Adam hatte sich getäuscht, als er glaubte, mit dieser beredten und

vorsichtigen Schilderung unerquicklicher Zustände auf seinen Herrn

Eindruck zu machen. Sylvester antwortete nicht, und die Gleichgültigkeit

seiner Miene erfüllte den diplomatischen Zwischenträger mit Besorgnis.

Ein äußerster Grad von Sehnsucht kann eine zweite Wirklichkeit

erschaffen. Gefesselt in jedem Betracht, flohen Sylvesters Sinne in ein

anderes Reich, das kein erträumtes, das wesensvoller für ihn war als die

zu ertastende und mit leiblichen Augen zu erschauende Gegenwart. Während

er apathisch und regelmäßig dem Trieb bestimmter Gewohnheiten folgte und

den Stunden des Tages gab, was sie von ihm verlangten, waren sein Geist

und seine Seele ausgewandert, den Körper als eine zufällig bewegte Hülle

hinterlassend.

Er fühlte genau, daß in dieser Epoche seines Daseins innerer und äußerer

Besitz auf dem Spiele stand: Vernunft, Behagen, Tätigkeitsfreude,

Vermögen und Gesundheit, das Ererbte und das Erworbene; er wußte, was er

verloren hatte und was ihm jede Minute des tödlichen Brütens raubte:

seinen Stolz, sein Selbstvertrauen, die Kraft, zu wirken und dienendes

Glied zu sein; er erkannte, daß er sich auf Vorrechte der Jugend nicht

mehr berufen durfte, daß der Hinweis auf das Versäumnis höchsten Glückes

die Verachtung der Menschenpflichten nicht entschuldigen würde, daß über

dem leidenschaftlichen ein sittliches Gebot war, dennoch wühlte er sich

mit Begierde immer tiefer in den Schmerz, und die Einsicht, daß seine

Jugend vorüber war, endgültig für alle Zeiten vorüber, daß er zum

letztenmal erglüht, zum letztenmal erwählt war, zum letztenmal die

Seligkeit der Entäußerung, die Lust der Bezauberung, die Süßigkeit der

Blutesnähe und den entzückenden Schauer der Wiedergeburt in einem andern

Herzen gespürt, daß alles dies dahin war, für ewig dahin, wie durch

Todesurteil verwirkt, eben die Einsicht verfinsterte sein Gemüt und

zerstörte seinen Willen.

Er lebte zwiefach. Sein eigentliches Leben führte er im Schloß zu

Bangor. Halluzinationen, die sich erneuerten und fortsetzten, machten

ihm den fremden Bezirk vertraut. Er sah die alte Normannenburg mit ihren

efeubewachsenen Höfen, dem stumpfen Turm und den gezackten Mauern. Er

ging über die ehemalige Zugbrücke und unterhielt sich mit Sir Randolph,

während er zugleich aufs Meer schaute. Einige Herren kehrten plaudernd

von einer Segelfahrt heim. Die jungen Leute hatten Kricket gespielt,

sie eilten mit heiterem Lachen von der Wiese herüber, und die weißen

Kleider der Mädchen flatterten im Seewind. Der Gong ertönte, eine lange

Frühstückstafel war gedeckt, und Silber und Porzellan auf dem Tisch

hoben sich reizvoll gegen die braungetäfelten Wände ab. Zwei Hunde, ein

Spitz und ein Terrier, wirbelten kläffend durch den Saal, und Lady

Canning, die ihre Migräne hatte, beschwerte sich darüber beim Kastellan.

Miß Holland, ein sehr mageres Mädchen mit Sommersprossen, erzählte, daß

sie einen großen Brasiliendampfer gesehen habe, und Monsieur Renard

behauptete, in Barrow habe man einen Walfisch gesichtet. Sylvester

bestritt die Möglichkeit und Gabriele nahm seine Partei. Ein

scherzhafter Wortkampf entspann sich, und Sylvesters Schlagfertigkeit

erregte allgemeines Vergnügen. Monsieur Renard, verdrießlich über seine

Niederlage, wurde von Mrs. Watch getröstet, die ihm ihre mit Schokolade

gefüllte Bonbonniere reichte.

Sylvester ging zur Küste des Meeres hinunter und gewahrte Gabriele von

ferne. Sie gab ihm kein Zeichen, obwohl sie ihn zu erwarten schien. Sie

trug einen Reiseanzug und blickte gespannt auf ein Boot, das sich dem

Ufer näherte. Er konnte nicht zu ihr gelangen, seine Füße verwickelten

sich in Gestrüpp, er bückte sich, um sich frei zu machen, und als er

sich aufrichtete, war Gabriele verschwunden und mit ihr auch das Boot.

Er rief, die Brandung übertönte seine Stimme; er eilte ins Schloß

zurück, suchte sie in der Kapelle und in vielen Zimmern, und es war ihm,

als ob sie jeden Raum, den er betrat, kurz zuvor verlassen hätte.

Dennoch hatte er beständig das Gefühl, daß sie ihn erwartete. Da wurde

es Nacht. Alles schlief im Hause. Sylvester ging durch die langen,

finstern Korridore und öffnete Gabrieles Schlafgemach. Es war ein sehr

großes Zimmer mit drei riesigen Fenstern, über denen Vorhänge aus

scharlachrotem Damast hingen. Auf einer Spiegelkonsole brannte eine

Kerze, und weit davon in einer Mauervertiefung stand das Bett, in

welchem Gabriele lag. Sie hatte die Türe nicht versperrt, weil sie ihn

erwartete. Zugleich hatte sie um seinetwillen gehofft, daß er nicht

kommen würde. Er kniete an dem Lager hin und faßte ihre Hand. Sie floh

sichtlich, ihre Seele floh vor ihm; sie zitterte wie ein gefangenes Reh.

Wenn er sie anschaute, schüttelte sie den Kopf, und ihre Finger preßten

flehentlich die seinen. Die Nacht verwandelte sie in ein Naturwesen,

doch ihr Blut, ihr Auge und ihre des Widerstandes schon müden Glieder

widerstrebten ihm. Da erst empfand er ihren ganzen Wert, die ganze

Unschuld ihres Herzens, das Erschütternde und zur Ehrfurcht Zwingende

der nie zuvor Berührten, die dem Ansturm des Geschlechts nur im höchsten

Schmerz ihrer Liebe unterliegt. Er gab ihr die Namen von Blumen, denen

sie verwandt war und dachte an schöne Tiere, an die ihre Grazie

erinnerte. Unüberwindliche Scheu verbot ihm, sie zu umarmen, und er

liebte sie mit opfernder Inbrunst, die alle sinnlichen Empörungen

erstickte. Die Nacht hindurch kauerte er an ihrem Bett, und ehe er ging,

beugte sie sich zu ihm, enthüllte furchtlos die Lieblichkeit der

Schultern und das edle Spiel jugendlicher Körperlinien, schlang die Arme

um seinen Hals und küßte ihn.

Eines Nachmittags kam sie auch in sein Zimmer in London. Es war die

letzte und entscheidende Begegnung in diesem seltsamen Erleben außerhalb

des Wirklichen. In der Dämmerung trat sie ein. Ihr Gesicht unter dem

Schleier war sehr bleich. Er wußte, was sie hergetrieben hatte, er

begriff ihr Mitleid und ihr Leiden, ihre Frage und ihren Vorwurf, und

nun war es beschlossen für ihn, daß er nach Hause reisen und von Agathe

seine Freiheit fordern müsse. Von der Stunde an war die Schwäche und

traumhafte Schwermut von ihm gewichen.

Am selben Abend schrieb er ein paar kurze Zeilen an Gabriele, worin er

sie lakonisch, jedoch mit dem Ton festesten Ernstes von seinem Plan in

Kenntnis setzte. Den nächsten Vormittag verwendete er mit Adams Hilfe

zum Packen und um fünf Uhr saß er in der Eisenbahn, die ihn zur

Hafenstation brachte. Adam summte vor Freude Kirchen- und Kneipenlieder

bunt durcheinander.

Genau drei Tage später erblickte Sylvester vom Kupeefenster aus die

Würzburger Marienfeste, an der noch immer gebaut wurde, seit sie,

während des Mainfeldzugs vor drei Jahren, von den Preußen in Brand

geschossen worden war. Novembernebel hüllte die Stadt in flaumigen

Dunst, und der an den Rebenhügeln hingleitende Strom war von der

untergehenden Sonne blutrot gefärbt.

* * * * *

Die Mühe, die sich Agathe in den ersten Monaten ihres Alleinseins

gegeben hatte, Wirtschaft und Haushalt vor jener Verlotterung zu

bewahren, die sich notwendig einstellen muß, wenn das anerkannte

Oberhaupt fehlt, hatte sich in Teilnahmslosigkeit verkehrt, als der

törichte und leichtsinnige Aufwand, den Sylvester trieb, offenbar lag.

Sie liebte nicht das Geld, aber sie achtete es, weil es eine gewisse

Summe von Arbeit, Überlegungen und Entbehrungen darstellte und die

persönliche Unabhängigkeit sicherte. Daran gewöhnt, zu sparen und selbst

bescheidene Bedürfnisse nur zu erfüllen, wenn sie unabweisbar wurden,

erregte Sylvesters Verschwendung ihren Schrecken und, nachdem er das

Bankdepot erhoben hatte, mit Wucherern in Beziehung getreten war, die

Ernten im voraus verschleudert, Wechsel in Umlauf gesetzt, also das

Gespenst der Not und der Schuldbedrängnis heraufbeschworen hatte, ihren

Abscheu und ihre Verachtung.

Sie überließ dem Inspektor Marquardt die Aufsicht über beide Güter,

anfangs nur der Form nach, schließlich in jeder Weise, denn um tätig zu

sein, brauchte sie die Überzeugung der Förderlichkeit und des sichtbaren

Gelingens, hier aber konnte sie nur im Geringfügigen nützen, indes ein

unersättlicher Vampir das Lebensmark aus dem Besitze sog. Daß die

bezahlten Diener den Vorteil der Herrschaft nicht über ihren eigenen

stellen würden, war ihr klar, und mit dem Gedanken an Untreue,

Fahrlässigkeit und schlechte Führung der Geschäfte hatte sie sich längst

vertraut gemacht.

Ihre Schwester Martha, die Frau des Majors, redete ihr zu, sie solle

doch mit dem Kind nach Eggenberg übersiedeln, der Major würde dann

Erfft und Dudsloch von seinem Vetter verwalten lassen, der ein

erfahrener Ökonom sei. Agathe weigerte sich. »Ich äße bei dir und deinem

Mann doch nur das Gnadenbrot,« sagte sie, »und das paßt mir nicht. Gehen

die Dinge schief, so will ich wenigstens dabei sein, obschon ich nichts

ändern kann; dem Verderben zusehen ist besser, als es bloß ahnen.«

Um jene Zeit wußte der Major noch nichts von Agathes Geldsorgen, erst

der schwatzhafte Inspektor verschaffte ihm Aufklärung. Am folgenden

Sonntag kam er und zog Agathe in ein förmliches Kreuzverhör. Sie gab nur

zu, was sie nicht leugnen konnte. Sie behauptete, Sylvester sei mit

ihrem Einverständnis ins Ausland gereist, sie billige seine

Lebensführung und habe zu klagen keine Ursache. »Ich glaube dir nicht,«

polterte der Major; »entweder bist du blind, oder du willst mich blind

machen.« — »Ich wollte, ich wäre in dem Sinne blind, den du meinst,«

erwiderte Agathe mit unfreiwilliger Offenheit. Der Major brauste auf.

»Schön; so werde ich deinem Herrn Gemahl schreiben,« rief er, »und wenn

er noch einen Funken Ehre im Leib hat, so wird er nicht im Zweifel

darüber sein, was er dir und der Familie schuldet.« Da trat Agathe ganz

nahe vor ihren Schwager hin, blitzte ihn mit ihren wunderbar energischen

Augen drohend an und sagte hart und bestimmt: »Du wirst ihm nicht eine

Zeile schreiben, Konrad. Nicht eine Zeile, verstehst du? Weder du noch

Martha. Von dem Tage an, wo dies geschähe, hättet ihr mich zur Feindin

und ich kennte euch nicht mehr.« Der Major senkte betroffen den Kopf,

ging zum Fenster und trommelte an die Scheiben. Agathe aber, indem ihre

Stimme tiefer und ruhiger wurde, fuhr fort: »Sylvester schuldet mir

nichts und schuldet der Familie nichts. Er weiß, was er tut und tut

wahrscheinlich, was er muß. Daß er kein Mensch nach dem Reglement ist,

habt ihr immer gewußt, nun beweist er's, und wir müssen uns damit

abfinden.« Der Major zuckte die Achseln: »Wenn du dich damit abfindest,

hat niemand das Recht zur Einrede,« versetzte er, »aber es freut mich

doch, daß in dem Fall wieder einmal mein altes Wort zur Wahrheit wird:

ein schlechter Bürger, ein schlechter Mann. Und das, meine liebe

Schwägerin, das mußt du schlucken, so eifrig du ihm auch den Anwalt

machst.«

Nach ein paar Tagen erschien Martha und versuchte ihre Schwester mit

List zu einem entschiedenen Schritt zu bestimmen. Agathe durchschaute

sie schnell und wies sie fast verächtlich ab. In nachhaltiger

Verstimmung kehrte Martha nach Hause zurück und grollte der Schwester

monatelang. Der Major, viel zu gutmütig, um die Erbitterung seiner Frau

zu teilen, ritt jede Woche einmal nach Erfft, brachte Silvia eine Puppe

oder ein Kleidchen mit und prüfte die Rechnungen, die ihm der Inspektor

vorlegte. Agathe war ihm dankbar, trotzdem sie von der Vergeblichkeit

solchen Beistands durchdrungen war. Daß der Major auch ein bißchen in

sie verliebt sein könne, fiel ihr nicht im Traume ein.

In der Nachbarschaft und unter den Bekannten wurde über die rätselhafte

Abwesenheit Sylvesters mancherlei geredet, wie sich denken läßt.

Forschenden Blicken zu begegnen, Vertraulichkeiten abzuwehren und

taktlose Neugier zufriedenzustellen, hatte Agathe keine Lust; nicht bloß

aus diesem Grund, sondern auch, weil ihr die Menschengesichter immer

weniger gefielen, mied sie Gespräche und Zusammenkünfte und verbarg sich

still in ihrem Hause. Achim Ursanner, der einzige, dessen Gesellschaft

ihr bisweilen erwünscht gewesen wäre, gab selten ein Lebenszeichen, und

gesehen hatte sie ihn seit ihrem Besuch in Randersacker nicht mehr.

Einmal hatte er ein paar Stellen aus einem Brief Sylvesters geschickt,

ein anderes Mal die Abschrift einiger kraftvoller Sätze aus der

Schopenhauerschen Abhandlung: Von dem, was einer vorstellt. »Die Erde

ist von einem heillosen Gezücht bevölkert,« hatte er hinzugefügt, »und

was mich vor der Verzweiflung, ja vor dem Selbstmord rettet, ist

einerseits die Erkenntnis, daß dieses Gezücht in unermeßlicher

Geistesfinsternis begraben ist (denn wir alle, Frau Agathe, wir alle

unterschätzen sehr die Macht und Souveränität der Dummheit), anderseits

der Trost und Zuspruch aus den Werken der wenigen großen Männer, die in

diese üble Welt versprengt sind wie Goldkörner in eine Felsenwüstenei.«

An einem Nachmittag im Juni kam Frau Österlein zu Agathe und meldete,

daß ein fremder Mann drunten warte. Sie konnte den Namen des Ankömmlings

nur verzerrt wiedergeben, aber Agathe erriet sogleich, daß es Ursanner

sei. Sie eilte hinab und begrüßte ihn. Pferd und Wägelchen, die ihn

hergebracht, standen am Tor.

Er sah ziemlich vernachlässigt aus; sein Bart war gewachsen, auf der

Stirn und neben den Nasenflügeln hatten sich tiefgehöhlte Furchen

gebildet, und sein Blick erhob sich selten bis zu den Augen Agathes. Er

hatte nervöse Gesten und oft mitten im Sprechen Sekunden der

Gedankenflucht. Der Händedruck, mit dem er Agathes Gruß erwiderte, war

eigentümlich klammernd. »Seien Sie mir nicht böse, daß ich Ihre

Freundlichkeit so spät heimzahle,« begann er, »doch was ich wünsche und

was ich darf, das ist so verschieden wie Himmel und Hölle.«

Agathe bot ihm eine Erfrischung an, er wollte nichts nehmen und

verlangte nur einen Trunk Wasser. Dann fragte er nach Silvia, aber das

Kind war mit Frau Marquardt zum Bad gegangen. »Schade, ich hätte das

Mädchen gerne gesehen,« meinte Ursanner, und Agathe, indem ein Schatten

über ihre Stirn zog, erwiderte, auch sie hätte gern erfahren, wie er

über das Kind denke; »sie ist so sonderbar seit einiger Zeit, so

verschlossen, so launenhaft, manchmal wird mir angst und bang.« —

»Davon kann ich ebenfalls ein Lied singen,« sagte Ursanner halblaut; »an

unsern Kindern merken wir immer, wie die Welt zu uns steht, und das gibt

meistens ein trauriges Echo. Doch wie wär's,« fuhr er lebhafter fort,

»wenn wir einen Spaziergang machten, Frau Agathe? Haben Sie Lust?«

Agathe stimmte zu. Am Mittag hatte es gewittert, jetzt war es schön

geworden. Laub und Wiesen glänzten, und die Mücken, die in der Luft

schwärmten, sahen aus wie Silberspäne. Agathe begehrte zu wissen, ob

sich in Ursanners schlimmen Angelegenheiten etwas verändert habe.

Ursanner ging eine Weile nachdenklich neben ihr her, dann sagte er:

»Lassen wir das doch, Frau Agathe. Meine Sachen sind dermaßen

beschaffen, daß man am besten darüber schweigt. Um mich und in mir

wird's schwärzer mit jedem Tag. Letzte Nacht nun, wie ich schlaflos in

meinem Bette lag, dacht' ich mir: morgen will ich einmal in ein liebes

Gesicht schauen, und ich dachte an Sie dabei und nahm mir vor, zu Ihnen

zu gehen. Das gab mir meine Ruhe wieder, und ich konnte einschlafen. Da

bin ich also, Frau Agathe, und wenn ich eine Bitte tun darf, ist es die,

daß wir nicht von meinem Elend sprechen.«

»Die Bitte muß ich Ihnen schon aus Dankbarkeit erfüllen,« antwortete

Agathe, und mit einem Seufzer setzte sie hinzu: »Aber es dünkt mich, wo

immer zwei Menschen beisammen sind, sprechen sie von ihrem Elend.«

»Sie trinken das Bittere, weil Süßes drauf folgt, heißt irgendein Vers,«

sagte Ursanner. »Bei mir nicht. Sie, Frau Agathe, spüren das Süße schon

auf der Zunge, denn Ihr Schicksal, dessen bin ich gewiß, wird sich bald

zum guten wenden. Sie gehören nicht zu denen, die niedergetreten werden,

dessen bin ich gewiß.«

»Sie haben recht, daß Sie meine Leiden nicht schwer nehmen,« entgegnete

Agathe; »was soll's auch weiter? Man hat etwas genossen, was man dann

entbehren muß. Das Herz gewöhnt sich so leicht an einen Glückszustand,

daß es ihn fordern zu können glaubt und sich ganz ungebührlich benimmt,

wenn es verzichten soll. Ich hoffe selbst, daß es mich nicht

niederwirft.«

»So war die Meinung mit nichten,« sagte Ursanner, »aber ich sehe schon,

Sie ziehen Ihr Mißverständnis meiner Zuversicht vor. Jeder liebt seinen

Schmerz, und heute scheinen Sie unversöhnlicher gestimmt als damals.«

»Wissen Sie denn nicht, daß er von mir gegangen ist, ohne mir auch nur

ein Wort zu sagen, weder ein gutes, noch ein böses Wort?« rief Agathe

stehenbleibend; ihre Wangen entfärbten sich, und die Hände hatte sie auf

die Brust gedrückt. »Er ist fort wie einer aus einem Garten schleicht,

aus dem er Äpfel gestohlen hat, wie einer, der mit Falschspielern am

Kartentisch gesessen ist und voll Ekel aufsteht und sich entfernt. Was

kann ich aber machen? Bin ich nicht für mein Leben entwürdigt? Hat er

mir nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, daß ich nur Zeitvertreib

und Füllsel für ihn war?«

»Es ist nicht so, es ist nicht so,« beschwichtigte Ursanner die

leidenschaftlich Erregte. »Nicht wie ein Apfeldieb, auch nicht wie ein

Spieler ist er gegangen, sondern vielleicht wie ein abergläubischer

Schatzgräber; solche Leute haben oft eine geheimnisvolle Manier und sind

von ihrem Trieb bis zur Sinnlosigkeit besessen. Denken Sie doch einmal

mit aller Güte an ihn, deren Sie fähig sind. Erinnern Sie sich seiner

besten Augenblicke, und Sie werden Mühe haben, sein Bild so finster zu

sehen, wie es Ihnen Ihre beleidigte Empfindung zeigt. Ein sonst

vortrefflicher Mensch, und das ist Sylvester doch, der einem teuren

Wesen Schlechtes zufügt, leidet mehr als dieses Wesen selbst. Man

braucht oft nur ein wenig Einbildungskraft, um dem Häßlichen einer Tat

die Qual anzumerken, die sie dem Täter bereitet.«

»Nein, nein,« entgegnete Agathe, »das verwirrt mich. Wer eine einfache

Pflicht erfüllt, hat niemals so feine Auslegungen nötig wie der, der sie

mißachtet. Was für Geschöpfe sind doch die Männer! Wahllos in ihren

Neigungen, skrupellos in ihren Gelüsten, erfinden sie eine neue

Weltordnung, um der Schwäche und dem Laster einen großartigen Namen zu

geben, und für ein Mysterium der Natur möchten sie gelten lassen, was

nur Überdruß und Lüsternheit ist. Hab' ich nicht denselben Anspruch

darauf, mein Leben auszuschöpfen? Bin ich nicht auch aus Fleisch und

Blut? Ist bei mir Sünde, was bei ihm Not ist? Was ihm erlaubt ist, soll

mir verwehrt sein? Warum? Maßt sich ein Weib dergleichen an, so kehrt

ihm jeder Mann und jedes Weib den Rücken. Wie, wenn ich ihm eines Tages

sagte: ich habe mich vergessen, nur ein einziges Mal, aber ich habe mich

vergessen —? Dann wäre ich die Verräterin, und er, der mich im Tiefsten

verraten hat, der Gott, der seine Ehre rächt. Ist das billig?« Sie hob

einen Zweig vom Boden auf und riß mit heftigen Gebärden die Blätter

herunter.

Achim Ursanner lächelte. »Sie könnten es nicht, auch wenn Sie wollten,«

antwortete er, »und damit ist alles gesagt. Eine Ehe ist nur äußerlich

ein Vertrag zwischen Gleichberechtigten, in Wahrheit hat sie die ganze

Bosheit und Gefährlichkeit der natürlichen Einrichtungen, denen wir

durch Widerstand und Kampf nichts von ihrer majestätischen Willkür

abdingen können. Überall wo im Kosmos Kräfte verteilt sind, streben sie

zur Harmonie, und was wir als sinnliche oder sittliche Gebote in uns

spüren, sind nur Zeichen für die Elemente einer höheren und meist sehr

grausamen Ordnung. Weib und Mann! Es ist, als ob man zwei Sterne im Raum

durch eine Brücke verbinden wollte.«

»Ja, sind wir denn los und ledig und ist jeder nur Werkzeug? Muß man

alles was geschieht, erdulden, bloß weil es geschieht?«

»Das Weib ist für die Ehe geboren, der Mann muß zu ihr entschlossen

sein; das erklärt vieles, scheint mir.«

»Wohl möglich,« versetzte Agathe entmutigt. »Klüger werde ich mit diesem

Lehrsatz nicht. Und wenn er dazu entschlossen ist, gewinn' ich nur, was

er mir freiwillig gibt; was er mir vorenthält, darf ich ihm nicht

verargen. Er besitzt mich, ich aber bin von seiner Gnade abhängig. Das

wollen Sie doch sagen, nicht wahr? Sie fanden mich unversöhnlich

gestimmt; und nach alledem klingt das wie Hohn. Kehrt er eines Tages

zurück, so sucht er seine Bequemlichkeit bei mir, wie er sie vorher

gesucht hat. Er hat mich weggeworfen, er wird mich wieder aufheben. Die

Wunde, die er geschlagen hat, wird vernarben, der Mensch ist ein

Ungeheuer an Vergeßlichkeit. Das Band, das er zerrissen hat, wird

geflickt werden; hat der Magen nur sein Futter und der Kopf ein Dach, so

kann man schon miteinander leben. Wagt' ich's, Rechenschaft zu fordern,

was soll ich tun, wenn er mir antwortet: wer gibt dir das Recht dazu? In

der Tat: wer gibt mir das Recht dazu? Meine Blüte ist dahin, was für

Lockmittel hab' ich, was für Drohungen, wie kann ich vergelten? Also,

was nennen Sie denn das Unversöhnliche an mir?«

Wieder blieb sie stehen, mitten auf dem Waldweg stand sie, aufrecht und

streitbar gleich einer Walküre, und ihr italienischbraunes Gesicht mit

den großen Augen machte das abendliche Zwielicht förmlich heller.

Achim Ursanner schaute sie bewundernd an, und jäh schoß ihm der Gedanke

durch den Sinn: mit einem solchen Weib an der Seite hätte ich siegen

können. Er senkte rasch den Blick und entgegnete: »In Ihnen ist mehr

Blühen als Sie ahnen. Grübeln Sie nicht, Frau Agathe, hadern Sie nicht!

Seelen wie die Ihre sollen brennen, nicht glimmen. Handeln Sie stets

nach Ihrem reinen Gefühl, denn dieses ist die Stimme Ihres Schicksals.

Und fragen Sie sich selbst, fragen Sie Ihr Herz fromm und ruhig nach der

Zukunft, so werden Sie erfahren, daß in Ihrem eigenen Innern keine

Furcht und kein Zweifel ist.«

Agathe lauschte bestürzt; das klang wie ein Abschied und wie ein

Vermächtnis. Sie wußte nichts zu erwidern. Schweigend gingen sie das

Waldtal hinunter und über die nassen Wiesen gegen den Gutshof. Ursanner

hatte Eile; ohne vorher ins Haus zu treten, stieg er in den kleinen

Wagen und trieb das alte Pferd heimwärts.

* * * * *

In Randersacker wartete schon seit dem Nachmittag ein Gerichtsbote auf

Ursanner. Schlimmes ahnend, riß er dem Mann das Dokument aus den Händen.

Es war das Urteil der letzten Instanz, gegen das es keine Berufung gab

und lautete, daß Ursanner die beiden Knaben innerhalb dreier Tage von

der Stunde der Rechtsgültigkeit des Verdiktes ab der Mutter auszuliefern

verpflichtet sei, da er durch eine das öffentliche Ärgernis erregende

Haltung als Bürger wie als Mensch seiner Ehegattin den Aufenthalt in

seinem Hause unerträglich gemacht, seine Erziehungsprinzipien dem

gegründetsten Mißtrauen preisgegeben und somit seine väterlichen

Ansprüche verwirkt habe.

Er entließ den Boten mit einem knurrenden Laut. Die Kehle war ihm

ausgedörrt, er mußte etwas Scharfes trinken und griff nach einer Flasche

Kirschwasser auf dem Spind. Nachdem er die ätzende Flüssigkeit

hinabgegossen, stand er wieder unbeweglich und starrte zu Boden. Auf der

Landstraße drunten zog ein Haufe von Burschen johlend vorüber. Die eine

der drei Doggen, das Weibchen, bellte dumpf. Vom Kirchturm schlug es

zehn Uhr.

Als die Glocke die elfte Stunde ankündigte, stand er noch ebenso

unbeweglich. Von Zeit zu Zeit heftete er einen finster ungläubigen Blick

auf das Gerichtspapier, das auf dem großen Tisch unter der Lampe lag.

Plötzlich fing er an wie rasend auf- und abzugehen. »Du Hund,« sprach er

zu sich selbst, »was willst du noch dahier? Der Schinder kommt, dein

Jappen hilft nichts mehr. Sie drängen dich in die Ecke und geben dir den

Genickfang. Geifere nur, das rührt sie nicht, das ergötzt sie bloß,

geifere nur, du einfältiges Vieh.«

So wütete er bis gegen drei Uhr nachts. Dann warf er sich bäuchlings auf

das gebrechliche, rundgebogene Sofa, preßte die Fäuste in die

Augenhöhlen und stürzte sich in den Schlaf wie man sich ins Wasser

stürzt. Als er erwachte, war das Zimmer so voll Qualm der Lampe, die

geblakt hatte, daß die Strahlen der Morgensonne ihn nicht durchdringen

konnten.

Der Mann von vierzig Jahren · 第 6 / 11 段