Die Auffassung aber, wonach Deutschland während langer Jahre nur davon
geträumt habe, über die übrige, »demokratisch und friedlich gesinnte
Welt« herzufallen, um sie zu erobern, ist falsch. Will man von einer
deutschen Schuld sprechen, so müßte man folgende drei Gesichtspunkte
unterscheiden: (a) Die Schuld des herrschenden Wirtschaftssystems
überhaupt, das den Krieg und seine Vorbereitung zu einem für gewisse
besitzende Klassen lohnenden Geschäft macht. Der Anteil Deutschlands
hieran bestand z. B. in dem Ausbau des Dumping-Systems, der unsinnigen
Marokko-Politik usw.; (b) die Schuld der deutschen Diplomaten, die im
unbedingten Glauben an Blut und Eisen in den Julitagen von 1914 alle
friedlichen Mittel solange verwarfen, bis sie den Krieg unvermeidbar
gemacht haben; (c) eine Schuld des ganzen deutschen Volkes, das den
Krieg als etwas Herrliches, Begeisterungswürdiges empfand.
Wenn ganz Deutschland den Krieg ursprünglich unbedingt bejahte, so darf
man auch hierin nicht einen Beweis des militärischen Eroberungswillens
sehen. Der Glauben, von Rußland überfallen zu sein und die Meinung,
tatsächlich die europäische Kultur gegen die Barbarei verteidigen zu
müssen, war allgemein verbreitet. Der Krieg gegen Frankreich wurde mit
der bekannten Lüge der Fliegerbombe von Nürnberg begründet, die
allgemein geglaubt wurde. Der Ueberfall auf Belgien schien nur die
berechtigte Abwehr gegenüber einem angeblichen früheren Einmarsch der
Franzosen.