Während seiner dreitägigen Reise hatte sich Sylvester keine Rast

gegönnt; jetzt unmittelbar vor dem Ziel, wäre er am liebsten wieder

umgekehrt. Unter dem Vorwand, seinen Koffer erwarten zu müssen, blieb er

in Würzburg. Die Frage, ob er seine Ankunft in Erfft melden oder

überraschend in sein Haus treten solle, verursachte ihm eine

ungebührliche Pein der Überlegung. Wenn er an die ersten Augenblicke des

Wiedersehens mit Agathe dachte, entsank ihm aller Mut und er wünschte

Agathe auf irgendeine Weise entfernen zu können, um Silvia für sich zu

haben. Die ganze Kleinlichkeit und Engigkeit des bürgerlichen Daseins

gähnte ihm wieder entgegen, die Geldsorgen, die geistlosen Geschäfte,

das Übelwollen beflissener Verwandten, und alles, was in dem Verhältnis

zu Agathe zum Austrag gelangen sollte. Er nahm sich vor, vierzehn Tage

in Erfft zu bleiben. Bis dahin mußte die Entscheidung gefallen und der

Weg in die Zukunft offen sein. Von der Seite Agathes auf einen

Widerstand gefaßt, den er bei ihrer edlen und herben Natur als schwer

bekämpfbar schon jetzt empfand, hatte er doch die Gründe gesammelt, die

sie zur Nachgiebigkeit bewegen mußten, und so beredt, so mild und so

bezwingend war er nie gewesen wie in den einsamen Stunden, in denen er

sich die Gespräche mit Agathe zurechtlegte. Nach solchen stillen

Exerzitien überkam ihn immer eine hoffnungsselige Laune.

Er wohnte nicht in dem Hotel, dessen Bedienstete vor einem Jahr Zeugen

des Auftritts mit der schönen Rahel gewesen waren. Am dritten Morgen

trieb es ihn nach dem Gäßchen, in welchem der Laden des Händlers war.

Türe und Auslagefenster waren mit Rollbalken versperrt und das ganze

Haus machte den Eindruck, als ob es verlassen sei. Indes Sylvester

sinnend davor stand, gewahrte ihn der Portier des Gasthofs, erkannte

ihn, trat mit einem halb vertraulichen, halb respektvollen Grinsen heran

und erzählte, daß seit jenem Tage, der Herr Baron wisse schon, seit

welchem, der Alte seine Butike nicht mehr geöffnet habe. Seine Tochter

habe den Verstand verloren, sie tue nichts anderes als am Fenster sitzen

und stumpfsinnig vor sich hinstarren. Sie habe bloß eine einzige

Liebhaberei, man könne es ruhig eine Tollheit nennen: jede Woche einmal

gebe ihr der Vater eine Uhr, eine richtige Taschenuhr, die zerstöre sie

dann, ziehe die Feder und die Schräubchen heraus und sei glücklich, wenn

alle Bestandteile Stück für Stück vor ihr lägen. Der Alte habe mehrere

Uhren, die er dann immer wieder zusammensetzen lasse, um der Tochter von

neuem eine Freude zu bereiten, denn die Uhr müsse ticken; wenn sie nicht

ticke, lasse das Mädchen sie unberührt. »Finden Sie nicht, Herr Baron,

daß das eine lustige Art von Verrücktheit ist?« schloß der joviale Mann

seinen Bericht.

Sylvester antwortete nicht und ging weiter. In seinem Quartier

angelangt, forderte er seine Rechnung und bestellte für den Nachmittag

einen Wagen. Sodann verabschiedete er den getreuen Adam, der mit der

Post nach Dudsloch fahren sollte. Adam Hund war aufgeregt wie ein

Bräutigam am Hochzeitsmorgen und sah aus wie ein lebendiger Beweis für

die Hinfälligkeit aller Theorien. Er hatte seinem Weib ein silbernes

Armband, einen buntgesprenkelten Schal, ein Paar Filzschuhe und ein

halbes Dutzend roter Strümpfe gekauft, und mit diesen Gegenständen in

seinem Rucksack dünkte er sich gegen alle künftigen Unbilden an seinem

ehelichen Himmel gefeit. Sylvester zahlte ihm den vereinbarten Lohn und

schenkte ihm außerdem noch zwanzig Taler.

Um drei Uhr rumpelte die plumpe Kutsche, die ihn nach Erfft bringen

sollte, über das holprige Pflaster der Stadt. Plötzlich ergriff ihn eine

sonderbare Ungeduld. Auf der kotigen Straße ging es so langsam vorwärts,

daß er einigemal ausstieg und mit raschen Schritten weitereilte. Es

dämmerte bereits, als er die Häuser von Erfft sah. An der Landstraße

befand sich eine kleine Schenke; er befahl dem Kutscher, hierzubleiben

und erst in einer halben Stunde nachzufahren, dann schlug er in der

beginnenden Dunkelheit einen wohlbekannten Fußpfad ein.

Der Platz vor dem Haus lag öde. In den Stuben brannte noch kein Licht,

auch im Flur war es noch finster. Er stieg die Treppe empor; kein Mensch

war zu sehen, kein Laut zu hören. Am Ende des Gangs war Silvias Zimmer.

Der Lichtschein im Schlüsselloch glich einem Stern. Da trat aus einer

Tür zur Linken eine in der Dunkelheit nur umrissene Gestalt. Sylvester

blieb stehen. »Bist du es, Agathe?« fragte er leise. Agathe stieß einen

Schrei aus und klammerte sich an den Pfosten, als ob sie fliehen wollte

und ihr der Weg abgeschnitten wäre. Die Tür von Silvias Zimmer wurde

geöffnet und auf der Schwelle erschien Frau Österlein mit warnend

erhobenem Finger. Ihr zum Flüstern schon bewegter Mund erstarrte, als

sie Sylvesters ansichtig wurde. In dem breit auf den Flur fließenden

Lampenlicht konnten Sylvester und Agathe einander in die Augen sehen.

Er reichte ihr die Hand. Stumm und kalt lag ihre Hand in seiner. »Wie

geht es dir, Agathe?« Sie antwortete nicht. Matt deutete sie gegen

Silvias Zimmer. Sylvester griff sich an die Stirn; fünf Schritte, und er

stand vor dem beleuchteten Gemach. Frau Österlein wollte ihm den

Eintritt verwehren, er schleuderte sie beiseite. Agathe folgte mit einem

dumpfen Lächeln. Als Sylvester vor Silvias Bett auf die Knie gestürzt

war und verzweifelt in die vom Fieber aufgeschwemmten Züge des Kindes

schaute, als er die lieben, sinnlosen Worte, das erbarmungswürdige

Röcheln vernahm, dem gebrochenen, heißen, suchenden, nicht erkennenden

Blick begegnete, krampfte er die Hände in das Linnen und fühlte selbst

den Tod, der diese Seele seiner Seele bedrohte. Eine Klage, ein

Bekenntnis, ein Gelübde, ein irres Gebet, eine Forderung an Gott, ein

zerknirschtes Hinsinken, Vermessenheit, die ein Schicksal leugnet,

während es sich vollzieht, wie nichtig und niedrig empfand er es selbst,

wie glich es dem Zappeln eines Tieres, das zertreten wird!

Agathe legte ihm die Hand auf die Schulter. Er verstand sie, erhob sich

und ging hinter ihr aus dem Zimmer. Im Flur sagte sie: »Letzte Nacht

glaubten wir schon, es sei aus mit ihr, da begann sie plötzlich zu

schlummern. Heute mittag ist das Fieber mit doppelter Gewalt

zurückgekehrt. Vorhin war der Doktor hier. Läßt das Fieber in einer

Stunde nicht nach, so ist sie verloren.«

Der Inspektor und seine Frau hatten von Sylvesters Ankunft gehört. Sie

kamen die Treppe herauf und begrüßten ihn.

Anderthalb Stunden lang saß Sylvester in seinem Zimmer. Um acht Uhr trat

Agathe herein und sagte: »Sie schläft.« Sylvester war es, als löse sich

ein um seinen Hals geschlungener Strick. Agathe sank in einen Sessel und

bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Ich bin müde,« flüsterte sie nach

einer Weile, »ich habe seit vorgestern kein Auge zugetan. Auch du wirst

müde sein. Gute Nacht.«

In seinem ganzen Leben hatte sich Sylvester nicht so allein gefühlt wie

an diesem Abend in seinem eigenen Haus.

* * * * *

Das menschliche Dasein setzt sich aus Tagen zusammen, die Tage haben

ihre Zeiten, jede der Zeiten hat ihr Erfordernis, Schlaf die eine,

Arbeit die andere, Sättigung die dritte, und wer schlafen will, dem muß

das Bett gerichtet werden, und wer essen will, dem muß Speise gekocht

werden, und wenn nun zwei Menschen unter demselben Dach hausen, sind sie

durch kleinliche Bedürfnisse aufeinander angewiesen, und meiden sie sich

auch, so sind sie durch die Dinge gebunden; die Sorge des einen lastet

auf dem Genuß des andern, das Böse, das zwischen ihnen liegt, wird

zerstückt, das Gute, das sie suchen, in unerwartete Bahnen gelenkt,

entschiedenes Gefühl bleibt nicht bestehen, der Blick verrät die

Absicht, das Wort verdunkelt sie, körperliche Nähe gibt der Atmosphäre

eine Beschaffenheit, welche Einfluß auf die Gedanken und Entschlüsse

nimmt, und was mutig geplant war, endet in Zweifel und feigem

Aufschieben.

Sylvester erfuhr dies. Er war gekommen, um ein Band zu zerreißen; nun

umschlang dieses Band in hundert und aberhundert Windungen seine

Glieder, und jeder Versuch, sich der Fesseln zu entledigen, erzeugte

eine Wunde. Als Silvia wieder ihre Besinnung erlangt hatte und er an ihr

Lager treten durfte, nachdem sie vorbereitet worden war, als das Kind

ihn wie außer sich umhalste und dabei lachte und weinte und immer wieder

sehen und greifen wollte, ob er es denn wirklich sei, wissen wollte, ob

er sie noch lieb habe, ob er zu Hause bleibe und vieles sonst, was sie

nur stammeln und schluchzen konnte, als ihre Händchen sich stets von

neuem nach ihm ausstreckten, sobald er, um ihren Zustand zu schonen,

Miene machte, sich zu entfernen, da begann er die Kette und die Wunden,

die sie schürfte, zu spüren, und ratlos fragte er sich, was nun

geschehen solle.

Kurz darauf kam Agathe in sein Zimmer. »Ich bitte dich nur um eines,

Sylvester,« sagte sie; »das Kind darf vorläufig nicht ahnen, wie es um

uns steht. Ich will auch nicht, daß zwischen uns etwas besprochen wird,

ehe Silvia ganz gesund ist. Wenn wir bei ihr sind, es läßt sich nicht

vermeiden, daß wir manchmal alle beide bei ihr sind, müssen wir uns

sorgfältig hüten, ihren Verdacht zu erregen. Es würde sie vielleicht

töten.« Nach diesen Worten entfernte sich Agathe wieder. Sylvester

fragte sich verwundert: »Was meint sie? Was weiß sie? Will sie mir zu

verstehen geben, daß sie es aufs Äußerste ankommen lassen wird und will

sie mich mürbe machen durch Ungewißheit?«

Doch erstaunte er über ihre Haltung, über ihre Würde. Sie grüßten

einander am Morgen, sie sagten einander Gutenacht am Abend, sie

unterhielten sich kühl und friedfertig bei Tisch, sie lächelten einander

zu, wenn sie an Silvias Bett saßen und spürten, mit wie angestrengter

Aufmerksamkeit Silvia sie beobachtete, sie vermochten es sogar, über die

durch Sylvester heraufbeschworene Schuldenkalamität sachlich zu

verhandeln, und als der Major und seine Frau herüberkamen, um der

Rekonvaleszentin einen Besuch abzustatten, spielte Agathe die Komödie

einer Gattin, die ihrem Mann einen Fehltritt großmütig verziehen hat und

mit ihm in neuen Flitterwochen lebt. Der Major war finster und

zurückhaltend; man sah es ihm an, daß er eine Auseinandersetzung

wünschte und sie diesmal nur um Agathes willen vermied; Martha war voll

Spott über die vermeintliche Dummheit Agathes und zeigte Sylvester eine

verächtliche Kälte.

Unzählige Male sagte sich Sylvester: »Ich ertrag es nicht mehr.« Aber es

war etwas in Agathe, das ihn niederzwang und gefügig machte. Oft lag ihm

ein Wort auf der Zunge, das sie nötigen mußte, ihm Rede zu stehen; es

gefror und wurde wesenlos, ehe er den Mund öffnete. Heimlich ging er im

Haus herum; heimlich pfiff er dem Hund und wanderte in den Wald;

heimlich las er ein Buch; heimlich redete er mit dem Inspektor und gab

Anordnungen und Befehle. Agathes rascher, kühner Schritt verfolgte ihn;

es knarrten nachts die Dielen unter ihrem Schritt, und sie schlief doch.

Unerbittlich schallte ihre tiefe Stimme. Ihr Auge war klar, der Blick

fest. Niemals und mit keiner Gebärde rechnete sie auf sein Wohlgefallen

und mit Strenge entäußerte sie sich alles dessen, was an weibliche

Schlauheit, an weibliche Schwäche und an weibliche Sehnsucht erinnern

konnte.

War sie zugegen, so vermochte er den Namen Gabriele nicht einmal zu

denken. Der Name enthielt das Fremdeste und zugleich das Vertrauteste,

ein auf einem geheimnisvollen Eiland geführtes Märchenleben, Glück und

Verzicht, Schuld und Entbehrung. Er liebte sich selbst in diesem aus

Herzensangst und Süßigkeit gemischten Gefühl. Sein Geist war in einem

beständigen leichten Rausch; er glaubte zu spüren, daß er begehrt wurde,

daß sie, die Ferne, mit ihren Träumen an ihm hing und er liebte sich

selbst in ihren Träumen. Er sah ihre herrliche Gestalt im dunklen Kleid

mit sanft verhaltenen Bewegungen: das junge Mädchen. Sie trauerte. Aber

schon nahm die Welt sie auf, der sie angehörte, deren Geschöpf sie war

durch ihre Kunst; schon vergaß sie den Mann, der an der Grenze zweier

Lebensalter stand und sie um ihre Jugend und ihre Kunst betrügen wollte,

vergaß ihre Leidenschaft für ihn, wie man einen Irrtum und die seine,

wie man eine schöne Abendröte vergißt. Erste Liebe wählt nicht: das

junge Mädchen ist die Kreatur des Liebenden. Kunst ist ein Moloch; sie

frißt Seelen und läßt ihrem Opfer nur den Schein der Selbstbestimmung:

die Sängerin geht zu den Menschen wie in der Sage die Schwanenjungfrauen

in mondhellen Nächten ans Gestade gehen und verdammt und ausgestoßen

werden, wenn man ihnen das Zauberkleid raubt.

Sylvester fing an, vieles als Gesetz und Notwendigkeit zu begreifen, was

er kurzsichtig als Mißgunst des Geschicks beklagt hatte, und voll

Resignation folgerte er, daß sein Leben nutzlos, überflüssig und

verbraucht sei.

Eines Abends, es war ungefähr eine Woche nach seiner Heimkunft, saß er

mit Agathe beim Nachtessen. Sie waren zum erstenmal allein bei Tisch;

bisher hatte Agathe immer den Inspektor und dessen Frau eingeladen.

Sylvester aß lustlos und in kleinen Bissen und fand das Beisammensein

beklemmend. »Marquardt hat gestern eine Andeutung fallen lassen, daß

Achim Ursanner nicht mehr in der Gegend weilt,« sagte er endlich; »das

ist mir neu. Ich habe vergessen, den Inspektor deswegen zu fragen. Weißt

du etwas Näheres?«

Agathe erzählte, wie sie vor einem Jahr Achim Ursanner besucht habe, wie

sich aus einem Gespräch ein Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen

entwickelt, und wie er einmal im Sommer in Erfft gewesen; wenige Tage

später sei das Anwesen in Randersacker abgebrannt und er habe ihr

geschrieben. Den Brief wußte sie beinahe Wort für Wort auswendig.

Sylvester runzelte die Stirn. Es war der blanke Widerspruchsgeist, der

ihn zu der Bemerkung veranlaßte: »Es scheint mir aber doch, daß der gute

Achim ein wenig wie ein Schwärmer und Starrkopf gehandelt hat. Um mit

den Menschen zu leben, muß man sich ihrer zu bedienen wissen, nicht

aber sie durch kindischen Trotz in Teufel verwandeln.«

»Findest du?« antwortete Agathe ruhig. »Ich dagegen finde, daß er wie

ein Mann gehandelt hat.«

Sylvester blickte jäh in ihr Gesicht. Das hatte messerscharf geklungen.

»Es gibt vielerlei Arten, wie ein Mann zu handeln,« versetzte er

abweisend.

»Nein; es gibt nur eine einzige.«

»Und die wäre?«

»Die ist: durch die Tat bekräftigen, daß außerhalb des egoistischen

Wohlbefindens noch etwas anderes, etwas Höheres existiert.«

Sylvester zuckte die Achseln. Nach ein paar Minuten stand er auf,

verbeugte sich höflich und ging in die Bibliothek. Er warf sich in den

breiten Polsterstuhl und dachte über Agathes Worte nach. Er haßte sie,

weil sie den Mut besaß, ihm dergleichen zu sagen; er haßte sie, weil

diese ihre Äußerung einen so tiefen Eindruck auf ihn übte; er wäre gern

zurückgegangen, um ihr zuzurufen: »Ich hasse dich,« wenn er nicht neben

dem Haß etwas empfunden hätte, das ihn klein und befangen machte.

Regungslos kauerte er einige Stunden hindurch. Plötzlich richtete er

sich empor und rief laut: »Es muß noch heute geschehen. Für uns beide

ist kein Raum in demselben Haus.«

Im Speisezimmer war es längst finster. Er hatte der Zeit nicht geachtet

und wunderte sich, als er wahrnahm, daß die Mitternacht vorüber war. Da

er aber den Augenblick benutzen wollte, der seinem Vorsatz den höchsten

Schwung verliehen hatte, betrat er Agathes Schlafgemach, entschlossen,

sie zu wecken. Er hatte eine Kerze angezündet und trug sie in der Hand.

Als er die Türe geöffnet hatte, war er erstaunt, zu sehen, daß mitten im

Zimmer ein gepackter Koffer stand. Agathe schlief fest. Ihr Gesicht war

blaß, um die Lider war ein Zug von Müdigkeit. Sylvester zauderte. Er

hatte stets Ehrfurcht vor dem Schlaf empfunden. Während er noch

überlegte, fiel sein Blick auf den kleinen Schreibtisch und auf einen

Brief, der, sicherlich kurz vorher geschrieben, noch offen dort lag. Er

setzte sich hin und las: »Das Kind ist Gott sei Dank so weit, daß ich

für mehrere Wochen zu Martha fahren kann. Bleibe so lange bei ihm, bis

du selber Erfft wieder verlässest. Ich gebe dir die Freiheit. Ich

hindere dich nicht, dir ein neues Leben zu schaffen, das deinen

Hoffnungen entspricht. Ich sehe ein, daß ich dir nicht mehr genügen

kann, und du mußt wissen, daß ich dir die Achtung nicht mehr

entgegenzubringen vermag, ohne die eine Ehe zur Hölle wird. Laß dich

nicht durch die Sorge um mein ferneres Glück oder Unglück beirren. Ich

bin gesund und kräftig, und ein Ereignis, auf das ich solange

vorbereitet war, kann mich nicht zerschmettern. Gehorche der Stimme

deines Herzens. Möge es zum Segen für dich sein. Die innerlich

vollzogene Trennung auch äußerlich in aller Form und tunlichst rasch

durchzuführen, darf ich dich wohl bitten. Agathe.«

Sylvester las den Brief dreimal. Da hörte er ein Geräusch und wandte

sich um. Agathe war erwacht und hatte sich, den Kopf auf die Hand

gestützt, halb aufgerichtet. Schweigend blickte sie herüber; schweigend

erwiderte er den Blick. Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog Agathe

die Bettdecke bis an das Kinn. Kein Vorspiel eines Lächelns war in ihrem

Gesicht, aber auch kein Unwillen, kein Befremden, keine Frage, nichts

als eine unbeschreibliche Ruhe. Sylvester stand auf, nahm die Kerze und

sagte: »Gute Nacht, Agathe.« In ihm tobten die seltsamsten, einander

feindseligen Gefühle, aber wenn man ihn auf die Folterbank gelegt hätte,

um ihm ein Wort zu entpressen, er hätte nichts anderes hervorbringen

können als dieses: »Gute Nacht, Agathe.«

In der Bibliothek griff er blind nach einem Buch. Es war die Bibel. Er

schlug eine Seite auf und las unter den Sprüchen Salomonis: Bewahre

dein Herz, denn aus demselben quillt das Leben.

* * * * *

Agathe war fort. Wenn Silvia sich nach ihrer Mutter erkundigte, wußte

Sylvester nicht, was er sagen sollte, denn das Kind hatte ein Auge, vor

dem sich schwer lügen ließ. Oft betrachtete sie den Vater so forschend,

als sei sie von der Sicherheit der gegenwärtigen Umstände keineswegs

überzeugt. Sie durfte schon aufstehen, mußte jedoch, des harten Winters

wegen, das Zimmer hüten. Beim Erwachen war ihr erstes Wort der Vater,

ihr letztes Lächeln am Abend war für ihn. Er spielte Kugel- oder

Lottospiele mit ihr, oder er setzte sie auf sein Knie und erzählte ihr

Geschichten, in denen zumeist von Piraten und Gespensterschiffen die

Rede war. Sie hing an seinem Mund mit einem Entzücken, das nicht bloß

der Geschichte galt; sie bewunderte seine Stimme, seine Art zu sprechen,

seinen Blick und die Bewegungen seiner Brauen. Zartfühlend erriet sie

auch jede Stimmung, in der sie ihm zur Last fiel; dann beschäftigte sie

sich auf eigene Faust.

So verflossen anderthalb Wochen. Sylvester hatte während dieser Zeit

viele Schreibereien, da er jetzt erst die Unordnung überblicken konnte,

in die er die Wirtschaft gestürzt hatte. Er korrespondierte mit Agenten,

mit Privatbanken, und mit einem reichen alten Onkel, der im

Westfälischen lebte und war ernstlich bemüht, seine Torheiten wieder

gutzumachen. Bei alledem war seine Lage so sonderbar, daß er immer die

Empfindung hatte, er tue etwas ganz anderes als was er hätte tun sollen.

Wartete Agathe nicht darauf, daß er fortging? War sie nicht seinem

verwegensten Wunsch zuvorgekommen, indem sie ihm schenkte, was er ihr

hatte abkämpfen wollen? Wie kam es, daß er blieb? Er begriff sich selber

nicht. Zwang er sich zum Nachdenken, so fand er nur Ausflüchte. Eine

solche Ausflucht war es, als er sich eines Tages sagte, es bedürfe, um

dem unnatürlichen Schwanken ein Ende zu machen, noch einer Unterredung

mit Agathe. Er schickte ihr durch den Gärtnerburschen einen Brief,

welcher lautete: »Liebe Agathe! Morgen werde ich vierzig Jahre alt.

Vielleicht ist dies der Grund eines Zögerns, das dir unerklärlich

erscheinen mag. Der Kreuzweg, an dem ich im Solstitium meines Lebens

stehe, stimmt mich wider meinen Willen feierlich. Ich kann deinen

nächtlichen Brief nicht als einen Abschluß betrachten. Gib mir

Gelegenheit, dich noch einmal zu sehen. Wir müssen als Freunde

voneinander scheiden. Eine Existenz im Paradies wäre mir vergällt, wenn

ich dich entfremdet wüßte. Ich schlage dir vor, daß wir uns morgen

nachmittag in Dudsloch treffen, es ist ein neutraler Ort zwischen den

feindlichen Lagern. Benachrichtige mich, ob du kommen wirst.«

Agathe trug dem Boten mündlich ihr Einverständnis auf.

Dudsloch war vier Kilometer von Eggenberg und sechs von Erfft entfernt.

Es lag in ziemlich ebener Landschaft und war auf drei Seiten von Wäldern

umgeben; im Südosten war das Maintal. Mehr eine Meierei als ein Gutshof

zu heißen, bestand es nur aus einem einfachen Bauernhaus und einigen

Stallgebäuden. Sylvester ritt nach dem Mittagessen hinüber und wurde von

Adam Hund mit schwermütiger Herzlichkeit, von Frau Brigitte Hund mit

einem mißlungenen Hofknicks empfangen. Frau Brigitte legte Gewicht auf

repräsentative Manieren. Daß sie eine Megäre war, erkannte man an ihrer

hohen Stimme und an ihrem sauersüßen Lächeln, von dem sie sich

einbildete, es sei gewinnend. Adam sah herabgekommen aus; die große

Welt, in der er verkehrt hatte, haftete noch an ihm wie, um in seiner

eigenen bildhaften Sprache zu bleiben, ein Rosenblatt an einer

Mistgabel. Während auf dem beschneiten Weg, der vom Strom heraufführte,

Agathe sichtbar wurde, fragte Sylvester, ob die oberen Zimmer ordentlich

durchheizt seien; er hatte am Morgen den Stallknecht eigens deshalb nach

Dudsloch geschickt. Adam bejahte; man habe auch gründlich lüften müssen,

denn die Räume seien so lange versperrt gewesen, daß die Atmosphäre dick

und muffig geworden sei.

Davon war noch etwas zu spüren, als Sylvester und Agathe eintraten. Es

waren zwei Zimmer, schmal und niedrig wie Käfige, mit gelbgetünchten

Wänden und altväterischen Möbeln. Hier hatten sie, weil damals das

Erffter Haus umgebaut worden war, die ersten Wochen ihrer Ehe verlebt.

Alle beide schienen diese Erinnerung in ihrem Gesicht auszulöschen, als

sich ihre Blicke begegneten.

Agathe legte Pelzmantel und Pelzhaube ab, strich ihre Frisur glatt,

rückte einen der winzigen Lehnstühle zum Ofen und ließ sich darauf

nieder. »Was willst du mir also sagen?« begann sie trocken.

Sylvesters Stirn verfinsterte sich. »Das ist eine ihrer Anwandlungen von

hölzerner Verstocktheit,« dachte er ärgerlich. Nach einem Stillschweigen

versetzte er, indem er ihr gegenüber Platz nahm: »Ich will dir sagen,

daß ich … daß ich keine Freude an mir habe.«

»Warum nicht? Ist denn nicht alles in Erfüllung gegangen, was du

begehrt hast?«

»Es ist nichts davon in Erfüllung gegangen.«

»Das tut mir leid. Jedenfalls liegt es nicht an mir, wenn deine Pläne

fehlgeschlagen sind.«

»Doch, Agathe, an dir, nur an dir.«

»Ich verstehe dich nicht, Sylvester. Was für Opfer soll ich noch

bringen?«

»Du willst mich nicht verstehen, Agathe. Ich habe dir ja geschrieben —«

»Du hast mir geschrieben, es sei dir unmöglich, im Bösen von mir zu

scheiden. Du legst Wert darauf, daß wir Freunde bleiben. Was soll ich

dazu sagen? Ich finde, daß du einen Luxus treibst, der etwas

Imponierendes hat. Es genügt dir nicht, für die Befriedigung einer Laune

den höchsten Preis zu zahlen, der bezahlt werden kann, du forderst auch,

daß diejenige, die hauptsächlich die Kosten zu tragen hat, versichert,

es sei nur eine Kleinigkeit, und man sei entzückt. Bin ich wie eine Kuh,

die man melkt und auf die Weide treibt und wieder melkt und so fort, bis

ans selige Ende?«

Sylvester verfärbte sich. »Jedes Wort, Agathe,« erwiderte er gepreßt,

»jedes Wort ist Mißverständnis und Entstellung. Ich befriedige nicht

eine Laune, ich habe das Unglück gehabt, eine Katastrophe zu erleben;

ich wage kaum, darüber zu sprechen. Meine Stimme versündigt sich an

meinem Gefühl. Ich habe nichts zu beichten. Ich liebte ein wundersames

Menschenwesen; ich liebte und wurde geliebt. Es war Verkettung von

Anfang der Welt her. Hättest du mich in einen steinernen Sarg gemauert,

ich hätte ihn zerbrochen und sie gefunden. Ich fand sie, und als ich sie

gefunden hatte, verlor ich sie. Ich konnte dich nicht vergessen, Agathe.

Wir beide konnten dich nicht vergessen. Was zwischen ihr und mir

vorgefallen ist, dürfte ich meiner Tochter erzählen. Du warst so

gegenwärtig, wie du es jetzt nicht einmal bist, so mächtig, daß ich vor

dir zitterte und wenn wir beieinandersaßen, dachten wir an dich, und

unsere Liebe wurde zum Raub an dir. An einem solchen Tag ging sie, und

ich habe sie nicht wieder gesehen.«

Der Mann von vierzig Jahren · 第 8 / 11 段