Sibirien. Am Ufer eines breiten, öden Flusses steht eine Stadt, eine von
den administrativen Zentren Rußlands; in der Stadt befindet sich eine
Festung, in der Festung ein Gefängnis. Im Gefängnisse sitzt schon neun
Monate der Zwangsarbeiter der zweiten Kategorie Rodion Raskolnikoff.
Seit dem Tage seiner Tat sind fast anderthalb Jahre vergangen.
Das Verfahren gegen ihn verlief ohne besondere Schwierigkeiten. Der
Verbrecher hielt sein Geständnis aufrecht, bestimmt und klar, ohne die
Sache zu verwirren, ohne etwas zu beschönigen, ohne die Tatsachen zu
verzerren und ohne die geringste Einzelheit zu verschweigen. Er hatte
bis zum letzten Punkt den ganzen Vorgang der Ermordung erzählt, hatte
das Geheimnis _des Versatzobjekts_ (des Stückes Holzes mit einem
Streifen aus Metall), das man in den Händen der ermordeten Alten
gefunden hatte, erklärt; er hatte umständlich erzählt, wie er die
Schlüssel von der Getöteten genommen hatte, beschrieb die Schlüssel, die
Truhe und womit sie angefüllt war; er hatte sogar einige von den
einzelnen Gegenständen, die darin lagen, aufgezählt; hatte das Rätsel
der Ermordung von Lisaweta erklärt; hatte erzählt, wie Koch gekommen war
und geklopft hatte, wie der Student nach ihm gekommen war, und hatte
alles, was sie untereinander gesprochen hatten, wiedergegeben; hatte
auch erzählt, wie er, der Verbrecher, nachher die Treppe
hinuntergelaufen war und das Kreischen von Nikolai und Dmitri gehört
hatte, wie er sich in der leerstehenden Wohnung versteckt hatte, nach
Hause gekommen war, und zum Schluß gab er den Stein auf dem Hofe am
Wosnesensky-Prospekt hinter dem Tore an, unter dem man auch die Sachen
und den Beutel fand. Mit einem Worte, die Sache war klar. Die
Untersuchungsrichter und die Richter waren unter anderem darüber sehr
erstaunt, daß er den Beutel und die Sachen, ohne sie zu verwenden, unter
einem Steine versteckt hatte, mehr aber darüber, daß er sich aller
Gegenstände, die er eigentlich geraubt hatte, nicht im einzelnen
erinnerte, sondern sich sogar in ihrer Zahl geirrt hatte. Der Umstand
schon, daß er kein einziges Mal den Beutel geöffnet und nicht mal wußte,
wie viel an Geld darin lag, erschien unglaublich; im Beutel waren,
wie sich herausstellte, dreihundertsiebzehn Rubel und drei
Zwanzig-Kopekenstücke; von dem langen Liegen unter dem Steine waren
einige größere Scheine, die zu oberst lagen, stark verdorben. Man mühte
sich lange ab, zu erforschen, warum der Angeklagte gerade in diesem
einzigen Punkte log, wo er doch in allem übrigen ein freiwilliges und
aufrichtiges Geständnis ablegte? Schließlich kamen einige, besonders die
Psychologen, zu der möglichen Annahme, daß er in der Tat keinen Blick in
den Beutel geworfen habe, daher auch nicht gewußt habe, was er enthielt,
und ohne es zu wissen, den Beutel einfach unter den Stein gelegt habe;
sie zogen aber auch sofort daraus die Folgerung, daß das Verbrechen
selbst nicht anders ausgeführt sein könnte, als bei gewisser
zeitweiliger Unzurechnungsfähigkeit, unter einer krankhaften Manie, zu
morden und zu rauben, ohne weitere Zwecke und Berechnungen. Hierzu
gesellte sich noch die neueste moderne Theorie von zeitweiliger
Geistesgestörtheit, die man in unserer Zeit so oft versucht, bei manchen
Verbrechern anzuwenden. Außerdem wurde der hypochondrische Zustand
Raskolnikoffs seit langer Zeit genau von vielen Zeugen, dem Arzte
Sossimoff, seinen früheren Kameraden, seiner Wirtin und deren
Dienstboten bestätigt. Dies alles half sehr zu der Annahme, daß
Raskolnikoff einem gewöhnlichen Mörder, Räuber und Diebe nicht
gleichzusetzen sei, daß etwas ganz anderes vorliege. Zum größten Verdruß
derer, die diese Ansicht vertraten, versuchte der Verbrecher selbst sich
fast gar nicht zu verteidigen; auf die endgültigen Fragen, -- was ihn
zum Morde bewogen haben konnte, und was ihn den Raub zu vollziehen
angetrieben habe, -- antwortete er sehr klar, mit der gröbsten
Offenheit, daß die ganze Ursache seine schlechte Lage, seine Armut und
Hilflosigkeit und der Wunsch gewesen war, -- die ersten Schritte seiner
Laufbahn mit Hilfe von wenigstens dreitausend Rubel zu sichern, die er
bei der Ermordeten zu finden gehofft habe. Er habe sich zum Morde
infolge seines leichtsinnigen und kleinmütigen Charakters entschlossen,
der außerdem durch Entbehrungen und Mißerfolge gereizt war. Auf die
Frage aber, was ihn veranlaßt habe, ein Geständnis abzulegen, antwortete
er offen, daß es aufrichtige Reue gewesen sei. -- Dies alles war schon
fast grob ...
Das Urteil fiel milder aus, als man erwarten konnte, vielleicht auch
deshalb, weil man bei der Straffestsetzung auch den Umstand in Betracht
zog, daß der Verbrecher nicht bloß auf alle Selbstverteidigung
verzichtete, sondern offenbar den Wunsch zeigte, sich selbst noch mehr
zu belasten. Alle eigentümlichen und besonderen Umstände der
Angelegenheit wurden in Erwägung gezogen. Der krankhafte und notleidende
Zustand des Verbrechers vor Ausführung der Tat wurde nicht dem
geringsten Zweifel unterzogen. Der Umstand, daß er von dem Geraubten
keinen Nutzen gezogen hatte, wurde teilweise der erwachten Reue,
teilweise dem nicht ganz gesunden Zustande seiner Geistesfähigkeiten
während der Ausführung der Tat zugeschrieben. Die zufällige Ermordung
von Lisaweta diente sogar als Umstand, der die letzte Annahme
bestätigte, -- ein Mensch vollzieht zwei Morde und vergißt gleichzeitig,
daß die Türe nicht verschlossen war! Schließlich, das freiwillige
Geständnis gerade in dem Momente, wo die Sache ungewöhnlich verwickelt
wurde, infolge der falschen Selbstanklage eines niedergeschlagenen
Phantasten (Nikolai), und außerdem, wo nicht nur keine klaren Beweise,
sondern fast kein Verdacht gegen den tatsächlichen Verbrecher vorgelegen
hatte, -- (Porphyri Petrowitsch hatte sein Wort vollkommen gehalten) --
dies alles zusammen verhalf dem Angeklagten zu einer milderen
Bestrafung.
Außerdem erschienen völlig unerwartet auch andere Umstände, die stark zu
seinen Gunsten ins Gewicht fielen. Der frühere Student Rasumichin hatte
irgendwo Mitteilungen erhalten und sie durch Beweise erhärtet, daß der
Verbrecher Raskolnikoff, als er noch auf der Universität war, aus seinen
letzten Mitteln einem armen und schwindsüchtigen Kameraden geholfen und
ihn ein halbes Jahr hindurch fast gänzlich unterhalten hatte. Als der
Kamerad gestorben war, übernahm er die Sorge um dessen alten und
gelähmten Vater, den sein Kamerad durch seiner Hände Arbeit fast seit
seinem dreizehnten Lebensjahre ernährt und unterstützt hatte,
schließlich hatte Raskolnikoff den alten Vater in einem Krankenhaus
untergebracht und, als auch er starb, ihn beerdigen lassen. Alle diese
Mitteilungen hatten einen gewissen Einfluß auf das Schicksal von
Raskolnikoff. Seine frühere Wirtin, die Mutter seiner verstorbenen
Braut, die Witwe Sarnitzin, legte auch ein Zeugnis ab, daß Raskolnikoff,
als sie noch in einem anderen Hause wohnten, während einer Feuersbrunst
in der Nacht aus einer Wohnung, die schon brannte, zwei kleine Kinder
gerettet habe und dabei selbst Brandwunden davontrug. Diese Tatsache
wurde genau untersucht und auch durch andere Zeugen bestätigt. Mit einem
Worte, es endete damit, daß der Verbrecher zur Zwangsarbeit der zweiten
Kategorie, im ganzen nur zu acht Jahren verurteilt wurde, infolge seines
freiwilligen Geständnisses und mehrerer mildernder Umstände.
Noch beim Beginn des Prozesses wurde Raskolnikoffs Mutter krank. Dunja
und Rasumichin fanden es für ratsam, sie während der ganzen
Gerichtsverhandlung aus Petersburg fortzuschaffen. Rasumichin wählte
eine Stadt an der Eisenbahn und in der Nähe von Petersburg, um die
Möglichkeit zu haben, allen Phasen des Prozesses genau zu folgen und
gleichzeitig möglichst oft Awdotja Romanowna zu sehen. Pulcheria
Alexandrownas Leiden war eine eigentümliche Nervenerkrankung und wurde
durch eine, wenn auch nicht völlige, so doch zeitweilige Geistesstörung
kompliziert. Dunja fand ihre Mutter, als sie von ihrer letzten
Zusammenkunft mit dem Bruder zurückkehrte, vollständig krank, in Fieber
und Wahnvorstellungen. Am selben Abend noch kam sie mit Rasumichin
darüber überein, was man der Mutter auf ihre Fragen nach dem Sohne
antworten solle, und hatte sogar mit ihm zusammen für die Mutter eine
ganze Geschichte erdichtet, daß Raskolnikoff sehr weit an die Grenze
Rußlands in einem privaten Auftrage gereist sei, der ihm endlich Geld
und Berühmtheit eintragen werde. Sie waren aber überrascht, daß
Pulcheria Alexandrowna selbst weder damals, noch späterhin sie irgend
etwas frug. Im Gegenteil, es zeigte sich, daß sie selbst eine ganze
Geschichte über die plötzliche Abreise des Sohnes wußte; sie erzählte
mit Tränen, wie er zu ihr gekommen war, um von ihr Abschied zu nehmen;
deutete dabei an, daß nur sie allein viele, sehr wichtige und
geheimnisvolle Umstände kenne, und daß Rodja sehr viele einflußreiche
Feinde habe, so daß er sich verbergen müsse. Was seine künftige Karriere
anbetraf, schien sie ihr auch unzweifelhaft und glänzend zu sein, --
wenn gewisse unbequeme Umstände beseitigt wären; sie versicherte
Rasumichin, daß ihr Sohn mit der Zeit sogar ein bedeutender Staatsmann
würde, wofür sein Artikel und sein glänzendes literarisches Talent
zeugten. Immer las sie seinen Artikel, las ihn zuweilen laut vor und
legte sich fast mit ihm zu Bett, trotzdem aber fragte sie fast nie, wo
sich jetzt Rodja befinde, ungeachtet dessen, daß man augenscheinlich
vermied, mit ihr darüber zu sprechen, -- was doch allein schon Argwohn
bei ihr hätte erwecken müssen. Man begann endlich, sich über dieses
merkwürdige Schweigen von Pulcheria Alexandrowna in Bezug auf manche
Punkte zu ängstigen. Sie klagte z. B. nicht einmal darüber, daß sie von
ihm keine Briefe erhalte, wogegen sie früher, als sie noch in ihrem
Heimatsstädtchen wohnte, bloß von der Hoffnung und in der Erwartung
lebte, bald einen Brief von ihrem geliebten Rodja zu erhalten. Der
letzte Umstand war zu unerklärlich und beunruhigte Dunja sehr; ihr kam
der Gedanke, daß die Mutter möglicherweise etwas Schreckliches im Leben
ihres Sohnes ahne und sich fürchtete, zu fragen, um nicht etwas noch
entsetzlicheres zu erfahren. In jedem Falle aber sah Dunja klar, daß
Pulcheria Alexandrowna nicht bei gesundem Verstande war.
Ein paarmal war es vorgekommen, daß sie selbst das Gespräch so führte,
daß es unmöglich war, bei Beantwortung ihrer Fragen nicht zu erwähnen,
wo sich Rodja jetzt aufhielt; als aber die Antworten natürlich
ungenügend und verdächtig ausfielen, wurde sie plötzlich traurig, düster
und schweigsam, und das dauerte eine ziemlich lange Zeit an. Dunja sah
schließlich ein, daß es schwer war, ihr etwas vorzulügen und zu
erdichten, und kam zu dem endgültigen Entschlusse, besser über bestimmte
Punkte vollkommen zu schweigen; aber es wurde immer deutlicher und
klarer, daß die arme Mutter etwas Schreckliches ahnte. Dunja entsann
sich unter anderem auch der Worte ihres Bruders, daß die Mutter ihre
Reden im Traume in der Nacht vor dem letzten schicksalsschweren Tage,
nach der Szene mit Sswidrigailoff vernommen habe. -- Sollte sie damals
etwas gehört und verstanden haben? Oft wurde die Kranke, zuweilen nach
Tagen und Wochen eines düsteren, finsteren Schweigens und wortloser
Tränen, von aufgeregter Lebhaftigkeit ergriffen und begann plötzlich
laut und unaufhörlich von ihrem Sohne, von ihren Hoffnungen, von der
Zukunft zu sprechen ... ihre Phantasien waren manchmal sehr sonderbar.
Man tröstete sie, man stimmte ihr bei; sie merkte vielleicht selbst, daß
man ihr beistimmte, sie bloß tröstete, aber dennoch redete sie ...
Fünf Monate, nachdem sich der Verbrecher selbst gestellt hatte, erfolgte
das Urteil. Rasumichin besuchte ihn so oft im Gefängnis, als es nur
möglich war. Auch Ssonja kam zu ihm. Schließlich kam die Trennung; Dunja
schwur dem Bruder, daß diese Trennung nicht ewig währen würde;
Rasumichin tat dasselbe. In Rasumichins jungem und feurigem Kopfe war
unerschütterlich der Plan entstanden, -- in den nächsten drei, vier
Jahren möglichst den Grundstock zu einem Vermögen zu legen, wenigstens
etwas Geld zu ersparen und nach Sibirien überzusiedeln, wo der Boden in
jeder Hinsicht reich war, aber wenig tatkräftige Menschen mit Kapital
existierten; dort in derselben Stadt, wo Rodja sein werde, sich
anzusiedeln und ... für alle zusammen ein neues Leben zu beginnen ...
Als der Abschied kam, weinten alle. Raskolnikoff war in den allerletzten
Tagen sehr nachdenklich, fragte viel nach der Mutter und war ihretwegen
in ständiger Unruhe. Er quälte sich sehr um sie, was Dunja wiederum
beunruhigte. Als er die Einzelheiten über den krankhaften Zustand der
Mutter erfahren hatte, wurde er sehr finster. Zu Ssonja war er in der
ganzen Zeit aus irgendeinem Grunde auffallend wortkarg. Ssonja hatte
sich schon längst mit Hilfe des Geldes, das ihr Sswidrigailoff gegeben
hatte, zur Reise vorbereitet und machte sich bereit, der Abteilung von
Sträflingen, mit denen er verschickt werden sollte, zu folgen. Darüber
war zwischen ihr und Raskolnikoff niemals ein Wort gewechselt worden,
doch beide wußten, daß es so sein werde. Beim letzten Abschiede lächelte
er eigen bei den heißen Beteuerungen der Schwester und Rasumichins über
ihrer aller glückliche Zukunft, sobald er die Zwangsarbeit abgebüßt
habe, und sagte im voraus, daß der krankhafte Zustand der Mutter bald
mit einem Unglücke enden würde. Er und Ssonja traten den Weg nach
Sibirien an.
Zwei Monate nachher heiratete Dunetschka Rasumichin. Die Hochzeit war
traurig und still. Unter den Gästen waren auch Porphyri Petrowitsch und
Sossimoff. In der letzten Zeit hatte Rasumichin das Aussehen eines fest
entschlossenen Menschen gewonnen. Dunja glaubte bestimmt, daß er alle
seine Pläne verwirklichen werde und mußte daran glauben, -- in diesem
Menschen steckte ein eiserner Wille. Unter anderem begann er wieder die
Vorlesungen in der Universität zu besuchen, um sein Studium
abzuschließen. Beide bauten immer Pläne für die Zukunft; beide rechneten
fest darauf, nach fünf Jahren nach Sibirien übersiedeln zu können. Bis
dahin hofften sie auf Ssonja ...
Pulcheria Alexandrowna gab mit Freude der Tochter ihren Segen zur
Hochzeit mit Rasumichin; nach der Hochzeit aber wurde sie scheinbar noch
trauriger und sorgenvoller. Um ihr eine Freude zu machen, teilte ihr
Rasumichin unter anderem auch die Geschichte von dem Studenten und
seinem greisen Vater mit und auch, daß Rodja sich verbrannt habe und
sogar krank war, als er im vorigen Jahre zwei Kinder vor dem Flammentode
gerettet hatte. Beide Mitteilungen versetzten die verstörte Pulcheria
Alexandrowna fast in einen verzückten Zustand. Sie redete ununterbrochen
darüber, knüpfte Gespräche auf der Straße an, obwohl Dunja sie ständig
begleitete. In Omnibussen und in Läden, wenn sie bloß einen Zuhörer
fand, brachte sie das Gespräch auf ihren Sohn, auf seinen Artikel und
darauf, wie er einem Studenten geholfen habe, wie er bei der
Feuersbrunst Brandwunden erhalten habe und dergleichen mehr. Dunetschka
wußte nicht mehr, wie sie sie davon abhalten konnte. Abgesehen von der
Gefahr solch eines verrückten krankhaften Zustandes, drohte auch das
Unglück, daß jemand sich auf den Namen Raskolnikoff aus der
Gerichtsverhandlung besinnen und darüber etwas sagen konnte. Pulcheria
Alexandrowna hatte sogar die Adresse der Mutter von den zwei bei der
Feuersbrunst geretteten Kindern erfahren und wollte sie unbedingt
aufsuchen. Schließlich stieg ihre Unruhe bis aufs äußerste. Sie fing
zuweilen plötzlich an zu weinen, wurde oft bettlägerig und phantasierte
im Fieber. Eines Morgens erklärte sie, daß nach ihrer Berechnung Rodja
bald zurückkehren müsse, daß sie sich erinnere, wie er beim Abschiede
selbst erwähnt habe, daß man ihn nach neun Monaten erwarten solle. Sie
begann alles in der Wohnung in Ordnung zu bringen und Vorbereitungen zu
seinem Empfange zu machen, begann das für ihn bestimmte Zimmer, -- ihr
eigenes, -- zu schmücken, die Möbel zu putzen, Vorhänge zu waschen und
aufzuhängen und dergleichen mehr. Dunja wurde sehr unruhig, schwieg aber
und half ihr sogar, das Zimmer für den Bruder instand zu setzen. Nach
einem unruhigen Tage, der in ständigen Phantasien, in freudigen Träumen
und Tränen verging, erkrankte sie in der Nacht und lag am anderen Morgen
in Fieber und Fieberphantasien. Eine Nervenkrisis war ausgebrochen. Nach
zwei Wochen starb sie. In Fieberphantasien entrangen sich ihr Worte, aus
denen man annehmen mußte, daß sie bedeutend mehr über das schreckliche
Schicksal ihres Sohnes ahnte, als man geglaubt hatte.
Raskolnikoff erfuhr lange nicht den Tod seiner Mutter, obwohl er mit
Petersburg schon seit dem Anfang seiner Übersiedlung nach Sibirien in
Briefwechsel stand. Ssonja vermittelte die Briefe und empfing auch
pünktlich jeden Monat eine Antwort aus Petersburg. Ssonjas Briefe
erschienen Dunja und Rasumichin zuerst etwas trocken und unbefriedigend;
aber beide fanden bald, daß man nicht besser schreiben konnte, denn aus
diesen Briefen empfing man doch zu guter Letzt eine ganz genaue und
klare Vorstellung von dem Schicksal ihres unglücklichen Bruders. Ssonjas
Briefe waren mit der alltäglichsten Wirklichkeit, mit der einfachsten
und klarsten Darstellung der ganzen Umgebung Raskolnikoffs in der
Zwangsarbeit angefüllt. Es gab dabei weder eine Darstellung ihrer
eigenen Hoffnungen, noch Träume um die Zukunft, noch Beschreibungen
ihrer Gefühle. Anstatt zu versuchen, seinen seelischen Zustand und
überhaupt sein ganzes Seelenleben zu erklären, beschränkte sie sich auf
Tatsachen, d. h. auf seine eigenen Worte, genaue Mitteilungen über
seinen Gesundheitszustand, seine Wünsche bei ihren Besuchen, seine
Aufträge und dergleichen mehr. Alle diese Nachrichten wurden mit der
äußersten Genauigkeit wiedergegeben. Das Bild des unglücklichen Bruders
trat schließlich hervor, zeichnete sich deutlich und klar ab; hier
konnte es keine Irrtümer geben, denn alles waren sichere Tatsachen.
Aber wenig erfreuliches konnten Dunja und ihr Mann aus diesen
Nachrichten, besonders im Anfang, schöpfen. Ssonja teilte immer nur mit,
daß er ständig düster, wenig gesprächig sei und sich fast gar nicht für
die Nachrichten interessiere, die sie ihm jedesmal aus den von ihr
empfangenen Briefen überbrachte; daß er zuweilen nach der Mutter frage,
und als sie ihm schließlich ihren Tod mitteilte, nachdem sie gemerkt
hatte, daß er die Wahrheit ahne, da schien -- zu ihrer Verwunderung --
auch die Nachricht von dem Tode der Mutter auf ihn keinen starken
Eindruck gemacht zu haben, wenigstens es schien ihr so nach seinem
Äußeren. Sie teilte auch unter anderem mit, daß er bei aller
Selbstversunkenheit und Verschlossenheit -- sich zu seinem neuen Leben
offen und schlicht verhalte; er begreife klar seine Lage, erwarte in der
nächsten Zeit nichts besseres, habe keine leichtsinnigen Hoffnungen, was
doch so verständlich in seiner Lage wäre, und wundere sich fast über
nichts in seiner neuen Umgebung, die so wenig Ähnlichkeit mit seinem
früheren Leben habe; seine Gesundheit sei befriedigend. Er gehe zur
Arbeit, der er nicht ausweiche und um die er nicht bitte. Dem Essen
gegenüber sei er fast gleichgültig, aber das Essen sei, außer an Sonn-
und Feiertagen, so schlecht, daß er schließlich gern von ihr, Ssonja,
etwas Geld genommen habe, um seinen eigenen Tee sich zu halten; wegen
des übrigen habe er sie gebeten, sich nicht zu beunruhigen, und sie
versicherte, daß alle diese Sorgen um seine Person ihn bloß verdrießlich
machten. Weiterhin teilte Ssonja mit, daß er im Gefängnis in einem Raume
mit den anderen untergebracht sei; die inneren Räume und Kasernen habe
sie nicht gesehen, aber nehme an, daß sie eng, häßlich und ungesund
seien; er schlafe auf einer Pritsche, brauche, als Unterlage, Filz und
wolle nichts anderes haben. Er lebe aber so schlecht und ärmlich, nicht
aus einem bestimmten Plane oder absichtlich, sondern aus Unachtsamkeit
und äußerster Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal. Ssonja machte kein
Hehl daraus, daß er, besonders im Anfang, sich nicht bloß für ihre
Besuche nicht interessierte, sondern über sie fast ungehalten war, wenig
mit ihr sprach, ja grob zu ihr war, daß aber schließlich diese
Zusammenkünfte ihm zur Gewohnheit und fast zum Bedürfnis geworden waren,
so daß er sich sogar grämte, wenn sie einige Tage krank war und ihn
nicht besuchen konnte. Sie sehe ihn an Sonntagen am Gefängnistore oder
im Wachthause, wohin man ihn auf einige Minuten zu ihr rufe; an
Werktagen sehe sie ihn bei der Arbeit, entweder in den Werkstätten oder
in der Ziegelei oder in den Scheunen am Ufer des Irtysch. Über sich
selbst teilte Ssonja mit, daß es ihr gelungen sei, in der Stadt einige
Bekanntschaften anzuknüpfen und Protektion zu finden, daß sie sich mit
Nähen beschäftige, und da in der Stadt es fast keine Schneiderin gebe,
so sei sie in vielen Häusern ganz unentbehrlich geworden; aber sie
erwähnte nicht, daß durch sie auch Raskolnikoff Protektion bei seinen
Behörden gefunden habe, daß ihm leichtere Arbeiten zugeteilt wurden und
dergleichen mehr. Schließlich kam die Nachricht -- (Dunja hatte in den
letzten Briefen eine besondere Aufregung und Unruhe herausgefühlt) --,
daß er alle meide, daß die Sträflinge ihn nicht gern hätten, daß er
tagelang schweige und sehr blaß werde. Plötzlich schrieb Ssonja in ihrem
letzten Briefe, daß er ernstlich erkrankt sei und im Hospital in der
Arrestantenabteilung liege ...