III.

»Peter Petrowitsch!« rief sie. »Schützen Sie mich! Sagen Sie dieser

dummen Kreatur, daß sie eine gebildete Dame im Unglück nicht in dieser

Weise behandeln dürfe, daß es ein Gericht gibt ... ich werde zu dem

Generalgouverneur gehen ... Sie wird zur Verantwortung gezogen werden

... Gedenken Sie der Gastfreundschaft bei meinem Vater, schützen Sie die

Waisen!«

»Erlauben Sie, meine Dame ... Erlauben Sie, erlauben Sie,« wehrte Peter

Petrowitsch ab. »Ich hatte gar nicht die Ehre, Ihren Herrn Vater gekannt

zu haben, wie Sie wohl wissen werden ... erlauben Sie, meine Dame!«

Jemand lachte laut. »Und an Ihren ewigen Zänkereien mit Amalie Iwanowna

teilzunehmen, habe ich nicht die Absicht ... Ich bin in eigener

Angelegenheit hergekommen ... und möchte sofort mit Ihrer Stieftochter,

Ssofja ... Iwanowna ... nicht wahr, so heißt sie ... sprechen. Erlauben

Sie, daß ich zu ihr gehe ...«

Und Peter Petrowitsch machte einen kleinen Bogen um Katerina Iwanowna

und ging in die entgegengesetzte Ecke, wo sich Ssonja befand.

Katerina Iwanowna blieb auf demselben Fleck stehen, wie vom Donner

gerührt. Sie konnte nicht begreifen, wie Peter Petrowitsch die

Gastfreundschaft ihres Papas leugnen konnte. Nachdem sie sich einmal

dies in den Kopf gesetzt hatte, glaubte sie auch schon selber heilig und

fest daran. Auch der geschäftliche, trockene Ton Peter Petrowitschs ...

in dem Verachtung, ja etwas Drohendes lag, machte sie bestürzt. Bei

seinem Erscheinen waren alle allmählich stiller geworden. Abgesehen

davon, daß dieser »nüchterne und ernste« Mensch von der ganzen

Versammlung scharf abstach, merkte man, daß er aus einem wichtigen

Anlasse hergekommen war, daß eine ungewöhnliche Ursache ihn solch eine

Gesellschaft aufzusuchen veranlaßt hatte, und daß es jetzt wohl etwas

geben werde. Raskolnikoff, der neben Ssonja stand, wich zur Seite, um

Peter Petrowitsch vorbei zu lassen; Luschin schien ihn gar nicht bemerkt

zu haben. Nach einem Augenblick erschien Lebesjätnikoff auf der

Schwelle; er trat nicht in das Zimmer herein, sondern blieb mit einem

besonderen Interesse dort stehen; er hörte zu, wie einer, der etwas

nicht begreift.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber es ist eine wichtige

Angelegenheit,« bemerkte Peter Petrowitsch im allgemeinen, »ich freue

mich, ein größeres Publikum zu haben. Amalie Iwanowna, ich bitte Sie

sehr, als Wirtin dieser Wohnung, mein folgendes Gespräch mit Ssofja

Iwanowna aufmerksam anzuhören. Ssofja Iwanowna,« fuhr er fort, sich

direkt an die äußerst erstaunte und im voraus erschrockene Ssonja

wendend, »von meinem Tische, in dem Zimmer meines Freundes Andrei

Ssemenowitsch Lebesjätnikoff ist mit Ihrem Weggehen eine Reichsbanknote

im Werte von hundert Rubel, die mir gehörte, verschwunden. Wenn Sie auf

irgendeine Weise es wissen und uns zeigen, wo die Banknote sich jetzt

befindet, so versichere ich Ihnen mit meinem Ehrenworte und rufe alle

als Zeugen auf, daß die Sache damit erledigt sein wird. Im

entgegengesetzten Falle werde ich gezwungen sein, sehr ernste Maßregeln

zu ergreifen, und dann ... klagen Sie sich selbst an.«

Ein peinliches Schweigen trat im Zimmer ein. Sogar die weinenden Kinder

verstummten. Ssonja stand totenblaß da, sah Luschin an und konnte nichts

antworten. Sie schien ihn immer noch nicht zu verstehen. Es vergingen

einige Sekunden.

»Nun, wie ist's?« fragte Luschin und blickte sie scharf an.

»Ich weiß nicht ... Ich weiß nichts ...« sagte endlich Ssonja mit

schwacher Stimme.

»Nicht? Sie wissen nichts?« fragte Luschin sie noch einmal und schwieg

wieder. »Denken Sie nach, Mademoiselle,« begann er dann streng, aber als

rede er ihr immer noch im Guten zu, ȟberlegen Sie es sich, ich bin

bereit, Ihnen noch einige Zeit zum Überlegen zu geben. Sehen Sie, --

wenn ich nicht so fest überzeugt wäre, so hätte ich selbstverständlich

bei meiner Erfahrenheit nicht riskiert, Sie in dieser direkten Weise zu

beschuldigen; denn für eine solche öffentliche und direkte, aber falsche

oder nur auch irrtümliche Beschuldigung kann ich selbst zur

Verantwortung gezogen werden. Ich weiß es. Heute Morgen wechselte ich,

zu meinen eigenen Zwecken, einige fünfprozentige Staatspapiere in der

nominellen Summe von dreitausend Rubel. Die Berechnung ist in meinem

Notizbuche eingetragen. Nach Hause gekommen, begann ich, -- mein Zeuge

ist Andrei Ssemenowitsch, -- das Geld zu zählen, und nachdem ich

zweitausend und dreihundert Rubel aufgezählt hatte, steckte ich sie in

meine Brieftasche und die Brieftasche in die Seitentasche meines Rockes.

Auf dem Tische blieben fünfhundert Rubel in Banknoten liegen und unter

ihnen drei Noten zu je hundert Rubel. In diesem Augenblick kamen Sie --

auf meine Bitte hin -- und die ganze Zeit waren Sie äußerst verlegen, so

daß Sie dreimal mitten im Gespräch aufstanden und sich aus irgendeinem

Grunde beeilten, fortzugehen, obgleich unsere Unterredung noch nicht

beendet war. Andrei Ssemenowitsch kann dies alles bestätigen.

Wahrscheinlich werden Sie selbst, Mademoiselle, nicht ablehnen,

zuzugeben, daß ich Sie durch Andrei Ssemenowitsch nur aus dem einzigen

Grunde rufen ließ, um mit Ihnen über die schlimme und hilflose Lage

Ihrer Verwandten Katerina Iwanowna, zu der ich zum Gedächtnismahl nicht

kommen konnte, zu sprechen und Ihnen vorzuschlagen, wie es von Nutzen

wäre, zu ihren Gunsten irgend etwas, wie eine Sammlung, eine Verlosung

oder ähnliches, zu veranstalten. Sie haben mir gedankt und sogar Tränen

vergossen -- ich erzähle alles, wie es war, um Sie erstens an alles zu

erinnern, und zweitens, um Ihnen zu zeigen, daß meinem Gedächtnisse

nicht das Geringste entschwunden ist. Darauf nahm ich vom Tische einen

Zehnrubelschein und überreichte ihn Ihnen, als vorläufige Unterstützung

für Ihre Verwandten. Das alles hat Andrei Ssemenowitsch gesehen. Dann

begleitete ich Sie zur Türe, -- Sie waren immer noch sehr verlegen. Ich

blieb mit Andrei Ssemenowitsch allein, unterhielt mich mit ihm etwa zehn

Minuten, und Andrei Ssemenowitsch ging bald hinaus. Ich wandte mich von

neuem zu dem Tische, wo das Geld lag, mit der Absicht, es nachzuzählen

und es, wie ich vorher schon beschlossen hatte, gesondert aufzuheben. Zu

meiner Verwunderung fehlte von den übrigen eine Banknote von hundert

Rubel. Bitte, überlegen Sie es sich, -- Andrei Ssemenowitsch kann ich in

keinem Falle in Verdacht haben, ich würde mich selbst bei diesem

Gedanken schämen. Bei der Berechnung konnte ich mich auch nicht irren,

denn eine Minute vor Ihrem Kommen hatte ich alles nachgezählt und die

Summe richtig gefunden. Sie müssen selbst zugeben, daß, wenn ich Ihrer

Verlegenheit, Ihrer Eile wegzugehen und des Umstandes denke, daß Sie die

Hände eine Weile auf dem Tische hatten, und wenn ich schließlich Ihre

gesellschaftliche Lage und die mit ihr verknüpften Gewohnheiten in

Betracht zog, ich sozusagen zu meinem Entsetzen und gegen meinen Willen

_gezwungen_ war, bei diesem Verdachte stehen zu bleiben, -- der sicher

grausam, aber -- gerechtfertigt ist! Ich füge hinzu und wiederhole, --

daß trotz meiner ganzen _klaren_ Überzeugung ich vollkommen verstehe,

daß dennoch in meiner jetzigen Beschuldigung ein gewisses Risiko für

mich liegt. Aber, ich habe es nicht unterlassen; ich bin gegen Sie

aufgetreten und will Ihnen auch sagen warum, -- einzig und allein, meine

Dame, auf Grund Ihres schwärzesten Undankes! Wie? Ich fordere Sie aus

Interesse für Ihre ärmste Verwandte auf, ich überlasse Ihnen eine meinen

Kräften entsprechende Gabe von zehn Rubel, und Sie danken mir gleich

darauf, auf der Stelle, für alles mit dieser Handlung! Nein, das ist

nicht mehr schön! Eine Lehre ist notwendig! Denken Sie nach; noch mehr,

ich bitte Sie, als Ihr aufrichtiger Freund, -- denn einen besseren

Freund können Sie in diesem Augenblicke nicht haben, -- besinnen Sie

sich! Sonst werde ich unbarmherzig sein! Nun, also!«

»Ich habe nichts von Ihnen genommen,« -- flüsterte Ssonja entsetzt, --

»Sie gaben mir zehn Rubel, bitte, nehmen Sie sie wieder, hier.«

Ssonja zog ihr Taschentuch aus der Tasche hervor, suchte den Knoten,

löste ihn, nahm einen Zehnrubelschein heraus und streckte ihn Luschin

entgegen.

»Und die übrigen hundert Rubel wollen Sie nicht gestehen?« -- sagte er

vorwurfsvoll und eindringlich, ohne den Schein zu nehmen.

Ssonja blickte ringsum. Alle schauten sie mit schrecklichen, strengen,

spöttischen und haßerfüllten Gesichtern an. Sie blickte Raskolnikoff an

... er stand mit gekreuzten Armen an der Wand und sah sie mit einem

brennenden Blick an.

»Oh, Gott!« -- entrang es Ssonja.

»Amalie Iwanowna, man muß die Polizei benachrichtigen, und darum bitte

ich Sie sehr, vorläufig nach dem Hausknecht zu schicken,« -- sagte

Luschin leise und freundlich.

»Gott der Barmherzige! Ich wußte, daß sie es gestohlen hat!« -- schlug

Amalie Iwanowna die Hände zusammen.

»Sie wußten es?« -- fiel Luschin ein, -- »also hatten Sie auch früher

wenigstens gewisse Gründe, solches zu glauben. Ich bitte Sie,

verehrteste Amalie Iwanowna, sich an Ihre Worte zu erinnern, die

übrigens in Gegenwart von Zeugen ausgesprochen sind.«

Von allen Seiten erhob sich plötzlich lautes Reden. Alle rührten sich.

»Wie -- wie!« -- rief plötzlich Katerina Iwanowna, zu sich gekommen, und

stürzte zu Luschin, -- »wie! Sie beschuldigen sie des Diebstahls?

Ssonja? Ach, ihr Schufte, ihr Schufte!«

Und sie eilte zu Ssonja und umarmte sie fest mit ihren hageren Armen.

»Ssonja! Wie durftest du von ihm zehn Rubel nehmen! Oh, du Dumme! Gib

sie her! Gib mir sofort diese zehn Rubel -- da haben Sie sie!«

Katerina Iwanowna entriß Ssonja das Papier, zerknüllte es und warf es

direkt Luschin ins Gesicht. Der Papierknäuel traf ihn ins Auge und fiel

auf die Diele nieder. Amalie Iwanowna beeilte sich, das Geld aufzuheben.

Peter Petrowitsch wurde böse.

»Halten Sie diese Verrückte!« -- rief er.

In diesem Augenblicke erschienen in der Türe neben Lebesjätnikoff noch

einige Gesichter, zwischen denen auch die der beiden zugereisten Damen

hervorguckten.

»Wie! Verrückt? Ich soll verrückt sein? Dummkopf!« -- schrie Katerina

Iwanowna. -- »Du bist selbst ein Dummkopf, du Rechtsverdreher,

niederträchtiger Mensch! Ssonja, Ssonja soll von ihm Geld genommen

haben! Ssonja soll eine Diebin sein! Sie wird dir noch Geld geben,

Dummkopf!« -- Und Katerina Iwanowna lachte hysterisch. -- »Habt ihr

schon so einen dummen Kerl gesehen?« -- wandte sie sich nach allen

Seiten und zeigte auf Luschin. -- »Wie! Auch du!« -- sie erblickte die

Wirtin, -- »auch du, Wurstmacherin, bestätigst, daß sie gestohlen hat,

du gemeines preußisches Hühnerbein in Krinoline! Ach, ihr! Ach, ihr! Ja,

sie hat das Zimmer nicht verlassen, und als sie von dir, Schuft,

zurückkam, hatte sie sich hier neben Rodion Romanowitsch hingesetzt! ...

Untersucht sie doch! Wenn sie nirgendwo hingegangen war, muß doch das

Geld bei ihr sein! Suche, suche, suche doch! Wenn du aber nichts

findest, dann, lieber Freund, wirst du bestraft! Zu Seiner Majestät, zu

Seiner Majestät, zum Zaren selbst laufe ich hin, werfe mich dem

Barmherzigen zu Füßen, sofort, heute noch! Ich bin verwaist! Man wird

mich zulassen! Du denkst, man wird mich nicht zu ihm lassen? Du lügst,

ich komme hin! Ich komme zu ihm hin! Du hast darauf gerechnet, daß sie

schüchtern ist? Du hast darauf gehofft? Ich aber, Bruder, bin dafür

kühn! Du wirst dein Spiel verlieren! Suche doch! Suche, suche, nun suche

doch!«

Und Katerina Iwanowna zerrte Luschin in Wut zu Ssonja.

»Ich bin bereit und trage die Verantwortung ... aber nehmen Sie sich

zusammen, meine Dame, nehmen Sie sich zusammen. Ich sehe zu gut, daß Sie

kühn sind! ... Das ... das ... das geht nicht an!« -- murmelte Luschin,

-- »das muß in Gegenwart der Polizei ... obwohl, übrigens, auch jetzt

genügend Zeugen vorhanden sind ... Ich bin bereit ... Aber in jedem

Falle ist es für einen Mann peinlich ... des Geschlechtes wegen ... Wenn

Amalie Iwanowna helfen würde ... obwohl, übrigens, die Sache nicht so

gehandhabt wird ... Das geht nicht an!«

»Wenn Sie wünschen! Mag wer da will sie untersuchen!« -- schrie Katerina

Iwanowna. -- »Ssonja, wende deine Taschen um! Da! da! Sieh, Scheusal,

diese Tasche ist leer, hier lag das Taschentuch, die Tasche ist leer,

siehst du! Da ist die andere Tasche, da, da! Siehst du! Siehst du!«

Und Katerina Iwanowna wandte, nein besser gesagt, riß die beiden

Taschen, eine nach der anderen mit dem Futter hervor. Aber aus der

zweiten, rechten Tasche sprang plötzlich ein Stück Papier hervor,

beschrieb in der Luft einen Bogen und fiel zu den Füßen Luschins hin.

Alle hatten es gesehen, manche schrien. Peter Petrowitsch bückte sich,

hob das Stück Papier mit zwei Fingern von der Diele auf, hielt es so,

daß alle sehen konnten und faltete es auseinander. Es war ein

Hundertrubelschein, dreimal zusammengefaltet. Peter Petrowitsch

umschrieb mit seiner Hand einen Bogen und zeigte allen den Schein.

»Diebin! Hinaus aus der Wohnung! Polizei, Polizei!« -- heulte Amalie

Iwanowna, -- »Sie müssen nach Sibirien! Hinaus!«

Von allen Seiten ertönten Ausrufe. Raskolnikoff schwieg, ohne die Augen

von Ssonja abzuwenden, nur selten und schnell blickte er Luschin an.

Ssonja stand auf derselben Stelle, wie bewußtlos, -- sie schien nicht

einmal verwundert zu sein. Plötzlich aber überzog eine Röte ihr ganzes

Gesicht; sie schrie auf und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Nein, ich war es nicht! Ich habe nichts genommen! Ich weiß von nichts!«

-- rief sie mit einem herzzerreißenden Schrei und stürzte zu Katerina

Iwanowna.

Jene umfaßte sie und preßte sie fest an sich, als wolle sie mit eigener

Brust sie vor allen schützen.

»Ssonja! Ssonja! Ich glaube es nicht! Siehst du, ich glaube es nicht!«

-- rief Katerina Iwanowna, trotz des Augenscheins, und schüttelte sie in

ihren Armen, wie ein Kind, küßte sie unzählige Male, erfaßte ihre Hände

und küßte sie inbrünstig. -- »Du sollst es genommen haben? Ja, wie dumm

die Menschen sind! Oh, Gott! Ihr dummen, dummen Leute!« -- rief sie,

sich an alle wendend, -- »ja, ihr wißt noch gar nicht, ihr wißt nicht,

was das für ein Herz, was das für ein Mädchen ist! Sie soll es genommen

haben, sie! Ja, sie wird barfüßig gehen, sie wird ihr letztes Kleid

ausziehen und es verkaufen, und euch es abgeben, wenn ihr es braucht, --

so ist sie! Sie hat den gelben Schein genommen, weil meine, meine Kinder

vor Hunger umkamen, sie hat sich unseretwegen verkauft! ... Ach, der

Verstorbene, der Verstorbene! Siehst du? Siehst du? Da hast du deine

Gedächtnisfeier! Oh, Gott! Ja, schützt sie doch, was steht ihr alle!

Rodion Romanowitsch! Warum treten Sie nicht für sie ein? Glauben Sie

auch etwa daran? Ihr seid ihres kleinen Fingers nicht wert, ihr alle,

alle, alle! Oh, Gott! Schütze du sie doch endlich!«

Das Weinen der armen, schwindsüchtigen, verlassenen Katerina Iwanowna

schien einen starken Eindruck auf alle Anwesenden gemacht zu haben. Es

war so viel Klägliches, so viel Leidendes in diesem vor Schmerz

verzogenen, eingetrockneten, schwindsüchtigen Gesichte, in diesen

geborstenen, blutbedeckten Lippen, in dieser heiser schreienden Stimme,

in diesem Schluchzen und Weinen, das dem Weinen von Kindern glich, in

diesem vertrauensvollen, kindlichen und gleichzeitig verzweifelten

Flehen um Schutz, daß alle die Unglückliche zu bedauern schienen. Sogar

Peter Petrowitsch schien es sofort leid zu tun.

»Meine Dame! Meine Dame!« -- rief er mit eindringlicher Stimme, -- »Sie

berührt diese Tatsache nicht! Niemand wird es wagen, Sie der Absicht

oder der Teilnahme zu beschuldigen, um so mehr, als Sie es selbst

entdeckt haben, indem Sie die Tasche umwandten, -- Sie haben dies nicht

vorausgesehen. Ich bin bereit, es sehr, sehr zu bedauern, sollte die

äußerste Armut Ssofja Ssemenowna dazu bewogen haben, aber warum wollten

Sie, Mademoiselle, es nicht eingestehen? Fürchten Sie die Schande? Der

erste Schritt? Sie sind wahrscheinlich bestürzt? Es ist begreiflich,

sehr begreiflich ... Aber warum läßt man sich auf solche Sachen ein!

Meine Herrschaften!« wandte er sich an alle Anwesenden, -- »meine

Herrschaften! Weil ich Bedauern und Mitleid habe, bin ich bereit, es

sogar jetzt, trotz der empfangenen persönlichen Beleidigungen, zu

verzeihen. Möge Ihnen, Mademoiselle, die jetzige Schande als eine Lehre

für die Zukunft dienen,« -- wandte er sich an Ssonja, -- »ich aber

unterlasse alle weiteren Schritte und erledige hiermit die Sache.

Genug!«

Peter Petrowitsch blickte Raskolnikoff von der Seite an. Ihre Blicke

trafen sich. Der flammende Blick Raskolnikoffs wollte ihn zu Asche

verbrennen. Katerina Iwanowna schien nichts mehr gehört zu haben, sie

umarmte und küßte Ssonja wie wahnsinnig. Auch die Kinder hatten Ssonja

von allen Seiten mit ihren Händchen umfaßt und Poletschka, die nicht

ganz verstand, was vor sich ging, schien vollkommen in Tränen zu

ertrinken, sie krümmte sich vor lauter Schluchzen und verbarg ihr

hübsches, von Tränen geschwollenes Gesichtchen an Ssonjas Schulter.

»Ist das gemein!« -- ertönte plötzlich eine laute Stimme in der Türe.

Peter Petrowitsch blickte sich schnell um.

»Welch eine Gemeinheit!« -- wiederholte Lebesjätnikoff und blickte ihm

unverwandt in die Augen. Peter Petrowitsch zuckte zusammen. Alle hatten

es bemerkt. Nachher erinnerten sie sich dessen. Lebesjätnikoff trat in

das Zimmer.

»Und Sie haben es gewagt, mich als Zeugen anzurufen?« -- sagte er und

trat an Peter Petrowitsch heran.

»Was bedeutet das, Andrei Ssemenowitsch? Worüber sprechen Sie?« --

murmelte Luschin.

»Das bedeutet, daß Sie ... ein Verleumder sind, das bedeuten meine

Worte!« -- sagte Lebesjätnikoff eifrig und blickte ihn streng mit seinen

kurzsichtigen, kleinen Augen an.

Er war furchtbar böse. Raskolnikoff starrte ihn an, als fange er jedes

Wort auf. Wieder trat ein Schweigen ein. Peter Petrowitsch war bestürzt,

besonders im ersten Momente.

»Wenn Sie mir ...« -- begann er stotternd, -- »ja, was ist mit Ihnen?

Sind Sie bei Verstand?«

»Ich bin bei Verstand, Sie aber sind ... ein Gauner! Ach, wie ist das

gemein! Ich hörte die ganze Zeit zu, ich wartete immer absichtlich, um

alles zu verstehen, denn offen gestanden, alles ist mir bis jetzt noch

nicht ganz klar ... Aber warum haben Sie dies alles getan -- ich

verstehe es nicht!«

»Ja, was habe ich denn getan? Hören Sie doch auf, in Ihren unsinnigen

Rätseln zu sprechen! Oder haben Sie vielleicht zu viel getrunken?«

»Sie gemeiner Mensch, Sie trinken vielleicht, ich nicht. Ich trinke

nicht mal Schnaps, weil es gegen meine Überzeugungen ist. Denken Sie

sich, _er selbst_ hat mit eigenen Händen diesen Hundertrubelschein

Ssofja Ssemenowna gegeben, -- ich habe es gesehen, war Zeuge, ich kann

es beschwören! Er, er hat es getan!« -- wiederholte Lebesjätnikoff, sich

an alle und jeden einzelnen wendend.

»Sind Sie verrückt geworden oder nicht, Sie Milchbart?« -- kreischte

Luschin, -- »sie hat doch selbst in Ihrer Gegenwart ... sie hat doch

selbst soeben in Gegenwart aller bestätigt, -- daß sie außer den zehn

Rubel nichts von mir erhalten hat. Wie konnte ich es denn ihr

überreichen?«

»Ich habe es gesehen, ich habe es gesehen!« -- rief Lebesjätnikoff, --

»und obwohl es gegen meine Überzeugungen ist, bin ich doch bereit,

gleich vor Gericht jeden beliebigen Eid zu leisten, denn ich habe es

gesehen, wie er ihn ihr heimlich zusteckte! Ich Dummkopf aber dachte,

daß Sie es ihr aus gutem Herzen zusteckten! Während Sie sich von ihr an

der Türe verabschiedeten, als sie sich umwandte und Sie ihr die eine

Hand reichten, steckten Sie mit der anderen, mit der linken Hand ihr

heimlich das Papier in die Tasche hinein. Ich habe es gesehen! Ich habe

es gesehen!«

Luschin erbleichte.

»Was lügen Sie da vor!« -- rief er ihm frech zu, -- »ja, und wie konnten

Sie vom Fenster aus das Papier bemerken! Sie haben es geträumt ... Sie,

mit Ihren kurzsichtigen Augen. Sie phantasieren!«

»Nein, ich habe es nicht geträumt! Und obwohl ich weit stand, habe ich

alles, alles gesehen, und obgleich man vom Fenster aus tatsächlich

schwer ein Stück Papier unterscheiden kann, -- hier sagen Sie die

Wahrheit, -- wußte ich doch bestimmt, daß es ein Hundertrubelschein war,

denn als Sie Ssofja Ssemenowna den Zehnrubelschein gaben, -- ich habe es

selbst gesehen, -- nahmen Sie gleichzeitig vom Tische einen

Hundertrubelschein. Ich habe es gesehen, weil ich in diesem Augenblicke

in der Nähe war und weil mir sofort dabei ein Gedanke durch den Sinn

fuhr, weiß ich genau, daß Sie diesen Schein in der Hand hielten. Sie

haben ihn zusammengefaltet und hielten ihn die ganze Zeit in der Faust.

Ich vergaß es später, als Sie aber aufstanden, legten Sie den Schein aus

der rechten in die linke Hand und ließen ihn beinahe fallen; da besann

ich mich darauf, weil mir wieder derselbe Gedanke durch den Sinn fuhr,

und zwar, daß Sie heimlich ihr eine Wohltat erweisen wollen. Sie können

sich vorstellen, wie ich nun beobachtete, -- und da sah ich auch, wie es

Ihnen glückte, ihn in ihre Tasche zu stecken. Ich habe es gesehen, habe

es gesehen und werde schwören!« Lebesjätnikoff geriet fast außer Atem.

Von allen Seiten ertönten allerhand Ausrufe, die meistens Erstaunen

bedeuteten, aber in manchen brach auch ein drohender Ton durch. Alle

drängten sich um Peter Petrowitsch. Katerina Iwanowna stürzte zu

Lebesjätnikoff hin.

»Andrei Ssemenowitsch! Ich habe mich in Ihnen geirrt! Schützen Sie sie!

Sie allein treten für sie ein! Sie ist eine Waise, Gott hat Sie gesandt!

Andrei Ssemenowitsch, mein Lieber, Väterchen!«

Und Katerina Iwanowna, fast ganz außer sich, warf sich vor ihm auf die

Knie hin.

»Blödes Zeug!« -- brüllte Luschin, rasend vor Wut, -- »Sie reden blödes

Zeug, mein Herr ... >Ich vergaß es, besann mich, vergaß< -- was soll das

heißen! Also, ich soll ihr den Schein absichtlich zugesteckt haben?

Wozu? Zu welchem Zwecke? Was habe ich gemein mit dieser ...«

»Wozu? Das ist es ja, was ich selbst nicht begreife, das aber ist

sicher, daß ich die Wahrheit erzähle! Ich irre mich nicht, Sie

niederträchtiger Mensch, Sie Verbrecher; ich entsinne mich, daß mir

sofort damals die Frage in den Sinn kam, und zwar, als ich Ihnen dankte

und Ihnen die Hand drückte. Warum haben Sie es ihr heimlich in die

Tasche gesteckt? Das heißt warum heimlich? Vielleicht bloß aus dem

Grunde, weil Sie es vor mir verbergen wollten, da Sie wissen, daß ich

entgegengesetzter Ansicht bin und die Privatwohltätigkeit, als nicht

radikal heilend, verneine? Nun, und ich kam zu der Überzeugung, daß Sie

sich in der Tat vor mir schämen, solch einen Haufen Geld fortzugeben,

und außerdem meinte ich, daß Sie ihr vielleicht eine Überraschung

bereiten und sie in Staunen setzen wollten, wenn sie in ihrer Tasche

volle hundert Rubel finden wird. Denn manche Wohltäter lieben es sehr,

ihre Wohltaten so anzubringen, -- das weiß ich. Ich dachte auch, daß Sie

sie auf die Probe stellen wollen, das heißt, ob sie, wenn sie es

gefunden hat, kommen würde, um sich zu bedanken! Ich hatte auch den

Gedanken, daß Sie jeden Dank vermeiden möchten, damit ... nun, wie man

es sagt ... damit die rechte Hand nicht wüßte ... kurz, wie man es sagt

... Nun, mir kamen so viele Gedanken in den Sinn, daß ich beschloß, mir

alles nachher genauer zu überlegen, ich hielt es auch für unzart, Ihnen

zu zeigen, daß ich Ihr Geheimnis kenne. Mir kam aber der Gedanke, daß

Ssofja Ssemenowna möglicherweise das Geld verlieren könnte, ehe sie es

selbst bemerkt hat. Darum beschloß ich, hierher zu kommen, sie

herauszurufen und ihr mitzuteilen, daß man ihr einen Hundertrubelschein

in ihre Tasche gesteckt hat. Auf dem Wege hierher ging ich zuerst in das

Zimmer der Damen Kobyljätnikoff hinein, um ihnen die >allgemeinen

Ergebnisse der positiven Methode< zu überbringen und ihnen besonders den

Artikel von Piderit -- übrigens auch von Wagner -- zu empfehlen. Ich kam

dann hierher, und hier ist diese schlimme Geschichte passiert. Sagen

Sie, konnte ich, konnte ich alle diese Gedanken und Erwägungen gehabt

haben, wenn ich tatsächlich nicht gesehen hätte, daß Sie ihr hundert

Rubel in die Tasche gesteckt haben?«

Als Andrei Ssemenowitsch seine langatmige Rede mit so einem logischen

Abschluß beendet hatte, war er furchtbar ermüdet, und von seinem

Gesichte rann der Schweiß. Er konnte nicht einmal ordentlich russisch

sprechen, -- ohne jedoch eine andere Sprache zu kennen, -- so daß er mit

einem Male vollkommen erschöpft und nach seiner Advokatentat ganz bleich

war. Trotzdem hatte seine Rede eine außerordentliche Wirkung. Er hatte

mit solch einer Heftigkeit und solch einer Überzeugung gesprochen, daß

ihm alle offensichtlich glaubten. Peter Petrowitsch fühlte, daß seine

Sache schlecht stehe.

»Was geht es mich an, daß Ihnen allerhand dumme Fragen in den Kopf

gekommen sind,« -- rief er aus. -- »Das ist kein Beweis! Sie konnten

dies alles im Schlafe geträumt haben, das ist das ganze! Und ich sage

Ihnen, daß Sie lügen, mein Herr! Sie lügen und verleumden mich aus Wut,

und zwar aus Ärger, weil ich nicht bereit war, auf Ihre freigeistigen

und gottlosen sozialen Ideen einzugehen, das ist es!«

Aber diese Ausrede nützte Peter Petrowitsch nicht. Im Gegenteil, von

allen Seiten vernahm man mißbilligendes Gemurmel.

»Ah, damit kommst du!« -- rief Lebesjätnikoff. -- »Du lügst! Laß die

Polizei holen, ich werde schwören! Eins kann ich bloß nicht begreifen,

-- warum hat er so eine gemeine Handlung riskiert! Oh, gemeiner,

niederträchtiger Mensch!«

»Ich kann es erklären, warum er diese Handlung riskiert hat, und wenn es

nötig ist, werde auch ich einen Eid ablegen!« -- sagte endlich

Raskolnikoff mit fester Stimme und trat hervor.

Er schien fest und ruhig. Allen wurde es klar bei seinem Anblicke, daß

er tatsächlich wußte, um was es sich handle, und daß es zu einer Lösung

gekommen war.

»Jetzt ist mir alles vollkommen klar,« -- fuhr Raskolnikoff fort und

wandte sich an Lebesjätnikoff. -- »Gleich am Anfange der Geschichte

hatte ich den Verdacht, daß irgendein gemeiner Kniff dahinter stecke;

ich schöpfte ihn infolge gewisser besonderer Umstände, die nur mir

allein bekannt sind, und die ich sogleich allen erklären will, -- um sie

dreht sich auch die ganze Sache. Sie, Andrei Ssemenowitsch, haben durch

Ihr wertvolles Zeugnis mir alles endgültig erklärt. Ich bitte alle, alle

zuzuhören. Dieser Herr,« -- er zeigte auf Luschin, -- »freite vor kurzem

um ein junges Mädchen, und zwar um meine Schwester, Awdotja Romanowna

Raskolnikowa. Nach seiner Ankunft in Petersburg hatte er sich vorgestern

bei unserem ersten Zusammentreffen mit mir überworfen, und ich habe ihn

hinausgejagt, ich habe zwei Zeugen dafür. Dieser Mensch ist sehr boshaft

... Vorgestern wußte ich noch gar nicht, daß er hier bei Ihnen, Andrei

Ssemenowitsch, lebt, und daß er an demselben Tage, wo wir uns überworfen

hatten, das heißt vorgestern, Zeuge war, wie ich, als Freund des

verstorbenen Herrn Marmeladoff, seiner Gattin Katerina Iwanowna etwas

Geld zur Beerdigung übergab. Er schrieb sofort an meine Mutter einen

Brief und teilte ihr mit, daß ich das Geld nicht Katerina Iwanowna,

sondern Ssofja Ssemenowna abgegeben hätte, wobei er in den

niederträchtigsten Ausdrücken über ... über den Charakter Ssofja

Ssemenownas sich äußerte, das heißt über die Art meiner Beziehungen zu

Ssofja Ssemenowna. Dies alles tat er, wie Sie verstehen, in der Absicht,

mich mit meiner Mutter und Schwester zu entzweien, indem er ihnen

glaubhaft zu machen suchte, daß ich zu unanständigen Zwecken ihr letztes

Geld, mit dem sie mich unterstützten, verprasse. Gestern abend stellte

ich, in Gegenwart meiner Mutter und Schwester und in seiner Anwesenheit,

die Wahrheit fest, ich bewies, daß ich das Geld Katerina Iwanowna zur

Beerdigung und nicht Ssofja Ssemenowna überreicht habe, und daß ich

vorgestern mit Ssofja Ssemenowna noch nicht bekannt war und sie sogar

zum erstenmal gesehen habe. Dabei fügte ich hinzu, daß er, Peter

Petrowitsch Luschin, mit allen seinen Vorzügen nicht mal des kleinen

Fingers von Ssofja Ssemenowna, über die er sich so schlecht geäußert

habe, wert sei. Auf seine Frage, ob ich Ssofja Ssemenowna neben meine

Schwester hinsetzen würde, -- antwortete ich, daß ich es bereits am

selben Tage getan hätte. Da er darüber böse wurde, daß meine Mutter und

Schwester auf seine Verleumdungen hin sich mit mir nicht überwerfen

wollten, begann er ihnen unverzeihliche Frechheiten zu sagen. Es kam zu

einem endgültigen Bruche und man jagte ihn aus dem Hause. Dies alles war

gestern abend vorgefallen. Ich bitte Sie jetzt um besondere

Aufmerksamkeit, -- stellen Sie sich vor, wäre es ihm jetzt gelungen,

Ssofja Ssemenowna des Diebstahls zu überführen, so hätte er doch damit

meiner Schwester und Mutter bewiesen, erstens, daß er recht hatte mit

seinen Verdächtigungen; zweitens, daß er mit vollkommenem Rechte darüber

böse wurde, weil ich meine Schwester und Ssofja Ssemenowna auf gleiche

Stufe gestellt habe, und drittens, daß er mit seinem Angriffe auf mich

die Ehre meiner Schwester und seiner Braut verteidigte und in Schutz

nahm. Mit einem Worte, er konnte mich durch dieses alles mit meinen

Verwandten entzweien, und hoffte sicher, dadurch wieder bei ihnen zu

Gnaden zu kommen. Ich rede schon gar nicht davon, daß er zugleich an mir

persönlich Rache nahm, weil er Gründe hat anzunehmen, daß die Ehre und

das Glück Ssofja Ssemenownas mir teuer sind. Das war seine ganze

Berechnung! In dieser Weise fasse ich die Sache auf. Das ist der ganze

Grund, und einen anderen kann es nicht geben!«

So etwa schloß Raskolnikoff seine Rede, oft durch Ausrufe der Anwesenden

unterbrochen, die sehr aufmerksam zuhörten. Aber trotz der

Unterbrechungen sprach er scharf, ruhig, genau, klar und entschlossen.

Seine scharfe Stimme, sein überzeugter Ton und sein strenges Gesicht

machten auf alle einen ungewöhnlichen Eindruck.

»Ja, so wird es gewesen sein, ja, so ist es!« -- pflichtete

Lebesjätnikoff entzückt bei. -- »Es muß richtig sein, denn er hat mich

gerade gefragt, als Ssofja Ssemenowna zu uns ins Zimmer eintrat, -- ob

Sie hier wären? Ob ich Sie unter den Gästen von Katerina Iwanowna nicht

gesehen hätte? Er rief mich aus diesem Grunde zum Fenster und fragte

mich dort leise. Also war es für ihn von Wichtigkeit, daß Sie da sind!

Das ist richtig, das stimmt!«

Luschin schwieg und lächelte verächtlich. Er war aber sehr blaß

geworden. Es schien, als überlege er sich, wie er sich aus der Affäre

ziehen könne. Er hätte vielleicht gern alles mit Vergnügen im Stiche

gelassen und wäre fortgegangen, aber es war unmöglich; es wäre

gleichbedeutend gewesen mit einer Anerkennung der Wahrheit der

angeführten Beschuldigung, daß er Ssofja Ssemenowna verleumdet hatte.

Die Anwesenden waren zudem etwas angetrunken und zu erregt. Der

Proviantmeister, der zwar nicht alles verstanden hatte, schrie am

meisten und schlug einige für Luschin ziemlich peinliche Maßregeln vor.

Es waren aber auch nicht Angetrunkene darunter; aus allen Zimmern hatten

sich Menschen eingefunden. Die drei Polen waren furchtbar aufgebracht

und riefen in einem fort »Pane Strolch!« ihm zu, wobei sie noch einige

Drohungen in polnischer Sprache murmelten. Ssonja hörte mit Anstrengung

zu, aber sie schien nicht alles zu begreifen, es war, als erwache sie

aus einer Ohnmacht. Sie wendete ihre Augen nicht von Raskolnikoff ab,

sie fühlte, daß er ihr einziger Schutz war. Katerina Iwanowna atmete

schwer und heiser und schien schrecklich erschöpft zu sein. Am

allerdümmsten stand Amalie Iwanowna da mit offenem Munde und begriff gar

nichts. Sie begriff bloß, daß Peter Petrowitsch irgendwie ertappt sei.

Raskolnikoff bat wieder ums Wort, aber man ließ ihn nicht zu Ende reden,

-- alle schrien und drängten sich mit Geschimpfe und Drohungen um

Luschin. Ihm aber wurde nicht bange. Als er sah, daß die Sache mit der

Beschuldigung Ssonjas vollständig verspielt sei, ergriff er seine

Zuflucht zur Dreistigkeit.

»Erlauben Sie, meine Herrschaften, erlauben Sie, drängen Sie nicht so,

lassen Sie mich durchgehen!« -- sagte er und zwängte sich durch die

Menge hindurch, -- »und tun Sie mir den Gefallen und drohen Sie nicht.

Ich versichere Sie, daß daraus nichts wird, daß Sie nichts tun werden,

ich bin nicht von den Ängstlichen, im Gegenteil, meine Herrschaften, Sie

werden noch zur Verantwortung gezogen dafür, daß Sie durch Gewalt eine

Kriminalsache vertuscht haben. Die Diebin ist mehr als überführt, und

ich werde sie gerichtlich belangen. Im Gerichte ist man nicht so blind

und ... nicht betrunken, und wird nicht gleich zwei abgefeimten

Gottesleugnern, Aufrührern und Freigeistern glauben, die mich aus

persönlicher Rache beschuldigen, was sie selbst in ihrer Dummheit

zugeben ... Erlauben Sie!«

»Scheren Sie sich aus meinem Zimmer, ziehen Sie sofort aus. Zwischen uns

ist alles aus! Und wenn ich denke, wie ich mich angestrengt und bemüht

habe, ihm alles erklärt habe ... volle zwei Wochen ...«

»Ich habe Ihnen, Andrei Ssemenowitsch, doch vorhin selbst gesagt, daß

ich ausziehe, als Sie mich noch baten zu bleiben. Jetzt will ich bloß

hinzufügen, daß Sie ein dummer Kerl sind. Ich wünsche Ihnen Ihren

Verstand und Ihre halbblinden Augen zu kurieren. Erlauben Sie, meine

Herrschaften!«

Er drängte sich durch, aber der Proviantmeister wollte ihn nicht so

leichten Kaufes, bloß mit Schimpfwörtern, herauslassen, -- er ergriff

vom Tische ein Glas, holte aus und schleuderte es gegen Peter

Petrowitsch, doch das Glas traf Amalie Iwanowna. Sie kreischte auf, der

Proviantmeister verlor das Gleichgewicht und fiel schwer unter den

Tisch. Peter Petrowitsch ging in sein Zimmer, und nach einer halben

Stunde hatte er das Haus verlassen. Ssonja, schüchtern von Natur, wußte

es längst, daß man sie leichter als jeden anderen zugrunde richten

konnte, und daß jeder sie fast straflos beleidigen durfte. Trotzdem aber

glaubte sie bis zu diesem Augenblick, daß man einem Unglück irgendwie,

durch Vorsicht, Sanftmut, Nachgiebigkeit allen und jedem einzelnen

gegenüber entgehen konnte. Ihre Enttäuschung war zu schwer. Sie konnte

gewiß mit Geduld und ohne zu murren alles, -- auch dies letzte ertragen.

Aber im ersten Augenblicke war es ihr doch zu schwer gefallen. Trotz

ihres Triumphes und ihrer Rechtfertigung, -- als der erste Schreck und

die erste Erstarrung vorüber waren, als sie alles deutlich und klar

verstanden hatte, -- schnürte das Gefühl der Hilflosigkeit und Kränkung

ihr qualvoll das Herz zusammen. Sie bekam einen nervösen Anfall und

hielt es nicht länger aus, stürzte aus dem Zimmer und lief nach Hause.

Das geschah fast unmittelbar, nachdem Luschin fortgegangen war. Als

Amalie Iwanowna unter lautem Lachen der Anwesenden von dem Glase

getroffen wurde, -- hatte sie genug davon, nur für andere zu büßen. Mit

Gekreisch stürzte sie wie wahnsinnig auf Katerina Iwanowna zu und maß

ihr die Schuld an allem bei.

»Hinaus aus der Wohnung! Sofort! Marsch!« -- und mit diesen Worten

begann sie alles, was ihr von den Sachen Katerina Iwanownas unter die

Hände kam, auf die Diele zu werfen.

Katerina Iwanowna, ohnedem fast halbtot und einer Ohnmacht nahe, sprang

vom Bette, auf das sie in völliger Ermattung hingesunken war,

schweratmend und bleich auf und stürzte sich auf Amalie Iwanowna. Der

Kampf aber war zu ungleich; die letztere stieß sie, wie eine Feder, von

sich.

»Wie! Nicht genug, daß man mich gottlos verleumdet hat, -- auch diese

Kreatur ist gegen mich! Wie! Am Tage der Beerdigung meines Mannes jagt

man mich, nach meinem Festmahl, mit den Waisen auf die Straße hinaus!

Ja, wohin soll ich denn!« -- sagte die arme Frau mit Schluchzen und

beinahe erstickend. -- »Oh, Gott!« -- rief sie plötzlich mit funkelnden

Augen, -- »gibt es denn keine Gerechtigkeit! Wen sollst Du denn

schützen, wenn nicht uns verlassene Waisen? Aber wir wollen mal sehen?

Es gibt noch in der Welt Recht und Wahrheit, es gibt sie noch, und ich

will sie finden! Warte, du gottlose Kreatur! Poletschka, bleibe bei den

Kindern, ich komme bald zurück. Wartet auf mich, meinetwegen auf der

Straße! Wir wollen sehen, ob es in der Welt Gerechtigkeit gibt!«

Katerina Iwanowna warf dasselbe grüne große Umlegetuch über den Kopf,

das der verstorbene Marmeladoff in seiner Erzählung erwähnt hatte,

drängte sich durch die unordentliche und betrunkene Menge der Mieter,

die noch immer das Zimmer anfüllten, und lief mit Geheul und unter

Tränen auf die Straße hinaus, -- mit der unbedingten Absicht, irgendwo

sofort, unverzüglich und um jeden Preis Gerechtigkeit zu finden.

Poletschka verkroch sich voller Angst mit den Kindern in einer Ecke; sie

umschlang, am ganzen Körper zitternd, die beiden Kleinen und begann die

Rückkehr der Mutter zu erwarten. Amalie Iwanowna lief aufgeregt im

Zimmer herum, kreischte, klagte, schleuderte alles, was ihr in den Weg

kam, auf die Diele und lärmte. Die Mieter schrien durcheinander, --

einige besprachen das Geschehene, wie sie es verstanden, andere zankten

sich und schimpften, einige wieder stimmten ein Lied an ...

»Jetzt muß ich auch gehen!« -- dachte Raskolnikoff. -- »Nun, Ssofja

Ssemenowna, wir wollen sehen, was Sie jetzt sagen werden!«

Und er ging nach Ssonjas Wohnung.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 47 / 66 题