Die Lügentechnik der Presse

Die unorganisierte Verbreitung von Lügen wich bald einer systematischen

Irreführung der öffentlichen Meinung.

Die Mittel hierzu waren Zensur, Belagerungszustand und Schutzhaft.

Offiziell erstreckte sich die Zensur nur auf militärische

Angelegenheiten. Daher hat man alles Politische als militärisch

betrachtet. Beinahe täglich wurden den Redaktionen Richtlinien, Befehle

oder Verbote zugesandt. Mehrmals wöchentlich wurde eine

»Pressekonferenz« gehalten, um die »richtigen« Nachrichten zu lancieren

und um zu verhindern, daß sich eine selbständige öffentliche Meinung

bildete. Der Sinn der Anweisungen war stets: »So und so verhält es sich,

aber so und so wünschen wir es dargestellt« (manchmal hieß es sogar

wörtlich so). Sorgfältig wurde verhüllt, daß es überhaupt eine Zensur

gebe. Hierzu diente auch das Verbot, von der Zensur gestrichene Stellen

weiß zu lassen, was in allen anderen Ländern erlaubt war. Wurden im

Reichstag Uebergriffe von Zensoren erörtert, so strich der betreffende

Zensor in lokalen Berichten die ganzen Mitteilungen darüber (Reichstag

30. Mai 1916). Jahrelang hat man jede Theateraufführung, jede

wissenschaftliche und künstlerische Bemerkung, jede Annonce, ja jedes

Witzblatt sorgfältig darauf geprüft, wie sie auf die Stimmung des Volkes

wirken. Jahrelang hat man verboten, gewisse unliebsame Ereignisse und

die Namen gewisser unbeliebter Persönlichkeiten überhaupt nur zu

erwähnen, sodaß das Volk nicht einmal erfuhr, daß es Menschen gab, die

protestierten. Umgekehrt hat man gewisse Halbgötter für sakrosankt

erklärt. Die oberste Heeresleitung, eine durch und durch politische

Organisation, durfte nicht in den Bereich der Diskussion gezogen werden.

Auch über die Meinungen der Presse wurde das Volk völlig irregeführt.

Man zwang die gesamte Presse, Regierungsmeinungen als redaktionelle

Aeußerungen einzusetzen, ohne daß die Presse die Möglichkeit irgend

welcher Kritik hatte.

Beim Ueberschreiten auch nur einer der vielen Zensurbestimmungen drohte

den Zeitungen Verbot auf Tage, Wochen oder bis zum Kriegsende, den

Redakteuren die schärfsten Strafen. (Reichstag, 28. Oktober 1916.) War

ein Blatt mit all diesen Mitteln noch nicht klein zu kriegen, so kam es

unter Vorzensur. Die Zensurbeschwerden mit allem, was dazu gehört, wie

Belagerungszustand und Schutzhaft, füllen Tausende von Seiten der

Reichstagsberichte. Zur Zensur kamen dann noch die vielen kleinen

Mittel, die der Regierung zur Verfügung stehen. Regierungstreue Organe

wurden bei der Papierverteilung besonders berücksichtigt, die Redakteure

der oppositionellen Blätter eingezogen. Neue oppositionelle Blätter

durften nicht erscheinen. Man gründete Korrespondenzen, die umsonst

abgedruckt werden durften (z. B. deutsche Kriegsnachrichten) und hatte

so eine regierungstreue Provinzpresse.

Vier Jahre Politischer Mord · 第 81 / 146 题