Herrn verfolgte. Der Zwischenfall mit der schönen Jüdin klärte ihn in
einer angenehmen Weise auf. Er war überzeugt, daß sich Sylvester in
einer Lage befand, die der seinigen sehr ähnlich war, nur daß er es
nicht bei untätigem Groll bewendet sein ließ, sondern tätige Rache übte.
Er soll nur möglichst viele von den langhaarigen Satanstöchtern ins
Unglück stürzen, sagte sich Adam Hund, damit sie endlich das Kuschen
lernen, und er hatte das Gefühl, einer Jagd beizuwohnen, die seine
Dienste als Aufpasser und Spurenfinder in Anspruch nahm.
Während er Sylvesters brünettem Haar einen jugendlicheren Schnitt gab,
dann den Schnurrbart zurechtstutzte, hierauf das Gesicht mit Fett
bestrich, wie einen Teig knetete und wie eine Metallplatte rieb,
erzählte er die Stadtneuigkeiten, die er ausgekundschaftet hatte. »Es
soll jetzt eine Sängerin hier sein, die das ganze Mannsvolk behext,«
sagte er; »der Erbprinz ist jeden Tag im Theater, wenn sie spielt, und
es heißt, daß man ihn ins Ausland schicken will, um ein Malheur zu
verhüten. Ein Legationsrat soll sich ihretwegen erschossen haben, und in
Stockholm, man sollte nicht glauben, daß es dort droben so hitzige Leute
gibt, hat sich ein Buchhändlersgehilfe aus Liebe zu ihr ins Meer
gestürzt. Gabriele Tannhauser heißt die Kanaille. Das flötet und lockt,
bloß damit unsereiner den Verstand verliert. Soll ich ein Billett
besorgen, Herr Baron?«
»Also um meinen Verstand ist dir nicht bange?« fragte Sylvester lachend.
»Nein, Herr Baron; wenn einer die Schliche kennt, droht ihm keine
Gefahr. Sobald ich merke, daß mich jemand mit einem Köder fangen will,
werde ich doch nicht hineinbeißen; ich lauf' auch nicht davon, im
Gegenteil, ich nehme mir den saftigen Köder vom Haken und verspeise ihn,
dann hat der Angler das Nachsehen und ich hab' meine Freude.«
»Na ja, von dir kann man etwas lernen,« entgegnete Sylvester trocken.
Adam Hund hatte seine Arbeit vollendet. Er zog den Frisiermantel von
Sylvesters Schultern, und mit liebkosend gespitzten Lippen blies er
einige Härchen vom Halse weg. Sylvester trat vor den Spiegel und halb
mit Spott, halb mit Befriedigung betrachtete er sein Bild. Er sah jung
und gesund aus. Seine Augen glänzten. Er lächelte, um seine Zähne zu
prüfen; sie hatten eine erfreuliche Weiße und Dichtigkeit. Nun
vollendete er seinen Anzug und verließ trällernd das Zimmer. Wenn jetzt
noch die Sonne schiene, wäre ich ein glücklicher Mensch, dachte er in
einem eigentümlichen Zustand von Vergessen und Erwartung.
Er ging ins Kasino und hörte, daß an allen Tischen von dem Konzert
gesprochen wurde, das Gabriele Tannhauser an diesem Abend veranstaltete.
Er wurde gefragt, ob er eine Eintrittskarte habe und mußte verneinen.
»Und Sie haben sie noch nicht gehört?« — »Nein.« — »Nie gehört?«
— »Nie.« — »Und wollen abreisen, ohne sie gehört zu haben?« — »Was
soll ich tun?« — »Es ist die letzte Gelegenheit, vielleicht auf Jahre;
sie geht jetzt nach London und dann, wie es heißt, nach Amerika.« —
»Wenn ich Ihnen raten darf, so zahlen Sie jeden Preis für ein Billett.«
— »Man hat mir keines angeboten.« — »Lassen Sie mich dafür sorgen, ich
werde mich an den Impresario wenden.«
Nach einer Stunde erwies es sich, daß auch dieser Versuch erfolglos
gewesen war. Sylvester gab sich ohne sonderliches Bedauern zufrieden.
Die allgemeine Erregung berührte ihn peinlich, zumal er auch Leute von
ihr angesteckt sah, für die die Kunst nicht mehr war als etwa ein
Hanswurst auf dem Marktplatz.
Er setzte sich an den Lesetisch und vertiefte sich in den Bericht über
die letzte Rede, die der Bundeskanzler im preußischen Landtag gehalten
hatte. Der Mann interessierte ihn, als Mann noch mehr denn als
Politiker; seine Worte hatten etwas Unbedingtes, doch ihre Kraft wurde
durch vielfach bedingte Verhältnisse scheinbar zerbrochen. Er stand wie
in einer Wolke des Zorns, man spürte den Willen eines geborenen
Herrschers und ein Feuer, das in Sylvester den Wunsch nach fruchtbarer
Werktätigkeit erweckte. Es war ein Augenblick, wo er plötzlich die Zeit
empfand wie sonst nur sich selbst, ihrer Gärungen inne ward wie des
unterirdischen Rollens eines fernen Erdbebens und seiner zuschauenden
Dumpfheit sich schämte.
Während er noch las, trat einer von den Herren, die ihm so ungestüm
zugesetzt hatten, in Begleitung eines älteren Mannes zu ihm, den er als
Graf Blumau vorstellte; der Graf hatte ein Billett zu vergeben, da seine
Frau verhindert war, das Konzert zu besuchen. Sylvester nahm es mit Dank
und fuhr ins Hotel zurück, um den Frack anzuziehen.
Vor dem Konzerthaus war große Auffahrt. Um acht Uhr sollte die
Produktion beginnen, doch um halb neun war noch ein Teil des Publikums
in der Eingangshalle vor den Türen festgekeilt. Endlich befanden sich
alle Zuhörer auf ihren Plätzen. Der Raum war so voll, daß die Köpfe sich
auf unbeweglichen Körpern zu drehen schienen. Der Lärm der Stimmen glich
dem Brummen und Feilen einer ungeheuren Dampfsäge, und die Hitze stieg
von Minute zu Minute. Sylvester saß in der Mitte des Saals, dessen beide
Seiten glatte weiße Wände hatten; in halber Höhe der hinteren Schmalwand
war eine Galerie, deren Sitze für die Mitglieder des Hofes und einige
bevorzugte Würdenträger bestimmt waren.
Plötzlich erschallte eifriges Händeklatschen, dann richteten sich die
Operngläser auf die Sängerin, die das Podium betreten hatte. Sylvester
verschränkte die Arme über der Brust, was ein Ausdruck von
Kritikbereitschaft war, denn wie es bei eitlen Menschen oft der Fall
ist, waren ihm die Huldigungen unbehaglich, die man einer Person
darbrachte, für die er selbst nichts fühlte und deren Leistungen er aus
Widerspruchsgeist skeptisch zu beurteilen schon jetzt entschlossen war.
Ihr Gang ist zu bedächtig, um auf Temperament schließen zu lassen,
nörgelte er; dieses Allerweltslächeln, das jedem Laffen schmeicheln
soll, ich kenne es; der Klavierspieler hat die Physiognomie eines
Dorfschulmeisters, seine rote Nase erweckt geringe Hoffnung auf seine
Fähigkeit; wozu flüstert sie mit ihm? Komödie. Im übrigen ist sie gut
gewachsen, das Gesicht ist fein, obschon von deutlich slawischem
Schnitt, die Hände könnten kleiner sein, und die Toilette betont allzu
absichtlich eine bescheidene Führung.
Die ersten Takte von Schuberts Wandererlied unterbrachen Sylvesters
übellaunige Betrachtungen. Es trat eine so lautlose Stille ein, daß es
schien, als hätten die Menschen von dem Augenblick an, da sich oben die
singende Stimme erhob, keinen Atem, ja keine Seele mehr in ihrem Leib,
als zucke keine Wimper mehr an ihnen, als höre ihr Blut auf zu fließen.
Es war eine Bezauberung, die nicht so sehr von der Kunst Gabriele
Tannhausers herkam, von der Kraft und Fülle des Organs, von der
Weichheit und dem seltsam matten Glanz ihrer Töne, von der Leichtigkeit
des Ansatzes, dem Schmelz und der vogelhaften Natürlichkeit der
Übergänge, obgleich sie diese Eigenschaften, die von zeitgenössischen
Kennern zur Genüge gepriesen worden sind, in hohem Grade besaß und dabei
jene letzte Meisterschaft erst ahnen ließ, die als Versprechen noch
köstlicher ist denn als Erfüllung, — es war eine in ihrem Herzen
wohnende Gewalt, die ihr die Menschen unterwarf, das unbewußt Bewußte
eines allgemeinen Leidens, das von stummen Generationen jahrhundertlang
gesammelt wird, um in einem begnadeten Wesen als Gebet und Klage,
Tröstung und Jubel aufzublühen, es war das, was jede Brust fühlt und
doch nur vom Genius verkündet werden kann, das schmerzlich Entselbstete,
unschuldsvoll Prophetische, dem auch die vollendetste Kunst nur Krücke
und Behelf ist.
Sylvester sträubte sich noch immer, trotzdem er jene traumhafte Schwäche
empfand, die sich bei starken Gemütsaffekten einzustellen pflegt, ja er
wehrte sich mit einer Art von Verzweiflung, die ihn später erstaunte und
ihm zu denken gab. Das Lied war noch nicht ganz zu Ende, als auf den
Galerielogen ein störender Lärm hörbar wurde, der eine nachhaltige
Erregung und entrüstete Rufe veranlaßte. Viele Leute wandten sich um,
auch Sylvester schaute hinauf, und er gewahrte, daß zwei Lakaien einen
Mann auf einem Liegesessel bis an die Brüstung trugen und ihn dort
niederstellten. Der Mann, der auf dem Sessel lag, war de Vriendts. Es
graute Sylvester bei dem Anblick dieses Gesichts, welches dem eines
halbtoten Affen ähnelte. Mit überquellenden Augen starrte de Vriendts
auf das Podium, und seine Kinnlade schlotterte. Gabriele Tannhauser
stutzte; sie schien den tosenden Beifall nicht zu hören; auf ihren
Wangen zeigte sich eine zarte, fieberische Röte; sie begann das zweite
Lied: _In questa tomba_; ihre Augen waren unausgesetzt auf das ihr
gegenüber befindliche Gesicht des Domherrn gerichtet, auf dieses
entfleischte Gesicht, dessen fressende, angstvolle und krankhafte Gier,
dessen vom Tod gezeichnete Häßlichkeit auf einmal wie ein Alpdruck über
dem ganzen Saal lastete. Auch in Gabrieles Augen war Angst; der
gespenstische Kopf erschien ihr wie eine Drohung; sie empfand ihre
Jugend, ihre Macht, ihre Freiheit als Güter, die sie nur geraubt; sie
erinnerte sich dieses Gesichts, sie hatte es irgendwo gesehen, und
während sie nachdachte, klang ihre Stimme reiner, rührender und
flehender. Das Publikum raste, als sie geendet hatte, aber auf der
Galerie war ein bestürztes Zusammenlaufen. Man sah den Domherrn mit den
Händen in die Luft greifen; röchelnde Laute drangen herunter. Nach einer
Weile kamen die Lakaien und trugen den Sterbenden hinaus. Der
Zwischenfall wurde herumerzählt und zu deuten versucht. Im Nu bildeten
sich Legenden, die den Enthusiasmus für Gabriele Tannhauser steigerten.
Als sie die letzte Note gesungen hatte, glaubte sich Sylvester in einem
Haufen von Wahnsinnigen. Auf dem Podium erhob sich ein Berg von Blumen,
junge Männer stürmten hinauf, junge Mädchen knieten auf den Stufen, aber
Gabriele blickte gelassen in den Tumult; sie hatte den Kopf gesenkt und
ihre niedere Stirn war kindlich verzogen.
Sylvester wurde von mehreren Bekannten um seinen Eindruck befragt. Er
zuckte die Achseln. »Ich finde nicht, daß sie das ist, was die Welt aus
ihr macht,« antwortete er, »ich vermisse Schwung und Leidenschaft. Sie
hat noch nichts erlebt, dessen bin ich sicher. Vielleicht ist sie gar
nicht fähig, etwas zu erleben.« Das klang plausibel, und die es
vernahmen, machten ein tiefsinniges Gesicht.
Am andern Abend, bei der Soiree im großherzoglichen Schloß, lernte er
Gabriele Tannhauser kennen. Sie wechselten nur wenige Worte. Er fragte
sie, ob sie im Frühling in London singen werde; er selbst sei im
Begriff, nach Paris zu gehen, doch sei es wohl möglich, daß ihn sein Weg
auch nach England führen werde.
»Ja, Sie sollten nach London kommen,« erwiderte sie, ohne ihn
anzublicken und wahrscheinlich auch ohne an ihn zu denken, »dort ist das
Leben unmittelbarer als irgend sonst in der Welt.«
»Was könnte es Ihnen bedeuten, wenn ich käme, einer unter den
Millionen,« sagte er lächelnd.
Der Unmut, der über Gabrieles Züge flog, zeigte, wie müde sie solcher
Redensarten war. Sie reichte einem Offizier den Arm, der sie zum Tanz
aufforderte. Sylvesters Eigenliebe war verletzt, und er suchte eine
Gelegenheit, um die Sängerin noch einmal an sein Gespräch zu fesseln. Es
war vergebens, und er überredete sich, daß ihm die Meinung, die sie von
ihm hatte, gleichgültig sei. Doch war sein Ehrgeiz erwacht, und
allmählich bildete sich ein Kreis von Menschen um ihn, die er durch
seine Unterhaltung entzückte. Ohne daß er sich darüber klar wurde,
entfaltete er diese Gabe nur für das junge Weib, das ihm so schnöde den
Rücken gekehrt hatte.
Als er in der Nacht nach Hause kam, berichtete Adam Hund, daß der
Domherr noch während des Transports auf der Straße verschieden sei. Wie
schade, war Sylvesters erster Gedanke, ich hätte über de Vriendts mit
ihr sprechen können. Unzufrieden und voll von Wünschen begab er sich zu
Bett.
* * * * *
Unter demselben Dach wohnte in dieser Nacht Gabriele Tannhauser. Es war
spät; zu wissen, daß alle Menschen schliefen, tat ihr wohl. Sie saß mit
einem Buch bei der Lampe; auf dem Tisch vor ihr stand eine Schale mit
Äpfeln.
Ihr war, als müsse sie die Zeit, die sie in Gesellschaft verlor, dadurch
wieder einbringen, daß sie sich dem Alleinsein möglichst lange hingab.
Die von keinem häßlichen Gedanken, von keiner unsteten Empfindung
getrübte Ruhe ihres Antlitzes bezeugte, wie natürlich ihr diese
Gewohnheit war.
Sie bedurfte der Menschen kaum. Sie hatte keine Freundin, keinen Freund.
Allen, die sich um sie bemühten, begegnete sie mit Güte, und angeborene
Liebenswürdigkeit verurteilte sie dazu, auch gegen die Aufdringlichen
Geduld zu üben. In jeder Stadt waren Personen, denen sie für
Dienstleistungen und Beweise der Ergebenheit verbunden war, Frauen und
Männer, mit denen sie gern verkehrte und für die sie eine lebhafte
Anhänglichkeit verspürte, aber in Wahrheit hätte sie sie entbehren
können. Seit Sziralsky, ihr wunderbarer alter Lehrer, gestorben war,
hatte sie sich an keinen Menschen mehr so innig angeschlossen, um nach
seiner Nähe zu verlangen. Mit Anna Ewel, ihrer Zofe, einer
Postmeisterstochter aus Gabrieles böhmischem Heimatsdorf, reiste sie
umher, an keinem Ort verweilend, von Gasthof zu Gasthof, von Land zu
Land, ohne Erregung, ohne sonderliche Neugier, ohne Launen und ohne zu
ermüden.
Der beständige Wechsel ihres Aufenthalts verhinderte die Menschen, sich
ihrer zu bemächtigen und sie mit Forderungen zu quälen, die sie nicht
erfüllen konnte. Ihre anmutige, immer gleiche Freundlichkeit war wie
eine Lichtflut um sie gebreitet, die es schwierig machte, sie genau zu
sehen, und so wußte niemand auf der Welt, wie es eigentlich mit ihr
beschaffen und welch ein merkwürdiges Kind Gottes dieses junge Geschöpf
war, das mitten im Strom des Lebens und im Glanz des Ruhmes sein Glück
in der Einsamkeit suchte.
Sie hatte keine Familie. Vater und Mutter waren tot, ein Bruder war vor
zwei Jahren bei Königgrätz gefallen. Wenn sie ihrer Heimat gedachte, sah
sie ein karges Hügelgelände, eine Straße, die in dunkle Wälder führte,
einen regungslosen Teich, auf dem Gänse und Enten schwammen, gelbhäutige
Kühe, arme Häuser, ein armes gedrücktes Volk, und über alldem einen
blassen Himmel bei Tag und am Abend funkelnde Sterne. Schwermütige
Abende, wenn aus den Schenken die Tanzmusik klang oder in einem
Zigeunerlager eine Geige fiedelte, Licht um Licht in den kleinen
Fenstern erlosch und der Mond wie eine glühende Glocke aus den
geheimnisvollen Tiefen der Erde emporstieg. Erinnerte sie sich während
des Singens daran, gewahrte sie dies Bild, das im Frühlingswerden oder
in der Herbstesneige die Seele mit Frieden und Trauer erfüllt hatte, so
zerflossen die vielen, ihr zugewandten Gesichter in Dunst, und nur die
Augen strahlten ihr noch entgegen, fremd und fern.
Sie war nicht von der Art jener Künstlerinnen, denen ihr Auftreten zur
festlichen Gefahr wird. Sie gehörte nicht zu denen, die ein Publikum
schmähen, vor welchem sie zittern. Sie kannte nicht das Fieber der
Vorstunde und die großen Gebärden des Erfolges. Sie war keine Diva, sie
war ein junges Mädchen, das sang. Die Kunst gab ihr keinen Rausch und
keine Ernüchterung, sie war ihr weder Lust noch Plage, sondern eine
Pflicht. In ihr war ein Quell, der überströmte und überströmen mußte,
wenn er sie nicht ersticken sollte. Sie arbeitete täglich viele Stunden,
doch niemals mit Angst um die ihr gewordene Gabe. Sie hatte Ehrgeiz,
aber nicht den zerstörenden und herztötenden; ihr Ehrgeiz glich dem
jener mittelalterlichen Ritter, die Gut und Blut daran setzen, um ihren
Schild fleckenlos zu erhalten. Es war eine dumpfe Bescheidenheit in
ihr; den Gang aufs Podium oder auf die Bühne trat sie mit einem für
ihre Umgebung unbegreiflichen Gleichmut an; sie ihrerseits hatte kein
Verständnis für die Ränkesucht und das würdelose Treiben mancher
Fachgenossen, und deshalb spielte sie nur noch ungern auf dem Theater.
Jeden Morgen erhielt sie Liebesbriefe und Blumen. Die Briefe verbrannte,
die Blumen verschenkte sie. Ehedem hatte sie eine Leidenschaft für
Blumen gehabt, jetzt machte sie sich nichts mehr daraus und grollte
ihnen, daß sie solchem Zweck dienen mußten. Der Gedanke an Liebe hatte
nichts Befeuerndes für sie, er besaß nicht einmal die Kraft, sie zu
erwärmen; es entstand keine Hoffnung aus ihm, höchstens in seltenen
Augenblicken eine Furcht. Bisweilen kam es vor, daß sie über sich selbst
erstaunte, wenn sie sich so zugeschlossen fand, so kühl, so
sehnsuchtslos, so allein im Raum, und sie konnte wünschen, eine Stimme
zu vernehmen, die sie noch nie gehört und einen Blick zu spüren, der
noch nie auf ihr geruht. Aber nicht mehr als eine Stimme und einen
Blick, nicht mehr; zu viel war schon die Hand, die fremde Hand, die heiß
sein konnte, zu viel das Wort, das lügen konnte. Ihr war dunkel zumute,
als habe ihre Seele beim Eintritt ins Dasein den mystischen Befehl
empfangen, niemals Flamme zu werden für eine andere Seele. Jugend und
Gesang waren wie zwei ineinandergewebte Schleier, die sie nicht
emporheben durfte, wenn sie nicht nackt und wehrlos dem Schicksal
preisgegeben sein wollte.
Es gab aber auch Stunden, wie die der heutigen Nacht, wo ihr Inneres von
einer gleichsam nur geträumten Unruhe erfüllt war, wo ihre Augen sich
groß öffneten wie die eines erwachenden Kindes und sie sich fragte: Wer
bin ich? Was wird aus mir?
* * * * *
In seiner Knabenzeit hatte Sylvester einmal im Herbst in einer Kammer
einen Korb mit frischen Trauben entdeckt. Es war nicht Hunger, was ihn
getrieben, darüber herzustürzen. Da es die ersten Trauben des Jahres
waren, hatte auch die Freude am Anblick der schönen Dolden, das
Entzücken, sie greifen zu können, seine Gier erweckt. Er war
niedergekniet, hatte jauchzend zwei Hände voll gepackt und dann das
Gesicht, den Mund, die Zähne förmlich in die Trauben vergraben, so daß
der ausgepreßte Saft nicht nur über den Gaumen hinab, sondern auch über
das Kinn und die Kleider träufelte.
Daran mußte er manchmal während seines Pariser Aufenthaltes denken. Es
war dieselbe Lust an der Fülle, dasselbe unbedachte, gefräßige
Ansichreißen. Jeder Tag hatte siebzehn Stunden, oft auch mehr, und keine
Stunde war reizlos. Er hatte gewichtige Empfehlungen mitgebracht, wurde
glänzend aufgenommen und führte das Dasein eines großen Herrn. Er wußte
sich zu kleiden, er verstand Geld auszugeben, seine Umgangsformen waren
ohne Tadel, er hatte Bildung und Geschmack, kein Wunder also, daß man
sich um seine Person stritt. Ihm selbst schien es, als hätten seine
besten Talente bis jetzt geschlummert, als sei er seiner Fähigkeiten
jetzt erst sicher und brauche nur zu wählen unter den Zaubermitteln,
durch die man die Menschen erobert. Desungeachtet war nichts von Krampf
und künstlichem Feuer in seiner Lebensführung. Was an ihm gefiel, war
seine kräftige Männlichkeit, eine Grazie des Geistes, die dem Deutschen
doppelt angerechnet wurde, und jener angenehme Witz, der nicht verwundet
und andere witzig macht.
Eine ununterbrochene Kette von Vergnügungen hielt ihn gefangen. Die
körperliche Frische, die er mit triumphierendem Behagen täglich spürte,
besiegte jeden Widerstand und gab ihm das Bewußtsein der Leichtigkeit
und mühelosen Erneuerung. Ich habe zehn Jahre lang gespart, sagte er
sich, nun kann ich Preise bezahlen, die mich nicht schrecken, so hoch
sie auch sein mögen.
Sie waren hoch. Nicht gewillt, sich mit äußerer Repräsentation und einem
oberflächlichen Gesellschaftstreiben zufriedenzugeben, suchte er ohne
Scheu Gebiete auf, wo die menschliche Existenz nicht bloß wie ein
harmloses Wasser flutet, wo nicht gefälliger Schmuck und leer
verpflichtende Worte über den Mangel ernsthafter Verbundenheit
hinwegtäuschen, sondern wo aus tieferen Schlünden die Elemente rauschen
und der sich bewahren möchte, zur Entscheidung aufgefordert wird. Er
lernte das Paris des zweiten Kaiserreichs gründlich kennen. Ein Schauder
erfaßte ihn, wenn er dieser aus trunkenen Mänaden und wahnsinnigen
Silenen gemischten Tänzerscharen inne wurde; wie da alles nur noch
Schall war, was sonst ein Volk aus seinem Taumel riß, wie jeder nur von
Gnaden des Momentes lebte, aus hohlem Überschwang Freude saugte und
seinen dürftigsten Götzen zum Idol aufputzte; wie die Schatten
vergangener Größe umherschlichen, um Almosen der Ehre zu erbetteln, wie
jedes Fest zum Bacchanal wurde und Schönheit und Unschuld flüchtiger
waren als der Seufzer eines Ertrinkenden, dies erfuhr Sylvester nicht
ohne Zurückbesinnen und Zukunftsfurcht. Aber er wollte nicht Beobachter
sein, er wollte mit diesen leben.
So blieb ihm keine Stätte des Lasters unbekannt, kein Ort, wo die
Ausgestoßenen von lüsternen Jägern gestellt wurden, keiner von den
Sümpfen, auf deren Grund das Verbrechen wie giftiges Reptil hauste und
auf deren buntem Spiegel mancherlei bewimpelte Fahrzeuge schwimmen. Er
knüpfte Beziehungen mit einer Italienerin an, die berühmt kleine Hände
und Füße hatte; nach einer Woche verabscheute er sie; er machte auf
einem öffentlichen Ball am Boulevard St. Michel die Bekanntschaft einer
Strumpfwirkerstochter, die ein unstillbares Verlangen danach hatte, ein
Diamanthalsband zu besitzen; er kaufte ihr nur einen Ring, und ihr
Gewissen schwieg bei seiner Werbung. Sie glich einer Nordländerin und
hatte das Blut einer Wilden. Ihre Launen ermüdeten ihn, und er verließ
sie. Hinter einer kleinen Kirche im Quartier latin wohnte ein Arzt,
dessen junge Frau so fromm war, daß das ganze Viertel darüber spottete.
Ein Student, der hoffnungslos in sie verliebt war, erzählte Sylvester
von ihr. Um sie zu sehen, ging er in jene Kirche, besuchte dann eines
erfundenen Leidens halber den Arzt und war bald häufiger Gast im Hause.
Er umstrickte die Frau, sie verfiel ihm, aber der Gatte war nicht blind;
was sich zwischen den beiden ereignet hatte, wußte kein Mensch; eines
Tages waren sie aus Paris verschwunden.
Erbeuten und wegwerfen; bewahrte das Gedächtnis einen Namen, ein zartes
Wort, eine seltene Gebärde, so war die Mühe belohnt; Gestalt und Wesen
schwanden hin. Wer Blüten pflückt, will oft kaum riechen; den Strauß in
der Hand, mag er ihn schon nicht mehr weiter tragen, und schleudert er
ihn fort, ist er sorgloser geworden. Aber Sylvester hatte eine schwere
Sorge. Seine Geldmittel verringerten sich schnell. Die dreitausend
Taler, die er hatte schicken lassen, waren verbraucht. Er verlangte
einen Kreditbrief auf zehntausend Taler und berechnete, daß er ihn nach
drei Monaten erschöpft haben würde. Eine gleichgroße Summe lag nicht
mehr bereit. Ein Bankier riet ihm, Börsenpapiere zu kaufen, doch er fand
das Geschäft zu unsicher und zu langwierig. In der Neujahrsnacht kam er
in Begleitung mehrerer junger Engländer in ein Haus, wo Bakkarat
gespielt wurde. Er beteiligte sich am Spiel und gewann neunzehnhundert
Franken. Acht Tage später ging er wieder hin und gewann über viertausend
Franken. Nach einiger Zeit wollte er zum drittenmal sein Glück
versuchen, aber da verlor er. Es waren zwar nur dreißig Goldstücke, aber
der Verlust ärgerte ihn, und er wollte ihn am andern Tag wieder
einbringen. Er verlor. Nun hatte er keine Ruhe mehr und wähnte, das
Glück erzwingen zu müssen. Allnächtlich saß er bis gegen die
Morgenstunde am grünen Tisch, ruhiger als alle anderen Spieler und von
einer seltsamen Neugier erfüllt, zu erfahren, wann das Mißgeschick
aufhören wurde, ihn zu verfolgen.
Nach Verlauf eines Monats hatte er zweiunddreißigtausend Franken
verloren. Um seine Schulden tilgen zu können, mußte er das ganze Depot
erheben, das sich noch in Würzburg befand. Darauf schrieb er an den
Inspektor nach Erfft, es müsse eine Anleihe aufgenommen werden, ein ihm
bekannter Agent in München, an den er sich gleichfalls brieflich wandte,
sollte dazu behilflich sein. Unter großen Schwierigkeiten wurden
zwanzigtausend Taler flüssig gemacht. Sylvester spielte trotzig weiter,
und in einer Woche verlor er die Hälfte dieser Summe. Nun erkannte er
das Vergebliche seines Eigensinns, und da ihn nicht so sehr die
Leidenschaft als der Wille beherrscht hatte, das dumme, blinde Ungefähr
zu lenken, bedurfte es nur eines Entschlusses, um ihn von seinem
verhängnisvollen Weg abzubringen. Freilich trug dazu ein Ereignis bei,
das auch wie ein Spiel begonnen hatte, aber mit Trauer und Vernichtung
enden sollte.