Erschießung wegen Beschimpfung der Offiziere

Josef Anton _Leib_, Daiserstr. 4, hatte eine Zeitschrift »Der

Republikaner, Volksblatt für Süddeutsche Freiheit«, herausgegeben. Am 2.

Mai bezog das Batl. Lindenfels, in der Mehrzahl aus Tübinger Studenten

bestehend, Quartier in der Implerschule. Bei Leib wurden drei

Haussuchungen abgehalten, es wurde aber nichts gefunden; dann wurde er

mitgeschleppt und auf Befehl des Rittmeisters Freiherrn _von Lindenfels_

im Hof des Restaurants Elysium erschossen. Als Begründung wurde

angegeben, er habe »auf der Liste gestanden« und habe die Offiziere

beschimpft. Gegen Freiherr v. Lindenfels wurde am 2. August 1920 Anklage

erhoben. Er wurde freigesprochen (Wehrkreis-Kommando V Abt. IV.).

Nach der Entscheidung des Tumultschadenausschusses hat L. sich am Kampfe

nicht beteiligt und ist den Truppen nicht mit Waffen entgegengetreten.

Da die Blätter geeignet gewesen seien, lebhafte Erregung in die

Bevölkerung zu tragen, und da die Witwe zwar nicht mitgearbeitet, aber

in Kenntnis der Sachlage die Einnahme aus den Blättern »bewußt

mitgenossen« habe, erschien es nach Ansicht des Tumultschadenausschusses

der Billigkeit entprechend, die Höchstrente der Witwe von damals 57 _M_

90 [Pf] monatlich auf 30 Mark monatlich herabzusetzen, die Renten der

fünf damals sämtlich minderjährigen Kinder von je 23 _M_ 80 [Pf]

monatlich aber unverändert zu belassen.

Das Reichswirtschaftsgericht hob diese Entscheidung am 20. Oktober 1921

auf und wies nach ständiger Praxis sämtliche Ansprüche ab, denn »ein

Mißbrauch von Amtsbefugnissen könne nie als offene Gewalt angesprochen

werden.« (XVII A.V. 617/21.) Klage zum ordentlichen Gerichte ist

anhängig.

_Bauer_, Josef, Monteur, Schönstr. 60, 20 Jahre, parteilos, wurde am 3.

Mai in Schleisheim angeblich wegen eines bei ihm vorgefundenen Briefes

festgenommen, kurz darauf erschossen und ausgeraubt.

_Nagl_, Josef, Maurerpolier, 31 Jahr, Sauerlach, wurde am 3. Mai in

seiner Wohnung festgenommen und am Starnberger Bahnhof erschossen. Die

Erschießung erfolgte, da angenommen wurde, Nagl sei Eigentümer eines in

seiner Wohnung vorgefundenen Gewehres, das jedoch nachweislich einem bei

Nagl wohnenden Alois Stöttel gehörte. Nach seiner Erschießung wurde die

Leiche vollständig ausgeraubt. Es fehlten 100 Mark Bargeld. Nagl

hinterläßt seine Frau.

_Stettner_, Josef, Xylograph, Baaderstr. 65, wurde am 3. Mai bei

Hilfeleistung eines Verwundeten am Gärtnerplatz erschossen. Hinterläßt

Frau und 6 Kinder.

_Tischer_, Johann, Maler, 37 Jahr, Zeppelinstr. 23, wurde am 3. Mai aus

seiner Wohnung geholt, kam etwa nach einer halben Stunde zurück und

wurde auf Grund einer Bemerkung, die er den Soldaten gegenüber gemacht

hatte, wieder festgenommen und kurz darauf im Lehrerinnenseminar in der

Frühlingstr. erschossen.

_Zull_, Josef, Kutscher, 20 Jahr, Winterstr. 4, wurde am 3. Mai in

seiner Wohnung verhaftet, schwer mißhandelt, halb erschlagen und am

Kandidplatz erschossen. Er war bei der Republikanischen Schutzwehr

gewesen.

Anton _Oswald_ wurde auf Grund einer Denunziation des

Kriminalwachtmeisters Keitler am 3. Mai morgens aus dem Bett geholt, da

er bei der Entwaffnung der Schutzleute geholfen hatte. Er wurde in eine

Kiesgrube gestellt, um erschossen zu werden. Schwer verwundet konnte er,

da auftauchende rote Truppen die Erschießung verhinderten, sich in ein

Haus schleppen, wo er ins Bett gelegt wurde. Dort wurde er gefunden, an

einen Zaun geschleppt und endgültig erschossen. (Kein Verfahren.)

Vier Jahre Politischer Mord · 第 38 / 146 题