Wenn man sich die oben geschilderten Morde und die noch schrecklichere
Klassenjustiz ins Gedächtnis ruft, so drängt sich die Frage auf: Wie
sind solche Dinge in einem früher so geordneten Land möglich, das sicher
zu den führenden Kulturnationen unserer Zeit gehört und das nach seiner
Verfassung eine freiheitliche, demokratische Republik ist?
Um dies zu untersuchen, müssen wir die historische Bedingtheit, das
Werden dieses heutigen Geistes verfolgen. Drei Phasen sind dabei zu
unterscheiden: Die Entwicklung vor dem Krieg, die während des Krieges
und die nach dem 9. November 1918.
Schon vor dem Kriege hat Deutschland, wenn auch nicht ganz mit Recht,
den Ruf besessen, ein militärisches, d. h. halb feudalistisches Land zu
sein, das gegenüber den westlichen Demokratien im Rückstand sei. Dieser
Auffassung widersprechen die sozialen Einrichtungen Deutschlands und die
außerordentlichen Leistungen seiner Wissenschaft und Technik. Begründet
ist diese Auffassung zunächst durch den überwiegenden Einfluß des
Militärs auf Staat und Gesellschaft, dann aber auch durch die
grundsätzlich negierende Stellung, die Deutschland gegenüber den Haager
Konferenzen eingenommen hat. Es bleibe unerörtert, inwieweit diese
Versuche einer Pazifizierung der Welt tatsächlich möglich und
aussichtsreich waren. Worauf es ankommt, ist, daß durch diese Haltung
die Meinung entstanden ist, daß Deutschland ein militaristisches Land
sei. Diese Weltauffassung hat auch in der Tat die Außenpolitik in
wichtigen Momenten, z. B. in der Frage der Schiedsgerichtsbarkeit
entscheidend beherrscht.