bekannt. Die Cafés, die Bierhäuser in allen Gassen, namentlich auf
dem altertümlichen großen Rathausplatz, füllten sich, überall erklang
die Brabançonne und die Marseillaise; die friedsamen, verrosteten
Stammgäste -- Brüssel besaß zu allen Zeiten ein zahlreiches
Philistertum -- konnten ihre Plätze nicht behaupten, eine neue,
begeisterte Bevölkerung war plötzlich wie aus der Erde gewachsen, und
halb verschüchtert, halb erstaunt oder aus ihrem zopfigen Traumdasein
aufgerüttelt, sahen die Alten offnen Mundes dem Treiben der Jugend
zu. Ich erinnere mich eines bildschönen, Lütticher Advokaten, Namens
Tedesco, der in einem der großen Cafés, dem Versammlungsort der
wohlhabenden Gesellschaft, auf einen Tisch stieg und die ihm nach vom
Platz hereingestürmte Menge mit einer glühenden Rede in flammende
Begeisterung versetzte. Fort zog er von einem der großen Cafés in
das andere, und die Menge umdrängte überall den unwiderstehlichen
Feuergeist. Immer neue Massen zog er an, die er mit seinem Wort
elektrisierte, und das ~Vive la république~, mit welchem er
jedesmal seine Rede schloß, erschallte als ein donnerndes Echo in
der Volksbrandung, die auf den großen Plätzen immer gewaltigere Wogen
schlug. Man hätte glauben mögen, daß in dieser Nacht das junge Königtum
in Belgien vom Sturm vernichtet werden müßte.
Doch es sollte anders kommen, als man hatte erwarten dürfen. Auf dem
neu errichteten belgischen Thron saß ein kluger Staatsmann, der sein
Schifflein kaltblütig und weise durch die tosenden Wellen steuerte.
Er rief seine liberalen Minister, die einflußreichsten Mitglieder der
liberalen Kammer, er rief den Bürgermeister und den Gemeinderat von
Brüssel zu sich und sagte zu den Herren: „Das Land hat mich zu seinem
König erwählt und ich habe als König stets den Willen des Landes
geehrt, keine ernste Klage hat sich bisher gegen meine Regierung
erhoben. Wozu Blut vergießen? Wenn das Land den Wunsch ausspricht,
daß ich die mir anvertraute Krone niederlege, so werde ich dies ohne
Sträuben thun. Um meinetwillen sollen nicht Bürger gegen Bürger mit
Waffen sich bekriegen. Man sage mir ein Wort und ich gehe.“
Die anwesenden Volksabgeordneten und Vertreter der Hauptstadt waren
von diesen Worten tief bewegt, und wie man am Abend vorher auf
Straßen und Plätzen die Republik hatte hochleben lassen, so riefen sie
jetzt: ~„Vive le roi!“~ In Belgien standen die Dinge denn doch
anders als in Frankreich. Louis Philippe, der Sohn des Königsmörders
~Philippe-Egalité~, war ein Hemmschuh der freiheitlichen
Entwicklung des Landes geworden. König Leopold von Belgien hingegen
war das Muster eines konstitutionellen Herrschers. Der koburgische
Prinz verstand es, das Volk, an dessen Spitze er gestellt war, mit
wunderbarem Geschick zu behandeln, er war sehr populär und er hatte
seine Popularität nicht durch Anwendung schnell verbrauchter Künste,
sondern durch verständiges Eingehen auf den besonderen Charakter seines
Volkes und durch Einsicht in die Forderungen seiner Zeit erworben.
Er konnte nichts Vernünftigeres thun, als seinen Willen kundgeben,
freiwillig zurückzutreten, wenn er damit dem Wunsche seines Landes
entgegenkomme.
Als am nächsten Tage die Worte des Königs bekannt wurden, hatte er
seine Sache, auch der Gesamtbevölkerung gegenüber, schon halb gewonnen.
Wohl war in der Nacht von den republikanischen Gesellschaften alles auf
einen in Szene zu setzenden Aufstand vorbereitet worden, doch fehlte
der revolutionäre Hauch in der Hauptstadt. Ein paar leidenschaftliche
Reden genügten denn doch nicht, einen König heute zu vertreiben, gegen
den gestern noch kein Vorwurf sich erhoben hatte. Wohl füllten am
Abend sich die Straßen und Plätze, die von den revolutionären Klubs
getroffenen Anordnungen machten den Eingeweihten sich bemerklich, aber
es kam nicht zum Barrikadenbau. Ehe damit noch begonnen wurde, rückte
militärische Macht heran. Auf dem Rathausplatz erschien ein Regiment
Infanterie in breitester Front; vor der Truppe der Oberst mit einem
Tambour. Der Infanterie zur Seite stürmte eine Schwadron Dragoner
heran. Die Aufruhrakte wurde verlesen. Nach dem dritten Trommelschlag
sollte von den Waffen Gebrauch gemacht werden, wenn der Platz nicht
geräumt würde. Auf die erste und zweite Warnung erscholl aus der
dichten Menge ein schrilles Pfeifen, ein furchtbares, höhnisches
Geschrei. Sie wich nicht vom Platze.
Der dritte Trommelschlag ertönte.
Es fiel kein Schuß. Mit gefälltem Bajonett drängte die Infanterie
unaufhaltsam vorwärts, die Reiter sprengten an einer Seite des Platzes,
dicht beim Trottoir heran, und die Menge ergriff die Flucht. Ich stand
mit Engels auf dem Trottoir, vor dem Eingang in eines der vielen
Cafés; zu meiner Rechten war Wilhelm Wolf, einer der beliebtesten
unter den in Brüssel lebenden Deutschen. Da drängt plötzlich ein
Reiter auf ihn ein, langt sich vom Roß herab, das auf das Trottoir
gelangt ist, den kleinen Wolf, indem er ihn fest am Kragen packt und
schleppt ihn mit sich fort. Im Nu war es geschehen, im Nu war er
verschwunden. Wilhelm Wolf war damals etwa 40 Jahre alt. Er hatte
in Breslau Philologie studiert, und die Verfolgungen, die er sich
als Burschenschafter zugezogen, trieben ihn ins Ausland. In Brüssel
ernährte er sich durch Privatunterricht in den alten Sprachen. Nach der
Märzrevolution zog er mit Marx nach Köln. Er wurde sehr geschätzt als
Mitarbeiter der „Neuen Rheinischen Zeitung,“ in welcher er namentlich
durch seine Darstellung der bäuerlichen Verhältnisse in Schlesien sich
auszeichnete.
Die belgische Regierung, nachdem sie so leicht den ersten Versuch
eines Aufstandes niedergeschlagen hatte, beschloß, es zu einem zweiten
Putsch nicht kommen zu lassen. Wenn sie gleich mit Verhaftungen unter
den Landesangehörigen vorsichtig sein mußte, so hatte sie doch freie
Hand gegenüber den Ausländern. Wir wurden durch Freunde von der Absicht
der Regierung unterrichtet, die namhaftesten aus unserem Kreise zu
verhaften und über die Grenze zu senden. Ein Brüsseler Bürger, der
außerhalb der Stadt ein ziemlich einsames Haus bewohnte, bot uns für
die nächste Nacht seine Gastfreundschaft an. Marx, Engels und ich
begaben uns nach Sonnenuntergang zu dem wackern Mann. Wir wurden
freundlich aufgenommen. Ein Abendessen erwartete uns, und für jeden von
uns war ein Lager bereitet.
Die Regierung des Herrn Roger, der damals am Ruder war, wollte kein
Aufsehen erregen, bei Tage hatten wir keine Verhaftung zu befürchten.
Wie es sich übrigens nur zu bald zeigte, hatte sie es fürs erste
nur auf Marx abgesehen, den sie nicht mit Unrecht als die Seele der
deutschen Emigration ansah. In nächster Nacht -- er hatte sich nicht
mehr von den Seinen entfernen wollen -- klopfte es ungestüm an seine
Hausthür. Er ließ öffnen. Man kündigte ihm seine Verhaftung an. Die
eingetretenen Polizisten forderten ihn auf, ihnen zu folgen. Marx fügte
sich, ohne ein Wort zu verlieren, in das Unvermeidliche. Seine Frau
jedoch geriet außer sich. Wohin man ihren Mann bringe, fragte sie in
namenloser Angst und Aufregung. Man gab ihr keine Antwort und ließ
sie allein. Der armen Frau bemächtigte sich nun ein entsetzlicher
Gemütszustand. Sie konnte das, was über sie gekommen, nicht fassen.
Verzweiflung im Herzen, händeringend ging sie in ihrem Zimmer auf und
ab. Allein sein hier mit ihren Kindern, und ihr Mann im Gefängnis!
Einem plötzlichen Impuls folgend, setzte sie hastig den Hut auf, warf
ein Tuch über die Schultern, eilte die Treppe hinab. Jetzt war sie
draußen auf der Straße.
Nach welcher Richtung sollte sie sich wenden? Da, etwa dreißig Schritt
von ihrem Hause entfernt, erblickt sie einen Polizisten. Sie stürzt auf
ihn zu. Es war einer von denen, die in ihre Wohnung gedrungen waren,
die die Verhaftung vorgenommen. „Wo haben Sie meinen Mann hingeführt?
Sagen Sie mir, wo er jetzt ist,“ schrie sie ihn an. -- „Sie wollen es
wissen?“ fragte der Polizist. -- „Ich muß es wissen,“ antwortete sie;
„zeigen Sie mir das Haus, führen Sie mich zu ihm.“ -- „Folgen Sie mir,“
antwortete der Diener der öffentlichen Wohlfahrt und Gerechtigkeit. Sie
folgte ihm.
Der Mann führte sie in ein altes, hohes Haus, durch einen schmalen,
langen Gang. Es wurde ihr eng auf der Brust, der Atem ging ihr
aus. Ihr ahnte Unheil. Jetzt schloß er eine Thür auf, stieß sie in
einen kärglich beleuchteten Raum und schloß wieder hinter ihr zu.
Ein tolles Gelächter empfing die taumelnd Eingetretene, eine Schar
der unheimlichsten weiblichen Wesen umringte sie. Man betrachtete
sie mit frecher Neugier. Eine Fremde! eine Unbekannte! ein neuer
Gast! erschallte es um sie her. Und wieder brachen sie in ein
tolles Gelächter aus. Jetzt wußte die unglückliche Frau, in welche
Gesellschaft man sie gestoßen. Ein gräßlicher Schrei entrang sich
ihrer Kehle, ein Schrei, durch den selbst die verlorenen weiblichen
Wesen, in deren Mitte sie sich befand, tief erschüttert wurden.
Plötzlich schwiegen sie. Hier war etwas Unerhörtes geschehen, das
fühlte eine jede. Das war eine anständige Frau, die man zu ihnen, dem
Gassenkehricht der Menschheit, gesperrt. Sie hielten erschrocken mit
ihren schmutzigen Scherzen inne, sie schwiegen. Wie hat das kommen
können? Nach und nach wagte die eine und die andere sich an die
schluchzende, in Thränen vergehende Unbekannte mit einem beruhigenden
Wort heran. „Rührt mich nicht an! Fort!“ erscholl es ihnen entgegen.
Das war eine grausige Nacht, die sich mit all ihren Schrecken und
Schmerzen tief in die Seele eingrub. Als die Wintersonne endlich am
Horizont erschien, öffnete sich jenes unnennbare Gefängnis. Die in so
verbrecherischer Weise Beleidigte nahm alle ihre Kraft noch zusammen,
um bei einem, im Hause anwesenden höheren Beamten wegen der ihr
angethanen Schmach Klage zu erheben.
„Das war ein sehr bedauerlicher Irrtum,“ sagte er. „Ich werde die
Sache näher untersuchen.“ -- „Das war ein sehr bedauerlicher Irrtum,“
sagte auch der Minister des Innern, als er in der Kammer wegen des
Vorgefallenen interpelliert wurde. Und damit war für die offizielle
belgische Welt die Sache abgethan.
In der Stadt wurde am andern Morgen die Verhaftung von Karl Marx
schnell bekannt. Ich eilte in sein Haus, und dort erzählte mir Frau
Marx unter unaufhaltsamen Thränen, wie das zugegangen, und alles
Entsetzliche, was ihr selbst in der vergangenen Nacht widerfahren war.
Bald erschien auch unser vortrefflicher Freund, ein Brüsseler
junger Gelehrter, Namens Gigot der in der Stadtbibliothek ein Amt
als Paläograph bekleidete. Er erklärte sich bereit, sich nach den
Absichten der Regierung bezüglich des Verhafteten zu erkundigen. Er
war überzeugt, daß Marx in wenigen Tagen wieder entlassen sein, und
daß man ihm die Wahl des Landes, in welches er nun überzusiedeln
gedenke, freistellen werde. Dies bestätigte sich in der That. Wenn er,
wie dies jetzt kaum zu bezweifeln sei, Paris wähle, so rate er Frau
Marx, ihm dorthin mit den Kindern vorauszugehen, ich sollte mich ihr
zur Begleitung anschließen, die Magd solle indessen mit seinem eigenen
Beistand den Brüsseler Haushalt auflösen und dann nach Paris folgen.
Frau Marx war mit diesem Rat einverstanden. Sie traf im Laufe des
Tages, nachdem sie es noch erlangt hatte, von ihrem Mann im Gefängnis
Abschied nehmen zu dürfen, alle Vorbereitungen zur Abreise. Ich hatte
meine Angelegenheiten bald geordnet und meinen Koffer gepackt.
Gigot, von dem ich eben gesprochen, bewährte sich nun als ein
zuverlässiger Freund, und kurz vorher hatte sich Marx, als uns von
dem erwähnten Brüsseler Bürger in seinem Hause für die Nacht ein
Asyl bereitet worden war, so bitter über Gigot ausgesprochen, daß es
darüber zwischen ihm und Engels zu einer peinlichen Szene kam, deren
Schilderung ich unterlasse. Es gab einen Menschen, den Marx geradezu
haßte, und das war der Vater des Nihilismus und Anarchismus, der Russe
+Bakunin+. Dieser hatte am 29. November auf der in Paris von den
Polen veranstalteten Feier zur Erinnerung an ihre Erhebung des Jahres
1830 -- auch dort waren diesesmal Nichtpolen zugezogen worden -- eine
Rede gehalten, welche den russischen Botschafter zu einer Beschwerde
bei der französischen Regierung veranlaßte, die Bakunin in Folge dessen
sofort eine Ausweisung zukommen ließ. Er kam nach Brüssel, er suchte
eine Anknüpfung mit uns, Marx wich ihm aus, Gigot that dies nicht.
Bakunin war ihm eine interessante Persönlichkeit und man sah ihn öfter
in dessen Gesellschaft. Daß er, der sich um die grauen, sozialistischen
Theorien überhaupt wenig kümmerte, und wesentlich von der rein
humanitären Seite der Arbeiterbewegung sich angezogen fühlte, Marx
Bakunins wegen nicht vernachlässigte, das bewies er in jenen Tagen,
wo seine persönliche Intervention der schwer heimgesuchten Marx’schen
Familie nützlich sein konnte.
Einen Abschiedsbesuch hatte ich in Brüssel zu machen, im Hause unseres
französischen Freundes Imbert. Er war abwesend, er war am Tage vor
dem Ausbruch der Revolution nach Paris gegangen und nicht mehr
zurückgekehrt. „Mein Mann ist Gouverneur der Tuilerien,“ sagte mir Frau
Imbert freudestrahlend. „Gouverneur der Tuilerien,“ wiederholte sie.
„Sie müssen ihn besuchen. Bringen Sie ihm meine Grüße und die unserer
Kinder. Sie treffen ihn im Pavillon des Prinzen Joinville. Da hat er
seinen Wohnsitz aufgeschlagen.“
Wunderbarer Wechsel der Dinge! Louis-Philippe, seine Söhne und Enkel im
Exil, und Monsieur Imbert, der Exilierte von gestern, Gouverneur der
Tuilerien. Gewiß wollte ich ihn besuchen.
Ich geleitete Frau Marx und ihre drei Kinder nach Paris. Sie war nicht
wie Frau Imbert, voller Glück und Freude. Ihre Gedanken waren bei ihrem
Manne. Sie war angegriffen von den Erlebnissen der letzten Tage und
eine drückende Traurigkeit lagerte auf ihren reinen Zügen. Wir gaben
uns die Hand und trennten uns, als sie ihr provisorisches Heim erreicht
hatte. Provisorisch war alles bis dahin für sie gewesen, ein festes
Heim hatte sie mit ihren Kindern noch nicht gekannt. Doch am nächsten
Tage schon war sie mit ihrem Manne wieder vereint.....
Und auf den Straßen von Paris sah man noch viele Barrikaden, als wir in
die Stadt fuhren. Überall wogte ein neues, frisches Leben. Fortwährend
große Aufzüge von Männern oder auch Frauen, die sich nach dem Rathause
begaben, wo die provisorische Regierung ihren Sitz aufgeschlagen, um
ihr die Huldigung des Volkes darzubringen. Wohin man auch gelangte,
überall traf der schöne Klang desselben Liedes das Ohr; es war nicht
die Marseillaise, die das Volk aufgegeben hatte, ehe sie noch hoffähig
geworden beim weißen Zaren und den weißen Mönchen in Nordafrika; es
war der Gesang der Girondins, der jetzt einzig und allein die Lüfte
erschütterte. Auch die patriotischen Lieder haben ihren Auf- und
Niedergang.
~Mourir pour la patrie,
C’est le sort le plus beau,
Le plus digne d’envie.~
[Illustration]
[Illustration]
IX.
Ein Besuch in den Tuilerien.
Am Tage nach meiner Ankunft machte ich dem Gouverneur der Tuilerien,
meinem so unversehens vom Fayence-Fabrikanten in Brüssel zu einem
hohen Staatsposten beförderten Freunde Imbert einen Besuch. Das lange
Gitter vor dem Tuilerienhofe lag am Boden, im übrigen war das große
Königsschloß unversehrt. An allen Eingängen stand die sakramentale
Inschrift: ~Propriété nationale~, die gleich einem Schutzengel
wirkte. Das monumentale Gebäude, an welchem seit der Katharina von
Medici so viele weltgeschichtlich hervorragende Fürsten gebaut hatten,
machte trotz seiner Ausdehnung und mancherlei Einzelschönheiten
keinen imposanten Eindruck. Heinrich IV. hatte den ersten Bau durch
Hinzufügung des Pavillon de Flore vergrößern und durch eine Galerie
längs des Seineufers mit dem Louvre verbinden lassen. Ludwig XIV.
ließ daß Schloß teilweise erhöhen, setzte dem Pavillon de l’ Horloge
ein plumpes Dach auf und fügte dem Ganzen einen neuen, geschmacklosen
Pavillon hinzu, von welchem aus Napoleon I. eine zweite Galerie zu
errichten begann, die dazu bestimmt war, noch eine Verbindung mit dem
Louvre herzustellen, jedoch erst unter Napoleon III. vollendet wurde.
Die Tuilerien waren nach tapferer Verteidigung durch die Schweizer
von den Pariser Sektionen am 10. August 1792 erstürmt worden,
und Ludwig XVI. mußte sich mit seiner Familie in den Schutz der
Nationalversammlung begeben. Im Palast der Bourbonen hielt alsdann der
Konvent seine Sitzungen. Später bewohnte ihn Napoleon als erster Konsul
und als Kaiser. Ihm folgte Ludwig XVIII., Karl X. und Louis-Philippe,
der letztere gleich seinem Vorgänger zur Flucht aus dem Schlosse der
Könige Frankreichs gezwungen. Nun aber thronte darin seine irdene
Herrlichkeit, der Steingutfabrikant Imbert, und empfing ohne alle
Zeremonie den geringsten der Sterblichen, der ihm herzliche Grüße von
Frau und Kindern brachte.
Die Tuilerien sind nicht mehr. Nicht einmal die berühmte „eine letzte
Säule“ zeugt von entschwundener Pracht. Die Kommunarden haben den
ausgedehnten Palast, an den so zahlreiche, erhabene und gemeine
historische Erinnerungen sich knüpften, angesichts des deutschen
Siegers, der die befestigte Stadt in seine Gewalt gebracht, in Brand
gesteckt, und jetzt ist die Stelle, auf welcher der Palast sich erhoben
hatte, dem Erdboden gleich.
Ich fragte nach dem Herrn Gouverneur. Ein ehemaliger Fürstendiener,
der in den Dienst der Republik übergegangen war, geleitete mich in
die Appartements des Prinzen Joinville, in denen Freund Imbert seinen
Wohnsitz aufgeschlagen hatte. Imbert empfing mich mit einem freudigen
Ausruf. Seine neue Würde hatte ihn durchaus nicht stolz gemacht. Er
umarmte mich voll Herzlichkeit, ließ sich von mir erzählen, wie ich
zuletzt die Seinen angetroffen und wie es allen Freunden in Brüssel
ergehe. Ich erzählte, was ich erlebt, und er erzählte seine Erlebnisse.
Ich mußte mit ihm frühstücken. Der Herr Gouverneur läutete. Ein Diener
trat ein. „~Monsier le gouverneur est servi~,“ lauteten seine
Worte. Wir traten in einen Saal nebenan. Für den Gast wurde auf einen
Wink ein zweites Couvert aufgelegt. Wir aßen aus der Küche des Prinzen
Joinville, wir tranken den Wein aus seinem Keller, und ich muß es
ohne zu erröten gestehen, wir hatten in unserm verhärteten Gemüt
nicht einmal die Empfindung einer damit begangenen Missethat. Die
Herrlichkeit aber dauerte für unseren Freund Imbert nicht lange. Nach
einigen Wochen war in den Pariser Zeitungen zu lesen, daß der Posten
eines Gouverneurs der Tuilerien einem General übertragen worden sei. Ob
die Republik sich in anderer Weise gegen Imbert dankbar erwiesen, das
ist mir nicht bekannt geworden.
Die junge Republik war dankbar gegen ihre Begründer und Verteidiger.
Davon sollte mir, als ich eben aus den Tuilerien getreten war und im
Schloßhof mich umsah, ein unvergeßliches Beispiel vor Augen geführt
werden. Aus den zu ebener Erde gelegenen Räumen des alten Palastes
traten wohl an die zweihundert der sonderbarsten Gestalten, die einem
auf Erden begegnen können. Barrikadenkämpfer, so sagte man, und sie
stellten sich auf vorausgegangene Anordnung in zwei Gliedern auf.
Viktor Hugos ausgezeichneter Roman „~Notre Dame de Paris~“ ist
dem modernen Geschlecht leider unbekannt. Sie wüßten sonst, was
es heißen will, wenn ich sage, ich hätte lauter Gestalten aus der
~Cour des Miracles~ vor mir gesehen. Was eine ungeheure Stadt
an menschlichem Bodensatz, an vollständig gescheiterten Existenzen
besitzt, das kommt an Tagen eines Volksaufstandes, auch wenn er aus
den sittlich gesundesten Kreisen der Bevölkerung hervorgegangen, an
die Oberfläche, nicht um zu kämpfen und das Leben für den Sieg einer
hohen Idee einzusetzen, sondern um auf den Augenblick zu warten, wo es
ohne Gefahr etwas zu gewinnen giebt. Während des Kampfes wagt jenes
„Lumpenproletariat“ -- der Ausdruck rührt von Marx her -- sich nicht
hervor. Wenn die Kämpfenden ihre Pflicht erfüllt haben, Sieger und
Besiegte sich todmüde hinlegen, dann ist die Stunde für die Niedrigsten
der Niedern, für die unrettbar Verlorenen herangerückt, dann kommen
die Schlachtenhyänen, wie man sie im ernsten Kriege genannt hat, und
vollziehen ihr nächtliches Werk. Als die Tuilerien eingenommen waren,
gab es natürlich ein arges Drunter und Drüber. Ein Teil derjenigen,
welche den alten Königssitz gestürmt hatten, -- die jungen Idealisten
nämlich -- blieb wohl die Nacht über auf dem eroberten Platz und
schützte ihn. Am frühen Morgen schrieb man dann an alle Thüren das
mahnende Wort „~Propriété nationale~.“ Aber es waren nach und nach
doch wenig achtungswerte Elemente über den seines Gitters beraubten
offnen Schloßhof durch die zertrümmerten Fenster in die unteren Räume
des langgestreckten Gebäudes eingedrungen, und denjenigen, welche mit
ihrer Beute nicht verschwanden, war es eine so wonnige Empfindung,
einmal ihre Glieder auf zusammengetragenen Polstern im Königspalast
auszustrecken. Viele von ihnen zogen freiwillig am andern Morgen wieder
ab, abends aber waren die verführerischen Räume im Erdgeschoß wieder
gefüllt. Es ging nicht gut an, die Leute erbarmungslos in die Nacht
hinauszujagen. Endlich aber mußte Ordnung geschafft werden, und so
wurde den Eindringlingen angekündigt, daß sie am nächsten Tage das
Nationaleigentum der Tuilerien auf Nimmerwiederkehr zu verlassen hätten.
Und so befanden sie sich nun in zwei Gliedern aufgestellt im Schloßhof.
Es waren fast alles Leute, die das kräftige Jugendalter überschritten
und das, was man den redlichen Kampf ums Dasein zu nennen berechtigt
ist, schon hinter sich hatten. Der Alkohol, den Zola in seinem Roman
„~l’ Assommoir~“ mit allen seinen giftigen Wirkungen gewissermaßen
als eine mystisch-diabolische Persönlichkeit uns dargestellt, hatte
auf die meisten der blöden Gesichter seine Signatur eingegraben.
In Fetzen gehüllt, standen die verlotterten Gesellen da, das
Unzusammengehörendste an zerrissenen und schmutzigen Kleidungsstücken
auf dem Leibe. Dazu waren sie noch mit einzelnen Waffenstücken aus
allen Trödlerläden von Paris behängt. Ein ganzes Gewehr, mit dem man
noch einen Schuß hätte abgeben können, hatte niemand aufzuweisen;
der eine blickte stolz auf einen verbogenen Säbel, der andere wies
ein Stück von einer Lanze auf, oder gar nur eine Säbelscheide, eine
Patrontasche. Sehr imposant nahm sich einer der Tapfern mit einem Helm
auf dem Kopfe als einziges Stück einer soldatischen Ausrüstung aus.
Vor diese Spottgestalten trat nun ein General, dessen Name mir nicht
mehr erinnerlich ist. Er hatte den Auftrag, sie zum freiwilligen
Aufgeben ihrer Schlafstellen in den Tuilerien zu bewegen. „Bürger,“
redete er sie an, „Ihr habt um das Vaterland Euch wohl verdient
gemacht, und das Vaterland, das so viel Schmerzen zu stillen, so
viel Wunden zu heilen hat, es gedenkt auch Eurer, der glorreichen
Verteidiger seiner in blutigen Kämpfen errungenen und stets wieder
bedrohten Freiheit, das Vaterland vergißt Euch nicht, Euch, die
ärmsten seiner Söhne, die seiner Fürsorge Würdigsten. Ihr müßt dies
Haus verlassen, das noch vor wenigen Tagen der Sitz eines stolzen
Königs war, den Ihr vertrieben habt, weil er den Volkswillen nicht
zu beachten verstand; dies Haus gehört jetzt der Nation. Sie allein
hat jetzt darüber zu verfügen. Geht zurück in jenen Saal, aus dessen
Fenstern unsere ruhmvolle Tricolore Euch grüßt. Dort harren Eurer
mehrere Eurer Mitkämpfer. Lege ihnen jeder von Euch freimütig seine
Wünsche dar, sie sollen Euch gewährt werden. Nicht Geld, das Ihr
verachtet und dessen Annahme Euch peinlich wäre, bietet die Republik
Euch an; doch möchte sie nicht, daß ihre Verteidiger, die ihren Leib
dem Feinde entgegengeworfen, und dabei das eingebüßt haben, womit der
Tapfere seine Blöße bedeckt, zerfetzt einhergehen. Was jeder von Euch
an ehrbaren Kleidungsstücken braucht, das erkläre er ohne Scheu vor
jenen dazu bestellten Männern. Es soll ihm gereicht werden. Euch alle
aber fordere ich auf, angesichts des klaren Himmels, der auf unsere
junge Freiheit herniederstrahlt, in den Ruf einzustimmen: „Es lebe die
Republik!““