Die Vorgänge im Lehrter Gefängnis schildert ein Augenzeuge, der wegen
Herausgabe einer satirischen Zeitschrift verhaftet war, folgendermaßen
(Wieland Herzfelde: »Schutzhaft«): »Man führte uns (am 8. März, abends)
an den Eingang des Gefängnisses. Es hieß: »Zuerst den Matrosen _Peters_
hineinführen!« Wir anderen mußten vor der Glastüre, durch die wir nur
undeutlich beobachten konnten, stehen bleiben. Kaum war der Matrose
eingetreten, erscholl der Ruf: »Haut ihn, schlagt ihn tot, an die
Wand!«, wobei ein entsetzliches Gebrüll das ganze Gefängnis erfüllte und
aus allen Ecken Soldaten mit Gewehren herbeistürzten und auf den
Matrosen einschlugen. Dieser zog ein verborgenes Messer und kämpfte nun
mit der Kraft des Verzweifelten gegen die Soldaten. Allmählich gelangten
so die Kämpfenden in den Hintergrund, woselbst wir nichts mehr
wahrnehmen konnten, nur noch fortwährende Kolbenschläge hörten, woraus
sich schließen ließ, daß der Matrose sich aufs äußerste verteidigte. Er
wurde unserer Ueberzeugung nach totgeschlagen, denn verschiedene
Offiziere und Chargierte stellten unter grausamem Schmunzeln und
Händereiben fest, daß er zu »Hackepeter« verarbeitet worden sei.
Nachmittags um vier Uhr vernahmen wir plötzlich dasselbe Gebrüll wie am
Vorabend. Dasselbe Herbeistürzen aus allen Ecken des Gebäudes und
Rasseln von Gewehren, so daß wir uns sagten, daß die Lynchung nicht auf
Erregung, sondern auf System zurückzuführen sei. Gegen Abend erfuhr ein
Mitgefangener vom wachthabenden Unteroffizier, daß zwei Galizier
totgeschlagen worden seien.«
Der damalige Gouverneur von Berlin, Schöpflin, schrieb hierüber an die
»Freiheit« folgenden Brief (23. April 1919.):
»Die beiden Galizier sind erschossen worden, nachdem sie vorher auch
mißhandelt worden sind. Sie sollen Schußwaffen unter dem Mantel
versteckt gehalten haben und befanden sich im Besitze von Juwelen und
Wertsachen, die vermutlich von der Beteiligung an einer Plünderung
herrührten. Der eine der Galizier heißt Abraham _Melichowitsch_ und war
russischer Kriegsgefangener. Die Erschießung ist bei hereingebrochener
Dunkelheit erfolgt. Es wird angenommen, daß die Tötung von Soldaten des
Transportkommandos vorgenommen worden ist, nachdem ein Offizier, der die
Transportkolonne befehligte, bei der Einlieferung die beiden
Erschossenen beschuldigt hatte, Waffen versteckt getragen und geraubt zu
haben. Unverständlich bleibt die Erschießung der beiden Galizier wegen
des ihnen zur Last gelegten Vergehens. Es muß angenommen werden, daß
ihnen sowohl die Waffen wie die vermutlich geraubten Wertsachen schon
vor der Einlieferung abgenommen worden sind. Auf Grund des Standrechts,
das damals Gültigkeit hatte, hätten die beiden, wenn überhaupt, sofort
erschossen werden können, nicht aber erst nach der Einlieferung und
offenbar ohne Befehl, also rein willkürlich.«
Augenzeugen des Vorfalls berichten dagegen Folgendes: »Am 9. März lagen
wir, ca. 30 Mann, verhaftet in der Waldschenke des Zoologischen Gartens.
Von Waffenbesitz konnte, da alle Gefangenen vorher untersucht worden
waren, keine Rede sein. Am späten Nachmittag wurden ca. 10 Mann in einem
Auto verladen. Zwei Gefangene, von denen der eine ein Mitglied der
Matrosendivision, der andere ein Russe war, wurden von den
Lüttwitztruppen die Treppe heruntergeworfen, unter fortwährenden
Kolbenschlägen vor das Auto geführt, wie ein Gegenstand hineingeworfen
und auf dem Lastwagen in unbeschreiblicher Weise viehisch bearbeitet.
Als sie blutend am Boden lagen, wurde ihnen befohlen, stramm zu stehen.
Nachdem die beiden wie leblos dalagen, setzte sich das Auto in Bewegung.
Etwas so Schreckliches hatten wir im ganzen Feldzug nicht erlebt. Als
ein Soldat mit dem Messer auf sie losgehen wollte, ließ der
Transportführer, ein jugendlicher Herr, der vorher unserer Vernehmung
beim Kriegsgerichtsrat Jörns beigewohnt hatte, dies nicht zu. Die andern
Mißhandlungen ließ er stillschweigend zu. Der Matrose hatte uns erzählt,
er sei verhaftet worden, weil er mit dem Rad gegen einen Drahtverhau
gefahren war. Der Russe, weil er auf der Straße gesagt hatte,
Deutschland sei noch nicht reif zum Bolschewismus.
Vor dem Zellengefängnis angekommen, wurden die beiden, obwohl sie ganz
hinten lagen, als erste herausgezogen. Sie waren also wohl schon
gemeldet. Sie wurden in das Gefängnis geschleift, wir hatten den
Eindruck, als wenn man Zeugen fernhalten wollte. Die Soldaten,
Angehörige der Reinhardttruppen, mehr oder weniger betrunken, empfingen
die beiden mit tierischem Gebrüll. Wir sahen, wie die Gefangenen durch
den Gefängnisflügel hindurchgeworfen wurden in den Hof. Ein Soldat kam
zurück und zeigte sein abgebrochenes Gewehr mit den Worten: »Jetzt kommt
die andere Hälfte auch noch dran.« Als wir vor die Schreibstube kamen,
hörten wir im Hof Schüsse fallen.«
Die früheren Reichswehrsoldaten (Pioniere), Schlosser Adalbert _Arndt_
und stud. ing. Arthur _Schneider_ kamen am 20. März 1922 vor das
Schwurgericht des Landgerichts I (Vorsitz: Landgerichtsdirektor Dr.
Weigert). Zeugen bestätigten, daß die beiden mit Gewehrkolben auf die
waffenlosen Gefangenen eingeschlagen hatten, andere, daß sie geschossen
hatten. Die drei Leichen wurden zunächst auf einen Müllhaufen, dann von
einem Lastauto, das Schneider lenkte, in den Tiergarten geworfen. Arndt
und Schneider wurden wegen versuchten Totschlags und schwerer
Körperverletzung zu je 1 Jahr und 6 Monate Zuchthaus verurteilt.
(Berliner Volkszeitung, 21. und 22. März 1922.)