Erzberger

Als _Erzberger_ am 26. Januar 1920 das Gerichtsgebäude in Moabit

verließ, feuerte der Schüler und Fähnrich a. D. Oltwig _v. Hirschfeld_

auf ihn zwei Schüsse ab, die ihn schwer verletzten. Bei der Vernehmung

erklärte er, Erzberger sei ein Schädling und habe wissentlich gegen

Deutschland gearbeitet. Er erklärte, seine Kenntnisse über Erzberger aus

einer Broschüre Helfferichs zu besitzen. Hirschfeld wurde am 21. Februar

1920 wegen Körperverletzung zu 1 Jahr 6 Monate Gefängnis verurteilt.

(Prozeßbericht in allen Berliner Zeitungen.)

Erzberger hatte sich, um den Ausgang seines Prozesses mit Helfferich

abzuwarten, aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Am 26. August 1921

wurde er bei einem Spaziergange im Badeorte Griesbach im Schwarzwald von

zwei jungen Leuten überfallen und erschossen. Sein Begleiter, der

Abgeordnete Dietz, wurde verwundet. Als er schon am Boden lag,

vergewisserten sich die Mörder durch weitere Schüsse (im ganzen 12), daß

er tot sei. Dann entflohen sie.

Als man nach den möglichen Tätern suchte, stellte sich heraus, daß

Hirschfeld bereits am 27. April 1921 angeblich wegen Krankheit aus dem

Gefängnis auf vier Monate beurlaubt worden war und nicht zurückgekehrt

war. (»Berliner Tageblatt«, 30. August 1921.) Er benutzte seinen Urlaub

zu vielstündigen Radpartien. Zur Zeit der Begehung der Tat hielt er sich

im benachbarten Calmbach auf. Er wurde in Berlin ermittelt und verbüßte

ab 10. September den Rest seiner Strafe. (»Frankfurter Zeitung«, 15.

September 1921.) Dann wurde er für geisteskrank erklärt, aus der

psychiatrischen Klinik in Freiburg wieder entlassen, zuletzt aber doch

zur Absitzung der Strafe verhaftet. (»Berliner Tageblatt«, 18. Mai 1922,

»Lokal-Anzeiger«, 10. Mai 1922.)

Als Mörder wurden die in München wohnhaften Heinrich _Schulz_ und

Heinrich _Tillessen_ ermittelt. Beide sind frühere Offiziere, dann kamen

sie in den Stab der Marinebrigade Ehrhard, (»Berliner Tageblatt«, 21.

September 1921.) Zuletzt arbeiteten sie in der Landwirtschaftlichen

Zentralgenossenschaft bei Geheimrat Heim. Sie sind Mitglieder des

Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, der Arbeitsgemeinschaft

Oberland, die früher in Oberschlesien als Freikorps war, und einer

deutschnationalen Geheimorganisation, der Organisation C (Mitteilung des

badischen Staatspräsidenten Dr. Trunk, 22. September 1921.)

Ziele der Organisation waren: Weiterverbreitung des nationalen

Gedankens, Bekämpfung des Internationalismus, des Judentums und Sammlung

entschlossener Männer. »Verräter verfallen der Fehme.« Die Mitglieder

waren zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet. Schulz und Tillesen besaßen

falsche Pässe auf den Namen Trost und Schwind. Sie flüchteten nach

Ungarn. Als sie in Budapest eine Depesche an den Rechtsanwalt Adolf

Müller in München aufgaben, wurden sie erkannt und verhaftet, aber auf

telephonische Anordnung des Oberstadthauptmanns Dr. Hetheny wieder

freigelassen. Vergl. Aussage des Kriminalinspektors Schumacher im

Offenburger Prozeß (»Berliner Tageblatt«, 9. Juni 1922.)

Der frühere Kapitänleutnant Manfred _v. Killinger_, der Vorgesetzte von

Schulz und Tillessen in der Organisation C (offiziell: Bayerische

Holzverwertungsgesellschaft) wurde angeklagt, den Mördern Beistand

geleistet zu haben. Er hatte nämlich ihre Koffer in Verwahrung genommen,

Briefe in Empfang genommen und auch nach dem Mord mit beiden verkehrt.

Killinger war ursprünglich Offizier gewesen, dann kämpfte er gegen die

bayerische Räte-Republik, machte den Kapp-Putsch mit und besetzte das

Reichswehrministerium. Nach seiner Verhaftung fand man bei ihm einen

Versuch einer Paßfälschung. Am 13. Juni 1922 wurde er vom Schwurgericht

Offenburg freigesprochen (Berichte in allen Berliner Zeitungen).

Die einzige Verurteilung, die bis jetzt in der Erzbergersache erfolgte,

betrifft den verantwortlichen Redakteur des Offenburger Tageblatts,

Franz Huber. Dieser wurde nämlich, weil er Teile der Anklageschrift

veröffentlicht hatte, zu 1000 M. Geldstrafe verurteilt. (»Berliner

Tageblatt«, 17. August 1922.)

Vier Jahre Politischer Mord · 第 69 / 146 题