Auch die Gleichgültigkeit, mit der man heute in Deutschland den
politischen Morden und den Opfern von turbulent verlaufenen
Straßendemonstrationen gegenübersteht, ist nur durch die Tatsache zu
erklären, daß der Krieg uns gegenüber dem Wert des Menschenlebens
abgestumpft hat.
Die unglaubliche Milde des Gerichts ist den Tätern wohl bekannt. So
unterscheiden sich die heutigen politischen Morde in Deutschland von den
früher in anderen Ländern üblichen durch zwei Momente: Ihre
Massenhaftigkeit und ihre Unbestraftheit. Früher gehörte zum politischen
Mord immerhin eine gewisse Entschlußkraft. Ein gewisser Heroismus war
dabei nicht zu leugnen: Der Täter riskierte Leib und Leben. Flucht war
nur unter außerordentlichen Mühen möglich. Heute riskiert der Täter gar
nichts. Mächtige Organisationen mit ausgebreiteten Vertrauensleuten im
ganzen Lande sichern ihm Unterkunft, Schutz und materielles Fortkommen.
»Gutgesinnte« Beamte, Polizeipräsidenten geben falsche »richtige
Papiere«, zur eventuell nötigen Auslandsreise. Diese Technik hat sich
seit den Tagen des Oberleutnant Vogel sehr gehoben. Man lebt in den
besten Hotels herrlich und in Freuden. Kurz, der politische Mord ist aus
einer heroischen Tat zur alltäglichen Handlung, ja beinahe zu einer
leichten Erwerbsquelle für »rasch entschlossene Käufer« geworden.