Sylvester wollte noch einmal frei sein. Weiß ich denn, an we

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Der Mann von vierzig Jahren

Ein kleiner Roman

von

Jakob Wassermann

S. Fischer, Verlag, Berlin

1913

Erste bis zehnte Auflage.

* * * * *

Man weiß von Sternen, die ohne ergründbare Ursache ihr Licht verlieren,

um entweder für kurze Frist oder für immer in die Finsternis des

unendlichen Raums zu entschwinden; so gibt es auch Menschen, deren

Schicksal von einem gewissen Zeitpunkt ab in Dämmerung und Dunkelheit

gleitet.

Ein solcher Mann war der Herr von Erfft und Dudsloch, der gegen das Ende

der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zwischen Würzburg und

Kitzingen im unterfränkischen Kreis lebte. Seine Wirtschaft und seine

häuslichen Angelegenheiten befanden sich in gutem Stand; obwohl es ihm

versagt war, einen Luxus zu entfalten, nach dem er sich bisweilen in

müßigen Stunden sehnen mochte, erlaubten ihm seine Vermögensverhältnisse

doch, alle Wünsche zu befriedigen, die durch phantasievolle Neigung oder

eingefleischte Gewohnheit in ihm lebendig erhalten wurden. Die beiden

Güter warfen ein ansehnliches Erträgnis ab, die hypothekarische

Belastung einzelner Grundstücke und Neubauten wurde mit jeder Ernte

geringer, und ein Kapital, das aus der Mitgift der Frau und den

allmählich angewachsenen Ersparnissen bestand, war in einem Würzburger

Bankhaus niedergelegt. Sylvester von Erfft konnte mehrere Reitpferde und

einen Kutschierwagen halten, konnte ein ziemlich ausgedehntes Waldland

pachten, um sich dem Vergnügen der Jagd hinzugeben, konnte mit Agathe,

seiner Lebensgefährtin, kleine Reisen nach einer nördlich oder südlich

gelegenen Residenz unternehmen, weil hier ein Konzert, ein Theater, dort

ein geselliger Zirkel lockte, und war vor allem nicht daran gehindert,

seine Bibliothek zu bereichern, denn er war ein Mann von Kenntnissen und

lebhaften Interessen.

Doch an alledem fand sein heftiger Tätigkeitstrieb kein Genügen. In

seiner Jugend hatte er mehrere Jahre in England verbracht, und nachdem

er geheiratet hatte und landsässig geworden war, beschäftigten ihn lange

Zeit hindurch allerlei Reformpläne; er wollte das Pachtwesen und die

Ökonomieverwaltung nach englischem Muster einrichten; er regte

Versammlungen der Bauern an, in denen er vorschlug, daß sie sich gegen

den drohenden Industrialismus und die wirtschaftliche Ausbeutung als

starke Gemeinschaft zur Wehr setzen möchten; er ging sogar damit um, die

Erbfolge in den deutschen Adelsfamilien nach dem Vorbild der englischen

Aristokratie umzugestalten und richtete eine Eingabe an den König, die

von weitem Blick und Sachkenntnis zeugte, aber nicht im mindesten

beachtet wurde, sondern ihm, als etwas davon verlautete, unter seinen

Standesgenossen Feindseligkeiten und Spöttereien zuzog. Sein Schwager,

der Major von Eggenberg auf Eggenberg, stellte ihn sogar wegen dieser

närrischen Schrift, wie er sich ausdrückte, zur Rede; Sylvester schlug

es ab, sich zu rechtfertigen, und lächelte nur, als der Major ihm sagte,

wenn er einen so unbändigen Tatendrang verspüre, möge er sich doch

wählen lassen und als Abgeordneter nach Frankfurt gehen. Der Herr von

Bismarck sei ja im Begriff, Deutschlands leibhaftiges Unglück zu werden,

und man brauche Männer im Kampf gegen diesen Drachen.

Von so beschaffener Politik wollte Sylvester nichts wissen. Mehr als

eine höfliche Teilnahme konnte er denen nicht widmen, die das Räderwerk

der Staatsmaschine in Gang setzten; wer gut regierte, war ihm schätzbar,

den schlechten Herrn machten eifrige Diener nicht besser. »Ich liebe

meine Heimat,« pflegte er zu sagen, »die Erde, die mich trägt und nährt,

aber es ist mir gleichgültig, was diese Erde auf den Landkarten für

einen Farbenrand hat, und kein Minister kann von mir verlangen, daß ich

ihm meine Steuern mit einem patriotischen Jubelgesang bezahle.« Wie so

viele aufgeklärte und überlegene Geister verstand er seine Zeit nicht

recht. Es schien ihm eine tote Zeit zu sein; eine leere und nüchterne

Zeit, eine Zeit der Spießbürger, der schlechten Musik, der schlechten

Bücher, der geschmacklosen Möbel und des unfruchtbaren Geschwätzes. Ihm

dünkte, man mache nur deshalb soviel Lärm, weil man die Dinge verwirren

und die Ideen verfinstern wollte; er glaubte nicht an eine gedeihliche

Zukunft, ohne Hoffnung blickte er auf sein Vaterland und ohne Anteil auf

die trügerische Erregung seiner Mitbürger, denn alles, was er selbst zu

ihrem Besten hatte vornehmen wollen, war schmählich mißlungen.

Dadurch wurden aber sein Lebensmut und seine Heiterkeit keineswegs

getrübt. In den letzten Jahren hatte er eine große Vorliebe für

Gartenkünste gefaßt, er hatte eine Orangerie gebaut und einen Gärtner

aus Richmond kommen lassen; mit diesem beriet er stundenlang über die

Anlage neuer Wege, über Pfropfungen und Verpflanzungen. Agathe

unterstützte ihn dabei, soweit sie es vermochte, und zu der

Ritterlichkeit, die er gegen sie an den Tag legte, gesellte sich

Dankbarkeit. Sie war nur um zwei Jahre jünger als er; dieser Umstand

machte sie um so mehr zu seiner Freundin; bei jedem vortretenden Anlaß

achtete er sie für gleichberechtigt. Es gab auch Zank, denn er war

jähzornig und nicht ohne Launen, und Agathe war nicht die Person, die

sich sklavisch unterwarf, aber jedesmal fühlte sie sich entzückt durch

sein williges Bemühen, ein Unrecht vergessen zu machen, das er ihr

zugefügt. Manchmal konnte er sie mit seinen Neckereien bis zu Tränen

bringen; dann nahm er am Abend irgendein Buch mit schönen Gedichten und

las ihr vor. Im dritten Jahre ihrer Ehe war ihnen ein Kind geboren

worden, ein Mädchen; es hieß Silvia, war jetzt sieben Jahre alt und sehr

schön. Am Vater wie an der Mutter hing es mit der überschwenglichen

Kraft, die der frühen Jugend eigen ist, und mit seiner geschmeidigen

Gestalt und seinem heitern Antlitz wandelte er durch die Träume des

Kindes wie ein Gott.

* * * * *

Von irgendeinem Tage ab, niemand konnte genau sagen von welchem,

veränderte sich Sylvesters Wesen ganz und gar. Eine unentschiedene,

schwankende, zweifelvolle Stimmung war ihm anzumerken, eine Unlust, die

sich bis zur Verdrossenheit steigerte und die Agathe mehr und mehr

Besorgnis einflößte. Bisweilen versuchte sie es, ihn aus sich

herauszulocken, aber er antwortete nur mit einem Achselzucken und einem

fremden Blick. Er hörte auf, sich mit Silvia zu beschäftigen; was er mit

dem Kind redete, klang gezwungen und zerstreut.

Umsonst grübelte Agathe über die Ursache der Verwandlung nach. Umsonst

ließ sie Leckerbissen für ihn kochen; umsonst machte sie ihm einen

englischen Hühnerhund und ein neues Jagdgewehr zum Geschenk; umsonst

waren ihre Anstrengungen, ihn aufzuheitern; er schien wie eingemauert.

Eines Tages trat sie in sein Zimmer und beobachtete ihn, wie er, den

Rücken gegen sie gekehrt, unbeweglich vor dem Spiegel saß. Sie erschrak

über den Ausdruck seines Gesichts, den ihr der Spiegel zeigte. Sie

näherte sich ihm; er hörte sie nicht. Er hatte den Kopf auf die Hand

gestützt, und sein Blick war verloren auf das Ebenbild gerichtet. Sein

Auge war voll Schwärze; um die Brauen hatten sich dunkle Entschlüsse

geballt wie Wolken um ein Gebirge; aus den Lippen schien eine quälende

Frage unhörbar zu dringen. Agathe schlich davon, und als sie den Flur

erreicht hatte, rang sie stumm die Hände.

Ein anderes Mal geschah es, daß sie ihn, es war mitten in der Nacht, in

der Bibliothek unermüdlich auf- und abgehen hörte. Sie lag im Bett,

aber schlafen konnte sie nicht. Je länger sie dem Geräusch seiner

Schritte lauschte, je wacher wurden ihre Sinne. Endlich erhob sie sich,

umhüllte die Schultern, verließ das Zimmer und ging nacktfüßig die

Treppe hinauf. Leise pochte sie, denn sie wollte ihn nicht überfallen,

aber als sie die Klinke herabdrückte, merkte sie, daß die Tür verriegelt

war. Im selben Augenblick erlosch der Schein in den Ritzen und Spalten,

und drinnen wurde es still. Kein Zweifel, daß er das Klopfen gehört, und

daß er wußte, Agathe sei es, die vor der Schwelle stand. So genügt also,

dachte Agathe, das Bewußtsein meiner Nähe, um ihn mit Furcht zu

erfüllen, mit Furcht und mit solchem Abscheu, daß er die Lampe ausbläst,

um mich zu verscheuchen.

Am andern Morgen übergab sie das Kind der Pflege ihrer Wartefrau und

fuhr zu ihrer Schwester nach Eggenberg. Ihrem Gatten hinterließ sie ein

paar Zeilen, des Inhalts, daß sie Sehnsucht nach der Schwester empfinde

und sich für die Reise um so leichter entschlossen habe, als sie

annehme, daß er ihrer nicht bedürfe und eine Trennung von acht oder zehn

Tagen ihm in seiner gegenwärtigen Verfassung vielleicht willkommen sei.

Sie lebte bei Schwester und Schwager wie in einem peinvollen Exil, doch

stellte sie sich völlig harmlos, und kein Wunsch, drohende Gefahren zu

erörtern, war ihr anzusehen; es widersprach dem Grundgefühl ihrer Natur,

eine Sache vor andere Ohren zu bringen, die einer nur mit sich selbst

und seinem Partner ausmachen kann. Indessen wartete sie von Tag zu Tag

auf Nachricht; eine ihr eigentümliche Halsstarrigkeit hinderte sie

daran, die Frist zu brechen, die sie sich selbst gesetzt, und als sie

nach Verlauf von eineinhalb Wochen wieder in Erfft eintraf, erfuhr sie,

daß Sylvester schon vier Tage vorher abgereist war. Er hatte Adam Hund

mitgenommen, seinen Diener aus früheren Jahren, den er nach seiner

Verheiratung mit einer Aschaffenburger Bierbrauerstochter als Verwalter

in Dudsloch angestellt hatte.

Kein Brief, kein Zeichen meldete ihr, wohin er sich gewandt. Frau

Österlein, Silvias Pflegerin, erzählte, er sei in der Nacht zuvor an das

Bett des Kindes getreten, habe es aus den Polstern gerissen und an seine

Brust gedrückt; Silvia habe jedoch fest geschlafen und von dem

Zwischenfall nichts in Erinnerung behalten. Fast gleichzeitig bekam

Agathe eine Post des Würzburger Bankhauses, worin ihr ordnungsgemäß

mitgeteilt wurde, daß Herr von Erfft die Summe von zweitausend Talern

behoben habe.

Agathe begab sich in ihr Zimmer, setzte sich hin und wühlte die Stirn

in die Winkel beider Arme wie in ein Versteck. Sie schämte sich vor dem

Mittagslicht, und die erste Frage an ihr Inneres war, welchen Makel sie

auf sich geladen, welche Sünde sie unwissentlich begangen haben könne.

Sie war bereit, jeden Fehler in sich selbst zu suchen und hätte sich

eines Verbrechens bezichtigt, wenn sie es nur zu entdecken vermocht und

dadurch Klarheit erlangt hätte. Das Herz, das ihr am teuersten war, in

geheimnisvoller Weise umschleiert zu wissen, dünkte ihr unerträglich.

Desungeachtet bewahrte sie vor den Leuten ihre Haltung, und kein

Späherauge war imstande, hinter den wohlwollend ernsten Zügen den

nagenden Kummer zu bemerken.

So verging eine Woche. An einem Nachmittag stand Agathe im Hof und

sprach mit dem Inspektor, da kam der Bote und reichte ihr einen Brief.

Ohne zu sehen, spürte sie, daß der Brief von Sylvester war. Diesmal

versagte die Selbstbeherrschung: ihre Hand zitterte, ihr Gesicht

erbleichte. Sie eilte ins Haus; im Wohnzimmer mußte sie sich an die

zugeworfene Türe lehnen und die erregte Brust erst ausatmen lassen, ehe

sie die Briefhülle aufriß. Dann las sie, und ihre angespannte Miene

wurde mit jeder Sekunde ruhiger, aber auch verwunderter.

Der sonderbare Mann schrieb ihr, als ob es die natürlichste Sache von

der Welt sei, daß er sich fern von Haus und Hof befand und als ahne er

nichts von Agathes Herzensunruhe. Er wußte seine Mitteilungen in einen

anmutigen Stil zu kleiden; es war seine vorzügliche Gabe von jeher

gewesen, aber nie früher und nie mit solchem Recht hatte Agathe dieser

Gewandtheit so tiefes Mißtrauen entgegengesetzt; die glatten und

schmuckhaften Wendungen erschienen ihr wie Lügen, und sie bedurfte der

Mühe großer Selbstüberredung, damit die festgegründete Achtung sich

nicht verringerte, die sie gegen Sylvester hegte. Er schrieb ihr von

gleichgültigen Bekannten, die er getroffen, von der Familie des

Präsidenten, wo er diniert, von der Einladung des Großherzogs, nach

Karlsruhe zu kommen, von seiner Reiselust, von einem schlechten

Theaterstück das er gesehen; dann fuhr er fort: »Ich bewohne zwei elende

Zimmer im Gasthof, hoch oben im dritten Stock, denn wegen der Nürnberger

Messe ist alles überfüllt. Doch hat mir dieses Ungemach zu einem kleinen

Abenteuer verholfen. In dem Fenster gegenüber ist eines Abends ein

junges Mädchen aufgetaucht. Wir haben einander in die Augen gesehen wie

zwei Wesen von verschiedenen Sternen. Sie ist mehr als jung, das Blut

in ihren Adern singt vor Jugend; dabei ist sie melancholisch wie alle

Aufwachenden, mit ihren schwarzen Judenaugen klagt sie mir das Leiden

von vielen Geschlechtern, und ihre Gebärden sind unbeholfen wie bei

Gefangenen. Wenn ich mit de Vriendts Schach spiele, denke ich an sie,

wenn ich durch die öden Säle der Residenz gehe, um meine geliebten

Tiepolos anzusehen, begleitet sie mich wie eine flehende Sklavin. Rätst

du mir, sie zu verführen, Agathe? Sie zu verführen, nur um sie

loszuwerden? Ich weiß, du legst auf eine Treue kein Gewicht, die sich

nur um des Scheines willen behauptet. Du hältst ja wenig von den

Sinnenfreuden, zu wenig vielleicht, um mich ganz zu verstehen. So weit

ich Tier bin, duldest du mich, deine Nachsicht ist zu überirdisch, als

daß sie mich nicht demütigen sollte.«

Agathe ließ das Blatt sinken und ihre Augen trübten sich gedankenvoll.

Das klang wie Ironie; für Ironie fehlte ihr das Verständnis. Nach einer

Weile las sie weiter: »Ich war nie der Ansicht, daß Blutstrieb ein

Brandmal der Kreatur sei. Soll ich meinen Gelüsten eine Larve

aufstecken, mit der sie heuchlerisch in mein Leben grinsen? Liebe ist

etwas sehr Weihevolles, aber auch etwas sehr Irdisches, und wir müssen

nicht fürchten, gemein zu werden, wenn wir unschuldig genug sind,

unsern Körper zu achten. Ich mache mir nichts aus der schmachtenden

Orientalin, ich mache mir aus keiner was, es ist nur Begehrlichkeit, und

nur lahme Seelen sind begehrlich. Meine Seele ist lahm, Agathe, sie muß

geheilt werden. Ich werde meinen Aufenthalt verändern. Wohin ich gehe,

kann ich noch nicht sagen; wann ich zurückkehre, kann ich auch nicht

sagen. Hab Geduld und vergiß für einige Zeit deinen Sylvester.«

Es war Agathe zumute, als fließe Quecksilber über ihre Finger. Sie faßte

nicht die Worte; aus einem vertrauten Antlitz sprach eine unbekannte

Stimme; ein böser Geist täuschte die Gestalt eines Freundes vor. Er ist

krank, fuhr es ihr durch den Sinn, und da nun Silvia mit groß fragenden

Augen vor sie hintrat, als ahne das Kind den Schmerz und Zwiespalt der

Mutter und fordere stumm eine entscheidende Handlung, beschloß sie zu

ihm zu gehen. Es war Abend geworden, als sie diesen Vorsatz gefaßt

hatte, sie schickte zum Inspektor hinüber und bestellte den Wagen. Am

andern Tag, in ziemlich früher Morgenstunde, fuhr sie in die Stadt.

Es war um eine Stunde zu spät.

* * * * *

Agathe stammte aus einer angesehenen Adelsfamilie, die im Nassauischen

begütert war. Ihr Vater hatte lange Zeit in Frankreich gelebt, hatte

dann in Deutschland tätigen Anteil an der Revolution genommen und war in

den Märztagen durch einen unglücklichen Schuß getötet worden. Sie war

die jüngste unter sieben Schwestern, die man wegen ihrer Schönheit die

Plejaden nannte. Ihren Gatten hatte sie bei einem Hofball in Darmstadt

kennen gelernt, Sylvester stand damals im achtundzwanzigsten Lebensjahr.

Er hatte nicht die Absicht, zu heiraten. Er hatte ein Vorurteil gegen

die Ehe, das ihm berechtigt schien, weil es durch vielfache Erfahrung

und mancherlei Einblick in das Eheleben anderer Menschen erzeugt und

erhärtet worden war. Er wollte seine Freiheit nicht verlieren; er hatte

Angst davor, an ein Haus, an eine Stube, an einen Tisch gefesselt zu

werden; er wünschte nicht, seine Selbstbestimmung einzubüßen; er trug

kein Verlangen nach Familienfrieden und ungestörter Idylle, er war zu

sehr an die Aufregungen des Ungefährs, an die Zufälle und

Abenteuerlichkeiten des Umherschweifens gewöhnt. Er hatte viel von der

Welt gesehen, aber doch nicht genug, die Lockrufe in ihm waren noch

nicht verstummt. Dies alles sagte er Agathe. Er sagte ihr, daß er nicht

für sich bürgen könne.

Allein Agathe wußte ihn zu überzeugen, daß eine gemeinschaftliche

Existenz mit ihr zu seinem Glück ausschlagen werde, und je länger er sie

kannte, je mehr war er geneigt, ihr zu glauben. Er nahm eine Art von

Tatkraft in ihr wahr, die er noch an keinem menschlichen Wesen bemerkt

hatte. Es war die Tatkraft gewisser Pflanzen, die aus zartesten Anfängen

zu einer unwiderstehlichen Gewalt emporwachsen, mit der sie Abgründe

überbrücken und Felsen zerreißen. Dieser nicht zu beirrende Wille machte

ihn zum Untertan Agathes, ohne daß er es wußte. Er bewunderte sie, ohne

es zu wissen. Sie konnte ihn einfach rauben, denn der Widerstand, den er

ihrer Liebe entgegensetzte, hatte seine Quelle in einer sonderbaren

Furcht vor ihr, Furcht vor ihrer Entschlossenheit, vor ihrem Mut, ihrer

naiven Leidenschaft und dem stürmischen Tempo, in dem sich ihr Geist und

ihr Herz bewegten, lauter Dinge, denen er sich nicht gewachsen fühlte.

Er war nicht stark in Handlungen, nicht einmal in Überlegungen, nur

seine Eindrücke waren von großer Tiefe und Unvergeßlichkeit. Sie liebte

ihn mit dem ganzen Ungestüm ihrer Natur. Er ließ sich von ihr lieben,

und an diesem Punkt begann seine Schuld. Obwohl er ihre Liebe erwiderte,

gab er sie nicht freiwillig her, sondern er gewöhnte sich so daran,

sein Gefühl erobern zu lassen, daß er völlig passiv wurde und jeden

Zoll zu bezahlen versäumte. Sie verlebten glückliche und reine Tage,

aber Agathe bemerkte nicht, daß sie ihrem Mann bequem wurde. Sie schien

ihm zur Gefährtin auserlesen, ja er sah in ihr das Wunder einer

Gefährtin, aber mit der Zeit wurde ihm dies selbstverständlich. Sie ließ

ihm nichts zu erraten übrig, sie enthüllte sich in jedem Augenblick, und

in jedem Augenblick ohne Rückhalt und ohne Vorbehalt. Wäre sie nicht so

reich erschaffen worden, in seiner Nähe hätte sie bald verarmen müssen,

denn alles was in ihm schenken und bauen konnte, wurde ihr gegenüber

stumm und lustlos. Trotzdem war ihm ihre Gesellschaft unentbehrlich, die

Jahre gingen hin, die aufwachsende und zum Menschen werdende Silvia

kettete sie noch fester aneinander, bis eines Tages eine Unruhe in

Sylvester erwachte, über die er sich lange keine Rechenschaft geben

konnte.

An einem Morgen fing es an, als er in ihr Schlafzimmer trat. Agathe saß

vor dem Spiegel und frisierte sich. Dieses Schauspiel habe ich schon

viele tausendmal gesehen, zuckte es Sylvester durch den Kopf. Agathe

begann von Wirtschaftssorgen zu sprechen, und er hörte nicht den Sinn

ihrer Worte, sondern nur den Klang ihrer Stimme. Und irgend etwas in

dieser Stimme, sei es der bekannte Tonfall, sei es die bekannte Folge

der Worte, erbitterte ihn in einer höchst ungerechten und sein eigenes

Gefühl beleidigenden Weise. Er wartete, welche Bewegung sie machen würde

und riet im stillen, daß sie den Kopf an einer genau von ihm bestimmten

Stelle fassen und auf die linke Hand stützen würde. Es geschah so, und

seine Erbitterung verwandelte sich in Widerwillen. Er sah ihre auf den

Stühlen liegenden Kleider, die Schuhe, Bänder und Wäschestücke, und

jeder einzelne dieser Gegenstände vermehrte seinen unheimlichen Haß. Die

Decke ihres Bettes war zurückgeschlagen, und der Geruch des

Frauenkörpers, der dem Linnen zu entströmen schien, erweckte keine

Begierde oder Zärtlichkeit mehr in ihm.

Von jener Stunde an wuchsen Unlust und Unzufriedenheit beständig in

seinem Innern. Daß sie darunter litt, blieb ihm nicht verborgen, und er

freute sich dessen; ihm war, als müsse er Rache an ihr üben, ihm war,

als hätte er durch Agathe seine Jugend verloren, als wäre sie die Diebin

seiner Illusionen und seiner Hoffnungen. Die zehn Jahre, die er an ihrer

Seite verbracht, erschienen ihm wie ebenso viele Jahre der Verbannung

und der Kerkerhaft. Eine schreckliche Angst vor dem Altwerden packte

ihn, und der Spiegel wurde ihm zum Zeugen der Zerstörung. Der Anblick

der Furchen auf seiner Stirn und der Unebenheiten seiner Wangen

verfinsterte seinen Geist, und oft, wenn er über den Vernichter

grübelte, der so tückisch unter der Epidermis wühlte, über dies langsame

Hinschwinden und Niederbrennen, erfaßte ihn eine quälende, aber in ihrem

innersten Kern beglückende Sehnsucht, die er anfangs nicht zu betäuben

versuchte.

Eines Nachmittags saß Agathe mit der kleinen Frau des Inspektors

zusammen. Sie schwatzten über Frauensachen, Sylvester hatte am Tisch

Platz genommen und las in einem Buch; bisweilen blickte er zu den beiden

hinüber und da bemerkte er, daß die kleine Inspektorin ebensooft einen

raschen, erkundenden Blick auf ihn warf. Er beobachtete sie schärfer,

und sie spürte es sofort, denn sie versteckte die Füße unter dem Kleid,

und Schultern und Arme zeigten jene koketten halben Bewegungen, die zu

gefallen berechnet sind. Es lag darin etwas Belebendes für Sylvester.

Die sinnliche Strömung, die zwischen ihm und dem fremden Weib entstanden

war, machte ihn feurig und froh. Er erhob sich und ging an den Frauen

vorüber, und er tat es nur deshalb, damit er im Vorübergehen mit seinem

Ärmel das Gewand der Inspektorin streifen konnte; in der Sekunde, in der

es geschah, glaubte er sie zu besitzen; in derselben Sekunde wurde ihm

auch bewußt, daß er fort mußte, fort von Agathe und dem Kind, daß er

dadurch seinen Untergang vielleicht herbeiführen würde, daß aber sein

Bleiben diesen Untergang nicht verhüten könne. Er stellte sich dann

hinter Agathes Stuhl, Agathe schaute zu ihm empor, und sie lächelte

vergnügt, weil sie ihn lächeln sah. Aber sein Lächeln galt nicht ihr, es

galt der andern, die auch zu ihm aufblickte. Und obwohl ihm Agathes Züge

vertraut und angenehm vertraut waren, da ihre Art zu sprechen, zu

denken, zu lachen, zu weinen ihnen die ihm allein enträtselbaren

charakteristischen Formen verliehen hatte, obwohl ihr Antlitz ihm wie

ein Gefäß voll zarter und heiliger Erlebnisse war, die sein Dasein

verändert und verschönert hatten, hingen seine Gedanken und Empfindungen

doch an dem gewöhnlichen und leeren Gesicht der Fremden, die nichts

weiter als hübsch war, hübsch, jugendlich und unbekannt.

Er hatte danach die Inspektorin weder gesprochen, noch hatte er das

flüchtige Spiel zum zweitenmal anzufangen versucht. Aber er hatte sich

selbst begriffen. Er sah ein Gleichnis für seine Not. Jemand will eine

Reise antreten; auf dem Weg zum Bahnhof begegnet ihm ein Freund, der ihm

die Reise dringend widerrät; die Gesellschaft des Freundes entzückt

ihn, sie verbringen Tage, Wochen, Jahre miteinander, endlich aber

schlägt dem Zurückgehaltenen das Gewissen; war es gleich kein bestimmter

Auftrag, der ihn einst zu der Reise veranlaßt, so war es doch sein

innerer Trieb; ihm ist, als sei er sich selber ungehorsam gewesen, als

habe er sich selbst betrogen; ihn peinigt der Gedanke an die Schönheit

der Landschaften, die er nicht gesehen hat, an die Möglichkeiten und

Aussichten, die ihm entgangen sind, und mag sein gegenwärtiges Glück

noch so groß sein, das Gefühl des unwiederbringlichen Verlustes wird ihn

nicht zur Ruhe kommen lassen.

Sylvester wollte noch einmal frei sein. Weiß ich denn, an welchem Tag

sich die Pforte hinter mir schließen wird? fragte er sich. Weiß ich

denn, was mich hinschleudern, kraftlos, wunschlos, müde machen wird? Ihm

tauchten Bilder auf von mannigfacher Lockung. Es riefen ihn Stimmen von

allen Seiten. Er wollte leben, ohne Ziel und ohne Maß leben. Nicht der

Luxus der Städte, nicht Feste und Geselligkeit zogen ihn hin; es kam wie

von einem Traum. Ergreifen und ergriffen werden waren Worte, vor denen

er wie vor einem Urwald stand. Wenn er an die unendlichen Gestaltungen

des Lebens dachte, überlief ihn ein Schauer, den er seit seiner Jugend

nicht mehr verspürt hatte. Er taumelte dahin und suchte Platz. Die

Vielzahl der Wege berückte seine Augen. Eine wechselvolle Erwartung

stürmte wie Brandung in ihm. Es mußten nicht nur lächelnde Gesichter

sein, auch Tränen zu sehen war er bereit. Schon ahnte er, wie sein Herz

verstrickt wurde; noch ist es nicht zu spät, sagte er sich, noch ist der

wunderbare Magnetismus in mir, den ich verloren zu haben gefürchtet. Und

darauf eben kam es an. Dies war zu erproben. Seine Seele war erfüllt von

einer Schar bunter Genien; wenn er im Walde ging oder einsam lag und vor

sich hinsann, gewahrte er Frauen und Mädchen mit schönen Augen und

schönen Haaren; sie warteten auf ihn; jede war in einer

stillbeschlossenen Bewegung; jede beglückte ihn durch ihre eigentümliche

Weise, zu sein. Aber auch die Wirklichkeit hatte einen neuen Zauber für

ihn gewonnen: eine, die am Brunnen stand und Wasser schöpfte; eine, die

am Fenster ihrer Kammer saß und zum Mond emporschaute; eine, die hinterm

Zaun auf ihren Geliebten wartete; eine, die verschleiert in einem Wagen

zur Kirche fuhr; eine, die vor seinem Blick errötete und sich dann

niederbeugte, um ihr Schuhband zu knüpfen. Jede hatte ihr Geheimnis; die

Augen einer jeden Frau waren geheimnisvoll; er liebte ihre Augen bis zum

Schmerz; jedes Auge war ihm eine unerforschte Welt; dies war das

Göttliche, das Geisterhafte; aber das Sinnliche, das Nahe waren ihre

Hände, sanfte, stolze Wesen für sich, sonderbar entkleidet, herrlich

gegliedert, unbewußt die gehütetsten Regungen verratend.

Sein Herz verschmachtete nach Zärtlichkeit, denn es war ihm klar

geworden, daß er die Leidenschaft nicht kannte. Er hatte geliebt, oft

und heftig; er hatte als junger Mann vieles Ungewöhnliche erlebt an

Begegnungen, an Hingabe, manche Stunde der Gnade und der Lust, manche

Wochen des Rausches, manche Nacht jener halb gern gelittenen Leiden, die

traurig und erfahren machen, aber ein Gefühl, das alles bisherige Leben

tötet und ein neues dafür schafft, das auflöst und sammelt in einem

Atem, von dem jeder zu wissen scheint und zu welchem doch nur Gottes

Lieblinge erwählt werden, das kannte er nicht. Er wollte es kennen

lernen. Und wenn er heimkehren mußte, ohne es gefunden zu haben, dann

wußte er wenigstens, daß es ein solches Gefühl für ihn nicht gab.

* * * * *

Die junge Jüdin erschien immer zu einer bestimmten Stunde des Abends am

Fenster. Die Gasse, die Sylvester von ihr trennte, war nicht zwei

Armlängen breit. Man mußte nur vermeiden, sich über das Sims zu beugen,

dann konnte man von den tief unten gehenden Menschen nicht gesehen

werden. Nachbarn waren nicht zu fürchten; auf der einen Seite endeten

beide Häuser im Straßeneck, auf der andern erhob sich ein Torturm.

Der von einer Lampe erhellte Raum, in den Sylvester täglich schauen

konnte, hatte grüne Tapeten; an der gegenüberliegenden Wand hing das

Bildnis eines alten Mannes, der einen goldnen Becher in der Hand trug.

Sylvester hörte, wie drüben die Uhr tickte; auf ihrem geschweiften

Mahagonigehäuse stand ein alabasterner Adler mit ausgebreiteten Flügeln.

Schon am ersten Abend hatte Sylvester das Mädchen beobachtet. Schweren

Herzens war er im dunklen Zimmer herumgegangen, zu vergessen gewillt,

daß er ein Haus auf dem Rücken schleppte und daß ein Weib ihm folgte,

unfühlbar fesselnd; da sah er wie in einem Panorama durch die beiden

geöffneten Fenster beider Häuser die an den Tisch hingelehnte Gestalt;

eine Hand, die den Kopf stützte, lag im schwarzen Haar vergraben, das

Gesicht hatte einen Ausdruck von träumerischem Enthusiasmus, aber die

feuchten Augen besaßen die Glut einer Nonne, die sich mitten im Gebet

an eine sündhafte Vision verliert.

So sehen sie aus, dachte Sylvester, die Schläferinnen, wenn das Seelchen

zwischen Jubel und Qual seiner selbst inne wird. Ein Weib zu belauschen,

das sich allein wähnt, das heißt, der Natur ihr am meisten bewachtes

Geheimnis zu entreißen, dachte er weiter; wie nackt ist solch ein

Seelchen, wie menschenhaft! Bittet und lockt, wenn das Schicksal

schweigt, und zuckt und wimmert, wenn es spricht. Er war versucht, sie

anzurufen.

Eine leichte Unruhe in den Zügen des Mädchens belehrte ihn über die

Kraft, die der ungewußte Blick eines andern auszuüben vermag. Sie erhob

sich plötzlich und ging zum Fenster, um es zu schließen. Ihr Körper war

enttäuschend klein, in der Senkung der Schultern verriet sich

Zaghaftigkeit als eine gewohnte Last. Sylvester beugte sich über die

Brüstung, und das Mädchen stieß einen hauchenden Schrei aus; es duckte

den Kopf und starrte in das jäh emporgetauchte, unbestimmt erhellte

Gesicht des fremden Mannes. Aber er haschte förmlich nach ihr, er hielt

sie fest durch Blick und Willen. Er redete; er wußte, daß er nicht laut

sein durfte; in zwei Sätzen erriet er sie ganz, ihr Leben, ihre

Wünsche, ihre Träume, und sie, nicht ahnend, wie leicht dies sei,

umklammerte mit den Fingern den Fensterpfosten und staunte ihn groß an.

Die nie Umworbene braucht nur begehrt zu werden, und sie begehrt selbst;

sie gleicht dem Schlafwandler, der beim ersten Laut aus Menschenmund

sich gefangen gibt; ihre Liebe ist Vorrat, ihre Hingebung der Fall einer

reifen Frucht, ein Abenteuer verleiht ihr Bestimmung.

Den Mut zu antworten fand sie noch nicht. Aber es folgten andere Abende.

Sie war immer zu dieser Stunde in der Wohnung allein. Sie ging zum

Fenster wie ein Hungriger zur Mahlzeit. Sie fragte nicht: wer bist du da

drüben? sie glaubte an den unerwartet Erschienenen blindlings.

Vielleicht hielt sie ihn für einen jungen Menschen, doch um sie zu

täuschen, hätte es der Dunkelheit kaum bedurft, sie sah nur, wonach sie

verlangte. Ihre Ausdrucksweise war der eines Kindes ähnlich, ihr

Vertrauen zur Welt war durch den Argwohn eines tyrannischen Vaters nur

um so schrankenloser geworden. Sie hieß Rahel und sie war achtzehn Jahre

alt. Ihr Vater war ein Antiquitätenhändler, und so lange Rahel denken

konnte, lebte er einsam mit ihr in diesem schmalen, hohen und finstern

Haus. Ihre Mutter hatte sie nicht gekannt, sie wußte nichts von ihr,

der Vater sprach nie von ihr. Während des Tages mußte sie bei ihm

drunten im Laden bleiben; hinter dem Laden war eine kleine Küche, und

dort kochte sie. Es war ihr verboten mit den Menschen zu reden. Wenn es

dunkel wurde, sperrte der Vater den Laden zu, schleppte seine Geldtruhe

über die drei Stiegen hinauf, und dann ging er zum Gottesdienst. Seine

Furcht vor den Menschen grenzte an Wahnsinn. Zitternd lag er in seinem

Bett, wenn des nachts die Trunkenbolde auf der Straße lärmten, und stets

verzerrte sich angstvoll sein Gesicht, wenn der Bäcker am Morgen die

Hausglocke zog. Er bewachte jeden Blick und Atemzug der Tochter; als sie

einmal einem Vorübergehenden, der sie um den Weg gefragt, Auskunft

erteilt hatte, kauerte er bei ihrer Rückkehr in den Laden in seinem

Polsterstuhl und heulte dumpf in sich hinein, so daß sie mit

Beteuerungen und ihren eigenen Tränen seinen Kummer stillen mußte. Ohne

seine Begleitung durfte sie nicht über die Straße gehen, und er geriet

schon in Unruhe, wenn sie die Augen aufschlug. So war ihr die Welt zum

verbotenen Fest geworden, und wenn es eine Ungeduld gibt, die Ketten

sprengen und Kerkermauern stürzen kann, die ihre war von solcher Art.

Die abendliche Fensterstunde war schon Erlösung; das Beisammensein mit

der Straße als Abgrund dazwischen reizte Sylvester zu verwegenen Plänen;

Rahel ließ sich genügen, bis sie die schürenden Worte des Freundes

besser begriff. Ihr war ja das Wort noch neu; es mußte keimen, vom Mund

zum Ohr konnte es noch nicht Beute der Sinne werden, aber von der Nacht

zum Morgen schlug es Wurzeln, und dann kam sie erglüht wieder. Sie war

ohne die Gabe der Verstellung; ihre Freude, ihre Hoffnung, ihr

Erstaunen, alles prägte sich in frische Münze des Ausdrucks um; wenn er

ihr Blumen hinüberreichte, wurde sie stumm und bleich vor Dank, und

sogleich malte sich die Ratlosigkeit in ihren Zügen, wie sie das

Geschenk vor den Augen des Vaters verbergen könne.

Einmal brachte er ihr rote Rosen; sie geriet außer sich; sie hatte nicht

gewußt, daß man im November Rosen haben könne, und sie schaute ihn an

wie einen Zauberer. Mit einem fast verstörten Entzücken fragte sie

wieder, wohin sie damit solle; Sylvester sagte, sie möge sie unter das

Kopfkissen ihres Bettes legen, doch eine, bat er, möge sie an ihrer

Brust bewahren. Sie nickte, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht; da

verlangte er, daß sie es vor seinen Augen tun solle, aber sie fragte

verwundert, weshalb er dies wünsche. Er antwortete nur, indem er seine

Bitte dringlicher wiederholte. Rahel schüttelte betrübt den Kopf. Nun

stellte sich Sylvester verletzt, und sie, mit erstickter Stimme,

beschwor ihn, von solcher Forderung abzulassen. Er entgegnete kalt, ob

sie an ihrer Schönheit zweifle, er selbst müsse zweifeln, weil sie sich

so ziere, und sogleich machte er Anstalten sich vom Fenster zu

entfernen. Als sie sah wie ernst es ihm schien, war sie bereit, ihm zu

willfahren, und obwohl ihr anzumerken war, wie sie sich vergebens mühte,

den Sinn seines Willens zu ergründen, öffnete sie ihr Gewand und steckte

die erblühteste unter den Rosen zwischen das Hemd und den Körper.

Sylvester gewahrte die weiße Haut; dunkel bewegt faltete er die Hände

gegen Rahel. Endlich verstand sie ihn. Wie ein Licht strahlte es aus

ihren Augen, in dieser Sekunde erwachte das Weib in ihr. Es drängte sie,

seine Hinneigung, von der sie Gewißheit zu haben glaubte, zu belohnen

und ihm durch eine Tat zu beweisen, daß sie sie verdiene; da streifte

sie mit einer keuschen Lässigkeit Kleid und Hemd völlig von den

Schultern und der Büste herunter und stand vor ihm wie eine Herme aus

Opal. Es sah aus, als ob der Lampenschein ihren Leib durchglühe, und die

schöne Rose, deren Stengel noch innen hinter dem Gürtel festgehalten

war, glich zwischen den weißen Brüsten einem Wundmal. Ein süß

bescheidener Triumph lag in ihrer Haltung, und während Sylvester sie

regungslos anschaute, grüßte sie ihn mit einem fast mütterlichen Neigen

des Hauptes, dann schloß sie das Fenster und zog die Gardine zu.

Es wird Zeit, dies Gespinst zu Ende zu spinnen, sagte sich Sylvester in

einer angenehmen Trunkenheit; es soll mich nicht fesseln, es soll mich

nur beschäftigen. Am andern Abend warf er ihr ein Briefchen hinüber,

dessen sorgsam berechnete Leidenschaftlichkeit Rahels Herz entflammte.

»Komm zu mir,« hatte er geschrieben, »komm, wenn es Nacht ist, komm zu

einem Durstigen, du selbst Verschmachtete. Laß mich nicht unwürdig um

dich betteln, Glück ist ein schnellbeleidigter Gast, nur einmal wirft es

dir den goldnen Schlüssel auf den Weg. Keine Reue ist brennender als die

um das Versäumnis. Das Schicksal prüft dich, sei nicht sparsam mit dir,

sonst rächt es sich durch einen Geiz, der dich für immer zu fruchtloser

Sehnsucht verdammt. Komm, ich warte. Nenn' am Tor meinen Namen, frag'

nach meinem Diener, er soll dich über die Treppen geleiten.«

Den Abend darauf stand er wieder am offenen Fenster. Ein kalter Regen

fiel. Vom Dom schlug es sieben, es schlug viertel und halb acht, und die

dumpfen Schritte der auf der Gasse Gehenden klangen spärlicher. Rahels

Fenster blieb geschlossen. Will sie mir nicht einmal Antwort geben?

dachte er zornig, und er fühlte wieder jenen bleiernen Überdruß in sich

aufsteigen, der ihn solange beherrscht hatte. Aber jetzt knarrte hinter

ihm die Türe seines Zimmers. Er wandte sich langsam um. Die Lampe war

nicht angezündet, es flackerte nur eine Kerze auf dem Tisch. In dem

entstehenden Luftzug wehte der Vorhang wie eine Fahne weit ins Zimmer

hinein. Rahel schritt zögernd über die Schwelle, machte leise die Türe

zu, blieb dann stehen und drückte die Hände gegen die Brust. Sie heftete

die Blicke auf den Boden, und ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von

Tiefsinn und Verlorenheit.

Sylvester ging auf sie zu und schloß sie in seine Arme. Sie wagte ihn

anzusehen; ihre Augen schienen zu flehen: sag' mir, wer du bist. Er

spürte den warmen Körper unter dem Gewand, er spürte das zärtlich

ungestüme Blut, doch in seine Freude mischte sich eine wunderliche

Trauer, und je länger er sie hielt, je kühler wurde ihm ums Herz.

Nachdenklich strich er mit der Hand über Rahels Haar, und ebenso

nachdenklich küßte er die Schaudernde auf die Stirn und auf die Augen;

plötzlich lauschten beide erschrocken. Vom Flur herein drangen

streitende Stimmen. Gleich darauf wurde die Türe mit Heftigkeit geöffnet

und ein alter Mann mit einem weißen Bart trat ein.

Bei seinem Anblick duckte sich Rahel; ihr Kopf fiel wie gebrochen gegen

die Brust. Sylvester wollte den Eindringling zur Rede stellen, aber er

begegnete einem Blick voll solcher Raserei, daß ihm der Mut verging und

er sich nur mit einer fragenden Miene an seinen Diener Adam Hund wandte,

der mit philosophischem Ernst auf der Schwelle stand und einem

Wachtposten glich, dem man zu seiner Verwunderung das Gewehr weggenommen

hat. Eine Magd und ein Kellner hatten sich in den stattgefundenen

Wortwechsel gemengt und spähten neugierig ins Zimmer.

Eine Weile betrachtete der alte Mann stumm seine Tochter. Die unzähligen

Falten in seinem Gesicht sahen aus wie Striche auf einem radierten

Blatt; die weißen Haarringeln, die von der Stirn herabfielen, waren naß

vom Regen. Auf einmal packte er das Mädchen bei den Haaren und warf es

nieder; Sylvester und Adam sprangen herzu, aber er rollte die Augen wie

ein Wahnsinniger und stieß mit den Füßen nach ihnen. Mit einer Kraft,

die ihm niemand zugetraut hätte, schleifte er Rahel an den Haaren zum

Zimmer hinaus, über den Flur, über die Stiege hinunter, so daß man die

Schuhe der Unglücklichen auf den Stufen klappern hörte, schleifte sie

drunten an einigen Leuten vorbei, die versteinert zuschauten, weil das

Entsetzliche des Vorgangs jeden Entschluß lähmte, schleifte sie über den

Gang bis zum Tor und dann noch über die Straße in sein Haus. Während

alles dies mit ihr geschah, hatte das Mädchen nicht einen Laut hören

lassen.

Zu spät gewann Sylvester Besinnung und Überlegung zurück. Als er die

Treppe hinuntergerannt und vor dem Haus des Händlers angelangt war,

hatten sich ungeachtet des strömenden Regens eine Menge Menschen in der

engen Gasse versammelt. Sylvester rüttelte an der Tür, sie war

verriegelt. In seiner Erregung forderte er die Umstehenden auf, daß sie

ihm helfen möchten, das Schloß zu sprengen, doch keiner folgte seinem

Geheiß, spöttisch und finster sahen sie ihn an. Da kehrte er um, und als

er über die Stiege hinaufging, fand er einen von Rahels Schuhen dort

liegen. Er hob ihn auf und nahm ihn mit. In der Wohnung des Juden blieb

es den ganzen Abend über dunkel. Niemals erfuhr Sylvester, auf welche

Weise der Alte von Rahels Flucht unterrichtet worden war, ob sie ihm

selbst einen Hinweis gegeben, ob ihr Gefühl und Trieb sie verraten, ob

er die Gefahr mit dem Instinkt der Argwöhnischen gewittert und sie

heimlich beobachtet hatte, ehe sie selbst noch gewußt, was in ihrem

Innern vorging.

Sylvester benutzte einen Teil der Nacht dazu, um seine Koffer zu packen.

Am andern Morgen reiste er ab.

* * * * *

Als Agathe in der Stadt ankam, blieb ihr die Beschämung nicht erspart,

von den Hotelbediensteten erfahren zu müssen, daß Herr von Erfft

abgereist sei. Kaum brachte sie es über sich, zu fragen, ob er nicht

eine Adresse hinterlassen habe. Die Antwort lautete verneinend.

Dann stand sie auf der Straße und überlegte. »Zum Baron de Vriendts,«

befahl sie dem Kutscher.

Der Domherr Baron de Vriendts wohnte in einem alten palastähnlichen

Hause am Residenzplatz. Sie wurde über eine breite, mit roten Teppichen

belegte Stiege in einen Saal geführt und übergab dem livrierten Diener

ihre Karte. Aus einem entfernten Raum tönte das Spiel einer Orgel. De

Vriendts galt für einen großen Liebhaber der Musik, und man erzählte

sich, daß eine junge Verwandte bei ihm lebe, manche behaupteten auch,

daß es eine Fremde sei, ein elternloses adeliges Mädchen, das eine

Virtuosin auf der Orgel war.

In früheren Jahren war de Vriendts häufiger Gast bei Sylvester und

Agathe gewesen; jetzt litt er dermaßen am Podagra, daß er nicht mehr

sein Zimmer, geschweige denn die Stadt verlassen konnte. Das körperliche

Übel hatte auch seiner Umgänglichkeit Abbruch getan; so oft Sylvester in

der Stadt gewesen, hatte er gegen Agathe Klagen geführt über die

zunehmende Verdüsterung des einst so lebensfrohen Mannes.

Der Lakai kam zurück und sagte, Hochwürden lasse bitten. Sie ging durch

ein Zimmer, in welchem Kupferstiche hingen und alte geschriebene

Folianten auf schmalen Pulten lagen, und durch ein zweites, in dem sich

eine Münzensammlung befand. Dann mußte sie über einen Korridor

schreiten, der Diener öffnete die Tür, und eine überheizte Luft schlug

ihr entgegen. Bei ihrem Eintritt hörte das Orgelspiel auf, sie vernahm

einen raschen, leichten Schritt hinter dem Instrument und sah durch den

Spalt einer sich schließenden Tapetentür ein weißes Gewand. De Vriendts

lag in einem Polstersessel; seine Füße staken in dicken Verbänden. Auf

einem Tischchen vor ihm war ein Schachbrett aufgestellt, und die

majestätisch hinrollende Fuge schien ihn nicht daran gehindert zu haben,

die Position auf dem Brett zu studieren. Neben ihm in einem Käfig mit

versilberten Stäben hockte ein grüner Papagei unbeweglich wie aus Stein;

zwischen dem Kamin und der Türe hingen sechs venezianische Marionetten,

deren bunte Kleider und wilde Gesichter etwas Gespenstisches hatten.

Agathe erschrak bei dem Anblick de Vriendts. Sein Gesicht war

eingefallen und aschfahl; die furchtbare Häßlichkeit der Züge wurde nur

durch den Ausdruck des Leidens gemildert. Die Entfleischtheit des Kopfes

bot einen schaurigen Gegensatz zu dem dicken und aufgequollenen Körper,

aus dem hart und laut ein gepreßter Atem brach. Agathe mußte sich Gewalt

antun, um ihr Entsetzen, in das sich Abscheu mischte, zu verbergen. De

Vriendts lud sie mit einer mühsam liebenswürdigen Bewegung zum Sitzen

ein. »Wie jung Sie sind, wie schlank,« sagte er mit einer hohlen,

gellenden, angestrengten Stimme, und etwas wie Neid und Haß war in

seinen höchst unruhigen Augen.

Stockend brachte Agathe ihr Anliegen vor und fragte, ob de Vriendts

nicht wisse, wohin sich Sylvester gewandt habe. De Vriendts zog die

Brauen hinauf und erwiderte, er wisse nichts von Sylvester, der seit

vier Tagen nicht mehr bei ihm gewesen sei. Er heftete einen

mißtrauischen Blick auf Agathe und fragte ein wenig lebhafter: »Ja, ihr

lieben Leute, wart ihr denn nicht glücklich miteinander?«

»Ich war der Meinung, daß wir glücklich seien,« antwortete Agathe leise,

»aber für das Glück bin ich vielleicht doch nicht mehr jung genug. Mit

siebenunddreißig Jahren muß eine Frau verzichten lernen, scheint mir.«

De Vriendts legte den Kopf zurück und mit gleichgültiger Miene schloß er

die Augen.

»An wen könnte ich mich nur wenden?« fuhr Agathe ebenso leise fort. »Ich

will ja alles hinnehmen, ich will ja warten, aber einen Grund will ich

wissen.«

De Vriendts hob jäh den Kopf und sah böse aus. »Wenn Sie den Weg nicht

scheuen und übles Gerede nicht fürchten, dann erkundigen Sie sich doch

bei Ursanner,« stieß er fast schadenfroh hervor.

»Hat er denn mit Ursanner verkehrt?« fragte Agathe verwundert.

»Nichts natürlicher, als daß einer mit dem Teufel anbindet, wenn er von

Gott verlassen ist,« versetzte de Vriendts höhnisch.

Agathe versuchte einzulenken. »Sylvester war in früheren Jahren sehr

befreundet mit Achim Ursanner,« sagte sie schüchtern.

»Das mag ja sein, jeder Verbrecher war einmal unschuldig, Ursanner

wahrscheinlich auch. Und damit ich's Ihnen nur offen gestehe: als man

mir hinterbrachte, daß Sylvester mit diesem Menschen zusammenkommt, habe

ich ihn gebeten, mein Haus zu meiden.«

Ein Frösteln lief Agathe über den Rücken.

Das war der jahrtausendalte, unversöhnliche Geist der Kirche, der ihrem

Herzen fremd blieb. Sie beschloß, zu Ursanner zu gehen.

Sie schien zu vergessen wo sie war. Vor den Fenstern lag ein dicker

Nebel, der das Zimmer mehr und mehr verdunkelte. Die Schachfiguren

verloren ihre Farbe und sahen aus wie eine Schar von Gnomen. Es war ein

wunderschönes Elfenbeinspiel; die Türme hatten goldene Fähnchen auf

ihren Basteien.

Unten auf der Straße zogen Soldaten mit dumpfem Gleichschritt vorüber.

De Vriendts hatte Agathes Schweigen geschont, weil er ihr Zeit geben

wollte, sich zu sammeln. Nun, da er seiner Christen- und Priesterpflicht

genügt zu haben glaubte, veränderte sich sein Wesen völlig. »Sie leben

doch, Frau Agathe, Sie leben,« sagte er, und sein Genießermund, der alle

Leckerbissen des Daseins gekostet hatte, wölbte sich gierig-schlaff,

»ihr Lebenden wißt nicht, was das heißt. Ich, sehen Sie, ich habe nur

noch einen Wunsch, ich möchte noch einmal singen hören. Nicht von einem

Mann, Männer dürften eigentlich nicht singen. Auch nicht von einer Frau,

Frauen sind schon zu erfahren, das himmlische Instrument in ihrer Kehle

ist verstimmt. Was ich meine, ist der Gesang vor den Toren des Lebens,

der von Sünde und Tod nichts weiß, der die Wollust heiligt und das Blut

süßer macht. Wenn ich das noch einmal hören kann, will ich meine letzte

Flasche Bocksbeutel entkorken, den ältesten, der so jung und sanft wird

mit der Zeit und will ihn schlürfen, bis sich der kleine Rausch in den

großen Tod verwandelt hat.« Er griff nach einer Zeitung, die neben ihm

lag. »Haben Sie von Gabriele Tannhauser gelesen?«

»Von der Sängerin?«

»Schon nennt man sie die Göttliche. Alle Journale sind voll von ihr.

Morgen singt sie in Karlsruhe. Ich werde hinfahren und wenn man mir

vorher die Beine amputiert.«

Agathe hatte ein seltsames Gefühl von Scham. Der ekstatische, ja fast

irre Blick aus den blaßgrünen Augen des Greises ängstigte sie. De

Vriendts beleckte mit der Zunge seine Lippen, faltete die Hände und fuhr

mit heiserer Stimme fort: »Haben Sie nie die Erfahrung gemacht, daß man

eine Blüte mit anderen Augen ansieht, als mit bloß neugierigen oder

bewundernden, wenn man sie noch in der Knospe gesehen hat? Es mag jetzt

vier Jahre her sein, im Herbst, da fuhr ich von Rom nach Deutschland und

mußte in Augsburg übernachten. Am Abend ging ich durch die Straßen,

traurig und verstimmt, da komm' ich ans Theater und lese auf dem Zettel,

daß ›Lucia di Lammermoor‹ aufgeführt wird. Die Vorstellung hat schon

angefangen, ich kaufe mir ein Billett, und mit geringer Erwartung geh'

ich hinein. Das Theater ähnelt einem Stall, überall riecht es nach

Öllampen, kaum hundert Personen sitzen schläfrig herum, und das

Orchester macht einen Lärm, daß mir die Ohren weh tun. Nicht viel anders

sieht es auf der Bühne aus, Akteure und Aktricen sind mit schmierigen

Lappen bekleidet und singen zum Steinerweichen. Auf einmal erscheint da

ein Persönchen und erhebt seine Stimme und mir ist, als ob Rom ein böser

Traum sei und Florenz eine Hölle und Deutschland ein Grab. Mir ist, als

juble der süßeste von allen Engeln über die Auferstehung der Toten, mein

Herz wird klein und groß, meine Augen füllen sich mit Wasser, die Hände

zittern mir, und als der Vorhang fällt, wanke ich hinaus und lese auf

dem Zettel: Gabriele Tannhauser. Ich habe sie dann gesehen. Ein

jämmerlicher Bursche, den sie Direktor nannten, hat mich hinter die

Kulissen geführt. Sie saß auf einem Pappendeckelfelsen und blickte mich

mit großen, grauen Augen fremd an. Sie konnte nicht älter als achtzehn

Jahre sein. Ich nahm ihre Hand und küßte sie und sagte: später werden

Könige dasselbe tun. Sie erhob sich und ihre Augen leuchteten. Es war

etwas Erschütterndes in diesem zuversichtlichen und zugleich demütigen

Glanz. Ich ging weg wie ein neuer Mensch, und nicht zwei Jahre hat es

gedauert, da klang dieser Name aus der Dunkelheit in die beglückte Welt.

Nun möchte ich sie noch einmal hören.«

Agathe schwieg. Sie wußte nichts zu sagen. Halb war sie erstaunt, halb

von ihren quälenden Gedanken abgezogen. Sie stand auf und verabschiedete

sich.

* * * * *

Sie aß bei einer alten Verwandten zu Mittag, schrieb dann mehrere Briefe

und bestellte den Wagen, um nach Randersacker zu fahren. Als sie der

alten Dame sagte, daß sie zu Ursanner wolle, bekreuzigte sich diese und

schüttelte entsetzt den Kopf.

Der Mann von vierzig Jahren · 第 1 / 11 段