Zur Verlesung gebracht wird ein anonymes Schreiben, das durch

Vermittlung des Kriminalwachtmeisters Helmka der Polizei zuging. Die

Verteidiger hatten vergeblich gegen die Verlesung protestiert. In dem

Schreiben wird Fichtmann schwer belastet.

Kriminalwachtmeister Helmka macht Mitteilung von einer Reihe

Aufklärungen, die von anderer Seite herstammen.

R.-A. Dr. Rosenfeld:

„Kann der Zeuge über seine Quellen nähere Angaben machen?“

Kr.-W. Helmka:

„Es waren Agenten der Garde-Kavallerie-Schützendivision.“

R.-A. Dr. Rosenfeld:

„Wissen Sie die Namen derselben?“

Kr.-W. Helmka:

„Nein; nur die Nummern.“

R.-A. Dr. Rosenfeld:

„Wieviel Spitzel hatte denn die Garde-Kavallerie-Schützendivision?“

Der Vorsitzende will diese Frage beanstanden, aber Kriminalwachtmeister

Helmka antwortet:

„_Einhundertundzehn._“

R.-A. Dr. Rosenfeld:

„Das genügt mir.“

Einen weiteren Brief an den Untersuchungsrichter hat der Schneider Max

Eulenburger aus dem Gefängnis geschrieben. In diesem Brief werden der

Angeklagte Hoppe und der Zeuge Kronwetter als Täter bezeichnet; als

Quelle wird der Hilfsarbeiter Peter Schmidt aus München genannt.

Dieser Schmidt bestreitet ganz entschieden, dem Eulenburger irgendwelche

Angaben gemacht zu haben und erklärt auf Befragen, den Hoppe gar nicht

zu kennen (4. Verhandlungstag).

Der Zeuge Kronwetter war auf die Angaben des Eulenburger hin verhaftet,

aber bald wieder entlassen worden; auch er erklärt die Mitteilungen des

Briefes für erlogen.

Der als Zeuge vorgeladene Max Eulenburger erklärt (5. Verhandlungstag),

daß all seine Aussagen völlig erfunden seien; er habe nur den Wunsch

gehabt, frei zu werden und gehofft, durch seine Aussagen die Freiheit zu

erlangen. Der Untersuchungsrichter habe ihm gedroht, ihn selbst in die

Blauangelegenheit mit hereinzunehmen und da habe er eben Aussagen

erdichtet.

Landgerichtsrat Marquardt (7. Verhandlungstag):

„Eulenburger hat sich seinerzeit selbst gemeldet, er sei bereit und

fähig, die Angelegenheit Blau in einigen Tagen zu klären; ebenso

versprach er, die Aufhebung der Reichszentrale der Kommunistischen

Partei Deutschlands zu ermöglichen. Ich habe seine Erklärungen

entgegengenommen und auch verfolgt. Aber ich hatte schon damals den

Eindruck, daß Eulenburger nicht bei der Wahrheit bleiben kann.“

Staatsanwalt zu Eulenburger:

„Haben Sie vielleicht Angst, linksradikalen Verfolgungen ausgesetzt zu

sein, wenn Sie bei Ihren in der Voruntersuchung gemachten Angaben

bleiben?“

Zeuge Eulenburger:

„Nein – meine damaligen Aussagen sind Erfindungen, die mir die

Nervosität der Gefangenschaft eingegeben hat.“

Vorsitzender:

„Aber Sie haben damals Ihre Aussagen beschworen; wenn Sie heute

erklären, daß alles erlogen war, geben Sie ja zu, einen Meineid

geleistet zu haben.“

Zeuge Eulenburger:

„_Ja, ich habe einen Meineid geleistet._“

Nach längerer Beratung beschließt das Gericht, die Zeugen Schmidt,

Kronwetter und Eulenburger zu vereidigen. Eulenburger weigert sich, den

Eid zu leisten, weil er glaubt, sich damit ein Verfahren wegen Meineids

zuzuziehen. Er bleibt aber dabei, jetzt vor Gericht die Wahrheit gesagt

zu haben. Auf Antrag des Staatsanwalts wird er wegen Eidesverweigerung

in die gesetzlich zulässige Höchststrafe genommen.

Der Vorsitzende läßt den Prozeßbeteiligten die Photographien der Spitzel

Schreiber und Toifl vorlegen (3. Verhandlungstag).

Der Angeklagte Hoppe glaubt in Toifl mit Sicherheit den Mann zu

erkennen, der ihm in der Winklerschen Wohnung die Flasche mit Morphium

und den Strick anbot; das Gesicht des Schreiber ähnle dem des einen

Feldgrauen, der bis zuletzt in der Winklerschen Wohnung war.

Der Angeklagte Fichtmann gibt folgende Erklärung ab:

„Am 3. oder 4. August 1919, also einige Tage nach dem Mord und vor

Auffindung der Leiche, kam ich auf die Redaktion des „Hammer der

Gleichheit“; dessen Herausgeber war der Genosse Heinrich. Dort lernte

ich einen Mann kennen, der sich Schweizer nannte. Heinrich wollte eben

einen Artikel gegen den Terror schreiben und wir sprachen darüber; der

Schweizer widersprach dieser Tendenz und erzählte dabei, erst vor

einigen Tagen habe er einen Spitzel namens Blau entlarvt. Auf die Frage,

was er denn mit Blau gemacht habe, erklärte er wörtlich: Blau ist

erledigt. – Ich erkenne in der Photographie des Schreiber diesen Mann.“

Der Staatsanwalt beantragt hierauf, den Heinrich als Zeugen zu laden. Am

nächsten Tage wird festgestellt, daß Heinrich sich zur Zeit in Moskau

aufhält.

Zu Beginn des 6. Verhandlungstages teilt R.-A. Dr. S. Weinberg mit, daß

die Angeklagten Hoppe und Fichtmann plötzlich in andere Zellen verlegt

wurden und fragt, was es damit für Bewandtnis habe. Der Vorsitzende

erklärt, daß vom Gericht aus keine Veranlassung oder Anordnung in dieser

Richtung erteilt worden sei.

In den Verhandlungen über den Hergang der Tat selbst steht in erster

Linie die Vernehmung des Lederarbeiters Max Leuschner (5.

Verhandlungstag):

„Ende Mai 1919 erschien in einer von mir geleiteten Versammlung Blau und

erklärte, daß ein gewisser Bomin Regierungsspitzel sei. Tatsächlich

wurde Bomin nachher entlarvt. Blau hetzte in außerordentlicher Weise

gegen Bomin, so daß ich all meinen Einfluß aufbieten mußte, um

Unbedachtsamkeiten zu verhüten; denn die Arbeiterschaft war gerade in

diesen Wochen sehr erregt.

„Nachträglich erschien mir das Benehmen des Blau verdächtig und ich

beschloß, Erkundigungen über ihn einzuziehen. Da kam zu mir der

ebenfalls später als Spitzel entlarvte Strolz; dieser gehörte einer

Untergruppe meines Bezirks an und war von dieser sogar zum

_Gruppenführer_ gewählt worden; ich hatte ihn aber nicht bestätigt, weil

ich ihn kaum kannte. Dieser erzählte mir, daß nicht nur Bomin ein

Spitzel sei, sondern der Blau selbst sei ein noch viel gefährlicherer

Spitzel.“

Vorsitzender:

„Also hätte ein Spitzel den anderen verraten?“

Zeuge Leuschner:

„Das ist bei diesen Leuten gang und gäbe; sie bekämpfen sich in der

rücksichtslosesten Weise.“

Auch die Kriminalbeamten bestätigen diese Tatsache (3., 4.

Verhandlungstag).

R.-A. Dr. S. Weinberg zu Dr. Riemann:

„Wenn in so erregten Zeiten ein Spitzel den anderen an die Kommunisten

verrät, ist das nicht geradezu eine _Aufforderung zum Mord_?“

Kr.-K. Dr. Riemann:

„_Darauf kann ich keine Antwort geben._ –“

Zeuge Leuschner:

„Ich fragte den Strolz, woher er das wisse. Darauf erzählte er mir, er

habe als Student der Chemie Beziehungen zu militärischen Kreisen und

höre so durch Kollegen und Bekannte auch mancherlei. Diese Erklärung

schien mir nicht zufriedenstellend und ich beschloß, mir auch den Strolz

näher anzusehen. Als mir auffiel, daß er sich bei mehreren Anlässen nach

der Zentrale der Kommunistischen Partei erkundigte, stellte ich ihm eine

Falle; ich erzählte ihm einmal nebenbei, daß ich am anderen Morgen in

die Zentrale müsse, und wirklich war ich an diesem Tag von meiner

Wohnung ab durch drei Spitzel verfolgt. Da wußte ich, daß auch Strolz

ein Spitzel ist.“

R.-A. Dr. S. Weinberg:

„Unternahmen Sie etwas gegen Strolz?“

Zeuge Leuschner:

„Nein. Ich warnte einige zuverlässige Leute und ließ ihn ruhig neben uns

herlaufen. Er kam auch immer wieder zu mir und erzählte dabei oft von

Blau. So sagte er besonders, daß Blau im Ruhrgebiet furchtbar unter

unseren Leuten gewütet hatte.

„Eines Tages wurden für mich von unbekannter Seite _zwei Briefe_

abgegeben, die Material gegen Blau enthielten: Schriftstücke an

rechtsradikale Stellen. Ich zeigte die Sachen dem Strolz, der sehr

überrascht war.“

Vorsitzender:

„Hatten Sie den Eindruck, daß Strolz Ihnen die Blätter zustellen ließ?“

Zeuge Leuschner:

„Nein. Ich hatte eher den Eindruck, daß Strolz ehrlich überrascht war.

Wir sprachen natürlich über die Herkunft der Dokumente, an deren

Echtheit nicht zu zweifeln war. Sie mußten von einer militärischen

Nachrichtenstelle kommen. Der Ansicht war auch Strolz. Ich selbst muß

mich heute fragen: wie kamen die Leute gerade auf meine Adresse – wenn

sie nicht wußten, daß ich so schon über Blau orientiert war. Ich nehme

also an, daß die betreffende Stelle die Absicht hatte, den Blau, der ihr

selbst lästig war, zu verraten und durch die Kommunisten das Weitere

besorgen zu lassen. Ich nehme das auch deswegen an, weil ich glaube, daß

Strolz auf speziellen Auftrag hin mir den Blau denunziert hat. Denn so,

wie ich ihn kenne, traue ich ihm doch nicht zu, aus eigenem Antrieb eine

solche Intrige zu inszenieren.

„Ich tat in dieser Angelegenheit nichts. Aber, als in der Versammlung in

der Mittenwalder Straße am 31. Juli, die eine geschlossene Versammlung

war, gegen 9 Uhr Blau auftauchte, konnte ich mich nicht halten und sagte

ihm auf den Kopf zu, daß er ein Spitzel sei. Blau bestritt das energisch

und verlangte, dem Strolz gegenübergestellt zu werden, der ihn

bestätigen könne. Er verlangte das immerzu, aber – da doch gerade Strolz

ihn verraten hatte, lag mir an dieser Gegenüberstellung nicht viel und

ich betrieb sie nur, um durch Verzögerung die allgemeine Erregung zu

mildern. Übrigens besaß Blau eine Einlaßmarke in die geschlossene

Versammlung; wo er die herhatte, habe ich nie erfahren, ... vermutlich

von Strolz, den er ja kannte und der zu meiner Sektion gehörte.“

Vorsitzender:

„Wußten Sie, warum Blau den Strolz verlangte?“

Zeuge Leuschner:

„Damals war mir das unklar. Aber später hörte ich, daß Strolz in der

Zwischenzeit bei Blau in München gewesen war, dort gesagt hatte, er käme

von mir, und in meinem Namen Material über die Rechtsleute von Blau

gekauft hatte. Das Geld dazu hatte er übrigens nicht von der

kommunistischen Partei. – Blau, der nicht wußte, daß Strolz selbst ein

Spitzel war und sein Doppelspiel entlarvt hatte, wollte den Strolz zur

Bestätigung, daß er unter der Maske eines Spitzels für die Kommunisten

arbeite.

„Unten auf der Straße trat ein unbekannter Mann zu mir und sagte, wir

sollten den Blau festhalten, bis er einen Münchner Genossen gebracht

habe, der bestätigen könne: Blau habe den Auftrag, in der Schweiz den

Genossen _Platten für 80000 M. zu ermorden_.“

R.-A. Dr. S. Weinberg:

„Tatsächlich finden sich in den Briefen des Blau Entwürfe und Kopien

einer Korrespondenz mit schweizerischen Offizieren.“

Zeuge Leuschner:

„Um die Leute nicht noch mehr zu erregen, sagte ich dem Mann, er solle

nur ruhig sein. Der Mann fuhr dann mit Hoppe fort, angeblich, um den

Strolz zu holen. In der Zwischenzeit gelang es mir, die Leute zu

besänftigen und die meisten gingen nach Hause. Als Hoppe dann erfolglos

zurückkam, hielt ich die Angelegenheit eben für erledigt und ging auch

schlafen – denn solche Entlarvungen passierten damals nicht allzu

selten, und, wenn im ersten Moment Unbedachtes vermieden wurde, war die

Gefahr vorüber.“

R.-A. Dr. S. Weinberg:

„Das Zwischenspiel mit dem Münchner ist mir neu.“

Zeuge Leuschner:

„Ja; ich habe der Versammlung nichts darüber gesagt, sondern die Meinung

aufrechterhalten, daß es sich um Strolz handele. Als dann der Münchner

nicht kam, hatte ich erst recht keinen Anlaß, zu reden.

„Ich habe dann von Blau erst wieder gehört, als die Nachricht seines

Todes in der Zeitung stand. An diesem Tage, während ich aus war, _kam

Strolz_ zu meiner Frau und sagte ihr, _wir müßten verschwinden_. Er gab

meiner Frau einen Fahrtausweis für sechs Personen. Ich konnte mir dieses

Vorgehen nicht recht erklären; kam dann zu dem Resultat, daß nicht

Strolz auf eigene Faust, sondern irgendwelche Behörden die Hand im

Spiele hatten – und glaubte, daß es auf mich abgesehen war. Da zog ich

es vor, zu fliehen.“

Vorsitzender:

„Von einem Todesurteil der Versammlung gegen Blau ist Ihnen nichts

bekannt?“

Zeuge Leuschner:

„Nein. Derartige Geschichten sind Erfindung.“

Vorsitzender:

„Kennen Sie einen gewissen Samson?“

Zeuge Leuschner:

„In der ersten Nacht, in der ich in Haft war, wurde ich plötzlich in

eine andere Zelle gebracht. In dieser befand sich Samson. Ich hatte

sofort heraus, daß er ein Spitzel war, und ließ mich nicht mit ihm ein.

Auch sein Angebot, mir Nachrichten nach außerhalb zu befördern, lehnte

ich ab. Die Aussagen, die Samson am nächsten Tage dem Kriminalkommissar

machte, sind erlogen.“

Der nächste Zeuge Thiessen war Referent in der Mittenwalder Straße. Er

hat von Leuschner einige dem Blau abgenommene Papiere erhalten und

später vernichtet. Auch dieser Zeuge wurde durch den Spitzel Samson der

Mittäterschaft bezichtigt und schwer belastet. Der Zeuge kennt den

Samson daher, daß er ihm als bedürftiger Kommunist vorgestellt wurde; er

hat ihn auch mit Geld unterstützt und verpflegt. Seine Aussagen ergeben

nichts Neues. Samson selbst war nicht erschienen.

Der Zeuge Dahms wurde ebenfalls von Samson der Mittäterschaft

bezichtigt. Er wurde daraufhin aus Dänemark, wo er sich damals aufhielt,

herbeigeschafft. Er erklärte, von der ganzen Sache gar nichts zu wissen

und völlig unschuldig und unberechtigt hineingezogen zu sein. Seine

Angelegenheit gibt Anlaß zu Auseinandersetzungen zwischen Verteidigung

und Staatsanwaltschaft derart, daß der Vorwurf erhoben wurde, die

Untersuchungsbehörde könne wohl unschuldige Kommunisten aus Dänemark

herbeischaffen, aber es gelänge ihr nicht, die der Mittäterschaft

dringend verdächtigen Polizeispitzel Toifl, Strolz und Schreiber aus

Deutschland resp. der Schweiz vor Gericht zu bringen (3. und 6.

Verhandlungstag).

Die Vereidigung des Leuschner wird wegen Verdachtes der Mittäterschaft

vom Gericht abgelehnt.

Bei dem Zeugen Georg Pohl haben Hoppe und Blau die Nacht vor dem Mord

verbracht. Der Zeuge hat in der Voruntersuchung sehr belastende Aussagen

über Hoppe und Winkler gemacht. Bei seiner Vernehmung (4.

Verhandlungstag) berichtet er nochmals die Vorgänge in der Versammlung

und auf der Straße. Blau habe erklärt, er werde sich rechtfertigen – und

er werde nicht eher von den Genossen weggehen, bis er sich

gerechtfertigt habe. Da Blau kein Quartier hatte, habe er seine Wohnung

zur Verfügung gestellt.

Vorsitzender:

„Blau wurde also nicht gefangen gehalten?“

Zeuge Gg. Pohl:

„Nein. Er wollte uns nicht verlassen, ehe alles klargestellt sei.“

Der Zeuge erzählt weiter die bekannten Vorgänge: wie er am nächsten Tage

Blau und Hoppe bis zur Winklerschen Wohnung in der Großbeerenstraße

begleitet habe; dann nach Hause gegangen sei; dann am späteren Abend

wieder zurückgekommen sei, um zu erfahren, was aus der Sache geworden

sei. Auf der Straße habe er Schröder getroffen, bei dem er plaudernd

stehengeblieben sei; nach einer Weile sei ein Mann gekommen, der sie

aufforderte, zu helfen. Da sei Schröder weggegangen und er habe gesehen,

wie eine Gruppe von Leuten an die Brücke kam und ein Paket ins Wasser

warf. Erst später habe er die Erklärung dieser Vorgänge erfahren.

Vorsitzender:

„In der Voruntersuchung haben Sie Fichtmann als einen der Männer

bezeichnet, die aus dem Hause traten.“

Zeuge Pohl, nach Gegenüberstellung mit Fichtmann:

„Ich kann diese Aussage nicht aufrechterhalten, denn es war dunkel und

ich stand auf der anderen Seite der Straße.“

Es folgt ein mehrstündiges Kreuzverhör, in dem die Protokolle der

Voruntersuchung einzeln durchgegangen werden. Der Zeuge Pohl kann sich

an manches nicht mehr erinnern, andere Angaben zieht er zurück, andere

bezeichnet er als unwahr.

Staatsanwalt:

„Sind Sie von kommunistischer Seite beeinflußt oder bedroht worden?“

Zeuge Pohl:

„Nein.“

R.-A. Th. Liebknecht:

„Fühlten Sie sich in der Voruntersuchung zu Ihren Aussagen gepreßt oder

gedrängt?“

Zeuge Pohl:

„Vielleicht durch die Aussicht freizukommen ... Aber die Hauptsache ist,

ich war völlig zusammengebrochen und wußte nicht mehr, was ich sagte.

Ich dachte nur daran freizukommen und sagte zu allem ‚Ja, ja‘!“

Kriminalkommissar Maslack bestätigt (5. Verhandlungstag), daß Pohl in

völlig zusammengebrochenem Zustand ein Geständnis ablegte, in dem Hoppe

und Fichtmann als Täter bezeichnet wurden. Er habe den Eindruck, daß

Pohl damals die Wahrheit gesagt habe.

Landgerichtsrat Marquardt, der die Voruntersuchung leitete, berichtet

nach dem Gedächtnis die damalige Aussage des Pohl über den Hergang der

Tat und betont, daß auch er den Eindruck der Wahrheit hatte.

Zeuge Pohl:

„Ich kann diese Aussagen nicht aufrechterhalten, ich war damals völlig

von Sinnen und nicht mehr Herr meiner Worte. Ich habe ausgesagt und

ausgesagt und nur das eine gedacht: Freikommen!“

Der Zeuge betont dann, daß er bereits am 10. Dezember 1919 einen Brief

an Kriminalkommissar Maslack schrieb und darin seine Aussagen widerrief.

Es erheben sich über diesen Zeugen noch erregte Debatten. Das Gericht

beschließt, die Vereidigung des Pohl noch aufzuschieben.

Auf die Vernehmung des Zeugen Geißler, der mit Blau und Hoppe bei Pohl

übernachtet hat, sich aber auf nichts mehr besinnen kann, wird allseitig

verzichtet (6. Verhandlungstag).

* * * * *

Von neuem wendet sich das Interesse dem Spitzel Toifl zu; und damit der

Orlowsky-Affäre, wegen der Fichtmann verurteilt ist.

R.-A. Dr. S. Weinberg zu Dr. Riemann (3. Verhandlungstag):

„Ist Ihnen bekannt, daß Oberleutnant Graf Westarp aus der Bendlerstraße

dem Spitzel Toifl den Auftrag gab, Fichtmann zu vernichten?“

Kr.-K. Dr. Riemann:

„Nein.“

R.-A. Dr. S. Weinberg:

„Ist Ihnen bekannt, daß der Spitzel Toifl das dem Diamantenhändler

Orlowsky geraubte Geld mit Genehmigung seiner Dienststelle für sich

behalten hat?“

Kr.-K. Dr. Riemann:

„Nein.“

Am 6. Verhandlungstag erscheint der auf Antrag der Verteidigung geladene

Friseur Meyer, um über Toifl auszusagen: Meyer war mit Toifl sehr

befreundet und Toifl hatte ihm auch von dem Plan gegen Orlowsky erzählt;

er hatte ihn dringend aufgefordert, selbst mitzumachen. Er, Meyer, habe

aber abgelehnt und auch versucht, den Toifl von solchen Plänen

abzubringen, die doch der Partei gar nichts nützen könnten.

Vorsitzender:

„Wurde nicht davon gesprochen, daß die _Terrorkasse zu Propagandazwecken

aufgefüllt_ werden müsse.“

Zeuge Meyer:

„Mag sein, aber ich lehne auch den Terror ab und stritt darüber mit

Toifl, dem ich damals als Freund vertraute.“

Der Bruder des Angeklagten Fichtmann:

„Toifl hat den Überfall auf Orlowsky dann selbst gemacht.“

Vorsitzender:

„Woher wissen Sie das so genau?“

Zeuge Fichtmann:

„Weil gar nicht mein Bruder an dem Überfall teilgenommen hat, _sondern

ich selbst_!“ –

Allgemeines Erstaunen, Debatten.

Zeuge Meyer:

„Toifl sprach dann noch von einer anderen großen Sache, die er vorhatte:

wenn die glücke, dann sei ein großer Spitzel erledigt. Das machte mich

zuerst mißtrauisch gegen ihn, denn so spricht kein Kommunist.“

Vorsitzender:

„Wieso?“

Zeuge Meyer:

„Von ‚große Sache‘ und ‚wenn es glückt‘: das sind die Redensarten der

Lockspitzel; man kennt das.“

Vorsitzender:

„Hat Toifl öfter zu Gewalttaten aufgefordert?“

Zeuge Meyer:

„Stets.“

R.-A. Dr. S. Weinberg:

„Hat Toifl auch gesagt, daß die K. P. D. zu schlapp sei?“

Zeuge Meyer:

„Ja, er drängte auf terroristische Akte.“

–: Da teilt der Staatsanwalt mit, daß an ihn ein Schreiben des Toifl

gekommen sei: dieser wolle sich als Zeuge zur Verfügung stellen, falls

ihm genügender polizeilicher Schutz zugebilligt werde.

Der Lockspitzel als Zeuge.

(Um Längen zu vermeiden, ist der größte Teil des schon Erwähnten nicht

nochmals gebracht. Ferner wurde wegen der Eigenart des Inhalts der

größte Teil des Dialogs im Wortlaut der Zeitungsberichte, besonders der

unabhängig-sozialdemokratischen Freiheit übernommen, Nr. 256 und 258;

2., 3. Juli 1920.)

Am sechsten Verhandlungstage erscheint unter starker polizeilicher

Bewachung der Spitzel Toifl. Der Vorsitzende macht darauf aufmerksam,

daß er bei der ersten Belästigung des Zeugen sowie bei Mißfallens- oder

Beifallsäußerungen sofort den Zuhörerraum räumen lassen würde.

Toifl gibt seine Personalien an.

Vorsitzender:

„Sind Sie Polizeiagent?“

Toifl:

„Nein.“

R.-A. Th. Liebknecht:

„Welchen Beruf üben Sie jetzt aus?“

Toifl:

„Ich bin Bureauangestellter.“

R.-A. Th. Liebknecht:

„Wo wohnen Sie?“

Toifl:

„Darüber verweigere ich die Auskunft.“

Vorsitzender:

„Kennen Sie die Angeklagten?“

Toifl:

„Nur Fichtmann.“

Der Zeuge schildert dann seinen Werdegang: nach dem Kriege habe er mit

kommunistischen Kreisen Fühlung bekommen und dadurch auch die Familie

Fichtmann kennen gelernt. Später sei er dann beim Gruppenkommando I

(Lüttwitz) in die Reichswehr eingetreten. Aber er habe es auch mit den

Fichtmanns ehrlich gemeint.

Vorsitzender:

„Warum sind Sie in die Reichswehr eingetreten?“

Toifl:

„Um die Verhältnisse in der Reichswehr für die kommunistische Partei

auszukundschaften.“

Vorsitzender:

„Waren Sie überzeugter Kommunist?“

Toifl:

„Nein.“

Vorsitzender:

„Warum wollten Sie dann für die Kommunisten kundschaften?“

Toifl:

„Vater Fichtmann hatte mir angeraten, zur Reichswehr zu gehen; und ich

hatte ja mein Auskommen dort.“

Der Zeuge schildert dann weiter, wie er bei der Reichswehr zum

Unteroffizier befördert wurde, gleichzeitig auch seinen

freundschaftlichen Verkehr mit Fichtmanns fortsetzte. Mit diesen habe er

oft über die Kommunisten gesprochen und dabei auch von der Gründung

einer Kampfgruppe und einer T-(Terroristen)gruppe gehört.

Vorsitzender:

„In der Nacht zum 31. Juli 1919 wurde der Überfall auf Orlowsky

ausgeführt. Auf Ihr Zeugnis hin wurde deswegen der Angeklagte Max

Fichtmann zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Nun behauptet der Bruder

des Angeklagten, Hugo Fichtmann, daß gar nicht Max, sondern er selbst an

dem Überfall teilgenommen hat?“

Toifl:

„Das ist gelogen!“

Zeuge Hugo Fichtmann:

„Ich wiederhole, daß Toifl der Anführer bei dem Raubüberfall auf

Orlowsky war. Nicht mein Bruder, sondern ich war bei dem Unternehmen

zugegen. Toifl war es, der den Orlowsky verhaftete, Toifl schlug ihm in

der Nähe von Friedrichshagen den Gewehrkolben über den Kopf und Toifl

feuerte den Schuß hinter ihm her.“

Toifl:

„Das ist alles gelogen. Die Sache verhielt sich so, wie ich sie als

Zeuge vor dem Kriegsgericht darstellte.“

Zeuge Friseur Meyer:

„Ottomar Toifl, Du bringst hier nur Lügen vor. Du kannst nicht

ableugnen, daß Du zu mir und meiner Frau von dem Überfall auf Orlowsky

als Deinem Plan gesprochen hast. Du hast auch mich aufgefordert, daran

teilzunehmen. Du hast dann auch von dem geplanten Mord an einem großen

Spitzel gesprochen!“

Toifl:

„_Das ist alles nicht wahr!_“

Der Vater des Fichtmann bekundet, daß Toifl dauernd zu terroristischen

Akten hetzte.

Vorsitzender:

„Wir wollen zum Fall Blau kommen.“

Toifl:

„Am Sonnabend, dem 2. August, kam ich in das Lokal von Fichtmann. Max

Fichtmann war abwesend und ich erfuhr auf meine Frage, daß er von einem

Kurier der T-Gruppe abgeholt worden sei.“

Der Vorsitzende lehnt einige Unterbrechungsversuche ab und bittet, sich

zu gedulden und den Zeugen referieren zu lassen.

Vorsitzender:

„Wo tagte die T-Gruppe?“

Toifl:

„Das weiß ich nicht. – Ich blieb am 2. August bis gegen 2 Uhr nachts im

Lokal von Fichtmann, ohne daß Max Fichtmann zurückkam. Am Sonntag hatte

ich anderweitig zu tun, erst am Montag kam ich wieder zu Fichtmann.

Abends sah ich Max Fichtmann und es fiel mir auf, daß er blaß und sehr

unruhig war. Nun hatte mir bereits nachmittags ein gewisser Herms die B.

Z. gezeigt, worin der Bericht über den Mord an Blau ...“

Vorsitzender und Staatsanwalt gleichzeitig:

„Sollte es am 4. August ...“

R.-A. Th. Liebknecht, unterbrechend:

„Ich bitte doch dringend, den Zeugen sprechen zu lassen!“

Toifl wird jetzt stutzig (die Leiche wurde erst am 7. August gefunden!),

überlegt einige Sekunden und sagt dann:

„Ich irre mich wohl in diesem Punkte, denn die Nachricht stand, glaube

ich, erst am Donnerstag in der B. Z. ..., aber ich habe noch am

Montagabend im Lokal von Obst durch einen gewissen Fascheck nähere

Mitteilung über den Mord erhalten. Ich habe darüber einen Bericht

geschrieben und an die Kriminalpolizei gelangen lassen.“

Vorsitzender:

„An wen haben Sie die Anzeige gemacht?“

Toifl:

„Darüber _verweigere ich die Aussage_.“

Vorsitzender:

„Sie sind verpflichtet, diese Aussage zu machen.“

Toifl:

Der Mord am Polizeiagenten Blau · 第 6 / 8 段