Handgranatenstiele als Erschießungsgrund

Am 11. März wurde in der Wohnung des Tischlers Richard _Borchard_ eine

Haussuchung gehalten, da er angeblich geschossen hatte. Es wurde nur ein

leerer russischer Patronenrahmen ohne Munition gefunden, den ein

Verwandter 1914 als Andenken aus dem Feld geschickt hatte. Daraufhin

wurde er verhaftet und kam in das Polizeipräsidium. Am Dienstag, den 18.

März, fand die Frau ihren Mann als Leiche im Schauhaus wieder. Er hatte

einen Schuß durch den Kopf erhalten. Dem Getöteten hatte man die neuen

Schuhe und Strümpfe weggenommen.

Borchardt hatte sich politisch nie betätigt, er war ein Gegner des

Aufstandes und stand auf seiten der Regierungstruppen. (»Freiheit«, 20.

März 1919.)

Bei einer Waffensuche bei dem Arbeiter Paul _Dänschel_ in der

Andreasstr. 62 fanden Soldaten aus dem Korps Lüttwitz am 12. März zwei

Handgranatenstiele und ein altes Seitengewehr. Die Stiele entstammten

der Fabrik, in der der 19 jährige Sohn der Familie, Alfred, beschäftigt

war. Er hatte die Stiele mit nach Hause genommen, um sich daraus ein

Schreibzeug anzufertigen. Am 12. wurden Vater und Sohn aus dem Bett

heraus verhaftet und, ohne daß irgendein Grund vorlag, in der

Handwerkerschule Andreasstr. 1/2 erschossen. Die Vernehmung war durch

den Leutnant Siegfried _Winter_ aus Adlershof, Bismarckstr. 25, geleitet

worden. Dieser gab auch Auftrag, die Leichen abzuholen. Als die

Feuerwehr die Toten abholte, waren ihnen sämtliche Wertsachen und

Papiere abgenommen, auch die Schuhe hatte man ihnen geraubt.

(»Vorwärts«, 15., 17., 19. März 1919.) Winter wanderte nach Argentinien

aus. Am 11. Dezember 1920 stellte der Oberstaatsanwalt vom Landgericht

I, Berlin das Verfahren ein.

Vier Jahre Politischer Mord · 第 22 / 146 题