sagte sie endlich wie zu sich selbst, »es ist so, es ist genau wie du es
schilderst. Aber was war vorher, Sylvester, ehe du zu ihr kamst? Vorher
hast du doch mich und dich, und dein Kind und auch sie, die Geahnte, an
alles Niedrigste der Welt verraten? Hab' ich unrecht?«
Sylvester zuckte zusammen. »Ja, es war so,« gestand er zögernd, »ich
will es nicht leugnen. Aber wozu die dunklen Labyrinthe aufdecken, in
denen die Tiernatur ihre Feste feiert? Ich verteidige mich nicht,
Agathe. Wenn du mich anklagst, hast du mich schon gerichtet.«
»Ach, Sylvester, Mann, Mensch,« rief Agathe bewegt, »das wollte mich
alles nicht so kränken, wenn du nur offen gewesen wärest, nicht so
schief, so verhehlt. Hatte ich mir nicht wenigstens deine Offenheit
verdient?«
»Es war nicht Unoffenheit, Agathe. Ich wollte dich nicht hinunterziehen
in die — Labyrinthe. Und dann, du warst mir plötzlich so fremd geworden
als Weib und zu vertraut als Mensch. Ich war in Gefahr, dich auf andere
Weise zu verlieren, wenn ich nicht die Flucht ergriffen hätte. Was man
auch Tiefsinniges über die Ehe sagen mag, zuletzt ist sie eine
Angelegenheit der Nerven. Das Beste was sie sein kann, ist eine
schicksalsvolle Freundschaft zwischen Menschen, die einander nicht
stören. Wer mehr von ihr erwartet, belügt sich und wird grausam
enttäuscht.«
»Die bunten Gläser, durch die ich einst unser Leben betrachtet habe,
sind mir schon lange aus der Hand geschlagen worden,« sagte Agathe
bitter.
»Das Unheil der Ehe besteht darin, daß sie vieles zur Pflicht macht, was
freie Gabe sein soll,« erwiderte Sylvester. »Wird dadurch nicht jede
Gabe verdächtigt, jede Pflicht in Fron verwandelt? Der Anspruch auf
Beständigkeit erzeugt Abtrünnigkeit, der Anspruch auf Treue Untreue. Sie
legt dem stolzen Mann Fallen, die ihn erniedrigen, und wie soll er
aufrichtig sein, wenn er fürchten muß, daß Aufrichtigkeit ein Verhältnis
zerstört, das ihm trotz alledem unentbehrlich ist? Denn hier ist etwas
Mysteriöses, wovor meine ganze Weisheit verstummt,« fuhr er grüblerisch
fort; »ich hatte geglaubt, ich sei nur deshalb zurückgekommen, um mit
deiner Einwilligung von dir wegzugehen. Ich kann aber nicht von dir weg,
Agathe. Das ist es eigentlich, was ich dir sagen wollte.«
In Agathes Gesicht zeigte sich eine kaum merkbare Erhellung, als ob ein
feiner Schleier abgerissen würde. »Wie kannst du denn bei mir bleiben
mit der andern im Herzen?« entgegnete sie. »Sie würde dir immer
engelhafter und ich immer unzulänglicher erscheinen. Eine solche
Rivalität zu ertragen, ist keine Frau fähig. Ich denke, du bist jetzt
nicht stark und ehrlich, sondern schwach und gutmütig. So schön eine
Brücke ist, so schauderhaft sind mir Notbrücken, besonders wenn sie über
stürmisches Wasser führen. Nein, nein, Sylvester, geh du nur hinüber ans
andere Ufer; ich bleibe hier, wir wohnen ja doch nicht mehr im selben
Land.« Sie zog ihr Taschentuch, um es an die feuchten Augen zu bringen,
besann sich aber in einer Regung des Trotzes und drückte es auf den
Mund.
»Dann habe ich mich allerdings furchtbar geirrt,« sagte Sylvester. Von
allem, was ihm hätte widerfahren können, war ihm das standhafte Sträuben
Agathes, das er anfangs dem Gefühl verletzter Würde zugeschrieben, das
Unerwartetste. Daß sie ihn liebte, ihn allein, bedingungslos und ohne
die Denkbarkeit eines Aufhörens, daran hatte er nicht im mindesten
gezweifelt. Ihre Liebe war ihm so selbstverständlich gewesen wie die
Luft, die er atmete; er hatte niemals die Möglichkeit erwogen, daß
dieser Schatz an Liebe, den er in seltsam gleichgültiger Gewißheit für
unerschöpflich gehalten, vergeudet werden könne; wie ein gesunder Körper
seine inneren Organe nicht spürt, so hatte er die Kraft und Ausdauer
dieser Liebe als etwas Gesetzmäßiges und ein für allemal Geregeltes
hingenommen. Die Einsicht, daß dem nicht so war, weckte ihn förmlich
auf; er begann anders zu sehen und zu hören; plötzlich erblickte er in
Agathe ein Weib, das sich ihm versagte. »Was soll nun werden?« fragte er
stockend, »willst du es nicht mehr mit mir versuchen?«
»Du bist Herr in deinem Haus, und ich kann unser Kind nicht im Stich
lassen, also muß ich mich deinem Beschluß fügen,« antwortete Agathe
hart, und ohne auf Sylvesters beschwörende Gebärde zu achten, sprach sie
weiter: »Versuchen? Was heißt das? Du traust mir eine Überlegenheit zu,
die ich nicht besitze. Ich bin nicht rachsüchtig, aber ich kann nicht
hindern, daß das Erlittene auf mein Gemüt wirkt. Ich glaube nicht mehr
an dich, Sylvester. Liegt dir an Verzeihung? Gibst du mir ein Recht,
gibt es überhaupt ein Recht zu verzeihen? Dann habe ich dir verziehen
seit dem Tag, an dem du kamst. Aber ich glaube nicht mehr an dich. Gern
will ich zugeben, daß es von tiefer Bedeutung für dich war, was du
erlebt hast. Aber gerade daß du es erlebt hast und daß es eines solchen
Erlebnisses bedurfte, um dich zu beflügeln und deiner Seele Schwung zu
geben, das macht dich klein in meinen Augen, weil etwas so Unreifes,
etwas so Spielerisches und etwas so Zuchtloses darin liegt. Wenn ich dir
weh' tue, so vergib; ich mußte es sagen, und ich bin froh, daß es nun
gesagt ist.«
»Was aber müßte geschehen, damit du den Glauben an mich wieder
gewinnst?« fragte Sylvester tonlos.
»Was geschehen müßte? Ich weiß es nicht. Oder vielleicht doch.
Vielleicht müßtest du — es ist schwer, das auszudrücken; ob du mich nur
recht verstehst — vielleicht müßtest du Achim Ursanners würdig werden.«
»Achim Ursanners würdig? Wie meinst du das?«
»Es ist mein Gefühl so. Ich finde kein anderes Wort dafür.«
Sylvester erhob sich und ging im Zimmer umher. Es dämmerte schon, und
das blaue Schneelicht wurde violett. Die Stille war so groß, daß das
Knistern der draußen von den Zweigen fallenden Flocken hörbar war.
»Willst du nicht gleich jetzt mit mir nach Erfft gehen?« wandte sich
Sylvester an Agathe. »Martha kann ja deine Sachen morgen
hinüberschicken, und Silvia freut sich, wenn du kommst.« Er war bemüht,
seiner Haltung und seiner Stimme Ungezwungenheit zu verleihen, jedoch es
gelang ihm nicht. Agathe stand ebenfalls auf, sah ihn forschend an und
nickte.
Sylvester verabschiedete sich vom Ehepaar Hund. Sein Reitpferd ließ er
in Dudsloch und sagte, er werde es am nächsten Tag holen lassen. Dann
folgte er Agathe, die vorausgegangen war.
In einem ununterbrochenen Schweigen wanderten sie durch den Winterabend
nach Hause.
* * * * *
Mit Hilfe eines mäßig zu verzinsenden Darlehens, das der Major gab, und
der Summe von zwanzigtausend Talern, die der westfälische Onkel
vorstreckte, brachte Sylvester seine zerrütteten Finanzen einstweilen in
Ordnung. Er hatte mancherlei Pläne im Kopf, wollte eine Winzerschule
gründen, Dudsloch in eine Zuchtanstalt für Mustervieh umwandeln,
studierte die Fachzeitschriften wegen Ankaufs neuer landwirtschaftlicher
Maschinen und beschäftigte sich nebenbei wieder mit seiner Liebhaberei
für die Gartenkunst. Er war sechs bis acht Stunden während des Tags im
Freien, und sein Trachten war, am Abend so müde zu sein, daß er nicht
mehr denken konnte.
Wie vor der Unterredung in Dudsloch sah er Agathe nur bei den
Mahlzeiten. Sie war freundlich, oft sogar gütig, er hingegen wortkarg
und unstet. Wenn Agathe vom Tisch aufstand, blickte er ihr bisweilen
wunderlich bittend nach. Es kam vor, daß sie allein in den Wald
spazieren ging; beunruhigt folgte er ihr von weitem, versteckte sich
hinter Buschwerk, wenn sie umkehrte und war erst zufrieden, wenn er sie
wieder in der Nähe der bewohnten Stätten wußte. Einmal blieb sie auf
einer Lichtung stehen, schaute zurück und sah ihn, der eben in die
Lichtung hinaustrat. Sie wartete, bis er herangekommen war und fragte,
ob er zufällig denselben Weg gegangen sei. Er bejahte.
Es war Ende Februar, einer jener milden und tückischen Tage, an denen
die ganze Natur um den Frühling zu ringen scheint. Da war es Sylvester,
als müsse er von Gabriele sprechen, und er erzählte der stumm
lauschenden Frau die Geschichte seiner Liebe mit allen Einzelheiten.
Nachdem er dies getan hatte, setzte er sich auf einen Baumstumpf und bat
Agathe, sie möge allein nach Hause gehen. »Ach du,« murmelte er
verstört, als sie fort war, »du Hochmütige, du Selbstgewisse, du
Quälerin, du Zuschauerin. Ließest mich erzählen, zu Ende erzählen, damit
es auch wirklich zu Ende sei. Nun ist es zu Ende.« Er blieb sitzen, bis
die Nacht anbrach.
Hypochondrie trat in seinem Wesen immer stärker hervor.
Sylvester gehörte zu jenen Männern, die mit zunehmenden Jahren
vereinsamen. Er war der Freundschaft fähig gewesen wie wenige, und er
hatte seine Freunde einen nach dem andern verloren. In jede solche
Beziehung hatte er Ideen und Ideale getragen, und jede war eben daran
gescheitert. Er setzte seine Person zum Pfand und wurde mit Almosen
abgespeist. Mit der Zeit begriff er, daß nichts in der Welt ärmer macht
als Freundschaft zu suchen. Er brauchte geistige Zärtlichkeit,
brüderliche Übereinstimmung, und da er zu viel Scharfblick und
Menschenkenntnis hatte, um sich mit Surrogaten zu begnügen, wirkte er
herrschsüchtig und launenhaft, wo er in seinen Erwartungen enttäuscht
wurde. Sinnliche Naturen geraten leicht in einen Zustand der
Unbefriedigung, auch der Gesellschaft gegenüber, und die Sylvester
eigene Empfindlichkeit war die Ursache, daß er die Menschen gerade dann
am meisten abstieß, wenn ihn der Menschenhunger zu ihnen trieb. Er
erkannte zu spät, daß er unter einem Geschlecht lebte, welches sich vor
der Hingebung fürchtete und dem der Adel des Herzens fehlte. Er fand
fast alle Männer nüchtern, leer, gemütsroh und hoffnungslos banal; so
hatte er sich an die Frauen gewandt, als ob die Frauen einen
glücklicheren Kontinent des Lebens bewohnten; hier halfen ihm
Phantasiespiele, und während er eroberte, hatte er die Illusion, zu
besitzen. Auch dies war nun vorüber, denn sein Haar zeigte graue Fäden.
Im Lauf des Frühjahrs machte er häufig Besuche in der Nachbarschaft. Er
langweilte sich tödlich und kam jedesmal verstimmt nach Hause. Agathe
billigte die Urteile nicht, die er über die Leute fällte; sie erinnerte
sich des einen als eines anständigen Kaufmanns, des andern als eines
verdienten Beamten, des dritten als eines opferwilligen Familienvaters,
und die Erbarmungslosigkeit, mit der er Gericht hielt, verletzte sie.
Ihm war jeder fremde Mensch ein Feind, ihr war jeder Mensch ein Mensch.
Sie gab Sylvester verloren. Sie sah keinen Weg, wie er sich retten
könne. Sie hütete sich aber, ihm ihre Verzweiflung zu zeigen. Oft war
ihr zumute, als hielte sie den Mann mit äußerster Anstrengung ihrer
Kraft und als müsse er fallen, wenn sie nur mit einem einzigen Gedanken
von ihm abließ. Was sie von ihm erwartete, darüber hatte sie nicht die
geringste Klarheit, dennoch wußte sie, daß die Glut, mit der sie eine
geheimnisvolle Forderung an ihn stellte, nur durch die Erfüllung
gelöscht werden konnte. Eher hätte sie ihren Leib hinsiechen lassen, als
daß sie einem Anruf der Sinne nachgegeben hätte, um in den
schwächlichen, unreinen und ungesicherten Zustand eines Scheinglücks
zurückzukehren. Kein körperliches Leiden, seines nicht, das ihn heftig,
finster und reizbar machte, und ihres nicht, das hinter einer Schutzwehr
von instinkt- und charaktervoller Kälte verborgen war, konnte sie
beirren.
Eines Morgens, als Sylvester bei Silvia im Zimmer saß und sie in
französischer Grammatik unterrichtete, wurde ihm ein Brief überbracht.
Beim Anblick der Schriftzüge auf der Adresse verfärbte er sich, erhob
sich sogleich und ging in die Bibliothek. Bebend öffnete er den Umschlag
und las:
»Mein teurer Freund! Ich vermute Sie bei den Ihren zu Hause und hoffe,
daß dieser Gruß aus weiter Ferne Sie erreicht. Seit sieben Wochen fahre
ich hier in Amerika von Stadt zu Stadt, und es ist mir alles so
fremdartig, als sei ich nicht ich selbst, und was ich mit den Menschen
spreche und wie ich lebe erscheint mir wie etwas Ausgedachtes und
Unnatürliches. Bevor ich von England abgereist bin, habe ich mich mit
dem Viscount Horace Darrington versprochen, aber wir werden erst
heiraten, wenn er von Indien zurückkommt, und das dauert zwei Jahre.
Nach diesen zwei Jahren werde ich aufhören zu singen. Ich bin nicht
gerade müde; freilich, des Beifalls bin ich müde, der Zudringlichkeit
und der Neugier auch, und bange wird mir manchmal bei dem Gedanken, daß
ich jeden Abend in ein anderes Bett mich legen soll. Aber es ist nicht
das, was meinen Vorsatz, der Öffentlichkeit Adieu zu sagen, erzeugt hat
und immer stärker werden läßt; es ist das Gefühl, daß ich gegeben habe,
was ich zu geben vermochte und daß alles übrige nur Fertigkeit und
höchstens Kunst ist. Heute noch treibt mich eine unbekannte Gewalt, es
ist als ob ich etwas verkündigen sollte, morgen vielleicht ist es kein
Befehl mehr, sondern bloß Gewohnheit, und das Heilige wird zum
Hokuspokus. Heute noch beten und morgen leiern? Das ist meine Sache
nicht; wenn mich nicht mehr die Andacht erfüllt, bin ich ein verlorenes
Wesen, ein heimatloses Weib und muß vom Leben erbetteln, was die Kunst
einem Weib nie und nimmer gewähren kann. Nun weiß ich ein Haus für mich
und einen Hüter darin, und was gewesen ist, bleibt in seiner Schönheit
bestehen. Ich habe das empfunden, als wir noch beisammen waren; ohne Sie
wäre ich blind hingegangen zu der Grenze; in dieser Minute träumend, in
der nächsten schon erwacht, hätte ich keinen Weg mehr gesehen und
unbefriedigt, mich selbst verkennend, immer wieder zum Traum
zurückgewollt. Was könnte ich Ihnen außerdem noch sagen in den
armseligen Worten, die ich habe? Vergessen kann ich nicht und wünsche
auch nicht, daß irgend etwas hätte anders geschehen sollen. Ich möchte
Sie leicht und Ihr Auge hell und Ihr Herz klingend machen, und mir ist,
als könnte ich nur glücklich werden, wenn Sie es sind. Man braucht
Kraft und Reinheit, um glücklich zu sein, um eins mit sich selbst zu
sein. Meine Seele ist voll von Dank für Sie, und ich möchte für das Wort
Freund ein noch nie gehörtes Wort finden, damit Sie spüren, wie Sie in
und mit mir leben. Schreiben Sie mir nicht, antworten Sie nicht. Es wäre
zu früh, es wäre zu wenig Fügung, zu viel Mahnung.
Ihre Gabriele.«
Nachdem Sylvester den Brief gelesen, verließ er das Haus und kehrte erst
spät in der Nacht wieder heim.
Sein Dasein erschien ihm nun noch weit zerstückter, und er warf einen
Tag um den andern gleichsam weg und zum voraus weg. Ein Aufruf der
liberalen Partei erregte flüchtig sein Interesse, er besuchte auch eine
Versammlung in Würzburg, aber dann sagte er zu Agathe, die auf dieses
Emporraffen in ihm einige Hoffnung gesetzt hatte und nun ihre
Enttäuschung kaum verbergen konnte, die Leute seien ohne politische
Disziplin, hätten keinen Begriff davon, was dem Lande wirklich nützen
könne, und ihr Treiben ekle ihn an.
Bei alledem fühlte er doch, eben was das nationale Leben betraf, eine
eigentümliche Spannung in der Luft. Man atmete wie in einem
abgeschlossenen schwülen Zimmer, wo man unwillkürlich auf Dinge lauscht,
die draußen vorgehen und unwillkürlich Furcht empfindet bei jedem Tritt
und jedem Flüstern. Gerüchte schwirrten auf und wurden wieder erstickt.
Die einen wollten nicht glauben, die andern hielten sich die Ohren zu.
Handel und Gewerbe stockten, und die Börsenkurse zeigten beunruhigende
Schwankungen. Männer, die sonst den öffentlichen Angelegenheiten ohne
Teilnahme gegenüberstanden, richteten den Blick besorgt auf die
Geschehnisse, deren Entwicklung noch ganz im Dunkel verborgen war. Auch
Sylvester ertappte sich bisweilen in der Ungeduld eines Zuschauers, der
im Theater vergebens darauf warten muß, daß der Vorhang hochgezogen
wird.
So kam der Sommer. Eines Tages war der Major zu Tisch in Erfft; nach dem
Essen, man hatte über allerlei geredet, sagte er zu Sylvester: »Mein
lieber Schwager, wir müssen auf große Dinge gefaßt sein. Es gibt Krieg.«
Sylvester lächelte spöttisch. »Du bist ein so unverbesserlicher Patriot,
daß dir ein Zeitungsgeschwätz schon wie Kanonendonner klingt,«
antwortete er.
»Na, wir werden sehen,« meinte der Major, »wir werden ja sehen.
Übrigens steht in den Zeitungen gar nichts, ich habe nur so meine
privaten Nachrichten. Der preußische Gesandte in Paris hat schon vor
acht Monaten nach Berlin geschrieben: die Luft riecht nach Pulver. Ich
habe viel gegen Bismarck einzuwenden, aber das muß man schon sagen, der
Mann versteht seinen Kopf aufzusetzen und wird sich nichts gefallen
lassen. Die Franzosen sind teuflisch übermütig geworden und der Kaiser
Napoleon sitzt auf einem wackligen Thron, deshalb will er seine
Untertanen beschäftigen.«
»Geh mir doch, mein Lieber,« erwiderte Sylvester, »deine Politik
schmeckt nach der Stammtischkneipe.«
»Und wenn auch Krieg entstünde,« warf Agathe mit ernster Miene ein, »wie
kann man sich über ein so ungeheures Unglück freuen?«
»Verstehst du nicht, warum ich mich freue, Schwägerin?« rief der Major
mit einer jungenhaften Begeisterung; »wir werden sie verhauen, die
Kerle, wir werden sie windelweich verhauen.«
»Aber du doch nicht,« sagte Agathe lächelnd.
»Nein, ich nicht,« seufzte der Major, »für mich alten Krüppel ist an so
was nicht zu denken. Sylvester hingegen, der kann noch seinen Mann
stehen.«
Agathe heftete die Augen erschrocken auf ihren Gatten. Sylvester
runzelte die Stirn. »Ich befinde mich nicht mehr im Dienstverhältnis zur
Armee,« bemerkte er kühl, »und dann würde sich's ja wahrscheinlich um
einen Krieg gegen Preußen handeln.«
»Preußen?« fuhr der Major auf, »Himmel und Wetter, mir scheint, er weiß
nicht einmal etwas von einem Schutz- und Trutzbündnis. Wenn es losgeht,
geht's gegen uns alle, darauf kannst du dich verlassen, und alle werden
zusammenhalten, darauf verlaß dich ebenfalls. Wen's juckt in der Faust,
der schlägt zu. Den Ofenhockern, na, denen wird eingeheizt.« Er lachte
mokant und zündete mit zitternden Fingern seine Pfeife an.
Agathe hielt es für geboten, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.
Drei Wochen später, an einem schwülen Julinachmittag, kam der Inspektor
Marquardt in großer Erregung aus Würzburg zurück. Er brachte die
Extraausgabe einer Zeitung mit, welche die Kriegserklärung enthielt. Das
Blatt ging durch alle Hände, und bald standen Männer und Weiber im Hof
und disputierten mit bestürzten und feierlichen Gesichtern. Silvia hatte
sich in der Wohnung der Inspektorin befunden. Sie lief zu ihrer Mutter
ins Haus. Agathe saß am Klavier. »Mutter, die Franzosen kommen,« schrie
das Kind mit aufgerissenen Augen. Agathe stand auf, schaute Silvia
erstaunt an und trat ans Fenster. Der Inspektor gewahrte sie. Seine
Mütze war in den Nacken gerutscht, die schweißtriefenden Haare hingen
ihm in die Stirn. »Gnädige Frau,« rief er, »es wird Krieg! Hurra! Es
lebe der König!« Ohne besondere Überschwenglichkeit stimmten einige
Knechte in das Hoch mit ein. Nur der rothaarige Gärtnerbursche, der
unlängst rekrutiert worden war, tanzte wie ein Indianer und klatschte in
die Hände.
Sylvester war nach Kitzingen geritten. Abends um sieben Uhr kam er. Er
wußte die Neuigkeit schon. »Überall herrscht großes Entzücken, auch bei
den Bauern,« sagte er zu Agathe. »Das Volk ist wie toll. Es überrascht
einen doch, so viel überschüssige Lebenskraft wahrzunehmen. Ich hätte es
nicht gedacht.« Während der Mahlzeit blieb er einsilbig, und als die
Lampe gebracht wurde, las er einen Roman von Balzac. Agathe saß am
Fenster. Sie war tief in Gedanken versunken.
»Glaubst du, daß Achim Ursanner im französischen Heer weiterdienen
wird?« fragte sie plötzlich.
Sylvester schaute zerstreut empor. »Es ist wohl möglich,« gab er zur
Antwort.
»Er, der deutscheste Deutsche!« flüsterte Agathe beklommen.
Der Ausdruck in Sylvesters Zügen wurde gesammelter. Wachsende Unruhe
umflorte seinen Blick. »Ja, hier hat das Fatum einen unentwirrbaren
Knoten geschürzt,« entgegnete er, fühlte aber, wie matt und künstlich
die Floskel klang.
Agathe schwieg.
Die Nacht war so heiß, daß Sylvester, im Bette liegend, nicht
einschlafen konnte. Die Uhr in der Bibliothek schlug zweimal, als er
sich erhob und seine Kleider anzog, um in den Garten zu gehen. Der
Himmel war prachtvoll bestirnt, und auf dem Rasen glänzte der Tau. Die
andächtige Stille der Natur berührte ihn schmerzlich, wenn er des
Schlachtens gedachte, das morgen, übermorgen beginnen und, wer konnte es
wissen, vielleicht auch das friedliche Gefild um ihn her mit Blut düngen
würde. Ihn schauderte.
Doch wie er so vor sich hinging, wollte es ihm scheinen, als ob jetzt
nicht die Zeit für wehleidige Betrachtungen sei. Es wollte ihm scheinen,
daß hier eine große Fügung auf große Empfindungen rechne. Es wollte ihm
scheinen, daß dabei die gegründetste Überlegenheit des einzelnen
verklauselte Flucht, daß jedes Messen und Erwägen zum Laster der
Trägheit wurde. Die Ruhe der Nacht versetzte seinen Geist in eine
wunderbare Schwingung. Er spürte den Enthusiasmus so vieler Millionen,
spürte, daß sich sein Gemüt der Absonderung begab, um an der allgemeinen
Entflammung teilzunehmen. Er hatte kein Recht mehr für sich allein, er
hatte nur noch das Recht aller. Seine Augen begannen in der Dunkelheit
zu leuchten. Seit langem war ihm nicht mehr so wohl ums Herz gewesen.
Im Bogen um das Orangeriegebäude schreitend, sah er eine weiße Gestalt
auf einer Bank sitzen. Es war Agathe. Sie blickte kaum auf, als er sich
näherte. Er setzte sich neben sie. »Hat es dich auch herausgetrieben?«
fragte er.
Sie seufzte bloß.
»Hör' zu, Agathe,« fuhr er fort, »ich werde morgen nach Erlangen
fahren.«
»Nach Erlangen? Aus welchem Grund?«
»Um mich bei meinem Bataillon zu stellen.«
»Du willst —? Sylvester!« Es war ein halb klagender, halb jubelnder
Aufschrei. Sie preßte das Gesicht schluchzend in die rechte Hand, die
bebende Linke reichte sie ihm. Als sie sich ausgeweint hatte, gingen sie
Hand in Hand ins Haus.
* * * * *
Am andern Morgen hatte Sylvester noch vielerlei zu erledigen. Er schrieb
sein Testament und traf umsichtige Vorkehrungen wegen der
Wirtschaftsleitung. Um elf Uhr kam der Major und war sehr ergriffen, als
er hörte, daß Sylvester ins Feld zog. »Es rinnt eben doch ein guter Saft
in seinen Adern,« sagte er zu Agathe, die still und bleich dastand;
»sein Großvater ist Anno dreizehn bei Leipzig gefallen. So etwas hält
nach.«
Der Wagen, der ihn zum Bahnhof bringen sollte, war schon vorgefahren.
»Wo ist Silvia?« erkundigte sich Sylvester. Da erschien das Kind mit
einer Rose, die sie dem Vater gab. Die hellen Tränen liefen über ihre
Backen, aber beim Abschied nahm sie sich heldenmütig zusammen. Agathe
wurde immer bleicher. Sylvester umarmte sie, dann fiel sie dem Major
ohnmächtig an die Brust. Die Leute vom Gut grüßten ihren Herrn
schweigend und voll Ehrerbietung. »Ich weiß gewiß, daß der Vater wieder
kommen wird,« sagte Silvia mit gefalteten Händen. Als die Kutsche sich
in Bewegung gesetzt hatte, schaute Sylvester noch einmal aus dem Schlag.
Die Züge hatten große Verspätungen, und so langte Sylvester erst am
Abend in der Garnison an. Nur mit Mühe fand er in einem Weinwirtshaus
Unterkunft. Es war ein Treiben in dem Städtchen, als ob Jahrmarkt wäre.
Allenthalben war Musik und Gesang, doch sah man nirgends einen
betrunkenen Menschen.
Um sechs Uhr morgens ging er zur Kommandantur und dann auf die Kanzlei
des Jägerbataillons. Er war als Sekondeleutnant aus dem aktiven Dienst
getreten und wurde in dieser Charge wieder eingereiht. Die Kerntruppe
war schon ins Feld gerückt und alle Räume der Kaserne waren voll von
Rekruten und Freiwilligen. Beim Exerzieren merkte Sylvester zu seinem
Schrecken, wie steif seine Glieder und wie verrostet seine Gelenke
waren. Der nächste Truppenabmarsch sollte erst in zehn Tagen
stattfinden; bis dahin mußten die jungen Mannschaften eingeschult sein,
und die Übungen erschöpften den verweichlichten Körper Sylvesters so
sehr, daß er seine ganze Willenskraft nötig hatte, um sich aufrecht zu
erhalten. Nicht geringere Überwindung kostete es ihn, den schlechten
Geruch in den Stuben, den beständigen Lärm und die beständige Nähe
vieler Menschen ertragen zu lernen.