I.

Sibirien. Am Ufer eines breiten, öden Flusses steht eine Stadt, eine von

den administrativen Zentren Rußlands; in der Stadt befindet sich eine

Festung, in der Festung ein Gefängnis. Im Gefängnisse sitzt schon neun

Monate der Zwangsarbeiter der zweiten Kategorie Rodion Raskolnikoff.

Seit dem Tage seiner Tat sind fast anderthalb Jahre vergangen.

Das Verfahren gegen ihn verlief ohne besondere Schwierigkeiten. Der

Verbrecher hielt sein Geständnis aufrecht, bestimmt und klar, ohne die

Sache zu verwirren, ohne etwas zu beschönigen, ohne die Tatsachen zu

verzerren und ohne die geringste Einzelheit zu verschweigen. Er hatte

bis zum letzten Punkt den ganzen Vorgang der Ermordung erzählt, hatte

das Geheimnis _des Versatzobjekts_ (des Stückes Holzes mit einem

Streifen aus Metall), das man in den Händen der ermordeten Alten

gefunden hatte, erklärt; er hatte umständlich erzählt, wie er die

Schlüssel von der Getöteten genommen hatte, beschrieb die Schlüssel, die

Truhe und womit sie angefüllt war; er hatte sogar einige von den

einzelnen Gegenständen, die darin lagen, aufgezählt; hatte das Rätsel

der Ermordung von Lisaweta erklärt; hatte erzählt, wie Koch gekommen war

und geklopft hatte, wie der Student nach ihm gekommen war, und hatte

alles, was sie untereinander gesprochen hatten, wiedergegeben; hatte

auch erzählt, wie er, der Verbrecher, nachher die Treppe

hinuntergelaufen war und das Kreischen von Nikolai und Dmitri gehört

hatte, wie er sich in der leerstehenden Wohnung versteckt hatte, nach

Hause gekommen war, und zum Schluß gab er den Stein auf dem Hofe am

Wosnesensky-Prospekt hinter dem Tore an, unter dem man auch die Sachen

und den Beutel fand. Mit einem Worte, die Sache war klar. Die

Untersuchungsrichter und die Richter waren unter anderem darüber sehr

erstaunt, daß er den Beutel und die Sachen, ohne sie zu verwenden, unter

einem Steine versteckt hatte, mehr aber darüber, daß er sich aller

Gegenstände, die er eigentlich geraubt hatte, nicht im einzelnen

erinnerte, sondern sich sogar in ihrer Zahl geirrt hatte. Der Umstand

schon, daß er kein einziges Mal den Beutel geöffnet und nicht mal wußte,

wie viel an Geld darin lag, erschien unglaublich; im Beutel waren,

wie sich herausstellte, dreihundertsiebzehn Rubel und drei

Zwanzig-Kopekenstücke; von dem langen Liegen unter dem Steine waren

einige größere Scheine, die zu oberst lagen, stark verdorben. Man mühte

sich lange ab, zu erforschen, warum der Angeklagte gerade in diesem

einzigen Punkte log, wo er doch in allem übrigen ein freiwilliges und

aufrichtiges Geständnis ablegte? Schließlich kamen einige, besonders die

Psychologen, zu der möglichen Annahme, daß er in der Tat keinen Blick in

den Beutel geworfen habe, daher auch nicht gewußt habe, was er enthielt,

und ohne es zu wissen, den Beutel einfach unter den Stein gelegt habe;

sie zogen aber auch sofort daraus die Folgerung, daß das Verbrechen

selbst nicht anders ausgeführt sein könnte, als bei gewisser

zeitweiliger Unzurechnungsfähigkeit, unter einer krankhaften Manie, zu

morden und zu rauben, ohne weitere Zwecke und Berechnungen. Hierzu

gesellte sich noch die neueste moderne Theorie von zeitweiliger

Geistesgestörtheit, die man in unserer Zeit so oft versucht, bei manchen

Verbrechern anzuwenden. Außerdem wurde der hypochondrische Zustand

Raskolnikoffs seit langer Zeit genau von vielen Zeugen, dem Arzte

Sossimoff, seinen früheren Kameraden, seiner Wirtin und deren

Dienstboten bestätigt. Dies alles half sehr zu der Annahme, daß

Raskolnikoff einem gewöhnlichen Mörder, Räuber und Diebe nicht

gleichzusetzen sei, daß etwas ganz anderes vorliege. Zum größten Verdruß

derer, die diese Ansicht vertraten, versuchte der Verbrecher selbst sich

fast gar nicht zu verteidigen; auf die endgültigen Fragen, -- was ihn

zum Morde bewogen haben konnte, und was ihn den Raub zu vollziehen

angetrieben habe, -- antwortete er sehr klar, mit der gröbsten

Offenheit, daß die ganze Ursache seine schlechte Lage, seine Armut und

Hilflosigkeit und der Wunsch gewesen war, -- die ersten Schritte seiner

Laufbahn mit Hilfe von wenigstens dreitausend Rubel zu sichern, die er

bei der Ermordeten zu finden gehofft habe. Er habe sich zum Morde

infolge seines leichtsinnigen und kleinmütigen Charakters entschlossen,

der außerdem durch Entbehrungen und Mißerfolge gereizt war. Auf die

Frage aber, was ihn veranlaßt habe, ein Geständnis abzulegen, antwortete

er offen, daß es aufrichtige Reue gewesen sei. -- Dies alles war schon

fast grob ...

Das Urteil fiel milder aus, als man erwarten konnte, vielleicht auch

deshalb, weil man bei der Straffestsetzung auch den Umstand in Betracht

zog, daß der Verbrecher nicht bloß auf alle Selbstverteidigung

verzichtete, sondern offenbar den Wunsch zeigte, sich selbst noch mehr

zu belasten. Alle eigentümlichen und besonderen Umstände der

Angelegenheit wurden in Erwägung gezogen. Der krankhafte und notleidende

Zustand des Verbrechers vor Ausführung der Tat wurde nicht dem

geringsten Zweifel unterzogen. Der Umstand, daß er von dem Geraubten

keinen Nutzen gezogen hatte, wurde teilweise der erwachten Reue,

teilweise dem nicht ganz gesunden Zustande seiner Geistesfähigkeiten

während der Ausführung der Tat zugeschrieben. Die zufällige Ermordung

von Lisaweta diente sogar als Umstand, der die letzte Annahme

bestätigte, -- ein Mensch vollzieht zwei Morde und vergißt gleichzeitig,

daß die Türe nicht verschlossen war! Schließlich, das freiwillige

Geständnis gerade in dem Momente, wo die Sache ungewöhnlich verwickelt

wurde, infolge der falschen Selbstanklage eines niedergeschlagenen

Phantasten (Nikolai), und außerdem, wo nicht nur keine klaren Beweise,

sondern fast kein Verdacht gegen den tatsächlichen Verbrecher vorgelegen

hatte, -- (Porphyri Petrowitsch hatte sein Wort vollkommen gehalten) --

dies alles zusammen verhalf dem Angeklagten zu einer milderen

Bestrafung.

Außerdem erschienen völlig unerwartet auch andere Umstände, die stark zu

seinen Gunsten ins Gewicht fielen. Der frühere Student Rasumichin hatte

irgendwo Mitteilungen erhalten und sie durch Beweise erhärtet, daß der

Verbrecher Raskolnikoff, als er noch auf der Universität war, aus seinen

letzten Mitteln einem armen und schwindsüchtigen Kameraden geholfen und

ihn ein halbes Jahr hindurch fast gänzlich unterhalten hatte. Als der

Kamerad gestorben war, übernahm er die Sorge um dessen alten und

gelähmten Vater, den sein Kamerad durch seiner Hände Arbeit fast seit

seinem dreizehnten Lebensjahre ernährt und unterstützt hatte,

schließlich hatte Raskolnikoff den alten Vater in einem Krankenhaus

untergebracht und, als auch er starb, ihn beerdigen lassen. Alle diese

Mitteilungen hatten einen gewissen Einfluß auf das Schicksal von

Raskolnikoff. Seine frühere Wirtin, die Mutter seiner verstorbenen

Braut, die Witwe Sarnitzin, legte auch ein Zeugnis ab, daß Raskolnikoff,

als sie noch in einem anderen Hause wohnten, während einer Feuersbrunst

in der Nacht aus einer Wohnung, die schon brannte, zwei kleine Kinder

gerettet habe und dabei selbst Brandwunden davontrug. Diese Tatsache

wurde genau untersucht und auch durch andere Zeugen bestätigt. Mit einem

Worte, es endete damit, daß der Verbrecher zur Zwangsarbeit der zweiten

Kategorie, im ganzen nur zu acht Jahren verurteilt wurde, infolge seines

freiwilligen Geständnisses und mehrerer mildernder Umstände.

Noch beim Beginn des Prozesses wurde Raskolnikoffs Mutter krank. Dunja

und Rasumichin fanden es für ratsam, sie während der ganzen

Gerichtsverhandlung aus Petersburg fortzuschaffen. Rasumichin wählte

eine Stadt an der Eisenbahn und in der Nähe von Petersburg, um die

Möglichkeit zu haben, allen Phasen des Prozesses genau zu folgen und

gleichzeitig möglichst oft Awdotja Romanowna zu sehen. Pulcheria

Alexandrownas Leiden war eine eigentümliche Nervenerkrankung und wurde

durch eine, wenn auch nicht völlige, so doch zeitweilige Geistesstörung

kompliziert. Dunja fand ihre Mutter, als sie von ihrer letzten

Zusammenkunft mit dem Bruder zurückkehrte, vollständig krank, in Fieber

und Wahnvorstellungen. Am selben Abend noch kam sie mit Rasumichin

darüber überein, was man der Mutter auf ihre Fragen nach dem Sohne

antworten solle, und hatte sogar mit ihm zusammen für die Mutter eine

ganze Geschichte erdichtet, daß Raskolnikoff sehr weit an die Grenze

Rußlands in einem privaten Auftrage gereist sei, der ihm endlich Geld

und Berühmtheit eintragen werde. Sie waren aber überrascht, daß

Pulcheria Alexandrowna selbst weder damals, noch späterhin sie irgend

etwas frug. Im Gegenteil, es zeigte sich, daß sie selbst eine ganze

Geschichte über die plötzliche Abreise des Sohnes wußte; sie erzählte

mit Tränen, wie er zu ihr gekommen war, um von ihr Abschied zu nehmen;

deutete dabei an, daß nur sie allein viele, sehr wichtige und

geheimnisvolle Umstände kenne, und daß Rodja sehr viele einflußreiche

Feinde habe, so daß er sich verbergen müsse. Was seine künftige Karriere

anbetraf, schien sie ihr auch unzweifelhaft und glänzend zu sein, --

wenn gewisse unbequeme Umstände beseitigt wären; sie versicherte

Rasumichin, daß ihr Sohn mit der Zeit sogar ein bedeutender Staatsmann

würde, wofür sein Artikel und sein glänzendes literarisches Talent

zeugten. Immer las sie seinen Artikel, las ihn zuweilen laut vor und

legte sich fast mit ihm zu Bett, trotzdem aber fragte sie fast nie, wo

sich jetzt Rodja befinde, ungeachtet dessen, daß man augenscheinlich

vermied, mit ihr darüber zu sprechen, -- was doch allein schon Argwohn

bei ihr hätte erwecken müssen. Man begann endlich, sich über dieses

merkwürdige Schweigen von Pulcheria Alexandrowna in Bezug auf manche

Punkte zu ängstigen. Sie klagte z. B. nicht einmal darüber, daß sie von

ihm keine Briefe erhalte, wogegen sie früher, als sie noch in ihrem

Heimatsstädtchen wohnte, bloß von der Hoffnung und in der Erwartung

lebte, bald einen Brief von ihrem geliebten Rodja zu erhalten. Der

letzte Umstand war zu unerklärlich und beunruhigte Dunja sehr; ihr kam

der Gedanke, daß die Mutter möglicherweise etwas Schreckliches im Leben

ihres Sohnes ahne und sich fürchtete, zu fragen, um nicht etwas noch

entsetzlicheres zu erfahren. In jedem Falle aber sah Dunja klar, daß

Pulcheria Alexandrowna nicht bei gesundem Verstande war.

Ein paarmal war es vorgekommen, daß sie selbst das Gespräch so führte,

daß es unmöglich war, bei Beantwortung ihrer Fragen nicht zu erwähnen,

wo sich Rodja jetzt aufhielt; als aber die Antworten natürlich

ungenügend und verdächtig ausfielen, wurde sie plötzlich traurig, düster

und schweigsam, und das dauerte eine ziemlich lange Zeit an. Dunja sah

schließlich ein, daß es schwer war, ihr etwas vorzulügen und zu

erdichten, und kam zu dem endgültigen Entschlusse, besser über bestimmte

Punkte vollkommen zu schweigen; aber es wurde immer deutlicher und

klarer, daß die arme Mutter etwas Schreckliches ahnte. Dunja entsann

sich unter anderem auch der Worte ihres Bruders, daß die Mutter ihre

Reden im Traume in der Nacht vor dem letzten schicksalsschweren Tage,

nach der Szene mit Sswidrigailoff vernommen habe. -- Sollte sie damals

etwas gehört und verstanden haben? Oft wurde die Kranke, zuweilen nach

Tagen und Wochen eines düsteren, finsteren Schweigens und wortloser

Tränen, von aufgeregter Lebhaftigkeit ergriffen und begann plötzlich

laut und unaufhörlich von ihrem Sohne, von ihren Hoffnungen, von der

Zukunft zu sprechen ... ihre Phantasien waren manchmal sehr sonderbar.

Man tröstete sie, man stimmte ihr bei; sie merkte vielleicht selbst, daß

man ihr beistimmte, sie bloß tröstete, aber dennoch redete sie ...

Fünf Monate, nachdem sich der Verbrecher selbst gestellt hatte, erfolgte

das Urteil. Rasumichin besuchte ihn so oft im Gefängnis, als es nur

möglich war. Auch Ssonja kam zu ihm. Schließlich kam die Trennung; Dunja

schwur dem Bruder, daß diese Trennung nicht ewig währen würde;

Rasumichin tat dasselbe. In Rasumichins jungem und feurigem Kopfe war

unerschütterlich der Plan entstanden, -- in den nächsten drei, vier

Jahren möglichst den Grundstock zu einem Vermögen zu legen, wenigstens

etwas Geld zu ersparen und nach Sibirien überzusiedeln, wo der Boden in

jeder Hinsicht reich war, aber wenig tatkräftige Menschen mit Kapital

existierten; dort in derselben Stadt, wo Rodja sein werde, sich

anzusiedeln und ... für alle zusammen ein neues Leben zu beginnen ...

Als der Abschied kam, weinten alle. Raskolnikoff war in den allerletzten

Tagen sehr nachdenklich, fragte viel nach der Mutter und war ihretwegen

in ständiger Unruhe. Er quälte sich sehr um sie, was Dunja wiederum

beunruhigte. Als er die Einzelheiten über den krankhaften Zustand der

Mutter erfahren hatte, wurde er sehr finster. Zu Ssonja war er in der

ganzen Zeit aus irgendeinem Grunde auffallend wortkarg. Ssonja hatte

sich schon längst mit Hilfe des Geldes, das ihr Sswidrigailoff gegeben

hatte, zur Reise vorbereitet und machte sich bereit, der Abteilung von

Sträflingen, mit denen er verschickt werden sollte, zu folgen. Darüber

war zwischen ihr und Raskolnikoff niemals ein Wort gewechselt worden,

doch beide wußten, daß es so sein werde. Beim letzten Abschiede lächelte

er eigen bei den heißen Beteuerungen der Schwester und Rasumichins über

ihrer aller glückliche Zukunft, sobald er die Zwangsarbeit abgebüßt

habe, und sagte im voraus, daß der krankhafte Zustand der Mutter bald

mit einem Unglücke enden würde. Er und Ssonja traten den Weg nach

Sibirien an.

Zwei Monate nachher heiratete Dunetschka Rasumichin. Die Hochzeit war

traurig und still. Unter den Gästen waren auch Porphyri Petrowitsch und

Sossimoff. In der letzten Zeit hatte Rasumichin das Aussehen eines fest

entschlossenen Menschen gewonnen. Dunja glaubte bestimmt, daß er alle

seine Pläne verwirklichen werde und mußte daran glauben, -- in diesem

Menschen steckte ein eiserner Wille. Unter anderem begann er wieder die

Vorlesungen in der Universität zu besuchen, um sein Studium

abzuschließen. Beide bauten immer Pläne für die Zukunft; beide rechneten

fest darauf, nach fünf Jahren nach Sibirien übersiedeln zu können. Bis

dahin hofften sie auf Ssonja ...

Pulcheria Alexandrowna gab mit Freude der Tochter ihren Segen zur

Hochzeit mit Rasumichin; nach der Hochzeit aber wurde sie scheinbar noch

trauriger und sorgenvoller. Um ihr eine Freude zu machen, teilte ihr

Rasumichin unter anderem auch die Geschichte von dem Studenten und

seinem greisen Vater mit und auch, daß Rodja sich verbrannt habe und

sogar krank war, als er im vorigen Jahre zwei Kinder vor dem Flammentode

gerettet hatte. Beide Mitteilungen versetzten die verstörte Pulcheria

Alexandrowna fast in einen verzückten Zustand. Sie redete ununterbrochen

darüber, knüpfte Gespräche auf der Straße an, obwohl Dunja sie ständig

begleitete. In Omnibussen und in Läden, wenn sie bloß einen Zuhörer

fand, brachte sie das Gespräch auf ihren Sohn, auf seinen Artikel und

darauf, wie er einem Studenten geholfen habe, wie er bei der

Feuersbrunst Brandwunden erhalten habe und dergleichen mehr. Dunetschka

wußte nicht mehr, wie sie sie davon abhalten konnte. Abgesehen von der

Gefahr solch eines verrückten krankhaften Zustandes, drohte auch das

Unglück, daß jemand sich auf den Namen Raskolnikoff aus der

Gerichtsverhandlung besinnen und darüber etwas sagen konnte. Pulcheria

Alexandrowna hatte sogar die Adresse der Mutter von den zwei bei der

Feuersbrunst geretteten Kindern erfahren und wollte sie unbedingt

aufsuchen. Schließlich stieg ihre Unruhe bis aufs äußerste. Sie fing

zuweilen plötzlich an zu weinen, wurde oft bettlägerig und phantasierte

im Fieber. Eines Morgens erklärte sie, daß nach ihrer Berechnung Rodja

bald zurückkehren müsse, daß sie sich erinnere, wie er beim Abschiede

selbst erwähnt habe, daß man ihn nach neun Monaten erwarten solle. Sie

begann alles in der Wohnung in Ordnung zu bringen und Vorbereitungen zu

seinem Empfange zu machen, begann das für ihn bestimmte Zimmer, -- ihr

eigenes, -- zu schmücken, die Möbel zu putzen, Vorhänge zu waschen und

aufzuhängen und dergleichen mehr. Dunja wurde sehr unruhig, schwieg aber

und half ihr sogar, das Zimmer für den Bruder instand zu setzen. Nach

einem unruhigen Tage, der in ständigen Phantasien, in freudigen Träumen

und Tränen verging, erkrankte sie in der Nacht und lag am anderen Morgen

in Fieber und Fieberphantasien. Eine Nervenkrisis war ausgebrochen. Nach

zwei Wochen starb sie. In Fieberphantasien entrangen sich ihr Worte, aus

denen man annehmen mußte, daß sie bedeutend mehr über das schreckliche

Schicksal ihres Sohnes ahnte, als man geglaubt hatte.

Raskolnikoff erfuhr lange nicht den Tod seiner Mutter, obwohl er mit

Petersburg schon seit dem Anfang seiner Übersiedlung nach Sibirien in

Briefwechsel stand. Ssonja vermittelte die Briefe und empfing auch

pünktlich jeden Monat eine Antwort aus Petersburg. Ssonjas Briefe

erschienen Dunja und Rasumichin zuerst etwas trocken und unbefriedigend;

aber beide fanden bald, daß man nicht besser schreiben konnte, denn aus

diesen Briefen empfing man doch zu guter Letzt eine ganz genaue und

klare Vorstellung von dem Schicksal ihres unglücklichen Bruders. Ssonjas

Briefe waren mit der alltäglichsten Wirklichkeit, mit der einfachsten

und klarsten Darstellung der ganzen Umgebung Raskolnikoffs in der

Zwangsarbeit angefüllt. Es gab dabei weder eine Darstellung ihrer

eigenen Hoffnungen, noch Träume um die Zukunft, noch Beschreibungen

ihrer Gefühle. Anstatt zu versuchen, seinen seelischen Zustand und

überhaupt sein ganzes Seelenleben zu erklären, beschränkte sie sich auf

Tatsachen, d. h. auf seine eigenen Worte, genaue Mitteilungen über

seinen Gesundheitszustand, seine Wünsche bei ihren Besuchen, seine

Aufträge und dergleichen mehr. Alle diese Nachrichten wurden mit der

äußersten Genauigkeit wiedergegeben. Das Bild des unglücklichen Bruders

trat schließlich hervor, zeichnete sich deutlich und klar ab; hier

konnte es keine Irrtümer geben, denn alles waren sichere Tatsachen.

Aber wenig erfreuliches konnten Dunja und ihr Mann aus diesen

Nachrichten, besonders im Anfang, schöpfen. Ssonja teilte immer nur mit,

daß er ständig düster, wenig gesprächig sei und sich fast gar nicht für

die Nachrichten interessiere, die sie ihm jedesmal aus den von ihr

empfangenen Briefen überbrachte; daß er zuweilen nach der Mutter frage,

und als sie ihm schließlich ihren Tod mitteilte, nachdem sie gemerkt

hatte, daß er die Wahrheit ahne, da schien -- zu ihrer Verwunderung --

auch die Nachricht von dem Tode der Mutter auf ihn keinen starken

Eindruck gemacht zu haben, wenigstens es schien ihr so nach seinem

Äußeren. Sie teilte auch unter anderem mit, daß er bei aller

Selbstversunkenheit und Verschlossenheit -- sich zu seinem neuen Leben

offen und schlicht verhalte; er begreife klar seine Lage, erwarte in der

nächsten Zeit nichts besseres, habe keine leichtsinnigen Hoffnungen, was

doch so verständlich in seiner Lage wäre, und wundere sich fast über

nichts in seiner neuen Umgebung, die so wenig Ähnlichkeit mit seinem

früheren Leben habe; seine Gesundheit sei befriedigend. Er gehe zur

Arbeit, der er nicht ausweiche und um die er nicht bitte. Dem Essen

gegenüber sei er fast gleichgültig, aber das Essen sei, außer an Sonn-

und Feiertagen, so schlecht, daß er schließlich gern von ihr, Ssonja,

etwas Geld genommen habe, um seinen eigenen Tee sich zu halten; wegen

des übrigen habe er sie gebeten, sich nicht zu beunruhigen, und sie

versicherte, daß alle diese Sorgen um seine Person ihn bloß verdrießlich

machten. Weiterhin teilte Ssonja mit, daß er im Gefängnis in einem Raume

mit den anderen untergebracht sei; die inneren Räume und Kasernen habe

sie nicht gesehen, aber nehme an, daß sie eng, häßlich und ungesund

seien; er schlafe auf einer Pritsche, brauche, als Unterlage, Filz und

wolle nichts anderes haben. Er lebe aber so schlecht und ärmlich, nicht

aus einem bestimmten Plane oder absichtlich, sondern aus Unachtsamkeit

und äußerster Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal. Ssonja machte kein

Hehl daraus, daß er, besonders im Anfang, sich nicht bloß für ihre

Besuche nicht interessierte, sondern über sie fast ungehalten war, wenig

mit ihr sprach, ja grob zu ihr war, daß aber schließlich diese

Zusammenkünfte ihm zur Gewohnheit und fast zum Bedürfnis geworden waren,

so daß er sich sogar grämte, wenn sie einige Tage krank war und ihn

nicht besuchen konnte. Sie sehe ihn an Sonntagen am Gefängnistore oder

im Wachthause, wohin man ihn auf einige Minuten zu ihr rufe; an

Werktagen sehe sie ihn bei der Arbeit, entweder in den Werkstätten oder

in der Ziegelei oder in den Scheunen am Ufer des Irtysch. Über sich

selbst teilte Ssonja mit, daß es ihr gelungen sei, in der Stadt einige

Bekanntschaften anzuknüpfen und Protektion zu finden, daß sie sich mit

Nähen beschäftige, und da in der Stadt es fast keine Schneiderin gebe,

so sei sie in vielen Häusern ganz unentbehrlich geworden; aber sie

erwähnte nicht, daß durch sie auch Raskolnikoff Protektion bei seinen

Behörden gefunden habe, daß ihm leichtere Arbeiten zugeteilt wurden und

dergleichen mehr. Schließlich kam die Nachricht -- (Dunja hatte in den

letzten Briefen eine besondere Aufregung und Unruhe herausgefühlt) --,

daß er alle meide, daß die Sträflinge ihn nicht gern hätten, daß er

tagelang schweige und sehr blaß werde. Plötzlich schrieb Ssonja in ihrem

letzten Briefe, daß er ernstlich erkrankt sei und im Hospital in der

Arrestantenabteilung liege ...

Sämtliche Werke 1-2 · 第 62 / 66 题