Gabriele, und ihre Wangen erglühten. »Die Ehe steht über der Liebe. Sie
steht deswegen über der Liebe, weil sie zwei Menschen vereinigt. Aus
eins kann man nicht mehr zwei machen. Und wenn Sie Agathe auch nicht
lieben, sie ist in Ihnen drin, Sie können nicht leben ohne sie. Sie
können ihr untreu sein, aber Sie können nicht Liebe finden ohne Agathe.
Sie ist immer da, wo Sie sind, immer, immer. Wäre sie nur eine Frau, so
wäre das Band zerreißbar; doch sie ist Mutter, und zwischen euch wächst
ein Kind, und dem seid ihr verfallen beide.«
Es war Sylvester zumute, als habe er für ewige Zeiten seine Seligkeit
verloren. Er schaute verzweifelt vor sich hin.
Da es zu dämmern begann, gingen sie zur Chaussee, wo der Phaethon
wartete. Sie stiegen ein, und Gabriele schmiegte sich in die Ecke. In
ihren Augen brannte noch die Flamme der Beredsamkeit; die jonisch
geschwungenen Lippen hatten einen Ausdruck von beseelter Kraft.
Sylvester griff nach ihrer Hand, und sie überließ ihm die Hand, befangen
zwar, doch ohne Mißtrauen. Plötzlich glitt er auf die Knie nieder und
drückte ihre Finger an seinen Mund. Hastig flüsternd befahl sie ihm,
aufzustehen. Er gehorchte und nahm wahr, daß sie zitterte. Ihr Gesicht
wurde totenbleich. Er atmete in schweren, langen Zügen und umfing sie;
ihre stählerne Brust tobte gegen seine Arme; ihr wilder Blick flüchtete
in die Landschaft hinaus, die wie gefärbtes Wasser vorüberrann. Auf
einmal wurde alles weich an ihr, der Kopf fiel ihm zu wie geknickt, die
Augen schlossen sich, die Lippen suchten seine, Schmerz und Glück waren
ein einziges Gefühl, ein kurzes nur, und als sie sich aufrichtete, war
dieses schon Verbot, und jener strömte aus unheilbarer Wunde. Sie saßen
schweigend nebeneinander; er hielt noch ihre Hand, deren Pulsschlag sein
Geschick besiegelte. Gabriele entzog sie ihm nicht, denn es war Abend
geworden. Beim Abschied grüßte sie ihn nur mit einem Blick.
Als Sylvester nach Hause kam, sah er neben der Lampe das Bild Silvias
stehen, ein Miniaturporträt, das er vor zwei Jahren in München nach
einer Photographie hatte anfertigen lassen. Da er sich nicht erinnerte,
es mitgenommen zu haben, auch während seiner Reisen es nie bemerkt
hatte, fragte er Adam verwundert, wie er dazu gelangt sei, und Adam
erwiderte, er habe es beim Aufräumen in einer Schatulle gefunden.
Sylvester setzte sich an den Tisch; während er spürte, wie sein ganzer
Körper gleichsam hinuntergerissen wurde in eine Flut der Leidenschaft,
betrachtete er das Bild des schönen Wesens, und sein Auge schien
ängstlich zu fragen: bin ich dir wirklich verfallen, Silvia? So
übermächtig war diese Leidenschaft, daß er in geheimnisvoll
verbrecherischem Trotz eher den Tod des geliebten Kindes erdenken konnte
als den Verlust Gabrieles.
* * * * *
Es wurde Schicksal.
Sie schrieb ihm: »Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Am Schlusse stand
aber: »Helfen Sie mir.« Da wußte er genug und küßte sein eigenes
Spiegelbild wie ein Narr.
Er ging zu ihr. Sie wohnte in einem Landhaus in Twickenham. Anna Ewel
führte ihn in den Garten, wo Gabriele saß, die Hände über den Knien
verschränkt. Sie empfing ihn kühl. Er hatte vieles sagen wollen, nun war
es schal im voraus. Ihre Härte verletzte ihn; er erhob sich, um zu
gehen; da machte sie eine erschrockene Bewegung mit dem Arm, und ihr
Gesicht bebte vor Bestürzung. Sie zwangen sich zu ruhigem Gespräch, aber
mit jedem Wort wurde die Kette enger, die sie umschlang.
Sie trennten sich wie Fremde. Sylvester hatte nicht die Kraft, in seine
Behausung zurückzukehren. An der Landstraße war ein kleines Gasthaus; er
ließ sich ein Zimmer geben, warf sich dort auf das Sofa und haderte
stumm. Als es Abend wurde, zündete er zwei Kerzen an, verlangte
Briefpapier und schrieb an Agathe, — zum erstenmal seit zehn Monaten.
»Ich bin deiner Nachsicht gewiß. Du hast Rechte auf mich, aber laß sie
mich nicht fühlen. Du hast Grund, mich zu verdammen; tue es nicht. Ich
möchte an dich als an eine Freundin denken. Ich möchte an dich glauben
als an einen Menschen, der mich liebt, ohne meine Person als Einsatz zu
fordern. Du warst mir sehr nah in den letzten Tagen. Ich suchte dich und
mied dich, ich fürchtete dich und brauchte dich. Ich bin hilflos, wenn
ich dich feindselig weiß, und stark, wenn du mich billigst.«
Solche Töne hat die Lüge nicht. Sylvester hatte nicht gewußt, was ihm
Agathe war. Nicht an die Gattin wandte er sich, nicht an die Gefährtin,
auch nicht an die Mutter seines Kindes, sondern an die Richterin über
sein Leben.
* * * * *
Als er Gabriele im Wagen geküßt, hatte ihn noch Eitelkeit getrieben und
Eroberungslust erfüllt. Es war, wie wenn der Beginn dieses Kusses noch
Spiel gewesen wäre, sein Ende aber schon Unwiderruflichkeit enthalten
hätte. Und nicht bloß für ihn. Gabriele war so neu, so wahr, daß jene
flüchtige Berührung entscheidend für sie blieb. Sylvester erkannte es
wohl; der Sammet der Frucht ist noch unversehrt, sagte er sich beglückt,
ein Beweis, daß das Zarteste in der Natur auch das Stärkste ist. Aber er
ahnte nicht, daß ihre äußere Kälte eine sehnsüchtige Glut verbarg, ihre
Schweigsamkeit ein unbeirrbares Gefühl, ihr fliehender Blick ein für
immer ergriffenes Herz.
Sylvester kannte diese Seele nicht. Er glaubte, bürgerliche Feigheit
mache sie zurückhaltend. Er hatte zu viele Frauen kennen gelernt, um
noch reinen Instinkt zu besitzen. Er sah das geliebte Mädchen in allen
Gestalten und Verwandlungen, die sein Argwohn, seine Ungeduld, seine
bösen und guten Träume heraufbeschworen. Er schlief nicht mehr. Er
konnte stundenlang liegen und nur an ihre Hand denken; er hörte nur
ihre Stimme, wenn Menschen sprachen; er sah nur sie gehen, wenn Menschen
gingen; er spürte nur sie, wenn Gegenstände seine Haut berührten. Jeder
Tag ohne sie war gespensterhaft, jeder Abend ein Leiden, jede Nacht ein
Alpdruck. Er flüsterte ihren Namen in die Luft, um den Klang zu
vernehmen, es gab nichts in der Welt, was er nicht in Beziehung zu ihr
setzte, und wenn andere Leute von ihr redeten, zuckte er zusammen wie
ein Verbrecher bei der Erwähnung seiner Übeltat. Die Leidenschaft
erfüllte ihn von oben bis unten, ja sogar über dem Schatten lag sie, der
ihn begleitete. Sie spannte ihn schmerzlich, sie machte ihn sich selbst
verachtenswert, sich selbst wunderbar; die Wirklichkeit wurde zu einem
Schemen die Zeit etwas so Wahnvolles, daß er in Stunden der Trauer
zehnmal starb, in Sekunden der Freude Ewigkeiten lebte. Seine ganze
Existenz war eine Mischung von Torheit, Rausch und Fieber geworden, und
wenn er drei Wochen zurückdachte, so dünkte ihn die eigene Person von
damals ein fremdes, scheintotes Ding.
Es geschah, daß er am Abend nach Twickenham ging, und vor Gabrieles Haus
auf und ab wandelte, bis der Morgen anbrach. Gabriele erfuhr es nie. Er
war bei alledem so stolz, daß er durch vergebliches Werben sich nicht
erniedrigen wollte. Einmal in einer schönen Nacht trat sie in einem
weißen Gewand auf den Balkon und schaute zu den Sternen empor. Da war
es, daß er mit überirdischem Schauer die Größe des Weltraums begriff. Er
stand verborgen an einem Zaun und blickte zur Kassiopeia so wie sie; der
Erdball hatte keine Geschöpfe mehr als ihn und sie, und auf den feurigen
Bahnen der Sterne begegnete er nur ihr allein.
Vergötterung ist ein schönes Wort; man muß viel von der Gottheit
besitzen, um vergöttern zu können, und wenn der Vergötterte auch nicht
zum Gott wird, erhoben, beschwichtigt und beseelt wird er doch. Gabriele
spürte dies; es schien ihr leichter zu gehen, müheloser zu atmen, aber
an andern Tagen kam dann eine Lauheit über sie, eine kraftlose
Schwermut; ihre Arme wurden träg, ihre Worte unbestimmt, ihr Geist
bedrückt, und Menschen, denen gegenüber sie sich bisher heiter und frei
gegeben hatte, nahmen die Veränderung wahr. Frau von Rhynow trat eines
Nachmittags bei Sylvester ein und sagte: »Mein lieber Sylvester, was ist
mit Gabriele vorgegangen. Sie ist nicht mehr dieselbe. Ich bin besorgt
um sie. Merken Sie denn nichts?« Sylvester antwortete mit einem Blick,
der alles verriet. »Um Gottes willen,« begann die alte Dame zu jammern,
»Sie wollen doch das Mädchen am Ende nicht zu Ihrer Geliebten machen?
Das geht auf keinen Fall. Das wäre Tollheit, Schurkerei und kann nicht
geduldet werden. Jetzt geht mir ein Licht auf, jetzt wird mir manches
klar. Ich beschwöre Sie, teurer Freund, schlagen Sie sich das Mädchen
aus dem Kopf, die ist zu gut für dergleichen.« Sylvester stand am Kamin,
seine großen Zähne blitzten, und er sah vor Blässe fast grau aus. »Sie
können sich auch von Agathe nicht scheiden lassen,« fuhr die Rhynow
eifrig fort; »es gibt viele Frauen, bei denen ich mir vorstellen kann,
daß man sich von ihnen scheiden läßt, bei Agathe nicht. Ich weiß nicht
genau, warum, ich weiß nur, daß es unmöglich ist. Wer Agathe einmal
gesehen hat, der weiß, daß es unmöglich ist. Und Sie wissen es auch.«
Sylvester antwortete nicht; in matter Haltung auf der Seitenlehne des
Sessels sitzend, verkrampfte er die Finger ineinander. »Mein armer
Freund,« sagte Frau von Rhynow, »ich verstehe alles. Wäre ich ein Mann,
mir ginge es ebenso. Ich fordere nicht, daß Sie heute schon einen
Entschluß fassen, aber wahren Sie Ihre Besonnenheit. Schonen Sie
Gabriele.«
Die wohlmeinenden Rater nähren stets ein Feuer, das zu löschen sie
gekommen sind. Nun, wo es Gefahr bedeutete und Wächteraugen zu betrügen
waren, achtete Sylvester keine Schranke mehr. Er schrieb sieben Briefe
an Gabriele, die er alle wieder zerriß; seine Phantasie gab dem
Abenteuerlichen, dem Märchenhaften Raum, doch wenn er dann Gabriele vor
sich sah, in ihrer lieblichen Unruhe, in ihrer scheuen Gespanntheit und
wie sie immer wieder versuchte, sich dem finstern Element zu entziehen,
dann stockte er verzweifelt und wußte keinen Weg mehr.
Er fuhr zum Rennen nach Epsom und erblickte sie auf einer Tribüne neben
der Gräfin Shrewsbury. Sie hatte den Kopf zurückgewandt und sprach
fröhlich mit einigen Herren, als sich ein ungewöhnlich schöner junger
Mann im Reitkostüm zu der Gruppe gesellte. Sylvester kannte ihn vom
Sehen, es war der Viscount Darrington, ein Jüngling von zwanzig Jahren
mit einem Gesicht und einem Körper wie von Phidias gemeißelt. Sylvester
stand unten im Gewühl und beobachtete jede Gebärde Gabrieles. Ihm wurde
eiskalt, als sie dem jungen Menschen zulächelte, und als der Viscount,
der sich am Herrenreiten beteiligte, ihre Hand beim Abschied länger als
es nötig schien in der seinen behielt, legte sich ein purpurner Dunst
über Sylvesters Augen. Wenige Minuten später begann das Rennen. Mit
solcher Aufmerksamkeit, daß seine Lider kaum blinzelten, verfolgte
Sylvester die Gestalt des jungen Edelmanns, der auf einem Grauschimmel
bald unter den Vordersten über das Feld flog. Hundert Meter weiter
überflügelte er den Ersten, und Sylvester war es, als sei alles für ihn
verloren, wenn jener als umjubelter Sieger ans Ziel gelangte. Er
wünschte nicht, er befahl, daß der Jüngling zu Fall kommen möge und in
einer Art von Raserei sammelte er seine Gedanken in diesem Willen.
Gleich darauf ertönte ein hundertfacher Schrei. Der Grauschimmel hatte
vor dem letzten Hindernis versagt. Sylvester gewahrte wie im Schein
eines Blitzes den Körper des Viscount in der Luft, dann eilten viele
Menschen hinüber, um dem regungslos auf der Erde Liegenden beizustehen.
Er hatte beide Arme gebrochen und aus seiner Nase rann Blut.
Das ist also möglich, fuhr es Sylvester schaudernd durch den Sinn, warum
sollte es etwas Unmögliches geben? Sein schuldvoller Blick suchte
Gabriele. Die Zuschauer auf den Tribünen hatten sich erhoben und
plötzlich sah er, wie sich Gabriele durch die Menge drängte; hastig und
beklommen trat sie zu ihm, schob ihren Arm unter den seinen und bat, er
möge sie in die Stadt bringen. Kaum saßen sie im Wagen, so fing es an
zu regnen und nach einer Viertelstunde Wegs wurde aus dem Regen ein
Wolkenbruch. Die Pferde scheuten ein paarmal, der Kutscher mußte
absteigen und sie führen.
Gabriele schaute wie geistesabwesend vor sich hin; in seiner sonderbaren
Verwirrung und inneren Not glaubte Sylvester, sie denke nur an den
Viscount, während ihr dies und ihr ganzes gegenwärtiges Leben nur wie
Wolkenziehen vorüberging. Sie sprach aber nichts, und in ihrem Schweigen
war etwas Redeverbietendes. Sylvester hatte den Kopf gesenkt und ihm
schien, als ob sein Herz in einer salzigen, brennenden Lauge zersetzt
würde. Weshalb ist sie mit andern liebenswürdig, ja freudig erregt,
grübelte er, und mir zeigt sie ein erstorbenes, verdunkeltes Wesen? Er
hätte Ehre und irdisches Heil dafür gegeben, wenn er diese Frage an sie
hätte richten können und Gabriele sie beantwortet hätte. Aber es lag
eine unermeßliche Entfernung zwischen ihnen. Was bedeutete jedoch der
Blick, als sie ausstieg, dieser volle, tiefe, strahlende, flehende,
demütige Blick? Schon war sie im Eingang des Theaters verschwunden.
Sie spielte an diesem Abend zum letztenmal in der Saison. Es wurde der
Barbier von Sevilla aufgeführt, und nach den Aktschlüssen glich das
Theater einem mit brüllenden Tieren gefüllten Käfig. Als die Oper zu
Ende war, ging Sylvester hinter die Kulissen. Anna Ewel geleitete ihn in
eine Ecke, wo sich Gabriele vor den vielen Menschen versteckt hielt, die
ihre Garderobe belagerten. Sie kauerte auf einem hölzernen Karren und aß
eine Birne. Über das Kostüm der Rosine hatte sie ein schwarzes Tuch
geschlagen, und die weiße Haut des Nackens und der Büste leuchtete
eigentümlich feucht. »Ich will nach Hause wie ich bin,« sagte sie, »wir
können das Theater unbemerkt verlassen, wenn wir durch den finstern Gang
dort gehen. Meinen Mantel, Anna.«
»Soll ich denn mitkommen?« fragte Sylvester. Sie nickte.
In der Villa draußen war ein Imbiß vorbereitet, aber Gabriele hatte
keinen Hunger. Sie ließ Sylvester einige Zeit allein, dann kehrte sie in
einem Gewand aus weichem, weißem Kaschmir zurück und setzte sich still
an den Tisch. Die Fenster waren offen; schon herbsteten die Abende, und
die Bäume hauchten einen zarten Modergeruch aus. Während er allein
gewesen, hatte Sylvester eine Laute genommen, die an der Wand hing; er
hatte sie betrachtet und es wunderbar empfunden, daß in dem Instrument
unbekannte Melodien schlummerten, die er nicht hervorlocken konnte;
wieviel wunderbarer dünkte ihn jetzt Gabrieles Anblick, dieser atmende
Leib, aus dem die Gottheit Töne zauberte, welche die Armut der Menschen
in Reichtum und ihre Nüchternheit in Überschwang verwandelten.
Seine Finger glitten zerstreut über die Saiten und erzeugten ein sanft
vibrierendes Geräusch, dem einer fernen Windharfe ähnlich. Gabriele nahm
ihm die Laute aus der Hand, rückte sie in vertrauter Weise zurecht, und
ihre Züge hatten einen versonnenen Ausdruck, als sie einige dunkle
Akkorde anschlug. Dann schüttelte sie entschlossen den Kopf und legte
die Laute beiseite.
»Ich liebe dich, Sylvester,« sagte sie, »du weißt es, daß ich dich
liebe. Wie es gekommen ist, das kann ich nicht erklären; wozu auch, es
muß nicht erklärt sein. Ich bin nur ein Weib, nicht besser und nicht
schlechter als andere, und wie soll ich's verwinden, daß du es bist,
gerade du, den ich liebe. Sprich mir nicht von Glück, tröste mich nicht
mit Hoffnungen, sag' nicht, daß ich vergessen soll und daß es Stunden
gibt, die ausgleichen, und daß man seine Lust aneinander haben kann,
wenn auch morgen die Welt untergeht. Das ist alles nicht für mich. Sieh,
Liebster, du bist wie einer, von dem ich nur eine Hand halten kann, die
andere ruht in der Hand einer andern. Die andere hat ihr Leben auf dich
gesetzt, sie will und kann nicht von dir lassen, und könnte sie auch,
bei mir würde sie erst lebendig werden für dich, und du bist der Mann
nicht, der ein lebendiges Geschöpf ins Grab wirft. Ich fühle ja, wie es
um dich steht, aber ich kann nicht tun, was du verlangst. Nicht Agathes,
nicht des Kindes wegen; wenn du bei mir bist und ich dich sehe, ist mir,
als könnt' ich darüber hinwegkommen; auch an dem, was man Ehre nennt,
liegt mir dann nichts mehr. Aber ich will lieben, so wie man stirbt,
ganz, ganz und ohne Rest. Und ich will geliebt sein so wie man
untertaucht im Meer, tief ins Bodenlose. Wie soll ich das, Sylvester,
bei dir, der ein böses Gewissen zu mir bringt? Widersprich mir nicht,
sei wahr, in diesem Augenblick sei wahr gegen mich! Das böse Gewissen,
es ist ja eigentlich das gute und edle Gewissen, dein Menschenherz, es
würde dich immer zu mir treiben, aber nicht bei mir halten, und wir
würden schlecht und müde. Und nun sag' mir, was sollen wir tun?«
Sie hatte leise gesprochen und als sie geendet hatte, schaute sie ihn
voll schüchterner Erwartung an. Sylvester, ohne Schmerz noch Freude, in
einem schwebenden Gefühl, erwiderte ebenso leise: »Ich habe dich
gespürt, als ich noch in der Heimat war. Ich habe dich mit mir
herumgetragen wie eine Schwangere den Schößling trägt, bis du wesenhaft
wurdest, bis du erschienen bist. Ich habe andere genossen wie man
Wurzeln verzehrt, wenn keine Speise da ist. Ja, ich will wahr sein;
deine Worte sind das größte Unglück meines Lebens, denn du hast recht
mit allem was du sagst. Was wir aber tun sollen, das weiß ich durchaus
nicht. Nur daß ich ohne dich nicht existieren kann, weiß ich. Fliehen
wir, Gabriele, geh mit mir auf ein Schiff, laß uns über den Ozean
fahren, versuch' es mit mir, vielleicht zeigt es sich, daß deine Furcht
unbegründet war —«
»Jetzt belügst du dich doch,« unterbrach ihn Gabriele sanft. »Es gibt
keine Freiheit durch Anmaßung, es gibt kein Recht, das einer nur für
sich selber schafft. Freilich, es gibt Menschen, die solches zustande
bringen, aber ich bin dazu nicht robust und du, Lieber, bist nicht
phantasielos genug. Wir sind Menschen und müssen tun, was menschlich
ist.«
Dies sagte sie mit einer so unheimlichen Hoheit und Ruhe, daß Sylvester
vor ihr erschrak.
»Es war mein Plan, morgen nach Bangor zu gehen,« fuhr sie fort; »du hast
geglaubt, daß wir in Bangor beisammen sein könnten. Es darf aber nicht
sein. Ich will ja nicht, daß wir uns nie wiedersehen sollen, wie könnt'
ich das, aber wir müssen uns die Möglichkeit zur Besinnung geben, du mir
und ich dir. Wenn dir also am Aufenthalt in Bangor etwas liegt, so werde
ich anderswohin gehen. Antworte mir, Sylvester. Zürnst du? Wie schwer
ist es doch, das Richtige zu tun!«
»Ich werde nicht nach Bangor gehen,« sagte Sylvester stockend.
Unwillkürlich streckte Gabriele die Arme aus, und mit einem dumpfen Laut
stürzte er zu ihr. In ungeheurer Bewegung ergriff sie seinen Kopf und
drückte sein Gesicht in ihren Schoß. Sie beugte sich über ihn und
stammelte: »Lieb' ich dich denn? Ich liebe dich ja gar nicht. Ich liebe
ja einen andern, der nicht da ist und den ich nicht kenne. Jetzt mußt du
gehen, Sylvester. Geh jetzt, laß mich allein, geh jetzt, leb' wohl.«
Zwei Stunden nach Mitternacht fand sich Sylvester am Tisch seines
Schlafzimmers sitzend. Vor ihm lag eine Pistole, die er unverwandt
betrachtete. Da war es ihm, als höre er die Türe knarren und als trete
Agathe herein und als lege sie den Arm um seine Schulter und die Wange
an seine Stirn und seufze tief. Sein Kopf fiel auf die Tischplatte, und
er weinte wie ein Kind.
* * * * *
Die Oktobertage und -nächte vergingen, ohne daß Sylvester ihre Folge
wahrnahm. Wie ein aus dem Schlaf häufig Erwachender lebte er sie
zerstückt. Bisweilen saß er plaudernd bei Frau von Rhynow; er zeigte
sich besonnen und gelassen, doch insgeheim machte er sich über jedes
Wort lustig, das er gebrauchte. Eine bestimmte Behauptung aufzustellen,
dünkte ihn vollkommen sinnlos, und wäre es die flachste und beweisbarste
gewesen. Er ging in den Klub und redete mit dem und jenem; meistens
verfuhr er so, daß er mechanisch ungefähr das Gegenteil von dem sagte,
was der andere gesagt hatte. Zu seinem Erstaunen wurde ein Gespräch
daraus. Er aß und trank und wunderte sich, daß ihn ein Bedürfnis trieb.
Er suchte einen Schneider auf und besichtigte Stoffe für einen Anzug;
während er es tat, wunderte er sich, daß er es tat. Das Leben, welches
er führte, kostete viel Geld, und da er mit seinem Vorrat zu Ende war,
unterschrieb er einen Wechsel, war sich aber keiner Verantwortung dabei
bewußt. Seine Beobachtungsgabe war trotzdem dieselbe geblieben. So fiel
es ihm auf, daß sich Adam ungewöhnlich viel mit Briefschreiben
beschäftigte. Er stellte ihn zur Rede, und Adam gestand, daß er mit Anna
Ewel korrespondierte. Bei der Erwähnung dieses Namens drückte Sylvester
den Zeigefinger auf das rechte und den Mittelfinger auf das linke Auge
und sein Gesicht bekam den Ausdruck verstörten Nachdenkens.
Adam Hund hatte zahlreiche Gelegenheiten gehabt, mit Anna Ewel
zusammenzutreffen und sie die Überlegenheit fühlen zu lassen, die er
sich im Weltgetriebe angeeignet. Er hatte in der schwarzen Böhmin eine
gläubige Zuhörerin gefunden, und weil der Selbstliebe eines Mannes
nichts so sehr schmeichelt, als wenn eine junge Dame seinen moralischen
Urteilen wie auch den Erzählungen seiner Abenteuer bewundernd lauscht,
so hatte sich die Abrede einer brieflichen Verbindung, die den
fruchtbaren mündlichen Verkehr gedeihlich fortspinnen sollte, bald
ergeben. Adam belehrte seine Schülerin vornehmlich über den Weg, den sie
einschlagen müsse, um einen Gatten zu bekommen. »Zuvörderst ist es
geraten, daß man sich eines möglichst geheimnisvollen Benehmens
befleißige,« schrieb er; »wenn sich zum Beispiel ein Strumpfband
gelockert hat und es steigen einem darüber peinliche Gedanken auf, weil
man notabene in guter Gesellschaft ist und nicht wagen darf, den Fehler
zu beheben, so empfiehlt es sich, eine melancholische Miene zur Schau zu
tragen oder mit tiefsinnigem Schmachten von einem gereimten Gedicht zu
sprechen. Es empfiehlt sich überhaupt, wenn ein Frauenzimmer von Sachen
spricht, die sie nicht versteht, dann glauben die Männer, sie verstünden
noch weniger davon und sagen untereinander: das Weib hat einen
ungewöhnlichen Geist. Natürlich genügt solches nicht. Sie müssen auch,
teure Anna, trefflich gewaschen und gekämmt sein, gewisse Lücken in der
äußern Person geschickt zu stopfen wissen, Salben und Wohlgerüche ohne
Zudringlichkeit anwenden, im Beisein anderer wenig essen, auch wenn Sie
noch so großen Hunger haben, und ist dann der Gimpel einmal gefangen, so
hat's weiter keine Not. Das ist ja das Merkwürdige, daß so selten einer
loskommt, und ich will Ihnen auch den Grund mitteilen, warum es so ist.
Nämlich wir Männer, wir nehmen die Weiber ernst, wir wollen ihnen etwas
beweisen, wir wollen sie widerlegen, wir streiten mit ihnen wie mit
unseresgleichen und das, verehrenswerte Anna, ist das Dümmste, was wir
tun können. Dadurch haken sie sich an uns fest wie die Schnecke am Bein
eines Ochsen, und während wir glauben, daß sie mit uns auf dem
Lebenswege wandeln, tun sie nichts anderes als faul an unserem Fleisch
schmarotzen.«
Bei einem sonderbaren Anlaß entdeckte Sylvester, daß Adam auch
Nachrichten von Erfft erhielt. Seit kurzem kochte Adam seine Mahlzeiten
selbst und tischte zuweilen seinem Herrn Klöße in saurer Brühe oder nach
fränkischer Art gebratene Kartoffeln auf. Er wich nicht vom Fleck, bis
Sylvester seine Kunst belobt hatte, fühlte sich dadurch ermuntert, über
die englische Küche zu räsonieren und endete mit einem Preis der
heimatlichen Dinge. Sogar sein böses Weib erschien ihm in freundlicherem
Licht, und eines Tages verteidigte er sie gegen Sylvester mit einem
Eifer, als ob dieser sie der größten Schandtaten bezichtigt hätte. »Das
mit den Prinzipien und der männlichen Würde ist ja ganz schön,« redete
er auf den immerfort schweigenden Sylvester ein, »aber sie weiß einen
Apfelkuchen zu backen, da geht einem das Herz im Leibe auf. Neulich war
der Inspektor Marquardt bei ihr und konnte sich nicht daran satt essen.
Er hat mir geschrieben, daß sie in Dudsloch musterhafte Ordnung hält,
während in Erfft alles drunter und drüber geht. Die gnädige Frau, die
doch gewiß eine Ausnahme ihres Geschlechts ist, kümmert sich nur noch
wenig um die Wirtschaft und um die Leute und läßt sieben gerade sein.
Manchmal kommt der Herr Major herüber, befiehlt, daß man ihm die
Haushaltungsbücher zeigt, schimpft über den Verbrauch und verhandelt
dann stundenlang mit der gnädigen Frau hinter geschlossenen Türen. Es
ist traurig, wenn der Herr nicht da ist.«