Er war schon lange vorher krank, aber nicht die Schrecken der
Zwangsarbeit, nicht die physische Arbeit, nicht die Nahrung, noch der
abrasierte Kopf, noch die gezeichnete Kleidung hatten ihn gebrochen, --
oh! was gingen ihn alle diese Qualen und Martern an! Im Gegenteil, er
war über die Arbeit sogar froh, -- wenn er sich körperlich geplagt
hatte, erwarb er sich wenigstens dadurch einige Stunden ruhigen
Schlafes. Und was bedeutete ihm das Essen, -- diese fleischlose
Kohlsuppe mit Schwaben? Als er noch Student war, im früheren Leben,
hatte er oft auch das nicht mal gehabt. Seine Kleidung war warm und für
seine Lebensweise berechnet. Ketten fühlte er fast gar nicht. Sollte er
sich etwa seines rasierten Kopfes und der markierten Joppe schämen? Aber
vor wem denn? Etwa vor Ssonja? Ssonja fürchtete ihn, und sollte er sich
etwa vor ihr schämen? Was denn sonst? Er schämte sich freilich vor
Ssonja, die er durch seine verächtliche und grobe Behandlung quälte.
Aber er schämte sich nicht des rasierten Kopfes und der Ketten, -- sein
Stolz war verletzt; und er erkrankte an verwundetem Stolze. Oh, wie
glücklich wäre er, wenn er sich selbst anklagen könnte! Er würde dann
alles, sogar die Schande und die Schmach ertragen! Er saß aber streng
mit sich zu Gerichte, und sein erbittertes Gewissen hatte in seiner
Vergangenheit keine besondere Schuld gefunden, außer einem einfachen
_Irrtum_, der jedem passieren kann. Er schämte sich hauptsächlich
deswegen, daß er, Raskolnikoff, so blind, hoffnungslos, still und dumm,
infolge eines Spruches des blinden Schicksals, zugrunde gegangen war,
und daß er sich vor der »Sinnlosigkeit« eines Urteils beugen und
unterwerfen mußte, um einigermaßen zur Ruhe zu kommen.
Eine gegenstandslose und zwecklose Unruhe in der Gegenwart und ein
ununterbrochenes Opfer in der Zukunft, durch das man nichts gewann, --
das stand ihm in der Welt bevor. Und was lag daran, daß er nach acht
Jahren erst zweiunddreißig Jahre alt war und von neuem zu leben beginnen
konnte? Wozu soll er leben? Was soll er in Aussicht haben? Wozu streben?
Zu leben, um zu existieren? Aber er war auch früher tausendmal bereit,
sein Leben für eine Idee, für eine Hoffnung, sogar für eine Phantasie
hinzugeben. Das Leben allein war ihm stets wenig gewesen; er wollte
immer Größeres haben. Vielleicht hatte er sich auch damals, bloß nach
der Kraft seiner Wünsche, für einen Menschen, dem mehr, als einem
anderen erlaubt sei, gehalten.
Wenn doch das Schicksal ihm Reue senden würde, -- eine brennende Reue,
die das Herz bricht, die den Schlaf verjagt, solch eine Reue, bei deren
schrecklichen Qualen einem die Schlinge und Wasser, wo es am tiefsten
ist, vorschwebt! Oh, er würde sich darüber freuen! Qualen und Tränen --
das ist doch Leben. Aber er bereute nicht sein Verbrechen.
Könnte er sich wenigstens über seine Dummheit ärgern, wie er sich früher
über die abscheulichen und dummen Handlungen geärgert hatte, die ihn
nach Sibirien gebracht hatten. Jetzt aber, im Gefängnisse, _in
Freiheit_, überlegte er und dachte über alle seine früheren Handlungen
nach und fand sie gar nicht so dumm und abscheulich, wie sie ihm früher
in der verhängnisvollen Zeit vorgekommen waren.
»Wodurch, wodurch,« dachte er, »ist meine Idee dümmer, als die anderen
Ideen und Theorien, die in der Welt, solange diese Welt besteht,
herumschwirren und aneinanderprallen? Man braucht bloß die Sache von
einem völlig unabhängigen, weiten und von den alltäglichen Einflüssen
losgelösten Standpunkte zu betrachten, und da erscheint, sicher, mein
Gedanke gar nicht so ... sonderbar. Oh, ihr Verneiner und Weisen, von
einem Groschen Werte, warum bleibt ihr auf dem halben Wege stehen!«
»Warum erscheint ihnen meine Handlung so abscheulich?« sagte er sich.
»Weil es eine böse Tat ist? Was bedeutet das Wort >böse Tat<? Mein
Gewissen ist ruhig. Gewiß, es ist ein Kriminalverbrechen geschehen;
gewiß, der Buchstabe des Gesetzes ist übertreten und Blut ist vergossen,
nun, nehmt da, für den Buchstaben des Gesetzes, meinen Kopf ... und
genug! Gewiß, in diesem Falle müßten viele Wohltäter der Menschheit, die
die Macht nicht geerbt, sondern selbst an sich gerissen haben, bei ihren
allerersten Schritten hingerichtet worden sein. Jene Menschen aber
ertrugen ihre Schritte und darum _sind sie im Rechte_, ich aber habe es
nicht ertragen, und also hatte ich nicht das Recht, mir diesen Schritt
zu gestatten.«
Nur in diesem Punkte erkannte er sein Verbrechen, -- nur darin allein,
daß er es nicht ertragen und sich freiwillig gestellt hatte.
Er litt auch unter dem Gedanken, daß er sich damals nicht das Leben
genommen hatte. Warum hatte er damals am Flusse gestanden und das
Geständnis vorgezogen? Steckt denn tatsächlich so eine Macht in diesem
Wunsche zu leben, und ist sie so schwer zu überwinden? Sswidrigailoff,
der sich vor dem Tode fürchtete, hatte es doch überwunden?
Er stellte sich voller Qual diese Frage und konnte nicht verstehen, daß
er vielleicht schon damals, als er am Wasser stand, in sich selbst und
seinen Überzeugungen eine tiefe Lüge geahnt hatte. Er verstand nicht,
daß diese Vorahnung eine künftige Umwälzung in seinem Leben, seine
einstige Auferstehung, eine neue Anschauung vom Leben bedeutete.
Er ließ hierbei bloß den stumpfen Instinkt gelten, den er nicht imstande
war, zu brechen, und über den er wiederum nicht imstande war -- aus
Schwäche und Unbedeutendheit -- hinwegzuschreiten. Er betrachtete seine
Kameraden im Gefängnis und wunderte sich, -- wie auch sie alle das Leben
liebten und wie sie daran hingen! Ihm schien es sogar, daß man im
Gefängnisse noch mehr das Leben liebte und schätzte und mehr daran hing,
als in der Freiheit. Welche schrecklichen Qualen und Martern haben
manche von ihnen, wie zum Beispiel die Landstreicher, ertragen! Bedeutet
für diese Menschen wirklich soviel ein Sonnenstrahl, ein düsterer Wald,
oder eine kühle Quelle irgendwo im unbekannten Dickicht, die einer vor
ein paar Jahren gefunden und sich gemerkt hat, nach der er sich wie nach
einer Geliebten sehnt, und von der er träumt, die er im Traume, umgeben
von grünem Grase, sieht und hört, wie ein Vogel im Gebüsch singt? Indem
er seine Mitgefangenen betrachtete, fand er noch mehr unerklärliche
Beispiele dafür. -- Im Gefängnis, in seiner nächsten Umgebung, bemerkte
er selbstverständlich vieles nicht, und wollte auch nichts bemerken. Er
lebte wie mit geschlossenen Augen; es war ihm widerlich und unerträglich
zu sehen. Aber schließlich machte ihn doch vieles staunen und er begann
fast gegen seinen Willen einiges zu bemerken, was er früher nicht mal
geahnt hatte. Überhaupt und am meisten begann ihn jener furchtbare,
jener unüberbrückbare Abgrund zu verwundern, der zwischen ihm und allen
diesen Menschen lag. Es schien, als gehörten er und sie zu verschiedenen
Nationen. Er und sie betrachteten einander mißtrauisch und feindselig.
Er kannte und verstand die allgemeinen Ursachen solch eines
Getrenntseins; aber niemals hätte er früher zugegeben, daß diese
Ursachen in der Tat so tief und stark waren. Im Gefängnisse waren auch
verbannte Polen, politische Verbrecher. Jene betrachteten alle diese
Menschen als Ungebildete und Sklaven, und verachteten sie; Raskolnikoff
aber konnte sie in dieser Weise nicht betrachten, -- er sah deutlich,
daß diese Ungebildeten in vielen Dingen bedeutend klüger als diese Polen
waren. Es waren auch Russen da, die diese Leute ebenfalls zu stark
verachteten, -- da waren ein früherer Offizier und zwei Seminaristen.
Raskolnikoff sah auch klar ihren Irrtum. Ihn selbst aber liebten alle
nicht und gingen ihm aus dem Wege. Man begann sogar ihn schließlich zu
hassen. -- Warum? Er wußte es nicht. Man verachtete ihn, lachte über
ihn, und über sein Verbrechen machten sich jene lustig, die bedeutend
größere Verbrecher als er waren.
»Du bist ein Herr!« sagte man ihm. »Schickte es sich für dich, mit einem
Beile zu gehen; das ist gar keine Arbeit für Herren!«
In der zweiten Woche der großen Fastenzeit war seine Kaserne an der
Reihe, sich zum Abendmahle vorzubereiten. Er ging in die Kirche mit den
anderen. Eines Tages kam es zu einem Streit, -- er wußte selbst nicht,
aus welchem Grunde; alle stürzten sich plötzlich wütend über ihn.
»Du bist ein Gottloser! Du glaubst nicht an Gott!« schrien sie. »Man
müßte dich umbringen.«
Er hatte niemals mit ihnen über Gott und über Glauben gesprochen, aber
sie wollten ihn, als einen Gottlosen, töten; er schwieg und erwiderte
ihnen nichts. Ein Sträfling stürzte sich auf ihn in rasender Wut;
Raskolnikoff erwartete ihn ruhig und schweigend; seine Augenbraue zuckte
nicht mal, kein Zug seines Gesichtes rührte sich. Der Wachtsoldat
stellte sich noch rechtzeitig zwischen ihn und den Angreifer, -- sonst
wäre Blut geflossen.
Für ihn war noch eins unerklärlich, -- warum hatten sie alle Ssonja so
lieb? Sie hatte sich bei ihnen nicht eingeschmeichelt; sie trafen sie
selten, bloß zuweilen bei den Arbeiten, wenn sie zu ihm auf einen
Augenblick kam, um ihn zu sprechen. Indessen aber kannten sie Ssonja
alle schon, wußten auch, daß sie _ihm_ gefolgt sei, wußten, wie sie
lebte und wo sie wohnte. Geld gab sie ihnen nicht, erwies ihnen auch
keine besonderen Dienste. Einmal bloß zu Weihnachten brachte sie für das
ganze Gefängnis eingesammelte Geschenke, -- Pasteten und Brezeln. Aber
allmählich hatte sich zwischen ihnen und Ssonja ein näheres Verhältnis
entwickelt, -- sie schrieb für sie Briefe an ihre Verwandten und sandte
sie mit der Post ab. Ihre Verwandten, die zur Stadt kamen, hinterließen
Ssonja auf deren Geheiß Sachen für sie und sogar Geld. Ihre Frauen und
Geliebten kannten Ssonja und besuchten sie. Und wenn sie zu Raskolnikoff
zur Arbeit kam oder einer Partie Sträflinge, die zur Arbeit gingen,
begegnete, -- nahmen alle die Mützen ab, alle grüßten sie, --
»Mütterchen Ssofja Ssemenowna, du unsere zärtliche, liebe Mutter!«
sagten diese groben gebrandmarkten Zwangsarbeiter zu diesem kleinen und
mageren Geschöpfe. Sie lächelte ihnen zu. Sie liebten sogar ihren Gang,
sie wandten sich um, um ihr nachzusehen, wie sie ging, und lobten sie;
sie lobten sie sogar dafür, daß sie so klein war; sie wußten nicht mehr,
wofür sie sie bloß loben sollten. Zu ihr kamen sogar Leute, sich von ihr
kurieren zu lassen.
Raskolnikoff verbrachte die Fastenzeit und Ostern im Krankenhause.
Während er schon genas, erinnerte er sich seiner Träume, als er noch im
Fieber gelegen hatte. Er träumte in der Krankheit, daß die ganze Welt
einer schrecklichen, unerhörten und nie dagewesenen Pest, die aus den
Tiefen Asiens über Europa kam, zum Opfer fallen sollte. Alle sollten
zugrunde gehen, außer einigen sehr wenigen Auserwählten. Es waren neue
Trichinen erschienen, mikroskopische Wesen, die sich in die Körper von
Menschen einnisteten. Aber diese Wesen waren Geister, ausgerüstet mit
Verstand und Willen. Die Menschen, in denen sie sich eingenistet hatten,
wurden sofort wie Besessene und wahnsinnig. Aber noch niemals hielten
sich die Menschen für so klug und unerschütterlich in ihrer Weisheit,
als es die Angesteckten taten. Niemals hielten sie ihre Urteile, ihre
wissenschaftlichen Ergebnisse, ihre sittlichen Überzeugungen und ihren
Glauben für unerschütterlicher, als jetzt. Ganze Dörfer, ganze Städte
und Völker wurden angesteckt und gebärdeten sich wie wahnsinnig. Alle
waren in Unruhe und verstanden einander nicht, jeder meinte, daß er
allein bloß die Weisheit kenne, und verging vor Qual beim Anblick der
anderen, schlug sich an die Brust, weinte und rang die Hände. Man wußte
nicht, wen und wie man richten sollte, man konnte nicht übereinkommen,
was als Böses und was als Gutes anzusehen war. Man wußte nicht, wen man
anklagen, wen man freisprechen solle. Die Menschen töteten einander in
einer sinnlosen Wut. Ganze Armeen sammelten sie gegeneinander, aber die
Armeen begannen schon auf dem Marsche plötzlich sich selbst zu
bekriegen, die Reihen zerstörten sich, die Soldaten stürzten sich
aufeinander, stachen und töteten, bissen und fraßen einander auf. In den
Städten läutete den ganzen Tag die Sturmglocke, -- man rief alle
zusammen, aber wer und warum er rief, wußte niemand, alle aber waren in
größter Unruhe. Man ließ das gewöhnliche Handwerk fallen, denn jeder kam
mit seinen Gedanken, mit seinen Verbesserungen, und man konnte sich
nicht einigen; der Ackerbau stockte. Hie und da liefen Menschen
zusammen, einigten sich über etwas, schwuren einander nicht zu
verlassen, -- aber sofort begannen sie etwas ganz anderes zu tun als
das, was sie soeben beschlossen hatten, fingen an einander zu
beschuldigen, prügelten sich und mordeten sich. Feuersbrünste
entstanden, Hungersnot trat ein. Alle und alles ging zugrunde. Die Pest
schwoll an und verbreitete sich immer weiter und weiter. In der ganzen
Welt konnten sich bloß einige Menschen retten; das waren Unschuldige und
Auserwählte, die bestimmt waren, ein neues Menschengeschlecht und ein
neues Leben zu begründen, die Erde zu erneuern und zu säubern, aber
niemand hatte irgendwo diese Menschen gesehen, niemand hatte ihre Worte
und Stimme gehört.
Raskolnikoff quälte es, daß dieser sinnlose Traum so traurig und
schmerzlich sein Gedächtnis belastete, daß der Eindruck dieses
Fiebertraumes so lange nicht verschwinde. Die zweite Woche nach Ostern
hatte schon begonnen; es waren warme, klare Frühlingstage; in der
Arrestantenabteilung des Hospitals hatte man die vergitterten Fenster,
unter denen ein Wachposten auf- und abging, geöffnet. Ssonja konnte ihn
während seiner ganzen Krankheit bloß zweimal besuchen; man mußte
jedesmal eine Erlaubnis auswirken, und das war sehr schwer. Aber sie war
oft auf den Hof des Hospitals, besonders gegen Abend, unter sein Fenster
gekommen, zuweilen aber auch bloß, um einen Augenblick auf dem Hofe
stehen zu bleiben und wenigstens von weitem die Fenster seiner Abteilung
zu sehen. Eines Tages war Raskolnikoff, der fast genesen war, gegen
Abend eingeschlafen; als er erwachte, trat er zufällig an das Fenster
und erblickte plötzlich fern am Tore Ssonja. Sie stand dort und schien
auf etwas zu warten. In diesem Augenblicke war es ihm, als würde sein
Herz durchbohrt; er zuckte zusammen und ging schnell vom Fenster weg. Am
anderen Tage erschien Ssonja nicht, ebenfalls nicht am nächstfolgenden
Tage; er merkte, daß er sie voll Unruhe erwarte. Endlich entließ man ihn
aus dem Hospital. Als er ins Gefängnis kam, erfuhr er von den
Sträflingen, daß Ssonja Ssemenowna krank sei, zu Hause liege und nicht
ausgehe.
Er war sehr beunruhigt und ließ sich nach ihr erkundigen. Er erfuhr
bald, daß ihre Krankheit nicht gefährlich sei. Als Ssonja ihrerseits
hörte, daß er sich so um sie grämte und sorgte, schickte sie ihm ein mit
Bleistift geschriebenes Zettelchen und teilte ihm mit, daß es ihr besser
gehe, daß sie eine leichte Erkältung habe und daß sie bald, sehr bald zu
ihm kommen werde. Als er diesen Zettel las, schlug sein Herz stark und
schmerzhaft.
Es war wieder ein klarer und warmer Tag. Am frühen Morgen, um sechs Uhr,
ging er zur Arbeit an den Fluß, wo am Ufer in einer Scheune ein Ofen zum
Alabasterbrennen eingerichtet war, und wo der Alabaster gestoßen wurde.
Dorthin gingen bloß drei Arbeiter. Der eine Sträfling war mit dem
Wachtposten in die Festung nach einem Instrument gegangen; der andere
holte Holz und legte es in den Ofen. Raskolnikoff trat aus der Scheune,
ging an das Ufer, setzte sich auf aufgestapelte Balken hin und blickte
lange auf den breiten und öden Fluß. Von dem hohen Ufer aus zeigte sich
die weite Umgebung. Von dem anderen entlegenen Ufer klang kaum hörbar
ein Lied herüber. Dort in der unübersehbaren Steppe, übergossen von der
Sonne, zeigten sich in kaum merklichen dunklen Punkten die Zelte eines
Wandervolkes. Dort lag Freiheit, dort lebten andere Menschen, die den
hiesigen gar nicht ähnelten, dort schien die Zeit stehen geblieben zu
sein, als wäre das Jahrhundert Abrahams und seiner Herden noch nicht
vorüber. Raskolnikoff saß und blickte unverwandt hinüber, ohne sich
losreißen zu können; sein Gedanke verwandelte sich in einen Traum; er
dachte an nichts, aber eine tiefe Schwermut lag auf ihm und quälte ihn.
Plötzlich trat Ssonja neben ihn. Sie war leise herangekommen und setzte
sich zu ihm. Es war noch sehr früh, die Morgenkälte war noch nicht
verschwunden. Sie hatte ihren alten ärmlichen kleinen Pelz an und das
grüne Tuch. Ihr Gesicht trug noch die Spuren von Krankheit, war magerer,
blasser und eingefallen. Sie lächelte ihm freudig und freundlich zu,
aber reichte ihm schüchtern, wie immer, ihre Hand.
Sie reichte ihm stets die Hand so schüchtern, zuweilen gar nicht, als
fürchte sie, daß er sie von sich stoßen würde. Er nahm auch stets ihre
Hand wie mit Widerwillen, begrüßte sie stets wie verdrießlich, zuweilen
schwieg er hartnäckig die ganze Zeit während ihres Besuches. Es kam vor,
daß sie zitternd und in tiefem Kummer fortging. Jetzt aber lösten sich
ihre Hände nicht; er blickte sie schnell und flüchtig an, sagte nichts
und schlug seine Augen nieder. Sie waren allein, niemand sah sie. Der
Wachtposten hatte sich gerade umgedreht.
Wie es gekommen war, wußte er selbst nicht, aber plötzlich schien ihn
etwas zu packen und zu ihren Füßen zu ziehen. Er weinte und umfaßte ihre
Knie. Im ersten Augenblicke erschrak sie heftig und ihr Gesicht war
totenblaß. Sie sprang zitternd auf und sah ihn an. Aber sie begriff im
Nu alles. In ihren Augen leuchtete ein grenzenloses Glück; sie hatte
verstanden und es gab für sie keinen Zweifel mehr, daß er sie liebte,
grenzenlos liebte, und daß endlich dieser Augenblick gekommen war ...
Sie wollten sprechen, aber konnten nicht. Tränen standen in ihrer beider
Augen. Beide waren sie bleich und abgemagert; aber in diesen kranken und
bleichen Gesichtern leuchtete schon die Morgenröte einer neuen Zukunft,
der völligen Auferstehung zu neuem Leben. Die Liebe hatte sie erweckt,
das Herz des einen enthielt eine unerschöpfliche Lebensquelle für das
Herz des anderen.
Sie beschlossen zu warten und zu dulden. Sieben Jahre hatten sie noch zu
warten; bis dahin soviel unerträgliche Qual und soviel grenzenloses
Glück! Aber er war aufgestanden und er wußte es, fühlte es ganz und gar
mit seinem neuen Wesen, sie aber -- sie lebte ja doch bloß in ihm!
Am Abend desselben Tages, als die Kasernen schon geschlossen waren, lag
Raskolnikoff auf seiner Pritsche und dachte an sie. An diesem Tage
schien es ihm, als ob alle Sträflinge, seine früheren Feinde, ihn mit
anderen Augen ansahen. Er fing selbst mit ihnen zu sprechen an und man
antwortete ihm freundlich. Er erinnerte sich an all dies jetzt, aber es
mußte doch wohl so kommen, -- _mußte_ sich denn nicht jetzt alles
ändern?
Er dachte an sie. Er erinnerte sich, wie er sie immer gequält und ihr
Herz gepeinigt hatte; erinnerte sich ihres blassen, mageren
Gesichtchens, aber sie quälten ihn jetzt nicht, diese Erinnerungen, --
er wußte, mit welcher unendlichen Liebe er jetzt alle ihre Leiden sühnen
würde.
Und was waren alle diese Qualen der Vergangenheit! Alles, sogar sein
Verbrechen, sogar das Urteil und die Verbannung erschienen ihm jetzt in
der ersten Aufwallung als etwas äußerliches, fremdes, als etwas, das
nicht ihm passiert sei. Er konnte an diesem Abend gar nicht lange und
ständig an etwas denken, seine Gedanken auf etwas konzentrieren; er
hätte jetzt nichts bewußt beschließen können; er _fühlte_ bloß. An
Stelle der Dialektik war das Leben getreten, und in seinem Bewußtsein
begann sich etwas ganz anderes herauszuarbeiten.
Unter seinem Kopfkissen lag das Neue Testament. Er nahm es mechanisch
hervor. Dieses Buch gehörte ihr, es war dasselbe, aus dem sie ihm über
die Erweckung des Lazarus vorgelesen hatte. Im Anfang seiner Verbannung
fürchtete er, daß sie mit der Religion ihn zu Tode quälen würde, daß sie
über das Evangelium sprechen und ihm Bücher verschaffen würde. Aber zu
seinem größten Staunen hatte sie nie darüber gesprochen, ihm nie das
Evangelium angeboten. Er hatte sie selbst kurz vor seiner Krankheit
darum gebeten, und sie brachte ihm schweigend das Buch. Bis jetzt hatte
er es noch nicht aufgeschlagen.
Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke kam ihm, -- »müssen
denn ihre Überzeugungen jetzt nicht auch meine Überzeugungen sein? Ihre
Gefühle, ihr Streben, wenigstens ...«
Sie war auch diesen ganzen Tag in großer Erregung, und in der Nacht
wurde sie sogar wieder krank. Aber sie war so glücklich, daß sie fast
erschrak vor ihrem Glücke. Sieben Jahre, _bloß_ sieben Jahre! Im Anfange
ihres Glückes, in manchen Augenblicken, waren sie beide bereit, diese
sieben Jahre als sieben Tage zu betrachten. Er dachte nicht einmal
daran, daß ein neues Leben sich ihm nicht umsonst biete, daß er es noch
teurer erkaufen müsse, dafür mit einer großen künftigen Tat bezahlen
müsse ...
Aber hier fängt schon eine neue Geschichte an, die Geschichte der
allmählichen Erneuerung eines Menschen, die Geschichte seiner
allmählichen Wiedergeburt, des allmählichen Überganges aus einer Welt in
die andere, der Bekanntschaft mit einer neuen, ihm bisher völlig
unbekannt gewesenen Wirklichkeit. Das könnte das Thema zu einer neuen
Geschichte abgeben, -- unsere jetzige aber ist zu Ende.