»Ich sagte, als ich fortging, daß ich vielleicht für immer von dir
Abschied nehme, aber wenn ich heute käme, so wollte ich dir sagen ...
wer Lisaweta ermordet hat.«
Sie zitterte plötzlich am ganzen Körper.
»Nun, ich bin jetzt gekommen, es dir zu sagen.«
»Haben Sie gestern tatsächlich es ...,« -- flüsterte Ssonja mit Mühe, --
»woher wissen Sie es denn?« -- fragte sie ihn schnell, als wäre sie
plötzlich zur Besinnung gekommen.
Ssonja begann schwer zu atmen. Ihr Gesicht wurde immer bleicher und
bleicher.
»Ich weiß es.«
Sie schwieg einen Augenblick.
»Hat man _ihn_ gefunden?« -- fragte sie zaghaft.
»Nein, man hat ihn nicht gefunden.«
»Wie wissen Sie _es_ denn?« -- fragte sie wieder kaum hörbar und nach
einem fast minutenlangen Schweigen.
Er wandte sich zu ihr um und blickte sie scharf und unverwandt an.
»Errate es,« -- sagte er mit dem früheren wehen und kraftlosen Lächeln.
Ihren ganzen Körper schienen Krämpfe zu durchziehen. »Ja, Sie ... mich
... warum ... ängstigen Sie mich so?« -- fragte sie, lächelnd, wie ein
Kind.
»Ich war doch wohl mit _ihm_ sehr gut bekannt ... wenn ich es weiß,« --
fuhr Raskolnikoff fort und blickte ihr in einem fort ins Gesicht, als
wäre er nicht imstande, die Augen abzuwenden, -- »er wollte diese
Lisaweta ... nicht ermorden ... Er hat sie ... zufällig ermordet ... Er
wollte die Alte ermorden ... wenn sie allein war ... und kam hin ... Da
trat aber Lisaweta ein ... Er hat sie dann ... auch ermordet.«
Wieder eine furchtbare Pause. Beide blickten die ganze Zeit einander an.
»Also, du kannst es nicht erraten?« -- sagte er plötzlich mit einem
Gefühle, als stürze er sich von einem Turme hinab.
»N--nein,« flüsterte Ssonja kaum hörbar.
»Sieh mal ordentlich her.«
Und kaum hatte er es gesagt, als eine schon einmal gehabte Empfindung
seine Seele erstarren ließ, -- er sah sie an und ihm war plötzlich, als
erblickte er in ihrem Gesichte Lisawetas Ausdruck. So hatte sie
ausgesehen, als er sich damals ihr mit dem Beile näherte und sie vor ihm
mit vorgestreckter Hand, eine völlig kindliche Angst im Gesichte,
zurückwich, genau, wie wenn kleine Kinder vor irgend etwas Angst
bekommen, und unbeweglich und unruhig den sie ängstigenden Gegenstand
anblicken, zurückweichen, die Händchen nach vorne strecken und sich
anschicken, zu weinen. Fast dasselbe geschah jetzt auch mit Ssonja, --
ebenso kraftlos, mit derselben Angst sah sie eine Weile ihn an,
plötzlich streckte sie die linke Hand vor, stieß ihn ganz leicht mit den
Fingern an die Brust, begann langsam vom Bette aufzustehen, wich immer
mehr und mehr vor ihm zurück und ihr auf ihn gerichteter Blick wurde
immer unbeweglicher. Ihr Entsetzen teilte sich plötzlich auch ihm mit,
-- dieselbe Angst erschien auch in seinem Gesichte, -- er begann sie
ebenso anzusehen und sogar fast mit demselben Lächeln eines geängsteten
Kindes.
»Hast du es erraten?« -- flüsterte er endlich.
»Oh, Gott!« -- entrang sich ein furchtbarer Schrei ihrer Brust.
Sie fiel kraftlos auf das Bett mit dem Gesichte auf das Kopfkissen hin.
Aber nach einem Augenblicke erhob sie sich schnell, rückte zu ihm hin,
erfaßte seine beiden Hände, drückte sie stark mit ihren dünnen Fingern
und begann von neuem ihm unbeweglich, wie fest gebannt, ins Gesicht zu
blicken. Mit diesem letzten verzweifelten Blick wollte sie die winzigste
letzte Hoffnung für sich herauslesen und erspähen. Aber es war keine
Hoffnung; kein Zweifel blieb nach, alles war _so_! Nachher sogar, wenn
sie sich an diesen Augenblick entsann, war es ihr seltsam und
merkwürdig, -- woraus hatte sie damals _sofort_ gesehen, daß es keinen
Zweifel mehr gab? Es war doch keine Rede davon, daß sie z. B. ein
Vorgefühl von etwas derartigem gehabt hatte? Nun aber schien es ihr,
nachdem er es ihr kaum gesagt hatte, als habe sie wirklich _das_ alles
geahnt.
»Genug, Ssonja, genug! Quäle mich nicht!« -- bat er mit einem Ausdrucke
schweren Leidens.
Er hatte gar nicht, ganz und gar nicht gedacht, ihr in dieser Weise es
zu sagen, aber es war so gekommen.
Sie sprang, wie außer sich, auf, rang die Hände und ging bis zur Mitte
des Zimmers, aber sie wandte sich schnell um, setzte sich wieder neben
ihn hin, so daß ihre Schultern sich fast berührten. Plötzlich fuhr sie,
wie durchbohrt, zusammen, schrie auf und stürzte, ohne zu wissen, was
sie tat, vor ihm auf die Knie hin.
»Was haben Sie, was haben Sie sich angetan!« -- sagte sie voll
Verzweiflung, sprang von den Knien auf, warf sich ihm um den Hals,
umarmte ihn und preßte ihn stark an sich.
Raskolnikoff wich zurück und blickte sie mit einem traurigen Lächeln an.
»Wie du sonderbar bist, Ssonja, -- du umarmst und küßt mich, nachdem ich
dir _dieses_ gesagt habe. Du bist deiner selbst nicht bewußt.«
»Nein, es gibt jetzt niemand in der ganzen Welt, der unglücklicher ist,
als du!« -- rief sie, wie in Verzückung, ohne seine Bemerkung gehört zu
haben, und dann weinte sie laut und krankhaft.
Ein ihm seit langem unbekanntes Gefühl überflutete seine Seele und
machte sie erweichen. Er sträubte sich nicht dagegen, -- zwei Tränen
rollten aus seinen Augen und blieben an den Wimpern hängen.
»Du wirst mich also nicht verlassen, Ssonja?« -- sagte er und blickte
sie fast mit Hoffnung an.
»Nein, nein. Nie und nimmer!« -- rief Ssonja aus, -- »ich werde dir
folgen, ich werde dir überall hin folgen! Oh, Gott! ... Ach, ich
Unglückliche! ... Und warum, warum habe ich dich nicht früher gekannt!
Warum bist du nicht früher gekommen? Oh, Gott!«
»Ich _bin_ doch gekommen.«
»Jetzt! Oh, was ist jetzt zu tun! ... Zusammen, zusammen!« --
wiederholte sie, wie bewußtlos, und umarmte ihn von neuem, -- »ich werde
mit dir in die Zwangsarbeit nach Sibirien gehen!«
Er zuckte zusammen, das frühere haßerfüllte und fast hochmütige Lächeln
zeigte sich auf seinen Lippen.
»Ich will vielleicht nicht einmal in die Zwangsarbeit gehen, Ssonja,« --
sagte er.
Ssonja blickte ihn schnell an.
Nach dem ersten leidenschaftlichen und qualvollen Ausbruche des
Mitgefühles für den Unglücklichen erschütterte sie wieder der
schreckliche Gedanke an den Mord. In dem veränderten Tone seiner Worte
spürte sie den Mörder. Sie blickte ihn erstaunt an. Sie wußte noch gar
nichts, weder warum, noch wie, noch zu welchem Zwecke es geschehen war.
Jetzt tauchten alle diese Fragen mit einem Male in ihrem Bewußtsein auf.
Und wieder glaubte sie nicht, -- »er, er ein Mörder! Ja, ist es denn
möglich?«
»Was ist denn? Wo stehe ich denn?« -- sagte sie in tiefem Zweifel, als
wäre sie noch nicht zu sich gekommen, -- »wie konnten, wie konnten Sie,
_solch ein Mensch_ ... sich dazu entschließen ... Was war es denn!«
»Doch wohl, um zu rauben. Höre auf, Ssonja!« -- antwortete er müde und
fast ärgerlich.
Ssonja stand wie betäubt, plötzlich aber rief sie aus: »Du warst
hungrig! Du ... um der Mutter zu helfen? Ja?«
»Nein, Ssonja, nein,« -- murmelte er, sich abwendend und ließ den Kopf
sinken, -- »ich war nicht so hungrig ... ich wollte wohl der Mutter
helfen, aber ... auch das ist nicht ganz richtig ... quäl mich nicht,
Ssonja!«
Ssonja schlug die Hände zusammen.
»Ist es wirklich, ist es wirklich wahr! Oh, Gott, was ist das für eine
Wahrheit? Wer kann denn daran glauben? ... Und wie, gaben Sie nicht
selbst das Letzte fort, und haben ermordet, um zu rauben! Ah! ...« --
rief sie plötzlich, -- »das Geld, das Sie Katerina Iwanowna gegeben
haben ... dieses Geld ... oh, Gott, ist auch dieses Geld ...«
»Nein, Ssonja,« -- unterbrach er sie hastig, -- »dieses Geld war nicht
von dort, beruhige dich! Dieses Geld hat mir meine Mutter durch einen
Kaufmann geschickt, und ich habe es erhalten, als ich krank war, am
selben Tage, als ich es fortgegeben habe ... Rasumichin hat es gesehen
... er hat es für mich empfangen ... dieses Geld war mein eigenes,
gehörte wirklich mir.«
Ssonja hörte ihm unentschlossen zu und versuchte mit allen Kräften etwas
zu begreifen.
»Und _jenes_ Geld ... ich weiß übrigens nicht mal, ob auch Geld da war,«
-- fügte er leise und wie sinnend hinzu, -- »ich habe ihr damals einen
Beutel aus Sämischleder vom Halse genommen ... einen dicken,
vollgestopften Beutel ... ich habe aber nicht hineingeblickt;
wahrscheinlich hatte ich keine Zeit ... Nun, und die Sachen, allerhand
Manschettenknöpfe und Ketten, -- alle diese Sachen und den Beutel habe
ich auf einem fremden Hofe, am W--schen Prospekt, unter einem Steine
versteckt ... am andern Morgen noch ... Alles liegt jetzt noch dort ...«
Ssonja hörte angestrengt zu.
»Warum denn ... wenn Sie selbst sagten, um zu rauben, haben Sie doch
nichts genommen?« -- fragte sie ihn schnell, nach einem letzten
Strohhalme greifend.
»Ich weiß es nicht ... ich habe mich noch nicht entschlossen, -- ob ich
dieses Geld nehmen soll oder nicht,« -- sagte er wieder, wie sinnend,
und plötzlich lächelte er schnell und kurz, -- »ach, welch eine Dummheit
habe ich soeben gesagt!«
Ssonja durchfuhr ein Gedanke, -- »ist er etwa verrückt?« Aber sie ließ
ihn sofort fallen, -- »nein, hier ist etwas anderes«. Aber sie begriff
gar nichts, rein gar nichts!
»Weißt du, Ssonja,« -- sagte er plötzlich, wie in einer Eingebung, --
»weißt du, was ich dir sagen will, -- wenn ich bloß darum ermordet
hätte, weil ich hungrig war,« -- fuhr er fort, betonte jedes Wort und
blickte sie rätselhaft, aber aufrichtig an, -- »so würde ich jetzt ...
_glücklich_ sein! Das sollst du wissen!«
»Und was läge, was läge dir daran,« -- rief er nach einem Augenblicke
verzweifelt, -- »nun, was läge dir daran, wenn ich sofort zugeben würde,
daß ich schlecht gehandelt habe! Nun, was liegt dir an diesem dummen
Triumphe über mich? Ach, Ssonja, bin ich etwa deswegen jetzt zu dir
gekommen?«
Ssonja wollte etwas sagen, aber schwieg.
»Darum bat ich dich auch gestern mit mir zu gehen, weil ich jetzt dich
nur allein habe.«
»Wohin gehen?« -- fragte Ssonja schüchtern.
»Nicht um zu stehlen und um zu morden, gewiß, nicht dazu,« -- lächelte
er mit Spott, -- »wir sind zu verschieden ... Und weißt du, Ssonja, ich
habe erst jetzt, erst soeben begriffen, -- _wohin_ ich dich gestern rief
mitzugehen! Gestern aber, als ich dich bat, wußte ich selbst nicht,
wohin. Nur deshalb habe ich dich gebeten, nur deshalb bin ich gekommen,
-- daß du mich nicht verlassest. Wirst du mich verlassen, Ssonja?«
Sie drückte ihm fest die Hand.
»Und warum, warum habe ich es ihr gesagt, warum habe ich es ihr
mitgeteilt,« -- rief er nach einem Augenblick voll Verzweiflung aus und
sah sie mit grenzenloser Qual an, -- »nun, erwartest du Erklärungen von
mir, Ssonja, du sitzest und wartest, ich sehe es, -- und was soll ich
dir sagen? Du wirst doch nichts davon verstehen und bloß ganz vor Leid
vergehen ... meinetwegen! Nun weinst du und umarmst mich wieder, --
warum umarmst du mich? Weil ich es selbst nicht ertrug und gekommen bin,
es auf einen andern abzuwälzen, -- >leide auch du, mir wird es leichter
sein!< Und kannst du solch einen Schuft lieben?«
»Quälst du dich nicht auch?« -- rief Ssonja aus.
Wieder überkam seine Seele das Gefühl von vorhin und machte sie auf
einen Augenblick weich.
»Ssonja, ich habe ein böses Herz, merk es dir, -- dadurch kann man
vieles erklären. Ich bin auch darum hergekommen, weil ich böse bin. Es
gibt solche, die nicht hergekommen wären. Ich aber bin ein Feigling und
... ein Schuft! Aber ... mag sein! Dies alles ist nicht das ... Jetzt
gilt es zu reden, ich weiß aber nicht, wo anfangen ...«
Er hielt inne und sann nach.
»Ach, wir sind beide zu verschiedene Leute!« -- rief er wieder aus, --
»passen nicht zueinander. Und warum, warum bin ich hergekommen! Ich
werde es mir nie verzeihen.«
»Nein, nein, es ist gut, daß du gekommen bist!« -- rief Ssonja, -- »es
ist besser, daß ich es weiß! Viel besser!«
Er sah sie voll Schmerz an.
»So war es tatsächlich!« -- sagte er, als hätte er überlegt. -- »Es war
doch so! Siehst du, -- ich wollte ein Napoleon werden, und darum habe
ich ermordet ... begreifst du es jetzt?«
»N--nein,« -- flüsterte Ssonja naiv und schüchtern, -- »sprich nur ...
sprich! Ich werde es verstehen, ich werde _für mich_ alles verstehen!«
-- bat sie ihn.
»Du wirst verstehen? Nun, gut, wir wollen sehen!«
Er schwieg und überlegte lange.
»Siehst du, -- ich habe mir einmal folgende Frage vorgelegt, -- wenn zum
Beispiel an meiner Stelle Napoleon gewesen wäre, und wenn er, um seine
Karriere zu beginnen, weder Toulon, noch Ägypten, noch den Übergang über
den Montblanc gehabt hätte, wenn aber statt aller schönen und
monumentalen Dinge eine lächerliche Alte, die Witwe eines kleinen
Beamten gewesen wäre, die man zudem noch ermorden mußte, um aus ihrem
Koffer Geld zu stehlen -- der Karriere wegen, verstehst du? -- hätte er
sich dazu entschlossen, wenn es keinen anderen Ausweg gegeben hätte?
Wäre er nicht schokiert gewesen, weil es zu wenig monumental und ...
weil es sündhaft war? Ich sage dir, daß ich mich über diese >Frage<
schrecklich lange abgequält habe, so daß ich mich furchtbar schämte, als
ich endlich auf den Gedanken kam -- ganz plötzlich kam ich darauf --,
daß es ihn nicht bloß nicht schokiert hätte, sondern ihm nicht einmal in
den Sinn gekommen wäre, daß dies nicht monumental sei ... _er_ hätte gar
nicht begriffen, warum man dabei schokiert sein sollte? Und wenn er
keinen anderen Ausweg gehabt hätte, so würde er, aber ohne daß sie
gemuckst hätte, gemordet haben, ohne langes Nachdenken! Nun, und da ließ
ich ... das Beil fallen ... mordete ... nach diesem Beispiel ... Genau
so ist es vor sich gegangen! Dir erscheint es lächerlich? Ja, Ssonja,
das Lächerlichste ist dabei, daß es vielleicht genau so vorgefallen war
...«
Ssonja war es nicht lächerlich.
»Sagen Sie es mir lieber ... ohne Beispiele,« -- bat sie noch
schüchterner und leiser.
Er wandte sich zu ihr um, blickte sie traurig an und ergriff ihre Hände.
»Du hast wieder recht, Ssonja. Das ist alles Unsinn, ist leeres
Geschwätz! Siehst du, -- du weißt doch, daß meine Mutter fast nichts
hat. Meine Schwester hat zufällig eine Erziehung erhalten und ist
verurteilt, sich als Gouvernante ihr Leben lang durchzuschlagen. All
ihre Hoffnung war ich allein. Ich studierte, fand aber nicht genügenden
Unterhalt und war gezwungen, zeitweilig die Universität zu verlassen.
Und selbst wenn es sich weiter hingezogen hätte, konnte ich etwa in zehn
oder zwölf Jahren -- und vorausgesetzt, daß meine Verhältnisse sich
verbesserten, -- hoffen, Lehrer oder Beamter mit tausend Rubel Gehalt zu
werden ...« -- Er sprach, als hätte er es auswendig gelernt. -- »Bis
dahin wäre meine Mutter vor Sorgen und Kummer verkommen, und mir wäre es
nicht gelungen, ihr ein ruhiges Leben zu schaffen, und meine Schwester
... nun, mit der Schwester konnte noch Schlimmeres passiert sein! ...
Ja, und was für ein Vergnügen ist es, das ganze Leben an allem
vorbeigehen und von allem sich abwenden zu müssen, die Mutter zu
vergessen und die Beleidigung der Schwester zum Beispiel, demütig zu
ertragen? Wozu? Um sich andere anzuschaffen, nachdem man sie beerdigt
hat, -- Frau und Kinder, um auch sie nachher ohne einen Groschen und
ohne ein Stück Brot zu hinterlassen? So ... nun, da beschloß ich, mich
des Geldes der Alten zu bemächtigen, es zu meinem Unterhalte an der
Universität, ohne die Mutter mehr quälen zu müssen, und zu meinen ersten
Schritten nach Beendigung des Studiums zu benutzen, -- und dies alles
gleich groß und radikal auszuführen, um eine vollkommen neue Laufbahn
beginnen und einen neuen unabhängigen Weg betreten zu können ... das ist
alles ... selbstverständlich, schlecht war, daß ich die Alte ermordet
habe ... und jetzt genug davon!«
Völlig erschöpft schloß er seinen Bericht und ließ den Kopf sinken.
»Ach, es war nicht das, nicht das,« -- rief Ssonja gramvoll aus, --
»kann man denn so ... nein, es ist nicht richtig, es ist nicht so!«
»Jetzt siehst du selbst, daß es nicht so war! ... Und ich habe doch
aufrichtig berichtet, habe die Wahrheit gesagt!«
»Was ist denn das für eine Wahrheit! Oh, Gott!«
»Ich habe doch, Ssonja, bloß eine unnütze, häßliche, bösartige Laus
ermordet.«
»Wie, ein Mensch ist eine Laus?«
»Ich weiß es auch selbst, daß es keine Laus ist,« -- antwortete er und
blickte sie eigentümlich an. -- »Aber ich lüge, Ssonja,« -- fügte er
hinzu, »es ist alles gelogen ... Es war nicht das; du sagst die
Wahrheit. Es waren ganz andere, vollkommen andere Gründe! ... Ich habe
seit langem mit niemand gesprochen, Ssonja ... Der Kopf tut mir jetzt so
weh.«
Seine Augen brannten in fieberhaftem Glanze. Er begann fast zu
phantasieren; ein unruhiges Lächeln irrte um seine Lippen. Die ungeheure
Erregung verbarg kaum die äußerste Schwäche. Ssonja begriff seine
Selbstqual. Auch ihr begann der Kopf zu schwindeln. Und wie sonderbar er
sprach, als sei alles selbstverständlich ... »aber wie denn ... Wie war
es nur möglich? Oh, Gott!« Und sie rang in Verzweiflung die Hände.
»Nein, Ssonja, es war nicht das!« -- begann er wieder, erhob plötzlich
den Kopf, als hätte ihn eine andere Wendung der Gedanken überrascht und
von neuem angeregt, -- »es war nicht das! Besser ... du stellst dir vor
... ja! es ist wirklich besser! ... stell dir vor, daß ich ehrgeizig,
neidisch, böse, niederträchtig, rachsüchtig bin ... nun ... und
meinetwegen zum Irrsinn neige ... Mag alles gleich mitgerechnet werden!
Davon, daß ich verrückt sei, sprach man schon früher, ich habe es wohl
gemerkt! Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich auf der Universität selber
meinen Unterhalt nicht finden konnte. Weißt du aber, daß ich es
vielleicht doch hätte ermöglichen können? Meine Mutter hätte mir das
Nötige fürs Studium geschickt, und Stiefel, Kleider und Essen hätte ich
selbst verdient, sicher sogar! Es fanden sich Unterrichtsstunden für
mich; man bot fünfzig Kopeken. Rasumichin arbeitet doch auch! Aber ich
wurde böse und wollte es nicht. _Ich wurde böse_ -- das ist ein guter
Ausdruck! Ich verkroch mich dann, wie eine Spinne, in meine Ecke. Du
warst doch in meinem elenden Loche, hast es gesehen ... Aber weißt du
auch, Ssonja, daß niedrige Decken und enge Zimmer die Seele und den
Verstand bedrücken? Oh, wie ich dieses elende Loch haßte! Dennoch wollte
ich nicht heraus! Ich wollte es absichtlich nicht! Tagelang ging ich
nicht aus und wollte nicht arbeiten, wollte nicht mal essen und lag die
ganze Zeit. Wenn mir Nastasja etwas brachte, -- aß ich, wenn sie nichts
brachte, -- verging auch so der Tag; absichtlich, aus Bosheit, bat ich
um nichts! Wenn ich nachts kein Licht hatte, lag ich im Dunkel, wollte
aber nicht arbeiten, um ein Licht kaufen zu können. Ich mußte studieren,
-- habe aber die Bücher verkauft; auf dem Tische bei mir, auf den
Kollegheften und Notizen liegt jetzt fingerdick der Staub. Ich zog es
vor, zu liegen und zu grübeln. Und ich dachte die ganze Zeit ... immer
hatte ich solche Träume, allerhand seltsame Träume, es lohnt sich nicht,
von ihnen zu sprechen! Dann aber begann es mir vorzuschweben, daß ...
Nein, es ist nicht richtig! Ich erzähle wieder nicht in der richtigen
Weise! Siehst du, -- ich fragte mich damals immer, warum bin ich so
dumm, daß, wenn andere dumm sind, und wenn ich es sicher weiß, daß sie
dumm sind, ich selbst nicht klüger sein will? Ich erkannte später,
Ssonja, daß es zu lange dauern wird, wollte man warten, bis alle klug
werden ... Ich erkannte auch, daß es niemals der Fall sein wird, daß die
Menschen sich nicht verändern, daß niemand sie ändern kann, und daß es
sich der Mühe nicht lohnt! Ja, es ist so! Das ist ihr Gesetz ... Das
Gesetz, Ssonja! Es ist so! ... Und ich weiß jetzt, Ssonja, daß wer an
Verstand und Geist stark und kräftig ist, der auch der Herrscher über
sie ist! Wer viel wagt, der ist bei ihnen im Rechte! Wer auf das größere
pfeifen kann, der ist bei ihnen auch Gesetzgeber, wer aber am meisten
von allen wagen kann, der ist mehr im Rechte, als alle! In dieser Weise
ist es bis jetzt vor sich gegangen und so wird es immer bleiben! Nur ein
Blinder merkt es nicht!«
Während Raskolnikoff dies sagte, sah er wohl Ssonja an, aber er kümmerte
sich nicht mehr darum, ob sie ihn verstehen würde oder nicht. Das Fieber
hatte ihn völlig gepackt. Er war in einem finstern Enthusiasmus. Er
hatte in der Tat zu lange mit niemand gesprochen. Und Ssonja verstand,
daß dieser finstere Katechismus sein Glaube und sein Gesetz geworden
war.
»Ich kam damals darauf, Ssonja,« -- fuhr er immer noch enthusiastisch
fort, -- »daß die Macht bloß demjenigen gegeben wird, der es wagt, sich
zu bücken und sie zu nehmen. Das ist das einzige, nur das allein, -- man
muß wagen! Mir kam damals ein Gedanke, zum erstenmal im Leben, den
niemand je vor mir gedacht hat. Niemand! Klar wie die Sonne erschien mir
plötzlich der Gedanke: Warum hat bis jetzt kein einziger gewagt und wagt
es nicht, wenn er an diesem ganzen Unsinn vorbeigeht, alles einfach am
Schwanze zu packen und es zum Teufel zu werfen! Ich ... ich wollte _es
wagen_ und tötete ... ich wollte bloß wagen, Ssonja, das ist der ganze
Grund!«
»Oh, schweigen Sie, schweigen Sie!« -- rief Ssonja und schlug die Hände
zusammen. -- »Sie haben Gott verlassen und Gott hat Sie gestraft, hat
Sie dem Teufel überliefert! ...«
»Ja, Ssonja, -- als ich damals in der Dunkelheit lag und mir all das
vorschwebte, da hat mich der Teufel versucht? Nicht wahr?«
»Schweigen Sie! Spotten Sie nicht, Sie Gotteslästerer; nichts, nichts
begreifen Sie! Oh, Gott! Er wird nichts, nichts verstehen!«
»Schweig, Ssonja, ich lache gar nicht, ich weiß es auch selbst, daß mich
der Teufel zog. Schweig, Ssonja, schweig!« -- wiederholte er düster und
beharrlich. -- »Ich weiß alles. Ich habe mir dies alles überlegt und
zugeflüstert, als ich damals im Dunkeln lag ... Ich habe über dies alles
mit mir selbst bis zum kleinsten Punkt gestritten und weiß alles, alles!
Und mir war dies ganze Geschwätz damals so zum Überdruß, so zum
Überdruß! Ich wollte alles vergessen und von neuem anfangen, Ssonja, und
aufhören zu schwatzen! Und denkst du etwa, daß ich, wie ein Dummkopf,
blindlings hingegangen bin? Ich bin, wie ein Kluger, hingegangen, und
das hat mich auch zugrunde gerichtet! Und meinst du etwa, ich hätte zum
Beispiel nicht gewußt, daß, _wenn_ ich überhaupt damit anfing, mich zu
fragen und auszuhorchen, -- ob ich ein Recht auf Macht habe, -- ich
schon deswegen dies Recht auf Macht _nicht_ hatte. Oder wenn ich mir die
Frage vorlegte, -- ist der Mensch eine Laus? -- da war schon der Mensch
_für mich_ keine Laus mehr, sondern war es eben für denjenigen, dem
diese Frage _nicht_ in den Sinn kam, und der ohne Fragen auf sein Ziel
losgeht ... Als ich mich soviel Tage abquälte, ob Napoleon es getan
hätte oder nicht, -- da fühlte ich es doch deutlich, daß ich kein
Napoleon war ... Ich habe die ganze Qual dieses ganzen Geschwätzes
ertragen, Ssonja, und wollte sie ganz und gar von mir abschütteln, --
ich wollte, Ssonja, ohne Kasuistik töten, meinetwegen, für mich allein
töten! Ich wollte es nicht mal mir selbst vorlügen! Ich habe nicht darum
getötet, um meiner Mutter zu helfen, -- das ist Unsinn! Ich habe nicht
darum getötet, um Mittel und Macht zu erhalten, und dann ein Wohltäter
der Menschheit zu werden. Unsinn! Ich habe einfach getötet; für mich,
für mich ganz allein habe ich getötet; ob ich aber irgend wessen
Wohltäter geworden wäre, oder ob ich mein ganzes Leben, wie eine Spinne,
alle in mein Gewebe eingefangen und aus allen die Lebenssäfte ausgesaugt
hätte, -- mußte mir in jenem Augenblicke vollkommen gleichgültig sein!
... Und nicht um das Geld war es mir in erster Linie zu tun, Ssonja, als
ich tötete; nicht das Geld war mir so wichtig, es war etwas ganz anderes
... Ich weiß jetzt alles ... Verstehe mich, -- wenn ich vielleicht
denselben Weg weitergegangen wäre, würde ich niemals mehr einen Mord
begangen haben. Ich mußte etwas anderes erfahren, etwas anderes trieb
mich dazu, -- ich mußte damals und schleunigst erfahren, ob ich eine
Laus bin, wie alle, oder ein Mann? Bin ich imstande, hinwegzuschreiten
oder nicht? Werde ich es wagen, mich zu bücken und die Macht aufzuheben
oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur oder habe ich _ein Recht_
...«
»Zu töten? Ein Recht zu töten?« -- schlug Ssonja die Hände zusammen.
»Ach, Ssonja!« -- rief er gereizt aus, wollte ihr etwas erwidern,
schwieg aber verächtlich. -- »Unterbrich mich nicht, Ssonja! Ich wollte
mir bloß beweisen, -- daß der Teufel mich damals hinschleppte, mir aber
nachher erklärte, daß ich kein Recht hatte, dort hinzugehen, weil ich
eben so eine Laus bin, wie alle! Er hat seinen Spott mit mir getrieben,
nun bin ich zu dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich nicht eine Laus
wäre, würde ich dann zu dir gekommen sein? Höre, -- als ich damals zu
der Alten hinging, ging ich bloß, es _zu versuchen_ ... Nun weißt du
es!«
»Und haben getötet! Haben getötet!«
»Wie habe ich getötet? Ermordet man denn in dieser Weise? Geht man denn
so hin zu töten, wie ich damals ging! Ich will dir einmal erzählen, wie
ich hinging ... Habe ich denn die Alte getötet? Ich habe mich getötet,
und nicht die Alte! Da habe ich mich mit einem Schlage auf ewig
getroffen! ... Und diese Alte hat der Teufel getötet, aber nicht ich ...
Genug, genug, Ssonja, genug! Laß mich,« -- rief er plötzlich in
krankhaftem Grame, -- »laß mich!«
Er stützte sich auf seine Knie und umklammerte mit beiden Händen den
Kopf.
»Wie Sie leiden!« -- entrang sich Ssonja ein qualvoller Schrei.
»Was soll ich jetzt tun, sprich!« -- fragte er, erhob plötzlich den Kopf
und blickte sie mit einem vor Verzweiflung schrecklich verzerrten
Gesichte an.
»Was tun!« -- rief sie aus, sprang von ihrem Platze auf, und ihre Augen,
die bis jetzt voll Tränen waren, funkelten plötzlich. -- »Steh auf!« --
Sie packte ihn an den Schultern; er erhob sich und sah sie fast
verwundert an. -- »Geh sofort, gleich, stell dich auf einen Kreuzweg
hin, beuge dich, küß zuerst die Erde, die du besudelt hast, dann beuge
dich vor der ganzen Welt, in allen vier Richtungen und sage allen laut:
-- >ich habe getötet!< Dann wird dir Gott wieder Leben senden. Willst du
gehen? Willst du gehen?« -- fragte sie ihn, am ganzen Körper zitternd,
wie in einem Anfall, und faßte dabei seine beiden Hände und drückte sie
stark und sah ihn mit feurigen Blicken an.
Er war erstaunt, ja, durch ihre plötzliche Begeisterung bestürzt.
»Du meinst die Zwangsarbeit, Sibirien, Ssonja? Daß ich mich selbst
anzeigen soll?« -- fragte er finster.
»Das Leiden auf sich nehmen und dadurch Erlösung finden, das sollst du.«
»Nein! Ich gehe nicht zu ihnen, Ssonja.«
»Wie wirst du aber leben, leben? Wie wirst du weiterleben?« -- rief
Ssonja. -- »Ist es denn jetzt möglich? Und wie wirst du mit deiner
Mutter sprechen? Oh, was wird, was wird jetzt mit ihnen geschehen! Ja,
was sage ich! Du hast ja schon deine Mutter und Schwester verlassen. Du
hast sie doch verlassen, sie verlassen. Oh, Gott!« -- rief sie, -- »er
weiß ja alles selbst! Nun, wie kann man denn ohne einen Menschen
weiterleben! Was wird jetzt mit dir werden!«
»Sei kein Kind, Ssonja,« -- sagte er leise. -- »Welche Schuld habe ich
vor ihnen? Wozu soll ich hingehen? Was soll ich ihnen sagen? Das sind
alles bloß Gespenster ... Sie vertilgen selbst Millionen von Menschen
und halten es noch für eine Tugend. Sie sind Gauner und Schufte, Ssonja!
... Ich gehe nicht. Und was soll ich sagen, -- daß ich getötet und nicht
gewagt habe, das Geld zu nehmen, daß ich es unter einem Stein versteckt
habe?« -- fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. -- »Sie werden doch
selbst über mich lachen, werden sagen, -- er ist ein Dummkopf, daß er es
nicht genommen hat. Ein Feigling und ein Dummkopf! Sie werden nichts,
gar nichts verstehen, Ssonja, und sie sind nicht wert, es zu verstehen.
Wozu soll ich hingehen? Ich gehe nicht hin. Sei kein Kind, Ssonja ...«
»Du wirst dich zu Tode quälen, zu Tode quälen,« -- wiederholte sie und
streckte ihm in verzweifeltem Flehen die Hände entgegen.
»Ich habe mich vielleicht _bloß_ verleumdet,« -- bemerkte er finster,
wie sinnend, -- »vielleicht bin ich _doch_ ein Mensch und keine Laus,
vielleicht habe ich mich übereilt verurteilt ... Ich will _noch_
kämpfen.«
Ein hochmütiges Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.
»Solche Qual zu tragen! Und das ganze, ganze Leben hindurch! ...«
»Ich werde mich gewöhnen ...,« -- sagte er düster und nachdenklich. --
»Höre,« -- begann er nach einer Weile, -- »es ist genug geweint, jetzt
ist Zeit, die Sache zu bedenken, -- ich bin gekommen, dir zu sagen, daß
man mich jetzt sucht, mir nachstellt ...«
»Ach!« -- rief Ssonja erschrocken aus.
»Nun, warum schreist du? Du willst doch selbst, daß ich nach Sibirien
gehe, jetzt aber erschrakst du? Eins aber will ich sagen, -- ich ergebe
mich ihnen nicht. Ich will mit ihnen noch kämpfen, und sie werden mir
nichts tun können. Sie haben keine wirklichen Beweise. Gestern war ich
in großer Gefahr und dachte, daß ich schon verloren sei; heute hat es
sich verbessert. Alle ihre Beweise haben zwei Seiten, das will sagen, --
ich kann ihre Beschuldigungen zu meinen Gunsten verwenden, verstehst du?
Und ich werde sie zu meinen Gunsten verwenden, denn ich habe es jetzt
gelernt ... Ins Gefängnis aber wird man mich sicher sperren. Wenn nicht
ein Zufall hinzugekommen wäre, hätte man mich vielleicht schon heute
geholt; vielleicht geschieht es heute _noch_ ... Aber das tut nichts,
Ssonja, -- ich werde eine Zeitlang sitzen und man wird mich freilassen
... denn sie haben keinen einzigen wirklichen Beweis und werden ihn auch
nicht bekommen, ich gebe mein Wort darauf. Mit dem aber, was sie
besitzen, kann man einen Menschen nicht verurteilen. Nun, genug ... Ich
sagte es bloß, damit du es weißt ... Mit meiner Mutter und Schwester
will ich es so einzurichten versuchen, daß sie nicht daran glauben,
damit sie nicht erschrecken ... Meine Schwester ist jetzt übrigens, wie
es scheint, versorgt ... also auch meine Mutter ... Nun, das ist alles.
Sei übrigens vorsichtig. Willst du zu mir ins Gefängnis kommen, wenn ich
dort sein werde?«
»Oh, ich werde, werde kommen!«
Sie saßen nebeneinander, traurig und niedergeschlagen, als wären sie
nach einem Sturme allein an einen einsamen Strand geschleudert worden.
Er sah Ssonja an und fühlte ihre große Liebe, und seltsam, es fiel ihm
plötzlich schwer und schmerzlich aufs Herz, daß er so geliebt wurde. Es
war ein seltsames und furchtbares Gefühl! Als er zu Ssonja ging, empfand
er, daß in ihr seine ganze Hoffnung und sein letzter Ausweg liege; er
glaubte wenigstens einen Teil seiner Qualen abzuwälzen und jetzt, wo ihr
ganzes Herz sich ihm zugewandt hatte, fühlte und erkannte er, daß er um
vieles unglücklicher geworden war.
»Ssonja,« -- sagte er, -- »komm lieber nicht zu mir, wenn ich im
Gefängnis sein werde.«
Ssonja antwortete nicht, sie weinte. Es vergingen ein paar Minuten.
»Hast du ein Kreuz?« -- fragte sie plötzlich unerwartet, als sei es ihr
eben eingefallen.
Er verstand zuerst die Frage nicht.
»Nein, du hast keins? -- Hier, nimm dieses Kreuz aus Zypressenholz. Ich
habe ein anderes, kupfernes von Lisaweta. Ich habe mit Lisaweta
getauscht, -- sie hat mir ihr Kreuz gegeben und ich ihr mein
Heiligenbildchen. Ich will jetzt das Kreuz von Lisaweta tragen, dieses
aber gebe ich dir. Nimm ... es gehört doch mir! Es ist doch mein Kreuz!«
-- bat sie ihn, -- »wir werden doch zusammen gehen und leiden, also
wollen wir auch zusammen das Kreuz tragen! ...«
»Gib her!« sagte Raskolnikoff.
Er wollte sie nicht betrüben, zog aber gleich wieder die Hand zurück,
die er nach dem Kreuze ausgestreckt hatte.
»Nicht jetzt, Ssonja. Lieber später,« -- fügte er hinzu, um sie zu
beruhigen.
»Ja, ja, es ist besser, es ist besser,« -- pflichtete sie ihm mit
Begeisterung bei, -- »wenn du gehst, um das Leiden auf dich zu nehmen,
dann legst du es um. Du kommst dann zu mir, ich werde es dir umhängen,
wir wollen dann beten und beide gehen.«
In diesem Augenblicke klopfte jemand dreimal an die Türe.
»Ssofja Ssemenowna, kann ich hereinkommen?« -- ertönte eine sehr
bekannte höfliche Stimme.
Ssonja stürzte erschrocken zur Türe. Herr Lebesjätnikoff blickte in das
Zimmer hinein.