Raskolnikoff war ein tüchtiger und mutiger Fürsprecher Ssonjas gegen
Luschin gewesen, trotzdem so viel eigener Schrecken und eigenes Leid auf
seiner Seele lasteten. Weil er aber am Morgen so stark gelitten hatte,
so war er gewissermaßen froh, seine Eindrücke, die ihm unerträglich
wurden, zu ändern, ganz abgesehen davon, wieviel Persönliches und
Herzliches in seinem Bestreben lag, für Ssonja einzutreten. Außerdem
ging ihm die bevorstehende Zusammenkunft mit Ssonja nicht aus dem Sinn
und beunruhigte ihn in manchen Augenblicken furchtbar, -- er _mußte_ ihr
sagen, wer Lisaweta ermordet hat, fühlte die schreckliche Qual im voraus
und suchte sich ihrer zu erwehren. Als er die Wohnung Katerina Iwanownas
verließ und ausrief: -- »Nun, was werden Sie jetzt sagen, Ssofja
Ssemenowna?« -- da befand er sich offenbar noch in einem äußerlich
erregten Zustande der Rüstigkeit und Kampflust, der Freude über den eben
errungenen Sieg. Aber das hielt nicht vor. Als er die Wohnung von
Kapernaumoff erreicht hatte, empfand er eine plötzliche Erschlaffung und
Furcht. Er blieb in Gedanken vor der Türe stehen und legte sich die
sonderbare Frage vor, -- »muß ich denn sagen, wer Lisaweta ermordet
hat?« Die Frage war sonderbar, denn er fühlte doch zugleich, daß es
gesagt werden müsse, und jetzt gleich ohne den geringsten Aufschub. Er
wußte selber nicht, warum; aber er _fühlte_ es, und dieses qualvolle
Bewußtsein seiner Schwäche der Notwendigkeit gegenüber erdrückte ihn
fast. Um nicht mehr zu überlegen und sich nicht mehr zu quälen, öffnete
er schnell die Türe und schaute Ssonja von der Schwelle aus an. Sie saß
auf den Tisch gestützt und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt; als
sie Raskolnikoff erblickte, stand sie schnell auf und ging ihm entgegen,
als hätte sie ihn erwartet.
»Was wäre aus mir geworden ohne Sie!« -- sagte sie hastig, als sie in
der Mitte des Zimmers mit ihm zusammentraf.
Offenbar hatte sie ihn erwartet, um ihm dies zu sagen.
Raskolnikoff ging zu dem Tisch und setzte sich auf den Stuhl, von dem
sie soeben aufgestanden war. Sie blieb zwei Schritte vor ihm stehen,
genau wie gestern.
»Nicht wahr, Ssonja?« -- sagte er und fühlte plötzlich, daß seine Stimme
zittere, -- »die ganze Sache beruhte doch auf >der gesellschaftlichen
Lage und auf den damit zusammenhängenden Gewohnheiten<. Haben Sie es
vorhin verstanden?«
Tiefes Leid zeigte sich auf ihrem Gesichte.
»Sprechen Sie nicht mit mir, wie gestern!« -- unterbrach sie ihn. --
»Bitte, fangen Sie nicht an. Es ist schon genug Qual ...«
Sie lächelte schnell, aus Angst, daß ihm vielleicht der Vorwurf
mißfallen könnte.
»Es war dumm von mir, von dort wegzugehen. Was mag jetzt dort geschehen?
Ich wollte soeben wieder hingehen, aber ich dachte, daß Sie vielleicht
... kommen werden.«
Er erzählte ihr, daß Amalie Iwanowna sie aus der Wohnung jage, und daß
Katerina Iwanowna fortgelaufen sei, »Gerechtigkeit zu suchen«.
»Ach, mein Gott!« -- erschrak Ssonja, -- »gehen wir schnell hin ...«
Und sie ergriff ihre Mantille.
»Ewig ein und dasselbe!« -- rief Raskolnikoff gereizt, -- »Sie denken
bloß immer an die! Bleiben Sie bei mir.«
»Und ... Katerina Iwanowna?«
»Katerina Iwanowna wird Ihnen sicher nicht entgehen, sie wird selbst zu
Ihnen kommen, wenn sie schon einmal das Haus verlassen hat,« -- fügte er
mürrisch hinzu. -- »Wenn sie Sie nicht zu Hause antrifft, werden Sie
doch wieder daran schuld sein ...«
Ssonja setzte sich in qualvoller Unentschlossenheit auf einen Stuhl.
Raskolnikoff schwieg, blickte zu Boden und überlegte.
»Angenommen, Luschin habe es jetzt nicht gewollt,« -- begann er, ohne
Ssonja anzublicken. -- »Wie, wenn er es gewollt hätte oder wenn es
irgendwie in seinen Absichten gelegen wäre, -- so hätte er Sie ins
Gefängnis gebracht, wenn nicht ich und Lebesjätnikoff zufällig dagewesen
wären! Nicht?«
»Ja,« -- antwortete sie mit schwacher Stimme, -- »ja!« -- wiederholte
sie zerstreut und voll Unruhe.
»Ich konnte doch wirklich verhindert sein! Und Lebesjätnikoff kam ganz
zufällig hinzu.«
Ssonja schwieg.
»Nun, und wenn Sie ins Gefängnis gekommen wären, was dann? Erinnern Sie
sich, was ich gestern sagte?«
Sie antwortete wieder nicht. Raskolnikoff wartete eine Weile.
»Ich dachte, Sie würden wieder schreien, -- >ach, sprechen Sie nicht,
hören Sie auf!<« -- lachte Raskolnikoff, scheinbar gezwungen. -- »Was,
Sie schweigen wieder?« -- fragte er nach einem Augenblick. -- »Man muß
doch über etwas reden! Mir wäre es interessant zu erfahren, wie Sie
jetzt eine >Frage<, wie Lebesjätnikoff sagt, lösen würden.« -- Er schien
den Faden zu verlieren. -- »Nein, ich spreche in allem Ernst. Stellen
Sie sich vor, Ssonja, daß Sie alle Absichten Luschins im voraus gewußt
hätten, Sie hätten gewußt, daß dadurch Katerina Iwanowna und auch die
Kinder völlig zugrunde gehen würden, auch Sie, als Dreingabe, -- Sie
selber rechnen sich ja nicht, drum sage ich als _Dreingabe_ zu jenen.
Poletschka ebenfalls ... denn ihr steht derselbe Weg bevor. Nun, also,
-- wenn man Ihnen plötzlich dies alles zur Entscheidung übergeben hätte,
-- soll er oder sollen jene am Leben bleiben, das heißt, soll Luschin am
Leben bleiben und Scheußlichkeiten vollziehen oder soll Katerina
Iwanowna sterben? Wie würden Sie entscheiden, wer von den beiden sollte
sterben? Ich frage Sie!«
Ssonja blickte ihn unruhig an, -- sie ahnte etwas besonderes in dieser
unsicheren, weit ausgeholten Rede.
»Ich hatte ein Vorgefühl, daß Sie so etwas fragen werden,« -- sagte sie
und sah ihn forschend an.
»Gut; mag sein, aber, wie soll es entschieden werden?«
»Warum fragen Sie, was unmöglich zu beantworten ist?« -- sagte Ssonja
mit Widerwillen.
»Also, es ist besser, daß Luschin weiterlebt und Scheußlichkeiten
verübt! Auch dieses haben Sie nicht gewagt zu entscheiden?«
»Ja, ich kenne doch die Vorsehung Gottes nicht ... Und warum fragen Sie,
was man nicht fragen darf? Wozu solche leere Fragen? Wie kann es
vorkommen, daß dieses von meiner Entscheidung abhängen soll? Und wer hat
mich hier zum Richter bestellt, wer leben soll und wer nicht leben
soll?«
»Wenn Gottes Vorsehung schon mitredet, da ist freilich nichts zu
machen,« -- brummte Raskolnikoff finster.
»Sagen Sie besser offen, was Sie wollen!« -- rief Ssonja gramvoll aus.
-- »Sie haben wieder etwas im Sinn ... Sind Sie etwa nur gekommen, um
mich zu quälen?«
Sie hielt es nicht aus und weinte plötzlich bitter. Er sah sie mit
düsterer Schwermut an. Es verging eine geraume Weile.
»Du hast recht, Ssonja,« -- sagte er endlich leise.
Er war plötzlich verändert; der gemachte dreiste und kraftlos
herausfordernde Ton war verschwunden. Selbst seine Stimme war schwächer
geworden. »Ich habe dir selbst gestern gesagt, daß ich kommen werde,
nicht um Verzeihung zu bitten, habe aber beinahe schon damit begonnen
... Von Luschin und Gottes Vorsehung habe ich meinetwegen gesprochen ...
Ich habe damit um Verzeihung bitten wollen, Ssonja ...«
Er wollte lächeln, aber er brachte es nur zu einem kraftlosen und wehen
Versuch. Er ließ den Kopf sinken und bedeckte das Gesicht mit den
Händen.
Da zog in sein Herz ein eigentümliches Gefühl, wie das eines brennenden
Hasses gegen Ssonja. Selber betroffen und erschrocken über dieses
Gefühl, erhob er plötzlich den Kopf und blickte sie aufmerksam an, aber
er begegnete ihrem unruhigen und qualvoll besorgten Blicke; und vor der
Liebe in diesem Blick verschwand sein Haß wie ein Gespenst. Es war nicht
also das; er hatte das eine Gefühl für das andere gehalten. Das
bedeutete bloß, daß _der_ Augenblick gekommen war.
Wieder bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und senkte den Kopf.
Plötzlich erbleichte er, stand vom Stuhle auf, sah Ssonja an und setzte
sich, ohne ein Wort gesagt zu haben, mechanisch auf ihr Bett hin.
Dieser Moment war in seiner Empfindung jenem schrecklich ähnlich, als er
hinter der Alten stand, das Beil aus der Schlinge schon hervorgezogen
hatte und fühlte, daß »kein Augenblick mehr zu verlieren sei«.
»Was ist Ihnen?« -- fragte Ssonja erschreckt.
Er brachte kein Wort hervor. So hatte er sich das Geständnis nicht
vorgestellt und begriff selbst nicht, was mit ihm jetzt vorging. Sie
ging leise zu ihm hin, setzte sich neben ihn auf das Bett hin und
wartete, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Ihr Herz klopfte und
stockte. Es wurde unerträglich; er wandte sein totenblasses Gesicht zu
ihr; seine Lippen verzogen sich kraftlos in der Bemühung, etwas
auszusprechen. Und Entsetzen drang in Ssonjas Herz.
»Was ist Ihnen?« -- sagte sie und wich ein wenig von ihm zurück.
»Nichts, Ssonja. Ängstige dich nicht ... Unsinn! Wirklich, wenn man es
sich überlegt, -- ist es Unsinn,« -- murmelte er mit dem Aussehen eines
besinnungslosen Fieberkranken. -- »Warum bin ich bloß gekommen, um dich
zu quälen?« -- fügte er plötzlich hinzu, sie anblickend. -- »Wirklich.
Wozu? Ich lege mir immer diese Frage vor, Ssonja ...«
Er hatte sich vielleicht diese Frage vor einer Viertelstunde vorgelegt,
jetzt aber sagte er es in völliger Kraftlosigkeit, kaum sich selber
bewußt, und fühlte ein ständiges Frösteln im ganzen Körper.
»Ach, wie Sie sich quälen!« -- sagte sie mit ihm leidend und betrachtete
ihn.
»Alles ist Unsinn! ... Höre, Ssonja,« -- er lächelte plötzlich, aber
bleich und schwach, einen kurzen Moment -- »erinnerst du dich, was ich
dir gestern sagen wollte?«