In dem ersten oder zweiten jener abseits von jeder bewohnten Ortschaft

liegenden, wenig bekannten Thalkessel versammelten sich die jungen

Leute, die mich freundlich aufgenommen hatten, gern in hellen

Mondnächten. Dort suchte sie kein Diener der staatlichen Ordnung, dort

erbauten sie sich an dem Worte ihrer Führer, dort klang ihr männlicher

Gesang, von Spähern ungehört, in die himmlisch reine Luft. Als ich nach

einigen Tagen von ihnen Abschied nahm, begleiteten sie mich bis auf die

Höhe des Mont des Loges, der das Thal von la Chaux-de-Fonds von dem

ackerbautreibenden Val de Ruz trennt, und nachdem ich einige hundert

Schritte abwärts gezogen, begrüßte mich ihr deutsches Lied von einem

Felsenvorsprung herab, auf dem sie sich aufgestellt, zum letztenmal.

Ich winkte in froher Überraschung ihnen meinen Dank zu und eilte den

Fußpfad abwärts, der mich ins Thal, an das Schloß Valangin und nach

Neuchâtel brachte.

Mein Lebensgang wollte es, daß ich mehrere Jahre später nach la

Chaux-de-Fonds in die Redaktion des „National Suisse“ eintrat,

und dann, nach einer kurzen Lehrthätigkeit in Schaffhausen, nach

Neuchâtel in ein Schulamt berufen wurde. Neuchâtel war damals ein

unabhängiger Schweizer Kanton. Da geschah es eines Tages, daß ich mit

Professor Desor, meinem Freunde und Kollegen an der Akademie, mich zum

Mittagessen auf dem Landgute des Herrn Lardy, des Vaters des jetzigen

schweizerischen Gesandten in Paris, befand. Herr Lardy, der in der

alten preußisch-neuenburgischen Zeit Polizeioberster gewesen war und,

obgleich politisch von der herrschenden radikalen Partei getrennt, doch

einen herzlichen Umgang mit einzelnen, ihm sympathischen Mitgliedern

dieser Partei pflegte, erzählte beim Nachtisch in erheiternder Weise

von seiner Amtsthätigkeit gegenüber den rebellischen deutschen

Arbeitern, die in den letzten Jahren vor 1848 im Jura sich eingenistet

hatten und die er, getreu dem ihm von höchster Stelle erteilten Befehl

eifrigst verfolgte. Ich war sein Gast und hörte ihm selbstverständlich

zu, ohne den Vorhang zu lüften. Erst auf der Heimfahrt, mit Desor

allein in dessen lustig dahin trottendem Einspänner, erzählte ich

diesem von den geheimnisvollen Beziehungen, die vor etwa fünfzehn

Jahren, von uns beiden unbewußt, zwischen mir und dem braven Herrn

Lardy existiert hatten und in denen nichts von der Jugendromantik in

den jurassischen Bergen steckte, von denen ich eben gesprochen. Jetzt

hat sie längst der Tod abgerufen, Herrn Lardy und Freund Desor, und die

Jugendromantik weht auch nur noch an seltenen Tagen beschwichtigend um

mein schneeweißes Haupt.

Meine nächste Station war Bern. Der Sonderbundskrieg konnte in den

nächsten Tagen ausbrechen und ich wollte doch mindestens dem Auszug

der Truppen beiwohnen und dem Gang der Dinge, die mich so sehr

interessierten, nahe sein. Ich sah kurz nach meiner Ankunft in der

Bundesstadt die bernische Artillerie ins Feld ziehen. Ich erfreute mich

an dem Anblick der langen Reihen von Geschützen, an der fröhlichen

Mannschaft und der meist kräftigen Bespannung. Hie und da sah man den

Bauer, der die Pferde gestellt, in seiner unkriegerischen gelben Kutte

auf deren Rücken. Der Mann fürchtete die feindliche Kugel weniger als

den Verlust seines Gauls, von dem er sich nicht trennen mochte. Auf

den wohlgesinnten Zuschauer, und ein solcher war ich, machte dieses

militärische Bild einen erhebenden Eindruck. Der Krieg war, Dank der

weisen Führung des Generals Dufour, nicht blutig, die aufrührerischen,

jesuitenfreundlichen Kantone wurden durch die gegen sie aufgebotene

Übermacht rasch zur Kapitulation gezwungen. Das einzige Gefecht bei

Gislikon forderte nur wenige Opfer, nach drei Wochen war alles beendet

und der Landmann, der seine Zugtiere dem Feinde entgegengeführt,

brachte sie wohlbehalten wieder heim und konnte jetzt sorglos den

herbstlichen Acker mit ihnen bestellen.

Die Schweiz war damals der Zufluchtsort vieler Verfolgter aus allen

Ländern Europas, England ausgenommen. Zu den Charakterköpfen, die sie

beherbergte, gehörte auch der deutsche, politische Schriftsteller

Karl Heinzen. Der Mann hatte viel Bitteres erlebt. Von der

Universität Bonn relegiert, hatte er sich nach Batavia anwerben

lassen, von wo ihm indessen bald die Rückkehr ermöglicht wurde.

Er fand eine Anstellung, erst im Steuerfach, dann bei der Aachener

Feuerversicherungsgesellschaft und schrieb außerdem in die zu jener

Zeit oppositionell redigierte „Leipziger Allgemeine Zeitung“, aber

auch in die radikale „Rheinische Zeitung.“ Beide Blätter, obgleich

sie wie alle deutschen Drucksachen unter Censur standen, wurden ihrer

Haltung wegen unterdrückt, worauf Heinzen in einem Buch „die preußische

Bureaukratie“, das schon bei seinem Erscheinen konfisziert wurde,

seiner Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen Ausdruck

gab. Mit einer Anklage bedroht, floh er in die Schweiz, von wo aus er

eine Anzahl der grobkörnigsten Pamphlete nach Deutschland versandte.

Heinzen schrieb über alles und jedes, was ihm mißfiel -- und was

mußte seiner Freiheitsliebe damals nicht mißfallen? -- Er schrieb

über alles, was ihm Gelegenheit zur Entfaltung eines rücksichtslosen

Angriffs bot. Er fiel nicht bloß über die Monarchie her, wodurch er

sich später in Amerika, wo er nach vielen harten Bedrängnissen sich

schließlich niederließ und den „Pionier“ herausgab, den Übernamen „der

Fürschtekiller“ zuzog; er wandte sich auch gegen die sozialistischen

Arbeiterverbindungen und deren Führer, mit ganz besonderer Streitgier

gegen die Kommunisten. Ich besitze keine Zeile mehr von dem, was

dieser überhitzte Schriftsteller in die Welt gesandt; ich erinnere mich

nur, daß eine von ihm ausgegangene Schrift gegen die Kommunisten mich

sehr gegen ihn einnahm und zu einer ihm gewidmeten Antwort veranlaßte.

Ich hatte in der Buchdruckerei Reber Beschäftigung gefunden, ich

setzte dort mit Zustimmung des „Herrn Prinzipals“ die von mir in den

Abendstunden gegen Heinzen verfaßte Schrift. Herr Reber, obgleich

ein ausgesprochener Konservativer, ließ sie auf seiner Presse gegen

Entrichtung des gebräuchlichen Preises drucken, und ich versandte

sie nach London zu weiterer Verbreitung. Ich habe kein Exemplar

meines Opus für spätere Tage aufbewahrt. Nicht einmal der Titel

dieser Verteidigungsschrift des Kommunismus ist mir im Gedächtnis

geblieben. Einmal gedruckt, hatte sie für mich keinen Wert mehr.

Heinzen hatte in seinem Angriff wahrscheinlich die bekannten Argumente

gegen den Kommunismus angewendet. Er hatte in dem, was er sagte, eben

so wahrscheinlich recht; doch da ihm alle von der Entwicklungsidee

ausgehende Schulung fehlte, so bot er dem Angriff schwache Seiten genug

dar, die ich dann ohne Zweifel mit Wonne gegen ihn ausbeutete, ohne

deshalb in seinen hanebüchenen Stil zu verfallen, den ich eben so

wenig bei ihm wie bei anderen jemals zu bewundern vermochte. So stelle

ich mir jetzt, nach fünfzig Jahren, diesen litterarischen Waffengang

vor, der mir in seinen Einzelheiten nicht mehr gegenwärtig ist.

Heinzen, wie fast alle politischen Schriftsteller jener Zeit, hatte

keine Ahnung von der Wendung im Volksleben, die mit dem Auftreten der

arbeitenden Klassen als Partei in allernächster Zeit beginnen sollte.

Ich, ohne alle Menschenkenntnis und ohne alle Erfahrung, schoß mit

der Verteidigung des Kommunismus weit übers Ziel hinaus und war trotz

der erworbenen historischen Weltanschauung, soweit es das supponierte

Zukunftsbild betraf, noch tief in Wolkenkuckucksheim zu Hause.

Zur näheren Charakteristik Karl Heinzens sei es mir übrigens gestattet,

folgende Anekdote aus den von mir herausgegebenen „Erinnerungen v.

I. D. H. Temme“ (Leipzig, Ernst Keil 1883) hier mitzuteilen: „Einmal

brachte hier in Zürich,“ erzählt Temme, „ein Freund mir eine Nummer

der Zeitschrift, „der Pionier,“ die Heinzen in Boston herausgab. Lesen

Sie, sagte mein Freund, zunächst die erste Seite, und schlagen Sie erst

dann das Blatt um. Ich las die erste Seite. Sie war ganz angefüllt

mit einem offnen Brief an mich. Die New-Yorker Staatszeitung brachte

damals gerade einen Roman von mir. Das hatte den höchsten Zorn Heinzens

erregt, da die New-Yorker Staatszeitung eine andere Politik verfolgte,

als er. Der offene Brief war eine donnernde Philippika gegen mich

und schloß mit folgendem Rat: Ich höre, daß Sie, um mit den Ihrigen

leben zu können, auf Romanschreiben angewiesen sind. Aber ehe Sie

Ihre Produkte einem Schandblatte, wie die New-Yorker Staatszeitung

überlassen, sollten Sie sich eine Kugel durch den Kopf schießen. -- Ich

mußte herzlich lachen über den Zorn, der diesen liebenswürdigen Rat

eingegeben hatte, und über die wunderliche Logik, die er enthielt. Und

nun, sagte mein Freund, schlagen Sie das Blatt um! Ich schlug um, und

auf der zweiten Seite druckte Heinzen eine meiner Novellen nach.“

Ich habe seit jener Verteidigung des Kommunismus gegenüber einem

originellen Schriftsteller, der in einem Bilde jener Zeit nicht

übergangen werden darf, nichts mehr über dieses Thema geschrieben.

War mit diesem Glaubensmanifest auch mein Glaube erschöpft? Durch

die Widerlegung der erhobenen Einwürfe war ich denn doch wohl mehr

oder weniger zu der Einsicht gelangt, daß der Gedanke, es müsse die

eingetretene Bewegung gegen die Herrschaft des Kapitals notwendig zur

Aufhebung des Privateigentums und seiner Umwandlung in gemeinsames

Eigentum führen, nicht so ganz selbstverständlich sein könne, wie ich

angenommen und gepredigt hatte. Viele Fragen wurden nun in meinem

Geiste angeregt, aber ich kam mit ihnen noch nicht zu einem Abschluß.

Entwickelte die Menschheit sich in der That ausschließlich nach rein

mechanischen Gesetzen, die ihr mit Naturnotwendigkeit den nicht

zu vermeidenden Weg vorschrieben? Sind mit der materialistischen

Weltanschauung allein alle welthistorischen Erscheinungen zu erklären?

Ist ein so kompliziertes Wesen wie der Mensch, mit seinen teils auf

Vererbung, teils auf Erziehung und dem Milieu beruhenden Tugenden und

Lastern, mit seinem Individualismus und seinem Herdensinn, ein Wesen,

in welchem sich die widersprechendsten Anlagen und Eigenschaften zu

einem persönlichen Charakter einigen, der es von seinem Nachbar so

auffallend unterscheidet -- ist angesichts der sich unserer Beobachtung

aufdrängenden Thatsache der unendlichen Teilung der Arbeit, welche die

Natur den Menschen in deren gesellschaftlichem Zusammenschluß ohne

Vernichtung ihres Einzelcharakters auferlegt hat, eine mathematische

Formel angebracht, an der man nicht zu mäkeln hat? Weil der Starke

dem Schwachen +sein+ Gesetz auferlegte, ihn zum Zweck der Häufung

seines Privateigentums ausbeutete und so die Klassengegensätze schuf,

müßte deshalb das Privateigentum aufgehoben werden? Suchte die

Menschheit nicht vielmehr einen Weg, der zur Verminderung, schließlich

zur Aufhebung aller den Schwachen beeinträchtigenden Gegensätze führte,

ohne die persönliche Freiheit der Idee der Gleichheit zu opfern?

Ist überhaupt die Gleichheit jemals erreichbar, ohne der Natur des

Menschen Gewalt anzuthun? Und gelänge es wirklich, das Privateigentum

völlig aufzuheben und die absolute Gleichheit einzuführen, würde die

Natur des Menschen sich dann nicht nach erlittenem Zwange rächen und

eine furchtbare Revolution herbeiführen?

Diese Fragen fingen an, mich gerade damals zu beschäftigen, wo ich in

die Nähe von Karl Marx gelangen sollte, und durch des Meisters Ideen

mich meiner Zweifel siegreich zu entledigen gedachte. Doch -- Marx

sprach damals mehr von der sich ankündigenden politischen Umwälzung,

die er ganz richtig als die Vorbedingung der sozialen Umwälzung erkannt

hatte, denn von dieser selbst.

[Illustration]

VII.

Ein Winter in Brüssel. Karl Marx.

Ich kam wieder durch deutsche Lande. Ich ging von Bern ohne Aufenthalt

über Basel nach Straßburg, von dort mit dem Dampfschiff, das zu

jener Zeit in Straßburg seinen Ausgangspunkt hatte, nach Köln und

dann weiter nach Brüssel, das gewissermaßen das geistige Centrum der

kommunistischen Verbindung bildete. Dort lebte Karl Marx. Ich war

gespannt darauf, ihn kennen zu lernen. Ich fand ihn in einer höchst

bescheiden, man darf wohl sagen ärmlich ausgestatteten kleinen Wohnung

in einer Vorstadt Brüssels. Er nahm mich freundlich auf, befragte

mich über den Erfolg meiner propagandistischen Reise, machte mir

ein Kompliment über meine Broschüre gegen Heinzen, in welches seine

Frau einstimmte, die mich freundlich willkommen hieß, und wie sie

ihr Lebenlang den innigsten Anteil an allem nahm, was ihren Mann

interessierte und beschäftigte, so war sie auch nicht ohne besonderes

Interesse für mich, der ich ja für einen hoffnungsvollen Jünger der

Lehre ihres Mannes angesehen wurde.

Marx, so wurde mir später erzählt, hatte als Bonner Student seine

Frau auf einem Ball kennen gelernt; Fräulein von Westphalen, dies

war ihr Mädchenname, gehörte einer preußischen, finanziell etwas

zurückgekommenen Junkerfamilie an. Marx liebte sie und sie teilte

seine Leidenschaft. Sie heirateten sich, gewiß nicht ohne Überwindung

mancher Schwierigkeiten seitens der Familie von Westphalen. Diese

Liebe bestand alle Proben eines ununterbrochenen Lebenskampfes. Ich

habe selten eine so glückliche Ehe gekannt, in welcher Freud’ und

Leid, das letztere in reichlichstem Maße, geteilt, und aller Schmerz

in dem Bewußtsein vollster, gegenseitiger Angehörigkeit überwunden

wurde. Ich habe auch selten eine in ihrer äußern Erscheinung wie in

ihrem Herzen und Geiste so harmonisch gestaltete Frau gekannt, die

bei der ersten Begegnung so sehr für sich eingenommen hätte wie Frau

Marx. Sie war blond, ihre Kinder, damals noch klein, waren dunkelhaarig

und dunkeläugig wie ihr Vater. Des letzteren in Trier lebende Mutter

gab einen Beitrag zu den Bedürfnissen des Haushaltes, die Feder des

Schriftstellers mußte wahrscheinlich für die Haupteinnahme sorgen.

Marx hatte wohl die Bekanntschaft einiger freisinniger Politiker in

Brüssel gemacht, doch kam es zwischen ihm und seinen Freunden, meist

Ausländern, nicht zu einem wirklich geselligen Verkehr, und weder er

noch seine Frau schienen einen solchen zu vermissen. Frau Marx lebte in

den Ideen ihres Mannes, sie ging dabei ganz und gar in der Sorge für

die Ihrigen auf und war doch so himmelweit von der strumpfstrickenden,

den Kochlöffel rührenden deutschen Hausfrau entfernt. Mehrere Jahre

später fügte sie am Schluß eines Briefes, den sie mir aus London

geschrieben hatte, die Trauernachricht hinzu, durch welche innere

Entrüstung ein wenig hindurchklang, daß ihre so treue und unverdrossene

Magd, die gewissermaßen als ein Mitglied der Familie betrachtet wurde,

sie verlassen habe.

In Brüssel wurde alljährlich am 29. November der Jahrestag der

polnischen Revolution des Jahres 1830 von den dort lebenden polnischen

Emigranten festlich begangen. Die städtische Verwaltung hatte

dazu regelmäßig einen Saal im Rathause hergegeben. Diesesmal --

geschah es im Vorgefühl der großen politischen Ereignisse, welche,

von Frankreich ausgehend, sich über einen beträchtlichen Teil

Europas verbreiten sollte? -- waren für den 29. November besondere

Festlichkeiten vorhergesehen, und deshalb lud man auch Vertreter

anderer Nationalitäten als nur der polnischen, zu dem öffentlichen

Akt auf dem Rathause ein. Unter den französischen Flüchtlingen war

es ein Blanquist aus Marseille, Namens Imbert, der mit einer Rede

auftreten sollte; unter den Deutschen war Marx dazu berufen. Er

wollte der Einladung sich entziehen, wahrscheinlich wohl, weil er in

einer zu bunten Gesellschaft hätte auftreten müssen -- Graf Merode,

ein bekannter Führer der belgischen Ultramontanen, hatte den Vorsitz

bei der Feier -- dann stimmte auch seine ganze politische Anschauung

nicht recht zu dem Geiste, der in der polnischen Kolonie herrschte.

Engels, der seit kurzem von Paris nach Brüssel übergesiedelt war,

hätte ihn wohl ersetzt, aber -- er war aus Paris ausgewiesen worden,

und als die Regierung deshalb von einem Mitgliede der äußersten Linken

interpelliert worden war, antwortete der Minister, es seien keine

politischen Gründe gewesen, die zu dieser Ausweisung geführt hätten.

Die Sache war durch alle Zeitungen gegangen, und Engels weigerte sich,

mit seinem Namen jetzt hervorzutreten. Was zu seiner Ausweisung geführt

hatte, war in der That nicht politischer Natur. Er hatte, von dem

oben genannten Maler Ritter davon unterrichtet, daß ein französischer

Graf X. sich von seiner Maitresse getrennt, ohne in irgend einer Weise

für sie zu sorgen, diesem Grafen gedroht, die ganze Sache an die

Öffentlichkeit zu bringen, wenn er seine Menschenpflicht gegen die

Verlassene nicht zu erfüllen gedenke. Der Graf wandte sich mit einer

Beschwerde an den Minister, und der Minister wies den Fremden mit

seinem Freunde Ritter aus.

Eine ganz ablehnende Antwort sollte aber dem polnischen Festkomitee

nicht gegeben werden, und so forderte Marx mich auf, an seine Stelle zu

treten. Ich war über diesen Vorschlag nicht wenig bestürzt; ich stellte

ihm vor, daß ich dazu wohl zu jung sei. Das half nichts, und ich hielt

die obligate Rede. Sie erregte nicht geringes Aufsehen. Keine Seele war

auf die Idee gekommen, daß jemand bei einer solchen Gelegenheit, an dem

der polnischen Revolution gewidmeten Gedenktage, im Brüsseler Rathaus

eine Rede halten könnte, in welcher der nicht allzuweit entfernte

Übergang von der politischen zur sozialen Revolution schließlich

angedeutet wurde. Die äußerste Linke im Saal -- auch hier gab es eine

solche -- klatschte stürmischen Beifall, die vornehme Gesellschaft auf

den vorderen Stuhlreihen und auf den Präsidialsitzen war verschnupft,

die Zeitungen suchten die Sache zu vertuschen, doch hatte ein Brüsseler

Korrespondent in deutschen Zeitungen einen Alarmruf ausgestoßen, so daß

selbst mein braver Freund Bisky mir erschrocken schrieb, ob ich denn

die Absicht habe, mir den Rückweg ins Vaterland geradezu abzuschneiden?

-- Diese Befürchtung war nun freilich ganz grundlos. Nur noch wenige

Monate, und die Welt hatte ein ganz anderes Aussehen.

In Brüssel existierte damals ein deutscher Verein, der sich zumeist

aus Arbeitern und jungen Angestellten in Fabriken und Handelshäusern

zusammensetzte. Er war von Mitgliedern des Kommunistenbundes ziemlich

stark durchsetzt. Kommunismus und Kommunisten waren übrigens nur

Worte, die niemand banden, über die man thatsächlich kaum sprach.

Viel näher lag die in Frankreich immer entschiedener sich geltend

machende Bewegung für die Reform des Wahlgesetzes. Mit Spannung

verfolgte man die dortige Entwicklung der Dinge, man ahnte einen

entscheidenden Schlag. Die Tagespolitik war also der Gegenstand unseres

ausschließlichen Interesses. Nebenher sorgte jener Verein für etwas

Unterhaltung. Karl Wallau, mit dem ich die von Herrn von Bornstedt

herausgegebene Brüsseler Deutsche Zeitung setzte -- er gehörte auch

zum engern Bund --, besaß eine schöne Baritonstimme und sang an den

Vereinsabenden gern gehörte, deutsche Lieder; andere musikalische

Beiträge blieben nicht aus, es fehlte natürlich auch nicht an

Deklamatoren, auch junge deutsche Damen wurden eingeführt, und man

tanzte bisweilen. An der Schwelle des sturmerfüllten, geschichtlich

so inhaltschweren Jahres 1848 versammelte man sich sogar zu einem

gemeinsamen Abendessen. Ein von mir verfaßtes, ich brauche es nicht

erst zu sagen, sozial-politisches Festspiel wurde aufgeführt. Unter

den Anwesenden befand sich Marx mit seiner Frau und Engels mit

seiner -- Dame. Die beiden Paare waren durch einen großen Raum von

einander getrennt. Als ich zu Marx herankam, um ihn und seine Frau zu

begrüßen, gab er mir durch einen Blick und ein vielsagendes Lächeln

zu verstehen, daß seine Frau eine Bekanntschaft mit jener -- Dame auf

das strengste ablehne. In Fragen der Ehre und Reinheit der Sitten

war die edle Frau intransigent. Die Zumutung, auf diesem Gebiet ein

Zugeständnis zu machen, wenn eine solche an sie gestellt worden

wäre, hätte sie mit Entrüstung zurückgewiesen. Die Hochachtung, die

ich für sie gehegt, wurde durch dieses Intermezzo sehr gesteigert.

Es war jedenfalls überkühn von Engels, durch die Einführung seiner

Maitresse in diesen meist von Arbeitern besuchten Kreis an einen,

den reichen Fabrikantensöhnen so oft gemachten Vorwurf zu erinnern,

daß sie die Töchter des Volkes in den Dienst ihrer Freuden zu ziehen

wissen. ~Noblesse oblige.~ Engels hat für das arbeitende Volk so

Bedeutendes geleistet als Schriftsteller und als Führer, sein Name

steht so fest auf den Gedenktafeln seiner Partei, daß die Achtung vor

denen, deren Sachwalter er bis dahin und dann sein Leben lang mit

großem Ernst und vielem Erfolg gewesen ist, ihm hier eine durch alle

Umstände gebotene Zurückhaltung hätte auferlegen sollen. In Fragen des

Ewig-Weiblichen oder Unweiblichen war er jedoch sehr sterblich.

[Illustration]

[Illustration]

VIII.

1848. Die Februarrevolution in Paris. Aufstandsversuche in Brüssel.

Frau Marx. Reise nach Paris.

Durch den oben erwähnten französischen Flüchtling Imbert, der in

Brüssel im Besitz einer Fayencefabrik war, dazu einer tüchtigen Frau,

einer lebhaften Marseillerin sich erfreute, die seine republikanischen

Grundsätze teilte, sie jedoch mit ungebrochener katholischer

Glaubenstreue vereinigte, hatten wir Fühlung mit der Bewegungspartei in

Frankreich. Mitte Februar war er heimlich nach Paris gereist und als

er zurückkehrte, versicherte er uns, daß es diesmal zu einem ernsten

Aufstand kommen werde und wir uns auf große Ereignisse gefaßt zu machen

hätten. Er hatte seine Kenntnis von den sich vorbereitenden Dingen an

der Quelle geschöpft, von wo aus die Bewegung in Fluß gebracht wurde.

So jämmerlich ist nie eine Monarchie gefallen, wie diejenige

Louis-Philippes. Der verblendete König brauchte nicht einmal das von

der äußersten Linken geforderte allgemeine Stimmrecht zu bewilligen;

er brauchte nur zu rechter Zeit zu der von der gemäßigten Linken

beantragten Erweiterung des bisherigen Stimmrechts seine Zustimmung zu

geben und die Dinge hätten bis an sein Lebensende ausgehalten. Sein

Nachfolger that dann den weiteren Schritt und die Dynastie der Orleans

existierte vielleicht heute noch auf dem französischen Thron. Wie ganz

anders die europäischen Verhältnisse sich in diesem Fall gestaltet

hätten! Nicht bloß die Weisheit, auch die Thorheit der Fürsten steht im

Dienste der geschichtlichen Entwicklung.

Am Abend des 24. Februar 1848 standen in Brüssel ein halbes Dutzend

deutscher Jünglinge auf dem Perron des Bahnhofes, der nach Paris

führenden Linie. Sie waren fast allein. Kein Zug war seit den

Morgenstunden aus der französischen Hauptstadt angelangt, keine

Nachricht über die Unruhen, die dort ausgebrochen waren. Die redlichen

Einwohner der belgischen Hauptstadt waren doch wohl etwas schwerblütige

Leute, die erst warm werden mußten, ehe sie sich in Bewegung setzten.

Die Neugierde nach dem, was vielleicht in Paris vorgefallen, plagte

sie augenscheinlich nicht. Wir paar Deutsche waren, wie gesagt,

fast allein auf dem Perron, wir, die Ausländer; doch nein, noch

zwei Personen, ein Herr und eine Dame, standen dort stumm und mit

sorgenvollem Blick in einer Ecke. Auch sie warteten auf einen Zug,

der, wenn auch nicht von Paris, so doch von der französischen Grenze

bald eintreffen mußte. Sie warteten augenscheinlich auf Nachrichten

aus Frankreich. Manchmal fiel von ihnen ein düsterer Blick auf uns,

wenn wir in fröhlicher Unterhaltung die Vermutungen und Hoffnungen

aussprachen, die wir auf die Neuigkeiten setzten, die nun nicht lange

mehr ausbleiben konnten. Sie errieten unsere Gedanken. Sie thaten

plötzlich einige Schritte vorwärts, denn ein langer Pfiff hatte die

Annäherung des erwarteten Zuges angekündigt. Noch einen Augenblick,

und er war im Bahnhof. Bevor er noch vollständig gehalten, sprang der

Zugführer ab und rief mit gellender Stimme: ~„Le drapeau rouge flotte

sur la tour de Valenciennes, la république est proclamée.“~

~Vive la république!~ ertönte es wie aus einem Munde aus unserer

Mitte. Der Herr und die Dame aber, welche auch auf Neuigkeiten gewartet

hatten, erblaßten und zogen sich eilig zurück. Es war, wie ein

Bahnhofsbeamter uns sagte, der französische Gesandte, General Rumigny,

mit seiner Gemahlin.

Erinnerungen eines Achtundvierzigers · 第 3 / 14 段