Das Ende.
Eines Nachmittags kam die alte Balzerswäs ganz verstört in mein Zimmer.
»Der Himmel erbarme sich einer alten Wittfrau! Wie schwer wird man
heimgesucht! Denken Sie, mein Ernst ist fort, ist der Babett nach, dem
verfluchten Mensch!«
»Was sagen Sie, der Ernst ist fort! ist nach Californien?« rief ich
ganz verwundert.
»Ach Gott, das viele, viele Geld!«
»Es ist allerdings ein leichtsinniger Streich, der schlimme Folgen für
seine Zukunft haben kann. Doch wie ist es denn zugegangen?«
»Nun wie wird's zugegangen sein! Der Bub ist ganz verhext in die
Babett, sie hat ihm auch, glaube ich, von Amerika aus geschrieben und
ihn dazu verleitet. Es kann ja nicht anders gehen, wenn man sich unter
das Bettelpack mischt. Als er die Weihnachten hier war, ist er nicht
wieder auf's Seminario. Ich hatte ihm das Kostgeld für ein halbes Jahr
mitgegeben, das hat er nicht bezahlt. Seine Bücher, sein Weißzeug,
sein Bett und sein Clavier hat er für ein Lumpengeld verkauft und vom
Izik aus der Stadt hat er sich auf Handschein zweihundert Gulden geben
lassen. Denken Sie, der stille, brave Ernst! Die Gedanken kann ihm doch
nur das Satans Ding eingegeben haben. Wir sind erst hinter die ganze
Geschichte gekommen, als der Izik mich vorgestern anrief und fragte,
wer denn die Zinsen von den zweihundert Gulden bezahlte -- ich oder
der Ernst. Ich weiß gar nicht, wie ich heimgekommen bin. Der Hanjost
mußte gleich hinüber nach J., aber das Nest war leer -- der Vogel
war fort. Er wird auch nicht mehr aufgenommen in's Seminario, weil er
durchgegangen ist. Der Hanjost hat's aus dem Mund vom Direktor.
Denken Sie, jetzt muß ich das Kostgeld noch bezahlen und der Izik will
am Ende auch noch sein Geld haben. Ach Gott, das viele, viele Geld! Was
hat das Studium nicht Alles gekostet und nun ist Alles umsonst! Es wäre
vielleicht doch am besten gewesen, wenn wir Ihnen gefolgt hätten, aber
wer hätte denken können, daß Alles so käme! Ja, ich vergesse ganz, was
ich eigentlich fragen wollte. Ist denn gar nichts mehr zu machen? Kann
man ihn denn nicht mehr erreichen?« -- »O ja, Sie müssen nach Hamburg
oder Bremen telegraphiren und ihn dort festnehmen lassen.«
»Kostet das aber nicht wieder Geld?«
»Gewiß wird es Geld kosten, doch ich meine, das könnte Sie in diesem
Fall nicht kümmern!«
»Nun ich könnte einmal in die Stadt gehen. Hernach kann man immer noch
machen, was man will.«
»Aber wenn Ihre Bemühungen Erfolg haben sollen, Frau Balzer, so thut
die größte Eile noth.«
Ob sie hat telegraphiren lassen, weiß ich nicht. Zurückgekommen ist
er wenigstens nicht. Dagegen kam im Mai des Jahres ein Brief von
Försters Anna, der von ihm Nachricht gab. Weil dieser Brief auch die
einzige Nachricht vom ferneren Schicksal Babettens enthielt, suchte
ich mir denselben zu verschaffen und will den Hauptinhalt desselben
hierhersetzen.
Theuerste Eltern!
Ihr empfanget hiermit meine Photographie. Es ist jetzt Mode,
seinen Eltern die Photographie zu schicken. Alle Herrn wollen
auch meine Photographie haben. Sie sagen: ich wäre sehr gut
getroffen und nähme mich reizend aus. Das Kleid, was ich auf
dem Bilde anhabe, ist von Seide und die gelben Streifen um die
Finger sind goldene Ringe. Ich wollte auch meinen neuen Hut und
meine seidene Mantille anthun, aber der Maler sagte, ich würde
anders viel schöner aussehen. Alle Herrn sind in mich vergafft.
Mir gefällt's sehr gut hier. Anfangs, als ich noch einfältig
war, habe ich als viel gegreint und mich heim gewünscht, aber
jetzt habe ich mich schon recht gefunden. Es wäre Alles recht
gut hier, wenn die Männer nur nicht so wild wären und gleich
aufeinander schössen und sich todtstächen. Aber Mord und
Todtschlag ist hier überall und Alle haben Pistolen, wo man oft
mit schießen kann, die sie »Revolver« nennen und lange Messer.
-- Artig sind sie -- das ist wahr -- und können einem ganz
anders die Cour schneiden, als unsere Bursche daheim. In unserm
Tanzhôtel heiße ich allgemein »die Königin«, besonders seit die
Babett todt ist und auch als sie noch lebte, hatte ich schon
viel den Vorzug wegen meiner Munterkeit und Anstelligkeit.
Doch ich habe Euch noch gar nicht den Tod der Babett berichtet.
Ach, das arme, arme Ding! Ich muß gerad weinen, wenn ich an sie
denke. Wir waren immer so gute Kamerädinnen. Ich wollte, ich
wäre nur einmal ein paar Stunden bei Euch! Es ist gar zu viel
zu erzählen. Die Babett war schon ganz merkwürdig, als wir auf
dem Meer waren, gar nicht wie wir Andern. Sie hatte gar keine
Furcht, bekam auch nicht die Seekrankheit. Meistens saß sie
auf dem Deck und guckte oft stundenlang nach dem Himmel oder
hinunter in die See. Ich sagte einmal zu ihr: Nun willst Du
ein Sterngucker werden? Da hat sie laut angefangen zu weinen.
Hernach habe ich sie nie mehr gestört. Aber ich glaube, sie
hat damals viel daran gedacht, sich selbst um's Leben zu
bringen. Ich mußte bei ihr sitzen bis spät in die Nacht hinein
und wenn ich fort wollte gehen, hat sie mich um Gotteswillen
gebeten, ich solle bei ihr bleiben. Dann sang sie all' die
Lieder, die wir als Sonntags an der Guntramseiche gesungen
haben. Aber auch Ein's hat sie oft gesungen; ich glaube, das
hat sie selbst gemacht:
Ich steh' am Schiffsgeländer
Und blicke in die See;
Ich möcht' so gern hinunter,
Begraben alles Weh!
Es ist so tief da drunten,
So tief bis auf den Grund,
Mein Schmerz ist noch viel tiefer;
Ich werd nicht mehr gesund.
Mein Ernst, du lieber Bube,
Dein Schatz sagt dir: Ade!
Du siehst Dein Mädchen nimmer;
Es liegt in tiefer See.
Im Meer ist gar viel Wasser,
Wo man mit säubern mag;
Ich möcht' mich drunten waschen
Von aller meiner Schmach!
Einmal hatte sie es wieder gesungen, da sprang sie wild in die
Höhe und schaute ganz verwirrt um sich. Mir war angst und bang,
und ich wollte schon um Hülfe rufen, da fiel sie auf die Knie
und betete laut:
Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut!
Mach's nur mit meinem Ende gut.
Von der Zeit an habe ich das Lied nicht mehr von ihr gehört.
Wir haben auch einen Sturm mitgemacht. Das brüllte und tobte,
als ginge die Welt unter. Aber als wir Alle schrien und
weinten, war die Babett ganz ruhig, als wenn Nichts wäre.
Und als das Schiff krachte, als wollte Alles kaput gehen, da
leuchteten ihre Augen zum ersten Mal wieder wie daheim. -- In
Californien wollte sie ganz apart sein. Sie hat uns als recht
geärgert mit ihren Ermahnungen, wir sollten beten und in der
Bibel lesen. Wir sagten ihr, wenn wir uns predigen wollten
lassen, gingen wir in die Kirche. All' ihr Heiligthun hat ihr
auch Nichts geholfen. Sie mußte mit wie wir Andern. Was ist
sie geschlagen und gepeinigt worden! Die Schottin ist noch
schlimmer als der alte Fink und der ist wahrhaftig schlimm
genug. Sie hat jedoch nie geklagt und auch nie geschrien. In
die Lippen hat sie sich gebissen, daß das Blut herunterlief
und die Thränen sind ihr aus den Augen gestürzt. Wir mußten
als laut weinen, wenn sie so mißhandelt wurde. Im Tanzsaal
that sie gar stolz. Sie hat mit Niemandem getanzt und wenn's
Einer fertig bringen wollte, mußte er sie mitschleppen. Und
doch waren die Herrn gleich in sie vernarrt, als sie zum ersten
Mal mit mußte. Es war, als wenn sie allein im Saal wäre. Alle
hatten Respekt vor ihr. Sie nannten sie »die Jungfrau von
Orleans.« Da war aber Einer -- sie nannten ihn den »schwarzen
Tom«, -- das war der Haupthahn und der Schönste von Allen. Ich
konnte ihn ganz gut leiden. Seine kohlschwarzen Augen brannten
wie lauter Feuer und seine Zähne waren so weiß wie Elfenbein.
Er führte Alles an und sie mußten ihm Alle gehorchen. Der
machte eine Wette: er wollte die Babett küssen mitten im Saal
vor den Leuten. Und er that's auch; aber die Babett, die immer
so riesig stark war, gab ihm eine Ohrfeige, daß er den langen
Weg in den Saal fiel. Alle lachten, spotteten und uzten; denn
es waren Viele, die ihn nicht leiden mochten. Er wurde dadurch
wüthend, nahm seinen Revolver und schoß der Babett durch die
Brust. Es war ein furchtbares Durcheinander. Der Tom hätte sich
retten können, aber ein alter Herr hielt ihn so fest, daß er
nur zappelte. Der ließ auch die Babett in sein Haus schaffen.
Man erfuhr hernach, daß er ein Deutscher sei; er hätte auch
der Babett ihre Mutter schon gekannt und hätte vorgehabt, die
Babett zu sich zu nehmen und hätte nur noch eine Zeitlang
warten wollen, um ihre Beständigkeit zu prüfen. Der Tom wurde
schon den andern Tag gehenkt. Die Babett war nicht gleich todt,
sondern hat noch vierzehn Tage gelegen und nicht besonders viel
Schmerzen gehabt. Um den Jammer voll zumachen, kam vor ein paar
Tagen plötzlich der Ernst und traf mit einem von unsern Mädchen
zusammen.
Das war ein Wiedersehn: Die Steine hätten sich erbarmen mögen!
Er hatte die halbe Welt durchreist, um sie zu retten, wie er
sagte. Er hatte sein Studium und Alles aufgegeben und nun fand
er sie am Sterben. Die Babett war wunderbar ruhig und getrost.
Als sie den Ernst sah, sagte sie: Nun ist Alles gut! Der Tod
ihrer Mutter durfte ihr nicht gesagt werden. Sie sah fast aus
wie ein Engel und Alle hat sie getröstet. Und wie ein Engel ist
sie hinübergegangen. Der Ernst ist ganz niedergeschmettert.
Er ist vorläufig noch bei dem alten Herrn. Ich habe ihm die
Geschichte von unserer Reise so oft erzählen müssen, daß ich
sie fast auswendig kann. Doch jetzt thun mir die Finger weh,
so viel habe ich geschrieben und es ist auch Zeit, daß ich an
meine Toilette denke. Heute Abend ist großer Maskenball und
Alle haben gesagt: »Die Königin darf nicht fehlen!«