Vorhandensein des freien Willens zu zweifeln begonnen.
„Ja, man kann,“ sagte mein Vater nachdrücklich.
Die Stunde, in der ich nach mehreren schweigsamen und bitteren Tagen
zuerst wieder mich und mein Leid vergaß, mit andern lebte und froh war,
ist mir noch deutlich in Erinnerung. Wir saßen alle im Wohnzimmer beim
Nachmittagskaffee, nur Fritz fehlte. Die andern waren munter und
gesprächig, ich aber hielt den Mund und nahm nicht teil, obwohl ich im
geheimen schon wieder ein Bedürfnis nach Rede und Verkehr spürte. Wie es
jungen Leuten geht, hatte ich meinen Schmerz mit einer Schutzmauer von
Schweigen und abwehrendem Trotz umgeben, die andern hatten mich nach dem
guten Brauch unseres Hauses in Ruhe gelassen und meine sichtbare
Verstimmung respektiert, und nun fand ich den Entschluß nicht, meine
Mauer einzureißen, und spielte, was eben noch echt und notwendig gewesen
war, als eine Rolle weiter, mich selber langweilend und auch beschämt
über die kurze Dauer meiner Kasteiung.
Da schmetterte unversehens in unsere stille Kaffeetischbehaglichkeit
eine Trompetenfanfare hinein, eine kühn und aggressiv geblasene,
blitzende Reihe kecker Töne, die uns alle augenblicks von den Stühlen
aufriß.
„Es brennt!“ rief meine Schwester entsetzt.
„Das wär ein komisches Feuersignal.“
„Dann kommt Einquartierung.“
Indessen waren wir schon alle im Sturm an die Fenster gestürzt. Wir
sahen auf der Straße, gerade vor unserem Hause, einen Schwarm von
Kindern und mitten darin auf einem großen weißen Roß einen feuerrot
gekleideten Trompeter, dessen Horn und Habit in der Sonne gleißend
prahlte. Der Wundermensch blickte während des Blasens zu allen Fenstern
empor und zeigte dabei ein braunes Gesicht mit einem ungeheuren
ungarischen Schnauzbart. Er blies fanatisch weiter, Signale und allerlei
spontane Einfälle, bis alle Fenster der Nachbarschaft voll Neugieriger
waren. Da setzte er das Instrument ab, strich den Schnurrbart, stemmte
die linke Hand in die Hüfte, zügelte mit der rechten das unruhige Pferd
und hielt eine Rede. Auf der Durchreise und nur für diesen einen Tag
halte seine weltberühmte Truppe sich im Städtlein auf, und dringenden
Wünschen nachgebend werde er heute abend auf dem Brühel eine
„Galavorstellung in dressierte Pferde, höhere Equilibristik, sowie eine
große Pantomime“ geben. Erwachsene bezahlen zwanzig Pfennige, Kinder die
Hälfte. Kaum hatten wir gehört und alles gemerkt, so stieß der Reiter
von neuem in sein blinkendes Horn und ritt davon, vom Kinderschwarm und
von einer dicken weißen Staubwolke begleitet.
Das Gelächter und die fröhliche Erregung, die der Kunstreiter mit seiner
sonderbar stilisierten Verkündigung unter uns erweckt hatte, kam mir
zustatten, und ich benützte den Augenblick, meine finstere
Schweigsamkeit fahren zu lassen und wieder ein Fröhlicher unter den
Fröhlichen zu sein. Sogleich lud ich die beiden Mädchen zur
Abendvorstellung ein, der Papa gab nach einigem Widerstreben die
Erlaubnis, und wir drei schlenderten sogleich nach dem Brühel hinunter,
um uns den Spektakel einmal von außen anzusehen. Wir fanden zwei Männer
damit beschäftigt, eine runde Arena abzustecken und mit einem Strick zu
umzäunen, danach begannen sie den Aufbau eines hohen Gerüstes, während
nebenan auf der schwebenden Treppe eines grünen Wohnwagens eine
schreckliche dicke Alte saß und strickte. Ein hübscher weißer Pudel lag
ihr zu Füßen. Indem wir uns das betrachteten, kehrte der Reiter von
seiner Stadtreise zurück, band den Schimmel hinterm Wagen an, zog sein
rotes Prachtkleid ab und half in Hemdärmeln seinen Kollegen beim
Aufbauen.
„Die armen Kerle!“ sagte Anna Amberg. Ich wies jedoch ihr Mitleid
zurück, nahm die Partei der Artisten und rühmte ihr freies, geselliges
Wanderleben in hohen Tönen. Am liebsten, erklärte ich, ginge ich selber
mit ihnen, stiege aufs hohe Seil und ginge nach den Vorstellungen mit
dem Teller herum.
„Das möchte ich sehen,“ lachte sie lustig.
Da nahm ich statt des Tellers meinen Hut, machte die Gesten eines
Einsammelnden nach und bat gehorsamst um ein kleines Douceur für den
Clown. Sie griff in die Tasche, suchte einen Augenblick unschlüssig und
warf mir dann ein Pfennigstück in den Hut, das ich dankend in die
Westentasche steckte.
Die eine Weile unterdrückte Fröhlichkeit kam wie eine Betäubung über
mich, ich war jenen Tag fast bubenhaft ausgelassen, wobei vielleicht die
Erkenntnis der eigenen Wandelbarkeit und das Bedürfnis, mein schlechtes
Gewissen zu übertönen, im Spiele war. Mein innerliches Erleben war trotz
meiner gegenteiligen Einbildung zur Hälfte noch das eines Kindes; die
Ereignisse gingen vor meinen Augen vorüber wie gemalte Bilder, und ich
brachte von jedem nur einen Stimmungshauch der Erinnerung zum nächsten
mit.
Am Abend zogen wir samt Fritz zur Vorstellung aus, schon unterwegs
erregt und lustbarlich entzündet. Auf dem Brühel wogte eine
Menschenmenge dunkel treibend umher, Kinder standen mit großen
erwartenden Augen still und selig, Lausbuben neckten jedermann und
stießen einander den Leuten vor die Füße, Zaungäste richteten sich in
den Kastanienbäumen ein, und der Polizeidiener hatte den Helm auf. Um
die Arena war eine Sitzreihe gezimmert, innen im Kreise stand eine Art
vierarmiger Galgen, an dessen Armen Ölkannen hingen. Diese wurden jetzt
angezündet, die Menge drängte näher, die Sitzreihe füllte sich langsam,
und über den Platz und die vielen Köpfe taumelte das rot und rußig
flammende Licht der Erdölfackeln.
Wir hatten auf einem der Sitzbretter Platz gefunden. Eine Drehorgel
ertönte, und in der Arena erschien der Direktor mit einem kleinen
schwarzen Pferde. Der Hanswurst kam mit und begann eine durch viele
Ohrfeigen unterbrochene Unterhaltung mit jenem, die großen Beifall fand.
Es fing so an, daß der Hanswurst irgendeine freche Frage stellte. Mit
einer Ohrfeige antwortend, sagte der andere: „Hältst du mich denn für
ein Kamel?“
Darauf der Clown: „Nein, Herr Prinzipal. Ich weiß den Unterschied genau,
der zwischen einem Kamel und Ihnen ist.“
„So, Clown? Was denn für einer?“
„Herr Prinzipal, ein Kamel kann acht Tage arbeiten, ohne etwas zu
trinken. Sie aber können acht Tage trinken, ohne etwas zu arbeiten.“
Neue Ohrfeige, neuer Beifall. So ging es weiter, und während ich mich
über die Naivität der Witze und über die Einfalt der dankbaren
Zuhörerschaft belustigt wunderte, lachte ich selber mit.
Das Pferdchen machte Sprünge, setzte über eine Bank, zählte auf zwölf
und stellte sich tot. Dann kam ein Pudel, der sprang durch Reifen,
tanzte auf zwei Beinen und exerzierte militärisch. Dazwischen immer
wieder der Clown. Es folgte eine Ziege, ein sehr hübsches Tier, die auf
einem Sessel balancierte.
Schließlich wurde der Clown gefragt, ob er denn gar nichts könne als
herumstehen und Witze machen. Da warf er schnell sein weites
Hanswurstkleid von sich, stand im roten Trikot da und bestieg das hohe
Seil. Er war ein hübscher Kerl und machte seine Sache gut. Und auch ohne
das war es ein schöner und fast gewaltiger Anblick, die vom
Flammenschein flackernd beleuchtete rote Gestalt hoch oben am
dunkelblauen Sommernachthimmel schweben zu sehen.
Die Pantomime wurde, da die Spielzeit schon überschritten sei, nicht
mehr aufgeführt. Auch wir waren schon über die übliche Stunde
ausgeblieben und traten unverweilt den Heimweg an. Im Fortgehen sahen
wir den größeren Teil der Zuschauermenge noch lachend und redend in
Kreisen beisammenstehen, Paare und kleine Gesellschaften lustwandelten
unter den alten Bäumen. Ich sah es nicht ohne Neid, am liebsten wäre
auch ich noch eine Stunde oder zwei umherspaziert. Das hätte ich
schließlich ja auch tun können, aber allein, und daran lag mir heute
nichts.
Während der Vorstellung hatten wir uns beständig lebhaft unterhalten.
Ich war neben Anna Amberg gesessen, und ohne daß wir anderes als
Zufälliges zueinander gesagt hätten, war es so gekommen, daß ich schon
jetzt beim Heimgehen ihre warme Nähe ein wenig vermißte.
Da ich in meinem Bett noch lange nicht einschlief, hatte ich Zeit, mir
darüber Gedanken zu machen. Sehr unbequem und beschämend war mir dabei
die Erkenntnis meiner Treulosigkeit. Wie hatte ich auf die schöne Helene
Kurz so schnell verzichten können? Doch legte ich an diesem Abend und in
den nächsten Tagen mir alles reinlich zurecht und löste alle scheinbaren
Widersprüche befriedigend. Erstens war meine neuliche Eingenommenheit
für Helene wohl nur ein Nachklang meiner Knabenliebe gewesen. Zweitens
hatte ihre unleugbare Schönheit mich geblendet. Drittens hatte ich mit
der Amberg doch schon zuvor eine Art Kameradschaft gehabt. Kurz, Helene
war ein verzeihlicher Irrtum gewesen, tatsächlich war sie ja mir fast
fremd geblieben, während ich mit Anna vom ersten Tage an vertraulich
geworden war. Und so weiter, lauter Tatsachen und klare Schlüsse, eine
niedliche Kette.
Noch in derselben Nacht machte ich Licht, suchte in meiner Westentasche
das Pfennigstück, das mir Anna heute im Scherz geschenkt hatte, und
betrachtete es zärtlich. Es trug die Jahreszahl 1877, war also so alt
wie ich. Ich wickelte es in weißes Papier, schrieb die Anfangsbuchstaben
A. A. und das heutige Datum darauf und verbarg es im innersten Fach
meines Geldbeutels, als einen rechten Glückspfennig.
Fünftes Kapitel
Die Hälfte meiner Ferienzeit – und bei Ferien ist immer die erste Hälfte
die längere – war längst vorüber, und der Sommer fing nach einer
heftigen Gewitterwoche schon langsam an älter und nachdenklicher zu
werden. Ich aber, als sei sonst nichts in der Welt von Belang, steuerte
verliebt mit flatternden Wimpeln durch die kaum merkbar abnehmenden
Tage, belud jeden mit einer goldenen Hoffnung und sah im Übermut jeden
kommen und leuchten und gehen, ohne ihn halten zu wollen und ohne ihn zu
bedauern.
An diesem Übermut war nächst der unbegreiflichen Sorglosigkeit der
Jugend zu einem kleinen Teile auch meine liebe Mutter schuld. Denn ohne
ein Wort darüber zu sagen ließ sie es merken, daß meine Freundschaft mit
Anna ihr nicht mißfiel. Der Umgang mit dem gescheiten und wohlgesitteten
Mädchen hat mir in der Tat gewiß wohl getan, und mir schien, es würde
auch ein tieferes und näheres Verhältnis mit ihr die Billigung meiner
Mama finden. So brauchte es keine Sorge und kein Heimlichtun, und
wirklich lebte ich mit Anna nicht anders als mit einer guten und
geliebten Schwester.
Allerdings war ich damit noch lange nicht am Ziel meiner Wünsche, und
nach einiger Zeit bekam dieser unverändert kameradschaftliche Verkehr
gelegentlich etwas fast Peinliches für mich, da ich aus dem klar
umzäunten Garten der Freundschaft in das weite freie Land der Liebe hin
begehrte und durchaus nicht wußte, wie ich unvermerkt meine arglose
Freundin auf diese Wege locken könnte. Doch entstand gerade hieraus für
die ganze letzte Zeit meiner Ferien ein köstlich freier, schwebender
Zustand zwischen Zufriedensein und Mehrverlangen, der mir wie ein großes
Glück im Gedächtnis steht. Ich beschloß nämlich nach manchen Erwägungen,
alles beim alten zu lassen und erst am letzten Tage, der mir bliebe,
mich Anna zu offenbaren. Nachdem meine vorherige leichte Verliebtheit es
mir möglich gemacht hatte, so wunschlos brüderlich mit ihr zu leben,
schien es mir gut, dies sichere Verhältnis nicht früher als notwendig zu
stören.
So verlebten wir in unserm glücklichen Hause fröhlich schöne Sommertage.
Zur Mutter war ich inzwischen wieder in das alte Kindesverhältnis
gekommen, so daß ich mit ihr ohne Befangenheit über mein Leben reden,
Vergangenes beichten und Pläne für später besprechen konnte. Ich weiß
noch, wie wir einmal vormittags in der Laube saßen und Garn wickelten.
Ich hatte erzählt, wie es mir mit dem Gottesglauben gegangen war, und
hatte mit der Behauptung geendet, wenn ich wieder gläubig werden sollte,
müßte erst jemand kommen, dem es gelänge, mich zu überzeugen.
Da lächelte meine Mutter und sah mich an, und nach einigem Besinnen
sagte sie: „Wahrscheinlich wird der niemals kommen, der dich überzeugen
wird. Aber allmählich wirst du selber erfahren, daß es ohne Glauben im
Leben nicht geht. Denn das Wissen taugt ja nichts. Jeden Tag kommt es
vor, daß jemand, den man genau zu kennen glaubte, etwas tut, was einem
zeigt, daß es mit dem Kennen und Gewißwissen nichts war. Und doch
braucht der Mensch ein Vertrauen und eine Sicherheit. Und da ist es
immer besser, zum Heiland zu gehen als zu einem Professor oder zum
Bismarck oder sonst zu jemand.“
„Warum?“ fragte ich. „Vom Heiland weiß man ja auch nicht so viel
Gewisses.“
„O, man weiß genug. Und dann – es hat im Lauf der Zeiten hie und da
einen einzelnen Menschen gegeben, der mit Selbstvertrauen und ohne Angst
gestorben ist. Das erzählt man vom Sokrates und von ein paar andern;
viele sind es nicht. Es sind sogar sehr wenige, und wenn sie ruhig und
getrost haben sterben können, so war es nicht wegen ihrer Gescheitheit,
sondern weil sie rein im Herzen und Gewissen waren. Also gut, diese paar
Leute sollen, jeder für sich, recht haben. Aber wer von uns ist wie sie?
Gegen diese wenigen aber siehst du auf der andern Seite Tausende und
Tausende, arme und gewöhnliche Menschen, die trotzdem willig und getrost
haben sterben können, weil sie an den Heiland glaubten. Dein Großvater,
weißt du, ist vierzehn Monate in Schmerzen und Elend gelegen, ehe er
erlöst wurde, und hat nicht geklagt und hat die Schmerzen und den Tod
fast fröhlich gelitten, weil er am Heiland seinen Trost hatte.“
Und zum Schluß meinte sie: „Ich weiß gut, daß das dich nicht überzeugen
kann. Der Glaube geht nicht durch den Verstand, so wenig wie die Liebe.
Du wirst aber einmal erfahren, daß der Verstand nicht zu allem
hinreicht, und wenn du so weit bist, wirst du in der Not nach allem
langen, was wie ein Halt und Trost aussieht. Vielleicht fällt dir dann
manches wieder ein, was wir heut geredet haben.“
Dem Vater half ich im Garten, und oft holte ich ihm auf Spaziergängen in
einem Säcklein Walderde für seine Topfblumen. Mit Fritz erfand ich neue
Feuerkünste und verbrannte mir die Finger beim Loslassen. Mit Lotte und
mit Anna Amberg brachte ich halbe Tage in den Wäldern zu, half Beeren
pflücken und Blumen suchen, las Bücher vor und entdeckte neue
Spaziergänge.
Die schönen Sommertage gingen einer um den andern hin. Ich hatte mich
daran gewöhnt, fast immer in Annas Nähe zu sein, und wenn ich daran
dachte, daß das nun bald sein Ende haben müsse, zogen schwere Wolken
über meinen blauen Ferienhimmel.
Und wie denn alles Schöne und auch das Köstlichste nur zeitlich ist und
sein gesetztes Ziel hat, so entrann Tag um Tag auch dieser Sommer, der
mir in der Erinnerung meine ganze Jugend zu beschließen scheint. Man
begann bedauernd, doch ruhig von meiner baldigen Abreise zu sprechen.
Die Mutter nahm noch einmal meinen Besitz an Wäsche und Kleidern prüfend
durch, flickte einiges und schenkte mir am Tage des Einpackens zwei Paar
guter grauwollener Socken, die sie selber gestrickt hatte und von denen
wir beide nicht wußten, daß sie ihr letztes Geschenk an mich waren.
Lang gefürchtet und doch überraschend kam endlich der letzte Tag herauf,
ein hellblauer Spätsommertag mit zärtlich flatternden Spitzenwölklein
und einem lauen, sanften Südostwinde, der im Garten mit den noch
zahlreich blühenden Rosen spielte und schwer mit Duft beladen gegen
Mittag müd wurde und einschlief. Da ich beschlossen hatte, noch den
ganzen Tag auszunützen und erst spät am Abend abzureisen, wollten wir
Jungen den Nachmittag noch auf einen schönen Ausflug verwenden. So
blieben die Morgenstunden für die Eltern übrig, und ich saß zwischen
beiden auf dem Kanapee in Vaters Studierstube. Der Vater hatte mir noch
einige Abschiedsgaben aufgespart, die er mir nun freundlich und mit
einem scherzhaften Ton, hinter dem er seine Bewegung verbarg,
überreichte. Es war ein kleines altmodisches Beutelein mit einigen
Talern, eine in der Tasche tragbare Schreibfeder und ein nett
eingebundenes Heftlein, das er selber hergestellt und worin er mir ein
Dutzend guter Lebenssprüche mit seiner strengen lateinischen Schrift
geschrieben hatte. Mit den Talern empfahl er mir zu sparen, aber nicht
zu geizen, mit der Feder bat er mich recht oft heimzuschreiben, und wenn
ich einen neuen guten Spruch an mir bewährt fände, ihn ins Heftlein zu
den andern zu notieren, die er im eigenen Leben brauchbar und wahr
erfunden habe.
Zwei Stunden und darüber saßen wir beisammen, und die Eltern erzählten
mir manches aus meiner eigenen Kindheit, aus ihrer und ihrer Eltern
Leben, das mir neu und wichtig war. Vieles habe ich vergessen, und da
meine Gedanken zwischenein immer wieder zu Anna entrannen, mag ich
manches ernste und wichtige Wort nur halb gehört und geachtet haben.
Geblieben aber ist mir eine starke Erinnerung an diesen Morgen im
Studierzimmer, und geblieben ist mir eine tiefe, oft beschämende
Dankbarkeit und Verehrung für meine beiden Eltern, die ich heute mehr
als je in einem reinen, heiligen Lichte sehe, das für meine Augen keinen
andern Menschen umgibt.
Damals aber ging mir der Abschied, den ich am Nachmittag zu nehmen
hatte, weit näher. Bald nach dem Mittagessen machte ich mich mit den
beiden Mädchen auf den Weg, über den Berg nach einer schönen
Waldschlucht, einem schroffen Seitentale unseres Flusses.
Anfangs machte meine bedrückte Stimmung auch die andern nachdenklich und
schweigsam. Erst auf der Berghöhe, von wo zwischen hohen roten
Föhrenstämmen das schmale gewundene Tal und ein weites waldgrünes
Hügelland zu sehen war und wo hochstielige Kerzenblumen im Winde
schwankten, riß ich mich mit einem Juchzer aus der Befangenheit los. Die
Mädchen lachten und stimmten sofort ein Wanderlied an; es war „O Täler
weit, o Höhen,“ ein altes Lieblingslied unserer Mutter, und beim
Mitsingen fielen mir eine Menge fröhlicher Waldausflüge aus Kinderzeiten
und vergangenen Feriensommern ein. Von diesen und von der Mutter fingen
wir denn auch wie verabredet zu sprechen an, sobald der letzte Vers
verklungen war. Wir sprachen von diesen Zeiten mit Dank und Stolz, denn
wir haben eine herrliche Jugend- und Heimatzeit gehabt, und ich ging mit
Lotte Hand in Hand, bis Anna sich lachend anschloß. Da schritten wir die
ganze den Bergrücken entlangführende Straße händeschwingend zu dreien in
einer Art von Tanz dahin, daß es eine Freude war.
Dann stiegen wir auf einem steilen Fußpfad seitwärts in die finstere
Schlucht eines Baches hinab, der von weitem hörbar über Geröll und
Felsen sprang. Weiter oben am Bache lag eine beliebte Sommerwirtschaft,
in welche ich die beiden zu Kaffee und Eis und Kuchen eingeladen hatte.
Bergab und den Bach entlang mußten wir hintereinander gehen, und ich
blieb hinter Anna, betrachtete sie und sann auf eine Möglichkeit, sie
heute noch allein zu sprechen.
Schließlich fiel mir eine List ein. Wir waren unserm Ziel schon nahe an
einer grasigen Uferstelle, die voll von Bachnelken stand. Da bat ich
Lotte, vorauszugehen und Kaffee zu bestellen und einen hübschen
Gartentisch für uns decken zu lassen, während ich mit Anna einen großen
Waldstrauß machen wolle, da es gerade hier so schön und blumig sei.
Lotte fand den Vorschlag gut und ging voraus. Anna setzte sich auf ein
moosiges Felsstück und begann Farnkraut zu brechen. Ein paarmal jodelte
sie der Freundin nach, dann verschwand Lotte im Grünen talaufwärts, und
wir beide waren allein.
„Also das ist mein letzter Tag,“ fing ich an.
„Ja, es ist schade. Aber Sie kommen ja sicher bald einmal wieder heim,
nicht?“
„Wer weiß? Jedenfalls im nächsten Jahr nicht, und wenn ich auch
wiederkomme, so ist doch nicht mehr alles wie diesmal.“
„Warum nicht?“
„Ja, wenn Sie dann auch gerade wieder da wären!“
„Das wäre schließlich nicht unmöglich. Aber meinetwegen sind Sie ja doch
auch diesmal nicht heimgekommen.“
„Weil ich Sie noch gar nicht gekannt habe, Fräulein Anna.“
„Allerdings. Aber Sie helfen mir gar nicht! Geben Sie mir wenigstens ein
paar von den Bachnelken dort.“
Da nahm ich mich zusammen.
„Nachher so viel Sie wollen. Aber im Augenblick ist mir etwas anderes zu
wichtig. Sehen Sie, ich habe jetzt ein paar Minuten mit Ihnen allein,
und darauf hab ich den ganzen Tag gewartet. Denn – weil ich doch heute
reisen muß, wissen Sie – also kurz, ich wollte Sie fragen, Anna – –“
Sie sah mich an, ihr gescheites Gesicht war ernst und beinahe bekümmert.
„Warten Sie!“ unterbrach sie meine hilflose Rede. „Ich glaube, ich weiß
schon, was Sie mir sagen wollen. Und jetzt bitte ich Sie herzlich, sagen
Sie’s nicht!“
„Nicht?“
„Nein, Hermann. Ich kann Ihnen jetzt nicht erzählen, warum das nicht
sein darf, doch dürfen Sie es gern wissen. Fragen Sie später einmal Ihre
Schwester, die weiß alles. Unsere Zeit ist jetzt zu kurz, und es ist
eine traurige Geschichte, und heut wollen wir nicht traurig sein. Wir
wollen jetzt unsern Strauß machen, bis Lotte wiederkommt. Und im übrigen
wollen wir gute Freunde bleiben und heute noch miteinander fröhlich
sein. Wollen Sie?“
„Ich wollte schon, wenn ich könnte.“
„Nun dann, so hören Sie. Mir geht es wie Ihnen; ich habe einen lieb und
kann ihn nicht bekommen. Aber wem es so geht, der muß alle Freundschaft
und alles Gute und Frohe, was er sonst etwa haben kann, doppelt
festhalten, nicht wahr? Drum sage ich, wir wollen gut Freund bleiben und
wenigstens noch diesen letzten Tag einander fröhliche Gesichter zeigen.
Wollen wir?“
Da sagte ich leise Ja, und wir gaben einander die Hände darauf. Der Bach
lärmte und jubelte und spritzte feine Tropfen zu uns herauf, unser
Strauß wurde groß und farbig, und es dauerte nicht lange, da sang und
rief meine Schwester uns schon wieder entgegen. Als sie bei uns war, tat
ich, als wollte ich trinken, kniete am Bachrand hin und tauchte Stirn
und Augen eine kleine Weile in das kalt strömende Wasser. Dann nahm ich
den Strauß zur Hand, und wir gingen miteinander den kurzen Weg bis zur
Wirtschaft.
Dort stand unter einem Ahornbaum ein Tisch für uns gedeckt, es gab Eis
und Kaffee und Biskuits, die Wirtin hieß uns willkommen, und zu meiner
eigenen Verwunderung konnte ich sprechen und Antwort geben und essen,
als wäre alles gut. Ich wurde fast fröhlich, hielt eine kleine Tischrede
und lachte ohne Zwang mit, wenn gelacht wurde. Wenn ich heute daran
denke, ist es mir wie einem Kranken, der einen Gesunden Bier trinken und
Obst dazu essen sieht und nicht begreift, daß wirklich ein Magen das
leisten kann. Er kann es aber leisten, und nicht minder Unbegreifliches
tut und erträgt ein jeder, solang er jung ist und den milden Himmel der
gläubigen Unerfahrenheit über sich hat.
Ich will es Anna nicht vergessen, wie einfach und lieb und tröstlich sie
mir über das Demütigende und Traurige an jenem Nachmittag hinweggeholfen
hat. Ohne merken zu lassen, daß etwas zwischen ihr und mir vorgefallen
sei, behandelte sie mich mit einer herzlichen und schönen
Freundschaftlichkeit, die mir meine Haltung bewahren half und mich
nötigte, ihr älteres und vielleicht tieferes Leid und die Art, wie sie
es heiter trug, hochzuachten.
Das enge Waldtal füllte sich mit frühen Abendschatten, als wir
aufbrachen. In der Höhe aber, die wir rasch erstiegen, holten wir die
sinkende Sonne wieder ein und schritten noch eine Stunde lang in ihrem
warmen Licht, bis wir sie beim Niederstieg zur Stadt nochmals aus den
Augen verloren. Ich sah ihr nach, wie sie schon groß und rötlich
zwischen schwarzen Tannenwipfeln stand, und dachte daran, daß ich sie
morgen weit von hier an fremden Orten wiedersehen würde.
Abends, nachdem ich vom ganzen Hause Abschied genommen hatte, gingen
Lotte und Anna mit mir auf den Bahnhof und winkten mir nach, als ich im
Zug war und der eingebrochenen Finsternis entgegenfuhr.