Bei dem Tagelöhner Wilhelm _Wittke_ in Niendorf bei Wismar fand am 17.
März 1920, morgens, eine Versammlung statt, bei der die streikenden
Arbeiter beschlossen, wegen einer Lohndifferenz bei dem Gutsbesitzer
Gesandten a. D. Baron _Brandenstein_ vorzusprechen. Auch über den
Kapp-Putsch wurde gesprochen. Baron Brandenstein ließ aus Schwerin
Militär (Freikorps Roßbach, Reichswehrbrigade, Kommando 9) kommen.
Darauf wurde nachts bei Wittke eine Haussuchung gehalten und Wittke vor
das Haus des Barons Brandenstein geschleppt. Ein Soldat sagte dabei zu
Frau Wittke: »Nehmen Sie man gleich Abschied, in einer Stunde ist der
Kerl eine Leiche!« Gleichzeitig wurden auch die Arbeiter Johann
_Steinfurt_, Fritz Möller und Adolf Möller dorthin gebracht. Baron
Brandenstein trat aus dem Schloß, deutete auf Steinfurt und Wittke und
sagte: »Das sind die Richtigen.« Daraufhin wurden die beiden von den
Truppen Kapps vor ein angebliches Standgericht gestellt und zum Tode
verurteilt. Noch in der Nacht wurden sie erschossen.
Die Staatsanwaltschaft in Schwerin hat das später wegen dieser Sache
eingeleitete Verfahren eingestellt. (Die Aussagen des Fritz und Adolf
Möller und der Frau Wittke sind in meinem Besitz. Baron Brandenstein,
dem ich das Manuskript eingesandt habe, hat in einem Briefe den hier
vorgebrachten Behauptungen nicht widersprochen, jedoch hinzugefügt, die
Verurteilung sei »auf Grund der erlassenen Gesetze erfolgt«. Er
persönlich habe sich gegen das Todesurteil ausgesprochen. In einem
zweiten Brief behauptete er aber, der Name des verantwortlichen
Offiziers sei ihm nicht bekannt.)