Wenn Ebbe in der Kasse eingetreten war, und das geschah häuf

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Antiqua: ~Tilden~

ERINNERUNGEN EINES ACHTUNDVIERZIGERS

[Illustration]

[Illustration: Stephan Born]

ERINNERUNGEN EINES ACHTUNDVIERZIGERS

[Illustration]

von

STEPHAN BORN

Mit dem Bildnis des Verfassers

[Illustration]

+Leipzig+

+Verlag von Georg Heinrich Meyer+

1898

Vorwort.

Ich begreife vollständig, wenn man beim Anblick dieser Blätter sich

fragt, wie ich dazu komme, meine „Erinnerungen“ zu schreiben und der

Öffentlichkeit zu übergeben. Mein Name wurde zwar in den Berliner

Zeitungen der Jahre 1848 und 1849 häufig genannt, ich stand dort kurze

Zeit im Vordergrunde der großen Bewegung, aus welcher schließlich

nach gewaltigen Kämpfen Neu-Deutschland hervorgehen sollte, ich war

namentlich einer der Gründer und Leiter der damals entstandenen, jetzt

mächtig auftretenden Arbeiterpartei. Ich gehöre jedoch in Deutschland

schon lange zu den Verschollenen, sogar Vergessenen. Weshalb aus dem

Grabe wiedererstehen? Wesentlich nur aus dem Grunde, weil man jetzt

die Geschichte des Jahres 1848 zu schreiben beginnt, weil andere mich

ausgegraben, meine damalige Thätigkeit darstellen und beurteilen

und dabei Wahres mit Falschem vermengen. Ein sozialdemokratischer

Schriftsteller hat mich sogar zum Helden eines in Arbeiterblättern

erschienenen Romans gemacht. Es werden alljährlich zum 18. März

Erinnerungsblätter an das Jahr 1848 ausgegeben, in denen mit Vorliebe

von mir in jenem Jahre gehaltene Reden oder Zeitungsartikel neu

abgedruckt werden. Ich habe keinen Grund, den Inhalt jener Reden

und Artikel jetzt zu verleugnen, ich könnte sie sogar heute noch

unterzeichnen, obgleich ich in dem seither abgelaufenen halben

Jahrhundert in mancher Beziehung ein anderer geworden bin. Das damals

Gesprochene und Geschriebene ist mir das Zeugnis einer unverkennbaren

Einheit in meiner Gesamtentwicklung.

Es ist nicht eigenes Interesse, das mich dazu führt, richtig zu

stellen, was in unrichtiger Kenntnis der Verhältnisse und in völliger

Unkenntnis meiner Person da und dort in neuester Zeit von mir gesagt

und auch gefabelt worden ist. -- Was liegt an einem einzelnen, an einer

kleinen Schraube in dem großen, geheimnisvollen Schiffe, welches der

Menschheit Geschicke durch aller Zeiten Ozeane trägt? -- Ich schreibe

vielmehr, um etwas Licht zu verbreiten über Menschen und Dinge, die ich

in jenen Bewegungsjahren genau kennen gelernt, um einen bescheidenen

Beitrag zu liefern zur Geschichte des Werdens einer neuen Zeit, und

damit auch die Legendenbildung, die schon in voller Thätigkeit ist,

einigermaßen zu stören, wenn es auch unmöglich ist, sie ganz zu

verhindern.

So weit es sich machen ließ, habe ich für meine Darstellung die Form

leichter Unterhaltung gewählt. Es schien mir diese Form dem Zwecke

am besten zu entsprechen, den ich im Auge hatte. Ich habe in diesen

Aufzeichnungen das nur berücksichtigt, was Beziehungen zum öffentlichen

Leben, zu den Kulturzuständen der Zeit hat, von der ich spreche. Meine

ausführliche Biographie zu geben, dazu fehlt mir die Berechtigung.

+Basel+, im Januar 1898.

B.

Inhalt.

Seite

Vorwort v

1. Thronwechsel in Preußen 1

2. Vorschule des Lebens 8

3. Der Berliner Handwerkerverein. Das Rütli 21

4. Wanderschaft. Robert Blum in Leipzig. Reise nach Brüssel

und Paris 33

5. Friedrich Engels. Der Kommunistenbund. Heinrich Heine 43

6. Reise in die Schweiz. Der Sonderbundskrieg. Karl Heinzen 54

7. Ein Winter in Brüssel. Karl Marx 67

8. 1848. Die Februarrevolution in Paris. Aufstandversuche in

Brüssel. Frau Marx. Reise nach Paris 75

9. Ein Besuch in den Tuilerien 91

10. Die Deutschen in Paris. Georg Herwegh und der

Freischarenzug nach dem badischen Oberland 100

11. Heimkehr nach Berlin. Die Berliner nach dem 18. März 114

12. Die Arbeiterpartei. Der Zeughaussturm 131

13. Praktische Sozialpolitik 143

14. Der erste deutsche Arbeiterkongreß. „Die Verbrüderung“ 162

15. In Leipzig. Bakunin 171

16. Erschießung Robert Blums in Wien. Steigende Aufregung

in Deutschland 180

17. Reise nach Heidelberg und nach Köln 190

18. Nach Dresden gewählt. Kämpfe um die Reichsverfassung 201

19. Der Maiaufstand in Dresden. I 211

20. Der Maiaufstand in Dresden. II 219

21. Zug nach Freiberg. Richard Wagner 231

22. Flucht nach Böhmen 243

23. Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz. I 254

24. Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz. II 267

Nachwort 287

[Illustration]

I.

Thronwechsel in Preußen.

Es war im Sommer 1840. Ich stand in der Vollkraft der Flegeljahre.

Meine Eltern hatten mich aus dem Gymnasium genommen, weil sie schon

für einen Sohn auf der Universität Sorge tragen mußten und es nicht

fertig gebracht hätten, einen zweiten Sohn studieren zu lassen. Man

hatte mich zu einem kinderlosen Oheim nach Löwenberg in Schlesien

geschickt, der über meine Zukunft entscheiden sollte. Zum Kaufmann

-- das war mein Oheim -- und er hatte schon einen anderen Neffen zu

sich in die Lehre genommen -- schien ich nicht geeignet. Ich kümmerte

mich viel zu sehr um brotlose Künste, und was noch schlimmer war, um

öffentliche Dinge, d. h. um Dinge, die mich nichts angingen; ich las

mit Eifer alle Zeitungen, die in meine Hände kamen, in wenigen Wochen

hatte ich daheim in meiner Vaterstadt gar noch alle Romanschätze der

Leihbibliothek -- es waren meist Räubergeschichten von Kramer und Spieß

-- verschlungen, und wenn ich nun auf den grünen Wiesen meines Oheims

die Zickelfelle bewachte, die dort zum Trocknen ausgelegt waren, um

dann in eine Handschuhfabrik nach Grenoble gesandt zu werden, betraf

man mich oft bei dem Absingen politischer Lieder, wie „Noch ist Polen

nicht verloren“ oder gar der Marseillaise.

Was sollte ich werden? Das war die ernste Frage, die meinen Oheim

beschäftigte. Da wurde in einem Abendgespräch von einem dritten Neffen

des braven Mannes gesprochen, der Schriftsetzer geworden und nach

Paris gegangen war. Von ihm war ein Brief eingelaufen, den ich eben

vorgelesen hatte. Ich könnte wohl auch Buchdrucker werden, ließ ich

mich schüchtern vernehmen.

-- Warte bis das Schützenfest vorüber ist, dann schicken wir dich

nach Berlin. Dein dort studierender Bruder mag sich fürs erste nach

einem Lehrherrn für dich umsehen. -- So lautete die Antwort meines

gutherzigen Oheims.

Ich war es zufrieden.

Das bevorstehende Schützenfest hatte für ihn eine ganz besondere

Bedeutung. Mein Oheim war in jenem Jahre Schützenkönig und sollte

demnächst mit der im Orte seit alten Zeiten üblichen Feierlichkeit an

der Spitze des prächtigen Zuges nach dem Festplatz geleitet werden.

Als ich bei meiner Ankunft aus der Heimat zum erstenmale in den

gewölbten Flur seines stattlichen Hauses getreten, war mir eine an der

weißen Wand befestigte Schützenscheibe aufgefallen, mit ihren vielen

Pflöcken, deren jeder das Loch verschloß, das die Kugel sich durch

das Holz gebohrt hatte, und zugleich einen schmalen Zettel mit dem

Namen des Bürgers festhielt, der den Schuß gethan. Genau im Centrum

steckte ein Pflock mit dem Namen meines Oheims. Er hatte „den Punkt

herausgeschossen“, wie der Volksausdruck die geschickte oder vom Zufall

begünstigte That bezeichnete.

Es war ein Glücksschuß gewesen und er erwies sich zugleich als die

erwünschteste Unterbrechung schwerer, sorgenvoller Tage. Einige Wochen

vorher hatte nämlich der so unversehens vom Schicksal zu großen Ehren

ausersehene Schütze den ersten seiner drei Pflegebefohlenen, den er

in sein stilles Haus aufgenommen, einen noch unbärtigen Jüngling,

mit einer großen Fracht Kleesamen nach Hamburg gesandt. Der Junge

sollte dort eine ziemlich beträchtliche Summe für die Ware in Empfang

nehmen und heimbringen. Doch Tage um Tage vergingen und keiner

brachte das geringste Lebenszeichen von ihm. Wie konnte er nur so

hartnäckig schweigen? War er krank geworden? War er beraubt worden

oder gar umgekommen? Mit dieser Sorge im Herzen ging mein trefflicher

Oheim, als die Reihe an ihn kam, an den Stand und schoß -- zu seiner

nicht geringen Verwunderung den Punkt aus der Scheibe. Es war ein

Meisterschuß. Der Zeiger machte seine Luftsprünge vor dem Ziel, Pauken

und Trompeten verkündeten das große Ereignis über den weiten Platz, die

Dienstmädchen mit den Kindern verließen eilig die Buden, in welchen

um den Gewinn von Pfefferkuchen gewürfelt wurde; alles umdrängte

glückwünschend den Helden des Tages. Am Abend, da kein besserer, ja

auch nur annähernd so guter Schuß gethan wurde, proklamierte man den

bei der Bevölkerung sehr beliebten alten Herrn zum Schützenkönig und

geleitete ihn nach allen hergebrachten Regeln und Formen in sein

geräumiges Haus am Marktplatz, in dessen Vorhalle nun die Scheibe als

eine auf spätere Geschlechter zu vererbende Trophäe aufgehängt wurde.

An demselben Abend aber -- welch wunderbares Zusammentreffen! -- langte

der ersehnte Neffe mit dem in Hamburg für den Kleesamen eingenommenen

Gelde an. Er hatte die ihm übertragene Aufgabe pünktlich erfüllt; an

die Ratsamkeit, von Zeit zu Zeit etwas von sich hören zu lassen, hatte

er nicht gedacht. Die gehobene Stimmung, in welche dieser doppelte

Glücksfall den neuen Schützenkönig versetzte, fand ihren glänzenden

Ausdruck in der Fülle des Weines, der seinem Ehrengeleit gereicht

wurde. Es war eine endlose Reihe leerer Flaschen, die am andern Morgen

unter der eben aufgehängten Ruhmesscheibe sich befanden. In der guten

Stadt am Bober, unweit der kriegsberühmten Katzbach, genoß man in jener

Nacht eines festen Schlafes.

Ohne jeden Stolz auf die bewiesene Geschicklichkeit, für die er die

volle Ehrengebühr nur lächelnd auf seine Schultern nahm, hatte mein

Oheim in letzter Zeit oft beim Abendgespräch jenes ereignisreichen

Tages gedacht, denn es nahte der andere, wichtige Tag, wo er als

Schützenkönig auf den Festplatz geleitet werden und sein glorreiches

Amt in andere Hände niederlegen sollte. Für die Ausfüllung der großen

Lücke im Weinkeller war gesorgt worden, die Tante hatte eine Anzahl

Torten gebacken und backen lassen, sie waren unerläßlich für die

würdige Ausfahrt des Schützenkönigs.

Doch es sollte anders kommen, als man erwartet hatte.

Am frühen Morgen stellten sich die Mitglieder der Schützengilde ein.

Sie boten in ihren pomphaften Uniformen einen glänzenden Anblick

dar, dessen komische Seite mir trotz der Bewunderung nicht entging,

die ich für die wunderlich aufgeputzte, heroische Erscheinung eines

meiner Vettern, eines schlichten Färbermeisters hegte, der bei dieser

Gelegenheit mit dem vollen Bewußtsein seiner Mannesschönheit und seiner

bis dahin freilich noch in Verborgenheit schlummernden kriegerischen

Tugenden mir gewaltig imponierte. Die ganze Truppe trug grüne, rot

eingefaßte Schwalbenschwänze, frisch gewaschene, weiße Beinkleider, auf

dem Haupte einen Tschako mit himmelanstrebendem, steifem Federschmuck.

Die Musik stimmte die pathetischsten Akkorde an, der gleich einem

Bajazzo ausstaffierte Schuster Reimschüssel -- er war noch nüchtern,

denn die Glocke hatte eben erst acht geschlagen -- schwenkte kunstvoll

seine kurz geschäftete goldgestickte Fahne um Haupt und Glieder, und

der Herr Bürgermeister, die Herren Stadträte und die ehrenwerten

Offiziere der Gilde traten in das bekränzte Haus, begrüßten den

Schützenkönig, der zwar keine Krone auf dem Haupte, doch eine schwere

silberne Kette auf der Brust trug. Man schüttelte sich die Hände, man

trank den von den weißgekleideten Nachbarstöchtern dargebotenen Wein

und aß ein Stück Torte nach dem andern. Dann ordnete man sich in Reih’

und Glied, um an der Spitze des draußen aufgestellten Zuges den Marsch

nach dem Schützenplatz zu beginnen.

Da geschah etwas Unerhörtes.

Eben war das Kommando zum Abmarsch erschollen, als ein Postbote eiligst

über den Platz rannte, und hoch über seinem Haupte einen großen Brief

haltend, diesen atemlos dem Bürgermeister überreichte. „Der König ist

gestorben,“ ging plötzlich ein Gemurmel durch die Reihen. Und so war

es in der That. Die Anzeige war eben eingetroffen, daß Seine Majestät

Friedrich Wilhelm III. das Zeitliche gesegnet hatte.

Das Schützenfest, erklärte nun das Stadtoberhaupt, ist bis auf

weiteres verschoben. Die Reihen der Gilde lösten sich auf. Mein

Oheim, der Schützenkönig, wurde von einigen Herren wieder in sein

Haus zurückgeleitet. Die Herren waren so freundlich, noch ein Glas

Wein anzunehmen, die Torten aber waren bis auf ein einziges Stück

aufgegessen, und dieses eine Stück, das man niemand anzubieten wagte,

bekam ich.

[Illustration]

II.

Vorschule des Lebens.

Noch vor der Abhaltung des so unversehens unterbrochenen Schützenfestes

mußte ich meine Reise nach Berlin antreten. Auf preußischem Boden

existierte noch keine Eisenbahn. Der schwer belastete Frachtwagen

meines Oheims, der von zwei starken Pferden im Schritt nach der

Hauptstadt gezogen wurde, brauchte mehrere Tage für den weiten Weg. Man

hatte mir einen Sitz neben dem Platz des Kutschers zurecht gemacht,

den dieser übrigens nicht benutzte, da er, der Überlieferung seines

Berufes getreu, immer zu Fuß neben her ging, behaglich seinen Stummel

rauchend, mit der Peitsche knallend, und bald singend, bald pfeifend

mit den Pferden sich unterhielt. Man hatte mir für die lange Fahrt

mancherlei Eßbares mitgegeben und auch etwas Geld in die Westentasche

gesteckt. Ich kam fröhlicher Dinge bei meinem Bruder in Berlin an.

Dieser war um mein leibliches wie um mein geistiges Wohl sehr besorgt

und nur mit Rührung kann ich an die zwei oder drei Jahre fruchtbarer

Anregungen, wenn auch zahlreicher Entbehrungen denken, die ich unter

seiner liebevollen Führung verlebt habe. Er stand im dritten Jahre

seiner medizinischen Studien und war ihnen mit Leib und Seele ergeben.

Er hatte für mich eine Lehrlingsstelle gefunden und, was bei einem

Studenten sich leicht erklärt, in einer Buchdruckerei, deren sich viele

Doktoranden zum Druck ihrer Dissertation bedienten, wobei mir alsbald

das bißchen Latein, das ich vom Gymnasium mitbrachte, recht zu statten

kam. Bevor er mich in das Joch spannen ließ, gönnte er mir jedoch noch

einige Tage, damit ich von der Reise mich ausruhen und mir Berlin

ansehen könne.

War ich einige Wochen vorher in der Provinz Zeuge der Ankündigung

des Todes Friedrich Wilhelms III. gewesen, so hatte ich nun in der

Hauptstadt Gelegenheit, der seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm IV.

dargebrachten Huldigungsfeier von der Straße aus, so weit dies einem

grünen Jungen gestattet war, beizuwohnen. Mein Bruder blieb zu Hause.

Er wollte wegen eines Monarchen, der schon seine Absicht angekündigt

hatte, das absolute Regiment seines Vaters fortzusetzen, keine Stunde

an der Arbeit verlieren, die in jenen Tagen seine ganze Zeit in

Anspruch nahm. Im Jahre 1840 waren die deutschen Studenten noch sehr

liberal, sie standen zum Volke und dieses brachte von vornherein dem

König, der sich vielleicht für einen akademischen Lehrstuhl geeignet

hätte, dem jedoch alle Regenteneigenschaften abgingen, keine Sympathien

entgegen. Er galt für einen geistreichen Kopf, nicht aber für einen

König; dazu fehlte ihm schon die äußere Erscheinung. Zu Pferde,

namentlich, wenn er einen leichten Trab anschlug, nahm er sich recht

schwerfällig aus. Seine Gestalt war nichts weniger als soldatisch.

Dennoch interessierte er sich in hohem Grade für militärische Dinge.

Die Reformen, die er bald nach seinem Regierungsantritt in der

Bekleidung des Heeres veranlaßte, die Ersetzung des unförmlichen

Tschakos durch den Helm, des Schwalbenschwanzes durch den Waffenrock,

mußten allgemeinen Beifall finden; unter seiner Regierung erhielt

die Infanterie auch das Zündnadelgewehr. Auf die Stimmung im Volke

übten diese Neuerungen indessen kaum einen Einfluß. Nach langem

gesicherten Frieden interessierte man sich blutwenig für militärische

Dinge, die Unzufriedenheit über den Fortbestand der Zensur, über die

Zurückweisung der allgemeinen Forderung, dem Lande eine Volksvertretung

zu geben wuchs zusehends und durchdrang die weitesten Kreise, als die

junge Lyrik mit Dingelstedt, Gottschall, Hofmann v. Fallersleben,

Prutz, besonders mit Georg Herwegh einen in Deutschland ungewohnten

politisch-revolutionären Ton anschlug. Die neuen Gedichte, obgleich

verboten, wanderten von Hand zu Hand und erhitzten die Gemüter.

Der geistreiche König konnte dagegen nichts thun. Sein Schwager,

Zar Nikolaus, hatte andere Waffen gegen aufrührerische Poeten, er

verschickte sie nach Sibirien. Friedrich Wilhelm IV., da er nichts

Ernstes gegen den Liberalismus zu unternehmen vermochte, mußte ihm

schrittweise nachgeben und das war sein Verhängnis. Persönlich von

hoher litterarischer Bildung, konnte er anstandshalber es nicht

verhindern, daß Berlin bald nach seinem Regierungsantritt ein

liberales, litterarisches Centrum für Deutschland zu werden begann. Die

oben genannten Poeten fanden sich sämtlich in seiner Hauptstadt ein,

er ließ sich sogar durch den Professor Schönlein den gefeierten Sänger

der „Gedichte eines Lebendigen“ vorstellen. Heine hat dieser Audienz

in boshaften Versen gedacht, er sah hier den Marquis Posa vor dem

König Philipp. Friedrich Wilhelm IV. hatte nun aber nichts von einem

Philipp, er suchte den jungen Poeten durch ein paar schlechte Witze

zu verblüffen; er werde, sagte der König boshaft, in Berlin so gute

Spätzle nicht zu essen bekommen, wie in dem lieben Schwabenland. Als

Herwegh in seinem jugendlichen Posaeifer nun doch von Königsberg aus

sich vermaß, den König zu apostrophieren, ließ dieser ihn des Landes

verweisen. Schillers Marquis Posa steckte noch stark in den Köpfen der

damaligen Generation. Nicht viel später erlaubte sich der Verfasser der

„Vier Fragen“ in einer Audienz Friedrich Wilhelm IV. zuzurufen: „Es

ist der Fluch der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören können.“

Friedrich Wilhelm IV. nahm dies natürlich sehr übel.

Im Jahre 1840 begann man in Berlin, wo bisher das Theater und

vielleicht ein neuer Roman der Frau v. Paalzow oder der Gräfin

Ida Hahn-Hahn die Kosten der Unterhaltung trug, mehr und mehr mit

politischen Dingen sich zu beschäftigen. Am Tage der Huldigungsfeier

bemerkte man davon noch wenig. Auf dem ungeheuren Platz zwischen Schloß

und Museum war nur der vordere Teil stark besetzt, da standen in

feierlichem Aufzug die Mitglieder der staatlichen und der städtischen

Behörden, die Generalität, die Professoren der Universität, die

richterlichen Kollegien, die Abordnungen aus den Provinzen u. s. w.

Die Berliner Einwohnerschaft aber schien gar nicht neugierig, sie war

nicht zahlreich vertreten, es blieb ein großer, leerer Raum von der

prächtigen Granitschale inmitten des Lustgartens bis zum Museum. Ich

sah unbehelligt dem sich abspielenden Vorgang aus ziemlicher Nähe zu;

ich erkannte den König, als er auf dem Balkon erschien, ich verstand

jedes Wort seiner Rede, in welcher er versprach, dem Wohle seines

Volkes sein ganzes Leben zu widmen und mit der Versicherung schloß:

„Das gelobe und schwöre ich!“ Der Volkswitz hatte schon in den nächsten

Tagen dieses feierliche Gelöbnis in die Worte umgewandelt: „Dat jloob

ick schwerlich,“ der König, der ja dem Witz nicht abhold war, lachte,

als er dies erfuhr.

Ich habe mir vorgenommen, meine persönlichen Erlebnisse nur so weit zu

berühren als sie zu öffentlichen Dingen in Beziehung stehen oder doch

einen Beitrag zu dem kulturhistorischen Bilde jener Zeit zu liefern

vermögen. Dies ist der Fall mit meiner Lehrzeit als Schriftsetzer.

Sie dauerte nicht weniger als fünf Jahre. So lernte ich früh einen

wunden Fleck in den damals herrschenden sozialen Einrichtungen kennen

und wurde ich unmittelbar zu kritischen Betrachtungen über dieselben

veranlaßt. Die Kunst, Buchstaben an einander zu reihen, in Zeilen,

Kolumnen und Platten zu schließen, zu korrigieren, abzulegen u. s.

w. erlernt ein halbwegs intelligenter Knabe sicher in zwei Jahren.

Giebt man dem Lehrherrn als Lohn für seinen Unterricht, den er in

der Regel nicht selber übernimmt, noch ein Jahr drein, so wären es

drei Dienstjahre, die der auszubildende Jüngling auf sich zu nehmen

hätte. Einen jungen Menschen fünf Jahre an die Kette zu legen, um

ihn während der letzten drei Jahre als fertigen Arbeiter für eine

lächerlich geringe Entschädigung auszubeuten, war ein schreiender

Mißbrauch, zu dem sich der andere gesellte, daß es im damaligen Berlin

Buchdruckereien gab, die gar keine Gehülfen, sondern nur Lehrlinge

hielten. Eine derselben hielt deren zwölf. Diejenige, in welcher ich

die Ehre hatte, in die Geheimnisse der schwarzen Kunst eingeführt zu

werden, hatte deren sechs. Nur ein einziges Mal hatte sie auf einige

Monate mehrere Gehülfen am Setzkasten. Mit diesen geriet ich einmal in

einen lebhaften Konflikt, als ich in meinem Idealismus mich weigerte,

einem alten Trunkenbold Schnaps zu holen. Wenige Jahre später stand ich

an der Spitze der Berliner Buchdrucker, um den Anstoß zur Aufhebung

verschiedener Mißbräuche und einer fortschreitenden Verbesserung

ihrer Lage zu geben. Den verderblichen Branntwein hat die allgemeine

Kulturentwickelung mit der Hebung des Lebensstandes der Arbeiter in

weiten Kreisen derselben durch das gesellige Bier ersetzt.

Die Buchdruckereibesitzer -- es war die Minderzahl -- welche ihren

Kollegen durch die billige Arbeit der Lehrlinge eine gewissenlose

Konkurrenz machten, gingen übrigens nicht ganz straflos dabei aus. Denn

von Zeit zu Zeit stellte sich Arbeitslosigkeit ein, ihren Lehrlingen

aber hatten sie nichtsdestoweniger den kontraktlich festgesetzten

Thaler wöchentlich auszuzahlen. Mit einem Thaler wöchentlich sollte ich

meinen Unterhalt bestreiten?

Wenn Ebbe in der Kasse eingetreten war, und das geschah häufig genug,

wurde man Vegetarianer bis der Postbote die heißersehnte, aber aus

leicht erklärlicher Rücksicht auf die Eltern, niemals geforderte Hilfe

aus der Heimat brachte. Und was that mir alle Entbehrung? Es gab für

mich in jenen Jahren so viele „Geistesfreuden.“ Für die Erweiterung

meiner Kenntnis der zeitgenössischen Litteratur sorgte die große

Leihbibliothek von Berends. Von meinem studierenden Bruder erhielt

ich täglich fördernde Anregung. Er riet mir, in freien Stunden als

Hospitant gewisse Vorlesungen an der Universität mit anzuhören, und

das that ich mit religiösem Eifer. Mittags von 12 bis 2 war die

Druckerei geschlossen, die nicht weit vom Universitätsgebäude und

nicht weit vom Hause des Professors Magnus sich befand, in welchem

dieser seine Vorlesungen hielt. Wozu brauchte ich zwei Stunden zu

meinem Mittagessen? Eine genügte vollkommen, die andere widmete ich

den Studien. So hörte ich zunächst bei Magnus Physik, bei Werder

Psychologie, bei Ranke Geschichte. Auch eine Abendstunde von 6 bis

7 war für die Universität bestimmt. Und dazu kam das Theater, das

königliche Schauspielhaus, zu dem Herr v. Sommerfeld mir seine

Freikarten häufig abtrat. Herr v. Sommerfeld, ein ehemaliger Offizier,

war Herausgeber einer wöchentlich erscheinenden Theaterzeitung, die

bei uns gedruckt wurde, und deren Satz ich in der Regel besorgte.

Wir wurden bekannt, weil ich mir hie und da erlaubte, seinen nicht

selten sehr holperigen Stil einigermaßen zu glätten. Das nahm der

gute Mann gar nicht übel, er wußte mir vielmehr Dank dafür, ja er

übertrug mir einigemale eine mit Freuden aufgenommene Stellvertretung

als Rezensent. Man frage mich nicht, was ich als solcher geleistet.

Ich zeichnete nicht, meine Sünden gingen also auf Rechnung des Herrn

v. Sommerfeld. Selbstverständlich ist es, daß ich, ein unerfahrener

Jüngling, ebenso wenig wie er zu dem Amte eines Theaterkritikers

berufen war. Das hatte nichts zu sagen. Unsere Theaterzeitung spielte

in Berlin keine Rolle, sie schlief auch sehr bald ein.

Aber ich hatte Blut geleckt, ich hatte mich gedruckt gesehen.

Mein Bruder hatte im Jahre 1843 seine Studien vollendet und sein

Staatsexamen ehrenvoll bestanden. Er ließ sich als Arzt in einer

Provinzialstadt nieder, und ich mußte von nun an, immer noch Lehrling

in einer kleinen Buchdruckerei, seiner geistigen Führung entbehren.

Er empfahl mich der Fürsorge seines studentischen Umgangskreises,

dem ich auch treu blieb, bis der letzte der Freunde sich seinen

Doktorhut erworben und sein eigenes Heim sich geschaffen hatte.

Eines jungen Mediziners, der später sich um die Einrichtung von

Vereins- und Armenärzten in Berlin ein Verdienst erwarb, erinnere

ich mich besonders, weil er nach meines Bruders Abreise meine

schriftstellerischen Versuche mit wachsamem Auge verfolgte. So holte

er mich an einem Sonntag zu einem längeren Spaziergang ab, um mit

mir mein jüngstes Opus, das ihm zu Gesicht gekommen, ernsthaft zu

besprechen. Dickens war damals der geschätzteste Erzähler, und so

hatte ich, wahrscheinlich von diesem großen Meister angeregt, eine

Novelle, meiner Meinung nach in des beliebten Engländers Weise,

verbrochen. Ich weiß von meiner Schöpfung nur noch, daß die Handlung

dem Berliner Volksleben entnommen war. Sonderbarerweise hatte sie in

einer Zeitschrift Aufnahme gefunden, deren Herausgeber, ein ~Dr.~

Julius Lasker, vielleicht ein Verwandter des späteren Abgeordneten

dieses Namens, sie für würdig der Ehre des Drucks erachtete. Diese

Zeitschrift, wenn ich nicht irre, hieß „Der Freimüthige“. Die Kritik

meines Freundes richtete sich nun hauptsächlich gegen meine offenbare

Unkenntnis des wirklichen Lebens; er machte mich darauf aufmerksam, daß

die paar Leute, mit denen ich in den wenigen freien Stunden, über die

ich verfügte, freundschaftlich verkehrte, mir vom Berliner Volksleben

auch nicht die geringste Anschauung gaben und daß man wohl merke, daß

ich meine ganze Weisheit nur aus meiner Lektüre geschöpft hatte. Das

sah ich sofort ein und so zog ich aus dieser Unterhaltung mit einem

wohlmeinenden Kritiker eine nützliche Belehrung. Von dem Inhalt meiner

ersten und einzigen „Novelle“ weiß ich nichts mehr, nicht einmal ihres

Titels erinnere ich mich. Ich habe nichts aufgehoben, nichts gesammelt

von den jugendlichen Erzeugnissen meiner Feder, auch nicht eine

Broschüre, die ich gegen das Ende meiner Lehrzeit geschrieben und die

einen Zipfel der sozialen Frage lüftete. Ich hatte das Manuskript an

Otto Wigand in Leipzig geschickt, der damals, zu Beginn der politischen

Bewegung, eine große Anzahl Broschüren verlegte und mich nach wenigen

Tagen mit einem gedruckten Exemplar meiner Arbeit überraschte. Auch

von diesem Opus weiß ich nichts Näheres anzugeben. Daß es von einem

Handwerker sei, sagte der Titel. Ich habe es seit dem Jahre seines

Erscheinens nicht wieder gesehen. Daß es nicht Eitelkeit war, die mich

zu schriftstellerischer Produktion antrieb, möchte ich aus dem Umstande

schließen, daß ich mich als Autor nicht nannte, daß ich gar keinen

Wert auf die Erhaltung jener auffallenderweise ohne alle Schwierigkeit

untergebrachten Dokumente aus meinem Jugendleben legte. Es war wohl

wesentlich der Drang nach Bethätigung der wogenden Jugendkraft, der

mich zur Feder greifen ließ; eine gewisse bestechende Frische und Wärme

der Darstellung mochte wohl die rasche Annahme der von mir angebotenen

Arbeiten und ihre Drucklegung erklären.

Die von Otto Wigand gedruckte Broschüre brachte mir das erste Honorar

ein, ein wichtiges Ereignis im Leben eines jungen Mannes. Mit jener

Broschüre, deren Titel ich nicht einmal angeben kann, betrat ich zum

erstenmale das Gebiet der sozialen Frage, damit aber auch das Gebiet

einer ruhelosen Thätigkeit, die mich die nächsten Jahre beschäftigte,

mir die Mitwirkung an dem Werden einer großen sozial-politischen Partei

gestattete, meinen Namen in den Jahren 1848 und 1849 an die Oberfläche

des öffentlichen Lebens brachte, mich ins Exil führte und mir

schließlich nach langer Verschollenheit, aus der ich nicht hervortrat,

zu diesen „Erinnerungen“ die Veranlassung gab. Lorenz von Steins Buch

-- „der Sozialismus und Kommunismus in Frankreich“, auch dasjenige von

Friedrich Engels über „die Lage der arbeitenden Klassen in England“

mochten mir den Anstoß zur Verfolgung dieser Richtung gegeben haben.

[Illustration]

[Illustration]

III.

Der Berliner Handwerkerverein. Das Rütli.

Friedrich Wilhelm IV. wollte das absolutistische Regiment, das

er von seinem Vater geerbt hatte, nicht aufgeben. Er glaubte im Geiste

des wohlwollenden Despotismus des achtzehnten Jahrhunderts regieren zu

können. Dem von allen Seiten bis an seinen Thron dringenden Ruf nach

einer Verfassung schenkte er kein Gehör. Kein Blatt Papier, so erklärte

er, solle sich zwischen ihn und sein Volk drängen. Wollte er bei dieser

Politik Herr der Situation bleiben, so mußte er seinen Standpunkt

auf das energischste verteidigen, unerbittlich jede liberale Regung

verfolgen. Dazu aber besaß er nicht Charakter genug. Der Revolution

wäre seine Regierung in keinem Falle entgangen, doch wäre er männlich

ihr erlegen. Dies sollte nicht sein. Er suchte dem kommenden Sturm

auszuweichen, indem er zu halben Maßregeln griff, und so stärkte

er die öffentliche Meinung in ihren weitest gehenden Forderungen.

Er bewilligte Büchern von mindestens zwanzig Bogen Umfang die

Censurfreiheit und erreichte damit nur, daß der Ruf nach vollständiger

Abschaffung der Censur nur um so lauter ertönte. Er bewilligte statt

der verlangten Volksvertretung mit beschließender Stimme provinzielle

Vertretungen mit beratender Stimme; er mußte nachträglich einen

Schritt weiter thun und aus den Provinzial-Landtagen den sogenannten

vereinigten Landtag hervorgehen lassen.

Lauter halbe Zugeständnisse, für die er statt Dankes nur immer

heftigere Angriffe und Erbitterung erntete. Die theologische

Richtung, der er huldigte, die theologisierende Diplomatie und

Generalität, von der er umgeben war, machte ihn vollends in hohem

Grade unpopulär. Es wehte ein pietistischer Wind bei Hofe und

ermutigte die protestantischen Synodalbehörden zu strengerer Ausübung

der ihnen zustehenden Disziplinargewalt. Damit wurde Öl ins Feuer

gegossen. Bei alledem wurde, weil man nicht für bildungsfeindlich

gelten wollte, in vollständiger Verkennung aller Verhältnisse die

Eröffnung von Arbeiter-Bildungsvereinen gestattet, die natürlich

zu Sammelpunkten für alle Nüancen des damaligen Liberalismus sich

gestalteten. Der Berliner Handwerkerverein in der Sophienstraße,

der im Jahre 1843 gegründet wurde, war eine Bildungsstätte für

heranwachsende Revolutionäre, nicht bloß des Arbeiterstandes, sondern

aller Berliner Gesellschaftskreise. So wie ich im Sommer des Jahres

1845, zwanzigjährig, von meiner fünfjährigen Knechtschaft losgesprochen

wurde, trat ich in den Handwerkerverein ein und während anderthalb

Jahren war ich nun eines seiner rührigsten Mitglieder. In dem Vereine

wurden belehrende Vorträge gehalten. Die Beantwortung der eingelaufenen

Fragen gab zu Diskussionsübungen Gelegenheit. Der Verein hatte seinen

Männerchor, sogar einen Kreis junger Poeten aus dem Handwerkerstande.

Mein erstes Auftreten mit einem Liede „der Bettelmann“, zu dessen

sentimentaler Melodie ich den Text gedichtet hatte, war, wie alles,

was der politischen Stimmung der Zeit Ausdruck gab, von ungeheurem

Erfolg. Der vor der Pforte des Palastes singende Bettelmann war das

Volk, dem in der letzten Strophe zugerufen wurde, um die Freiheit

dürfe man nicht betteln, man müsse sie sich erkämpfen. Das Gedicht

war recht gering, seine Wirkung aus dem angegebenen Grunde trotzdem

sehr groß. Etwas besser, wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, waren

die Verse, mit denen ich einige Monate später Berthold Auerbach

im Handwerkerverein begrüßte. Dem Bettelmann wäre damals in keinem

Falle vom Censor das „~imprimatur~“ erteilt worden, der Gruß an

Berthold Auerbach erschien Ende 1845 in den poetischen Jahresheften

des Handwerkervereins. Er ist nicht in meinem Besitz. Der Dichter

der „Schwarzwälder Dorfgeschichten“, dem ich zwanzig Jahre später im

Bade Tarasp begegnete, erinnerte sich noch wohl des Huldigungsabends,

der ihm im Handwerkerverein bereitet worden war, als höflicher Mann

natürlich auch meiner poetischen Ansprache.

Begründer und Präsident des Vereins war damals ein städtischer

höherer Beamter, ein wohlwollender Mann, gemäßigter Liberaler, der

sein Hauptaugenmerk darauf richtete, daß der politisch oppositionelle

Geist, der unter uns herrschte, nicht in zu hellen Flammen aufschlug

und die Regierung zum Einschreiten veranlaßte. Die eigentliche Seele

des Handwerkervereins aber war Julius Berends, ein junger Theologe,

der nach seinem ersten Auftreten auf der Kanzel wegen seiner bei den

geistlichen Vorgesetzten mißliebig aufgenommenen Betrachtungen über die

Bergpredigt kalt gestellt worden war und nun mit seinem Freunde Krause

eine kleine Buchdruckerei betrieb, in welcher er selbst am Preßbengel

stand. Diese Association war nicht von langer Dauer. Krause druckte

vom Jahre 1848 an die damals entstandene „Nationalzeitung“, welcher

Schöpfung mehrere Mitglieder des Handwerkervereins, wie Ehrenreich

Eichholz, Hermann Lessing und der Assessor Volkmar nahe standen.

Die Redaktion übernahm ~Dr.~ Zabel, den ich als Oberrevisor

mancher von mir gesetzten Doktordissertation kennen gelernt, die er

auf Anordnung der Universität auf die Korrektheit ihres Lateins zu

prüfen und eventuell zu korrigieren hatte, ein Liebesdienst, der von

den Studenten nicht, wie er es verdiente, dankbar aufgenommen wurde;

denn die armen Jungen hatten dafür zwei Thaler für den Druckbogen zu

entrichten. Herr Zabel aber erwies sich an der „Nationalzeitung“ als

ein eben so gewandter Redakteur wie er in seiner früheren Stellung ein

tüchtiger Lateiner gewesen war.

Durch Berends wurde ich in die damaligen litterarischen Berliner Kreise

eingeführt. In der Hinterstube eines Cafés am Gendarmenmarkt machte

ich die Bekanntschaft Hoffmanns von Fallersleben, des unverwüstlichen

Liedersängers; in einem Restaurant an der Spittelbrücke wurde ich in

das „Rütli“ aufgenommen, das eine Anzahl junger Poeten, Journalisten

und Künstler in geselligem Verein zusammenfaßte. Da kamen Titus

Ulrich, ein Epigone der Weltschmerzdichtung, Ernst Dohm und Rudolph

Löwenstein, einige Jahre später Redakteure des „Kladderadatsch“, der

Komponist Truhn, der Bildhauer Tod, der Karikaturenzeichner Scholz, der

lange Saß und verschiedene andere zusammen, deren Namen mir nicht mehr

gegenwärtig sind, weil sie im Strom der bald eingetretenen politischen

Bewegung versanken und dann nicht mehr ans Tageslicht gelangten.

Es ist überhaupt auffallend, wie gering die Zahl derjenigen war, die,

obgleich sie vor 1848 als Führer der litterarischen Opposition die

öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten und als kommende

Männer angesehen wurden, im Revolutionsjahre sich in irgend welcher

Weise hervorthaten. Ich erinnere an Bruno Bauer, an Max Stirner und den

Kreis lärmender Persönlichkeiten in ihrer Umgebung, die durch ihren

offenen Umgang mit emanzipierten Weibern die Blicke auf sich zogen. Nur

Edgar Bauer sah man noch in den ersten Monaten des Revolutionsjahres.

Er suchte den enthusiastischen Jüngling Schlöffel an sich

heranzuziehen, der berufen schien, einst einen Camille Desmoulins zu

spielen, sein junges Leben aber bald im Großherzogtum Baden im ersten

Gefecht der Aufständischen gegen die preußischen Truppen verlor.

Jener Edgar Bauer gab zu Anfang der vierziger Jahre gemeinsam mit dem

Elsässer Alexander Weill, der damals Berlin besucht hatte, einen Band

Novellen heraus. Sie wurden bei meinem Lehrherrn gedruckt, deshalb

hatte ich Bauer einigemal die Korrektur zu bringen. Schon beim Eintritt

in sein Zimmer wurde ich durch die obszönen Lithographien verblüfft,

die er an die Wand geklebt hatte; auch die Unterhaltung, die er mit

mir während des Lesens der Korrektur begann, hatte einen widerwärtigen

Charakter. Ich faßte von da ab eine unüberwindliche Antipathie gegen

den Menschen, der denn auch, wie ich nachher erfahren, in einem Sumpf

versunken ist. Aber auch die Männer im Handwerkerverein, welche berufen

schienen, beim Eintritt einer Umwälzung auf der politischen Bühne eine

Rolle zu spielen, gelangten zu dieser Ehre nicht. Berends, der wohl

mit Glanz in die Nationalversammlung gewählt wurde, blieb ohne Einfluß

und fast unbeachtet als parlamentarischer Volksvertreter. Alle diese

freisinnigen Vereinsredner, die so großes Verdienst um die Vorbereitung

der Ereignisse von 1848 sich erworben hatten, waren eben doch nur

Gefühlspolitiker, zur Lösung praktischer Aufgaben fehlte ihnen die

Vorschule und der politische Blick. Runge allein machte unter ihnen

eine Ausnahme, er war später ein vorzüglicher Verwalter der Finanzen

der Stadt Berlin.

Unter den Arbeitern, die zu den Zierden des Handwerkervereins gehörten,

ist mein unvergeßlicher Freund, der Goldschmied Bisky als erster zu

nennen. Wir schlossen uns eng zusammen. Er war nur wenige Jahre älter

als ich, auch ein Stück Poet, seine Freiheitslieder wurden wegen

ihres markigen Tons gern gehört und im Album des Handwerkervereins

abgedruckt. Er war eine schöne, männliche Erscheinung, mehr als dies:

ein goldner Charakter, ein ganzer Mann. In den Verein kam auch ein

später in einen politischen Prozeß verwickelter junger Kaufmann Neo

mit seinen geistvollen Schwestern, wie denn Frauen und Mädchen an den

Vortrags- und Vergnügungsabenden reich vertreten waren. Da wurde manche

Blume umflattert, die infolge der nun kommenden politischen Ereignisse

einsam verblühen sollte.

In dem Berliner Handwerkerverein atmete man in jenen Tagen den

Lebensodem einer für Deutschland nahenden neuen Geschichtsepoche.

In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, nach den Kriegen gegen

Napoleon, trat eine Wandlung im öffentlichen Geiste ein. Die besten

Männer der Nation erstrebten eine stärkere Einheit als sie der deutsche

Bundestag darbot, eine Volksvertretung und die Verantwortlichkeit

der Regierungen in den bisher absolutistisch beherrschten Ländern.

War es damals die studierende Jugend, welche in vorderster Reihe in

der freiheitlichen Bewegung stand, so wurde sie im Jahre 1848 durch

die vorwärts drängende Jugend der arbeitenden Klassen in die zweite

Reihe gedrängt, um teilweise ihren Standesinteressen sich gefangen

zu geben und in deren Dienste die Reaktion zu unterstützen. Als

charakteristisches Merkmal des Jahres 1848 ist für Deutschland der

Eintritt der arbeitenden Klassen in die politische Welt zu betrachten.

Das wurde anfangs von dem für Erlangung der Bundeseinheit und eines

modernen Verfassungslebens eintretenden bürgerlichen Ständen nicht klar

erkannt, es kam diesen erst nach und nach zu vollem Bewußtsein, nachdem

aus den anscheinend harmlosen Arbeiter-Bildungsvereinen eigentliche

Arbeitervereine hervorgegangen waren, die als ihre Aufgabe die

Verteidigung spezieller Arbeiterinteressen darlegten. Diese Interessen

gelangten in den neu gebildeten Vereinen nicht von vornherein zu vollem

Verständnis der Beteiligten. Eine von der Wissenschaft längst überholte

Zunftmeierei, verführte noch viele junge Köpfe zu Forderungen, die

sich in den meist sehr der Zeit vorauseilenden sozial-politischen

Programmen sonderbar genug ausnahmen. Doch genügten wenige Jahre zur

Klärung der Geister, es entstand die sozialdemokratische Arbeiterpartei.

Dieser Entwicklungsgang konnte schon in den Jahren 1845 und 1846 in

dem Berliner Handwerkerverein von schärferen Beobachtern vorausgesehen

werden. Von Paris in die deutsche Heimat zurückkehrende, wandernde

Handwerksburschen, wurden die Apostel einer neuen, der sozialistischen

Lehre. Der Handwerkerverein konnte ihnen nicht verschlossen werden.

Vorsichtig tastend, suchte ein solcher Sendling, namens Mäntel,

Mitglieder für seine geheime Verbindung anzuwerben. Man warnte vor

ihm, man hielt ihn für einen Lockspitzel. Damit that man ihm unrecht.

Er wandte sich namentlich an die jüngeren, nicht viel über zwanzig

Jahre zählenden Vereinsmitglieder. Durch den Schuhmacher Hetzel,

einen unruhigen Kopf, den er gewonnen hatte, wurde ich in seine

Geheimnisse eingeweiht. Er gehörte nicht der Richtung des in der

Schweiz aufgetretenen Schneiders Weitling an, welcher in verschiedenen

Schriften die Grundlinien zu einem ihm vorschwebenden utopistischen

Gleichheitsstaat gezeichnet hatte, der mir als ein pures Luftgebilde

durchaus nicht imponierte; er sprach vielmehr von einer geheimen

Arbeiterverbindung, welche auf dem Boden der zunächst zu erlangenden

politischen Freiheit die Befreiung des Proletariats von den Fesseln des

Kapitalismus sich zur Aufgabe gestellt habe. Ich fühlte aus dem, was

Mäntel ziemlich verworren darlegte, den Grundgedanken heraus, daß er

die Ansicht vertrat, der historische Werdegang einer sich ankündenden

neuen Zeit solle im Auge behalten werden, es handle sich nicht um einen

aus dem Haupte eines Schneidergesellen, wie Weitling hervorgegangenen

neuen Staat, sondern um die Unterstützung einer aus den gegebenen

Verhältnissen mit historischer Notwendigkeit entstehenden Partei,

welche in ihrer Weltanschauung den Alltags-Liberalismus nur als eine zu

überwindende Zwischenstufe ansah und ihn theoretisch überholt hatte.

Dies leuchtete mir vollkommen ein. Ich hörte Mäntel ruhig an, ohne mich

des Weiteren ihm gegenüber zu etwas anderem als zur Diskretion, zu

verpflichten, woraus sich die Thatsache erklärt, daß ich selbst meinem

Freunde Bisky von dem Gehörten keine Mitteilung machte. Schon seit

einiger Zeit trug ich mich mit dem Gedanken, mir die Welt anzusehen:

Ich hatte eine unwiderstehliche Sehnsucht, Paris kennen zu lernen.

Schon seit Monaten hatte ich mir von meinem wöchentlichen Verdienst

etwas für die Reise zurückgelegt. Meine zwei älteren Brüder, der

älteste hatte sich bald nach der Abreise des zweiten, der als Arzt in

die Provinz gegangen war, in Berlin niedergelassen, trugen das Ihre zu

den Kosten der Reise bei und so durfte ich mich auf den Weg machen.

[Illustration]

[Illustration]

IV.

Wanderschaft. Robert Blum in Leipzig. Reise nach Brüssel und Paris.

Ich war frohen Mutes. Die Freunde im Rütli hatten mir einige

Empfehlungen mitgegeben, unter anderen eine solche an Friedrich Engels

in Paris. Der Sängerchor des Handwerkervereins hatte mir am Abend

vorher ein Abschiedsständchen gebracht. Wie konnte es mir nun anders

als gut gehen? Und es ging nicht schlecht. War ich doch kein verwöhntes

Muttersöhnchen. Das damals noch neue Lied „Was braucht man Vieles, um

glücklich zu sein“? war mein Leiblied geworden; ich stand ohne jede

Anstrengung auf der Höhe der Lebensweisheit seines Verfassers. Das

will sagen, daß ich das Leben in keiner Weise kannte und das, was ich

als Weisheit ansah, nur die Unerfahrenheit eines eben aus dem Neste

fliegenden jungen Zeisigs war. Nur eine wertvolle Eigenschaft war mir

für die angetretene Fahrt von der gütigen Natur mitgegeben: die Lust

und die Kunst zu lernen. Diese habe ich bis in mein hohes Alter nicht

eingebüßt.

Nach Leipzig, wo ich zuerst Rast machte, war mir eine Empfehlung an

Robert Blum mitgegeben worden, der sich in weitern Kreisen durch seine

politischen Reden bekannt gemacht, auch nach außen hin als Präsident

eines sogenannten Redevereins viele Beziehungen angeknüpft hatte und

allgemeiner Verehrung sich erfreute. Ich würde ihn abends an der

Theaterkasse finden, hatte man mir gesagt. Robert Blum war Kassierer

am Leipziger Stadttheater. Er nahm meine Empfehlung freundlich auf,

musterte mit wohlwollendem Blick meine jugendliche Gestalt, erkundigte

sich nach seinen Berliner Freunden und lud mich ein, mir das Stück

anzusehen, das eben gegeben werden sollte. Von dem Stück weiß ich

nichts mehr, doch ist mir das joviale Gesicht des Theaterkassierers,

aus dessen hellen Augen männliche Energie leuchtete, nicht mehr aus der

Erinnerung verschwunden. Wenige Jahre später, und der tapfere deutsche

Volksmann fiel als Märtyrer des ersten Freiheitstraumes, den er

mitgeträumt. Ich habe seine Witwe in Wabern bei Bern gekannt und sein

Söhnchen Hans Blum hat damals auf meinen Knieen sich geschaukelt.

Von meinen nächsten Stationen nenne ich Brüssel. Ich war in einem

kleinen, von einem Deutschen geführten Gasthof eingekehrt. Meine

Finanzen waren sehr auf die Neige gegangen und ich fragte den

Wirt nach dem Preise der Fahrt nach Paris. Die Eisenbahn nach der

französischen Hauptstadt war eben eröffnet worden. Er sagte mir, daß

die Messagerie bei herabgesetzten Preisen noch bis zum Jahresschluß

ihre Fahrten fortsetzen werde; wenn ich einen Platz auf der Imperiale,

neben dem Kondukteur nähme, so käme ich noch billiger nach Paris als

mit einem Billet dritter Klasse der Eisenbahn. Ich überzählte meine

Reichtümer. Wenn ich bescheiden haushielt, so langte es. Wäre ich in

Brüssel geblieben, so hätte ich sicher in der Stadt der Nachdrucker

Beschäftigung gefunden und mir die Kosten einer Reise nach Paris leicht

erarbeiten können. Doch das Verlangen, die berühmteste Stadt des

modernen Europa zu erreichen, hatte sich bei mir bis zur Leidenschaft

gesteigert. Ich wollte nicht bleiben. Leider war jedoch die Rechnung

des biedern Landsmannes etwas größer ausgefallen, als ich erwartet

hatte, und als ich mit verlegenem Gesicht mich doch anschickte, die

Reise anzutreten, da trat der Sohn des edlen Vaters an mich heran und

fragte mich, ob er mir nicht meinen kleinen Koffer tragen dürfe. Es

war ein Junge von etwa dreizehn Jahren, ich nahm sein Anerbieten, das

ich als den Ausfluß eines gutmütigen Herzens ansah, dankbar an. Der

dienstfertige Junge forderte aber, als wir am Ziel angelangt waren, mit

so großem Geschrei einen Franken Trägerlohn, daß ich, um keinen Skandal

zu erregen, ihm die für mich in diesem Augenblick sehr kostbare Summe

einhändigte. Es blieb mir noch ein Frank für die Reise von Brüssel

bis Paris in der Tasche. Gegessen hatte ich zum Glück. An der Grenze

gab es einen kleinen Halt. Ich hatte nichts Verzollbares. Ich opferte

hier die Hälfte meines noch vorhandenen Geldes, also einen halben

Franken für ein Glas warme Milch und ein Stück Brot. Das stärkte mich

für die Weiterreise. „Was braucht man Vieles, um glücklich zu sein?“

Es war mitten im Winter und grimmig kalt. Der Kondukteur an meiner

Seite hüllte sich in einen großen Schafpelz, ich existierte nicht für

ihn. Er hätte mir wohl eine der Pferdedecken anbieten dürfen, die in

seiner Nähe unter der Plane lagen; er dachte nicht daran, und ich bat

ihn nicht darum, weil ich ihm schließlich ein Trinkgeld hätte geben

müssen. So kam ich halb erfroren und mit 50 Centimes in der Tasche in

dem ersehnten Paris an. Von Mäntel war mir ein Haus angegeben worden,

in dem man mich gut aufnehmen werde: ~Rue du Temple No. 47.~

Erinnerungen eines Achtundvierzigers · 第 1 / 14 段