Politische Differenzierung der Mordtechnik

Wie ist die ungeheure Differenz von 354 Morden von Rechts zu 22 von

Links zu erklären? Falsch wäre es meines Erachtens ohne weiteres zu

sagen: »Die Linken stehen eben moralisch höher.« Dies kann schon

deswegen nicht geschlossen werden, weil ja hier nur eine einzige

Verbrechensart untersucht wurde. So sind die Eigentumsverbrechen z. B.

nicht in den Kreis der Betrachtung gezogen. Bei ihnen könnte man

vielleicht vermuten, daß sie sich entsprechend der sozialen Struktur im

linken Lager häufiger als im rechten finden. Freilich darf hierbei

wiederum nicht vergessen werden, daß die Eigentumsverbrechen im

Gegensatz zu den Verbrechen gegen das Leben auch eine soziale Komponente

haben, daß sie durch die Tatsache der heutigen Eigentumsverteilung zum

größten Teil selbst erzeugt werden. Und in einer Gesellschaftsordnung,

die dem Einzelnen den Kampf ums Dasein erleichtert, sich sicher

zahlenmäßig sehr vermindern würden. Daß aber auch die

Eigentumsverbrechen, die von Rechts geschehen, keineswegs selten sind,

ersieht man aus den zahlreichen Plünderungen und Ausraubungen der

Leichen. So wurden von 184 in München tödlich »Verunglückten« in 68

Fällen die Leichen ausgeplündert.

Der wirkliche Unterschied zwischen den Parteien ist meines Erachtens

kein moralischer, sondern ein technischer. Die Anhänger der

Linksparteien sind durch Jahrzehnte gewerkschaftlicher Schulung

gegangen, die ihnen die Massenaktion als einzig wirksames Kampfmittel

predigte. Denn der linken Bewegung liegt die materialistische

Geschichtsauffassung zugrunde, welche die ökonomischen und technischen

Momente als in der Geschichte wirkende Faktoren betont.

Bei der Rechten fehlt eine solche Gewerkschafts-Schulung. Ihr handelt es

sich darum, die für sie durch die Worte »Ruhe und Ordnung«

charakterisierte anarchische Wirtschaftsordnung aufrecht zu erhalten.

Und diesem Ziel entsprechen individuelle Mittel, die in ihrer Wirkung

der anarchistischen »Propaganda der Tat« identisch sind. Denn die Rechte

ist Anhängerin der heroischen Geschichtsauffassung, wonach der Held die

Geschichte »macht«. Entsprechend ist die Rechte geneigt zu hoffen, sie

könne die linke Opposition, die getragen ist durch die Hoffnung auf eine

radikal andere Wirtschaftsordnung, dadurch vernichten, daß sie die

Führer beseitigt. Und sie hat es getan: Alle Führer der Linken, die sich

offen dem Krieg entgegensetzten, zu denen die Arbeiterschaft Vertrauen

hatte, Liebknecht, Rosa Luxemburg, Eisner, Landauer, Jogisches usw. sind

tot. In neuerer Zeit geht man, wie die Attentate auf Erzberger, Auer,

Scheidemann und Rathenau beweisen, auch dazu über, die Führer der

gemäßigten Parteien zu ermorden.

Die Wirksamkeit dieser Technik für den Augenblick ist unbestreitbar. Die

Linke hat keinen bedeutenden Führer mehr, keinen Menschen, von dem die

Massen das Gefühl haben: Er hat soviel um uns gelitten, soviel für uns

gewagt, daß wir ihm blindlings vertrauen können. Dadurch ist die

Arbeiterbewegung zweifellos um Jahre zurückgeworfen. Der Erfolg ist um

so größer, als in keinem Fall eine Bestrafung eingetreten ist.

Daß diese Methoden beim Militär (die ganzen Morde von rechts sind von

Offizieren oder Soldaten begangen worden) eine solche Verbreitung

fanden, liegt natürlich an der psychischen Verrohung durch den Krieg, wo

das Leben des Einzelnen nichts mehr gelten durfte. Einen besonders

großen Einfluß hatten in dieser Hinsicht die zahlreichen ausgesprochenen

und unausgesprochenen Befehle, keine Gefangenen zu machen.

Vier Jahre Politischer Mord · 第 142 / 146 题