Ich nahm meinen kleinen Koffer und fragte mich bis zur ~Rue du

Temple No. 47~ durch. In einer Viertelstunde war ich am Ziel. Der

Portier erklärte mir, ich sei wohl nicht am rechten Ort, es sei hier

kein Gasthaus. Ich war bei diesen Worten gewiß sehr erschrocken,

denn der Portier, nachdem ich ihm den Namen dessen genannt, zu dem

ich zu gehen gedachte, sagte mir tröstend, es sei vielleicht ~Rue

vieille du Temple~, wo dieser wohne. Auch dort, wohin ich mich

hoffnungsreich begab, wohnte der Mann nicht, den ich suchte. Man

nannte mir ~Rue neuve du Temple~, und als ich herzklopfend,

weil der Gesuchte wiederum sich nicht dort befand, nach einer andern

Straße fragte, die etwa auf das Wort ~Temple~ ausging, schickte

man mich ins ~Faubourg du Temple~ und schließlich, da auch dort

das richtige Haus nicht war, nach dem ~Boulevard du Temple~. Da

war ich endlich, nach zweistündigem, ängstlichem Suchen, erschöpft

vor Müdigkeit und Hunger, im rettenden Hafen angelangt. Vertraute

deutsche Laute drangen mir entgegen, man gab mir zu essen und zu

trinken und wies mir ein kleines Zimmer an. An seinem Geburtstag,

deshalb weiß ich noch das Datum, dem 28. Dezember 1846 landete der nun

Zweiundzwanzigjährige in Paris, reich an Hoffnungen und -- einen halben

Franken in der Tasche. Der angebliche Gesinnungsgenosse, an den ich

von Berlin aus gewiesen war, ein gewisser Heidecker, der dies gleiche

kleine ~Hôtel garni~ bewohnte, war nicht zu Hause. Als ich mich

ein wenig erholt hatte, führte man mich noch in derselben Nacht zu

ihm in ein Wirtshaus nahe dem ~Père la Chaise~, wo ich in einen

deutschen Gesangverein trat und als ersten Lohn für meine Reiseausdauer

meinen unerfahrenen Geist mit der wichtigen Entdeckung bereicherte, daß

man in Paris auch den Wein aus Wassergläsern trinke.

Man sang, trank und politisierte, die sozialistische Note beherrschte

die Unterhaltung. Auf dem Heimwege und in den nächsten Tagen wurde es

mir immer klarer, daß schon in diesem engeren Kreise meiner Landsleute,

worüber niemand sich allzusehr verwundern wird, eine große Einigkeit

nicht herrschte. Störenfried war wie immer die Eitelkeit, der Ehrgeiz.

Es fehlt niemals an Individuen, die es nicht erwarten können, bis sie

kraft ihrer besonderen Fähigkeiten an die Spitze einer Vereinigung

gelangen; gelingt ihnen das nicht so rasch, wie sie es wünschen, so

säen sie Zwiespalt, sammeln ihre Anhänger zu einem Sonderbund, und aus

einem Vereine werden zwei. Das geschieht häufig unter den deutschen

Arbeitern im Auslande. Heidecker, wie es sich bald herausstellte, war

seit kurzem einer sozialistischen Gruppe beigetreten, die sich unter

Karl Grün gebildet hatte, und Karl Grün, der Übersetzer Proudhons,

machte lebhafte Propaganda für dessen Evangelium, an dessen Spitze zwar

die Worte standen: „~La propriété c’est le vol~,“ das jedoch der

neu aufkommenden Marxischen Schule und den Programmen aller anderen

kommunistischen Vereine den Krieg erklärte. Konnte Proudhon sich auf

seine umfassenden nationalökonomischen Studien stützen, so stand seinem

Übersetzer nur die Schablone Hegel’scher Dialektik zu Gebote. Karl

Grün war, was ich bei unserer ersten Zusammenkunft sogleich bemerkte,

eher ein Ästhetiker von der Sorte, welche Goethe mit den Worten

gekennzeichnet: „Legt ihr nichts aus, so legt ihr doch was unter“.

Er hat ein ungenießbares Buch über Schiller geschrieben. Er war ein

„Belletrist“, um mich eines zu jener Zeit gebräuchlichen Ausdrucks zu

bedienen, im übrigen ein liebenswürdiger Mann -- in keinem Falle ein

Nationalökonom. So machte er denn keinen rechten Eindruck auf einen

jungen Menschen, der wie ich, nach Aufklärung über die Probleme des

Tages strebte, der die Wassersuppe der damaligen phrasenhaften Ästhetik

entschieden verschmähte. Heidecker hatte mich zu ihm geführt. Es kam

nun zwischen uns beiden bald zu einem Bruch. Ich verließ das ~Hôtel

garni~ auf dem ~Boulevard du Temple~, nahm Wohnung in einem

andern Stadtteil, so daß ich nicht allzuweit von dem Atelier war, in

dem ich durch einen glücklichen Zufall bald Beschäftigung gefunden

hatte. Von der Berührung mit Friedrich Engels hatten mich die Grünianer

fern halten wollen. Ich machte ihn in wenigen Tagen ausfindig,

schloß mich ihm mit jugendlichem Eifer an, und wir wurden eng

befreundet. Darüber im nächsten Kapitel. Hier noch ein Wort über meine

typographische Thätigkeit in Paris. Meine Aufgabe war, in einem für

den Druck der neu gegründeten Nordbahn und Paris-Lyon-Mittelmeerbahn

die einzelnen Teile der Aktien zusammenzusetzen und dann während des

Druckes, von einer der zehn Handpressen zur andern gehend, die Nummern

zu ändern. Das Atelier war in einem Nebengebäude eines dem Hause

Rothschild gehörenden Palastes in der ~Rue Lafitte~ eingerichtet

worden, Druckherr war -- der homöopathische Arzt der Frau Baronin

Rothschild, dem man auf diese Weise einen hübschen Nebenverdienst

zukommen ließ. Er hatte mit der Straßburger Buchdrucker-Firma

Silbermann einen Vertrag abgeschlossen, die das Nötige besorgte. Er

erschien von Zeit zu Zeit auf einige Minuten im Atelier, ~pour faire

acte de présence~, grüßte und entfernte sich lächelnd. Die Arbeit

ging bei dem damaligen Stande der Buchdrucker-Technik langsam genug von

statten, und um so langsamer, als es hie und da dem Verwaltungsrat der

beiden Bahnen, d. h. Herrn von Rothschild gefiel, ganze Partieen der

fertig gewordenen Aktien, weil deren Farbe nicht zusagte, einstampfen

zu lassen und sie durch neue Exemplare in anderer Farbe zu ersetzen.

Daß der junge Sozialist zu der Verschwendung des assoziierten

Großkapitals, deren Zeuge er war, seine stillen Glossen machte, daß er

schon damals an das manchesterliche Dogma nicht glauben wollte, die

Privatgesellschaften arbeiteten billiger als der Staat, braucht wohl

kaum gesagt zu werden. Die Verschwendung mit dem Gelde der Aktionäre,

welche von den französischen Finanz-Mächten beim Bau der ihnen vom

Staat überlassenen Eisenbahnen geübt wurde, machte sehr bald einer

kleinlichen Sparsamkeit Platz, da die Inhaber der Aktien deren Kurs

durch Erteilung möglichst hoher Dividenden zu heben suchten. Man muß

bekanntlich in Frankreich Billets erster Klasse nehmen, will man dort

nur die Bequemlichkeit der Reise genießen, die in Deutschland und der

Schweiz in den Wagen zweiter Klasse geboten wird.

[Illustration]

[Illustration]

V.

Friedrich Engels. Der Kommunistenbund. Heinrich Heine.

Friedrich Engels war in Paris vom Januar bis zum Herbst des Jahres

1847 mein einziger Umgang. Wir brachten die Abende fast ausschließlich

zusammen zu und am Sonntag machten wir häufig gemeinsame Ausflüge in

die Umgegend der französischen Hauptstadt. Er war um fünf Jahre älter

als ich und nahm mich gewissermaßen in die Lehre. Ich hatte schon in

Berlin sein Buch über die Lage der arbeitenden Klassen in England

gelesen. Das bot Unterhaltungsstoff dar, er entwickelte vor mir die

Grundzüge der Nationalökonomie, ich hörte ihn gern sprechen, ich war

ein leicht fassender Schüler. Er führte mich in den Kommunistenbund

ein. Engels und Marx glaubten an den Kommunismus. Bis zu den letzten

Konsequenzen ihrer Kritik der bestehenden Gesellschaftsordnung

vorgehend, sahen sie bei der zu erwartenden Aufhebung des

Einzelbesitzes, der ihnen die Quelle aller Ungerechtigkeit auf

Erden war, den Gesamtbesitz als die unausweichliche Folgerung ihrer

Geschichtsauffassung und ihres daraus entstandenen sozialen Systems

an. Ob die anderen Mitglieder des Kommunistenbundes an die Möglichkeit

des Kommunismus glaubten? Die Frage klingt sonderbar genug, ich kann

sie doch nicht bejahen, obgleich ich selber noch vor Ablauf eines

Jahres den Kommunismus, wie wir später sehen werden, in einer von mir

verfaßten Broschüre gegen einen seiner Angreifer verteidigte.

Was einen jungen Menschen meiner Natur für die Marx-Engels’sche Lehre

zunächst einnahm, das war der wissenschaftliche Grund und Boden

von dem sie ausgeht. Sie erkennt das historisch Gewordene als das

Notwendige an, kennzeichnet in einleuchtender Weise die verschiedenen

Produktionsformen, welche einander in der Kulturentwicklung der

Menschheit ablösen und nach gewissen Zeitabschnitten immer weiteren

Kreisen die Bahn zur Freiheit und materiellen Unabhängigkeit

öffnen; sie weist darauf hin, wie in unserer Zeit die herrschende

Produktionsform, die der freien Konkurrenz, schließlich zum Krieg aller

gegen alle geworden und zweifellos einer neuen Produktionsform Platz

machen müsse, welche die ungehinderte Ausbeutung des Privateigentums,

die zum Massenelend führe, durch Begründung des ausschließlichen

Kollektiveigentums und der kommunistischen Gesellschaft ablösen müsse,

die gewissermaßen den Abschluß aller wirtschaftlichen Kämpfe ausmachen

und die Aufhebung der Klassengegensätze herbeiführen werde. Ob wir nun

im Jahre 1847 die Lehre von der unvermeidlichen Verelendung der Massen

und besonders die kommunistische Schlußfolgerung, die uns gewissermaßen

als eine Krönung der gesamten Kulturarbeit von Jahrtausenden erscheinen

mußte, gläubig hinnahmen? Was mich betrifft, so arbeitete ich mich in

das kommunistische Glaubensbekenntnis, nicht mit dem Verstande, aber

mit ganzer Seele hinein, ich ließ keinen Widerspruch aufkommen, weil

er mich in das Nichts zurückgeworfen hätte, mein ganzer Witz wurde der

Bekämpfung der aufsteigenden Zweifel dienstbar gemacht. Es ging mir

wie allen denen, welche im Glauben allein sich glücklich fühlen und

denen dabei der Spott gegen die Nichtgläubigen nicht ausgeht. Von einer

wirklichen Überzeugung aber, daß der Kommunismus allein den Abschluß

der gewaltigen wirtschaftlichen Bewegung unserer Zeit, ja, aller Zeiten

bilden müsse, war schon deshalb nicht die Rede, weil man sich gar

nicht bestrebte, sie zu gewinnen. Man glaubte.

Nun stand ich doch mit zweiundzwanzig Jahren auf einer Bildungsstufe,

welche eher zur Skepsis geneigt macht. Wie sah es aber bei der Mehrzahl

der Mitglieder des Kommunistenbundes aus? Wie Leute aus dem Volke die

Predigt des Herrn Pfarrers, der ihnen persönlich Vertrauen einflößt

und ja ein braver Mann ist, so nahmen auch die jungen Kommunisten die

Lehre von der Aufhebung des Privateigentums und seine Ersetzung durch

das Kollektiveigentum ohne viel Kopfzerbrechen hin. Für sie handelte

es sich, und das beschäftigte sie vor allem andern, um eine Besserung

ihres materiellen Daseins, die ja auf Grund der Entwicklungsgeschichte

der Menschheit doch einmal kommen mußte. Daran glaubten sie und das

mit Recht. Zu welchem letzten Ziel die ihnen vorgetragene Theorie

führte, ob dies auch erreichbar sei, das machte ihnen keine Sorge.

Anders sollte es werden und besser. Das leuchtete ihnen ein. Und dann

übt ja, um es nicht zu vergessen, das Geheime, das Verbotene einen

ganz besondern Reiz auf den Menschen aus, namentlich, wenn er allein

steht und für sein Thun nicht das Wohl von Weib und Kind abzuwägen hat.

Man vergesse auch nicht, welchen Einfluß die Atmosphäre in Paris auf

uns ausüben mußte. Man atmete den Hauch der großen Revolution und des

Juliaufstandes, deren Denksäule auf dem Platz errichtet worden war,

auf dem die Bastille gestanden. Die Pariser Arbeiter bildeten damals

schon, was in Deutschland nirgends der Fall war, einen ausgesprochenen

Gegensatz zur herrschenden Bourgeoisie, den die Unvernunft Guizots, sie

von allen politischen Rechten hartnäckig auszuschließen, aufs höchste

trieb. Die Blindheit dieses gelehrten, jedoch allem Verständnis für

seine Zeit unzugänglichen Ministers brachte denn auch die revolutionäre

Gesinnung der Pariser Bevölkerung rasch zur Reife. Man fühlte, daß die

Dinge einer Entscheidung entgegentrieben, und in weniger als einem

Jahr war in der That der Thron Louis Philipps zusammengestürzt, und

fast der ganze europäische Kontinent stand in Flammen. Das Vorgefühl

der kommenden Ereignisse zog uns, wie leicht erklärlich von den

Spekulationen über das letzte Ziel der Bewegung der arbeitenden

Klassen um so mehr ab, als die Marx’sche Lehre entgegen derjenigen

der Utopisten den politischen Sieg der Arbeiterpartei, ihre vor allen

Dingen zu gewinnende politische Herrschaft als die Vorbedingung der

wirtschaftlichen Umwälzung bezeichnete.

Der Kommunistenbund hatte keinen andern als einen propagandistischen

Zweck. Er löste sich also während der politischen Umwälzung des

Jahres 1848 auf. Wozu ein Geheimbund, sobald das Vereinsrecht und

die Preßfreiheit als Grundrechte der Nation anerkannt wurden, und

das allgemeine Stimmrecht, wenn auch im einzelnen mit gewissen

Beschränkungen, zur Anwendung gelangte? Eines drängte sich mir schon

mit greifbarer Deutlichkeit im Anfang meiner Beteiligung an politischen

Dingen auf: das war die Erkenntnis, daß mit der Gleichberechtigung

aller die Gleichheit noch lange nicht erreicht ist, daß sie überhaupt

unerreichbar ist, weil die Menschen in ihrer Begabung, ihrem

Temperament, ewig ungleich sind. Wie die Natur nicht zwei absolut

gleiche Ähren in einem Kornfeld hervorbringt, so weisen auch die

politisch-gleichberechtigten Mitglieder einer Gesellschaft nicht zwei

gleiche Menschen auf.

Engels, der mir mein selbständiges Auftreten in Berlin im Jahre

1848 nie vergeben hat, machte mir den Vorwurf, ich hätte es im

Revolutionsjahre „mit meiner Verwandlung in eine politische Größe etwas

zu eilig gehabt.“ Ich werde später auf diese ganz ungerechtfertigte

Beschuldigung zurückkommen. Im Jahre 1847, als wir in Paris als die

besten Freunde lebten, hatte er wohl bemerkt, daß er selber auf die

eigentlichen Arbeiterkreise keinen Einfluß auszuüben vermochte. Er war

denn doch der reiche Bourgeoissohn, der allmonatlich seinen Wechsel

von seinem Vater, dem großen Fabrikherrn in Barmen erhielt; die Sorge

des Lebens trat nie an ihn heran, er hatte nichts von einem Arbeiter

an sich und war vollkommen in seinem Recht, wenn er eine Maske nicht

anlegte, die ihm schlecht gestanden hätte. Als es sich in einer Sitzung

des Geheimbundes darum handelte, einen Abgeordneten zum Centralkomitee

in London zu ernennen, machte man mich zum Vorsitzenden. Ich merkte,

daß es sehr schwer fallen würde, Engels, der seine Ernennung wünschte,

durchzubringen; es regte sich eine starke Opposition gegen ihn. Ich

erlangte nur seine Wahl, indem ich der Regel zuwider, nicht diejenigen,

welche für den Vorgeschlagenen, sondern diejenigen, welche gegen ihn

waren, zum Erheben der Hand aufforderte. Dieses Präsidial-Kunststück

erscheint mir heute als ein Greuel. „Das hast Du gut gemacht,“

sagte Engels, als wir heimgingen. Ich aber hatte an jenem Abend zum

erstenmale die Erfahrung gemacht, daß die Ungleichheit der Menschen

nicht bloß in der Ausübung der Gewalt der Starken über die Schwachen,

in den staatlichen Einrichtungen zu suchen ist, sondern auch in den

Menschen selber liegt, daß die Ungleichheit zwar mit der steigenden

Kultur immer mehr von ihrer Schärfe verlieren muß, nie aber ganz

verschwinden wird. Ein ähnlicher Abstimmungsmodus wie der, von welchem

ich eben erzählte, wird heute zwar von keinem Arbeiterverein zugelassen

werden. Die Macht der Begabteren oder auch der Rührigeren über die

minder Begabten und minder Rührigen bleibt deshalb doch eine ungeheure

-- nicht bloß bei den Arbeitern, sondern bei +allen+ politischen

Verbindungen. Wir in der Schweiz wissen etwas davon zu erzählen, wie

z. B. die Namen der für diese und jene Wahl aufzustellenden Kandidaten

im stillen Hinterzimmer eines Cafés von wenigen Parteiführern gewogen,

erlesen, auf die Liste gebracht und schließlich in öffentlicher

Versammlung durch Mehrheitsbeschluß durchgesetzt werden. Ein anderer

Modus ist nicht zu finden, woraus nur zu folgern ist, was ich oben

gesagt, daß die Gleichberechtigung noch lange nicht die Gleichheit in

der Praxis ist. Man kann seine Glossen darüber machen, wenn die Männer

im Hinterstübchen, welche die Partei-Vorsehung spielen, sich einmal

auffallend geirrt haben; ändern kann man es nicht, daß sie die Macht

an sich reißen und ausüben und daß die andern sie gewähren lassen.

Erfahrungen solcher Art führten natürlich nicht sogleich zu einer

folgerichtigen Anwendung, doch blieben sie in meinem Gedächtnis haften

und waren in späterer Zeit nicht ohne Einfluß auf meine Stellung zu

jeder Parteipolitik. Der Knecht einer solchen bin ich niemals gewesen.

Dazu war ich viel zu sehr Idealist und Individualist.

Ein ausgesprochener Individualist trotz seiner kommunistischen Lehre

war auch Engels. Wir konnten deshalb doch sehr leicht mit einander

verkehren, weil wir beide ganz unabhängig von einander waren, ich mit

meinem bescheidenen, doch für meine Bedürfnisse ausreichenden, er mit

seinem bei weitem größeren Einkommen. Für die schönen Künste, besonders

für Musik, hatte er keinen Sinn, er glich in dieser Beziehung meinem

spätern Freunde Rüstow, der die Trommel als das einzige musikalische

Instrument bezeichnete, das er verstehen und das ihn erfreuen

könne. Es kam Engels niemals der Gedanke, mir die Kunstschätze von

Paris zu zeigen; ich besuchte ohne ihn die Galerieen des Louvre; er

sah sich im Theater des Palais Royal die tollsten Possen an, ich

bewunderte im ~Théâtre français~ die Rachel als Phèdre. Das

hielt er wahrscheinlich für abgeschmackt. Er beschäftigte sich damals

ausschließlich mit historischen Studien, deren Ergebnisse er in seinen

späteren Schriften glücklich verwertete. Seinen näheren Umgang bildete

noch in jenem Jahre ein im Quartier Breda wohnender Maler aus der

rheinischen Heimat, Namens Ritter, der in Paris für einen dortigen

Bilderhändler echte Niederländer malte, dabei aber natürlich kein

Krösus wurde, jedoch mit der lustigen Picarde, die sich zeitweise an

ihn gefesselt, ein vergnügtes Dasein führte.

Der zeitgenössischen Litteratur zu folgen, bot mir ein ~Cabinet de

lecture~ im Palais Royal die Mittel, das neben französischen und

englischen auch die wichtigsten deutschen Zeitungen hielt und über

eine ziemlich große Bibliothek verfügte. Dort saß ich eines Tages,

tief versunken in die Weisheit eines Journalisten, als plötzlich in

dem stillen Saal eine ungewöhnliche Bewegung sich kund gab. Ein Mann

in vorgeschrittenen Jahren war eingetreten, bei dessen Erscheinen ein

halbes Dutzend Leute dienstfertig ihm entgegen eilten. Man reichte

ihm den Arm, man führte ihn zu einem bequemen Sessel, in den er

sich niederließ, man gab ihm die Augsburger Allgemeine Zeitung.

Ich betrachtete ihn staunend und teilnehmend. Das eine Auge war

geschlossen, das andere schien unbeweglich, es folgte nicht den

Worten des Zeitungsblattes, sondern dieses wurde vor dem Auge hin-

und hergeschoben. Über dem blassen Angesicht lag der Zauber still

getragenen Leidens und geistiger Verklärung. Ist das, was ihn unter

so viel Schwierigkeiten zum Lesen jenes Blattes geführt, wohl die

Anstrengung wert, die er dabei sich auferlegt? mußte ich unwillkürlich

mich fragen. Er legte jetzt das Blatt beiseite und erhob sich.

Wieder trat eine allgemeine Bewegung im Saale ein. Einer der Herren

reichte ihm den Arm und begleitete ihn hinaus, andere folgten bis

an den Ausgang des Saales, er nickte dankend, sie verbeugten sich,

er verschwand. Wer mochte der Mann sein? Diese Frage beschäftigte,

beunruhigte mich lange. Ich entschloß mich endlich, den Saaldiener nach

dem Namen jenes kranken Besuchers zu fragen. ~C’était Monsieur Henri

Heine~, raunte er mir ins Ohr. Ich war todeserschrocken. Heine fuhr

damals noch aus, er war noch nicht an die „Matratzengruft“ gefesselt,

von der aus er uns mit seinen erschütternden Lazarusliedern beschenken

sollte.

[Illustration]

VI.

Reise in die Schweiz. Der Sonderbundskrieg. Karl Heinzen.

Im Oktober desselben Jahres erhielt ich vom Centralkomitee in London

den Auftrag, die „Gemeinden“ in Lyon und der Schweiz zu besuchen und

sie durch einige Vorträge in die neue Phase der sozialen Entwicklung

einzuführen und auf die kommenden Ereignisse vorzubereiten. Am

Himmel kündigten dunkle Wolken den Sturm des heraufziehenden

Sonderbundskrieges an. Die Eisenbahn reichte bis Orleans. In einem

Hofe des Börsenviertels zu Paris drückte ich Engels zum Abschied die

Hand, ich nahm einen der vier Plätze in der hinteren Abteilung der

großen fünfspännigen Diligence ein; sie fuhr auf den Bahnhof, dort

wurde unser, von seinen Rädern befreiter Wagen, den wir deshalb nicht

zu verlassen hatten, auf die Plattform eines Eisenbahnwagens durch

eine Winde gehoben, an den Zug angehängt, und fort ging es nach der

berühmten Stadt an der Loire. Im Nu wurde dort unsere Diligence

samt ihrem lebendigen Inhalt wieder auf ihre vier Räder gebracht und

das bereit stehende Gespann eingehängt; im Galopp ging es über den

Marktplatz, wo ich einen Blick auf das Standbild der Jungfrau werfen

konnte, und nun rollten wir durch das gesegnete Burgund der volkreichen

Stadt am Zusammenfluß der Saone und Rhone zu.

Ich war in Lyon angekündigt, ein freundlicher Empfang war mir dort wie

überall gesichert, wo ich meine Mission zu erfüllen hatte. In wenigen

Tagen konnte ich meine Reise nach Genf fortsetzen. Bis dahin hatte

ich, wenn ich von dem Hügelland am Fuße des Riesengebirges absehe, in

der Welt nur ebenes Flachland betreten. Auf der Fahrt von Lyon über

St. Julien nach Genf eröffnete sich mir ein bis dahin ungekannter

Reichtum landschaftlicher Schönheiten. Ich wollte nun nicht etwa ein

maschinenhaft arbeitender Reiseprediger sein, ich suchte und fand

Beschäftigung. Damit auf mich selbst gestellt, blieb ich mehrere Wochen

in Genf. Die fremde Stadt mit ihrer damals noch wohl erhaltenen, auf

große historische Erlebnisse hinweisenden, eigentümlichen Physiognomie,

in der sich strenge Ehrbarkeit, herber Patriotismus mit französischer

Frivolität paarten, der große, blaue See, eine meinem unerfahrenen Auge

völlig neue Erscheinung, die Alpen, der Montblanc! -- warum sollte

ich hier nicht länger verweilen? An den schönen Herbstabenden machte

ich, mit meinen neuen Freunden spazieren gehend, sie mit meiner neuen

Weisheit bekannt, es war dies ein peripatetischer Unterricht wie ein

anderer. An Sonntagen bestiegen wir den Salève, ich war glücklicher

als je vorher und so zog ich erst nach vier Wochen frohen Mutes in die

Neuchâteler Berge nach la Chaux-de-Fonds, in das große, damals schon

nahe an 20 000 Seelen zählende Uhrenmacherdorf.

Der Kanton Neuchâtel war damals noch durch Personalunion mit dem

preußischen Königshause verbunden und besaß infolgedessen noch manche

Institution, die an diese Union erinnerte. In keinem Teile der Schweiz

wurde das Verhalten der Fremden, namentlich der deutschen Arbeiter, die

nach dem Beispiel der französischen sich in sozialistischen Vereinen

zusammenfanden, mit einem polizeilich so wachsamen Auge verfolgt wie

dort. Das führte zu heimlichen, nächtlichen Zusammenkünften in den

Schlüften des Jura. Etwa zwanzig Minuten von der Stadt biegt links

von der bis St. Imier sich fortsetzenden Landstraße ein schmaler

Pfad zu einem, erst in seiner unmittelbaren Nähe wahrnehmbaren Spalt

im Gebirge. Tritt man hier ein und verfolgt zwischen zwei hohen

Felswänden die geheimnisvolle Enge, so gelangt man nach einer Weile in

einen fast kreisrunden, von steilen Wänden eingefaßten großen Saal,

wo der Zugangsstelle gegenüber wiederum ein enger Pfad sich öffnet,

der in einen zweiten Felsenrundbau führt; und so wiederholt sich

diese eigentümliche Erscheinung bis an die Wasser des Frankreich vom

Schweizerland trennenden, in vielen überraschenden Windungen seinen

rauhen Weg sich suchenden, überaus malerischen Doubs.

Erinnerungen eines Achtundvierzigers · 第 2 / 14 段