Die Knebelung der öffentlichen Meinung

Abgesehen von der Presse hat man zur vaterländischen Lügenpropaganda das

Theater, das Kino, das Plakat, das Trambahnbillett, die

Zündholzschachtel, selbst das Abortpapier herangezogen. Mit allen

Mitteln wurde die öffentliche Meinung unterdrückt.

Durch Schreibverbot, Schutzhaft, Einziehung zum Militär und Hilfsdienst,

Redeverbot, Zwangsaufenthalt, geheime Brief- und Telephonzensur hat man

unbequeme Leute mundtot gemacht. Ohne Möglichkeit einer Rechtfertigung

saßen Tausende in Schutzhaft. Ein dichtes Netz von Spitzeln und Agents

provocateurs umgab jedes politische Leben (Reichstag, 31. Oktober 1916).

Durch Versammlungsverbote verhinderte man, daß der Volkswille

manifestiert wurde. Unbeliebte Reichstagsabgeordnete durften nicht zu

ihren Wählern sprechen. Gleichzeitig wurde den dadurch Betroffenen

untersagt, das Verbot bekanntzugeben, sodaß es aussehen mußte, als wenn

sie sich zu anderen Ansichten bekehrt hatten. Wurde eine Schrift

beschlagnahmt oder eine Organisation aufgelöst, so wurde gleichzeitig

jede Mitteilung hierüber verboten. Nicht nur gegen Einzelne ist man so

vorgegangen, dem ganzen Elsaß-Lothringischen Landtag ist verboten

worden, über die Lebensfrage des Landes zu sprechen, nämlich über seine

künftige verfassungsmäßige Stellung (Reichstag, 6. und 26. Juni 1918).

Systematisch wurde die Denunziation gezüchtet. Der tapfere Leiter dieses

Reichskrieges war der Polizeidirektor Henniger von der Abteilung Ia des

Polizeipräsidiums. (Am 9. November entflohen, jetzt wieder im Amt.) Den

Denkwilligen entzog man jedes Tatsachenmaterial. Geburt und Grab,

Unglücksfälle und Verbrechen, Streiks, Volkskundgebungen, alles hat man

unterschlagen. Nicht bekannt werden durfte z. B. die Zahl der im Kriege

oder in der Heimat Gestorbenen, die Zahl des Geburtenrückganges, die

exakten Zahlen der Ernte. Manche vollständigen Reichstagsstenogramme

mußten illegal erscheinen; Mitteilungen des Gesundheitsamtes, selbst

Artikel des Kriegsernährungsamtes wurden von der Zensur verboten. Auch

dem Reichstag und selbst Regierungsstellen war keine Möglichkeit

gegeben, sich wahrheitsgemäß zu unterrichten. So war das deutsche Volk

völlig desorientiert und stand hilflos den Lügen gegenüber, die ihm Tag

für Tag von der Regierung und der kriegshetzerisch feilen Presse geboten

wurden.

Vier Jahre Politischer Mord · 第 82 / 146 题