II.

Er war schon lange vorher krank, aber nicht die Schrecken der

Zwangsarbeit, nicht die physische Arbeit, nicht die Nahrung, noch der

abrasierte Kopf, noch die gezeichnete Kleidung hatten ihn gebrochen, --

oh! was gingen ihn alle diese Qualen und Martern an! Im Gegenteil, er

war über die Arbeit sogar froh, -- wenn er sich körperlich geplagt

hatte, erwarb er sich wenigstens dadurch einige Stunden ruhigen

Schlafes. Und was bedeutete ihm das Essen, -- diese fleischlose

Kohlsuppe mit Schwaben? Als er noch Student war, im früheren Leben,

hatte er oft auch das nicht mal gehabt. Seine Kleidung war warm und für

seine Lebensweise berechnet. Ketten fühlte er fast gar nicht. Sollte er

sich etwa seines rasierten Kopfes und der markierten Joppe schämen? Aber

vor wem denn? Etwa vor Ssonja? Ssonja fürchtete ihn, und sollte er sich

etwa vor ihr schämen? Was denn sonst? Er schämte sich freilich vor

Ssonja, die er durch seine verächtliche und grobe Behandlung quälte.

Aber er schämte sich nicht des rasierten Kopfes und der Ketten, -- sein

Stolz war verletzt; und er erkrankte an verwundetem Stolze. Oh, wie

glücklich wäre er, wenn er sich selbst anklagen könnte! Er würde dann

alles, sogar die Schande und die Schmach ertragen! Er saß aber streng

mit sich zu Gerichte, und sein erbittertes Gewissen hatte in seiner

Vergangenheit keine besondere Schuld gefunden, außer einem einfachen

_Irrtum_, der jedem passieren kann. Er schämte sich hauptsächlich

deswegen, daß er, Raskolnikoff, so blind, hoffnungslos, still und dumm,

infolge eines Spruches des blinden Schicksals, zugrunde gegangen war,

und daß er sich vor der »Sinnlosigkeit« eines Urteils beugen und

unterwerfen mußte, um einigermaßen zur Ruhe zu kommen.

Eine gegenstandslose und zwecklose Unruhe in der Gegenwart und ein

ununterbrochenes Opfer in der Zukunft, durch das man nichts gewann, --

das stand ihm in der Welt bevor. Und was lag daran, daß er nach acht

Jahren erst zweiunddreißig Jahre alt war und von neuem zu leben beginnen

konnte? Wozu soll er leben? Was soll er in Aussicht haben? Wozu streben?

Zu leben, um zu existieren? Aber er war auch früher tausendmal bereit,

sein Leben für eine Idee, für eine Hoffnung, sogar für eine Phantasie

hinzugeben. Das Leben allein war ihm stets wenig gewesen; er wollte

immer Größeres haben. Vielleicht hatte er sich auch damals, bloß nach

der Kraft seiner Wünsche, für einen Menschen, dem mehr, als einem

anderen erlaubt sei, gehalten.

Wenn doch das Schicksal ihm Reue senden würde, -- eine brennende Reue,

die das Herz bricht, die den Schlaf verjagt, solch eine Reue, bei deren

schrecklichen Qualen einem die Schlinge und Wasser, wo es am tiefsten

ist, vorschwebt! Oh, er würde sich darüber freuen! Qualen und Tränen --

das ist doch Leben. Aber er bereute nicht sein Verbrechen.

Könnte er sich wenigstens über seine Dummheit ärgern, wie er sich früher

über die abscheulichen und dummen Handlungen geärgert hatte, die ihn

nach Sibirien gebracht hatten. Jetzt aber, im Gefängnisse, _in

Freiheit_, überlegte er und dachte über alle seine früheren Handlungen

nach und fand sie gar nicht so dumm und abscheulich, wie sie ihm früher

in der verhängnisvollen Zeit vorgekommen waren.

»Wodurch, wodurch,« dachte er, »ist meine Idee dümmer, als die anderen

Ideen und Theorien, die in der Welt, solange diese Welt besteht,

herumschwirren und aneinanderprallen? Man braucht bloß die Sache von

einem völlig unabhängigen, weiten und von den alltäglichen Einflüssen

losgelösten Standpunkte zu betrachten, und da erscheint, sicher, mein

Gedanke gar nicht so ... sonderbar. Oh, ihr Verneiner und Weisen, von

einem Groschen Werte, warum bleibt ihr auf dem halben Wege stehen!«

»Warum erscheint ihnen meine Handlung so abscheulich?« sagte er sich.

»Weil es eine böse Tat ist? Was bedeutet das Wort >böse Tat<? Mein

Gewissen ist ruhig. Gewiß, es ist ein Kriminalverbrechen geschehen;

gewiß, der Buchstabe des Gesetzes ist übertreten und Blut ist vergossen,

nun, nehmt da, für den Buchstaben des Gesetzes, meinen Kopf ... und

genug! Gewiß, in diesem Falle müßten viele Wohltäter der Menschheit, die

die Macht nicht geerbt, sondern selbst an sich gerissen haben, bei ihren

allerersten Schritten hingerichtet worden sein. Jene Menschen aber

ertrugen ihre Schritte und darum _sind sie im Rechte_, ich aber habe es

nicht ertragen, und also hatte ich nicht das Recht, mir diesen Schritt

zu gestatten.«

Nur in diesem Punkte erkannte er sein Verbrechen, -- nur darin allein,

daß er es nicht ertragen und sich freiwillig gestellt hatte.

Er litt auch unter dem Gedanken, daß er sich damals nicht das Leben

genommen hatte. Warum hatte er damals am Flusse gestanden und das

Geständnis vorgezogen? Steckt denn tatsächlich so eine Macht in diesem

Wunsche zu leben, und ist sie so schwer zu überwinden? Sswidrigailoff,

der sich vor dem Tode fürchtete, hatte es doch überwunden?

Er stellte sich voller Qual diese Frage und konnte nicht verstehen, daß

er vielleicht schon damals, als er am Wasser stand, in sich selbst und

seinen Überzeugungen eine tiefe Lüge geahnt hatte. Er verstand nicht,

daß diese Vorahnung eine künftige Umwälzung in seinem Leben, seine

einstige Auferstehung, eine neue Anschauung vom Leben bedeutete.

Er ließ hierbei bloß den stumpfen Instinkt gelten, den er nicht imstande

war, zu brechen, und über den er wiederum nicht imstande war -- aus

Schwäche und Unbedeutendheit -- hinwegzuschreiten. Er betrachtete seine

Kameraden im Gefängnis und wunderte sich, -- wie auch sie alle das Leben

liebten und wie sie daran hingen! Ihm schien es sogar, daß man im

Gefängnisse noch mehr das Leben liebte und schätzte und mehr daran hing,

als in der Freiheit. Welche schrecklichen Qualen und Martern haben

manche von ihnen, wie zum Beispiel die Landstreicher, ertragen! Bedeutet

für diese Menschen wirklich soviel ein Sonnenstrahl, ein düsterer Wald,

oder eine kühle Quelle irgendwo im unbekannten Dickicht, die einer vor

ein paar Jahren gefunden und sich gemerkt hat, nach der er sich wie nach

einer Geliebten sehnt, und von der er träumt, die er im Traume, umgeben

von grünem Grase, sieht und hört, wie ein Vogel im Gebüsch singt? Indem

er seine Mitgefangenen betrachtete, fand er noch mehr unerklärliche

Beispiele dafür. -- Im Gefängnis, in seiner nächsten Umgebung, bemerkte

er selbstverständlich vieles nicht, und wollte auch nichts bemerken. Er

lebte wie mit geschlossenen Augen; es war ihm widerlich und unerträglich

zu sehen. Aber schließlich machte ihn doch vieles staunen und er begann

fast gegen seinen Willen einiges zu bemerken, was er früher nicht mal

geahnt hatte. Überhaupt und am meisten begann ihn jener furchtbare,

jener unüberbrückbare Abgrund zu verwundern, der zwischen ihm und allen

diesen Menschen lag. Es schien, als gehörten er und sie zu verschiedenen

Nationen. Er und sie betrachteten einander mißtrauisch und feindselig.

Er kannte und verstand die allgemeinen Ursachen solch eines

Getrenntseins; aber niemals hätte er früher zugegeben, daß diese

Ursachen in der Tat so tief und stark waren. Im Gefängnisse waren auch

verbannte Polen, politische Verbrecher. Jene betrachteten alle diese

Menschen als Ungebildete und Sklaven, und verachteten sie; Raskolnikoff

aber konnte sie in dieser Weise nicht betrachten, -- er sah deutlich,

daß diese Ungebildeten in vielen Dingen bedeutend klüger als diese Polen

waren. Es waren auch Russen da, die diese Leute ebenfalls zu stark

verachteten, -- da waren ein früherer Offizier und zwei Seminaristen.

Raskolnikoff sah auch klar ihren Irrtum. Ihn selbst aber liebten alle

nicht und gingen ihm aus dem Wege. Man begann sogar ihn schließlich zu

hassen. -- Warum? Er wußte es nicht. Man verachtete ihn, lachte über

ihn, und über sein Verbrechen machten sich jene lustig, die bedeutend

größere Verbrecher als er waren.

»Du bist ein Herr!« sagte man ihm. »Schickte es sich für dich, mit einem

Beile zu gehen; das ist gar keine Arbeit für Herren!«

In der zweiten Woche der großen Fastenzeit war seine Kaserne an der

Reihe, sich zum Abendmahle vorzubereiten. Er ging in die Kirche mit den

anderen. Eines Tages kam es zu einem Streit, -- er wußte selbst nicht,

aus welchem Grunde; alle stürzten sich plötzlich wütend über ihn.

»Du bist ein Gottloser! Du glaubst nicht an Gott!« schrien sie. »Man

müßte dich umbringen.«

Er hatte niemals mit ihnen über Gott und über Glauben gesprochen, aber

sie wollten ihn, als einen Gottlosen, töten; er schwieg und erwiderte

ihnen nichts. Ein Sträfling stürzte sich auf ihn in rasender Wut;

Raskolnikoff erwartete ihn ruhig und schweigend; seine Augenbraue zuckte

nicht mal, kein Zug seines Gesichtes rührte sich. Der Wachtsoldat

stellte sich noch rechtzeitig zwischen ihn und den Angreifer, -- sonst

wäre Blut geflossen.

Für ihn war noch eins unerklärlich, -- warum hatten sie alle Ssonja so

lieb? Sie hatte sich bei ihnen nicht eingeschmeichelt; sie trafen sie

selten, bloß zuweilen bei den Arbeiten, wenn sie zu ihm auf einen

Augenblick kam, um ihn zu sprechen. Indessen aber kannten sie Ssonja

alle schon, wußten auch, daß sie _ihm_ gefolgt sei, wußten, wie sie

lebte und wo sie wohnte. Geld gab sie ihnen nicht, erwies ihnen auch

keine besonderen Dienste. Einmal bloß zu Weihnachten brachte sie für das

ganze Gefängnis eingesammelte Geschenke, -- Pasteten und Brezeln. Aber

allmählich hatte sich zwischen ihnen und Ssonja ein näheres Verhältnis

entwickelt, -- sie schrieb für sie Briefe an ihre Verwandten und sandte

sie mit der Post ab. Ihre Verwandten, die zur Stadt kamen, hinterließen

Ssonja auf deren Geheiß Sachen für sie und sogar Geld. Ihre Frauen und

Geliebten kannten Ssonja und besuchten sie. Und wenn sie zu Raskolnikoff

zur Arbeit kam oder einer Partie Sträflinge, die zur Arbeit gingen,

begegnete, -- nahmen alle die Mützen ab, alle grüßten sie, --

»Mütterchen Ssofja Ssemenowna, du unsere zärtliche, liebe Mutter!«

sagten diese groben gebrandmarkten Zwangsarbeiter zu diesem kleinen und

mageren Geschöpfe. Sie lächelte ihnen zu. Sie liebten sogar ihren Gang,

sie wandten sich um, um ihr nachzusehen, wie sie ging, und lobten sie;

sie lobten sie sogar dafür, daß sie so klein war; sie wußten nicht mehr,

wofür sie sie bloß loben sollten. Zu ihr kamen sogar Leute, sich von ihr

kurieren zu lassen.

Raskolnikoff verbrachte die Fastenzeit und Ostern im Krankenhause.

Während er schon genas, erinnerte er sich seiner Träume, als er noch im

Fieber gelegen hatte. Er träumte in der Krankheit, daß die ganze Welt

einer schrecklichen, unerhörten und nie dagewesenen Pest, die aus den

Tiefen Asiens über Europa kam, zum Opfer fallen sollte. Alle sollten

zugrunde gehen, außer einigen sehr wenigen Auserwählten. Es waren neue

Trichinen erschienen, mikroskopische Wesen, die sich in die Körper von

Menschen einnisteten. Aber diese Wesen waren Geister, ausgerüstet mit

Verstand und Willen. Die Menschen, in denen sie sich eingenistet hatten,

wurden sofort wie Besessene und wahnsinnig. Aber noch niemals hielten

sich die Menschen für so klug und unerschütterlich in ihrer Weisheit,

als es die Angesteckten taten. Niemals hielten sie ihre Urteile, ihre

wissenschaftlichen Ergebnisse, ihre sittlichen Überzeugungen und ihren

Glauben für unerschütterlicher, als jetzt. Ganze Dörfer, ganze Städte

und Völker wurden angesteckt und gebärdeten sich wie wahnsinnig. Alle

waren in Unruhe und verstanden einander nicht, jeder meinte, daß er

allein bloß die Weisheit kenne, und verging vor Qual beim Anblick der

anderen, schlug sich an die Brust, weinte und rang die Hände. Man wußte

nicht, wen und wie man richten sollte, man konnte nicht übereinkommen,

was als Böses und was als Gutes anzusehen war. Man wußte nicht, wen man

anklagen, wen man freisprechen solle. Die Menschen töteten einander in

einer sinnlosen Wut. Ganze Armeen sammelten sie gegeneinander, aber die

Armeen begannen schon auf dem Marsche plötzlich sich selbst zu

bekriegen, die Reihen zerstörten sich, die Soldaten stürzten sich

aufeinander, stachen und töteten, bissen und fraßen einander auf. In den

Städten läutete den ganzen Tag die Sturmglocke, -- man rief alle

zusammen, aber wer und warum er rief, wußte niemand, alle aber waren in

größter Unruhe. Man ließ das gewöhnliche Handwerk fallen, denn jeder kam

mit seinen Gedanken, mit seinen Verbesserungen, und man konnte sich

nicht einigen; der Ackerbau stockte. Hie und da liefen Menschen

zusammen, einigten sich über etwas, schwuren einander nicht zu

verlassen, -- aber sofort begannen sie etwas ganz anderes zu tun als

das, was sie soeben beschlossen hatten, fingen an einander zu

beschuldigen, prügelten sich und mordeten sich. Feuersbrünste

entstanden, Hungersnot trat ein. Alle und alles ging zugrunde. Die Pest

schwoll an und verbreitete sich immer weiter und weiter. In der ganzen

Welt konnten sich bloß einige Menschen retten; das waren Unschuldige und

Auserwählte, die bestimmt waren, ein neues Menschengeschlecht und ein

neues Leben zu begründen, die Erde zu erneuern und zu säubern, aber

niemand hatte irgendwo diese Menschen gesehen, niemand hatte ihre Worte

und Stimme gehört.

Raskolnikoff quälte es, daß dieser sinnlose Traum so traurig und

schmerzlich sein Gedächtnis belastete, daß der Eindruck dieses

Fiebertraumes so lange nicht verschwinde. Die zweite Woche nach Ostern

hatte schon begonnen; es waren warme, klare Frühlingstage; in der

Arrestantenabteilung des Hospitals hatte man die vergitterten Fenster,

unter denen ein Wachposten auf- und abging, geöffnet. Ssonja konnte ihn

während seiner ganzen Krankheit bloß zweimal besuchen; man mußte

jedesmal eine Erlaubnis auswirken, und das war sehr schwer. Aber sie war

oft auf den Hof des Hospitals, besonders gegen Abend, unter sein Fenster

gekommen, zuweilen aber auch bloß, um einen Augenblick auf dem Hofe

stehen zu bleiben und wenigstens von weitem die Fenster seiner Abteilung

zu sehen. Eines Tages war Raskolnikoff, der fast genesen war, gegen

Abend eingeschlafen; als er erwachte, trat er zufällig an das Fenster

und erblickte plötzlich fern am Tore Ssonja. Sie stand dort und schien

auf etwas zu warten. In diesem Augenblicke war es ihm, als würde sein

Herz durchbohrt; er zuckte zusammen und ging schnell vom Fenster weg. Am

anderen Tage erschien Ssonja nicht, ebenfalls nicht am nächstfolgenden

Tage; er merkte, daß er sie voll Unruhe erwarte. Endlich entließ man ihn

aus dem Hospital. Als er ins Gefängnis kam, erfuhr er von den

Sträflingen, daß Ssonja Ssemenowna krank sei, zu Hause liege und nicht

ausgehe.

Er war sehr beunruhigt und ließ sich nach ihr erkundigen. Er erfuhr

bald, daß ihre Krankheit nicht gefährlich sei. Als Ssonja ihrerseits

hörte, daß er sich so um sie grämte und sorgte, schickte sie ihm ein mit

Bleistift geschriebenes Zettelchen und teilte ihm mit, daß es ihr besser

gehe, daß sie eine leichte Erkältung habe und daß sie bald, sehr bald zu

ihm kommen werde. Als er diesen Zettel las, schlug sein Herz stark und

schmerzhaft.

Es war wieder ein klarer und warmer Tag. Am frühen Morgen, um sechs Uhr,

ging er zur Arbeit an den Fluß, wo am Ufer in einer Scheune ein Ofen zum

Alabasterbrennen eingerichtet war, und wo der Alabaster gestoßen wurde.

Dorthin gingen bloß drei Arbeiter. Der eine Sträfling war mit dem

Wachtposten in die Festung nach einem Instrument gegangen; der andere

holte Holz und legte es in den Ofen. Raskolnikoff trat aus der Scheune,

ging an das Ufer, setzte sich auf aufgestapelte Balken hin und blickte

lange auf den breiten und öden Fluß. Von dem hohen Ufer aus zeigte sich

die weite Umgebung. Von dem anderen entlegenen Ufer klang kaum hörbar

ein Lied herüber. Dort in der unübersehbaren Steppe, übergossen von der

Sonne, zeigten sich in kaum merklichen dunklen Punkten die Zelte eines

Wandervolkes. Dort lag Freiheit, dort lebten andere Menschen, die den

hiesigen gar nicht ähnelten, dort schien die Zeit stehen geblieben zu

sein, als wäre das Jahrhundert Abrahams und seiner Herden noch nicht

vorüber. Raskolnikoff saß und blickte unverwandt hinüber, ohne sich

losreißen zu können; sein Gedanke verwandelte sich in einen Traum; er

dachte an nichts, aber eine tiefe Schwermut lag auf ihm und quälte ihn.

Plötzlich trat Ssonja neben ihn. Sie war leise herangekommen und setzte

sich zu ihm. Es war noch sehr früh, die Morgenkälte war noch nicht

verschwunden. Sie hatte ihren alten ärmlichen kleinen Pelz an und das

grüne Tuch. Ihr Gesicht trug noch die Spuren von Krankheit, war magerer,

blasser und eingefallen. Sie lächelte ihm freudig und freundlich zu,

aber reichte ihm schüchtern, wie immer, ihre Hand.

Sie reichte ihm stets die Hand so schüchtern, zuweilen gar nicht, als

fürchte sie, daß er sie von sich stoßen würde. Er nahm auch stets ihre

Hand wie mit Widerwillen, begrüßte sie stets wie verdrießlich, zuweilen

schwieg er hartnäckig die ganze Zeit während ihres Besuches. Es kam vor,

daß sie zitternd und in tiefem Kummer fortging. Jetzt aber lösten sich

ihre Hände nicht; er blickte sie schnell und flüchtig an, sagte nichts

und schlug seine Augen nieder. Sie waren allein, niemand sah sie. Der

Wachtposten hatte sich gerade umgedreht.

Wie es gekommen war, wußte er selbst nicht, aber plötzlich schien ihn

etwas zu packen und zu ihren Füßen zu ziehen. Er weinte und umfaßte ihre

Knie. Im ersten Augenblicke erschrak sie heftig und ihr Gesicht war

totenblaß. Sie sprang zitternd auf und sah ihn an. Aber sie begriff im

Nu alles. In ihren Augen leuchtete ein grenzenloses Glück; sie hatte

verstanden und es gab für sie keinen Zweifel mehr, daß er sie liebte,

grenzenlos liebte, und daß endlich dieser Augenblick gekommen war ...

Sie wollten sprechen, aber konnten nicht. Tränen standen in ihrer beider

Augen. Beide waren sie bleich und abgemagert; aber in diesen kranken und

bleichen Gesichtern leuchtete schon die Morgenröte einer neuen Zukunft,

der völligen Auferstehung zu neuem Leben. Die Liebe hatte sie erweckt,

das Herz des einen enthielt eine unerschöpfliche Lebensquelle für das

Herz des anderen.

Sie beschlossen zu warten und zu dulden. Sieben Jahre hatten sie noch zu

warten; bis dahin soviel unerträgliche Qual und soviel grenzenloses

Glück! Aber er war aufgestanden und er wußte es, fühlte es ganz und gar

mit seinem neuen Wesen, sie aber -- sie lebte ja doch bloß in ihm!

Am Abend desselben Tages, als die Kasernen schon geschlossen waren, lag

Raskolnikoff auf seiner Pritsche und dachte an sie. An diesem Tage

schien es ihm, als ob alle Sträflinge, seine früheren Feinde, ihn mit

anderen Augen ansahen. Er fing selbst mit ihnen zu sprechen an und man

antwortete ihm freundlich. Er erinnerte sich an all dies jetzt, aber es

mußte doch wohl so kommen, -- _mußte_ sich denn nicht jetzt alles

ändern?

Er dachte an sie. Er erinnerte sich, wie er sie immer gequält und ihr

Herz gepeinigt hatte; erinnerte sich ihres blassen, mageren

Gesichtchens, aber sie quälten ihn jetzt nicht, diese Erinnerungen, --

er wußte, mit welcher unendlichen Liebe er jetzt alle ihre Leiden sühnen

würde.

Und was waren alle diese Qualen der Vergangenheit! Alles, sogar sein

Verbrechen, sogar das Urteil und die Verbannung erschienen ihm jetzt in

der ersten Aufwallung als etwas äußerliches, fremdes, als etwas, das

nicht ihm passiert sei. Er konnte an diesem Abend gar nicht lange und

ständig an etwas denken, seine Gedanken auf etwas konzentrieren; er

hätte jetzt nichts bewußt beschließen können; er _fühlte_ bloß. An

Stelle der Dialektik war das Leben getreten, und in seinem Bewußtsein

begann sich etwas ganz anderes herauszuarbeiten.

Unter seinem Kopfkissen lag das Neue Testament. Er nahm es mechanisch

hervor. Dieses Buch gehörte ihr, es war dasselbe, aus dem sie ihm über

die Erweckung des Lazarus vorgelesen hatte. Im Anfang seiner Verbannung

fürchtete er, daß sie mit der Religion ihn zu Tode quälen würde, daß sie

über das Evangelium sprechen und ihm Bücher verschaffen würde. Aber zu

seinem größten Staunen hatte sie nie darüber gesprochen, ihm nie das

Evangelium angeboten. Er hatte sie selbst kurz vor seiner Krankheit

darum gebeten, und sie brachte ihm schweigend das Buch. Bis jetzt hatte

er es noch nicht aufgeschlagen.

Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke kam ihm, -- »müssen

denn ihre Überzeugungen jetzt nicht auch meine Überzeugungen sein? Ihre

Gefühle, ihr Streben, wenigstens ...«

Sie war auch diesen ganzen Tag in großer Erregung, und in der Nacht

wurde sie sogar wieder krank. Aber sie war so glücklich, daß sie fast

erschrak vor ihrem Glücke. Sieben Jahre, _bloß_ sieben Jahre! Im Anfange

ihres Glückes, in manchen Augenblicken, waren sie beide bereit, diese

sieben Jahre als sieben Tage zu betrachten. Er dachte nicht einmal

daran, daß ein neues Leben sich ihm nicht umsonst biete, daß er es noch

teurer erkaufen müsse, dafür mit einer großen künftigen Tat bezahlen

müsse ...

Aber hier fängt schon eine neue Geschichte an, die Geschichte der

allmählichen Erneuerung eines Menschen, die Geschichte seiner

allmählichen Wiedergeburt, des allmählichen Überganges aus einer Welt in

die andere, der Bekanntschaft mit einer neuen, ihm bisher völlig

unbekannt gewesenen Wirklichkeit. Das könnte das Thema zu einer neuen

Geschichte abgeben, -- unsere jetzige aber ist zu Ende.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 63 / 66 题