Als Hauptursachen dieser Einstellung wird man in Kürze folgendes
anführen können.
(a) Die Entstehung Preußens auf einem Kolonialgebiet, wo eine
ursprünglich dünne deutsche Oberschicht eine breite slavische
Unterschicht beherrschte, und die ungünstige Lage Deutschlands machten
früher einen großen militärischen Aufwand nötig. Schon zur
Rechtfertigung seiner eigenen Existenz mußte dann das Militär die
Möglichkeit der Erhaltung des Friedens auf einem andern Wege als dem
der Rüstung auch in Zeiten leugnen, wo dieser Weg nicht mehr
wirkungsvoll, sondern umgekehrt sogar schädlich war.
(b) Gerade die relative Neuheit des deutschen Einheitsstaates, der ganz
zu Unrecht als eine Erfüllung der demokratischen Träume der 48er
hingestellt wurde, unterstützte die Wirksamkeit dieser Ideologie. Die
bürgerliche Revolution von 48 hatte den nationalen Gedanken betont,
nicht im Sinne des heutigen Imperialismus, sondern als ein
freiheitliches Gegengewicht gegen die herrschende dynastische
Staatsauffassung. Das Volk und nicht die Fürsten sollten es sein, worauf
sich der Staat aufbaue. Den nationalen Gedanken, der ohne seinen
sozialen Inhalt nur eine leere Form blieb, übernahm Bismarck als ein
Mittel zur Machtvergrößerung der Dynastie Hohenzollern und so konnte die
Fiktion entstehen, das Reich von 1870 sei eine Fortsetzung der
revolutionären, demokratischen Tendenzen von 1848. Blut und Eisen hätten
das von oben verwirklicht, was das revolutionäre Bürgertum von unten
nicht hatte vollenden können. So wird der Militarismus künstlich mit
einem idealen Schimmer umkleidet.
(c) Der große wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands nach 1870 wurde
nicht als eine Folge des Fallens der inneren Zollschranken und der
gleichzeitig überall steigenden Konjunktur, sondern als eine Folge des
militärischen Sieges aufgefaßt. Daher bleiben die Offiziere, die
»Begründer der deutschen Größe«, auch im Frieden die gesellschaftlich
maßgebende Schicht. Ein Staat aber, in dem das Militär, sei es direkt,
sei es durch das Reserveoffiziersunwesen, herrscht, muß seiner Natur
nach kriegerisch auftreten.
Wir sehen also, daß das Bürgertum in Deutschland, das als Träger einer
Demokratie in Betracht kam, selbst seinen Feind, den Militarismus
stützte.