Manche dieser Organisationen verschwinden schon nach kurzer Existenz.
Eine Reihe von neuen wird gegründet. Dies scheint völlig planlos
und chaotisch vor sich zu gehen und ist doch sehr einfach.
Die Zersplitterung in Wanderklubs, Arbeitsgemeinschaften,
Sportorganisationen, Regimentsvereine, Schützengilden, Kriegervereine,
Offiziersbünde, Organisationen für völkischen, nationalen und
monarchistischen Aufbau, das ständige Verschwinden einiger dieser
Gruppen und das Auftauchen neuer hat nur den Zweck der Verschleierung.
Dieses Verfahren ermöglicht bei Verboten die Organisation
weiterzuführen, jede beliebige Verbindung zu leugnen, jede Identität zu
bestreiten und etwa eingedrungene Spitzel durch rasche Umstellung
auszuschalten. Die Verbindung von den leitenden Stellen bis zu den
letzten Ausläufern der Bewegung ist manchmal sehr lose. Stets muß die
Oberleitung in der Lage sein, jede solche Verbindung zu dementieren.
Wie lose diese Verbindungen bei strengem, gegenseitigem Vertrauen
gehalten sind, zeigt das Attentat auf Harden, wo die einzelnen Stellen
miteinander nur postlagernd verkehrten, ohne daß der Anstifter des
Attentats seine vorgesetzte Stelle, die ihm das Geld schickte, überhaupt
dem Namen nach kannte. Die Verbindung klappt so gut, daß es den Behörden
bisher nicht gelungen ist, die Auftrag- und Geldgeber beim Rathenaumord
festzustellen. Man hat zwar die Küchenmeister verhaftet, nicht aber die
Köche, die diesen Brei rühren ließen.
Eine große Zahl der Teilnehmer steht in jugendlichem Alter. Studenten,
ja sogar Gymnasiasten stellen das Hauptkontingent. Gymnasiasten von 17
Jahren haben bei der Ermordung Rathenaus entscheidend mitgewirkt. Da die
heutigen Kinder trotz aller sozialdemokratischen Unterrichtsminister
noch immer aus den alten Lehrbüchern lernen, welche auf das Kaisertum
zugeschnitten sind, müssen sie die Ueberzeugung bekommen, daß das
Kaisertum die einzig wahre Regierungsform ist und die Republik eine
bedauerliche Verirrung, die man möglichst bald wieder gut machen müsse.
Die jungen Terroristen handeln also durchaus bona fide und glauben echte
Freiheitskämpfer zu sein, echte Nachfolger des Harmodius und
Aristogeiton, des Brutus, wenn sie die wenigen Republikaner Deutschlands
umbringen.
Durch die große Zahl dieser Organisationen darf man sich nicht zu der
Meinung verleiten lassen, daß sie alle selbständig wären. Sie bestehen
vielmehr zum großen Teil aus denselben Leuten. Ein und dieselbe Person
ist oft unter verschiedenen Namen Mitglied von zehn solchen
Organisationen. Der Gesamtbestand der illegalen und halblegalen
deutschnationalen Organisationen dürfte eine Viertelmillion nicht
überschreiten. Was die Bewaffnung betrifft, so wird dieselbe auf
allerhöchstens 150_000 Gewehre mit je 10 Schuß Munition, 2000 leichte
und 500 schwere Maschinengewehre geschätzt. Schwere Kampfwaffen dürften
kaum in nennenswerter Zahl vorhanden sein.
Das größte Dunkel schwebt über den Geldgebern. Zu vermuten ist, daß die
Großindustrie und die großen Rittergüter Geld zur Verfügung stellen.
Ueber die Herkunft des Geldes ist im einzelnen nichts zu ermitteln. Nur
die Herkunft kleinerer Summen hat sich nachweisen lassen:
Der Major a. D. Erich Hansen hatte in Preußen die Einwohnerwehren
organisiert und war dann in die entsprechende Stelle des
Reichswehr-Ministeriums gerufen worden. Die Mitglieder der
Einwohnerwehren wurden bei zwei Versicherungsgesellschaften versichert.
Die Provision von insgesamt 60_000 Mark verwendete Hansen für einen
schwarzen Fonds, der zur Vorbereitung des Kapp-Putsches diente. Hansen
wurde wegen Bestechung angezeigt, aber vom Landgericht I freigesprochen.
(»Berliner Tageblatt«, 24. Mai 1922.)
Wie leicht es möglich ist, für solche Zwecke Geld zu bekommen, zeigt
folgender Fall: Als der Kapitänleutnant Killinger von der Organisation C
(der Vorgesetzte der Erzberger-Mörder Schulz und Tillessen) wegen des
Verdachtes der Teilnahme an der Ermordung Erzbergers in Haft saß,
besuchte sein früherer Bursche Rabenschlag den Generalmajor von Chrismar
in Freiburg, den Major Hildenbrandt in Oberkirch, den Major Max Fröhlich
in Oberkirch und den Obersten von Pilgrim in Karlsruhe, Schatzmeister
einer deutschvölkischen Organisation, und erhielt von ihnen unter dem
Vorwand, für Killinger sorgen zu wollen und zu versuchen, ihn zu
befreien, ohne weiteres über 22_000 Mark, die Rabenschlag für sich
selbst verbrauchte. In einem im Zusammenhang damit wegen Betrugs gegen
die Staatskasse angestrengten Prozeß verweigerten die Offiziere die
Auskunft (»Berliner Tageblatt«, 17. August 1922, Prozeßberichte in allen
Berliner Zeitungen). Ein Verfahren gegen die Offiziere wurde nicht
eingeleitet. Rabenschlag wurde wegen dieser und anderer Schwindeleien zu
vier Monaten Gefängnis verurteilt.