Schlosses etwas ruhiger geworden war, kam Agathe, und unter ihren
sorgsamen Händen nahm die Wiederherstellung Sylvesters einen rascheren
Verlauf. In den ersten beiden Nächten hatte sie in ihren Kleidern neben
dem Lager des Gatten ruhen müssen, später verschaffte ihr der Oberarzt
in der Wohnung des Kastellans ein notdürftiges Quartier. Ihre Umsicht,
Entschlossenheit und Unermüdlichkeit gereichten nicht nur Sylvester,
sondern auch vielen seiner Leidensgefährten zum Segen. Sie schrieb
Briefe für die Verwundeten, brachte ihnen Erfrischungen, half beim
Verbinden, und ein bloßes Wort von ihr wirkte manchmal Wunder, ein Blick
flößte Zuversicht ein, eine Berührung zauberte die Hoffnung in
verfinsterte Augen. Es schien eine neue Kraft über sie gekommen, eine
neue Seele, eine neue Jugend. Ihr Schritt war elastisch, ihre Stimme
sonor wie ein Cello und von jener besonderen Resonanz, die nur die
innere Freude gibt. Die ruhige Heiterkeit ihres Lächelns erregte
Sylvester oft, wie einen Gefangenen der Gedanke an die Freiheit erregt.
War sie ihm bisweilen fremd wie ein Bild, so war sie ihm zu andern
Stunden vertraut wie eine Schwester; spürte er gleich für sie nicht das,
was er Leidenschaft nannte, so stillte doch das Gefühl ihrer Gegenwart
alle Unzufriedenheit in ihm.
Eine rätselhafte Scheu verhinderte ihn lange, ihr von der Begegnung mit
Achim Ursanner zu erzählen. Als er es endlich tat, war er nicht wenig
betroffen von der Art, wie sie es aufnahm, ohne Staunen, ohne ein
sichtbares Zeichen der Ergriffenheit. Offenbar dünkte ihr die Fügung so
schicksalsvoll und so mit dem innersten Sinn ihres Daseins, ihrer
Zukunft verwebt, daß sie ihm während seiner Erzählung den Eindruck eines
Menschen machte, dem man ein Ereignis berichtet, dessen Zeuge er gewesen
ist. Da erkannte er, wieviel Märchenhaftes, Wunsch- und
Wahnversponnenes selbst in einer Frau wie Agathe verborgen war, die mit
ihren beiden Füßen fest auf der wirklichen Erde stand. Was aber dabei in
ihr vorging und wie sie das Geschehene in ihrem Geist ordnete, vermochte
er nicht zu ergründen, wollte es auch nicht ergründen. Ihm schien, daß
dieses Geheimnis sie reicher und reiner mache. Einige Tage später sagte
sie zu ihm, der Gedanke schmerze sie, daß Achim Ursanner in einem
Massengrab vermodern solle, und Sylvester versprach, dafür Sorge zu
tragen, daß der Leib des unglücklichen Freundes eine würdige Ruhestätte
erhalte. Er bedachte aber die Schwierigkeiten nicht, die der Erfüllung
eines solchen Versprechens begegneten. Es war unmöglich, den Leichnam
unter den Tausenden von Toten aufzufinden oder zu erfahren, in welche
Grube er eingescharrt worden war.
Obwohl Sylvesters völlige Genesung noch mehrere Monate dauern mußte,
erlaubten die Ärzte nach drei Wochen den Transport in die Heimat. Dieser
wurde auch mit schicklicher Vorsicht und ohne üble Folgen durchgeführt.
Adam Hund begleitete Sylvester und Agathe. Er hatte den Arm in der
Binde, und es war ziemlich sicher, daß seine Hand lahm bleiben und nie
wieder erquickende und nützliche Sentenzen auf allerlei Briefpapier
verewigen würde, es sei denn, sie übertrug dieses Amt an ihre Gefährtin
zur Linken. Doch war Adam Hund deswegen nicht verhindert, in seinem
Umgang mit gewöhnlichen Sterblichen ein majestätisches Benehmen für
angebracht zu halten, und trotzdem ihm Frau Brigitte Hund nicht den
Gefallen erwiesen hatte, mit ihrem Galan das Weite zu suchen, oder nur
in angreifbarer Form sich bloßzustellen, trotzdem sie ihm nach wie vor
die Suppe versalzte und den Brotkorb hoch hing, raubte ihm die
Beimischung von Ehebitternis nichts von seiner innerlichen Glorie, ja
sie war vielleicht ersprießlich, damit sein Selbstgefühl nicht zu einer
Art von Trunkenheit wurde. Die Ursache des eitlen und verstiegenen
Wesens war, daß er sich während des Krieges einen Vollbart hatte wachsen
lassen und im Bewußtsein dieses männlichen Schmuckes, dessen ungeahnte
Glücksquellen er nie zuvor ermessen hatte, von einer Begeisterung für
seine eigene Stattlichkeit durchdrungen war, die viele Menschen
unwillkürlich nötigte, ein so echtes und überzeugendes Gefühl zu teilen.
Es heißt, daß sogar Frau Brigitte gegenüber dieser unwiderstehlichen
Kriegstrophäe Regungen von Zärtlichkeit an den Tag gelegt haben soll.
Schon im Frühjahr konnte Sylvester, von Agathe und Silvia begleitet,
kleine Spaziergänge unternehmen. Als der Friede geschlossen wurde,
hatte er seine Gesundheit und Kraft zurückgewonnen. Aus Dämmerung und
Dunkelheit, aus Zerrüttung und Verwirrung stieg sein Genius wieder ans
Licht empor und war es Notwendigkeit, daß er sich begnügte, so war es
Verdienst, daß er sich bezwingen lernte. Es war schön zu sein, noch
schöner zu wirken, und was an unfrohen Trieben keimte und wucherte,
wurde durch die vielfältige Mühsal des Tages um so leichter
beschwichtigt, als ja ein Mann von vierzig Jahren, wenn die Lebensuhr
nicht stille steht, mit der Zeit ein Mann von fünfzig Jahren wird.
_Ende_
End of Project Gutenberg's Der Mann von vierzig Jahren, by Jakob Wassermann