufwies, herrschte

vor fünfzig Jahren noch eine Art patriarchalischen Verhältnisses.

Der Arbeitgeber betrachtete sich in der Regel dem Arbeitnehmer

gegenüber als ein Wohlthäter, dem dieser sein Brot verdanke und der

ein himmelschreiendes Unrecht begehe, wenn er sich so weit vergesse,

mit Forderungen hervorzutreten, gewissermaßen die Annahmebedingungen

für das ihm erwiesene Gute zu stellen. Wie in der Politik noch die

letzten Strahlen des unter Friedrich dem Großen und Joseph II.

blühenden Systems des wohlwollenden Despotismus die besseren unter

den deutschen Fürsten verklärten, so herrschte dasselbe System des

patronalen Despotismus in der Führung der Gewerbe. Der Arbeiter selber

betrachtete sein Verhältnis zum Prinzipal gewissermaßen als ein

Unterthanen-Verhältnis.

Der Sturm des Jahres 1848 hatte diese Art Glaubensartikel, denn als

solcher hatte diese Anschauung in den Köpfen beider Parteien Wurzel

gefaßt, mit einem Schlage vernichtet. Als die Buchdruckereibesitzer

sich anfangs auf keine Unterhandlungen einlassen wollten, weil sie

diese so zu sagen als eine Entwürdigung ihrer bisher innegehabten

Stellung ansahen, und es infolge dessen zum Ausstande kam, hatte

ich den klugen Einfall, als Präsident der Buchdrucker dem Herrn

Handelsminister Pieper -- bis dahin war er ein angesehener Breslauer

Kaufmann -- persönlich in seinem Palais in der Wilhelmstraße meine

Aufwartung zu machen, ihm die bevorstehende Niederlegung der Arbeit

in allen Berliner Buchdruckereien anzukündigen und ihn zu versichern,

daß wir seinem guten Rat gern Gehör schenken würden. Herr Pieper,

ein Manchestermann vom reinsten Wasser, der über die alten, an dem

vermeintlich patriarchalischen Verhältnis zwischen Arbeitgebern und

Arbeitnehmern haftenden Vorstellungen längst hinaus war, empfing

mich mit größter Liebenswürdigkeit, bat mich, auf dem Sofa Platz zu

nehmen, setzte sich in die andere Ecke desselben und gab, nachdem

er mich angehört, sogleich Befehl, Herrn von Decker, den Geheimen

Ober-Hofbuchdrucker -- er hatte auch sein Palais dicht nebenan in der

Wilhelmstraße -- zu bitten, er möchte die Güte haben, einen Augenblick

zu dem Herrn Minister für Handel und Gewerbe zu kommen. Herr von Decker

-- die Familie stammt aus Basel -- erschien nach wenigen Minuten. Er

verbeugte sich vor Sr. Exzellenz viel, viel tiefer und förmlicher, als

ich in solchen Dingen noch wenig bewanderter Jüngling es gethan. Der

Herr Minister nannte meinen Namen und die Ursache meines Besuches. Ich

habe nie einen Menschen so erstarrt, so wie aus allen Wolken gefallen

gesehen. Herr von Decker stammelte ein paar unverständliche Worte. Er

hatte vielleicht von dem Minister einen großartigen Auftrag für die

Geheime Ober-Hofbuchdruckerei erwartet, jedenfalls war er darauf nicht

gefaßt, ein Frage- und Antwortspiel gemeinsam mit einem so jungen Mann,

einem solchen Nichts wie ich, bestehen zu müssen. Es kochte in ihm und

seine Augen nahmen einen finstern Ausdruck an. Die Unterredung hatte

indessen kein ungünstiges Ergebnis. Herr von Decker, was seine Person

betrifft, sagte nicht nein zu den Forderungen der Gehilfen. Innerlich

wütend war er aber doch, als er sich höflichst empfahl. Ein solches

Rencontre! War’s möglich! Waren dies die Folgen des 18. März? Der gute

Mann -- ich möchte ihm durchaus nicht Übles nachreden -- war gewiß ein

höchst achtungswerter und liebenswürdiger Charakter. Er hatte -- und

das beweist auf das Schlagendste, daß er kein echter Basler mehr war

-- mit einer berühmten Opernsängerin sich vermählt. Das hätte sein

republikanischer Ahnherr niemals gethan.

Es kann nicht meine Absicht sein, eine Geschichte der Lohnkämpfe der

Berliner Buchdrucker zu geben. Eine solche existiert übrigens schon,

wenn ich nicht sehr irre. Einige Zeilen mögen genügen, um den von mir

berührten Gegenstand zum Abschluß zu bringen.

Am 28. April wurde die Arbeit allgemein eingestellt, und dies dem

Publikum durch Maueranschlag angekündigt. Schon am nächsten Tage

erhielt ich infolge der Vermittlungsbemühungen des Stadtmagistrats

die Zusicherung, daß die Angelegenheit endgiltig bis zum 1. Juni

geregelt sein sollte. Die Buchdruckereibesitzer gaben das Versprechen,

keinen Gehilfen wegen seiner Teilnahme an der Arbeitseinstellung

zu entlassen, und so kehrten diese am 1. Mai zur Arbeit zurück.

Kaum hatten sie jedoch ihre Offizinen wieder betreten, als ihnen in

mehreren derselben ein Schein zur Unterzeichnung vorgelegt wurde,

durch welchen sie erklären sollten, daß sie ihren in der Übereilung

gethanen Schritt bedauerten und gern zurücknehmen möchten, daß sie

auch, indem sie zu ihrer Pflicht und an ihre Arbeit zurückkehrten, auf

ihr Ehrenwort versprechen, sich eines ähnlichen Auftretens in Zukunft

zu enthalten. Einige der einsichtsvolleren Buchdruckereibesitzer, wie

die Herren Decker und Reimer, hatten es ihrer unwürdig erklärt, eine

solche Zumutung an ihre Gehilfen zu stellen. Bei ihnen und in den

Zeitungsdruckereien wurde weitergearbeitet. Bei denen, welche ihre

Gehilfen nur als reuige Sünder wieder aufnehmen wollten, sollte die

Arbeit sofort wieder eingestellt werden. Von dem zu unterzeichnenden

Zerknirschungsversprechen hatte der Vorstand der Gehilfen schon am

Samstag den 30. April Kenntnis erhalten. Ohne Verzug mußten die

Gehilfen, welche am Montag Morgen sich wieder auf ihren Plätzen

einstellen sollten, eine Warnung erhalten, und auch das Publikum

mußte von dem Vorgefallenen unterrichtet werden. Das Schriftstück

war rasch abgefaßt, doch wo und wie sollte es eben so rasch gedruckt

werden? Es blieb mir nichts übrig, als mit einigen Gehilfen noch an

demselben Abend nach Charlottenburg zu gehen, und eine dort befindliche

kleine Druckerei, in welcher ein zweiter Bruder Bruno Bauers sein

Wochenblättchen herstellen ließ, zu unserem Zweck zu benutzen. Die

eigentliche Besitzerin dieser auf das kärglichste ausgestatteten

typographischen Anstalt, eine Lehrerswitwe, sträubte sich lange

genug, uns ihr kostbares Gut zu so fragwürdiger Benutzung zu öffnen,

schließlich gab sie freundlichem Zureden nach. In der Nacht wurde

dann ein Anschlagzettel zustande gebracht, der in der Geschichte der

Buchdruckerkunst als ein Unikum seine Stelle finden darf. Nicht nur

einzelne Zeilen, sondern einzelne Worte mußten aus verschiedenen

Schriftgattungen zusammensetzt werden, weil das vorhandene Material

zu einem einheitlichen Satz nicht reichte. Das Ding nahm sich sehr

komisch aus, doch es wirkte. Um 5 Uhr morgens hatten sich auf

geschehene Anordnung zehn Gehilfen am Brandenburger Thor eingefunden,

welche die Zettel in Empfang nahmen und an den ihnen angewiesenen

Stellen anklebten. Die Folge davon war, daß wiederum die Arbeit

eingestellt wurde. Der vom Geiste des 18. März erleuchtete Magistrat

sandte jedoch schon tags darauf einen Stadtrat in die angekündigte

Buchdrucker-Versammlung unter den Zelten. Er bat die Gehilfen, an die

Arbeit zurückzukehren, indem er ihnen ankündigte, daß die Prinzipale

den verhängnisvollen Schein zurückgezogen hätten. Der Ausstand war

damit wieder beendigt. Bis zum 1. Juni kam es dann auch zu einer

vorläufigen Verständigung über den Gegenstand des Streites. Eine

mäßige Erhöhung des Tarifs war die Frucht dieser Bewegung, die sich

bald darauf über ganz Deutschland verbreitete und nach einem Jahre

unter dem Druck der eingetretenen politischen Reaktion zum Stillstand

gebracht wurde, um später doch durch die Gründung eines allgemeinen

Gewerk-Vereins in der ursprünglich von mir in Aussicht genommenen

Organisation einen festen Boden zu erlangen. Der aus jenen ersten

Anfängen hervorgegangene deutsche Buchdrucker-Verein hat, soviel mir

bekannt geworden, bisher als solcher seine volle Unabhängigkeit nach

allen Seiten hin gewahrt, ohne in das Recht der freien Bestimmung

seiner einzelnen Mitglieder einzugreifen.

[Illustration]

[Illustration]

XII.

Die Arbeiterpartei. Der Zeughaussturm.

Der eben geschilderte Lohnkampf der Buchdrucker, an dessen Spitze

ich gestanden hatte, bildete übrigens für mich nur eine Episode in

jenem Bewegungsjahr. Wie es gekommen ist, daß ich überall so rasch

ins Vordertreffen, an die exponiertesten Stellen kam, das kann ich

heute nicht mehr sagen. Ich erinnere mich nur, daß ich von vielen

Gewerkschaften ersucht wurde, den Vorsitz in ihren konstituierenden

Versammlungen zu übernehmen, daß ich in vielen freisinnigen

politischen Klubs freiwillig oder auf Verlangen der Anwesenden das

Wort ergriff, sodaß ich wohl eine gewisse Gewandtheit als Redner

besessen haben mochte. Im konstitutionellen Klub, an dessen Spitze

die Herren Crelinger und Wilhelm Jordan standen, erachtete man es in

der Anfangszeit für angemessen, mich mit einigen anderen Personen

meiner sozialpolitischen Richtung zu einer Sitzung einzuladen, zu der

ich mich denn auch einfand und wo ich zu meiner Überraschung vom

Präsidenten mit einer feierlichen Anrede empfangen wurde, die ich, ohne

meinem Standpunkt etwas zu vergeben, geschickt genug beantwortete.

Von derselben Seite wollte man mich auch auf die Liste der Kandidaten

für das Frankfurter Parlament setzen, was ich mit der Begründung

ablehnte, daß ich das vorgeschriebene Alter noch nicht erreicht

hätte. Ich erwähne dies nur, um darauf hinzuweisen, daß man bei aller

Unklarheit, die noch in den Köpfen herrschte, doch schon die Ahnung

von der Macht hatte, welche in der arbeitenden Klasse lag, und sich

deshalb früh bemühte, diese für sich zu gewinnen. Als ich dann wenige

Wochen darauf nach dem Polizeipräsidium geladen wurde, wo man mir in

höflicher Weise die Mitteilung machte, daß ich binnen vierundzwanzig

Stunden die Stadt Berlin zu verlassen hätte, und diese Neuigkeit sich

wie ein Lauffeuer in den Abendversammlungen verbreitete, ergriffen alle

Parteien sofort Partei für mich, Gemäßigte wie Demokraten sandten noch

vor Mitternacht Abordnungen an den Polizeipräsidenten v. Minutoli,

um gegen diese offenkundige Erneuerung der alten Willkürherrschaft,

die man mit dem 18. März begraben zu haben glaubte, einen lebhaften

Protest zu erheben. Herr v. Minutoli that, als wisse er von dieser

Maßregel nicht das geringste. Er erklärte mich sogar für ein sehr

nützliches Mitglied der Berliner Bevölkerung in einer Zeit, wo man

nicht allzuviel Leute besitze, die einen glücklichen Einfluß auf die

beschäftigungslosen Arbeiter auszuüben vermöchten; es verstände sich

ganz von selbst, daß meine Ausweisung sofort rückgängig gemacht werde.

Das Ergebnis der nächtlichen Intervention der Berliner politischen

Klubs beim Polizeipräsidenten wurde mir auch ohne Verzug mitgeteilt.

Ich war keinen Augenblick um den Ausgang dieses polizeilichen

Reaktionsversuches in Sorge gewesen. In der That wurde ich bald mit

meinem Freunde Bisky, der sich wieder in Berlin eingefunden hatte,

nachdem er sich von einer im Barrikadenkampf erhaltenen Wunde in seiner

Pommer’schen Heimat erholt hatte, zu einer vom Minister v. Patow

mit Mitgliedern des Berliner Stadtrats berufenen besonderen Sitzung

eingeladen, in welcher über Aufhebung der nach dem Muster von Paris

eingerichteten sogenannten Nationalwerkstätten beraten wurde. Man

hatte nämlich mehrere tausend Arbeitslose auf Kosten des Staates und

der Stadt in der Nähe von Berlin damit beschäftigt, daß man sie eine

Anzahl Sandhügel abtragen und an anderer Stelle aufschütten ließ, ein

in keiner Weise durch irgend ein Bedürfnis gebotenes Unternehmen, auf

das man eben nur gefallen war, weil man nichts Gescheiteres wußte. Daß

das Ganze nur eine Komödie war, hatten die Arbeiter bald bemerkt. Sie

thaten deshalb so gut wie nichts, schaufelten so wenig wie möglich,

eben nur etwas zu ihrer Belustigung, nahmen jedoch vergnügt den Lohn

für ihre scheinbare Arbeit in Empfang. Es wurde deshalb beschlossen,

da man das Geld der Steuerzahler nicht geradezu vergeuden durfte,

sich nach einer einigermaßen nutzenbringenden Beschäftigung für die

„Rehberger“ umzusehen. Die Änderungen, die hier vorgenommen werden

mußten, waren natürlich ohne Unruhen nicht durchzusetzen.

Bei dieser Gelegenheit ging mir eine Aufklärung über die Lehre auf,

daß nach der Ablösung des dritten Standes der vierte, derjenige

der Arbeiter, zur Herrschaft gelangen solle, und daß damit alle

Klassengegensätze endgiltig aufhören würden. Es zeigte sich nun

aber schon der fünfte Stand hinter dem vierten, derjenige der nicht

gelernten Arbeiter, der bloßen Handlanger oder Tagelöhner, denen

gegenüber die gelernten eine Art Aristokratie bildeten. Erst hinter

diesem fünften Stande kam das Lumpenproletariat als sechster. Und Marx

hatte gemeint, das Lumpenproletariat werde man eben erbarmungslos

ausrotten müssen. Das schien mir leichter gesagt als gethan, es

war auch nicht sein Ernst, wie es denn auch nicht mit der humanen

Weltanschauung in Einklang zu bringen war, die schließlich doch mehr

oder weniger in allen Gesellschaftsklassen herrschte. Die Humanität

war aber schwerlich als eine aus der herrschenden Produktionsform zu

erklärende ideologische Form anzuschauen.

Ob nun die materialistische Weltanschauung, der zufolge die gesamte

Entwicklung der menschlichen Gesellschaft nur von der Magenfrage

abhänge, ob die Meinung, daß alle von dieser Gesellschaft ausgegangenen

geistigen Schöpfungen nur ein Ausfluß materiellen Bedürfnisses der

herrschenden Klasse seien, wirklich auf Wahrheit beruhte? Jene

Behauptung erschien mir jetzt nicht mehr als ganz und gar unanfechtbar.

Doch hinderte die Einsicht, daß hinter der vierten aufstrebenden

Klasse schon eine fünfte stehe, und auch der entstehende Zweifel an

der Richtigkeit der materialistischen Weltanschauung mich nicht,

an der Organisation des vierten Standes mitzuarbeiten, ohne dabei

die Thatsache aus den Augen zu verlieren, daß der Sieg des dritten

Standes, dessen liberales Programm erst dem vierten die Wege bahnen

konnte, allem vorangehen müsse. Deshalb enthielt ich mich möglichst

aller heftigen Ausfälle gegen die Bourgeoisie, als geschlossene Klasse

existierte sie ja in Berlin und in ganz Ostdeutschland noch nicht, wo

die moderne, gewerbliche Entwicklung eine diesen Namen verdienende

Großindustrie noch nicht geschaffen hatte.

Das Wort „Klassengegensätze“ hatte damals, an den wirklichen Zuständen

Deutschlands gemessen, kaum eine Berechtigung. Wenn man wenige Gewerbe,

die der Maschinenbauer, der Buchdrucker und noch einige andere ausnahm,

so gab es wohl Arbeitgeber und Arbeitnehmer, der Meister aber war in

der Regel nichts anderes als ein ehemaliger Geselle. Es waren zwei

Altersstufen vorhanden, keine zwei Klassen. In den Köpfen herrschten

dabei noch die Vorstellungen von den verschiedenen Standesstufen, die

aus dem Zunftwesen in die Zeit der Gewerbefreiheit sich hinübergerettet

hatten, der Geselle war, wie oben schon gesagt, dem Meister nach dessen

patriarchalischen Anschauungen untergeordnet, doch war ihm der Weg zur

Meisterschaft, solange das Handwerk nicht fabrikmäßig betrieben wurde,

nicht verschlossen. Vorherrschend war in den Städten Deutschlands

im Jahre 1848 -- einige Punkte im Rheinland ausgenommen -- das

Kleinbürgertum, das sich aus Handwerkern und Krämern zusammensetzte,

und den breiten Mittelstand bildete. Dieser kleinbürgerliche

Mittelstand war durchwegs liberal und schloß sich in liberaler

Gesinnung den sogenannten Honoratioren, Kaufleuten und Beamten an,

deren Bildung sich mit einer längeren Herrschaft des Absolutismus

nicht vertrug und deshalb mit dem eigentlichen Volk des Mittelstandes

die Umwälzung des 18. März als eine Erlösung aufnahm. Deutschland

wäre noch eine kurze Zeit im Stande der vertrauensseligen politischen

Unschuld geblieben, in welchem es sich vor dem 18. März und auch in den

nächsten Tagen befand, wenn nicht die „kleine, aber mächtige Partei“

der Junker sofort mit entschiedenem Klassenbewußtsein aufgetreten wäre

und rücksichtslos die Reaktion in Szene gesetzt hätte. Der feudale

Adel sah seine Interessen bedroht und er wartete keinen Tag, um sich

zu einer festen Phalanx zusammenzuschließen. Die absolute Monarchie

gab er als unhaltbar auf, in der konstitutionellen Monarchie aber, die

nicht mehr zu umgehen war, wollte er seinen maßgebenden privilegierten

Platz behaupten. Das ist ihm, genau genommen, bis zur heutigen Stunde

gelungen.

Erinnerungen eines Achtundvierzigers · 第 6 / 14 段