Durch einen jungen Marineoffizier, den er im Salon der Prinzessin

Mathilde kennen gelernt hatte und der ihm eine herzliche Freundschaft

entgegenbrachte, war er in das Haus des Lords Albany gekommen. Lord

Cecil Albany war ein Mann von ungeheurem Reichtum, der es liebte, die

Wintermonate in Paris zu verbringen und sich durch seinen Aufwand in

großen Respekt gesetzt hatte. Er hatte in der Rue St. Honoré einen

Palast gemietet und sah jeden Abend die vornehme Welt bei sich. Doch

geschah dies nur seiner Frau zuliebe, er selbst war ziemlich

menschenscheu und die ihn näher kannten, schilderten ihn als einen

trockenen, hochmütigen und rohen Patron. Lady Evelyn war eine echte

Engländerin, schlank, anmutig, äußerlich kühl, doch in irgendeiner Art

heimlich besessen. Es war eine unverhehlte Tatsache, daß sie den Lord

wider ihren Willen und nur auf den Befehl ihrer Eltern geheiratet hatte.

Sie hatte erklärt: Wenn man mich zu dieser Ehe zwingt, so werde ich

alles tun, um mich zu rächen. Das Zusammenleben mit Lord Cecil bestärkte

ihre Abneigung, und es galt für ausgemacht, daß sie ihren Gatten betrog.

Doch ging sie dabei mit List und Heimlichkeit zu Werke, und der Lord

hatte bis jetzt nicht die geringste Ursache gehabt, sich über sie zu

beklagen.

Sylvester fand sogleich den Ton, der ihrem romantischen Wesen zusagte,

er gewann ihr Vertrauen, und nach kurzer Zeit standen sie im innigsten

Einverständnis. Sie ergötzte Sylvester, und er konnte sie nicht ganz

ernst nehmen, obgleich er das Pflanzenhafte an ihr wahrnahm, das

allerdings nur in dieser besonderen Atmosphäre eines Treibhauses

gedeihen konnte.

Seit sie seine Geliebte war, besuchte sie ihn in seiner Wohnung; nun

geschah es aber, daß Lord Cecil nach London reisen mußte und seine

Rückkehr erst für das Ende jener Woche in Aussicht stellte. An einem

Abend ging Sylvester zu Lady Evelyn, und die Vorsicht vergessend, die

sie beide bis jetzt beobachtet, blieben sie bis weit über Mitternacht

beisammen. Als Sylvester durch den beleuchteten Flur zum Tor schritt,

wurde die Nachtpforte gerade von außen geöffnet, und zu seinem

peinlichen Erstaunen sah er Lord Albany hereintreten. Der Lord stutzte,

griff aber dann nach seinem Hut und grüßte Sylvester mit

außerordentlicher Höflichkeit. Darauf wandte er sich zur Treppe, und

Sylvester verließ ziemlich beruhigt das Haus.

Indessen rief der Lord sämtliche Diener und Dienerinnen herbei,

bedeutete ihnen, im Vestibül zu warten, forderte von einem der Mädchen

ein gewöhnliches Kleid, und nachdem er es erhalten und über den Arm

geworfen, betrat er das Schlafzimmer seiner Frau. Er brauchte keinen

andern Beweis ihrer Schuld als den Umstand, daß sie im Bette lag. Mit

eisigem Gesicht befahl er ihr, sich zu erheben, warf ihr das Gewand hin

und hieß sie es anzuziehen. Sie gehorchte zitternd. »Nur wenn Sie

augenblicklich das Zimmer und augenblicklich mein Haus verlassen, können

Sie sich eine körperliche Züchtigung ersparen,« sagte er. Sie sah ihn an

und wußte, daß sie nichts zu hoffen habe. Sinnlos vor Scham und Angst

eilte sie hinaus, durch das Spalier der regungslosen Dienstleute

hinunter auf die Straße. Lord Cecil sperrte das Tor hinter ihr zu und

bewachte es eine Stunde lang, um zu verhüten, daß einer von den Leuten

ihr folge und Hilfe leiste.

Erst drei Tage später gelangte die Kunde dieses Vorfalls zu Sylvester;

da Lord Albany selbst sich in Schweigen hüllte, konnte das Gerücht nur

durch die Mitteilungen der Dienerschaft in die Welt dringen. Man war

entsetzt, man schüttelte den Kopf, und die Gespräche erschöpften sich in

ausschweifenden Vermutungen. Sylvester war froh, daß nirgends sein Name

genannt wurde, aber der Gedanke an das Schicksal der unglücklichen

Evelyn verfolgte ihn beständig. Daß sie nicht zu ihm gekommen war und

keine Nachricht gab, zeigte, daß auch sie das Spielerische und Haltlose

ihrer gegenseitigen Beziehungen empfunden hatte, und seine Sorge um sie

verdoppelte sich. Nach einigen Wochen erzählte ihm der Marineoffizier,

Lady Evelyn habe Mittel gefunden, nach Essex zu kommen, wo ihre Eltern

wohnten, habe sich ihrem Vater zu Füßen geworfen, sei aber von diesem

mit großer Härte abgewiesen worden, da in den Augen eines anständigen

Engländers ein Ehebruch unauslöschlichen Makel mit sich bringe, und eine

Frau, die solcher Sünde überführt worden, von der menschlichen

Gesellschaft verstoßen und auf ewig gebrandmarkt werden müsse. Einer

ihrer Brüder habe ihr aus Mitleid eine geringe Summe Geldes zugesteckt,

und damit sei Evelyn nach London gegangen, wo sie ein unstetes, ja, wenn

man den Versicherungen des Sir Randolph Canning, eines Vetters von Lord

Albany glauben wolle, verworfenes Leben führe. Sir Randolph behaupte

nämlich, sie sei jede Nacht in einer berüchtigten Opiumkneipe im Norden

der Stadt zu sehen.

Es kam der Juni, und Sylvester ließ sich von seinen englischen Freunden

überreden, mit ihnen nach London zu gehen. Er entschloß sich um so

leichter dazu, als er in den Pariser Zirkeln plötzlich eine feindselige

Haltung gegen seine Nationalität spürte, eine Gespanntheit und

zunehmende Kälte, die er sich nicht erklären konnte und die jedenfalls

durch gewisse politische Machenschaften und Hetzereien begründet war.

Eines Abends, im Foyer der Oper, stellte er den Herzog von Montmorency

zur Rede, der in seiner Gegenwart eine spöttische Bemerkung über die

»Prussiens« gemacht hatte, und es wäre zum Duell gekommen, wenn nicht

einsichtige Vermittler den Streit geschlichtet hätten. Eben jener Sir

Randolph, ein jüngerer Sohn des Lord Winchester, lud ihn ein, die

Herbstmonate auf seinem Schloß in Bangor an der Irischen See zu

verbringen. Er versprach es.

Schon die ersten Londoner Tage zogen ihn in eine verwirrende

Geselligkeit und die Anforderungen wuchsen mit der Bereitschaft, sie zu

erfüllen. Eines Morgens nahm er eine Zeitung zur Hand, und sein Gesicht

verfärbte sich, als er unter den Todesanzeigen die Nachricht vom

Hinscheiden der Lady Evelyn Albany las. Lord Cecil verkündete es in

Ausdrücken geziemenden Schmerzes und teilte mit, daß sich die Leiche in

seinem Haus am Trafalgar Square befinde und er daselbst die

Kondolenzvisiten annehmen werde. Noch am Vormittag erhielt Sylvester den

Besuch eines jener Alleswisser, die über die Ereignisse in der großen

Welt genau unterrichtet sind und vernahm von ihm, daß man die arme

Evelyn vor zwei Tagen gegen Morgengrauen in einem Elendsviertel

bewußtlos auf der Straße gefunden habe. Sie sei ins Hospital geschafft

worden, habe dort nur noch ihren Namen flüstern können und dann sei ihre

Seele entflohen. Lord Cecil wurde verständigt; dem Tod gegenüber zeigte

er sich wenn auch nicht versöhnt, so doch der äußeren Pflichten seiner

Stellung eingedenk; durch ihren Tod wurde die grausam in den Schlamm des

Lebens hinabgeschleuderte Evelyn wieder zur Lady Albany und alles was

geschehen war, seit sie sich entwürdigt, wurde einfach als ungeschehen

betrachtet.

Sylvester zögerte lange, bis er den Entschluß faßte, in Lord Cecils Haus

zu gehen. Aber er glaubte es dem Andenken Evelyns schuldig zu sein,

ihrem irdischen Rest einen Abschiedsgruß zu erweisen. Er wählte eine

Stunde, wo er sicher war, daß man unter vielen Leuten seine Anwesenheit

nicht beachten würde. Jedoch seine Erwartung traf nicht zu. Als er in

den Saal kam, in welchem die Tote auf einem mit schwarzem Sammet

ausgeschlagenen Katafalk lag, waren die meisten Besucher schon

weggegangen, und einige Personen, die flüsternd in einer Ecke des Raumes

standen, waren ebenfalls im Begriff, sich zu entfernen. Sylvester trat

an den Sarg und blickte in das ergreifend zerstörte, unendlich

abgehärmte Antlitz, dessen starre Ruhe zu trügen schien, und dessen

Blässe phosphorisch leuchtete. Während er noch niederschaute, sah er

plötzlich dicht neben sich Lord Cecil Albany. Der Lord hatte die Hände

auf dem Rücken, wandte Sylvester den Kopf langsam zu und sagte mit

heiserer Stimme: »Sie war schön, nicht wahr?« Sylvester zuckte zusammen,

die Augen des Lords verdrehten sich unheimlich, als er seine Worte

wiederholte: »Sie war schön, nicht wahr?«

Da senkte Sylvester die Stirn, kehrte sich um und ging schweigend

hinaus.

* * * * *

Seiner selbst überdrüssig sein ist schrecklicher als sterben. Jeder

Gedanke wird Anklage, das Herz erstickt in Melancholie, der Schritt

spottet seines Zieles, nur Ekel saugt das Auge aus den Dingen, die Hand,

wonach sie auch greift, sie hält nichts, der Mund mag nicht mehr reden,

das Ohr nicht hören. Sich auskleiden am Abend, sich anziehen am Morgen,

wozu? Und die Menschen, was soll ihre Eile frommen, ihr Gelächter, ihr

Nein und Ja, ihr Schön und Häßlich; wie zwecklos dies Anzünden von

Lichtern und Auslöschen von Lichtern, dies Abreisen und Wiederkommen,

der Schmuck von Wänden, die Zierat der Städte, all dies Vergebliche,

ach, so furchtbar Vergebliche!

Unheilvoller als vor Monaten in der Heimat gewann solche Stimmung Macht

über Sylvester. Er blieb tagelang in seinem Zimmer, schloß die Läden zu

und lag in der Dunkelheit. Jedes fremde Gesicht war ihm unerträglich und

jeder Laut von der Straße verstörte ihn. Wenn der treue und besorgte

Adam an die Türe pochte, antwortete er zuerst überhaupt nicht, dann

übermannte ihn der Zorn und er befahl ihm unter Schimpfworten, sich zu

trollen. In später Nacht ging er aus, um zu essen und kehrte oft hungrig

wieder heim. Am liebsten weilte er am Fluß, in später Nacht; beugte sich

über ein Brückengeländer und sah zu, wie das Wasser floß und Barken und

kleine Dampfer dahin glitten. Er wollte sich nicht Rechenschaft darüber

geben, was er unterlassen. Er war nicht gewohnt, über sich nachzudenken.

Sein Schmerz hatte nichts mit seinen Handlungen zu schaffen, obwohl er

sich klar darüber war, daß er nichts Gutes und Heilsames, sondern nur

Schädliches und Schlechtes durch sie hervorgebracht hatte. Erinnerte er

sich an die Begegnungen der letzten Zeit, an die Abenteuer und

Verstrickungen, so fand er sich um so leerer und kälter, je deutlicher

er sie vergegenwärtigte, und Evelyns bleiches Totenantlitz hatte nur

einen Flammenschein in die Kälte und Armut seiner Brust geworfen wie

eine Fackel in die Ruine eines Hauses. Sein Schmerz strömte aus dem

allertiefsten Grund des Lebens, und mit ihm stieg zuweilen eine

unermeßliche Sehnsucht empor, in deren Umklammerung er sich ohnmächtig

hinschleppte.

Einmal träumte ihm, er sei mit Adam Hund von Erfft aufgebrochen. Sie

ritten durch den Wald, Adam mit einer brennenden Fackel voraus. Es ist

eine stürmische Nacht, die Zweige krachen und seufzend biegen sich die

Stämme. Eine Regenflut prasselt nieder und verlöscht die Fackel. Die

undurchdringliche Finsternis tötet alle Hoffnung in Sylvester, und er

kann nichts denken als das eine: nur nicht zurück, nur nicht mehr nach

Hause. Er spürt den warmen Leib des Pferdes und vernimmt Adams häufigen

Zuruf, der sich seiner Nähe versichert. So irren sie viele Stunden lang

umher, und als der Morgen graut, fangen die Pferde an zu wiehern, und

Sylvester gewahrt durch Nebel und Regen hindurch sein Haus. Darüber

empfindet er eine solche Verzweiflung, daß er sich über den Hals des

Pferdes beugt und ihm ein Messer in die Brust stößt. Ein Blutstrahl

quillt auf, steigt immer höher empor und leuchtet wie Feuer. Adam ist

verschwunden, das Haus ist leer, Sylvester sucht und weiß nicht wonach,

keuchend läuft er durch unbekannte Räume, die Luft ist rot von der

Blutfontäne, er sinkt erschöpft zu Boden und erwacht.

Bei diesem Erwachen faßte er den Vorsatz, wieder unter Menschen zu

gehen, damit die in seiner Nähe lebten, nicht das beständige Schauspiel

selbstzerstörenden Tuns vor Augen hätten. Er rief Adam zum Rasieren, der

schleppte mit heller Freude seinen Kasten herbei und behandelte

Sylvester wie einen von Krankheit Genesenden; im übrigen war er schlecht

auf England zu sprechen, weil er nirgends Suppe zu essen bekam, und

nannte die Engländer traurige Hungerleider. Seine Gefräßigkeit wuchs im

selben Maß wie seine zarteren Bedürfnisse schwanden.

Nur um die Zeit zu füllen ging Sylvester am Abend ins

Coventgarden-Theater, nicht weil Gabriele Tannhauser dort sang. Um so

unerwarteter war der tiefe Eindruck, den sie auf ihn machte. Zwei Tage

später traf er sie auf einem Rout bei der Herzogin von Devonshire. Sie

gewahrte ihn, als er unter die Türe trat, schien sich seiner zu

erinnern und lächelte ihm flüchtig zu. Da sie von Bewunderern umlagert

war, verschmähte er es, zu ihr zu dringen. Es fiel ihm auf, daß sie sich

ganz und gar nicht als Dame gab, ganz und gar nicht als Stern für eine

entzückte Menge, aber er vergaß nicht, wie schlank und fein sie dastand,

spärlich in Gesten und wachsam hinter ihren besonderen Verschleierungen.

Die vielfachen Wege des gesellschaftlichen Lebens hatten Stationen, auf

denen man sich immer begegnete. Schon am andern Tag sah er Gabriele auf

einem Ball bei Lady Tankarville wieder, und am darauffolgenden bei einem

Diner im Hause des Lord Keith. Sie hatte großen Erfolg in London, alle

jungen Männer lagen ihr zu Füßen, und ehrwürdige Granden des Reichs

gehörten zu ihren Anbetern. Sie schien es kaum zu merken. Die Last der

Verpflichtungen, die ihr der Ruhm auferlegte, bedrückte sie. Sie klagte

gegen Sylvester, daß sie unter dem Klima leide. Er riet ihr körperliche

Bewegung an, empfahl ihr zu wandern, zu reiten und machte sich erbötig,

sie bei Ausflügen zu beschützen. »Ich bin ein armer Sklave,« antwortete

sie, »ich kann mein Joch nicht abtun.« Im Herbst wolle sie sich erholen,

sagte sie; sie sei von den Cannings eingeladen, nach Bangor zu kommen

und habe die Absicht, einige Wochen dort zuzubringen. Es berührte sie

nicht unangenehm, als Sylvester ihr mitteilte, daß auch er in Bangor

sein werde. Sie fand Gefallen an der Unterhaltung mit ihm. Sein offenes,

geistig durchwühltes Gesicht hatte ihre Sympathie erweckt.

Sylvester hatte eine alte Freundin in London, eine Frau von Rhynow, die

Gattin eines Konsuls. Sie war förmlich verliebt in Gabriele, der sie in

dem fremden Land viele Dienste leistete, und da sie ein Vergnügen daran

fand, Menschen zusammenzubringen, die sie gern hatte, lud sie Gabriele

und Sylvester häufig zur Teestunde ein. Übertriebenes Zartgefühl ließ

sie glauben, daß das harmonische Gespräch der beiden durch ihre

Gegenwart gestört werde, und so ging sie meist aus dem Zimmer, nachdem

sie ihre Gäste bewirtet hatte. Die Zurückgelassenen mußten ihre

Situation scherzhaft nehmen, wenn sie ihnen nicht verfänglich scheinen

sollte.

Gabriele war ohne Arg, auch gegen sich selbst. Sie war der Nähe eines

Menschen froh, der fest in seiner Welt stand und ihre Empfindlichkeit

gegen dieselbe Welt milderte. Sie durfte immer wieder in ihre Einsamkeit

zurückkehren, sie hatte die Sicherheit, sich nicht verlieren zu können

und als sie erfuhr, daß er verheiratet sei, wuchs ihr Vertrauen gegen

ihn, ein mädchenhafter Zug und ein philiströser zugleich. Sylvester

betonte sein Gefühl der Freundschaft; er sagte, daß sein Herz müde sei,

und er glaubte es. Der Magnetismus, den zu erproben er ausgezogen, er

spürte ihn nicht mehr; er hatte ihn verschwendet, in Kleinmünze

zerstückt. Er hielt sich für unfähig, zu entflammen und unfähig,

entflammt zu werden. Wenn er Gabriele vor sich sah, in der Herrlichkeit

einer Jugend, die sie wie eine Bürde trug, wenn er in ihre Augen

blickte, in denen unbewußt und ergreifend die Schönheit der Bereitschaft

war, dann dünkte ihm Resignation natürlich und anständig.

In dieser stolzen und ergebenen Stimmung schrieb er an Achim Ursanner,

an den er sich jetzt zuweilen wie an einen heimlichen Boten wandte: »Daß

ich in meiner Zeit lebe, ist mein Schicksal; daß ich sie betrachte,

enthält schon einen Triumph über das Schicksal. Vor ihr stehe ich wie

vor einem Spiegel. Sie atmet mir die Welt entgegen, sie zeigt mir die

Menschheit in dem Augenblick, wo ich es vermocht habe, mich ihr zu

entziehen. Meine Selbstbesinnung ist mein Sieg über die Zeit. Ich kann

die Augen schließen, und Welt und Zeit strömen in mich hinein, kein

einzelnes hat mehr Gewalt über mich, ich habe die Gewalt des Träumers

über das Ganze. Ich möchte mich mit einem Trauernden vergleichen, der in

unzugänglicher Abgeschlossenheit haust, dennoch sich gehetzt, bedroht,

aufs äußerste beunruhigt fühlt, und der gerade in der Sekunde der

letzten Hoffnungslosigkeit einen zauberhaften Trost empfängt, so daß

seine Stirn, von der neuen Morgenröte berührt, einen Schein mystischen

Entzückens ausstrahlt, während die Brust noch in einer poesielosen

Finsternis begraben ist.«

Aber Sylvester irrte sich. Die ganze Weisheit war gewünschtes

Mißverständnis dessen, was in ihm vorging. Lockte ihn nicht die Gebärde,

mit der die Freundin nach einer Notenrolle griff? Und jene, mit der sie

die Arme hob, um den Schleier zu binden? Und jene halb fürstliche, halb

zaghafte, mit der sie eine Tür öffnete? Gab nicht ein schelmisches

Lächeln, ein verstohlener Blick Stoff zu Grübelei? Folgte nicht die

Phantasie der schlanken Gestalt in ihr Alleinsein? Belauschte sie nicht

die Gedanken hinter der eigentümlich gefesselten Stirn des Mädchens? War

nicht sein Gleichmut erheuchelt, spürte er nicht, wie er sich wandelte,

seinen Bindungen entfloh, seiner Gewißheit entschlüpfte?

Als sie bei Lady Jersey Polens Klage von Chopin sang, dieses Lied, in

dem eine von Visionen umschauerte Melodie aus der von

leidenschaftlichem Kummer verdüsterten Begleitung emporsteigt wie eine

Liebende, die sich krank vom Lager erhebt, um noch einmal den Geliebten

zu umarmen, empfand er zum erstenmal die Scham, mit der man einen

heimlichen Besitz zum öffentlichen Gut werden sieht, und er hatte Mühe,

sein eifersüchtiges Fieber zu verbergen. Ihm war, als entkleide sie sich

und wisse es nicht, werfe sich hin vor die allgemeine Gier, geschändeten

Herzens, sie, die das züchtigste besaß. An jenem Abend ging er nach

Hause wie ein Betrunkener, ließ die Lampe brennen, bis es Tag wurde,

hatte die Augen offen und vermochte nicht zu denken.

Er hatte bis zu dieser Stunde gehandelt und sich betragen als ein Mann,

der frei ist, den keine Pflicht kettet, keine Rücksicht lahmt; er hatte

sich losgelöst von Weib und Kind, hatte nicht geschrieben, ihrer kaum

gedacht und zehn Monate lang ein Leben geführt, wie wenn die zehn Jahre

vorher nur die Episode einer Nacht gewesen wären. So tief sein

verspätetes Staunen war über das mondsüchtige Dahinstürmen, das Freveln

ohne Verantwortung, die Existenz ohne Erinnerung und ohne Güte, so

scharf erkannte er auch, daß der Wille zur Rückkehr ihn trotzdem

beherrscht hatte, das Bewußtsein, daß der dunklen Wanderung ein

unverrückbares Ziel gesetzt sei. Jetzt aber verlangte ihn nach

wirklicher Freiheit. Er kämpfte gegen Agathe. Er bäumte sich auf gegen

ihre stumme Forderung. Ihre Verlassenheit erweckte nicht seine Reue,

sondern seinen Haß. Der Schein von Recht, mit dem sie ihn anklagte,

erbitterte und die Macht, die sie plötzlich von fernher über sein Gemüt

ausübte, erzürnte ihn. Doch als der erste Strahl der Morgensonne ins

Zimmer fiel, erfaßte ihn Schrecken und Zerknirschung; noch kann ich die

Gefahr abwenden, sagte er sich; es gibt in jedem Schicksal einen

Augenblick, wo der Geist sich um seine letzte Freiwilligkeit betrügt,

ich will diesen Augenblick nicht versäumen; ich will abreisen, ich kann

es noch, ich würde lügen, wenn ich einen Zwang vorschützte, wo nur

Schwäche ist.

Er sprang auf mit dem Entschluß zu packen. Adam zu rufen war es noch zu

früh; doch wollte er alles für ihn zusammenlegen, dann konnten sie mit

dem Vormittagszug nach Dover fahren. Beim Öffnen einer Lade erblickte er

den Schuh der schönen Rahel, den er damals auf der Treppe gefunden. Die

Erinnerung an ein Feuer, das von der Zeit gelöscht worden ist,

überhaucht die Vergangenheit mit Todeskälte. Mutlos warf sich Sylvester

aufs Bett, und auf einmal entsann er sich einer Menge von häuslichen

Unannehmlichkeiten: es ist ein Wintermorgen, und im Frühstückszimmer

raucht der Ofen durch eine zersprungene Kachel; er kehrt hungrig von der

Jagd zurück und muß warten, weil die Köchin einen Streit mit dem

Inspektor gehabt hat; in Dudsloch hat ein Knecht Holzdiebstähle verübt

und man muß die Polizei benachrichtigen; Schwager Eggenberg hat seinen

Besuch angemeldet, und im ganzen Haus riecht es nach Sauerkraut, das die

Leibspeise des Majors ist; all das ist so klein, so nüchtern, so

wohlbekannt, so langweilig, so häßlich. Seufzend schlief er ein.

Gegen Mittag weckte ihn Adams Pochen. Ein Brief mit Antwortbitte war da.

Sylvester kannte Gabrieles große, eckige Schrift noch nicht, aber mit

klopfendem Herzen entfaltete er das Papier. Sie schrieb ihm, daß sie

sich für den Nachmittag frei gemacht habe und gern einen Spaziergang mit

ihm unternehmen möchte; sie habe auch Frau von Rhynow dazu gebeten, die

sei jedoch verhindert.

Adam starrte verwundert auf die im Zimmer herrschende Unordnung, denn

Sylvester hatte schon Kleider und Wäsche aus den Behältern genommen.

»Bring' nur alles wieder an seine Stelle,« befahl Sylvester kurz.

* * * * *

Sie gingen durch den Park von Richmond. Unter freiem Himmel haben die

Menschen ein wahreres Gesicht als in Räumen. Gabriele nahm mit jedem

Schritt die Natur als Geschenk hin. Sylvester mußte an Agathe denken, an

Agathes Entzücken, solange sie empfänglich, an ihre Verdrossenheit, wenn

sie müde war. Gabriele hatte eine sanfte, gedankenvolle Ruhe. Sie

lauschte seinen Worten, als ob sie ein Wechsel von Licht und Schatten

wären, nicht wie Agathe, die allzu wach das Wort wie ein lebendiges Ding

ergriff und sich von ihm reizen und steigern ließ. Wie sehr liebte er

die Sanftmut an den Frauen; Sanftmut trägt das Feuer innen; die Erde ist

sanft mit ihrem glühenden Kern, der dunkle Nachthimmel durch sein

verborgenes Licht. Schon in frühen Tagen hatte er das Bild der sanften

Frau umworben, und nun wußte er erst, was ihm an Agathes Seite gefehlt,

die keine Nachgiebigkeit kannte, ganz auf Wille und Tat gestellt war und

sich nur in selbstsüchtiger Träumerei vergessen konnte.

Gabriele fühlte, daß eine unsichtbare Dritte mit ihnen ging. Es lag ihr

nah zu fragen. Wunderliches Spiel des Einandererratens; während sie

einen Weg zur Frage suchte, äußerte Sylvester, es sei ihm aufgefallen,

daß sie so selten Fragen an ihn richtete. Sie lächelte und wollte

wissen, ob ihm dies für einen Mangel gelte; es sei wahr, sie könne nicht

fragen, sie habe es nie gelernt. »Der Mensch ist da, um zu fragen,«

entgegnete er, und sein Blick bat sie um eine Frage. Sie standen unter

einem riesenhaften Nußbaum; die Sonne ging unter und das Grün der

Rasenflächen überzog sich mit süßen, violetten Tönen. Durch die

sommerlich feuchte Luft schwangen sich Schwalben in veränderlichen

Bogen. Wieder lächelte Gabriele und sie fragte also: warum er so ruhelos

sei? Er schwieg. Sie lächelte zum drittenmal; sie begriff, daß die Frage

zu allgemein gewesen und sammelte Mut für eine begrenztere: warum er

niemals von seinem Haus, von seiner Frau, von seinem Kind spreche? Er

errötete. »Davon zu sprechen bindet mich,« antwortete er mit gesenkten

Lidern, »ich will aber frei sein.«

»Man ist nicht frei in einer Ehe,« sagte Gabriele sehr ernst.

»Man kann aber frei werden, oder nicht?«

»Nein. Man kann niemals frei werden,« beharrte Gabriele mit demselben

Ernst; »ist eine Ehe nicht vor Gott und vor der Menschheit geschlossen?«

»Was reden Sie da, Gabriele!« rief Sylvester unmutig. »Das ist

Pfaffenmoral.«

»Nein. Es ist Blutgesetz.«

»Blutgesetz? Also Leibeigenschaft?«

»Vielleicht Leibeigenschaft; so muß es vielleicht sein. Zuviel ist vom

einen Teil im andern Teil, zuviel Unauslöschliches ist geschehen.«

»Aber ich liebe Agathe nicht,« wandte Sylvester beklommen ein.

Der Mann von vierzig Jahren · 第 4 / 11 段