IX.

Das Ende.

Eines Nachmittags kam die alte Balzerswäs ganz verstört in mein Zimmer.

»Der Himmel erbarme sich einer alten Wittfrau! Wie schwer wird man

heimgesucht! Denken Sie, mein Ernst ist fort, ist der Babett nach, dem

verfluchten Mensch!«

»Was sagen Sie, der Ernst ist fort! ist nach Californien?« rief ich

ganz verwundert.

»Ach Gott, das viele, viele Geld!«

»Es ist allerdings ein leichtsinniger Streich, der schlimme Folgen für

seine Zukunft haben kann. Doch wie ist es denn zugegangen?«

»Nun wie wird's zugegangen sein! Der Bub ist ganz verhext in die

Babett, sie hat ihm auch, glaube ich, von Amerika aus geschrieben und

ihn dazu verleitet. Es kann ja nicht anders gehen, wenn man sich unter

das Bettelpack mischt. Als er die Weihnachten hier war, ist er nicht

wieder auf's Seminario. Ich hatte ihm das Kostgeld für ein halbes Jahr

mitgegeben, das hat er nicht bezahlt. Seine Bücher, sein Weißzeug,

sein Bett und sein Clavier hat er für ein Lumpengeld verkauft und vom

Izik aus der Stadt hat er sich auf Handschein zweihundert Gulden geben

lassen. Denken Sie, der stille, brave Ernst! Die Gedanken kann ihm doch

nur das Satans Ding eingegeben haben. Wir sind erst hinter die ganze

Geschichte gekommen, als der Izik mich vorgestern anrief und fragte,

wer denn die Zinsen von den zweihundert Gulden bezahlte -- ich oder

der Ernst. Ich weiß gar nicht, wie ich heimgekommen bin. Der Hanjost

mußte gleich hinüber nach J., aber das Nest war leer -- der Vogel

war fort. Er wird auch nicht mehr aufgenommen in's Seminario, weil er

durchgegangen ist. Der Hanjost hat's aus dem Mund vom Direktor.

Denken Sie, jetzt muß ich das Kostgeld noch bezahlen und der Izik will

am Ende auch noch sein Geld haben. Ach Gott, das viele, viele Geld! Was

hat das Studium nicht Alles gekostet und nun ist Alles umsonst! Es wäre

vielleicht doch am besten gewesen, wenn wir Ihnen gefolgt hätten, aber

wer hätte denken können, daß Alles so käme! Ja, ich vergesse ganz, was

ich eigentlich fragen wollte. Ist denn gar nichts mehr zu machen? Kann

man ihn denn nicht mehr erreichen?« -- »O ja, Sie müssen nach Hamburg

oder Bremen telegraphiren und ihn dort festnehmen lassen.«

»Kostet das aber nicht wieder Geld?«

»Gewiß wird es Geld kosten, doch ich meine, das könnte Sie in diesem

Fall nicht kümmern!«

»Nun ich könnte einmal in die Stadt gehen. Hernach kann man immer noch

machen, was man will.«

»Aber wenn Ihre Bemühungen Erfolg haben sollen, Frau Balzer, so thut

die größte Eile noth.«

Ob sie hat telegraphiren lassen, weiß ich nicht. Zurückgekommen ist

er wenigstens nicht. Dagegen kam im Mai des Jahres ein Brief von

Försters Anna, der von ihm Nachricht gab. Weil dieser Brief auch die

einzige Nachricht vom ferneren Schicksal Babettens enthielt, suchte

ich mir denselben zu verschaffen und will den Hauptinhalt desselben

hierhersetzen.

Theuerste Eltern!

Ihr empfanget hiermit meine Photographie. Es ist jetzt Mode,

seinen Eltern die Photographie zu schicken. Alle Herrn wollen

auch meine Photographie haben. Sie sagen: ich wäre sehr gut

getroffen und nähme mich reizend aus. Das Kleid, was ich auf

dem Bilde anhabe, ist von Seide und die gelben Streifen um die

Finger sind goldene Ringe. Ich wollte auch meinen neuen Hut und

meine seidene Mantille anthun, aber der Maler sagte, ich würde

anders viel schöner aussehen. Alle Herrn sind in mich vergafft.

Mir gefällt's sehr gut hier. Anfangs, als ich noch einfältig

war, habe ich als viel gegreint und mich heim gewünscht, aber

jetzt habe ich mich schon recht gefunden. Es wäre Alles recht

gut hier, wenn die Männer nur nicht so wild wären und gleich

aufeinander schössen und sich todtstächen. Aber Mord und

Todtschlag ist hier überall und Alle haben Pistolen, wo man oft

mit schießen kann, die sie »Revolver« nennen und lange Messer.

-- Artig sind sie -- das ist wahr -- und können einem ganz

anders die Cour schneiden, als unsere Bursche daheim. In unserm

Tanzhôtel heiße ich allgemein »die Königin«, besonders seit die

Babett todt ist und auch als sie noch lebte, hatte ich schon

viel den Vorzug wegen meiner Munterkeit und Anstelligkeit.

Doch ich habe Euch noch gar nicht den Tod der Babett berichtet.

Ach, das arme, arme Ding! Ich muß gerad weinen, wenn ich an sie

denke. Wir waren immer so gute Kamerädinnen. Ich wollte, ich

wäre nur einmal ein paar Stunden bei Euch! Es ist gar zu viel

zu erzählen. Die Babett war schon ganz merkwürdig, als wir auf

dem Meer waren, gar nicht wie wir Andern. Sie hatte gar keine

Furcht, bekam auch nicht die Seekrankheit. Meistens saß sie

auf dem Deck und guckte oft stundenlang nach dem Himmel oder

hinunter in die See. Ich sagte einmal zu ihr: Nun willst Du

ein Sterngucker werden? Da hat sie laut angefangen zu weinen.

Hernach habe ich sie nie mehr gestört. Aber ich glaube, sie

hat damals viel daran gedacht, sich selbst um's Leben zu

bringen. Ich mußte bei ihr sitzen bis spät in die Nacht hinein

und wenn ich fort wollte gehen, hat sie mich um Gotteswillen

gebeten, ich solle bei ihr bleiben. Dann sang sie all' die

Lieder, die wir als Sonntags an der Guntramseiche gesungen

haben. Aber auch Ein's hat sie oft gesungen; ich glaube, das

hat sie selbst gemacht:

Ich steh' am Schiffsgeländer

Und blicke in die See;

Ich möcht' so gern hinunter,

Begraben alles Weh!

Es ist so tief da drunten,

So tief bis auf den Grund,

Mein Schmerz ist noch viel tiefer;

Ich werd nicht mehr gesund.

Mein Ernst, du lieber Bube,

Dein Schatz sagt dir: Ade!

Du siehst Dein Mädchen nimmer;

Es liegt in tiefer See.

Im Meer ist gar viel Wasser,

Wo man mit säubern mag;

Ich möcht' mich drunten waschen

Von aller meiner Schmach!

Einmal hatte sie es wieder gesungen, da sprang sie wild in die

Höhe und schaute ganz verwirrt um sich. Mir war angst und bang,

und ich wollte schon um Hülfe rufen, da fiel sie auf die Knie

und betete laut:

Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut!

Mach's nur mit meinem Ende gut.

Von der Zeit an habe ich das Lied nicht mehr von ihr gehört.

Wir haben auch einen Sturm mitgemacht. Das brüllte und tobte,

als ginge die Welt unter. Aber als wir Alle schrien und

weinten, war die Babett ganz ruhig, als wenn Nichts wäre.

Und als das Schiff krachte, als wollte Alles kaput gehen, da

leuchteten ihre Augen zum ersten Mal wieder wie daheim. -- In

Californien wollte sie ganz apart sein. Sie hat uns als recht

geärgert mit ihren Ermahnungen, wir sollten beten und in der

Bibel lesen. Wir sagten ihr, wenn wir uns predigen wollten

lassen, gingen wir in die Kirche. All' ihr Heiligthun hat ihr

auch Nichts geholfen. Sie mußte mit wie wir Andern. Was ist

sie geschlagen und gepeinigt worden! Die Schottin ist noch

schlimmer als der alte Fink und der ist wahrhaftig schlimm

genug. Sie hat jedoch nie geklagt und auch nie geschrien. In

die Lippen hat sie sich gebissen, daß das Blut herunterlief

und die Thränen sind ihr aus den Augen gestürzt. Wir mußten

als laut weinen, wenn sie so mißhandelt wurde. Im Tanzsaal

that sie gar stolz. Sie hat mit Niemandem getanzt und wenn's

Einer fertig bringen wollte, mußte er sie mitschleppen. Und

doch waren die Herrn gleich in sie vernarrt, als sie zum ersten

Mal mit mußte. Es war, als wenn sie allein im Saal wäre. Alle

hatten Respekt vor ihr. Sie nannten sie »die Jungfrau von

Orleans.« Da war aber Einer -- sie nannten ihn den »schwarzen

Tom«, -- das war der Haupthahn und der Schönste von Allen. Ich

konnte ihn ganz gut leiden. Seine kohlschwarzen Augen brannten

wie lauter Feuer und seine Zähne waren so weiß wie Elfenbein.

Er führte Alles an und sie mußten ihm Alle gehorchen. Der

machte eine Wette: er wollte die Babett küssen mitten im Saal

vor den Leuten. Und er that's auch; aber die Babett, die immer

so riesig stark war, gab ihm eine Ohrfeige, daß er den langen

Weg in den Saal fiel. Alle lachten, spotteten und uzten; denn

es waren Viele, die ihn nicht leiden mochten. Er wurde dadurch

wüthend, nahm seinen Revolver und schoß der Babett durch die

Brust. Es war ein furchtbares Durcheinander. Der Tom hätte sich

retten können, aber ein alter Herr hielt ihn so fest, daß er

nur zappelte. Der ließ auch die Babett in sein Haus schaffen.

Man erfuhr hernach, daß er ein Deutscher sei; er hätte auch

der Babett ihre Mutter schon gekannt und hätte vorgehabt, die

Babett zu sich zu nehmen und hätte nur noch eine Zeitlang

warten wollen, um ihre Beständigkeit zu prüfen. Der Tom wurde

schon den andern Tag gehenkt. Die Babett war nicht gleich todt,

sondern hat noch vierzehn Tage gelegen und nicht besonders viel

Schmerzen gehabt. Um den Jammer voll zumachen, kam vor ein paar

Tagen plötzlich der Ernst und traf mit einem von unsern Mädchen

zusammen.

Das war ein Wiedersehn: Die Steine hätten sich erbarmen mögen!

Er hatte die halbe Welt durchreist, um sie zu retten, wie er

sagte. Er hatte sein Studium und Alles aufgegeben und nun fand

er sie am Sterben. Die Babett war wunderbar ruhig und getrost.

Als sie den Ernst sah, sagte sie: Nun ist Alles gut! Der Tod

ihrer Mutter durfte ihr nicht gesagt werden. Sie sah fast aus

wie ein Engel und Alle hat sie getröstet. Und wie ein Engel ist

sie hinübergegangen. Der Ernst ist ganz niedergeschmettert.

Er ist vorläufig noch bei dem alten Herrn. Ich habe ihm die

Geschichte von unserer Reise so oft erzählen müssen, daß ich

sie fast auswendig kann. Doch jetzt thun mir die Finger weh,

so viel habe ich geschrieben und es ist auch Zeit, daß ich an

meine Toilette denke. Heute Abend ist großer Maskenball und

Alle haben gesagt: »Die Königin darf nicht fehlen!«

Hurdy-Gurdy: Bilder aus einem Landgängerdorfe · 第 12 / 15 题