Kurz wieder für eine halbe Stunde zum Plaudern kam. Sie war von einem
unbefangen sicheren Wesen, und ich sah sie immer wieder mit Erstaunen
an, wie schön und vollkommen sie geworden war. Als sie kam, brannten
gerade noch die Klavierkerzen, und sie sang bei einem zweistimmigen
Liede mit. Ich aber sang nur ganz leise, um von ihrer tiefen Stimme
jeden Ton zu hören. Ich stand hinter ihr und sah durch ihr braunes Haar
das Kerzenlicht goldig flimmern und sah, wie ihre Schultern sich beim
Singen leicht bewegten. Ich dachte wohl, daß es wunderköstlich sein
müßte, mit der Hand ein wenig über ihr Haar zu streichen, doch erschien
mir der Gedanke an die Möglichkeit eines solchen Unterfangens nahezu
frevelhaft, denn das Mädchen war wie von einer Luft voll Vertrauen und
heiterer Ruhe umgeben und schien sich wie ein glänzender Vogel im
unbewußten Glück ihrer Herrlichkeit zu wiegen.
Ungerechtfertigterweise hatte ich das Gefühl, mit ihr von früher her
durch gewisse Erinnerungen in einer Art von Verbindung zu sein, weil ich
schon im Konfirmationsalter eine Zeitlang in sie verliebt gewesen war,
und ihre gleichgültige Freundlichkeit war mir eine kleine Enttäuschung.
Denn ich dachte nicht daran, daß jenes Verhältnis nur von meiner Seite
bestanden hatte und ihr durchaus unbekannt geblieben war.
Nachher, als sie ging, nahm ich meinen Hut und ging bis zur Glastüre
mit.
„Gut Nacht,“ sagte sie. Aber ich nahm ihre Hand nicht, sondern sagte:
„Ich will Sie heimbegleiten.“
Sie lachte.
„O, das ist nicht nötig, danke schön. Es ist ja hier gar nicht Mode.“
„So?“ sagte ich und ließ sie an mir vorbeigehen. Aber da nahm meine
Schwester ihren Strohhut mit den blauen Bändern und rief: „Das wird
nett. Ich geh auch mit.“
Und wir stiegen zu dritt die Treppe hinunter, ich machte eifrig das
schwere Haustor auf, und wir traten in die laue Dämmerung hinaus und
gingen langsam durch die Stadt, über Brücke und Marktplatz und in die
steile Vorstadt hinauf, wo Helenes Eltern wohnten. Die zwei Mädchen
plauderten miteinander wie die Staren, und ich hörte zu und war froh,
dabei zu sein und zum Kleeblatt zu gehören. Zuweilen ging ich langsamer,
tat, als schaue ich nach dem Wetter aus, und blieb einen Schritt zurück,
dann konnte ich sie ansehen, wie sie den dunkeln Kopf frei auf dem
steilen, hellen Nacken trug, und wie sie kräftig und zierlich ihre
ebenmäßigen, schlanken Schritte tat.
Vor ihrem Hause gab sie uns die Hand und ging hinein, ich sah ihren
hellen Hut noch im finsteren Hausgang schimmern, ehe die Tür
zuschnappte.
„Also denn.“
„Ja,“ sagte Lotte. „Sie ist doch ein schönes Mädchen, nicht? Und sie hat
etwas so Liebes.“
„Jawohl. – Und wie ist’s jetzt mit deiner Freundin, kommt sie bald?“
„Geschrieben hab ich ihr gestern.“
„So so. Ja, gehen wir den gleichen Weg heim?“
„Ach so, wir könnten den Gartenweg gehen, gelt?“
Wir gingen den schmalen Steig zwischen den Gartenzäunen. Es war schon
dunkel, und man mußte aufpassen, da es viele baufällige Knüppelstufen
und heraushängende morsche Zaunlatten gab.
Wir waren schon nahe an unserem Garten und konnten drüben im Haus die
Wohnstubenlampe lange brennen sehen.
Da machte eine leise Stimme: „Bst! Bst!“ und meine Schwester bekam
Angst. Es war aber unser Fritz, der sich dort verborgen hatte und uns
erwartete.
„Passet auf und bleibet stehen!“, rief er herüber. Dann zündete er mit
einem Schwefelholz eine Lunte an und kam zu uns herüber.
„Schon wieder Feuerwerk?“ schalt Lotte.
„Es knallt fast gar nicht,“ versicherte Fritz. „Passet nur auf, es ist
eine Erfindung von mir.“
Wir warteten, bis die Lunte abgebrannt war. Dann begann es zu knistern
und kleine unwillige Funken zu spritzen, wie nasses Schießpulver. Fritz
glühte vor Lust.
„Jetzt kommt es, jetzt gleich, zuerst weißes Feuer, dann ein kleiner
Knall und eine rote Flamme, dann eine schöne blaue!“
Es kam jedoch nicht so, wie er meinte. Sondern nach einigem Zucken und
Sprühen flog plötzlich die ganze Herrlichkeit mit einem kräftigen Paff
und Luftdruck als eine mächtige weiße Dampfwolke in die Lüfte.
Lotte lachte, und Fritz war unglücklich. Während ich ihn zu trösten
suchte, schwebte die dicke Pulverwolke feierlich langsam über die
dunkeln Gärten hinweg.
„Das Blaue hat man ein wenig sehen können,“ fing Fritz an, und ich gab
es zu. Dann schilderte er mir fast weinerlich die ganze Konstruktion
seines Prachtfeuers, und wie alles hätte gehen sollen.
„Wir machen’s noch einmal,“ sagte ich.
„Morgen?“
„Nein, Fritz. Nächste Woche dann.“
Ich hätte geradesogut morgen sagen können. Aber ich hatte den Kopf
voller Gedanken an die Helene Kurz und war in dem Wahn befangen, es
könnte morgen leicht irgendetwas Glückliches geschehen, vielleicht daß
sie am Abend wieder käme oder daß sie mich auf einmal gut leiden könnte.
Kurz, ich war jetzt mit Dingen beschäftigt, die mir wichtiger und
aufregender vorkamen als alle Feuerwerkskünste der ganzen Welt.
Wir gingen durch den Garten ins Haus und fanden in der Wohnstube die
Eltern beim Brettspiel. Das war alles einfach und selbstverständlich und
konnte gar nicht anders sein. Und ist doch so anders geworden, daß es
mir heute unendlich fernzuliegen scheint. Denn heute habe ich jene
Heimat nicht mehr. Das alte Haus, der Garten und die Veranda, die
wohlbekannten Stuben, Möbel und Bilder, der Papagei in seinem großen
Käfig, die liebe alte Stadt und das ganze Tal ist mir fremd geworden und
gehört nicht mehr mir. Die Mutter ist gestorben, der Vater ist
weggezogen, und die Kinderheimat ist zu Erinnerung und Heimweh geworden;
es führt keine Straße mich mehr dorthin.
* * * * *
Nachts gegen elf Uhr, da ich über einem dicken Band Jean Paul saß, fing
meine kleine Öllampe an, trübe zu werden. Sie zuckte und stieß kleine
ängstliche Töne aus, die Flamme wurde rot und rußig, und als ich
nachschaute und am Dochte schraubte, sah ich, daß kein Öl mehr drin war.
Es tat mir leid um den schönen Roman, an dem ich las, aber es ging nicht
an, jetzt noch im dunkeln Hause umherzutappen und nach Öl zu suchen.
So blies ich die qualmende Lampe aus und stieg unmutig ins Bett. Draußen
hatte sich ein warmer Wind erhoben, der mild in den Tannen und im
Syringengebüsche wehte. Im grasigen Hof drunten sang eine Grille. Ich
konnte nicht einschlafen und dachte nun wieder an Helene. Es kam mir
völlig hoffnungslos vor, von diesem so feinen und herrlichen Mädchen
jemals etwas anderes gewinnen zu können als das sehnsüchtige Anschauen,
das ebenso wehe wie wohl tat. Mir wurde heiß und elend, wenn ich mir ihr
Gesicht und den Klang ihrer tiefen Stimme vorstellte und ihren Gang, den
sicheren und energischen Takt der Schritte, mit dem sie am Abend über
die Straße und den Marktplatz gegangen war.
Schließlich sprang ich wieder auf, ich war viel zu warm und unruhig, als
daß ich hätte schlafen können. Ich ging ans Fenster und sah hinaus.
Zwischen strähnigen Schleierwolken schwamm blaß der abnehmende Mond, die
Grille sang noch immer im Hof. Am liebsten wäre ich noch eine Stunde
draußen herumgelaufen. Aber die Haustür wurde bei uns um zehn Uhr
geschlossen, und wenn es etwa einmal passierte, daß sie nach dieser
Stunde noch geöffnet und benutzt werden mußte, so war das in unserm
Hause stets ein ungewöhnliches, störendes und abenteuerliches Ereignis.
Ich wußte auch gar nicht, wo der Hausschlüssel hing.
Da fielen mir vergangene Jahre ein, da ich als halbwüchsiger Bursche das
häusliche Leben bei den Eltern zeitweilig als Sklaverei empfunden und
mich nächtlich mit schlechtem Gewissen und Abenteurertrotz aus dem Hause
geschlichen hatte, um in einer späten Kneipe eine Flasche Bier zu
trinken. Dazu hatte ich die nur mit Riegeln geschlossene Hintertüre nach
dem Garten zu benützt, dann war ich über den Zaun geklettert und hatte
auf dem schmalen Steig zwischen den Nachbargärten hindurch die Straße
erreicht.
Ich zog Hose und Rock an, mehr war bei der lauen Luft nicht nötig, nahm
die Schuhe in die Hand und schlich barfuß aus dem Hause, stieg über den
Gartenzaun und spazierte durch die schlafende Stadt langsam talaufwärts
den Fluß entlang, der verhalten rauschte und mit kleinen zitternden
Mondspiegellichtern spielte.
Bei Nacht im Freien unterwegs zu sein, unter dem schweigenden Himmel, an
einem still strömenden Gewässer, das ist stets geheimnisvoll und regt
Gründe der Seele auf, die oft lange schlummerten. Wir sind dann unserm
Ursprung näher, fühlen Verwandtschaft mit Tier und Gewächs, fühlen
dämmernde Erinnerungen an ein vorzeitliches Leben, da noch keine Häuser
und Städte gebaut waren und der heimatlos streifende Mensch Wald, Strom
und Gebirg, Wolf und Habicht als seinesgleichen, als gleichberechtigte
Freunde oder Todfeinde lieben und hassen konnte. Auch entfernt die Nacht
das gewohnte täuschende Gefühl eines gemeinschaftlichen Lebens; wenn
kein Licht mehr brennt und keine Menschenstimme mehr zu hören ist, spürt
der etwa noch Wachende Vereinsamung und sieht sich losgetrennt und auf
sich selber gewiesen. Jenes furchtbarste menschliche Gefühl,
unentrinnbar allein zu sein, allein zu leben und allein den Schmerz, die
Furcht und den Tod schmecken und ertragen zu müssen, klingt dann bei
jedem Gedanken leise mit, dem Gesunden und Jungen ein Schatten und eine
Mahnung, dem Schwachen ein Grauen.
Ein wenig davon fühlte auch ich, wenigstens schwieg mein Unmut und wich
einem stillen Betrachten. Es tat mir weh, daran zu denken, daß die
schöne, begehrenswerte Helene wahrscheinlich niemals mit ähnlichen
Gefühlen an mich denken werde wie ich an sie; aber ich wußte auch, daß
ich am Schmerz einer unerwiderten Liebe nicht zugrunde gehen würde, und
ich hatte eine unbestimmte Ahnung davon, daß das geheimnisvolle Leben
dunklere Schlünde und ernstere Schicksale berge als die Ferienleiden
eines jungen Mannes.
Dennoch blieb mein erregtes Blut warm und schuf ohne meinen Willen aus
dem lauen Winde Streichelhände und braunes Mädchenhaar, so daß der späte
Gang mich weder müde noch schläfrig machte. Da ging ich über die
bleichen Öhmdwiesen zum Fluß hinunter, legte meine leichte Kleidung ab
und sprang ins kühle Wasser, dessen rasche Strömung mich sogleich zu
Kampf und kräftigem Widerstand nötigte. Ich schwamm eine Viertelstunde
flußaufwärts, Schwüle und Wehmut rann mit dem frischen Flußwasser von
mir ab, und als ich gekühlt und leicht ermüdet meine Kleider wieder
suchte und naß hineinschlüpfte, war mir die Rückkehr zu Haus und Bette
leicht und tröstlich.
* * * * *
Nach der freudigen Spannung der ersten Tage kam ich nun allmählich in
die wohltuend stille Selbstverständlichkeit des heimatlichen Lebens
hinein. Wie hatte ich mich draußen herumgetrieben, von Stadt zu Stadt,
unter vielerlei Menschen, zwischen Arbeit und Träumereien, zwischen
Studien und Zechnächten, eine Weile von Brot und Milch und wieder eine
Weile von Lektüre und Zigarren lebend, jeden Monat ein anderer. Und hier
war es wie vor zehn und wie vor zwanzig Jahren, hier liefen die Tage und
Wochen in einem heiter stillen, gleichen Takt dahin. Und ich, der ich
fremd geworden und an ein unstetes und vielfältiges Erleben gewohnt war,
paßte nun wieder da hinein, als wäre ich nie fort gewesen, nahm
Interesse an Menschen und Sachen, die ich jahrelang durchaus vergessen
gehabt hatte, und vermißte nichts von dem, was die Fremde mir gewesen
war.
Die Stunden und Tage liefen mir leicht und spurlos hinweg wie
Sommergewölk, jeder ein farbiges Bild und jeder ein schweifendes Gefühl,
aufrauschend und glänzend und bald nur noch traumhaft nachklingend. Ich
goß den Garten, sang mit Lotte, pulverte mit Fritz, ich plauderte mit
der Mutter über fremde Städte und mit dem Vater über neue
Weltbegebenheiten, ich las Goethe und las Jacobsen, und eines ging ins
andere über und vertrug sich mit ihm, und keines war die Hauptsache.
Die Hauptsache schien mir damals Helene Kurz und meine Bewunderung für
sie zu sein. Aber auch das war da wie alles andere, bewegte mich für
Stunden und sank für Stunden wieder unter, und ständig war nur mein
fröhlich atmendes Lebensgefühl, das Gefühl eines Schwimmers, der auf
glattem Wasser ohne Eile und ohne Ziel mühelos und sorglos unterwegs
ist. Im Walde schrie der Häher und reiften die Heidelbeeren, im Garten
blühten Rosen und feurige Kapuziner, ich nahm teil daran, fand die Welt
prächtig und wunderte mich, wie es sein würde, wenn auch ich einmal ein
richtiger Mann und alt und gescheit wäre.
Eines Nachmittags kam ein großes Floß durch die Stadt gefahren, darauf
sprang ich und legte mich auf einen Bretterhaufen und fuhr ein paar
Stunden lang mit flußabwärts, an Höfen und Dörfern vorbei und unter
Brücken durch, und über mir zitterte die Luft und kochten schwüle Wolken
mit leisem Donner, und unter mir schlug und lachte frisch und schaumig
das kühle Flußwasser. Da dachte ich mir aus, die Kurz wäre mit, und ich
hätte sie entführt, wir säßen Hand in Hand und zeigten einander die
Herrlichkeiten der Welt von hier bis nach Holland hinunter.
Als ich weit unten im Tal das Floß verließ, sprang ich zu kurz und kam
bis an die Brust ins Wasser, aber auf dem warmen Heimweg trockneten mir
die dampfenden Kleider auf dem Leib. Und als ich bestaubt und müde nach
langem Marsch die Stadt wieder erreichte, begegnete mir bei den ersten
Häusern Helene Kurz in einer roten Bluse. Da zog ich den Hut, und sie
nickte ruhig, und ich dachte an meinen Traum, wie sie mit mir Hand in
Hand den Fluß hinabreiste und du zu mir sagte, und diesen Abend lang
schien mir wieder alles hoffnungslos, und ich kam mir wie ein dummer
Plänemacher und Sterngucker vor. Dennoch rauchte ich vor dem
Schlafengehen meine schöne Pfeife, auf deren Kopf zwei grasende Rehe
gemalt waren, und las im Wilhelm Meister bis nach elf Uhr.
Und am folgenden Abend ging ich gegen halb neun Uhr mit meinem Bruder
Fritz auf den Hochstein hinauf. Wir hatten ein schweres Paket mit, das
wir abwechselnd trugen und das ein Dutzend starker Frösche, sechs
Raketen und drei große Bombenschläge samt allerlei kleinen Sachen
enthielt.
Es war lau, und die bläuliche Luft hing voll feiner, leise hinwehender
Florwölkchen, die über Kirchturm und Berggipfel hinwegflogen und die
blassen ersten Sternbilder häufig verdeckten. Vom Hochstein herab, wo
wir zuerst eine kleine Rast hielten, sah ich unser enges Flußtal in
bleichen abendlichen Farben liegen. Während ich die Stadt und das
nächste Dorf, Brücken und Mühlwehre und den schmalen, vom Gebüsch
eingefaßten Fluß betrachtete, beschlich mich mit der Abendstimmung
wieder der Gedanke an das schöne Mädchen, und ich hätte am liebsten
einsam geträumt und auf den Mond gewartet. Das ging jedoch nicht an,
denn mein Bruder hatte schon ausgepackt und überraschte mich von hinten
durch zwei Frösche, die er, mit einer Schnur verbunden und an eine
Stange geknüpft, dicht an meinen Ohren losließ.
Ich war ein wenig ärgerlich. Fritz aber lachte so hingerissen und war so
vergnügt, daß ich schnell angesteckt wurde und mitmachte. Wir brannten
rasch hintereinander die drei extra starken Bombenschläge ab und hörten
die gewaltigen Schüsse talauf und talhinab in langem, rollendem
Widerhall vertönen. Dann kamen Frösche, Schwärmer und ein großes
Feuerrad, und zum Schlusse ließen wir langsam eine nach der andern
unserer schönen Raketen in den schwarz gewordenen Nachthimmel steigen.
„So eine rechte, gute Rakete ist eigentlich fast wie ein Gottesdienst,“
sagte mein Bruder, der zuzeiten gern in Bildern redet, „oder wie wenn
man ein schönes Lied singt, nicht? Es ist so feierlich.“
Unsern letzten Frosch warfen wir auf dem Heimweg am Schindelhof zu dem
bösen Hofhund hinein, der entsetzt aufheulte und uns noch eine
Viertelstunde lang wütend nachbellte. Dann kamen wir ausgelassen und mit
schwarzen Fingern heim, wie zwei Buben, die eine lustige Lumperei verübt
haben. Und den Eltern erzählten wir rühmend von dem schönen Abendgang,
der Talaussicht und dem Sternenhimmel.
Viertes Kapitel
Eines Morgens, während ich am Fensterflur meine Pfeife reinigte, kam
Lotte gelaufen und rief: „So, um elfe kommt meine Freundin an.“
„Die Anna Amberg?“
„Jawohl. Gelt, wir holen sie dann ab?“
„Mir ist’s recht.“
Die Ankunft des erwarteten Gastes, an den ich gar nimmer gedacht hatte,
freute mich nur mäßig. Aber zu ändern war es nimmer, also ging ich gegen
elf Uhr mit meiner Schwester an die Bahn. Wir kamen zu früh und liefen
vor der Station auf und ab.
„Vielleicht fährt sie zweiter Klasse,“ sagte Lotte.
Ich sah sie ungläubig an.
„Es kann schon sein. Sie ist aus einem feinen Haus, und wenn sie auch
einfach ist –“
Mir graute. Ich stellte mir eine Dame mit sehr noblen Manieren und
beträchtlichem Reisegepäck vor, die aus der zweiten Klasse steigen und
mein behagliches Vaterhaus ärmlich und mich selber nicht fein genug
finden würde.
„Wenn sie Zweiter fährt, dann soll sie lieber gleich weiter fahren,
weißt du.“
Lotte war ungehalten und wollte mich zurechtweisen, da fuhr aber der Zug
herein und hielt, und Lotte lief schnell hinüber. Ich folgte ihr ohne
Eile und sah ihre Freundin aus einem Wagen dritter Klasse aussteigen,
ausgerüstet mit einem grauseidenen Schirm, einem Plaid und einem
bescheidenen Handkoffer.
„Das ist mein Bruder, Anna.“
Ich sagte ‚grüß Gott‘, und weil ich trotz der dritten Klasse nicht
wußte, wie sie darüber denken würde, trug ich ihren Koffer, so leicht er
war, nicht selber fort, sondern winkte den Packträger herbei, dem ich
ihn übergab. Dann schritt ich neben den beiden Fräulein in die Stadt und
wunderte mich, wieviel sie einander zu erzählen hatten. Aber Fräulein
Amberg gefiel mir gut. Zwar enttäuschte es mich ein wenig, daß sie nicht
sonderlich hübsch war, doch dafür hatte sie etwas Angenehmes im Gesicht
und in der Stimme, das wohltat und Vertrauen erweckte.
Ich sehe noch, wie meine Mutter die beiden an der Glastüre empfing. Sie
hatte einen guten Blick für Menschengesichter, und wen sie nach dem
ersten prüfenden Anschauen mit ihrem Lächeln willkommen hieß, der konnte
sich auf gute Tage gefaßt machen. Ich sehe noch, wie sie der Amberg in
die Augen blickte und wie sie ihr dann zunickte und beide Hände gab und
sie ohne Worte gleich vertraut und heimisch machte. Nun war meine
mißtrauische Sorge wegen des fremden Wesens vergangen, denn der Gast
nahm die dargebotene Hand und Freundlichkeit herzhaft und ohne
Redensarten an und war von der ersten Stunde an bei uns heimisch.
In meiner jungen Weisheit und Lebenskenntnis stellte ich noch an jenem
ersten Tage fest, das angenehme Mädchen besitze eine harmlose,
natürliche Heiterkeit und sei, wenn auch vielleicht wenig
lebenserfahren, jedenfalls ein schätzbarer Kamerad. Daß es eine höhere
und wertvollere Heiterkeit gebe, die einer nur in Not und Leid erwirbt
und mancher nie, das ahnte ich zwar, doch war es mir keine Erfahrung.
Und daß unser Gast diese seltene Art versöhnlicher Fröhlichkeit besaß,
blieb meiner Beobachtung einstweilen verborgen.
Immerhin war sie mir auch so gut genug, und als ich wahrnahm, daß sie
auch den Ton unseres Hauses samt kleinen Scherzen, Spitznamen und
Neckereien verstand und darauf schwesterlich einging, da gab ich meiner
Schwester zu, daß ihre Freundin für ein junges Fräulein aus gutem Hause
und eine geprüfte Lehrerin doch recht annehmbar sei.
Mädchen, mit denen man kameradschaftlich umgehen und über Leben und
Literatur reden konnte, waren in meinem damaligen Lebenskreise
Seltenheiten. Die Freundinnen meiner Schwester waren mir bisher stets
entweder Gegenstände des Verliebens oder gleichgültig gewesen. Nun war
es mir neu und lieblich, mit einer jungen Dame ohne Geniertheit umgehen
und mit ihr wie mit meinesgleichen über mancherlei plaudern zu können.
Denn trotz der Gleichheit spürte ich in Stimme, Sprache und Denkart doch
das Weibliche, das mich warm und zart berührte.
Nebenher merkte ich mit einer leisen Beschämung, wie still und geschickt
und ohne Aufsehen Anna von Anfang an unser Leben teilte und sich in
unsere Art fand. Denn alle meine Freunde, die schon als Feriengäste
dagewesen waren, hatten einigermaßen Umstände gemacht und Fremdheit
mitgebracht; ja ich selber war in den ersten Tagen nach der Heimkehr
lauter und anspruchsvoller als nötig gewesen.
Zuweilen war ich erstaunt, wie wenig Rücksichtnahme Anna von mir
verlangte; im Gespräch konnte ich sogar fast grob werden, ohne sie
verletzt zu sehen. Wenn ich dagegen an Helene Kurz dachte! Gegen diese
hätte ich auch im eifrigsten Gespräch nur behutsame und respektvolle
Worte gehabt.
Übrigens kam Helene dieser Tage mehrmals zu uns und schien die Freundin
meiner Schwester gern zu haben. Einmal waren wir alle zusammen bei Onkel
Matthäus in den Garten eingeladen. Es gab Kaffee und Kuchen und nachher
Stachelbeerwein, zwischenein machten wir gefahrlose Kinderspiele oder
lustwandelten ehrbar in den Gartenwegen umher, deren akkurate Sauberkeit
von selbst ein gesittetes Benehmen vorschrieb.
Da war es mir sonderbar, Helene und Anna beisammen zu sehen und
gleichzeitig mit beiden zu reden. Mit Helene Kurz, die wieder wundervoll
aussah, konnte ich nur von oberflächlichen Dingen sprechen, aber ich tat
es mit den feinsten Tönen, während ich mit Anna auch über das
Interessanteste ohne Aufregung und Anstrengung plauderte. Und indem ich
ihr dankbar war und in der Unterhaltung mit ihr ausruhte und mich sicher
fühlte, schielte ich doch von ihr weg beständig nach der Schöneren
hinüber, deren Anblick mich beglückte und doch immer ungesättigt ließ.
Mein Bruder Fritz langweilte sich elend. Nachdem er genug Kuchen
gegessen hatte, schlug er einige derbere Spiele vor, die teils nicht
zugelassen, teils schnell wieder aufgegeben wurden. Zwischenein zog er
mich auf die Seite und beklagte sich bitter über den faden Nachmittag.
Als ich die Achseln zuckte, erschreckte er mich durch das Geständnis,
daß er einen Pulverfrosch in der Tasche habe, den er später bei dem
üblichen längeren Abschiednehmen der Mädchen loszulassen gedenke. Nur
durch inständiges Bitten brachte ich ihn von diesem Vorhaben ab. Darauf
begab er sich in den entferntesten Teil des großen Gartens und legte
sich unter die Stachelbeerbüsche. Ich aber beging Verrat an ihm, indem
ich mit den andern über seinen knabenhaften Unmut lachte, obwohl er mir
leid tat und ich ihn gut verstand.
Mit den beiden Kusinen war leicht fertig zu werden. Sie waren unverwöhnt
und nahmen auch Bonmots, die längst nicht mehr den Glanz der Neuheit
hatten, dankbar und begierig auf. Der Onkel hatte sich gleich nach dem
Kaffee zurückgezogen. Tante Berta hielt sich zumeist an Lotte und war,
nachdem ich mit ihr über die Zubereitung von eingemachtem Beerenobst
konversiert hatte, von mir befriedigt. So blieb ich den beiden fremden
Fräulein nahe und machte mir in den Pausen des Gespräches Gedanken
darüber, warum mit einem Mädchen, in das man verliebt ist, es sich so
viel schwieriger reden lasse als mit andern. Gern hätte ich der Helene
irgendeine Huldigung dargebracht, allein es wollte mir nichts einfallen.
Schließlich schnitt ich von den vielen Rosen zwei ab und gab die eine
Helene, die andere der Anna Amberg.
Das war der letzte ganz harmlose Tag meiner Ferien. Am nächsten Tage
hörte ich von einem gleichgültigen Bekannten in der Stadt, die Kurz
verkehre neuestens viel in dem und dem Hause, und es werde wohl bald
eine Verlobung geben. Er erzählte das nebenher unter andern Neuigkeiten,
und ich hütete mich, mir etwas anmerken zu lassen. Aber wenn es auch nur
ein Gerücht war, ich hatte ohnehin von Helene wenig zu hoffen gewagt und
war nun überzeugt, sie sei mir verloren. Verstört kam ich heim und floh
in meine Stube.
Heute habe ich über den Liebesjammer jener Tage gut lächeln und kann
einen Witz darüber vertragen. Aber damals nahm es mich tüchtig mit, daß
meine Wünsche und Hoffnungen von dem Mädchen Abschied nehmen mußten. Und
wenn ich mir die Helene jetzt wieder vorstelle, so ist es ein schönes
und vornehmes Bild, dessen Vorhandensein in meinen Erinnerungen wohl ein
paar schlaflose Nächte wert ist.
Wie die Umstände lagen, konnte bei meiner leichtlebigen Jugend die
Trauer nicht gar lange anhalten. Doch war ich mehrere Tage für keine
Lustbarkeit zu haben, lief einsame Wege durch die Wälder, lag lange
gedankenlos traurig im Haus herum und phantasierte abends bei
geschlossenen Fenstern auf der Geige.
„Fehlt dir etwas, mein Junge?“ sagte mein Papa zu mir und legte mir die
Hand auf die Schulter.
„Ich habe schlecht geschlafen,“ antwortete ich, ohne zu lügen. Mehr
brachte ich nicht heraus. Er aber sagte nun etwas, das mir später oft
wieder einfiel.
„Eine schlaflose Nacht,“ sagte er, „ist immer eine schlimme Sache. Aber
sie ist erträglich, wenn man gute Gedanken hat. Wenn man daliegt und
nicht schläft, ist man leicht ärgerlich und denkt an ärgerliche Dinge.
Aber man kann auch seinen Willen brauchen und Gutes denken.“