Die Brust war ihm eng, er mußte ins Freie. Am Brunnentrog wusch er das

Gesicht, dann stürmte er durch die Landschaft, und plötzlich entschloß

er sich, in die Stadt zu gehen. Dort angelangt, frühstückte er hastig in

einem Kaffeehaus an der Mainbrücke, danach suchte er den Professor

Barenius auf, seinen Universitätslehrer, einen der wenigen Menschen, mit

denen er noch Beziehungen unterhielt. In gepreßten Worten berichtete er

über die letzte Wendung des Prozesses und fragte den greisen Juristen,

ob er kein Mittel wisse, den Urteilsvollzug zu verzögern. Barenius

verneinte. »Ich werde die Kinder nicht preisgeben,« erklärte Ursanner

zähneknirschend. »Dann bleibt nichts andres übrig als mit ihnen zu

fliehen, und zwar rasch und ohne Aufsehen,« war die Antwort. Ursanner

schüttelte heftig den Kopf. »Fliehen? Das hieße ein Unrecht bekennen.

Nimmermehr.« — »Ich sehe nicht ein, was Sie sonst anfangen könnten, um

die Kinder zu behalten. Wollen Sie sich etwa gegen den Staat zur Wehr

setzen?« — »Man wird mich zwingen,« entgegnete Ursanner wild, »ich weiß

es und ich warte darauf.« — »Seien Sie klug, Achim, vertrotzen Sie sich

nicht,« mahnte der Professor. — »Um des Himmels willen, begreifen Sie

doch, was an mir verübt wird,« sagte Ursanner in einem Flüsterton, der

schrecklich klang; »man stellt mir die Welt auf den Kopf, und alles was

ich ehedem für heilig, ja nur für respektabel gehalten, erscheint mir

als ein Hexentanz der Lüge. Hätte ich etwas Außerordentliches erstrebt,

neue Ideale proklamiert oder einen neuen Gott gepredigt, ich wollte mich

nicht wundern. Doch ich habe bloß getan, was jeder redliche Mensch von

sozialem Gewissen tun müßte. So möge man mir denn zu Leibe gehen!

Vielleicht ritzt mich das Schwert der geschändeten Gerechtigkeit, und

ich kann mit größerem Fug als bisher Zeuge sein für die Verblendung und

die moralische Verworfenheit eines Volkes, das zu lieben ich mir einst

eingebildet habe.« Nach diesen Worten drehte sich Ursanner um und

verließ das Zimmer.

Der Gedanke, daß man sich während seiner Abwesenheit der Kinder

bemächtigt haben könne, peitschte ihn geradezu nach Hause.

Schweißbedeckt langte er an und atmete erst auf, als er die Knaben

hinter der Scheune spielen sah. Er befahl ihnen, in ihr Zimmer zu gehen,

dann rief er seine Leute zusammen. Es befanden sich in seinem Dienst

fünf Knechte, darunter der alte Schermer, der die Knaben beaufsichtigte,

außerdem drei halbwüchsige Jungen, die er aus dem protestantischen Asyl

zu sich genommen, und eine einzige Magd, die die Küche versorgte. Sie

war ihm erst in letzter Zeit durch einen Kaufmann in Markt-Erlbach

geschickt worden. Sie hatte ein heuchlerisches Wesen, und er mißtraute

ihr. Einer der Knechte wollte sie im heimlichen Gespräch mit dem

Fischhofbauern, dem bigottesten im ganzen Dorf, gesehen haben. Ursanner

schärfte den Leuten ein, daß die Tore bei Tag und Nacht versperrt

bleiben müßten, daß ohne seine ausdrückliche Bewilligung niemandem

geöffnet werden, daß ebensowenig einer den Hof verlassen dürfe und daß,

wer sich aus Angst oder sonstiger Ursache dem nicht fügen wolle, es

jetzt gleich sagen möge; dem werde der Lohn ausbezahlt, und er könne von

dannen ziehen.

Es meldete sich keiner. Ursanner bestimmte die Wachtposten, die von

Stunde zu Stunde abgelöst wurden und ließ die Doggen loskoppeln.

Der Nachmittag, die Nacht und der nächste Morgen verliefen ruhig. Kurz

vor zwölf Uhr schlugen die Hunde an. Auf dem Schlangenweg zeigten sich

drei Männer, einer mit einem Höcker, einer mit einer großen Hornbrille

und ein Gendarm. Durch das Lärmen der Tiere herausgelockt, trat Ursanner

an die eichenen Latten des Hoftores. Den mit dem Höcker kannte er, es

war der gegnerische Advokat; der mit der Hornbrille mochte ein

Gerichtsfunktionär sein. Als die drei Personen oben waren, entwickelte

sich zwischen Ursanner und dem Advokaten folgendes Gespräch: »Was

wünschen Sie?« — »Ich hoffe, daß Sie von dem Zweck unseres Besuches

unterrichtet sind.« — »Das bin ich.« — »Nun also. Wollen Sie uns nicht

einlassen?« — »Nein.« — »Was bedeutet das?« — »Es bedeutet, daß ich

das Urteil nicht anerkenne.« — »Sind Sie toll?« — »Ich weigere mich,

die Kinder herzugeben.« — »Das kann Ihnen teuer zu stehen kommen.« —

»Gewiß; ich bezahle die Dinge nach ihrem Wert.« Der Funktionär und der

Gendarm rissen vor Erstaunen die Augen auf. In dem häßlichen Gesicht des

Advokaten zeigte sich Mitleid. »Es muß Ihnen doch klar sein, daß Sie

sich eines Verbrechens schuldig machen,« sagte er; »wenn ich die Anzeige

erstatte, sind in einer halben Stunde zwanzig Gendarmen hier, und Sie

können sich denken, daß es nicht lange dauern wird bis dem Gesetz, so

oder so, Folge geleistet ist. Es läßt sich nichts dagegen einwenden, daß

Sie Ihre eigene Person ins Unglück stürzen wollen, aber die armen

unwissenden Menschen, deren Brotgeber Sie sind, mutwillig zugrunde zu

richten, haben Sie kein Recht. Belieben Sie den Umstand zu überlegen.«

Da schwieg Ursanner. Der Vorwurf traf ihn. Er konnte sich nicht

verhehlen, daß er hier eine unaustilgbare Schuld auf sich lud und nicht

mehr reinen Herzens vor das Tribunal der Menschheit treten durfte. Seine

erste Regung war, die Leute, auf deren Beistand er gezählt,

fortzuschicken, denn der tiefere Sinn seiner Absicht war ja bloß, die

Übermacht, der er weichen mußte, zu sehen und körperlich zu spüren,

damit das Maß der Unbill sich fülle, ohne daß er sich schmählich

unterwarf. Wenn sie einen Schuß abfeuerten und die Türen

zerschmetterten, war dem genügt; zu sinnlos ungleichem Kampf brauchte es

nicht zu kommen. Aber diesem Verlangen nach einer symbolischen Handlung

willfahrt die Wirklichkeit nicht; ihre Entscheidungen sind von gröberer

Art. Ursanner erbebte vor sich selbst. Noch einmal erhob sich der

furchtbare Trotz, und mit Wollust trieb es ihn zum Untergang und zur

Vernichtung; doch zugleich war ihm, als sei dazu ein Blick der Liebe

nötig, irgendeine Botschaft aus den Wohnungen der Schicksalsgeister, ein

pythischer Trost. Es leuchtete in seinen Augen, er schob die Brille in

die Höhe, um frei in den Himmel zu schauen, nickte vor sich hin, und

während er sich gegen das Haus wandte, bat er den Advokaten, er möge

sich eine kleine Weile gedulden.

Er ging in das Zimmer, in dem sich die Knaben befanden. Sie saßen mit

eigentümlich verbissenen Gesichtern am Fenster einander gegenüber und

ließen ihre Beine pendeln. Ursanner nahm einen Stuhl und setzte sich zu

ihnen. »Hört mal, Buben,« sagte er, »eure Mutter schickt nach euch.« Die

vier Beine hörten auf zu pendeln, und vier Augen blickten Ursanner

gespannt an. »Was meint ihr,« fuhr er scheinbar harmlos fort, »wollt ihr

am Ende mit den fremden Männern zu eurer Mutter gehen?« Kein Laut, nur

ein gieriges, forschendes Schielen. Das Blut rauschte Ursanner in den

Ohren; mit Mühe rang er um die Sprache. »Oder wollt ihr bei mir bleiben?

Redet nur frisch von der Leber weg.« Der jüngere Knabe, der den

offeneren Charakter besaß, sprang empor, klatschte in die Hände und

rief: »Zur Mutter, ach ja, zur Mutter! Das möchten wir, nicht wahr,

Friedel?« Friedel lächelte seltsam tückisch, und sein Vater durchschaute

in diesem verzweifelten Augenblick die gemütlose, verstockte und

unehrliche Seele dieses Kindes. »Ihr wollt also lieber zu eurer Mutter

gehen?« fragte er, ohne die Anstrengung zu verraten, die ihn diese Worte

kosteten. Jetzt riefen beide Knaben: »Ja, zur Mutter,« erlöst, freudig

und wie aus einem Mund.

Ursanner schaute im Zimmer umher. Er suchte den alten Knecht; als er die

Tür öffnete, um zu rufen, trat Schermer auf die Schwelle. »Packen Sie

die Kleider und die Spielsachen der Buben,« redete ihn Ursanner an, »in

einer halben Stunde müssen sie fertig sein.« Darauf kehrte er in den Hof

zurück, gebot, daß man die Hunde an die Kette lege und riegelte selbst

das Tor auf. Der Advokat und seine Begleiter traten ein. Jener war fein

genug, das veränderte Benehmen Ursanners mit einer stummen Verbeugung zu

quittieren. Auf der Chaussee hatten sich inzwischen eine Menge

Dorfbewohner versammelt, Männer und Weiber, und stierten mit bösen,

hämischen Gesichtern empor. Ein alter Bauer hob drohend beide Fäuste und

ein kahlköpfiger Mensch, der an Krücken ging, stieß mit krähender Stimme

Flüche und Schimpfreden aus. Ursanner sah und hörte es, sah und hörte es

auch nicht. Wie von einem elektrischen Schlag berührt, fuhr er zusammen,

als ihm Schermer mitteilte, daß die Kinder bereit seien. Sie kamen; sie

reichten ihm die Hände; sie stellten sich auf die Zehen, um seine Wange

zu küssen; ihre Augen glänzten und ihre Bewegungen waren voll

Lebhaftigkeit, — Ursanner sah es und sah es auch nicht. Der Advokat

redete etwas, der Funktionär zog den Hut, der Gendarm salutierte, dann

waren sie alle verschwunden, Schermer trug zwei Bündel hinterdrein, man

sah ihn noch lange auf der Landstraße wanken; der Krüppel unten

kreischte hysterisch, das Doggenweibchen fing an zu heulen, aber Achim

Ursanner stand wie zu Stein geworden. Den Knechten war er unheimlich.

Sie flohen seinen Anblick.

Am andern Morgen wurde ihm hinterbracht, daß es den Bauern gelungen war,

die Hunde zu vergiften. Er war abermals die ganze Nacht hindurch auf dem

rundgebogenen Sofa liegen geblieben. Eine Flasche Wasser, Wurst, Käse,

Brot und Früchte standen neben ihm auf einem Stuhl. In der getünchten

Stubendecke hatten die Sprünge und Risse auffallend interessante Figuren

gebildet. Er mußte sie beständig anstarren. Er wußte nicht, wieviel Zeit

vergangen war, als in einer Nacht eine Weiberstimme durch das Haus

gellte: »Es brennt, Herr, es brennt!« Die Magd war es, die Ursanner

weckte. Die beiden Scheunen und das Waschhaus waren bereits von den

Flammen ergriffen. Als Ursanner ins Freie trat, loderte auch das Dach

des Wohngebäudes wie Reisig. Die Landschaft lag weithin in roter Glut.

Die Kirchenglocken läuteten, das Dorf erwachte und geriet in Eifer, die

Knechte hatten sich schon ans Löschen gemacht, vermochten aber dem

Element nicht Einhalt zu tun; auch war zu wenig Wasser vorhanden. Die

Magd, die, merkwürdig genug, ihr Sonntagskleid am Leibe hatte, kniete

vor dem Zaun und betete. Gegen Morgen rückten die Löschmannschaften aus

Würzburg an; die Flammen züngelten aber nur noch in vier Ruinen.

Ursanner begab sich in die Stadt und mietete sich in einem Gasthaus in

der Nähe des Domes ein. In dem schmutzigen kleinen Zimmer schrieb er

folgenden Brief an Agathe.

»Es ist alles vorüber. Ihnen die Vorgänge in ihrer Reihe zu berichten,

dazu fehlt es mir an Mut, an Klarheit und an Worten. Die Kinder sind

weg, Haus und Hof sind eingeäschert, ich selbst bin auf dem Weg nach

Frankreich. Ich lasse in der Heimat nichts zurück, was mir die Trennung

erschwert. Ich lösche das Gedächtnis an ein Land aus, das meine Kräfte

gemordet, meine Fähigkeiten erstickt, meine Hingebung mit Verachtung

bezahlt und meinem Gemüt die unheilbare Krankheit des Menschenhasses

eingeimpft hat. Ich gehe nach Frankreich, um dort in den Kriegsdienst zu

treten. Die Franzosen schlagen sich fortwährend in Mexiko, in Algier und

in Asien. Der Marschall Montauban, bekannt oder berüchtigt durch seine

Expedition in China, weiß von mir, denn er war ein Jugendfreund meiner

Mutter. Leben Sie wohl, teure Frau. Ihr Bild raubt meinen letzten

Erlebnissen etwas von ihrer würgenden Schmach. Schenken Sie dem armen

Flüchtling bisweilen einen freundlichen Gedanken. Achim Ursanner.«

* * * * *

Agathe hatte die Nachricht von dem Brand in Randersacker durch die

Würzburger Botenfrau erhalten, die zweimal wöchentlich nach Erfft kam.

Die Zeitung brachte nur eine flüchtige Notiz. Es wurde allgemein

angenommen, daß das Feuer gelegt worden sei, und nun erhoben sich

Stimmen der Bevölkerung, die für Ursanner Partei ergriffen und dem

Kesseltreiben gegen den unglücklichen Mann steuern wollten. Eben hatte

sich Agathe entschlossen, zu Ursanner zu fahren, als sie seinen Brief

bekam. Während des Lesens konnte sie sich der Tränen nicht erwehren. Da

der Umschlag den Würzburger Poststempel trug, drängte es sie in die

Stadt, aber bei weiterem Bedenken sah sie das Fruchtlose eines solchen

Schrittes ein, da sie nicht wußte, wo er wohnte und er wahrscheinlich

schon abgereist war. Im Lauf der Tage begrub sie ihre mitfühlende Trauer

still in ihrer Brust, und eigene Not brachte die des Freundes in

Vergessenheit.

Daran war vor allem Silvia schuld. Das Kind verlor seinen Frohsinn nach

und nach gänzlich. Es liebte seine ehemaligen Spiele nicht mehr, nur

selten hörte man sein unbefangenes Geplauder, und das immer blasser

werdende Gesichtchen gab der Mutter Anlaß zur Sorge. Am meisten betrübte

es Agathe, daß das Mädchen immer jäh die Augen senkte, wenn es ihrer

ansichtig wurde, und Agathe gewann allmählich den Eindruck, daß ein

bestimmter Argwohn in dem Kind wuchere. Mit Schrecken nahm sie wahr, daß

Silvia ihr kein Vertrauen mehr entgegenbrachte, und um so beklommener

war ihre Lage, als sie es bei sich für unmöglich erklärte, dem

achtjährigen Geschöpf triftige und verständliche Aufschlüsse zu geben.

Sie ahnte ja, was das forschende und gequälte Wesen Silvias zu bedeuten

hatte, und obwohl sie sich sagte, daß dieser unentwickelten Seele die

volle Empfindungskraft und der entschiedene Wille eines erwachsenen

Weibes eigen sei, verbot ihr der verwunderte Hochmut und jene Scham,

welche gewisse Mütter bei frühen Persönlichkeitsäußerungen ihrer Kinder

spüren, dem armen kleinen Herzen in seiner Bedrängnis beizustehen.

Oft trat sie am Abend an das Bett Silvias, wenn diese mit offenen Augen

dalag und in die Dunkelheit schaute. Einmal glaubte sie das Kind im

Schlaf, da beugte sie sich und küßte es auf die Stirn. In demselben

Augenblick bemerkte sie, wie Silvias beide Hände sich zu Fäusten

zusammenkrampften und die zuckenden Wimpern verrieten, daß der Schlaf

geheuchelt war. Agathe empfand einen heftigen Schmerz; Zentnerlast

wälzte sich auf ihre Brust, und still ging sie hinaus. Eines Tages im

Juli geschah es, daß ein Hagelwetter das Getreide auf den Feldern und

den Wein an den Stöcken niederschlug. Die Erntehoffnungen für dieses

Jahr waren vernichtet. Agathe saß im großen Wohnzimmer, den Kopf in

beide Hände gestützt, und Inspektor Marquardt stand neben ihr, verlegen,

finster und schweigsam. Währenddem ging die Türe auf und Silvia kam

herein. Sie stellte sich zwischen den Inspektor und ihre Mutter und sah

diese an, und Agathe wurde aufmerksam auf Blick und Miene des Kindes. Es

war der große, kalte Blick befriedigter Rache, die grausame Miene der

Genugtuung. Unwillkürlich erhob sich Agathe. »Was willst du?« herrschte

sie das Kind an, »geh! Geh mir aus den Augen.« Ein Zittern überflog

Silvias Glieder, und sie gehorchte. Der Inspektor schaute ihr mitleidig

nach, weil er dachte, ihr sei unrecht geschehen.

Einige Wochen später war es, als Agathe den Brief Sylvesters erhielt,

den er in dem kleinen Wirtshaus in Twickenham geschrieben. Mit

unendlicher Bitterkeit las sie die Sätze, die ihr allzu verstiegen und

allzu demütig erschienen, um ihr Gefühl aufzurühren. Doch wußte sie

sogleich, was für eine Bewandtnis es mit dem Brief hatte, und daß er von

verhängnisvollen Banden umstrickt sein mußte, um so vor ihr zu betteln.

Sie hatte sich längst abgefunden mit ihrem Los, doch die mahnende

Stunde, das unerbittlich Gegenwärtige des Bruchs und der Zerstörung

wirkte auf sie, als ob man ihr die Haut vom Leibe risse. Silvia saß

draußen auf einem hochbeladenen Heuwagen; sie hatte den Briefträger

gesehen und konnte durch die offnen Fenster in die Stube blicken. Nun

kletterte sie vom Wagen herunter und eilte ins Haus. Zögernd trat sie

ein, richtete aber die Augen furchtlos gegen Agathe und fragte: »Was

schreibt denn der Vater?« Agathe war betroffen von der Divination wie

auch von der verstellten Ruhe in der Stimme des Kindes. Es war das

erstemal, daß sich Silvia durch eine unmittelbare Frage nach ihrem Vater

erkundigte, aber der mißtrauische und heimlich gereizte Ton erzürnte

Agathe, und sie antwortete: »Deinem Vater geht es gut. Was dich

betrifft, so nimm dich in acht, Kind, daß du mir nicht durch Dünkel und

Vorwitz verhaßt wirst. Nicht was du sprichst, sondern wie du dich gibst,

ist über deine Jahre und steht dir nicht an. Wenn du älter und klüger

bist, wirst du einsehen, daß man mit einem so kleinen Mädchen nicht über

die ernsten Dinge sprechen kann, die Vater und Mutter beschäftigen.«

Silvia lächelte. Es war ein sehr besonderes Lächeln, das ungefähr zu

sagen schien: »Du weichst mir aus und du willst mich täuschen, aber ich

frage ja nur, um zu ergründen, ob du mich täuschen willst.« Nicht Dünkel

und Vorwitz lag in dem Lächeln, sondern eine gleichsam in Träumen

gewonnene Erfahrung. Von diesem Tage an wünschte Silvia, daß sie sterben

möge, denn nun wähnte sie die Gewißheit erlangt zu haben, daß der Vater

niemals zur Mutter zurückkehren werde. Warum es so war und so sein

mußte, begriff sie nicht; daß es so war, überhauchte ihr Wesen mit einer

Schwermut, die aus der abgöttischen Liebe zum Vater stammte. Sie

entbehrte ihn; sie verdorrte ohne ihn wie eine Blume ohne Regen. Sein

Tod hätte sie vielleicht härter getroffen, doch hat der Tod für die

Phantasie eines Kindes eine abschließende und verklärende Macht. Sie

wußte, daß er lebte, irgendwo draußen in der Welt lebte und die Tatsache

seines plötzlichen Verschwindens, seiner Abwesenheit, seines

Fernbleibens erfüllte sie mit um so größerer Bangigkeit und Sehnsucht,

als sie in sich selber die Ursache davon erblickte.

Sie bildete sich nämlich ein, daß er nur deshalb fortgegangen war, weil

er sie nicht mehr hatte leiden mögen, weil er Unarten an ihr entdeckt

und sie häßlich gefunden hatte und eine andere, bessere, schönere

Silvia haben wollte. Sie entsann sich, wie oft sie ihn geärgert hatte

durch Grimassenschneiden, Lärmen auf der Treppe, Naschhaftigkeit und

Ungehorsam; sie konnte sich dies nicht verzeihen, nie, solange sie

lebte, würde sie sich's verzeihen können. Nur um unter dem Gewicht der

eigenen Schlechtigkeit nicht erdrückt zu werden, verfolgte sie das Tun

und Treiben der Mutter mit tadelsüchtigen Augen, war fast glücklich,

wenn sie einen Fehler, eine Schwäche an ihr beobachtete, und mit

derselben wunderlichen Unbarmherzigkeit stand sie den Dienstleuten

gegenüber und allem Mißgeschick, das dem Hause zustieß.

Bisweilen erwachte sie in der Nacht, und ihr war, als habe sie den Vater

lachen gehört. Dann vermochte sie sich seine Züge so eindringlich

vorzustellen, daß sie seine beim Lachen blitzenden Zähne sah und seine

Augen, deren spottlustiger Glanz sie oft ergötzt hatte. Am meisten hatte

sie ihn bewundert, wenn er ritt, und sie kannte kein größeres Vergnügen,

als in einer dunklen Ecke zu kauern und sich zu erinnern, wie prächtig

er auf dem Pferde gesessen war, und wie die Leute auf den Feldern sich

von ihrer Arbeit aufgerichtet hatten, um ihm lange nachzuschauen.

Es verging kein Tag, ohne daß sie der Gefahren dachte, die ihn draußen

in der unbekannten Welt bedrohten. Wilde Tiere konnten ihn überfallen;

er konnte von einer Eisenbahnlokomotive ergriffen und von den Rädern

zermalmt werden; er konnte in ein tiefes Wasser stürzen, sich in einem

Wald verirren, in die Hände von Räubern geraten; er konnte einen Feind

haben, der in einer finstern Gasse hinter ihm herschlich, um ihn zu

erstechen; er konnte krank werden und kein Mensch war da, der ihn

pflegte. Jede solche Möglichkeit malte sie sich aus, bis ihre Kraft zu

denken vor Mitgefühl und Kummer erlosch.

Ihr dünkte, daß es gut und mutig wäre, hinauszuziehen und ihn zu suchen.

Sie war davon überzeugt, daß sie ihn finden würde. Den ganzen Sommer

über spielte sie mit diesem Plan, und schon mehrmals hatte sie sich

aufgemacht und war ein Stück Wegs über die Chaussee marschiert, um dann

furchtsam wieder umzukehren. An einem Tag im Oktober war sie weiter

gelangt als vordem, da hörte sie lautes Rufen und stehenbleibend sah sie

die dicke Österlein auf sich zurennen. Unter Schelten und Küssen

schleppte sie den entflohenen Liebling zurück, und erst als Silvia

versprach, einen derartigen Frevel nicht mehr zu begehen, gelobte sie,

gegen die Mutter zu schweigen. Auf Silvia hatte das Versprechen keine

andere Wirkung, als daß sie sich vornahm, beim nächstenmal pfiffiger zu

sein. Ein paar Wochen lang wurde sie freilich von Frau Österlein mit

Argusaugen bewacht, und Silvia grämte sich, daß die Tage immer kürzer

wurden und das Wetter immer schlechter.

Es war an einem Morgen, als Agathe wegen der fälligen Zinsen der von

Sylvester in Paris aufgenommenen Anleihe nach Eggenberg zu fahren

beschlossen hatte. Sie wußte nicht, wie sie das Geld auftreiben sollte

und sah sich gezwungen, Hilfe oder wenigstens Rat vom Major zu erbitten.

Silvia schlief noch, als sie ging. Zufällig berührte sie die Stirn des

Kindes und sagte zur Österlein, die Stirn scheine ihr heiß, die Frau

möge acht geben und Silvia im Zimmer halten. Silvia erhob sich mit einem

Frösteln aus ihrem Bette und ließ sich von der Pflegerin ankleiden, was

seit Monaten nicht mehr vorgekommen war, denn sie war in solchen Dingen

sehr selbständig. Darauf ging Frau Österlein ins Bügelzimmer und dachte,

das Mädchen werde wohl bei seinen Schreibheften sitzen bleiben. War es

nun der fieberische Zustand oder das erwünschte Alleinsein oder die zu

undämmbarem Drängen gewordene Sehnsucht, genug, Silvia verließ auf

einmal die Stube und das Haus, schritt, ohne gesehen zu werden, über den

Parkweg an der Orangerie vorbei und durch eine kleine Gartenpforte

gegen den mehrere hundert Meter weit entfernten Wald. Sie hatte weder

den Mantel angezogen, noch ihre Mütze aufgesetzt, aber sie spürte den

rieselnden Regen nicht und ging erst langsamer, als sie unter den Bäumen

war. Wie ist das nur, überlegte sie, es geht immer weiter, da vorn geht

es immer weiter, da hinten geht es immer weiter und in den Himmel hinauf

geht es immer weiter: es ist komisch und langweilig. Die neblige

Dunkelheit im Forst erschreckte sie, und bald fühlte sie sich äußerst

müde. Sie mußte beständig zu Boden schauen; so oft sie den Blick erhob,

drehte sich alles im Kreise um sie. Die Stille tat ihr weh, aber wenn

das dürre Laub unter ihren Füßen raschelte, wollte ihr Herz vor Angst

brechen. Zuweilen bog sich der Weg nach links oder nach rechts, dann

glaubte sie, der Vater komme ihr entgegen, und sie beschleunigte ihren

Schritt. Allmählich wurden jedoch die Beine gar zu schwer; und wie kalt

es plötzlich war; es schüttelte sie durch und durch. Sie setzte sich auf

einen Wurzelstrunk und schluchzte leise in sich hinein. Schließlich fiel

sie auf die Seite und verlor die Besinnung.

Gegen Mittag kam ein Holzfäller vorüber. Erstaunt betrachtete er das

bleiche, überirdisch schöne Gesicht des anscheinend schlummernden

Kindes, warf seine Last zur Erde, hob das Mädchen aus dem nassen Moos

und trug es über eine Stunde Wegs nach Erfft zurück, wo alles in größter

Sorge und Bestürzung war. Frau Österlein, der Inspektor, der Gärtner,

der Stallbursche und zwei Mägde hatten die Gegend schon nach jeder

Himmelsrichtung durchstreift, nur an den Wald hatte keiner gedacht. Frau

Österlein war stumm erschüttert, als sie das Kind aus den Armen des

Bringers nahm. Sie trug die bewußtlose Silvia in deren Zimmer, riß ihr

die Kleider vom Leib und brachte sie zu Bett. Zwei Stunden später begann

die Kranke zu delirieren. Am Abend, noch ehe Agathe eingetroffen war,

kam der Arzt, und als er ging, sagte er zu Frau Marquardt, die ihn in

den Flur begleitete: »Ich fürchte, das Kind wird den morgigen Tag nicht

mehr erleben.«

* * * * *

Der Mann von vierzig Jahren · 第 7 / 11 段