„~Vive la république!~“ erscholl es aus aller Munde. Die Schlacht

war ohne Blutvergießen, ohne jede Gewaltanwendung, durch eine einfache

Rede gewonnen. Die ungebetenen Gäste, nachdem sie ihre Wünsche hatten

aufschreiben lassen -- nur wenige verlangten eine vollständige

Kleidung, die meisten begnügten sich mit der Erneuerung des einen

oder anderen Gegenstandes -- verließen ihre ihnen lieb gewordene

Schlafstätte, und es wurde ohne Verzug für die Wiederherstellung der

Tuilerien in ihren früheren Stand gesorgt.

Als ich in die Stadt zurückkehrte, begegnete ich einem Zuge der Pariser

Wäscherinnen, die im Begriff waren, wie die ~Dames de la Halle~

es schon gethan, der provisorischen Regierung zu gratulieren. Auf

ihrem ganzen Wege erklang wieder das ~Mourir pour la patrie~. Es

war trotz dieses Hymnus auf den Schlachtentod ein heiterer Festzug,

er wurde in den Straßen mit den lebhaftesten Zurufen begrüßt, alles

kicherte, lachte, die Augen strahlten und flammten, und Witzpfeile

flogen hin und her.

Von den fremden Nationalitäten hatten schon die Polen, die Amerikaner

und die Italiener die provisorische Regierung in glänzendem Aufzug

begrüßt. Die Deutschen, die zahlreichsten in Paris niedergelassenen

Ausländer, brauchten längere Zeit, um sich zu einem gemeinsamen,

politischen Akt zu organisieren. Endlich am 6. März, erklärten sie sich

bereit, dem Beispiel der anderen Nationalitäten zu folgen.

[Illustration]

X.

Die Deutschen in Paris. Georg Herwegh und der Freischaarenzug nach dem

badischen Oberland.

Die Deutschen bilden bekanntlich die zahlreichste Fremdenkolonie in

Paris. Im Faubourg St. Antoine allein sollen in jener Zeit 20,000

deutsche Arbeiter gewohnt haben. Der Gedanke, an die provisorische

Regierung eine Abordnung der Deutschen in Paris mit einer Adresse

an das französische Volk zu senden, ist von Herrn Adalbert von

Bornstedt, dem in einem früheren Kapitel dieser Erinnerungen erwähnten

Herausgeber der Deutschen Brüsseler Zeitung ausgegangen. Dieser

ehemalige preußische Offizier kam zu +Georg Herwegh+, dem Dichter

der Lieder eines Lebendigen, der damals seinen Wohnsitz in der

französischen Hauptstadt aufgeschlagen hatte, und forderte ihn auf,

einen Adreßentwurf auszuarbeiten und ihn einer im Saal Valentino

einzuberufenden Versammlung der deutschen Landsleute zur Annahme

vorzulegen. Herwegh willigte ein. Es sei mir gestattet, diese Adresse

hier im Auszug wiederzugeben.[A] Sie ist bezeichnend für die Stimmung,

die in jenen Tagen selbst ungewöhnlich intelligente, aber nicht zu

politischen Dingen berufene Menschen beherrschte. Die Adresse beginnt

mit einem großen Irrtum:

„Der Sieg der Demokratie für ganz Europa ist entschieden, Gruß und Dank

vor allem dir, französisches Volk! In drei großen Tagen hast Du mit der

alten Zeit gebrochen und das Banner der neuen aufgepflanzt für alle

Völker der Erde. Du hast endlich den Funken der Freiheit zur Flamme

angefacht, die Licht und Wärme bis in die letzte Hütte verbreiten soll.

Die Stimme des Volkes hat zu den Völkern gesprochen, und die Völker

sehen der Zukunft freudig entgegen. Vereint auf einem Schlachtfeld

treffen sie zusammen, zu kämpfen den letzten unerbittlichen Kampf

für die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen. Die Ideen der neuen

französischen Republik sind die Ideen aller Nationen, und das

französische Volk hat das unsterbliche Verdienst, ihnen durch seine

glorreiche Revolution die Weihe der That erteilt zu haben, u. s. w.“

Als eine ungeheure Selbsttäuschung erscheinen uns heute diese Sätze.

Gewiß war der 24. Februar 1848 ein großes historisches Datum, gewiß hat

die Erhebung der Stadt Paris, die Vertreibung der Dynastie Orleans,

die Ausrufung der zweiten französischen Republik andere Völker Europas

zur Empörung gegen die ihnen auferlegte absolutistische Gewalt

geführt; gewiß hat Frankreich zum zweitenmal den Anstoß gegeben zu

einer großen Bewegung, welche in ihrem vielfach durch vorherzusehende

Hindernisse gehemmten Verlauf endlich zu weitgehenden politischen

Veränderungen geführt haben. Den Widerstand, dem die Volkserhebung des

Jahres 1848 begegnen mußte, hat jedoch der Verfasser jener Adresse

nicht vorhergesehen, er scheint ihn kaum geahnt zu haben. In Preußen

und in Österreich und den anderen deutschen Staaten ist die Republik

nicht ausgerufen worden, weil die republikanische Idee nicht im

Volke lebte; die Polen versuchten es nicht einmal, sich gegen den

russischen Despotismus zu erheben, der Zar hielt das Land durch seine

Truppenmacht so gefesselt, daß es sich nicht zu rühren wagte, er konnte

sogar im Jahre 1849 die bis dahin siegreiche Revolution in Ungarn

niederschlagen, welche Österreich nicht zu bewältigen vermochte. Und in

Frankreich wählte das Volk, „das den Funken der Freiheit zur Flamme

angefacht,“ den Prinzen Louis Napoleon zum Präsidenten der Republik,

der das junge, seiner Pflege anvertraute Kind in der Wiege erdrosselte.

Durch die Herwegh’sche Adresse ging ein kosmopolitischer Zug, der zu

dem gesteigerten nationalen Bewußtsein, das in der Bewegung des Jahres

1848 bei allen Völkern Europas sich kundgab, in grellem Widerspruch

stand. Der Kosmopolit ist stets der Düpierte. In der Adresse heißt

es: „Die Völker sehen der Zukunft freudig entgegen. Vereint auf

+einem+ Schlachtfelde treffen sie zusammen.“ Das Gegenteil ist

eingetroffen, nicht die Völker, sondern die in ihrer Herrschaft

bedrohten Dynastien, die über die militärischen Kräfte der Völker

verfügten, traten vereint auf +einem+ Schlachtfelde gegen die

Völker auf. Das war der erste Akt der mit dem Jahre 1848 begonnenen

neuen Zeit. Langsam trat eine Wendung in freiheitlichem Sinne in

dem großen Drama ein, das sich bis zum Frankfurter Frieden vor uns

abspielte, nicht im Geiste der Völkerverbrüderung, die damals von

Poeten aller Zungen um mindestens ein Jahrhundert zu früh besungen

wurde, sondern in dem nationaler Ausschließlichkeit. Deutschland,

Italien und Österreich-Ungarn waren damals nichts anderes als

geographische Begriffe. Die Völker, die sich verbrüdern sollten,

mußten erst durch schwere Kämpfe ihr politisches Dasein sich erringen.

Es hat ein Vierteljahrhundert und gewaltige Kriege gebraucht, ehe

Deutschland und Italien selbständige Nationen wurden. Noch immer

zittert der Boden, auf dem ihre Neugestaltung sich erhebt und ein

zweites Vierteljahrhundert hat ihre ganze Fürsorge für das mit ihrem

Blut Errungene gefordert. Noch immer sind es nationale Fragen, in

Österreich-Ungarn, in Griechenland, auf der Balkanhalbinsel, im ganzen

Orient, welche die Politik unserer Tage beherrschen. Noch immer sind

wir weit entfernt von der Verwirklichung jener schon lange vor 1848

von Béranger und Alfred de Musset gesungenen Lieder zur Verherrlichung

der Völkerverbrüderung. Ja, die Franzosen sind zur Stunde viel

ausschließlicher national gesinnt als alle anderen Völker.

Sie waren im Jahre 1848 nichts weniger als kosmopolitisch gesinnt. Das

konnte man schon aus der Antwort erkennen, welche Crémieux im Namen

der provisorischen Regierung auf die ihr am 8. März von den Deutschen

überreichte Adresse erteilte. Nach einer Angabe des Moniteur, der

jene Adresse in ihrem Wortlaut veröffentlichte, waren es 6000 Deutsche

gewesen, welche an dem Zuge zum Stadthause teilgenommen hatten. Ich war

natürlich auch dabei. In seiner Antwort auf die Adresse sagte Crémieux:

„Ein Vaterland der Philosophie und der hohen Studien, kennt euer

Deutschland sehr wohl den Wert der Freiheit, und wir sind versichert,

daß es sie aus eigener Kraft und ohne andere fremde Hilfe zu erobern

wissen wird, als diejenige des lebendigen Beispiels, das wir dem Volke

geben.“ Schon in diesen Worten lag die leicht verständliche Andeutung,

daß die junge Republik alles vermeiden wollte, was sie in den Augen

der Monarchen kompromittieren und eine Koalition gegen Frankreich

herbeiführen konnte. An eine solche Koalition war fürs erste nun

freilich nicht zu denken, denn die Monarchen hatten bald im eigenen

Hause genug zu thun. Der Friedensgedanke aber herrschte vor. Im Schoße

der provisorischen Regierung wurde er mit Entschiedenheit von Lamartine

vertreten, und sogar viel weiter nach links stehende Mitglieder

derselben, wie Louis Blanc und der Arbeiter Albert, achteten einzig und

allein auf die Stürme, die im Innern der Republik aus sozialistischen

Kreisen sich ankündigten, infolge der eingetretenen Arbeitslosigkeit

von Woche zu Woche sich drohender näherten, so daß selbst die

Eröffnung der Nationalwerkstätten den gegen die Bourgeois-Republik

gerichteten blutigen Juni-Aufstand nicht verhindern konnte, der den

Untergang der Republik überhaupt nach sich ziehen sollte.

Unter dem allgemeinen Stillstand der Geschäfte, der in Frankreich

eingetreten war und namentlich die arbeitende Bevölkerung von Paris

schwer heimsuchte, litten besonders die deutschen Arbeiter, die

man eher als die einheimischen aus den Werkstätten entließ. Die

Begeisterung, welche die nun einander folgenden Aufstände in Wien

und Berlin sowie im Großherzogtum Baden hervorriefen, führte zu

dem unglückseligen Gedanken, der von Herrn Adalbert von Bornstedt

ausgehend, an Herwegh herantrat, eine deutsche demokratische Legion zu

sammeln und sie zur Unterstützung Heckers nach Baden zu führen. Herwegh

widerstand anfangs dieser Zumutung, doch ging er schließlich auf den

Vorschlag ein, indem er die militärische Führung sachverständigen

Personen, ehemaligen Offizieren überließ und die 850 Mann zählende

Legion nur als politischer Berater begleitete. Vergebens, daß er sich

später auf diese Thatsache berief. Die Unternehmer des Zuges brauchten

einen bekannten und populären Namen und dazu mußte derjenige des mit

dem Lorbeer geschmückten Dichters ihnen dienen. Dieser Zug an der

Spitze der deutschen demokratischen Legion von Paris bis nach dem

badischen Oberland, wo das Gefecht bei Dossenbach dem Abenteuer ein

Ende machte, wurde geradezu verhängnisvoll für Herwegh, denn die durch

Augenzeugen und die gerichtlichen Verhandlungen gründlich widerlegte

Fabel, daß er in einem von seiner mutigen Frau über die Schweizergrenze

geführten Einspänner unter dem Spritzleder sich versteckt gehalten,

wurde geflissentlich von der Reaktion und gedankenlos von der

indifferenten Menge verbreitet, sogar von gelehrten Historikern ohne

Kritik, ohne Quellenangabe in ihren Schriften festgenagelt.

Verhängnisvoll sagte ich, wurde dieser Zug mit der Pariser deutschen

Legion, die über dem Rhein das republikanische Banner entfalten sollte,

für den hochbegabten Dichter. Die über seine Flucht nach der Schweiz

verbreitete Fabel, die zu widerlegen er zu stolz war, versetzte sein

Gemüt in tiefe Verbitterung und drängte ihn mehr und mehr von seiner

Heimat, drängte den Dichter von seinem Urquell ab. Hieraus erklärt

sich seine lange Unproduktivität. Mir war es manchmal -- ich stand

in Zürich in freundlichstem Verhältnis zu ihm und seiner Familie --

als suchte er Vergessen in dem unausgesetzten Studium von Werken

aus den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten. Das ewige Lesen

und Lesen ließ ihn nicht zur Produktion gelangen, und er hatte doch

in seiner Nähe das schönste Beispiel fortgesetzter Produktivität

an Richard Wagner, den er nicht selten sah. Der langjährige, fast

ausschließliche Verkehr mit Italienern, Franzosen und Russen konnte

auch nicht befruchtend auf den versiegenden Quell poetischer Schöpfung

wirken. Es vergingen Jahre, bis er durch die Übersetzung der

Lustspiele Shakespeares für die vortreffliche Bodenstedt’sche Ausgabe

des britischen Dichters aus seiner nur durch einzelne Zeitgedichte

unterbrochenen Passivität heraustrat. Da aber setzte ein früher Tod

seinem neu erstandenen Schaffen ein nur zu rasches Ende.

Noch einige Worte über Herwegh: Er hielt es für möglich, in Deutschland

die Republik herzustellen. „Ihr habt ein paar gute Tage gehabt in

Berlin,“ schreibt er einem seiner dortigen Freunde, „aber bei allem

Heroismus echt +deutsche+ Tage. Ihr habt zu kämpfen aufgehört in einem

Augenblick, wo ein Ruf „~au château!~“ für euch und Deutschland alles

entschieden hätte; man macht allerdings die Republik, ein Dutzend

Menschen reicht dazu hin, und wenn sie nur eine Viertelstunde von

diesen aufrecht erhalten wird, so wird sie von Millionen für lange

Zeiten aufgenommen. Die Bourgeoisie fügt sich in alles.“

Für Frankreich mochte die Bemerkung richtig sein, daß man die Republik

machen könne. Das ist in der That in der Februar-Revolution geschehen.

Einige geheime Gesellschaften haben die ihnen durch den Doktrinarismus

und die Verkehrtheiten eines Guizot geschaffene Gelegenheit benutzt, um

Louis-Philippe mitsamt seinen Ministern aus Frankreich zu vertreiben.

Wie lange aber hat die zweite Republik gedauert? Wenn die dritte sich

seit dem September 1870 bis heute erhalten hat, so ist dies wesentlich

dem Umstande zuzuschreiben, daß die alten Dynastien in Frankreich

keinen einzigen zugkräftigen Prätendenten mehr stellen konnten. Der

französischen Bourgeoisie und dem Landvolk ist aber auch die Staatsform

sehr gleichgültig geworden, sie haben sich beide in die Republik

jetzt eingelebt, die Bourgeoisie, weil sie in der Republik wie in

der Monarchie ihre Interessenherrschaft zu wahren vermag, der Bauer,

weil er seiner Natur nach sich stets in die gegebenen Verhältnisse

schickt. Sollte die sozialistische Arbeiterpartei, was übrigens

durchaus nicht wahrscheinlich ist, noch einmal einen Massenaufstand

für ihren Idealstaat wagen, so würde sie wieder eine furchtbare

Niederlage erleiden. Das morsche Königtum konnte in Frankreich durch

eine Handvoll entschlossener Männer vernichtet werden, das wird aber

nicht das Schicksal der Bourgeois-Republik sein. Sie wird nicht durch

das Schwert beseitigt werden, es sei denn nach einem unglücklichen

Kriege, sie geht durch die sozialen Reformen, zu denen sie sich nach

und nach herbeilassen muß, einer Umwandlung entgegen, durch welche der

heutige schroffe Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Arbeiterbevölkerung

sich fortschreitend abschwächt, so daß auf dem natürlichen Wege der

Entwicklung eine neue Gesellschaft entsteht, die zwar, soweit Menschen

blicken können, niemals dem Ideal des Sozialphilosophen, jedoch den

jeweiligen Bedürfnissen der Zeit und den vorhandenen Mitteln zur

Befriedigung dieser Bedürfnisse entsprechen wird. Welche Gestalt

diese Gesellschaft erhält, das kann uns heute wenig kümmern, denn es

wäre thöricht, entfernten Geschlechtern ihre Aufgabe heute abnehmen

zu wollen. In Deutschland aber, um zu dem Ausgangspunkt dieser

Betrachtung zurückzukehren, denkt heute, ein halbes Jahrhundert nach

den Umwälzungen des Jahres 1848, keine revolutionäre Partei daran, die

Republik durch einen Handstreich zu „machen“.

Ein anderer großer Irrtum Herweghs und der damaligen demokratischen

Partei geht aus demselben, kurz nach dem verunglückten Feldzug der

Pariser deutschen Legion an einen Berliner Freund geschriebenen Briefe

hervor. Da heißt es: „Ihr bildet Euch doch nicht ein, mit dem König von

Preußen einen Krieg gegen Rußland zu führen!“ Kein politisch denkender

Mensch in Deutschland hat vernünftigerweise nach der Märzrevolution

an einen Krieg mit Rußland gedacht. -- „Ihr bildet Euch doch nicht

ein, ohne Polen, auch das wenige, was Ihr errungen, zu erhalten? Ihr

verratet Polen oder Ihr werdet Republikaner! Frankreich wird nicht

ruhig zusehen, es wird Polen zu Hilfe eilen, aber es wird nicht bis

dahin gelangen, es wird in Deutschland hängen bleiben, in dem alsdann

feindlichen Deutschland, und die alte Geschichte geht wieder los,

Frankreich ist verloren, Ihr seid verloren, Polen ist verloren, und die

Geschichte wird endlich gerecht sein und Euch von den Kosaken fressen

lassen.“

Ist es möglich, mehr falsche Prophezeiungen in einem Zug aneinander zu

häufen, als in diesen wenigen Zeilen ausgesprochen sind? Frankreich

hat während der abgelaufenen letzten fünfzig Jahre keinen Schritt

gethan, um Polen zu befreien, und wir sehen am Ende dieses Jahrhunderts

den Präsidenten der französischen Republik und den Selbstherrscher

aller Reußen sich brüderlich umarmen, wir sehen die Pariser die

glänzendsten Feste zu Ehren der Allianz der demokratischen Republik mit

der absolutesten aller Monarchien veranstalten, weil sie sich mit der

Hoffnung tragen, unter gewissen, eines Tages vielleicht eintretenden

Verhältnissen dem neu erstandenen deutschen Reich die Provinzen Elsaß

und Lothringen wieder abzunehmen, ja vielleicht die alte, von dem

ersten Napoleon erworbene Rheingrenze bis zur Mündung des deutschen

Stromes zu gewinnen.

Ich habe niemals mich aufs Prophezeien eingelassen, ich habe auch

niemals in den Fesseln der Erinnerung an die erste französische

Revolution gelegen, einer Erinnerung, die in jenen Tagen noch viele

Köpfe beherrschte und sie zu dem Glauben verleitete, die Dinge müßten

genau so wiederkehren, wie sie von 1789 bis zum Ende des achtzehnten

Jahrhunderts sich gestaltet haben. Das Kleben an den Ereignissen jener

Zeit, die das Mittelalter bis auf wenige Überreste begraben, Europa

eine neue Gestalt und einen neuen Inhalt gegeben haben, hat, wie ich

nur zu häufig beobachtet habe, viele ihrer Meinung nach am weitesten

vorgeschrittene, von allen Vorurteilen sich frei dünkende Leute dazu

geführt, daß sie stets nach rückwärts blickten, statt nach vorwärts,

daß sie von der angelernten Bewunderung für die Gewaltmenschen der

Schreckenszeit sich nicht frei machen konnten, von denen die meisten

mir stets als recht feige Gesellen erschienen sind, weil sie aus Angst,

für gemäßigt zu gelten und deshalb abgeschlachtet zu werden, den

Nachbar abschlachten ließen. Neue historische Ereignisse beschäftigen

die Gemüter jetzt, man ist im Besitz der großen Errungenschaften der

französischen Revolution, denkt aber nicht mehr daran, die Danton und

Robespierre, die Schurken des ~tribunal révolutionnaire~, die für

ein lumpiges Taggeld jeden Angeschuldigten zum Tode verurteilten, denkt

nicht daran, die Marat, Fouquier-Tinville und Henriot als Lehrmeister

der Weltgeschichte zu betrachten.

[A] Briefe von und an Georg Herwegh. Herausgegeben von Marcel Herwegh.

Paris, Leipzig, München, Albert Langen.

[Illustration]

[Illustration]

XI.

Heimkehr nach Berlin. Die Berliner nach dem 18. März.

Am 13. März 1848 wurde in Wien das Metternich’sche Regiment

zertrümmert. Wie ein Kartenhaus brach es zusammen, umgeblasen von dem

lauten Freiheitsruf der aufgeregten Bevölkerung. Es bedurfte zu aller

Welt Erstaunen keines langen blutigen Kampfes, um die Herrschaft eines

Staatsmannes niederzuwerfen, der in Europa für allmächtig galt, weil

er seinen verderblichen Einfluß auf sämtliche Monarchen ausübte, die

auch nichts anderes wünschten, als seinem Rat, der nicht selten ein

Befehl wurde, mit ganzer Seele nachzukommen. Metternich war ihnen

die Vorsehung des Königtums von Gottes Gnaden. Und doch hatte sich

in Wien, wo er als unbeschränkter Herr waltete -- der Kaiser war ja

geistig unmündig -- als das Volk sich erhob, keine Hand ernstlich

für ihn gerührt. Die Mitglieder des kaiserlichen Hauses haßten ihn,

weil er sie zu seinen Handlangern degradiert hatte, seine Kollegen im

Ministerium und die alten Generäle haßten ihn, weil er ihnen wie jedem

andern gegenüber der alleinige Gebieter war, alle höheren und mittleren

Staatsbeamten lachten sich ins Fäustchen, als sie ihren Herodes

gedemütigt und die Flut der Empörung ihn verschlingen sahen. Das Wiener

Volk stieg auf die Gasse und seinen wildesten Zornesausbrüchen trat

ein so geringer Widerstand entgegen, daß es mit einem Hohngelächter

den Götzen der europäischen Reaktion aus seinem Tempel vertreiben

konnte. Niemand hatte geglaubt, daß Fürst Metternich, die Säule der

reaktionären Gewalten Europas, so schwach fundiert war, daß er am Tage

der großen Prüfung wie ein Strohhalm in sich zusammenknicken mußte.

Die Leichtigkeit des Triumphes sollte später den Siegern verhängnisvoll

werden.

In Berlin wurde am 18. März das Schicksal der absoluten Monarchie

für immer entschieden. Hier saß ein Mann auf dem Throne, der bei

allem Witz, den er in seinem engsten Hofzirkel entfaltete, bei allem

mannigfaltigen Wissen, das er in sich aufgenommen, in allen politischen

Fragen einen beschränkten Gesichtskreis hatte und eine auffällige

Unkenntnis des Geistes seiner Zeit, ihrer treibenden Ideen, sowie

der Menschen und Zustände verriet, mit und in denen er lebte. Man

hat mit gutem Grund ihn den „Romantiker auf dem Thron der Cäsaren“

genannt. Schade, daß ihn das Schicksal nicht zu einem Poeten gemacht,

er wäre der Rival eines Clemens Brentano und Zacharias Werner oder

eines Geschichtsschreibers wie Görres geworden. Er war eben so anormal

angelegt wie sie und deshalb zum König, zum Haupte einer Nation in

einer gärenden Zeit wie die seine durchaus nicht berufen. Er hat eine

klägliche Rolle auf dem Throne der Hohenzollern gespielt.

Als ich einige Tage nach dem 18. März in Berlin eintraf, wurde ich

von dem Bilde, das sich hier meiner Beobachtung darbot, aufs Höchste

überrascht. In Paris hatte ich eine fröhlich erregte Bevölkerung

gesehen, die noch bis tief in den März von der Siegesstimmung nichts

eingebüßt hatte, die am Abend des 24. Februar sie zu den lautesten

Kundgebungen hinriß. In Berlin war schon wenige Tage nach dem 18. März

von dem Revolutionsrausch, der in Wirklichkeit ja ganz Deutschland

ergriffen hatte, kaum noch etwas zu merken. Der Rausch hatte sich

rasch verflüchtigt. Die Leute sahen ernst darein, als fürchteten sie

die Zukunft. Die Selbstdemütigung des Königs, als er auf den Balkon

trat, um der Aufforderung des unten auf dem Platze drohend versammelten

Volkes nachzugeben und vor den von den Barrikaden aufgehobenen Leichen

den Hut zu ziehen, sein Ritt durch die Straßen der Stadt hinter der,

von dem berüchtigten Geheimpolizisten Stieber vor ihm hergetragenen

schwarz-rot-goldenen Fahne, die bekannt gewordene Thatsache, daß

er während des Kampfes zwischen Bürgern und Soldaten in Thränen

zerflossen, daß er während des Volksaufstandes, ein ganz gebrochenes

Gemüt, gewollt und nicht gewollt und sich vollständig unköniglich

benommen, alles das ließ eine gehobene Stimmung nicht aufkommen. Die

Bevölkerung schwankte zwischen Hohn und Mitleid, sie ahnte auch, daß

die Demütigung, welche Friedrich Wilhelm IV. erfahren hatte, sich

bald in Trotz verwandeln und einen um so hartnäckigeren Widerstand

gegen die Volkswünsche hervorrufen werde. Hatte man doch schon nach

den ersten Tagen die alten feudalen und hochkirchlichen Ratgeber in

der Umgebung des nach Potsdam übergesiedelten Monarchen sich wieder

einstellen sehen. Ein Ruf nach der Republik, wie er in einigen

süddeutschen Landschaften vorübergehend erschallt war, hatte sich in

Norddeutschland, speziell in Berlin nicht vernehmen lassen. Man möchte

sagen, das preußische Volk fühlte sich im Innern selbst gedemütigt, daß

ein Nachfolger Friedrichs des Großen so wenig Mark in den Knochen hatte.

Erinnerungen eines Achtundvierzigers · 第 5 / 14 段