Adam Hunds. Adam gab darin seinen Vorsatz bekannt, daß er dem Beispiel
seines Herrn folgen wolle. »Wo der Herr Baron stirbt, will ich auch
sterben,« schrieb er; »ich habe bei den sechsten Jägern gedient wie der
Herr Baron. Man wird einen alten Landwehrmann nicht abweisen. Der Krieg
ist meine einzige Hoffnung. Wenn mich keine Kugel trifft, bleibe ich
Soldat. Denn zwischen mir und meinem Weib steht es dermaßen übel, daß
ich keinen Spaß mehr an diesem Leben finde. Ich bin ziemlich sicher, daß
mich die elende Kreatur betrügt. Sie hat es mit dem Sohn eines
Großbauern. Ich möchte wissen, was dem dummen Teufel an ihr gefällt.
Mein Gott, zu all dem Jammer noch die Schande! Da kann nur das Vaterland
helfen. Des Himmels Strafe über sie. Ich ziehe von dannen. Bin ich ein
gehörnter Ehemann, schön, so werde ich ein um so besserer Schütze sein.«
Wenige Stunden später begegnete ihm Sylvester in der Kantine. Er war
schon eingekleidet und sang mit den andern, wennschon nicht ohne
Gravität, kampflustige Lieder. Sylvester drückte ihm lächelnd die Hand.
An dem Morgen, an dem die Abteilungen endlich zum Bahnhof marschierten,
verbreitete sich die Nachricht von einem großen Sieg der deutschen
Armee. Der Eisenbahnzug, der von Nürnberg kam und über Würzburg nach
der Pfalz fahren sollte, war mit Infanterie besetzt. Sylvester
überlegte, ob er an Agathe telegraphieren solle, damit er sie in
Würzburg sehen könne; er unterließ es jedoch, um nicht abermals
Trennungsweh hervorrufen und empfinden zu müssen.
Auf den Stationen wurden Einzelheiten über die stattgefundene Schlacht
erzählt. Es wurde von zehntausend Toten gesprochen. Sylvester stellte
sich diese Zehntausend vor, wie sie in unabsehbarer Kette dalagen. Er
vermochte nicht zu glauben, daß nur seine Phantasie allein so tätig war;
er zweifelte an der Ehrlichkeit einer Kampfbegier, die den Tod so nahe
fühlen mußte. Er hielt es nicht für Mut, die Augen zu schließen und die
bangen Fragen der Seele durch Liederbrüllen zu betäuben; er hielt es für
Mut, zu wissen und zu zittern und des Wissens und Zitterns Herr zu
werden. Unter den Offizieren gewahrte er viele sinnende und ernste
Gesichter. Manche hatten die Lippen in einer Weise geschlossen, als
seien sie nicht darüber im unklaren, was es heißen wollte, jung zu
sterben. Zu ihnen fühlte sich Sylvester am meisten hingezogen. Aber auch
unter den Mannschaften erregten viele seine Sympathie, die bei aller
Tapferkeit der Haltung sich mit innerlichem Grauen von der Sonne
bescheinen ließen.
Auf der letzten Pfälzer Bahnstation wurden die Truppen auswaggoniert.
Einige Abteilungen, die gegen Metz ziehen sollten, setzten sich gleich
in Marsch. Die Jäger mußten stundenlang warten, bis der führende
Hauptmann genaue Ordre erhalten hatte. Das Bataillon befand sich bei der
Maaßarmee. Es war schon gegen Abend, als die Kolonne den freundlichen
Ort verließ. In einem Dorf mit vielen verbrannten Häusern war Nachtrast.
Während der folgenden Tage regnete es unaufhörlich. Am Rand eines Waldes
sah Sylvester den ersten Toten. Es war ein französischer Franktireur.
Die Kleider über der Brust waren offen; er trug feine Wäsche. Er lag in
einem Reisighaufen und hatte ein Stückchen Schokolade in der blutigen,
starren Hand. Ferner Geschützdonner war vernehmbar. Die Atmosphäre war
eigentümlich rauchig. Auf einem Wiesenhang wurde eine Viehherde von
preußischen Musketieren geweidet. Ein bebrillter Unteroffizier, der
vielleicht unlängst auf einem Katheder gestanden, hatte die Aufsicht. Im
Graben an der Chaussee lag mit gläsernen Augen ein erschossenes Pferd.
Eine Eskadron Kavallerie sprengte vorüber. Im nächsten Quartier
erhielten sie Nachrichten von der furchtbaren Schlacht bei Mars-la-Tour.
Da wurde manchem das Herz enger. Sylvester überraschte einen Jäger, wie
er ein Amulett, das er auf der Brust trug, hervorgezogen hatte und
betrachtete.
Je weiter sie ins feindliche Land kamen, je widerspenstiger und
gehässiger wurden die Bewohner. Das Requirieren der Nahrungsmittel
erwies sich als schwierig, und der Hunger zwang die Soldaten oft zur
Grausamkeit. Sie erbrachen die Weinkeller, drangen in alle Winkel der
Häuser und rissen Kranke aus ihren Betten, um die Strohsäcke und
Matratzen zu durchsuchen, in denen die Bauern bisweilen Brot und Fleisch
verbargen. Beim Aufspüren der Verstecke zeigte sich Adam Hund am
findigsten. Er gelangte auch wegen der hohen Vollendung seiner Kochkunst
und durch die Gabe, spannende Geschichten zu erzählen, zu Ansehen.
Selbst die Offiziere verschmähten es nicht, ihm zu lauschen, wenn er
seine Anekdoten zum besten gab, von denen er jede mit einer moralischen
Nutzanwendung schloß.
Seltsam war es für Sylvester, den guten Adam so zu erblicken, unter den
wettergebräunten, bärtigen Leuten, am Herdfeuer stehend und mit
philosophischer Ruhe Pfannkuchen backend. Weit entfernt waren anders
gelebte Tage, Bilder des Glanzes, Stunden, deren Schmerz sogar wie
rührende Musik nachhallte, Erregungen, deren Grund er kaum mehr faßte.
Nun war alles so wild, so schwarz, so naß, so fiebergleich, die
Geschehnisse so groß und ohne sein Zutun wachsend, die Dinge so wahr!
Ohne sein Zutun, und doch war alles Tat, ganz anders als vordem, wo mit
seinem Zutun fast alles nur Erleiden gewesen war.
Eines Tages, als er seine wundgelaufenen Füße verband, brachte ihm ein
altes Mütterchen eine Salbe, die sie für ihre beiden Söhne gemischt
hatte, welche beide vor St. Privat gefallen waren. Ihre Freundlichkeit
erschütterte ihn tiefer als alles gesehene Elend, und die Worte Krieg
und Feind klangen sinnlos. Und als sie in ein Dorf kamen und vor der Tür
einer Schenke ein junges Mädchen stand, in einer koketten roten Jacke,
einen blumengeschmückten Hut auf dem reizenden Kopf, trat er zu ihr und
unterhielt sie, indem er ihr von der Kaiserin Eugenie erzählte und deren
Schönheit rühmte. Da fragte sie zutraulich, ob es wahr sei, daß
Frankreich bisher alle Schlachten verloren habe. Er bejahte, worauf sie
den Kopf senkte und bitterlich weinte. O, Menschheit, dachte Sylvester,
und ihm dünkte, als stehe er hilflos auf einer Planke im Ozean.
Sie rasteten in einem von Franzosen verlassenen Biwak. Zeitungspapier,
Proviantreste, Waffen, Kleidungsstücke und zersplitterte Granaten lagen
umher. Sylvester schrieb auf der Trommel des Tambours einen Brief an
Agathe. Dann bereitete er sich unter einem Birnbaum ein Bett aus
Zeltdecken. Der Regen durchnäßte ihn bis auf die Haut, und er konnte
nicht schlafen. Im Norden war der Horizont gerötet. Um ein Uhr nachts
wurde alarmiert. Sie zogen weiter. Flammengarben sprühten über den
Himmel. Von allen Seiten marschierten Truppen heran. Die von der
fortwährenden Spannung und Erwartung mehr als von den Strapazen
ermüdeten Soldaten fühlten, daß die Stunde der Entscheidung angebrochen
sei. In der Nähe des Dorfes Buzancy stießen sie zu ihrem Bataillon.
Einige Jäger warfen heimlich die Spielkarten fort, mit denen sie sich in
den Quartieren die Zeit vertrieben hatten. Sylvester verspürte ein
kaltes Rieseln längs der Rückenrinne, aber sein Herz blieb ruhig und
sein Auge klar. Er hatte nur den Wunsch, möglichst bald ins Treffen zu
kommen; hinter den Linien zu stehen, war so qualvoll, wie einen Mörder
im Nebenzimmer zu hören.
* * * * *
Unbestimmbare drohende Geräusche drangen von weit- und nahher durch die
außerordentlich finstere Nacht. Den Mannschaften wurde die größte Stille
befohlen. Ein Ordonnanzoffizier sauste auf seinem Pferd von Sommerance
herüber. Sylvester kannte ihn. »Gibt's was Neues?« — »Wir greifen an.«
— »Bald?« — »Wahrscheinlich.« Er sprengte davon.
Gegen die über den Strom geschlagene Schiffsbrücke ritt in langsamem
Trabe ein preußisches Dragonerregiment. Dann jagte eine Batterie quer
über das Feld. Sie protzten ab, schossen jedoch nicht. Jetzt stieg
hinter den Hügeln, gegen Sedan zu, ein gewaltiger Feuerschein auf.
Der Unterjäger, der hinter Sylvester stand, fluchte, weil ihm sein
Hosengürtel gerissen war. Ein Mann aus der Korporalschaft bot ihm den
seinen an. Es war ein kleiner dicker Mensch, im bürgerlichen Beruf
Flötenspieler an einem Theater; er hatte sich immer durch Munterkeit
ausgezeichnet, war jedoch seit einigen Stunden auffallend schweigsam.
»Und du? Was wirst du machen?« fragte der Unterjäger erstaunt. »Ach ich,
ich werde ja doch heute totgeschossen,« erwiderte der andere mit
vollkommener Ruhe und schnallte seinen Gürtel ab. Sylvester drehte sich
nach dem Manne um. Weder Prahlerei noch Angst war in dem pausbäckigen
Gesicht zu bemerken, nur stumme, selbstverständliche Ergebung. Der
Premierleutnant hatte ebenfalls die Worte des Soldaten gehört und wandte
ihm sein hageres, in der Brandglut doppelt unheimliches Gesicht zu. Mit
ihm hatte es eine eigene Bewandtnis; er hatte vor fünf Jahren wegen
irgendwelcher Unregelmäßigkeiten den Dienst quittieren müssen. Als der
Krieg ausgebrochen war, hatte er sich gemeldet, und man brauchte ihn nur
anzusehen, um zu wissen, daß er fest entschlossen war, den Tod in der
Schlacht zu sterben und damit seinen Makel auszulöschen.
Der Feuerschein verlohte. Es wurde wieder finster. In einem Gehöft
krähte mit durchdringender Stimme ein Hahn. Die Soldaten lachten. »Dem
ist ein zu großes Gedränge dahier,« witzelte einer. »Ruhe!« schrie der
Hauptmann wütend. Plötzlich krachte es rechts vorn. Ein Adjutant brachte
den Befehl, das Bataillon solle über den Bahndamm marschieren und gegen
das Dorf Bazeilles vorrücken. Die Abteilung setzte sich in Bewegung,
erstieg den Damm und überschritt den Strom auf der Eisenbahnbrücke.
Sylvester konnte das von dichtem Nebel bedeckte Gelände überschauen.
Wenn aus fernen Geschützen die Blitze auffuhren, sah der Nebel wie
brennende Baumwolle aus. Ein zweiter Befehl traf ein: das Bataillon habe
vorläufig noch in Reserve zu bleiben. »Hinter den Damm zurück und
niederlegen!« hieß es. Mit klopfenden Herzen warfen sich alle ins
feuchte Gras.
Auf einmal erschallte ein heftiges Kleingewehrfeuer. Das war in
Bazeilles. Ein Generalstäbler berichtete, das Dorf sei von vier
Regimentern französischer Marine-Infanterie und einem Teil des Korps
Lebrun besetzt; es habe feste steinerne Häuser und der Angriff sei
erschwert dadurch, daß die Einwohner im Bunde mit den Soldaten schössen
und die Straßen durch Barrikaden versperrt seien.
Sylvester und der Premierleutnant begaben sich auf den Damm. Die meisten
Häuser von Bazeilles brannten schon. Die wachsenden Flammen erstickten
förmlich den aufdämmernden Tag. Rings um das ungeheure Schlachtfeld
donnerten die Kanonen. Die Erschütterung des Luftkreises vertrieb den
Nebel, dafür wallten die weißlichen Dampfmassen aus den Schlünden der
Geschütze und der schwarze, wurmartig gekrümmte Rauch von den brennenden
Häusern empor. Chassepotkugeln zischten durch die Luft, und Sylvester
und sein Begleiter wollten sich eben wieder in die Deckung begeben, als
das Kommando: »Vorwärts! Ausschwärmen!« ertönte.
Den Degen in der Faust, marschierte Sylvester vor der Schwärmerkette
über den Damm und jenseits herab. Er wunderte sich dumpf, als ein Stück
Himmel über ihm herrlich blau erstrahlte. Weit drüben im Gelände
erblickte er ein ameisenhaftes Gewimmel rothosiger Soldaten. Sie sahen
aus wie die Mohnblumen in einem Kornfeld. Auf allen Höhen, stundenweit
im Umkreis, siedete der sonnenbeleuchtete Dampf. Das Donnern, Knattern,
Sausen und Zischen hatte etwas Unwirkliches wie im Traum. Verwundete
wurden vorübergetragen; ihr Stöhnen und Wimmern verlor sich im
allgemeinen Getöse. In einer Ackerfurche lag ein menschlicher Arm.
Sylvester hatte die Empfindung, er komme nicht vom Fleck, trotzdem er
und seine Leute schnell gingen. Das gespenstische Knarren einer
Mitrailleuse ließ ihn neugierig herumschauen; es war wie ein tierischer
Laut und durchschnitt das Herz. Der kleine Flötenspieler machte
plötzlich einen Sprung und stürzte auf das Gesicht. Wie kann man nur so
ungeschickt sein, dachte Sylvester und rief ihm zu, er solle aufstehen.
Ein Kamerad beugte sich über ihn. »Er ist tot,« sagte er. Im selben
Moment fiel auch dieser, in den Kopf getroffen, wie ein Stück Holz.
Warum der und warum nicht ich? dachte Sylvester verwundert.
Dicht vor Bazeilles lag das alte Schloß Dorival. Verwitterte Amoretten
blickten aus dem Gesträuch. Im Vorbeiziehen hatte Sylvester das nämliche
Gefühl, das er als Knabe gehabt, wenn er zur Schule hatte gehen müssen
und auf dem Weg eine Spielverlockung an ihn herangetreten war.
Da platzte zwei Schritte neben ihm eine Granate; einem Mann an seiner
Seite wurde wie durch ein unsichtbares Beil der Kopf vom Rumpfe
gerissen; er ging noch einen Schritt und brach zusammen wie Asche. Am
Eingang des Dorfes lagen die Toten zu dreien und vieren übereinander.
Der Erdboden war mit Blut begossen. In einer Rinne rann das Blut, wie
sonst das Regenwasser nach dem Regen. Obwohl am Himmel die Sonne schien,
war es in den Gassen düster wie am Abend. Aus allen Fenstern starrten
Gewehrläufe, auch aus den Fenstern der brennenden Häuser. Aus mancher
Kellerluke krachte ein halbes Dutzend Schüsse auf einmal. Jede Barrikade
war mit Hunderten von Leichen gepflastert. Viele lagen mit friedlichen
Gesichtern da, als ob sie schliefen, andere wieder zeigten einen
Ausdruck grimmigster Qual. Immer neue Abteilungen rückten vor,
frenetisch jubelnd stürmten sie in die Hauptgasse, und nach einigen
Minuten waren sie hingemäht. Jedes einzelne Gebäude mußte wie eine
Festung erobert werden. Aus den brennenden Räumen drang das Geschrei der
Weiber und Kinder in den Höllenlärm. Von dem einstürzenden Gebälk der
Dächer prasselten ununterbrochen Funken herab. Auf einer Brunnenstufe
gewahrte Sylvester einen schwerverwundeten Jäger des dritten Bataillons.
Dem Mann war die Hüfte zerschossen, und er schien Durst zu leiden.
Sylvester gebot einem Soldaten, ihm Wasser zu reichen, aber der
Verwundete bat um eine Zigarre. Der Soldat griff in die Tasche, gab ihm
die Zigarre und zündete sie auch an, während um ihn her die Kugeln wie
Hagelschloßen fielen. Nachdem jener die ersten Züge geraucht hatte,
starb er. Sylvester ging weiter und sah seinen Premierleutnant tot auf
einem Haufen anderer Toten liegen, rosigen Schaum über den Lippen.
Die dritte Kompagnie unternahm einen Sturm gegen ein Gebäude, das etwas
außerhalb des Dorfes lag und von den Franzosen mit wildester Wut
verteidigt wurde. Die Mauern des Hauses waren schwarz vor Alter; es
hatte zwei Erker, und die Fenster waren vergittert. Jedes der beiden
Stockwerke hatte sechs Fenster, an jedem Fenster standen die Soldaten
enggedrängt, und die Erschossenen wurden sogleich wieder durch andere
ersetzt. Die Granaten hatten das Dach eingeschlagen, aber bis jetzt
hatte noch keine gezündet. Auch aus dem Sparrenwerk des Daches schossen
die Feinde herab, und wie alle früheren Angriffe, wurde jetzt der
Angriff der dritten Kompagnie zurückgeschlagen. »Folgt mir, Jäger!« rief
Sylvester und verließ mit seinem Zug die Deckung einer Hofmauer. Die
Leute waren sämtlich sehr blaß, gehorchten jedoch dem Befehl mit einem
rachsüchtigen Hurrageschrei. Viele drückten die Augen zu, während sie
liefen. Die vierte Kompagnie, deren Hauptmann gefallen war, vereinigte
sich mit Sylvesters Abteilung. Einer um den anderen stürzte. Sylvester
vernahm den süßlichen U—i-Laut, mit dem die Kugeln an seinem Ohr
vorüberpfiffen. Auf einmal taumelte er und hatte ein Gefühl, als sei der
linke Arm von einem fürchterlichen Keulenschlag getroffen worden. Einen
Augenblick verweilend, bemerkte er, daß das Blut aus dem Rockärmel floß.
Zugleich sah er mit einer Kampfesaufregung, die ihm Schwindel
verursachte und ihm in einem tiefen, ganz stillen und sonderbar
wachsamen Winkel seiner Seele kaum verständlich dünkte, daß seine Jäger
endlich bis an die Mauer jenes Hauses vorgedrungen waren, wo die Leichen
in Hügeln lagen. Sie hatten die Gewehre umgedreht und schlugen, zwanzig
zu gleicher Zeit, mit den Kolben wie mit Hämmern gegen das massive Tor.
Angeln und Schloß gaben nach, auch die Fassung zersplitterte, das Haus
war geöffnet, und die Tapferen erstiegen die drei Stufen; mit gefällten
Bajonetten stürzten sie in den Flur. Eine Salve empfing sie, mehr als
dreißig verhauchten ihr Leben, doch für die übrigen war kein Aufhalten
mehr. Sylvester drängte sich eben durch sie hindurch in den Flur, als
er, wie zu einer Bildsäule verwandelt, stehen blieb.
Der Feldwebel der vierten Kompagnie hatte die Verteidiger aufgefordert,
sich zu ergeben. Einige der französischen Soldaten hatten unwillkürlich
die Gewehre gesenkt. Darauf trat ihr Leutnant vor und rief dreimal mit
starker Stimme und in einem Ton von äußerster, ja unbegreiflicher
Verzweiflung: _»Jamais! Jamais! Jamais!«_ Zugleich riß er einem
seiner Leute das Gewehr aus den Händen und legte es an.
Diesen Mann gewahrte Sylvester jetzt. Er gewahrte ihn während des kurzen
Zeitabschnittes, in welchem sich der Offizier des Gewehrs seines
Untergebenen bemächtigte und es an seine Schulter preßte. Er sah den
festen, eigentümlich gelben und in seiner Gelbheit und vernunftlosen
Raserei geradezu tigerhaften Blick, — da erkannte er das Gesicht noch
nicht. Eine Sekunde später erkannte er es. Die Geschehnisse gingen in so
rascher Folge vor sich, daß der Geist mit einer erstaunlichen
Schnelligkeit auffaßte und arbeitete. Von dem Moment des Anlegens der
Waffe, der auf ihn gerichteten Waffe, bis zum Abfeuern des Schusses
erkannte Sylvester nicht nur dieses Gesicht, erinnerte sich nicht nur
aller früheren Begegnungen mit dem Manne, alles dessen, was zwischen
ihnen lag, kombinierte er nicht nur die Art des jetzigen
Zusammentreffens, wunderte sich nicht nur über die schmerzliche Fügung,
sondern empfand auch eine höchst gesteigerte liebende Teilnahme. Zu spät
rang sich ein Schrei aus seinem Mund. »Achim!« Der Hahn des Gewehrs war
schon abgedrückt. Sylvester brach in die Knie.
Kaum hatte Achim Ursanner den Schrei vernommen, als er hinzueilte.
»Sylvester,« röchelte er, erhob die Augen und umkrallte mit den Fingern
den Hals. Ein Unterjäger, vermeinend, daß der feindliche Leutnant seinem
verwundeten Offizier noch zu Leibe wolle, hatte sich mit dem Gewehre in
Positur gesetzt und stieß dem nahenden Ursanner das Bajonett mitten
durchs Herz. Nun kamen die französischen Soldaten vom ersten Stock und
vom Dachboden herunter und begannen neuerdings zu feuern. Der Feldwebel
packte den starren Körper Sylvesters und zog ihn über die Stufen auf die
Straße, wo er unter grauenvoll verrenkten und verkrampften Toten liegen
blieb. Unterdessen stürmte die erste Jägerkompagnie unwiderstehlich an,
und nach einer Viertelstunde war das schreckliche Haus in ihrem Besitz.
Sylvester war nicht völlig ohne Besinnung. Er wußte, daß er verwundet,
schwer verwundet war und daß er wahrscheinlich verbluten würde, wenn
keine Hilfe kam. Desungeachtet fühlte er keinen Schmerz; auch
Todesfurcht spürte er nicht, ganz im Gegenteil schienen ihm seine
Gedanken durch eine ungewöhnliche prickelnde Leichtigkeit ausgezeichnet.
Er bildete sich ein, am Meeresstrand zu liegen. Die Wellen benetzten
seine Kleider, und es war eine angenehme Empfindung von Gefahr, wie sie
immer näher an seinen Körper rückten. Zuerst glaubte er, daß er sich in
Bangor befinde; er glaubte es deshalb, weil Anna Ewel unweit von ihm
eine Schürze wusch und sie an der Tür einer Badehütte aufhing. Dann aber
sagte er sich, es sei Unsinn, Bangor habe gar keinen Strand, auch sei
dort der Ozean nicht so blau. Wo bin ich denn? Wo bin ich denn
eigentlich? quälte er sich. Da fiel ihm ein, daß das Gestade zwischen
Amalfi und Salerno ebenso sanft und lieblich war wie hier; er gewahrte
auch die olivenumwachsenen Hänge. Wie oft hatte er sie auf der Jagd nach
Eidechsen durchstreift! Damals hatte er Eidechsen gefangen, denn er
hatte eine Römerin geliebt, die viele Eidechsen in einem Glashaus hielt
und fütterte. Nun kam sie selbst; er hatte ihren Namen vergessen. »Tut
nichts,« lachte ein Fischer, der eben seine Netze aus dem Boot zog, »wir
heißen sie Angiolina.« Der Klang dieses Wortes berauschte ihn. Auf
einmal trabten zwei ungemein zierliche Esel vorbei, und als er sie
neugierig betrachtete, sah er, daß das Sattelzeug aus zusammengesetzten
Spielkarten bestand. Das ist ein Racheakt von Lord Albany, dachte er und
ballte die Faust. Es wurde Nacht, und eine Person mit einer
unvergleichlich schönen Stirn kniete neben ihm. »Bist du es wirklich,
Gabriele?« fragte er leise. Sie ergriff seine Hände und während mit
erbitterten Mienen Tausende von Menschen auftauchten, begann sie zu
singen. Da hatte er den herzzerreißenden Argwohn, daß sie ihn verachte,
ihn zum besten halte, daß sie falsch, listig und selbstsüchtig sei. Sein
Vater und seine Mutter kamen und zwischen ihnen Silvia. Silvia trug
einen Veilchenkranz im Haar. Als er sie erblickte, fühlte er sich
plötzlich aufgehoben und fortgetragen …
Der ihn aufhob und forttrug war Adam Hund. Seine Kompagnie hatte jenen
letzten Angriff auf das Haus unternommen. Durch einen Kolbenhieb am Kopf
verletzt, war er niedergefallen und hatte dabei das bleiche, leblose
Gesicht Sylvesters gesehen. Dies gab ihm seine Kräfte wieder. Er warf
sich mit dem Gesicht auf die Brust Sylvesters und lauschte, ob das Herz
noch schlug. So an der Brust seines Herrn ruhend, bezwang er zunächst
sein Schwindelgefühl, dann, von der Hoffnung beseelt, daß noch Leben in
dem Körper sei, raffte er sich auf, hob den Bewußtlosen empor und nahm
ihn auf seinen Rücken, um ihn nach einem Verbandplatz zu schaffen. Die
Schlacht wütete mit unverminderter Heftigkeit. Das Stück Feld, das Adam
mit seiner Last überqueren mußte, war so vom feindlichen Feuer
bestrichen, daß die Soldaten des elften Regiments, die jetzt zum Kampf
rückten, sich nur kriechend vorwärts bewegten, und obwohl dreimal in
seiner unmittelbaren Nähe Granaten krepierten, kümmerte sich Adam darum
nicht. Ein Geschoß zerschmetterte ihm die rechte Hand. Er fluchte wie
ein Fuhrknecht, trabte aber unverdrossen weiter, bis er zwei
Sanitätsleute gewahrte, denen er zuwinkte. Da verließ ihn das
Bewußtsein.
Diese Heldentat eines getreuen Dieners gehört, obwohl sie in
bescheidenes Dunkel gehüllt blieb, zu den wunderbarsten eines an
rühmlichen und berühmten Heldentaten reichen Tages.
* * * * *
Das Schloß Dorival war in ein Lazarett verwandelt worden, und hier fand
Sylvester Unterkunft. Seine Heilung machte anfangs nur langsame
Fortschritte, denn die Verletzung war lebensgefährlich und die Pflege
bei der großen Anzahl von Verwundeten nicht ausreichend. In den Zimmern,
auf den Korridoren, sogar in den Kellern lagen die Soldaten in langen
Reihen und der Anblick des Blutes und der furchtbaren Wunden, das
markerschütternde Geschrei der Leute, denen Gliedmaßen abgesägt oder
Geschosse aus dem Fleisch geschnitten wurden, bedrückte Sylvesters Gemüt
und machte seinen Lebenswillen stumpf.