Aber nach einer Woche, als es in den schönen alten Gemächern des

Schlosses etwas ruhiger geworden war, kam Agathe, und unter ihren

sorgsamen Händen nahm die Wiederherstellung Sylvesters einen rascheren

Verlauf. In den ersten beiden Nächten hatte sie in ihren Kleidern neben

dem Lager des Gatten ruhen müssen, später verschaffte ihr der Oberarzt

in der Wohnung des Kastellans ein notdürftiges Quartier. Ihre Umsicht,

Entschlossenheit und Unermüdlichkeit gereichten nicht nur Sylvester,

sondern auch vielen seiner Leidensgefährten zum Segen. Sie schrieb

Briefe für die Verwundeten, brachte ihnen Erfrischungen, half beim

Verbinden, und ein bloßes Wort von ihr wirkte manchmal Wunder, ein Blick

flößte Zuversicht ein, eine Berührung zauberte die Hoffnung in

verfinsterte Augen. Es schien eine neue Kraft über sie gekommen, eine

neue Seele, eine neue Jugend. Ihr Schritt war elastisch, ihre Stimme

sonor wie ein Cello und von jener besonderen Resonanz, die nur die

innere Freude gibt. Die ruhige Heiterkeit ihres Lächelns erregte

Sylvester oft, wie einen Gefangenen der Gedanke an die Freiheit erregt.

War sie ihm bisweilen fremd wie ein Bild, so war sie ihm zu andern

Stunden vertraut wie eine Schwester; spürte er gleich für sie nicht das,

was er Leidenschaft nannte, so stillte doch das Gefühl ihrer Gegenwart

alle Unzufriedenheit in ihm.

Eine rätselhafte Scheu verhinderte ihn lange, ihr von der Begegnung mit

Achim Ursanner zu erzählen. Als er es endlich tat, war er nicht wenig

betroffen von der Art, wie sie es aufnahm, ohne Staunen, ohne ein

sichtbares Zeichen der Ergriffenheit. Offenbar dünkte ihr die Fügung so

schicksalsvoll und so mit dem innersten Sinn ihres Daseins, ihrer

Zukunft verwebt, daß sie ihm während seiner Erzählung den Eindruck eines

Menschen machte, dem man ein Ereignis berichtet, dessen Zeuge er gewesen

ist. Da erkannte er, wieviel Märchenhaftes, Wunsch- und

Wahnversponnenes selbst in einer Frau wie Agathe verborgen war, die mit

ihren beiden Füßen fest auf der wirklichen Erde stand. Was aber dabei in

ihr vorging und wie sie das Geschehene in ihrem Geist ordnete, vermochte

er nicht zu ergründen, wollte es auch nicht ergründen. Ihm schien, daß

dieses Geheimnis sie reicher und reiner mache. Einige Tage später sagte

sie zu ihm, der Gedanke schmerze sie, daß Achim Ursanner in einem

Massengrab vermodern solle, und Sylvester versprach, dafür Sorge zu

tragen, daß der Leib des unglücklichen Freundes eine würdige Ruhestätte

erhalte. Er bedachte aber die Schwierigkeiten nicht, die der Erfüllung

eines solchen Versprechens begegneten. Es war unmöglich, den Leichnam

unter den Tausenden von Toten aufzufinden oder zu erfahren, in welche

Grube er eingescharrt worden war.

Obwohl Sylvesters völlige Genesung noch mehrere Monate dauern mußte,

erlaubten die Ärzte nach drei Wochen den Transport in die Heimat. Dieser

wurde auch mit schicklicher Vorsicht und ohne üble Folgen durchgeführt.

Adam Hund begleitete Sylvester und Agathe. Er hatte den Arm in der

Binde, und es war ziemlich sicher, daß seine Hand lahm bleiben und nie

wieder erquickende und nützliche Sentenzen auf allerlei Briefpapier

verewigen würde, es sei denn, sie übertrug dieses Amt an ihre Gefährtin

zur Linken. Doch war Adam Hund deswegen nicht verhindert, in seinem

Umgang mit gewöhnlichen Sterblichen ein majestätisches Benehmen für

angebracht zu halten, und trotzdem ihm Frau Brigitte Hund nicht den

Gefallen erwiesen hatte, mit ihrem Galan das Weite zu suchen, oder nur

in angreifbarer Form sich bloßzustellen, trotzdem sie ihm nach wie vor

die Suppe versalzte und den Brotkorb hoch hing, raubte ihm die

Beimischung von Ehebitternis nichts von seiner innerlichen Glorie, ja

sie war vielleicht ersprießlich, damit sein Selbstgefühl nicht zu einer

Art von Trunkenheit wurde. Die Ursache des eitlen und verstiegenen

Wesens war, daß er sich während des Krieges einen Vollbart hatte wachsen

lassen und im Bewußtsein dieses männlichen Schmuckes, dessen ungeahnte

Glücksquellen er nie zuvor ermessen hatte, von einer Begeisterung für

seine eigene Stattlichkeit durchdrungen war, die viele Menschen

unwillkürlich nötigte, ein so echtes und überzeugendes Gefühl zu teilen.

Es heißt, daß sogar Frau Brigitte gegenüber dieser unwiderstehlichen

Kriegstrophäe Regungen von Zärtlichkeit an den Tag gelegt haben soll.

Schon im Frühjahr konnte Sylvester, von Agathe und Silvia begleitet,

kleine Spaziergänge unternehmen. Als der Friede geschlossen wurde,

hatte er seine Gesundheit und Kraft zurückgewonnen. Aus Dämmerung und

Dunkelheit, aus Zerrüttung und Verwirrung stieg sein Genius wieder ans

Licht empor und war es Notwendigkeit, daß er sich begnügte, so war es

Verdienst, daß er sich bezwingen lernte. Es war schön zu sein, noch

schöner zu wirken, und was an unfrohen Trieben keimte und wucherte,

wurde durch die vielfältige Mühsal des Tages um so leichter

beschwichtigt, als ja ein Mann von vierzig Jahren, wenn die Lebensuhr

nicht stille steht, mit der Zeit ein Mann von fünfzig Jahren wird.

_Ende_

End of Project Gutenberg's Der Mann von vierzig Jahren, by Jakob Wassermann

Der Mann von vierzig Jahren · 第 11 / 11 段