Einen interessanten Beitrag zur Kenntnis der illegalen
deutschnationalen Organisationen liefert das Geständnis Runges. Es
heißt darin: »Am 19. Mai 1921 wurde ich aus dem Gefängnis
entlassen. Ein Kommissar und ein Rittmeister von der Sipo kamen in
meine Wohnung und erklärten mir, ich müsse noch in der Nacht
weggebracht werden, die Spartakisten könnten kommen und mich
aufhängen. Ich wurde unter dem Namen Lange nach der Paulsborner
Straße 4, Klinik von Professor Dr. Grauert, gebracht. Inzwischen
war Leutnant Krull verhaftet worden und ich wurde als Zeuge
gesucht. In die Klinik kam ein Dr. Schiffer, der in Schöneberg, Am
Park 18, wohnt und einer nationalen Partei angehört. Schiffer
verbot mir in ziemlich schroffer Weise, zur Vernehmung in Sachen
Krull zu gehen und verschaffte mir falsche Papiere, die auf den
Namen des Sergeanten Wilhelm Franz Rudolf aus Posen lauteten. Das
erste Papier ist ein Entlassungsschein, datiert vom 1. April 1920,
unterschrieben I. A.: Seeliger, Oberleutnant zur See. Es trägt den
Stempel der Schiffsstammdivision der Ostsee. Das zweite Papier ist
ein Stammrollenauszug auf denselben Namen mit der gleichen
Unterschrift. Das dritte Schreiben ist ein Dienstleistungszeugnis
für den Bürodiener Rudolf, ausgestellt vom Generalkommando des 7.
Armeekorps. Es trägt das Datum: Münster, 15. Juni 1921 und ist
unterzeichnet von Hauptmann von Chaulin. Man hat mich von der
nationalen Klinik gar nicht erst nach Hause gelassen, sondern
gleich mit einem Leutnant von Grabow nach Blankensee
(Hinterpommern) geschickt. Später wurde ich nach Mecklenburg
gebracht; immer auf den falschen Namen Rudolf.
Inzwischen wurde ich weiter als Zeuge in dem Prozeß gegen den Leutnant
Krull gesucht. Es wurden nun alle Anstrengungen gemacht, damit ich nicht
gefunden wurde. Nun ließ der Untersuchungsrichter in Sachen Krull, Herr
Dr. Leiden, mir durch meinen Stiefsohn mitteilen, ich sollte angeben, wo
ich bin. Diese Mitteilung erhielt ich in Mecklenburg auf dem Gut Kalsow
bei Kadlow, Kreis Wismar. Es war dort eine militärische Organisation
untergebracht. Die Leute lagen als angebliche Landarbeiter auf den
Gütern herum, um im Bedarfsfalle als Soldaten bereit zu sein. Leiter war
der Major Weber. Diesem sagte ich: »Ich fahre jetzt nach Berlin, ich
werde immer tiefer in die Sache hineingerissen.« Darauf ließ man mich
nach Berlin fahren, gab mir aber drei Offiziere, Leutnant Bender,
Leutnant Fuss und Leutnant v. Dallwitz als Begleiter mit, die mich nicht
aus den Augen ließen. Diese drei Offiziere brachten mich gleich nach
Wannsee, Otto-Friedrich-Straße 10, wo das Büro der Arbeitsgemeinschaft
Roßbach ist. Dort wirkten Leutnant Roßbach sowie andere Offiziere namens
Barthold, Köpke usw. auf mich ein. Ich sollte die Sache totschweigen und
einfach sagen, ich kenne Krull nicht, ich könnte mich auf nichts mehr
erinnern. Dafür sollte ich eine gute Stellung bekommen. Ich habe mich
bei meiner Aussage, bei der ich nicht vereidigt wurde, leider durch das
Drängen dieser Leute dahin beeinflussen lassen, daß ich in ähnlichem
Sinne ausgesagt habe. Darauf sollte ich nun nach Oberschlesien zur
Arbeitsgemeinschaft Roßbach abgeleitet werden. Ich bin nicht nach
Schlesien gefahren.« (»Vorwärts«, 30. Mai 1922.)