Freikorps Oberland

Hauptorganisator des Freikorps Oberland und der sogenannten

Nachrichtenzentrale München ist ein Hauptmann _von Kessel_ (alias

Kiefer). Sein Büro befand sich 1921 Fürstenfelder Str. 13 II. Andere

Büros liegen am Isartorplatz, im Gasthaus Adelmann. Es existieren

verschiedene Unterabteilungen, so eine Spionageabteilung gegen das

feindliche Ausland (Leutnant Pongratz, alias Geher), eine

Einbruchsabteilung (Oberleutnant Rail, er führt auch die Kasse), eine

Abteilung zur Beseitigung und Beobachtung Unzuverlässiger in den eigenen

Reihen (Fehme), und eine Spionageabteilung gegen politische Gegner

(Oberleutnant Graf). Außerdem existiert ein _Rollkommando_, in

Oberschlesien Wurfkommando genannt, in dem nur ganz zuverlässige

Offiziere Verwendung finden. Führer ist Hauptmann Oesterreicher (Lullu).

Diese Abteilung dürfte eine Mordorganisation im eigentlichen Sinn sein.

Einzelheiten über die gut funktionierende Organisation sind schwer zu

erlangen, da nicht einmal die Mitglieder der einzelnen Abteilungen

miteinander in Berührung kommen. Zum Befehlsempfang werden die einzelnen

Leute, meistens frühere Offiziere, zu verschiedener Zeit in die

einzelnen Büros bestellt. Mitglieder der Organisation sind: Leutnant

Gröhl, Fischer, Stremer, Hauptmann Römer, genannt Peppo, Oberleutnant

Reindl, Friedrich, Weinzierl und Sondermayer. Gauleiter ist Major

Horodam, Knöbelstr. 8, Stabsleiter Georg Ashton, Heßstraße 6. Dort ist

ebenfalls ein Büro. Waffenoffizier ist Oberleutnant Knaut, Fürstenstr.

18. Leutnant Brandt ist Leiter der Waffen- und

Munitionsbeschaffungsabteilung, Oberleutnant Fuhrmann hat die

Transportmittel und das Kraftfahrwesen, Leutnant Lembert ist Offizier

für das Artilleriewesen.

Das Depot der Wirtschaftsstelle ist in der Luftschifferkaserne. Ein

Waffenmeister namens Schurk wohnt in der Morassistraße, der andere

Waffenmeister Dieter in der Herzog-Wilhelm-Straße.

In der Fürstenstr. 18 a liegen die Stammrollen sämtlicher Offiziere und

Mannschaften. Die Turn- und Sportabteilung der Nationalsozialisten

arbeitet zusammen mit den Zeitfreiwilligen-Kompagnien 4 und 13.

In den Satzungen der Reichsfahne Oberland heißt es: »Wir werden uns nie

auflösen, kein feindliches Diktat wird uns wehrlos und somit ehrlos

machen.« Jedes Mitglied der Reichsfahne Oberland versichert

ehrenwörtlich, der Reichsfahne Mannestreue zu halten bis in den Tod und

unbedingten Gehorsam allen Führern der Reichsfahne zu halten. »Verräter

und Wortbrüchige verfallen der Fehme.« Das Zeichen des Freikorps

Oberland ist ein Dolch mit Eichenlaub und schwarzweißroter Binde.

Interessant ist ein Telegramm vom 4. September 1921 aus München an den

angeblichen Geheimrat Berger, in dem es u. a. heißt: »Kohlen

eingetroffen und Berichte. Ich bitte folgendes ungesäumt durchzuführen:

Außer Nicke und Bürckmayer alles restlos sofort nach Plan entlassen oder

hierher beordern. Entlassener Stefan denunziert bei Neitze. Letzteren

aufklären, ersteren zu Tiefstein schicken. Verhandlungen mit Festigkeit,

Ruhe und Taktik führen. Nicht abreisen ohne Ziel völlig erreicht und

möglichst weiter Etappisierung der umgewandelten N. Z. erreicht zu

haben. Erbitte Vollzugsmeldung.« (»Münchener Post« vom 1. Oktober 1921.)

Nicke ist der Zahlmeister Ludwig Nicke aus der Kaulbachstraße, München.

Er kam ins Gefängnis nach Breslau, weil er der Gruppe »Süd« 80_000 Mark

unterschlagen haben soll. Der Freiwillige Stefan hatte erzählt, daß er

dem Kriminalkommissar Heinze in Neiße Mitteilungen über das Freikorps

machen wollte. Dies wurde bekannt und deshalb sollte Stefan nach

»Tiefstein« geschickt werden. Das bedeutete die Anweisung an die

Abteilung »Friedrich« des Freikorps, den Stefan umzubringen. Der

Ausdruck Tiefstein kommt daher, weil die Abteilung Friedrich ein

früheres Mitglied Hochstein wegen Verrat erschossen hatte. Herr Ashton

schickte natürlich der Münchener Post eine Berichtigung, welche all

diese Dinge bestritt. (»Münchener Post«, 10. Oktober 1921. Die gesamten

hier gebrachten Angaben stellen den Zustand von 1921 dar.)

Kessel wurde am 1. Oktober 1921 auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft

Breslau wegen Mordverdacht verhaftet, aber gleich darauf wieder

entlassen. Am 23. Dezember 1921 wiederholte der Untersuchungsrichter

beim Amtsgericht Breslau den Haftbefehl. Jetzt aber war Kessel natürlich

längst über alle Berge.

Der Hauptmann Dr. Fritz Römer, ein sehr rühriges Mitglied des Freikorps

Oberland, wurde zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte, um die

Bundeskasse aufzufüllen, vorgeschlagen, ein nach Oberammergau fahrendes

Fremdenauto zu überfallen. (»Berliner Tageblatt«, 12. September 1922.)

Ein Geheimschreiben der 25. Alarmkompagnie, Maschinengewehr-Sturmriege

in München, das Verhaltungsmaßregeln für den Fall eines Rechtsputsches

enthält, gibt interessante Einblicke in die dem Freikorps Oberland

näherstehenden Kreise. Es heißt darin (»Freiheit«, 24. September 1921.):

»Mit dem standrechtlichen Erschießen darf jetzt nicht mehr human

verfahren werden, insbesondere müssen wir auf die Führer der

republikanischen, sozialistischen und gewerkschaftlichen Organisationen

unsere Späher wie auf das Wild hetzen ... Sozialistenführer und größere

Schreier in der Wohnung gleich erschießen. Die Juden festnehmen und in

den 4. Reserveplatz führen, wo sie samt und sonders gehenkt werden. Eher

noch mit Sozialdemokraten Erbarmen haben, als mit Juden. Die Presse, mit

Ausnahme der rechtsdemokratischen, nationalen und antisemitischen, ist

sofort zu besetzen. Weigern sich Druckereiarbeiter für uns zu arbeiten,

so sind die nächsten fünf zu erschießen und in den Druckereiräumen

liegen zu lassen. Bei Sabotage an den Maschinen ist jeder sechste Mann

zu erschießen. Straßenabsperrungen müssen rücksichtslos durchgeführt

werden. Wer trotz des Verbotes die Straße betritt, gleich ob Bürger oder

Proletarier, wird erschossen.«

Die Affaire Dobner, der Ausgangspunkt zu einer Reihe von bayrischen

Morden, zeigt, daß die Nationalisten auch bereit sind, vom Wort zur Tat

überzugehen. Der frühere Reichswehrsoldat Dobner hatte erfahren, daß in

Schloß Mirskofen Waffen versteckt waren. Er teilte dies durch

Vermittlung des Polizeisekretärs Glaser (alias Seyfried) und des

Polizeispitzels Bracher dem Oberleutnant und Tattersallbesitzer German

Böhm (Polizeiname Pollinger) mit und erhielt hierfür 3000 Mark

ausbezahlt. Im Auftrag Böhms sollte Dobner die Waffen den Studenten

Schuster und Hermann Berchtold zeigen. In einem Auto Böhms, das Neunzer

führte, wurde Dobner am 21. Oktober 1920 mit einem eisenbeschlagenen

Stock auf den Kopf geschlagen und geknebelt. Die Studenten leuchteten

mit einer Taschenlampe an ihm herum und sagten: »Der ist schon hin.« Der

Chauffeur fragte: »Seid Ihr auch sicher, daß er schon tot ist?« Es

gelang Dobner aus dem fahrenden Auto zu springen und zu entfliehen. Die

Vermutung liegt nahe, daß man ihn beseitigen wollte, weil er das

Waffenlager kannte. Im Prozeß wurde festgestellt, daß der Kaufmann

Alfred Heller, Böhm und andere Angehörige der Polizei eine

Waffenerwerbungskommission bildeten, welche die illegalen Waffenlager

gegen Verrat (an das Reich, nicht etwa an die Entente) schützen sollten.

Schuster und Berchtold wurden am 26. Januar 1921 zu je 250 Mark

Geldstrafe verurteilt. Die Waffen, die einem Baron Fürstenberg gehörten,

wurden gleich, nachdem die Sache publik war, weiter verschoben

(Prozeßbericht in allen Münchener Zeitungen.)

Die Ermordung des Abgeordneten Gareis hängt eng mit der Affäre Dobner

zusammen. Gareis hatte sich sehr für die Aufdeckung dieser Sache

eingesetzt. Er kannte geheime Protokolle der Einwohnerwehren und ihre

Waffenlager. Man befürchtete, daß er sie an das Reich verraten könnte.

Der Abgeordnete Unterleitner stellte im Reichstag am 17. Juni 1921 die

Behauptung auf, daß der Mörder der Münchener politischen Polizei

nahestehe. Er nannte als beteiligt Alfred Heller, Bezirksführer der

Einwohnerwehr, den bereits genannten Böhm und Glaser und die Studenten

Schuster und Berchtold. Nach anderen Auffassungen ist Hans Schweighart,

der vermutliche Mörder des Dienstmädchens Sandmeyer, auch der Mörder von

Gareis. Die Untersuchung der Falles Gareis durch die Münchener

Staatsanwaltschaft ist bisher vollkommen ergebnislos verlaufen.

Vier Jahre Politischer Mord · 第 127 / 146 题