in seinem Fach tüchtigen Mannes. Seine Mutter war eine Französin
gewesen, aber gerade diesem Umstand verdankte er eine fast trotzige
Liebe für sein Vaterland, für deutsches Wesen und deutsches Leben. Er
hatte die Rechte studiert und dem Wunsch seines Vaters gehorsam die
Laufbahn eines Staatsbeamten gewählt. Sein Talent, seine Tatkraft wie
auch einflußreiche Verbindungen brachten ihn rasch in die Höhe, und mit
dreißig Jahren war er bereits Kabinettschef im Ministerium. An dieser
Stelle machte er sich zum erstenmal durch ein reformsüchtiges Treiben
unliebsam bemerkbar, aber je mehr man diese Eigenschaft bekämpfte, je
stärker trat sie hervor. Es erregte Aufsehen, als er nach vielen
Bemühungen die Wiederaufnahme eines Prozesses durchsetzte, in dem nach
seiner Meinung ein ungerechtes Urteil gefällt worden war; es erregte
nicht minder Aufsehen, als er in einer Druckschrift gewisse Mängel der
Justiz und der Verwaltung rücksichtslos an den Pranger stellte, und bald
begnügte er sich damit nicht mehr, sondern ging dem Schlendrian der
Behörden, der Bestechlichkeit der Beamten, dem Servilismus der
Hofschranzen, der Verbrüderung der Profitmacher und der Nachlässigkeit
in der Führung öffentlicher Geschäfte mit einer solchen Wut und
Bitterkeit zuleibe, daß er eines Tages kurzerhand den Abschied erhielt
und der König ihm befehlen ließ, die Hauptstadt zu meiden. Seine Frau,
eine Münchener Kaufmannstochter, die er ein Jahr zuvor geheiratet und
die ihn durch Anmut und leichte Lebensart bezaubert hatte, war bei
dieser Nachricht wie aus den Wolken gefallen, denn sie hatte sich um
das, was ihn erfüllte und gefährdete, nicht im geringsten bekümmert.
Es hatte begonnen als ein Funken; vielleicht mit einem Ärger, vielleicht
mit dem Erstaunen über eine versäumte Handlung der Billigkeit; der
Widerstand, den sein männliches Eingreifen erfuhr, hatte ihn erhitzt.
Nach und nach mußte er wahrnehmen, daß er einem solchen Widerstand
überall dort begegnete, wo er das Unrecht in Recht verwandeln wollte,
daß es der Widerstand der Trägen, der Aufruhr der Bequemen war. Jetzt
wurde ihm Lebensziel, was vorher nur Wallung gewesen. Sein ganzes
Inneres entflammte sich gegen eine zerrüttete, verdorbene, faulende
Welt.
Er ging in die Heimat. Seine Frau folgte ihm, mißvergnügt durch die
Aussicht auf dauernde ländliche Langeweile und empört durch den
erzwungenen Verzicht auf ihre gesellschaftliche Stellung in der großen
Stadt. Die Seinen empfingen ihn kalt. Der Vater grämte sich über den
Zusammenbruch der Hoffnungen, die er auf den einzigen Sohn gesetzt, zu
Tode; die Mutter war verständnislos und den Einflüssen geistlicher
Berater unterworfen. Ursanner nahm dies alles hin. Er publizierte eine
Rechtfertigung, die eine glühende und beispiellos kühne Anklage gegen
die Regierung war. Er nannte sich herausfordernd den Deutschen; die
Deutschen, an die er sich wendete, von Mal zu Mal freier, gesammelter,
bewußter und beredter, denen er den Wurzelfraß ihres nationalen Haders,
ihrer Kleingeisterei, ihrer Verlogenheit und Selbstgenügsamkeit
aufdeckte, nannten ihn den Feind. Er war so gefürchtet als gehaßt. Das
Brandmal eines Verräters haftete ihm an, in dessen Seele die heißeste
Liebe für sein Land und für sein Volk wohnte. Als es gar noch bekannt
wurde, daß er mit Ferdinand Lassalle in brieflichem Verkehr stand, dem
Erzketzer und Demagogen, verließen ihn selbst die wenigen, die bis dahin
wenn auch nicht zu seiner Sache, so doch zu seiner Person gehalten
hatten. Damals hatte sich auch Sylvester von Erfft von ihm zurückgezogen
— gezwungenermaßen, um nicht selbst von seinen Freunden gemieden zu
werden.
Aber es war Achim Ursanner vom Schicksal nicht bestimmt, auf dem geraden
und zweifellosen Wege des geistigen Kampfes zu bleiben. Die Umstände
rissen ihn ins Kleine und Gemeine und verzehrten dort seine Kraft. Ein
Jahr nach dem Tod des Vaters starb auch die Mutter. Bei der
Testamentseröffnung stellte sich heraus, daß sie einen Teil des
Grundbesitzes, einen Weinberg und mehrere Äcker, dem nahegelegenen
Karmeliterkloster vermacht hatte. Achim Ursanner bestritt die Gültigkeit
dieser Schenkung und strengte einen Prozeß gegen das Kloster an. Sein
Einspruch wurde zurückgewiesen; er appellierte; er brachte Zeugnisse
bei, die klärlich bewiesen, daß seine Mutter in ihren letzten
Lebenstagen in getrübter Geistesverfassung gewesen. Der Prozeß lief von
Instanz zu Instanz und kostete Geld über Geld. Indessen hatte sich
Jakobe, seine Frau, innerlich von ihm abgekehrt. Ihr Betragen gegen ihn
wurde feindselig und sein Schmerz war groß, als sie es nicht mehr vor
ihm verbarg, daß sie mit den Karmelitern im Einverständnis war und in
ihm, wie die Mönche sie gelehrt, eine Art von bösem Dämon erblickte. Als
er eines Tages von der Stadt zurückkehrte, war Jakobe mit den beiden
Kindern verschwunden. Er liebte die Kinder bis zur Vergötterung, und von
der Stunde ab war sein einziges Bestreben, wieder in ihren Besitz zu
gelangen. Er verwandte darauf seine ganze Umsicht und Energie, alle
Erfindungsgabe und allen Mut. Die Spuren der Flüchtigen zogen ihn nach
den verschiedensten Gegenden des Landes, ja bis nach Tirol und Verona.
Diese Reisen, das Aufgebot von Helfern und die Besoldung der Advokaten
verschlangen nahezu sein ganzes Vermögen, und obgleich der Kampf, den er
im Finstern und gegen die Finsternis führte, sein Herz zermalmte,
erlahmte der Wille nicht. Nach dreizehnmonatlichen Fahrten entdeckte er
Jakobes Aufenthalt. Sie befand sich in einem Dorf in der Nähe von Nancy,
in der Wohnung einer Generalswitwe, und von dort fuhr sie bisweilen nach
Paris, um sich zu zerstreuen. Nachdem Achim das Versteck gefunden, traf
er alle Vorbereitungen, um die Kinder zu rauben, und als Jakobe wieder
einmal von ihnen wegfuhr, wartete er den späten Abend ab, stieg durch
ein Fenster in das Haus, nahm die schlafenden Kinder, von denen das eine
sieben, das andere sechs Jahre alt war, aus den Betten und entfloh mit
ihnen, ohne daß er gesehen wurde. Ein Wagen zum nächsten Bahnhof stand
bereit, und zwei Tage darauf befand er sich mit den beiden Kindern
wohlbehalten in Randersacker. Aber jetzt erst erhob sich die wahre Hölle
gegen ihn. Jakobe rief die Gerichte an. Er konnte erhärten, daß ihn
sein Weib ohne Rechtsgrund verlassen, daß sie ihm die Kinder böswillig
genommen und daß er in erlaubter Notwehr gehandelt, als er sich wieder
in ihren Besitz gesetzt hatte. Neue Prozesse kamen in Gang. Das
Schlimmste war, daß die Bevölkerung gegen ihn aufgehetzt wurde. Er
konnte kaum mehr wagen, auf die Straße zu gehen. Die Fülle der
Verleumdungen, der Beleidigungen und des niedrigsten Unflats machte ihn
krank vor Ekel. Sein Haus glich einer Festung. Er mußte von weit her und
gegen hohes Entgelt Leute kommen lassen, die ihm dienten und seine
Kinder beschützten. Er mußte täglich und stündlich gewappnet sein gegen
den Andrang eines verrohten und mißleiteten Pöbels.
So standen die Dinge um Achim Ursanner, als Agathe sich anschickte, ihn
zu besuchen.
* * * * *
Das Haus lag auf einem Hügel, und ein Schlangenweg führte hinauf. Agathe
ließ den Wagen unten halten. Es fiel ihr auf, daß zwei junge Burschen am
Tor oben standen und ein Pfeifensignal gaben, als sie den Weg
hinanschritt. Jetzt erschien Achim Ursanner selbst, warf einen spähenden
Blick auf Agathe und kam langsam hügelabwärts. Erst als er vor ihr
stand, erkannte er sie, lüpfte den Hut und bot ihr zum Gruß die Hand.
Er war ein ziemlich kleiner Mann von gedrungenem Körperbau, kurzhalsig
und breitbrüstig; das Gesicht war von einem rötlichbraunen Bart umrahmt,
und er trug eine Brille mit dicken Hohlgläsern, hinter denen die Augen
bisweilen rasch und erregt aufblitzten. Seine Züge hatten einen
träumerischen Ausdruck, und der Mund war von fast frauenhafter
Weichheit.
»Was führt Sie zu mir, gnädige Frau?« fragte er mit tiefer, verwunderter
Stimme, während er an Agathes Seite umkehrte. Agathe schüttelte den
Kopf, wie wenn ihr die Antwort nicht leicht fiele. Als sie in den Hof
getreten waren, schlossen die beiden Wächter das Tor zu. Drei riesige
Doggen sprangen herbei und umschnupperten Agathe mißtrauisch. Das Innere
des Hauses zeigte Spuren der Vernachlässigung, die dem Auge einer Frau
nicht entgehen konnten. Von den Wänden war an vielen Stellen der Mörtel
abgefallen, Diele und Treppen waren seit langem nicht gescheuert, und
die Türklinken waren rostblind. Ursanner schien die Gedanken Agathes zu
erraten; sein resigniertes Lächeln wollte sagen: ein Kranker putzt sich
nicht. Er geleitete Agathe in ein großes, niedriges Zimmer zu ebener
Erde, zündete, da es schon dunkel wurde, die Hängelampe an und schaute
nun seiner Besucherin ruhig forschend ins Gesicht. In seiner Haltung, in
seinem Auge war etwas von einem Läufer, der stille steht und sich
besinnt, etwas, wovon Agathe ahnungsvoll ergriffen wurde, so daß ihr
plötzlich der Grund ihres Hierseins klein und unwichtig vorkam und sie
nur mit Überwindung die Frage nach Sylvester über die Lippen brachte.
Sie hatte sich niedergesetzt und blickte zaghaft zu Ursanner empor. Da
er stumm blieb, fühlte sie das Unzulängliche der bloßen Frage und fügte
in mattem Ton eine Erklärung ihrer seltsamen Situation hinzu.
»Ich weiß nichts von ihm,« antwortete Achim Ursanner, genau wie de
Vriendts geantwortet hatte. Dann fuhr er fort: »Wir trafen uns eines
Tages in der Stadt, als ich ins Pfandhaus ging. Anfangs war er verlegen,
aber dann begleitete er mich bis hier heraus. Ich mußte ihm von meinen
Umständen berichten, und er hörte mir geduldig zu. Er bot mir Geld an,
aber ich schlug es aus. Ein Mann, der Weib und Kind hat, darf keinem
andern Mann Geld borgen. Er sagte mir, daß er reisen wolle, und ich
beglückwünschte ihn dazu. Und als er fortging, versprach er, mir zu
schreiben. Er hat mir wohlgetan, es waren ein paar menschliche Stunden,
wir haben uns sogar noch geduzt wie in früherer Zeit, als wir beim
Regiment standen.«
»Er wollte Ihnen also schreiben?« unterbrach Agathe den hastig Redenden.
»Ja, er wollte schreiben. Sein Händedruck, als wir schieden, hatte auch
etwas Bindendes, und das war nicht der Fall, als wir uns vor Jahren zum
letztenmal die Hand reichten. Er hatte vielleicht eingesehen, daß er
treulos gewesen, er, gerade er, mit dessen Namen ich den Himmel gegrüßt
hätte. Aber was soll mir Reue? Ich hab' ihn ja noch immer gern, doch ein
Freund, der vor mir steht und bereuen muß, läßt mein Herz nicht froh
werden.«
Wie verändert er ist, dachte Agathe; Achim Ursanner war ihr noch
gegenwärtig als eine Gestalt von eigentümlicher Helligkeit, die Wärme
mitteilte und Offenheit natürlich machte, als ein Mann, dessen ordnender
Verstand jedem Gespräch einen erquickenden Fluß verlieh und dessen Humor
und stille Überlegenheit jeden Gegenstand adelte, den sein Wort
berührte. So hatte sie ihn vor acht oder neun Jahren gesehen, als
Sylvester den Jugendgefährten in sein Haus geführt hatte; jetzt aber
schnürte sich in seiner Nähe ihre Brust zusammen, und die ganze
Atmosphäre des Hauses erdrückte sie. Sie beugte sich weit vor, stützte
beide Ellenbogen auf die Knie, legte die Wangen zwischen beide Hände und
mit ernsten Augen, zwangvoll und furchtsam zugleich, bat sie ihn, er
möge ihr erzählen, was sich in seinem Leben ereignet hatte; denn obwohl
sie vom Hörensagen mancherlei wußte, und Sylvester bisweilen diese oder
jene Neuigkeit über Achim aus der Stadt mitgebracht hatte, verlangte sie
jetzt doch nach anderm Aufschluß und sie schämte sich, daß sie nur
kannte, was die betrügerische Fama verbreitet hatte.
Er willfahrte ihr. Er erzählte. Er ging im Zimmer auf und ab, und es
war, als spreche er zu den Wänden. Seine Sätze waren kurz, scharf,
schneidend. Jeder einzelne enthielt eine Tatsache und nichts weiter. Es
war aufregend, ihn zu hören.
»Nun ist es soweit gekommen, daß Bäcker und Krämer mir nichts mehr
verkaufen wollen,« schloß er seinen Bericht; »Leute, denen ich einst
geholfen habe, spucken aus, wenn sie mich sehen. Kinder und Weiber
laufen vor mir davon. Heute habe ich sieben Drohbriefe erhalten, anonym
natürlich. Die Bauern werfen mir Steine auf die Acker, des Nachts
demolieren sie den Zaun und wollen meine Hunde mit vergiftetem Fleisch
umbringen. Wer mich nur grüßt, der ist schon verfemt, und es war kein
kleines Wagnis von Sylvester, zu mir zu kommen. Sie, Frau Agathe,
scheinen nicht recht gewußt zu haben, was Sie taten. Ich bin vogelfrei.
Wer mich besudelt, verdient sich einen Gotteslohn. Ich bin wie ein Aas,
an dem sich die Raben mästen. Nun, wir wollen sehen. Es wird sich ja
zeigen, wieweit die menschliche Niedertracht zu gehen vermag; es ist
eine wahre Begierde in mir, ihre Grenzen kennen zu lernen; so sonderbar
es klingt, ich bin immer wieder überrascht, wenn sie sich in einer neuen
Entfaltung zeigt.«
Agathe hatte allmählich die Augen gesenkt und blickte wortlos zur Erde.
Hie und da lief ein Frösteln über ihre Glieder, und es kam ihr vor, als
hätte sie bis zu dieser Stunde nicht geahnt, in was für einer Welt sie
lebte. Ihr ward es dunkel im Gemüt, und so beredt auch ihr Schweigen für
Ursanner war, sie selbst nahm es für einen Beweis von Schwäche, ja von
Mitschuld. Sie legte die Hand über die Augen. Achim setzte seine
Wanderung durch das Zimmer unermüdlich fort. An den Fenstern trug jemand
eine Pechfackel vorüber, und die Flamme war wie ein Band gebogen.
»Wollen Sie mich nicht zu Ihren Kindern führen?« ließ sich Agathe
endlich vernehmen. Ursanner nickte, sie stand auf und folgte ihm durch
den Korridor über den Flur in den ersten Stock. Er öffnete eine Türe
und sie blieb auf der Schwelle stehen. Die zwei blondlockigen Knaben
saßen auf der Erde und blickten in ein Bilderbuch. In der Ecke zwischen
Ofen und Wand hockte ein alter Knecht mit der Tonpfeife im Mund und
schlief. Die Kinder waren blaß und einander ähnlich wie Zwillinge. Sie
bewegten kaum die Köpfe, als die Tür aufging, sie schauten nur schief
zum Vater und zu der fremden Frau hinüber. Agathe trat zu ihnen, bückte
sich und redete zärtlich auf sie ein. Doch sie schwiegen trotzig, und
auf den Lippen des älteren Knaben zeigte sich ein sonderbar lauerndes
Lächeln. Ratlos sah Agathe Achim Ursanner an, und sie bemerkte, daß
seine Züge sich verfinstert hatten und daß sein Mund zuckte. Sie erhob
sich. »Ich muß jetzt gehen,« sagte sie, »ich möchte am Abend zu Hause
sein. Werden Sie mir Nachricht geben, wenn Ihnen Sylvester schreibt?«
»Das werde ich, Frau Agathe, das werde ich unbedingt,« versicherte
Ursanner in seinem treuherzigen Ton. »Und wenn Sie erlauben, will ich
auch Ihren Besuch erwidern, sobald ich aufatmen kann,« fügte er hinzu;
»mir ist, als müßte ich Ihnen danken, und vielleicht darf ich's, denn
sind Sie auch nicht meinetwegen gekommen, so weiß ich doch, daß Sie ein
zweitesmal meinetwegen kommen würden. Stimmt es?«
»Es stimmt,« antwortete Agathe, und sie selbst fühlte etwas wie
Dankbarkeit. Er begleitete sie hinunter zum Wagen; die drei großen Hunde
standen um ihn her, und ihre Augen glühten aus der Dunkelheit. »Was
raten Sie mir zu tun?« fragte Agathe, während ihre Hand schon den Griff
der Wagentüre gefaßt hatte.
»Wenn ich mir den Eindruck zurückrufe, den Sylvester auf mich machte, so
muß ich sagen, er ist auf keiner guten Bahn,« entgegnete Ursanner. »Es
ist am besten, wenn Sie ganz stille bleiben. Seien Sie großmütig. Es
gibt im Leben jedes Mannes eine Zeit, wo er Gott verliert, und wenn er
da einen Menschen hat, der ihn liebt, was ist natürlicher, als daß der
ein wenig Gottes Rolle übernimmt? Ich hätte nicht gedacht, daß zwischen
euch beiden solche Dinge passieren könnten, aber eine Ehe ist für den
Dritten so ziemlich das Geheimnisvollste auf der Welt. Und Mann und
Weib, was wissen sie voneinander? Die Nähe macht grausam, die Ferne
blind, Gefühle sind vergeßlich, Worte Luft. Und trotzdem, glauben Sie
mir, wird mit einem Wort oft viel erreicht. Manchmal, wenn ich so zwei
Leutchen zanken hörte oder einander stumm zerfleischen, war ich
versucht, ihnen zuzurufen: Kinder, warum sagt ihr euch denn nicht das
richtige, gute Wort? So geht's mir auch im Theater, wenn die
Herrschaften einander Szene machen. Es ist sehr viel Freiwilligkeit in
dem Bösen, das Eheleute einander zufügen, und jede Liebestat will sich
rächen durch eine Hassestat. Seien Sie großmütig.«
Mit fast ungestümer Bewegung streckte Agathe dem Freunde die Hand hin,
und er preßte sie fest in der seinen. Dann stieg sie ein, nickte noch
einmal aus dem Fenster, und die Pferde zogen an.
Agathes Herz war schwer. Sie konnte die zwei Kinder nicht vergessen, das
sonderbar lauernde Lächeln des einen Knaben, den schlafenden Knecht
hinterm Ofen und Achim Ursanners zuckenden Mund. Es lag für sie eine
Unheilsverkündigung in dem Bild, und ihr dünkte, sie sei mit dem
nahenden Unheil verkettet.
War dies die Ursache, daß sie sich entschlossener als bisher in ihre
Lage fand? War es die Vergleichung der Schicksale, die sie geduldiger
stimmte, ernster, gesammelter? Sie wandte ihre ganze Aufmerksamkeit der
Wirtschaft zu, überwachte die Lieferung des Holzes und der Viktualien,
die Ausbesserung der Pflüge und Wagen, die Pflege der Tiere in den
Ställen und rechnete jeden Samstag mit dem Inspektor ab. Ihr Einblick
wurde tiefer, ihre Kenntnis der Verhältnisse gründlicher und im Umgang
mit den angestellten Leuten zeigte sie sich verständig und durchaus
fähig zu regieren. Aber ihr war, als ob sie Fleiß und Mühe ans Bodenlose
verschwende, als sie eines Tages von dem Würzburger Bankier abermals
eine Bescheinigung darüber erhielt, daß an Herrn von Erfft nach Paris
dreitausend Taler geschickt worden seien.
So wußte sie also wenigstens, wo er war.
Bisweilen kam die Inspektorin mit ihrer Geige, Agathe setzte sich ans
Klavier, und sie spielten eine Mozartsche Sonate. Bisweilen las sie,
doch selten mit Anteil. In manchen Stunden war Schwermut unabweisbar,
und wenn man nach innen weinen kann, sie spürte solche Tränen; dann floh
sie den Anblick aller Menschen, die auf dem Gut um sie waren, stieg in
das Turmzimmer über dem Hause und schaute regungslos in die winterliche
Landschaft, bis es Abend wurde.
Einmal erspähte Silvia, wohin die Mutter ging und folgte ihr. Das kluge
Kind stand lange vor der Türe und wagte nicht, sie zu öffnen;
schließlich setzte es sich nieder, und seine schönen Augen füllten sich
mit Traurigkeit. Es war kalt da oben, der Wind heulte im Sparrenwerk,
und wenn der Schnee über die Ziegeln rutschte, klang es, als ob
Geisterfüße über das Dach trippelten. Es wurde dämmerig und Silvia
schien es, daß sie ganz allein auf der Welt sei. Sie lehnte den Kopf an
einen schrägen Balken und gedachte ihres Vaters. Sie malte sich aus, wie
er in der Fremde unter vielen Menschen herumirrte und wie er den Weg
nach Hause nicht mehr finden konnte, weil überall der Schnee zu hoch
war. Da knarrte die Tür, und Agathe, den Pelzmantel um die Schultern,
trat heraus. Sie erblickte das Kind sich zu Füßen, erschrak und kniete
nieder. Silvia umhalste die Mutter, ohne zu sprechen; Agathe bedeckte
die Frierende mit ihrem Mantel, hob sie auf und trug sie hinab. Am Kamin
in der Bibliothek setzte sie das Kind auf ihren Schoß und erzählte ihm
das Märchen vom Wacholderbaum.
»… und als ein Monat vorbei war, da war der Schnee vergangen, und zwei
Monat, da war es grün, und drei Monat, da kamen die Blumen aus der Erde,
und vier Monat, da drängten sich alle Bäume in dem Holze und die grünen
Zweige waren alle ineinander gewachsen. Dort sangen die Vöglein, daß das
ganze Holz erschallte, und die Blüten fielen von den Bäumen. Da war der
fünfte Monat vorbei und die Frau stand wieder unter dem Wacholderbaum,
dort sprang ihr das Herz vor Freude, und sie fiel auf die Knie. Und als
der sechste Monat vorbei war, da wurden die Früchte dick und stark und
sie wurde ganz still und im siebenten Monat, da griff sie nach den
Beeren und aß sich satt und wurde traurig und krank. Der achte Monat
ging hin und sie rief ihren Mann und weinte und sagte: wenn ich sterbe,
begrabt mich unter dem Wacholderbaum. Da war sie getrost, und im neunten
Monat kriegte sie ein Kind so weiß wie Schnee und so rot wie Blut, und
als sie das sah, freute sie sich so, daß sie starb.«
Silvia schaute drein wie eine Frau, und Agathe fuhr in ihrer Erzählung
fort.
Am andern Tag kam ein reitender Bote von Achim Ursanner. Er brachte
einen Brief des Inhaltes, daß Sylvester aus Paris geschrieben habe. »Ich
will Ihnen die Epistel nicht schicken,« schrieb Ursanner, »wozu auch? Er
versteckt ja nur sein Gesicht. Er berichtet von der Schönheit einer
Tänzerin, und daß irgendeine Gräfin eine Liebschaft mit ihrem Kutscher
hat, daß der Marquis de Luzon aus Indien zwei Tiger mitgebracht hat, daß
einer gewissen Kreolin ganz Paris zu Füßen liegt, und daß man beim
spanischen Gesandten auserlesene Weine trinkt; er schwärmt von den
exotischen Blumen, die das Fräulein von Feurquiéres züchtet und von der
Juwelensammlung des Herzogs von Praslin; von dem Bild eines berühmt
gewordenen jungen Malers, von einer Begegnung im Versailler Schloß, von
einer Bootsfahrt in Passy, von lustiger Gesellschaft auf dem Montmartre
und von einem Feuerwerk im Luxembourg. Genug an dem, es ist Schaum.
Mancher setzt sich einen bunten Kranz aufs Haupt, wenn ihn das schlechte
Gewissen nicht schlafen läßt. Ich denke viel an Sie, aber ich kann nicht
kommen, damit ist alles gesagt. Letzten Sonntag ist von der Kanzel
herunter gegen mich gepredigt worden. Leben Sie wohl. A. U.«
Es ist alles aus, dachte Agathe, und sie spürte, wie es in ihrem Herzen
dunkel und öde wurde, während sie langsam in den Flur ging, um den Boten
zu entlohnen.
* * * * *
In Karlsruhe machte Sylvester Station. Er besuchte mehrere Freunde, ging
zu Hofe und wurde zu einer Soiree im Schloß geladen. Vorher hatte er
einen ganzen Nachmittag darauf verwendet, sein Gesicht verjüngen zu
lassen, und zwar durch Adam Hund, der sich auf diese Kunst meisterlich
verstand. Er hatte alle Utensilien in einem schwarzlackierten,
länglichen Kasten, der mit seinen silbernen Spangen wie ein kleiner
Sarg aussah; es befanden sich in ihm Rasiermesser, Schneide- und
Brennscheren, Feilen, Bürsten, Pinsel und Kämme, Puderschachteln und
Salbentuben, verschiedene Gläser mit Essenzen, eine Spritze mit
kölnischem Wasser, und auf der inneren Seite des Deckels war ein
geschliffener Spiegel angebracht.
Adam Hund war ein magerer Mann; dennoch wirkte er fett; alles war hell
an ihm, das Haar, das Gesicht und die Augen; dennoch machte er einen
finstern und unzufriedenen Eindruck, wenigstens solange er nicht redete;
er glich einem Kavalier, dennoch erweckte er ein Gefühl von
Fadenscheinigkeit. Diese widerspruchsvolle Person, bei der man an allen
Ecken und Enden auf die Gegensätze der menschlichen Natur stieß, hatte
sich zu Sylvesters Ergötzen immer mehr als ein unversöhnlicher
Weiberfeind entpuppt. Das sechsjährige Zusammenleben mit der bösen
Bierbrauerstochter hatte ihn mit tödlichem Haß gegen das andere
Geschlecht erfüllt. Er war im Besitz einer Liste, die in alphabetischer
Reihenfolge alle schlechten Eigenschaften aufzählte, die er an den
Frauen entdeckt hatte; nämlich: Aberglauben, Dummheit, Eifersucht,
Eigensinn, Habsucht, Hoffart, Klatschsucht, Launenhaftigkeit,
Leichtsinn, Lügenhaftigkeit, Naschhaftigkeit, Neid, Neugier,
Prahlsucht, Putzsucht, Rechthaberei, Sinnlichkeit, Spottsucht,
Streitsucht, Vergnügungssucht und Verschwendungssucht. »Und in diesen
Pfuhl von Qualitäten werfen Millionen von Männern ihre arme Seele,«
pflegte er auszurufen, mit einer Gebärde wie Hamlet, wenn er seiner
Mutter den Geist zeigt.