Eine Predigt Gottes.
Es war Winter geworden. Der Schneesturm tobte und in den Feldern und
Wiesen lag er fast zwei Fuß hoch. Wie ein Wintersturm war es auch
über meine Jugend dahingegangen. All' mein Hoffen und Sehnen und
meine Begeisterung war dahin. Ich fühlte mich innerlich geknickt
und gebrochen. Mein Zerwürfniß mit der Gemeinde war zwar äußerlich
beigelegt: Anne-Mile hatte geplaudert und sich nach und nach selbst
verrathen. Als die Babette an der Guntramseiche in Ohnmacht fiel und
ich um Hülfe rief, war sie ganz in der Nähe gewesen und hatte Alles
mit angesehen und zum Theil mit angehört. Doch statt Mitgefühl zu
empfinden, war der teuflische Plan in ihrer Seele wach geworden,
Babette und mich in geschehener Weise zu verdächtigen. Der Anton
Scheppler hatte einmal zu ihr gesagt, die Babette sei tausendmal
schöner als sie, weil sie züchtig und rein wäre. Das hatte sie schon
lange genug geärgert; die sollte nicht länger mit ihrer Unschuld groß
thun. Nun hatte sie auch soviel verstanden und sich zusammengereimt,
daß ich der Babette helfen wolle und war den Abend gleich zum alten
Fink gelaufen und hatte ihm Alles erzählt. Der war heftig erschrocken
und versprach ihr zehn Thaler, wenn sie Babette und mich in der
geschehenen Weise verdächtige, einen rechten Lärm im Ort mache und so
meinen Einfluß vernichte. Die zehn Thaler freilich bekam sie nicht und
der Aerger darüber war auch der Anlaß ihres Plauderns.
Der Kirchenvorstand, als er hörte, daß ich ihre Anklage in Händen
habe und es mit meiner Versetzung Nichts würde, war gekommen, um mich
um Verzeihung zu bitten, jedoch jeder Kirchenvorsteher allein. Der
Bürgermeister meinte, der alte Fink und der Mauser wären an Allem
schuld. Der alte Fink hätte gehetzt und Branntwein bezahlt und der
Mauser hätte die Schrift gemacht. Der Mauser dagegen sagte, der
Bürgermeister wäre der Urgrund alles Unheils und wir bekämen keinen
Frieden in das Dorf, bis wir einen andern Bürgermeister hätten. Der
Schwalb sprach vielleicht allein die Wahrheit, denn er gestand, er habe
nicht gewußt, was er unterschrieben habe.
Als der Decan Kirchenvisitation hielt, hatte er sehr zur Eintracht
und zum Frieden gerathen. Konnte aber Eintracht und Frieden zwischen
mir und meiner Gemeinde sein? Wäre es nicht ein trauriges Zeichen für
+mich+ gewesen?
Jetzt im Winter, und da ich Alles in seiner nackten Wirklichkeit
schaute und nicht mehr mit der idealisirenden Brille eines jugendlichen
Herzens, fühlte ich doppelt meine Einsamkeit und Verlassenheit unter
diesen Leuten. Mir war es oft mit meinem wunden Gemüthe, wie dem
»ausgewanderten Dichter«:
»Allein? Allein? und so willst du genesen?
Allein? Allein? ist das der Wildniß Seegen?
Allein? Allein? o Gott, ein einzig Wesen!
Um dieses Haupt an seine Brust zu legen.«
Ich verstand es, wenn es in der Schrift heißt: »Es ist nicht gut, daß
der Mensch allein sei.« Und ich hatte ja eine geliebte Braut; aber
bei dem dürftigen Einkommen der Stelle konnte ich nicht an Heirathen
denken. Ich konnte stundenlang im trüben Sinnen am Fenster sitzen und
hinunterblicken zu den fernen Burgen und Städten der Wetterau und zu
den finsteren Höhen des Vogelberges. Meine einzige Gesellschaft war
ein Rabe, der stets auf dem Stumpfe des vom Blitz getroffenen Baumes
saß. Er nickte mir zu und ich nickte ihm zu, als verständen wir uns. Es
schneite dabei immer zu und der Nordweststurm rüttelte an den Fenstern
und wirbelte den Schnee auf und jagte den Rauch aus dem Kamin zurück
in mein Zimmer. Aus diesem trüben Sinnen wurde ich geweckt durch eine
Nachricht, die laut predigte von der Unbegreiflichkeit der Gerichte
Gottes und von der Unerforschlichkeit seiner Wege. Es hieß: der
Schneider Heimerdinger hat seine Frau erschlagen.
Anfangs hörte ich nur dunkle, abenteuerliche Gerüchte, als habe er ihr
mit einer Axt den Leib aufgeschlitzt. Andere sagten, er habe ihr ein
Schnitzmesser in den Hals geworfen. Endlich gelangte eine bestimmtere
Nachricht an mich, daß die Frau Heimerdinger zwar stark verwundet sei,
aber nicht todt, und man auch gar nicht wisse, ob ihr Mann schuldig
wäre; nur lasse er keinen Menschen in's Haus, indem er vorgäbe, seine
Frau sei zu schwach, um Besuch anzunehmen. Ich beschloß, auf jeden
Fall die Sache näher zu untersuchen und mich so leicht nicht abweisen
zu lassen. Ich fand die Hausthüre von innen verriegelt. Aber als ich
ein wenig Lärm mit dem Drücker machte, erschien ein Kopf am Fenster
und bald darauf wurde geöffnet. Es war Konrad, der achtjährige Sohn
des Heimerdinger, der mir öffnete. Sein Vater war nicht zu Hause. Er
war vor einer Stunde in den Wald gegangen, um Holz zu holen, weil sie
keinen Vorrath mehr im Hause hatten, um zu kochen und einzuheizen. Ich
trat in ein freundliches, nettes Zimmer, wie kein zweites im ganzen
Dorf zu finden war. Die Wände waren mit einer neuen, hellen Tapete
bekleidet; an den Fenstern waren schneeweiße Halbvorhänge angebracht
und auf einem selbstverfertigten Blumentischchen stand eine ganze
Auswahl von Monatsrosen, Nelken, Geranien, Fuchsia's und Cactus. In
dem Bett, das die Ofenecke ausfüllte und durch eine einfache Gardine
geschützt war, lag die Frau Heimerdinger, das immer noch schöne Gesicht
todtenbleich und von Schmerz entstellt. Der kleine Konrad war an ihr
Bett getreten und hatte sein Gesicht in dem Kissen vergraben, während
die Mutter krampfhaft in seinen Locken wühlte und mich gar verlegen und
mißtrauisch anblickte.
»Es scheint Ungewöhnliches in diesem Hause vorgegangen zu sein«, begann
ich die Unterredung.
»Ja, Herr Pfarrer, es wird mein Tod sein.«
»Was ist denn eigentlich geschehen?«
»Gestern Abend bin ich dunkel in den Keller gegangen und über das
Sauerkrautfaß gefallen und habe mir an einem großen Nagel, der
herausstand, den Leib aufgeritzt und ich glaube, einen Darm verletzt.«
Die Geschichte war so einfach und wahrscheinlich und so im Tone der
Wahrheit erzählt, daß mir gar kein Bedenken gekommen wäre, wenn ich
nicht in ihren Augen etwas Lauerndes meinte wahrgenommen zu haben. Doch
ich konnte mich auch täuschen. Um sie weiter zu beobachten, sagte ich
rasch: »Es wird im Dorfe ganz anders erzählt, Frau Heimerdinger.«
Aber sie wußte es schon.
»Ich weiß es, der Konrad hat mir's gesagt. Es sind verleumderische
Menschen, die einem gern etwas anhängen möchten und die nicht wissen,
was sie thun.«
»Sie werden es wohl am besten wissen und werden nicht mit einer Lüge
aus der Welt gehen wollen?«
»Nein, wenn man so nahe der Ewigkeit steht, lügt man nicht.«
Sie war aber feuerroth bei diesen Worten geworden und wendete sich ein
wenig nach der andern Seite. Es war also nicht Alles richtig. Sie hatte
Etwas zu verbergen.
»Gebrauchen Sie einen Arzt?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Sie wissen, wir armen Leute schicken nicht gleich zum Doctor und in
die Apotheke, wir können schon einen Stoß vertragen. Doch wenn mein
Mann heimkommt, soll er gleich nach einem gehen. Die Schmerzen sind
nicht gut zu ertragen und es ist Alles geschwollen.«
»Versäumen Sie es ja nicht! Sie haben schon zu lange gewartet. Sie
können dadurch an Ihrem Tode schuldig sein.«
Sie war noch bleicher geworden. Ihre Schmerzen schienen furchtbar
zu sein. Aber die größten Schmerzen konnten ihr das Geheimniß nicht
auspressen. Sie hatte sogar noch Geistesgegenwart genug, sich nicht
durch ein einziges Wort zu verrathen. Als sie sich wieder etwas erholt
hatte, bemerkte ich darum, um sie noch stärker anzugreifen:
»Denken Sie auch an Babette?«
»Herr Pfarrer, die macht mir mehr Schmerzen, als meine Wunde. Wir haben
gestern Morgen einen Brief von ihr bekommen. Sie schreibt nicht gut.«
»Dürfte ich den Brief vielleicht einmal sehen?«
»Ich glaube, mein Mann muß ihn mit haben.«
»Mutter,« sagte Konrad, »er liegt ja unter Deinem Kopfkissen.«
»Nein, Konrad, Dein Vater hat ihn mit.«
»Lassen Sie nur, Frau Heimerdinger, Sie können mir vielleicht etwas
daraus mittheilen.«
»Sie schreibt von New-York aus, des andern Tages würden sie nach
Californien absegeln. Sie macht uns schwere Vorwürfe und was mich am
meisten ängstigt, ist: daß sie schreibt, sie blicke oft in das Meer und
dann denke sie: wenn sie tief, tief dort unten liege, dann hätte sie
Ruhe und Frieden. Balzer's Ernst hat auch einen Brief von ihr erhalten.«
Als sie mir nichts weiter mittheilte, wollte ich auch nicht weiter
in sie dringen und fragte nur noch, wenn Sie denn sterben sollte,
ob Sie sich auch gerüstet glaube, vor dem Richterstuhle Gottes zu
erscheinen. Da antwortete sie auf einmal in einem ganz umgeänderten
Tone: »Sie müssen wieder kommen, Herr Pfarrer, Sie müssen wieder
kommen!« und schwere Thränen perlten in ihren Augen. »Ich habe noch
viel mit Ihnen zu reden, ehe ich sterbe, aber jetzt bin ich zu schwach,
zu angegriffen.« Ich sah ihr an, wie sie sich nur mit Mühe aufrecht
erhielt und entfernte mich. Die Erinnerung an ihr unglückliches Kind
schien den Panzer, der ihr Herz umschloß, geschmolzen zu haben. -- Ich
lag die Nacht im ernsten, tiefen Schlaf; da wurde mit der Faust wider
meinen Fensterladen geschlagen. »Herr Pfarrer, Sie sollen gleich in
Heimerdinger's kommen: Die Frau Heimerdinger stirbt!« rief es draußen.
Ich zündete Licht an. Es war eben drei Viertel auf ein Uhr. Ich warf
mich schnell in meine Kleider und war bereit, dem Manne, der noch
draußen mit der Laterne stand, zu folgen. Der Sturm heulte, Schnee
und Regen schmetterten wider die Fenster, die Dachziegel klapperten,
die zwei alten Pappelbäume vor meinem Hause ächzten und stöhnten.
Ich schauderte, in die schwarze, schreckliche Nacht hinauszugehen zu
solchem Sterbelager. Aber die Pflicht rief. Unterwegs erzählte mir
mein Begleiter, der ein Nachbar von Heimerdingers war, er und seine
Frau seien schon den ganzen Abend im Hause. Die Frau Heimerdinger
hätte bereits seit Stunden nach mir verlangt, aber der Heimerdinger
habe immer Entschuldigungen und Ausreden vorgebracht. Zuletzt als
sie immer schwächer geworden, sei er auf eigene Verantwortung zu
mir gelaufen und hätte mich gerufen. Er glaube, sie wolle mir ein
Geständniß machen. -- Als wir eintraten, lag sie ebenso da wie am
Morgen; nur saß ihr Mann neben ihr am Bett. Er warf mir einen wilden,
verwirrten Blick zu, als ich so plötzlich und unvermuthet hereintrat,
wandte sich aber gleich wieder zu der Sterbenden. Diese faltete die
Hände und streckte sie hoch in die Luft, warf einen verzweifelten Blick
auf mich und ihren Mann, that noch einen Schrei und war verschieden.
Ich war zu spät gekommen. Der Mann warf sich schluchzend über die
Leiche. Der Konrad lag ohnmächtig in der Nachbarin Arm. Ich sank auf
die Knie und betete um Gnade für die arme Seele. Ich hätte gern eine
gerichtliche Untersuchung der Leiche gehabt, zumal da das ganze Dorf
derselben Ansicht war, wie ich, daß der Fall über das Sauerkrautfaß
reine Erfindung sei. Man traute allgemein der Frau Heimerdinger die
Festigkeit und Charakterstärke zu, daß wenn sie ein solches Geheimniß
hätte mit in's Grab nehmen wollen, sie es auch gekonnt habe. Aber
der Arzt, der sie noch den Nachmittag vor ihrem Tode besucht hatte
und den ich darüber sprach, sagte: es sei kein Grund vorhanden, hier
gerichtlich einzuschreiten, indem an der Angabe der Kranken gar nicht
zu zweifeln sei: Ich solle sie in Gottes Namen beerdigen.
Es war in der folgenden Nacht. Der Nordweststurm hatte sich noch nicht
gelegt und rüttelte besonders an dem einsamen Haus des Schneiders
Heimerdinger, als wollte er es vom Erdboden mit hinwegnehmen und mit
ihm alles Verbrechen und Weh, welches es in sich verbarg. Mitternacht
mochte vorüber sein, da erwachte der kleine Konrad hinter dem Ofen,
hinter dem er sitzend eingeschlafen war. Der Ofen war kalt. Ihn fror
es, daß die Zähne klapperten. Das Licht, das auf dem Tische stand,
war am Ausgehen und flackerte auf und nieder. Bei seinem ungewissen
Schein glaubte er zu sehen, wie seine Mutter, deren Leiche mit einem
Leintuch verhüllt auf dem Bette lag, ihre Hände nach ihm ausstreckte.
Wie er sich entsetzt abwandte, fiel sein Blick auf seinen Vater, der
lang ausgestreckt, bleich wie seine Mutter, auf dem flachen Stubenboden
lag. So war er hingefallen, als er spät in der Nacht betrunken in
die Stube hereintaumelte, und liegen geblieben und eingeschlafen. In
demselben Augenblicke, als der Knabe seinen Vater erblickte, erlosch
das Licht. Da wurde es wirr in seinem Sinn; er meinte den Sterbeschrei
seiner Mutter wieder zu hören; er glaubte, eine Faust fasse ihn beim
Genick, sein Haar sträubte sich in die Höhe und mit einem lauten
Schrei stürzte das unglückliche Kind, vom Entsetzen gepackt vor seinen
eigenen Eltern, hinaus aus dem Vaterhaus in die wilde Nacht hinein, um
sich eine andere Heimat zu suchen. Der Wind spielte mit seinen Locken
und fuhr eiskalt durch seine dünnen Kleider und bei jedem Schritt
brach er bis über die Knie in den Schnee. Aber fort ging's, wie das
gehetzte Wild vor einer Meute Hunde dahinläuft. Fort -- fort -- aber
wohin du armer Knabe, in der dunkeln Nacht, in Wind und Wetter, im
tiefen Schnee? In die Heimat? Du hast ja keine Heimat! Dein Vater ist
ein Mörder -- Deine Mutter ist ermordet -- Deine geliebte Schwester ist
verkauft! Oder willst du in die andere Heimat? Du hättest sie wohl auch
noch erreicht in dieser Nacht, wenn Gott nicht seinen Engeln befohlen
hätte: »dies Kind soll wohl behütet sein!«
Auf einmal war es dem Konrad, als hätte er keinen Boden mehr unter den
Füßen; dann meinte er, er könne fliegen, dann lag er so weich, so weich
und wäre gern eingeschlafen, aber das Bein that ihm so weh, daß er in
einem fort aufschreien mußte.
»Hanjörg, Hanjörg«, sagte zum Bauern auf dem Hauserhof seine Frau, die
Babett, und strich ihm mit der Hand über's Gesicht, um ihn aufzuwecken:
»ich weiß nicht, die Hunde rasen ordentlich an ihren Ketten; es muß
Etwas im Hof sein. Es wäre gut, wenn Du einmal hinausgingst und
nachsähest: ich traue dem Heidenvolk nicht, das in den letzten Tagen
hier herumstrich. -- Und horch! -- wenn der Sturm nicht so heult
-- hörst Du es nicht jammern und jispern? Mein Gott, wenn so ein
Unglücklicher in der Dunkelheit die Felswand hinabgestürzt wäre!« Mit
gleichen Füßen fuhr sie aus dem Bette und in fünf Minuten stand sie
schon mit ihrem Manne im Hof und fanden dort den armen Konrad, der ein
Bein gebrochen hatte.
Ich hatte noch nicht gefrühstückt, da war ein Knecht vom Hauserhof da:
ich solle gleich einmal hinauskommen, es wäre etwas Wichtiges.
Ich beeilte mein Frühstück und machte mich auf den Weg; aber der Hof
war, obwohl nur eine Viertelstunde entfernt, kaum zu erreichen vor dem
ungewöhnlich tiefen Schnee. Endlich trat ich wie ein Schneemann mit
Schnee beladen in's Zimmer und merkte nun alsbald auch, um was es sich
handelte, da ich den Konrad im breiten Familienbette entdeckte und
die geschwätzige Hoffrau mir fast in einem Athem über die nächtlichen
Geschichten berichtete und andeutete, daß der Knabe Alles wisse und
auch sagen würde, worüber man bis jetzt nur noch Vermuthungen hatte.
»Das Bein ist wieder kunstgerecht eingerichtet vom Schäfer von
Langenbuch: der versteht's besser als ein Doctor. Er war noch keine
fünf Minuten fort, als Sie kamen und morgen will er wieder kommen und
nachsehen. Aber was das Konrädchen zu sagen hat, da sollten Sie dabei
sein! Sie wissen doch besser mit solchen Dingen umzugehen, als wir.
Und wenn der schlechte Mensch schuldig ist, so muß er d'ran und wenn
es tausendmal noch ein Verwandter von uns ist. Für die Kinder ist
gesorgt. Der Konrad bleibt gerade bei uns und ich wollte, die Babett,
mein Göthchen, das herzige Mädchen wäre auch wieder da! Es würde sich
noch Manches machen lassen. Ich und mein Alter haben schon lange unser
Augenmerk auf die herrlichen Kinder des Heimerdinger geworfen, da uns
Gott diesen Segen versagt hat.«
Um den Strom der Rede, der wahrscheinlich noch so eine Weile
fortgeflossen wäre, abzuschneiden, trat ich an's Bett und fing an, den
Knaben zu verhören. Jedoch nur auf die heiligsten Versicherungen des
Schutzes, den er genießen sollte, begann er seine Erzählung, die oft
durch Weinen unterbrochen wurde und worüber ich mir in manchen Stücken
erst durch langes Examiniren Aufklärung verschaffte. Heimerdinger hatte
durch den Verkauf seines Mädchens die Schuld, die auf dem Hause ruhte,
gedeckt und auch noch etliches baare Geld in die Finger bekommen. Aber
sein Durst war diesem und noch mehrerem gewachsen; er schien sich sogar
noch von Tag zu Tag zu steigern. Die Arbeit war ihm gänzlich verleidet
und er begehrte Nichts als zu trinken und wieder zu trinken. Das war
nun ein großes Leidwesen für die Frau, die schon zum Voraus berechnen
konnte, wann der Preis, für den sie ihr herrliches Mädchen dahingegeben
hatte, durch den Leichtsinn und die Trunksucht ihres verkommenen Mannes
bis auf den letzten Heller verzehrt sein würde! Alle Vorstellungen und
Zuredungen halfen Nichts; ebensogut hätte sie dem Winde sagen können,
er solle nicht mehr wehen oder dem Feuer, es solle nicht mehr brennen,
wie dem Heimerdinger, er solle nicht mehr trinken. -- Ueber die neuen
Tapeten, welche sie gekauft und über die neuen Einrichtungen im Haus
und Garten, wonach sie sich schon so lange gesehnt hatte, konnte sie
sich gar nicht freuen; sie gereichten ihr nur noch zu größerem Schmerz.
Nun kam der Brief von Babette. Sie hatte laut aufweinen müssen vor
furchtbarem Weh und Herzeleid, als sie die schweren Kämpfe ihres armen
verstoßenen Kindes erkannte und seine gerechten Vorwürfe fielen wie
Hammerschläge auf ihr selbstsüchtiges Herz. -- Selbst der Mann wurde
soweit gerührt, daß er sich vornahm, wieder zu arbeiten. Er wollte
sich beim Holzfällen betheiligen und wie sonst den Schweinemetzger
im Dorfe spielen und sich auch diese wenigen Kreuzer nicht entgehen
lassen. Deshalb nahm er seine Axt und sein Schlachtmesser und sagte:
er wolle zur Schmiede, um sie sich dort auf dem Schleifstein zu
schleifen. Aber er kam den ganzen Tag nicht heim. Konrad hatte schon
mit seiner Mutter zu Nacht gegessen und sie las wieder Babettens Brief,
da taumelte Heimerdinger völlig berauscht zur Thüre herein, in der
einen Hand die volle Branntweinflasche, in der andern seine Axt und
sein Schlachtmesser. Er war sehr guten Humors und setzte die Flasche an
den Mund, um seiner Frau zuzutrinken. Aber in dieser hatte jetzt die
Geduld ihr Ende erreicht und je lustiger er war, desto grimmiger wurde
sie. Sie riß ihm die Flasche aus der Hand und rief: »Du Nimmersatt, du
verfluchter Saufaus, o daß Du ersticktest an dem nächsten Tropfen, den
Du trinkst! Du säufst unsere Thränen und unser Blut, Du Wütherich!«
Ganz kaltblütig erwiderte er: »Gib die Flasche her und schrei nicht
so!« »Die Flasche bekommst Du nicht wieder!« »Gib die Flasche her oder
es gibt ein Unglück!«
»Ich fürchte Dich nicht und Du bekommst sie nicht!«
»Gib die Flasche her oder --!«
»Da hast Du sie!« rief seine Frau und warf sie ihm vor die Füße,
daß die Splitter umherflogen. Aber in demselben Augenblicke griff
er nach seinem Schlachtmesser und rannte es ihr in den Leib. Sie
stieß einen fürchterlichen Schrei aus und fiel für todt in die
Stube. Heimerdinger war plötzlich nüchtern geworden, als er das Blut
am Boden rinnen und seine Frau als Leiche im Zimmer liegen sah.
Er schlug sich mit der Faust wider die Stirn und schrie: »Mörder!
Mörder!« verfluchte sich und den Branntwein und warf sich über den
Leichnam und weinte bitterlich. Als er so über ihr lag, meinte er auf
einmal noch Leben in ihr zu verspüren und legte sie deshalb auf ihr
Bett. Um die Wunde ungestört untersuchen zu können, riegelte er die
Hausthüre zu und machte allerhand Wiederbelebungsversuche. Und wirklich
erholte sie sich rasch wieder und fühlte sogar im Augenblick keinen
besonderen Schmerz. Da war es denn auch mit der ernstlichen Reue des
leichtsinnigen Trinkers schon vorbei und er fing an, die Spuren seiner
Unthat zu vertilgen. Die Blutlache machte ihm viele Arbeit, zumal da
er nicht überflüssig Wasser im Hause hatte. Das Messer vergrub er im
Holzschoppen. Dann sagte er zu seiner Frau: »Nun mag daraus entstehen,
was da will; du bist über das Sauerkrautfaß im Keller gefallen. Wenn
Du anders sagst, schneide ich mir den Hals ab, das schwöre ich Dir bei
Gott dem Allmächtigen!
Und Du, Konrad, wenn ein Wort über Deine Lippen kommt, schlage ich Dir
die Axt auf den Kopf, so gewiß ich Heimerdinger heiße!« --
Der Knabe war durch sein Erzählen und mein ständiges Fragen so ermüdet,
daß er dringend der Ruhe bedurfte und da auch alles Weitere von keinem
besonderen Belange war, überließ ich ihn ganz seinem weiten Federbette.
Ich aber setzte sofort die Hauptsache des eben Gehörten zu einem
Bericht zusammen und schickte damit direkt einen Knecht an's Amt. Schon
gegen Abend desselben Tages kam eine Untersuchungscommission in's Dorf,
von zwei Gensdarmen begleitet. Des Mörders Haus fanden sie jedoch
verschlossen. Dieser war seit der Todesstunde seiner Frau nicht mehr
nüchtern geworden; bei Tage trieb er sich in den Branntweinkneipen der
Umgegend umher und erst spät in der Nacht kehrte er in fast bewustlosem
Zustande heim. So wurde die Hausthüre erbrochen. Die Section ergab,
daß die Wunde nicht durch einen Nagel, sondern nur durch ein scharfes,
schneidiges Instrument könne bewerkstelligt sein. Das Messer fand
sich nach kurzem Suchen im Holzschoppen. Und nun erstand auch noch
im Nachbar ein wesentlicher Zeuge, da er den Heimerdinger mit Axt,
Messer und Flasche hatte heimgehen sehen und den Schrei der Frau und
den Ruf »Mörder! Mörder!« gehört hatte. Er war auch an's Haus geeilt,
als er aber die Thüre verschlossen fand und er seinen Nachbar in der
Trunkenheit fürchtete, hatte er sich wieder zurückgezogen. Es wurden
noch außerdem die halbe Nacht Zeugen verhört. Die zwei Gensdarmen saßen
während dessen in dem dunklen Haus und warteten auf die Heimkehr des
trunkenen Schneiders. Sie mußten lange vergeblich warten. Endlich kam
er. Er hatte so weit die Erinnerung an seine ganze Situation durch
Branntwein hinuntergespült, daß er mit lauter Stimme sang. Doch mag
er etwas überrascht gewesen sein, als er nun plötzlich verhaftet und
gefesselt wurde. Den Rest der Nacht mußte er in Fesseln neben der
Leiche sitzen. Auch des andern Morgens wurde er nicht gleich abgeführt,
da das Zeugenverhör noch immer andauerte, und so traf es sich, daß er
gerade von den zwei Gensdarmen aus dem Dorfe hinaustransportirt wurde,
als man seine gemordete Frau im Sarge hinaustrug. Wie mag ihm das
Grablied, das er noch hörte, in den Ohren geklungen haben.