Walter Rathenau

Als Rathenau, Minister des Aeußeren, am 24. Juni 1922 von seiner Villa

im Grunewald ins Auswärtige Amt fahren wollte, wurde sein Auto von einem

andern, von Ernst Werner _Techow_ (21 Jahre) geleiteten Auto, in dem der

Oberleutnant a. D. Erwin _Kern_ und Hermann _Fischer_ saßen, überholt.

Kern und Fischer schossen mit einer Maschinenpistole auf Rathenau und

warfen eine Handgranate auf ihn. Rathenau war sofort tot. Das Auto

hatten die Großindustriellen Johann und Franz _Küchenmeister_ aus

Freiberg in Sachsen, Mitglieder des Deutschen Schutz- und Trutzbundes,

zur Verfügung gestellt. Die drei erstgenannten waren früher Mitglieder

der Brigade Ehrhardt, dann der Organisation C und waren am Kapp-Putsch

beteiligt gewesen. Die Maschinenpistole hatte Christian Ilsemann (21

Jahre), Sekretär des Schutz- und Trutzbundes in Schwerin, geliefert. Der

angebliche Leutnant Willy _Günther_ (27 Jahre), ein Psychopath und

Deserteur, hatte den Plan mit ausgearbeitet und die Garage vermittelt.

Er war Mitglied des Bundes der Aufrechten, des Deutschbundes, des

Deutschen Offiziersbundes und des Deutschnationalen Jugendbundes. Auf

einem »Nestabend« dieses Bundes ließ er sich als Mörder Rathenaus

feiern. In seinem Besitz befanden sich Briefe von Helfferich,

Ludendorff, Jagow und Oberst Bauer. Einer der zehn Briefe Ludendorffs

enthielt unter anderm die Worte: »Lieber Günther« und: »mit herzlichem

Gru?. Beihilfe leistete der Gymnasiast Hans Gerd _Techow_ (16 Jahre).

Der ehemalige Kadett Ernst _v. Salomon_ (20 Jahre) vermittelte die

Verbindung mit Waldemar _Niedrig_ (22 Jahre), der ursprünglich das Auto

lenken sollte. Das Auto stand in Berlin bei den Garagebesitzern

_Schütt_ und _Diestel_.

Nach der Tat erzählte Techow ihnen: »Die Sache hat geklappt. Rathenau

liegt. Wir haben es getan, um die Roten zum Angriff zu reizen. Uns ging

das Geld aus.« Dann fuhr er in seinen Tennisklub. Techow floh dann auf

das Gut seines Onkels Behrens. Von diesem wurde er der Polizei

übergeben. Behrens erhielt darauf eine Menge Drohbriefe.

Kern und Fischer wurden nach langem Suchen am 18. Juli auf der Burg

Saaleck bei Bad Kösel in der Wohnung des Schriftstellers Dr. Hans

Wilhelm _Stein_ von der Polizei gestellt. Kern fiel bei der Schießerei

mit den Beamten, Fischer erschoß sich selbst.

Am 3. Oktober 1922 begann die Verhandlung vor dem Staatsgerichtshof in

Leipzig. Günther bekam eine Sendung von Pralinen, die mit Arsen

vergiftet waren. Er gab davon den andern Angeklagten, mit denen er

während der Verhandlung verkehren durfte. Zum Teil erkrankten sie daran.

Die Absender konnten nicht festgestellt werden. Am 14. Oktober wurden

wegen Beihilfe zum Mord Ernst Werner Techow zu 15 Jahren Zuchthaus und

10 Jahren Ehrverlust, Hans Gerd Techow zu 4 Jahren und 1 Monat

Gefängnis, Günther zu 8 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust,

Niedrig und von Salomon zu 5 Jahren Zuchthaus und 5 bzw. 4 Jahren

Ehrverlust, Ilsemann wegen Verstoß gegen die Waffenordnung, Schütt und

Diestel wegen Begünstigung zu je 2 Monaten Gefängnis, Tillessen und

Plaas wegen Nichtanzeige eines drohenden Verbrechens zu 3 bzw. 2 Jahren

Gefängnis verurteilt. E. W. Techow wurde von der Anklage der

Mittäterschaft freigesprochen. (Vorsitzender Dr. Hagens, Staatsanwalt

Dr. Ebermayer.)

Gegen Tillessen schwebt noch eine Untersuchung wegen Beihilfe bei dem

Attentat auf Scheidemann und wegen der Befreiung der Kriegsverbrecher

Boldt und Dittmar. Auf die Organisation C wurde bei der Beweisaufnahme

nicht näher eingegangen. Das Verfahren gegen Dr. Stein und gegen den

Kapitänleutnant a. D. Wolfgang _Dietrich_, der den Tätern auf der Flucht

neue Anzüge verschafft hatte, schwebt noch. Johann Küchenmeister, bei

dem ein Waffenlager gefunden worden war und einer der Beteiligten,

Günther _Brandt_ sind flüchtig. Das Verfahren gegen den 17 jährigen

Primaner _Stubenrauch_, der als erster den Plan gehabt hatte, Rathenau

zu ermorden, wurde eingestellt. Er besucht weiter sein Gymnasium in

Steglitz. (Berichte in allen Berliner Zeitungen.)

Im folgenden sind alle bisher behandelten Morde in tabellarischer Form

zusammengestellt.

Vier Jahre Politischer Mord · 第 70 / 146 题